Die unterseeische Telegraphenlinie zwischen Europa und Amerika

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Titel: Die untersseische Telegraphenlinie zwischen Europa und Amerika
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 324
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[324] Die unterseeische Telegraphenlinie zwischen Europa und Amerika. Jetzt, wo der Augenblick so nahe ist, in dem das großartigste Unternehmen unseres Zeitalters begonnen werden soll, jetzt wo alle nur irgend erforderlichen Anstalten getroffen und alle die mit unsäglicher Mühe construirten Apparate hergestellt sind, dürfte es wohl an der Zeit sein, einen tieferen Blick in die Sache selbst zu werfen und alle darauf bezüglichen Facta zur allgemeinen Kenntniß zu bringen, da wohl anzunehmen ist, daß dieselben z. Z. nur Wenigen klar vor Augen stehen. Schon ist der erste Schritt zur Ausführung des riesigen Planes gethan, der Vereinigte-Staaten-Kriegsdampfer „Niagara“ verließ am 20. April d. J. New-York, um in England die Rolle zu empfangen, welche er bei der Verbindung der Ufer Europa’s und Amerika’s durch ein Telegraphentau zu spielen hat. Er wird in diesem wichtigen Werke von zwei englischen Kriegsdampfern und der Vereinigten-Staaten-Dampffregatte „Susquehanna“ unterstützt werden, welche letztere zu dem Behuf eigens von ihrem Dienst im mittelländischen Meere abberufen ist. Man nimmt an, daß nach Verlauf zweier Monate, von der Abreise des „Niagara“ gerechnet, das ganze Werk vollbracht und eine directe, augenblickliche und dauernde Communication zwischen der alten und neuen Welt hergestellt sein wird.

Der erste Plan zu diesem Riesenwerke wurde zuerst in Amerika vor ungefähr vier Jahren von einer kleinen Gesellschaft New-Yorker Capitalisten gefaßt. Sie haben seitdem allen Anfechtungen standhaft Trotz geboten und selbst den entmuthigendsten Gegenbeweisen ihren festen Entschluß, das Werk zu wagen, entgegengesetzt. Von Vielen wurde die Herstellung einer telegraphischen Verbindung zwischen beiden Welttheilen als eine reine Unmöglichkeit betrachtet, und man bedauerte dir armen Herren, deren „tollkühnes“ Unternehmen nur in einer vollständigen Niederlage und bedeutendem Geldverlust endigen konnte, aber die New-York-Newfoundland- und London-Telegraphen-Compagnie war aus Männern zusammengesetzt, die sich durch solche Befürchtungen nicht zurückschrecken ließen und die, einmal von der Ausführbarkeit ihres Vorhabens überzeugt, es mit einem Eifer und Ernst unternahmen, der durch keine Hindernisse irgend welcher Art überwältigt werden konnte. Sie schlossen, daß, wenn ein unterseeischer Telegraph zwischen England und Frankreich zu Stande gebracht wurde, mit den passenden Mitteln und Erleichterungen dasselbe zwischen Europa und Amerika geschehen könne, und diese Mittel und Erleichterungen wurden ihnen vollständig zur Disposition gestellt. Es kann nicht geleugnet werden, daß ihr Werk ein mühsames ist, aber so viele, vorher gänzlich bezweifelte Unternehmungen sind zum Ruhm ihrer Ausführer vollendet worden, daß man auch von dem gegenwärtigen Plane vollkommenes Gelingen erwarten darf. Die Namen der Männer, welche die Ausführung so kräftig in die Hand genommen haben, sind: Peter Cooper, Präsident, Moses Taylor, Schatzmeister, Samuel B. S. Morse, Telegraphist, und dann als Directoren wieder: Peter Cooper, Moses Taylor, Cyrus W. Field und Marshall O. Roberts. Vor ungefähr drei Jahren erhielten diese Herren von, Gouvernement Newfoundlands eine Urkunde, welche ihnen das ausschließliche Privilegium des Anlegens eines Telegraphen auf dieser Insel und in einem der angrenzenden Wässer zusicherte. Ferner wurde ihnen die Verwendung von 25,000 Dollars Staatsgeldern zur Verfügung gestellt, wofür sie einen geebneten Weg über den südlichen Theil der Insel anlegen sollten, welchen man zur Regulirung und Reparirung der Linie für unumgänglich nöthig hielt; dazu überließ man ihnen die Interessen von 250,000 Dollars auf zwanzig Jahr und schenkte ihnen fünfzig Quadratmeilen Land, welches sie sich in irgend einer Richtung aussuchen durften. Da ihnen schon früher Freibriefe vorn Gouvernement von „Prinz Edwardinsel“ und New-Brunswick ertheilt wurden, so war die vollständige Linie für den beabsichtigten Telegraphen hergestellt. Ende vorigen Jahres legte man die Taue zwischen genannten Punkten, in der St. Lorenz-Bai und vom Cap Ray zum Cap North, die streckenweise Verbindung zu Lande wurde schon vor zwei Jahren vollendet. So weit war die Compagnie glücklich gewesen, aber bevor nicht das Tau zwischen New-Foundland und Irland gelegt war, konnte man ihr Werk nicht als gethan betrachten. Durch Vermittelung von Cyrus W. Field, eines der zwei Directoren, ist der volle Betrag von 350,000 Pf. Sterl. subscribirt worden und zwar in Theilen von je 5000 Pf. Sterl.; davon kommen auf London 101, auf Amerika 88, auf Liverpool 86, auf Glasgow 37, Manchester 28 und der Rest auf das übrige England. Die englische Regierung hat sich bereitwillig erklärt, 4 Procent vom Capital für Beförderung ihrer aus- und eingehenden Depeschen zu zahlen, noch extra mit der Bestimmung, daß, im Falle sich der eigentliche Betrag nach dem Tarif höher belaufen sollte, sie den Betrag nachvergüten würde. Die Regierung der Vereinigten Staaten wird einen ähnlichen Contract eingehen und jedes Gouvernement hat zwei Dampfer zur Legung des Taues durch den Atlantischen Ocean ausgefertigt, wie bereits oben erwähnt ist. – Die Verfertiger des Taues haben sich verbindlich gemacht, dasselbe in vollkommener Ordnung und sofort zur Benutzung fähig in die Hände der New-York-Newfoundland- und London-Telegraphen-Compagnie niederzulegen.

Man denkt, daß in zwei Monaten das Unternehmen vollständig zu Ende geführt sein wird. Um dies zu bezwecken, werden die Schiffe jeder Nation 1250 Meilen Tau an Bord nehmen und sich nach dem Punkte des Oceans begeben, welcher die Hälfte der äußersten Entfernung zwischen Newfoundland und Irland bildet. Jeden Schiff, welches das Tau führt, begleitet ein zweites Fahrzeug unter der Flagge feiner Nation, um ihm nöthigenfalls beizustehen. Die Entfernung zwischen der Bucht von Valencia und Newfoundland ist nur 1600 Meilen; dennoch wird das zu versenkende Tau eine Länge von 2500 Meilen haben, um den Unebenheiten des Bodens und den von Wind und Strömungen herrührenden Abweichungen zu genügen.