Die weiße Rose

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
>>>
Autor: A. v. W.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die weiße Rose
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1–4, S. 1–4; 17–20; 29–32; 41–45
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[1]
Die weiße Rose.
Von A. v. W.


I.

Der erste Januar des Jahres 1850 hatte begonnen. In den Straßen der Residenzstadt M. war es noch lebhaft, und aus einzelnen Häusern erscholl der Jubel fröhlicher Gesellschaften weithin durch die klare, kalte Winternacht. In einem palastähnlichen Hause einer der Hauptstraßen war der erste Stock glänzend erleuchtet, und die Vorübergehenden blieben stehen, um den Tönen einer rauschenden Ballmusik zu lauschen. Vor der mit strahlenden Laternen geschmückten Thür hielten einige Wagen, der zögernden Gäste harrend, die sich den Armen des Vergnügens nicht so leicht entwinden konnten.

Es schlug zwei Uhr im Thurme der nahen Kathedrale, als die Gestalt eines Mannes, in einen großen Pelz gehüllt, zu einem der Diener trat, die im Gespräche an den Stufen der Steintreppe standen.

„Wer wohnt in diesem Hause, Freund?“ fragte er leise.

„Die Commerzienräthin Simoni!“ war die Antwort.

„Und sie giebt den Ball?“ fuhr der Fremde hastig fort

„Ja, mein Herr.“

„Das trifft sich gut!“ sagte der Mann im Pelze, dann dankte er für ertheilte Auskunft, und trat rasch auf die glänzend erleuchtete Hausflur.

Mägde und betreßte Diener flogen die breite, mit Teppichen belegte Treppe hinauf und herab, ohne sich um den Eingetretenen zu kümmern. Man sah an ihrer hastigen Eile, daß es galt, eine zahlreiche Gesellschaft zu bedienen. Der Fremde beobachtete einige Minuten das geschäftige Treiben, er schien unschlüssig zu sein, an welche der Personen er sich wenden sollte. Da trat plötzlich aus einer der Thüren ein greiser Diener, der einen zierlichen Korb mit kleinen Blumensträußen trug. Der Fremde zuckte freudig zusammen.

„Georg!“ flüsterte er.

Der Greis sah auf und trat überrascht näher. Prüfend betrachtete er das von dem Pelze eingehüllte Gesicht des Fremden.

„Mein Herr,“ sagte er, „ich weiß nicht, wer mir die Ehre erzeigt – –“

„Georg, alter Freund, erkennen Sie mich wirklich nicht wieder?“

„Nein, nein!“ versicherte der Alte.

„Hier kann ich mich nicht entdecken – führen Sie mich in ein Zimmer, wo wir allein sind.“

Der Greis öffnete dieselbe Thür wieder, aus der er erschienen war. Beide befanden sich in einem einfachen Zimmer, das durch eine grüne Schirmlampe matt beleuchtet ward. Der Fremde zog seine Mütze, schlug den großen Pelzkragen zurück, und das feine, bleiche Gesicht eines Mannes, der dreißig bis zweiunddreißig Jahre zählen mochte, ward sichtbar. Dem alten Georg entsank vor freudiger Bestürzung das Blumenkörbchen.

„Himmel,“ rief er, „darf ich denn meinen Augen trauen – Herr Franz?!“

„Ich bin es, guter Georg,“ sagte Franz, dem Greise freudig die Hand schüttelnd. „Franz Osbeck steht vor Ihnen wie er liebt und lebt.“

„Ach, Verzeihung, lieber Herr, wenn ich Sie nicht sogleich erkannte; ich werde nun alt und grau –“

„Und auch ich habe mich verändert, nicht wahr? Sagen Sie es nur frei heraus, daß meine blühende Gesichtsfarbe verschwunden ist, daß ich krankhaft aussehe. Doch lassen wir das, mein alter, guter Freund; ich preise den Zufall, der mich das Haus, und in demselben Sie finden ließ. Vor einer Stunde bin ich angekommen, in dem Hotel erfuhr ich, daß die reiche Wittwe Simoni, die vor einem Jahre aus Hamburg hierher gezogen, nicht weit wohne, und einen glänzenden Silvesterball gebe – ich benutze nun die Gelegenheit, die Schwester meines seligen Vaters zu sprechen, und werde mit Tagesanbruch weiterreisen. Vermitteln Sie mir eine Unterredung mit meiner Tante,“ fügte Franz hastig hinzu, „und Sie leisten mir einen Dienst, den ich Ihnen ewig danken werde.“

„Wollen Sie nicht einige Tage bei uns bleiben?“ fragte Georg.

„Wäre es möglich, ich würde nicht lange säumen; aber jede Stunde ist mir kostbar. Georg, ich muß selbst wünschen, daß meine Tante mir im Geheimen eine Unterredung gewährt, und daß Niemand die Anwesenheit ihres Neffen erfährt.“

„Auch Robert nicht, der einzige Sohn ihrer Tante?“

„Wie, ist Robert hier?“ fragte Franz überrascht.

„Er ist vor einem Monate angekommen, und wird den Winter bei seiner Mutter zubringen. Der Silvesterball ist sein Werk. Madame hätte sicher nicht daran gedacht, ein so glänzendes Fest zu geben, da das Trauerjahr um Herrn Simoni kaum vorbei ist. In den Sälen über uns befindet sich die Geldaristokratie dieser Stadt, und Herr Robert hat nichts gespart um zu zeigen, daß er der einzige Erbe des berühmten Großhandelshauses Simoni ist.“

Franz hatte mit düstern Blicken diesen Bericht angehört.

„Robert ist hier!“ flüsterte er sinnend vor sich hin. „Ich glaubte, der junge Chef der Handlung befände sich in Hamburg. Georg,“ sagte er, „ich habe Gründe, meine Anwesenheit dem Sohne so lange zu verbergen, bis ich die Mutter gesprochen habe. Ihnen [2] vertraue ich mich an, denn ich weiß, daß Sie meinem verstorbenen Vater, dem alten Buchhalter des Hauses Simoni, mehr ein Freund als ein Diener gewesen sind. Georg, ich habe die gewichtigsten Gründe von der Welt, meine Anwesenheit geheim zu halten, und so rasch als möglich weiter zu reisen.“

„Sie, Sie sind hier!“ sagte bewegt der Greis, indem er noch einmal die Hand des jungen Mannes ergriff. „Wohl war Ihr Vater mein Freund, wir hatten keine Geheimnisse vor einander, und haben nicht selten von Ihnen gesprochen – –“

„Still, Georg, still!“ sagte Franz düster. „Ich weiß, was Sie sagen wollen. Treffe ich dereinst dort oben meinen Vater wieder, so werde ich das vor ihm zu verantworten wissen, was ihm in seinen letzten Tagen Kummer bereitet hat. Die Zeit vergeht,“ fügte er unruhig hinzu – „kann ich Ihre Rückkehr hier erwarten?“

„Bereiten Sie sich vor, Madame Simoni zu sprechen!“

Georg half Franz den schweren Reisepelz ablegen, dann nahm er seine Blumen, und verließ das Zimmer.

„Der arme junge Mann!“ murmelte er vor sich hin. „Fast möchte ich glauben, daß sein bleiches, hageres Gesicht und seine unruhigen Blicke bestätigen, was man von ihm vermuthet. Wie blühend und schön war er, als er uns das letzte Mal besuchte – ich hätte ihn jetzt wahrhaftig nicht wieder erkannt. Madame muß ihn empfangen, und sollte ich mich einer List bedienen müssen, ihn einzuführen. Der arme Franz ist ja der Sohn ihres einzigen Bruders und meines besten Freundes!“

Franz Osbeck ging unruhig im Zimmer auf und ab.

II.

Wir betreten eine halbe Stunde früher als Georg den glänzend decorirten Hauptsaal der Wittwe Simoni. Wirthin und Gäste schienen zu wetteifern, den raffinirtesten Luxus zur Schau zu tragen. Man sah einen Flor junger Damen in den reizendsten Toiletten, da war kein Kopf, den nicht schimmernde Blumen, kein Busen, den nicht ein kostbares Diamantgeschmeide schmückte. Paris und London hatten die theuersten und geschmackvollsten Roben zu diesem Feste geliefert. Die Tafel war vorüber, und die von Champagner erhitzten Gäste gaben sich mit einem wahren Feuereifer den flüchtigen Freuden des Tanzes hin. Die bedächtigen Alten saßen in den Nebenzimmern beim Spiel oder an mit Flaschen besetzten Tischen.

Der Sohn vom Hause, Robert Simoni, stand mit gekreuzten Armen in einer der Fenstervertiefungen und sah sinnend dem Tanze zu. Er schien den allgemeinen Frohsinn nicht zu theilen, den er selbst durch seinen Reichthum vorbereitet; mit düster glühenden Blicken verfolgte er ein Tänzerpaar, das aus zwei stark kontrastirenden Personen zusammengesetzt war. Der Tänzer mochte ein Mann von einigen vierzig Jahren sein, er trug einen eleganten Ballanzug von auffallend hellen Farben und strotzte von Goldschmuck. Sein Gesicht war völlig bartlos, aber von vielen Falten durchzogen, die bei dem unaufhörlichen Lächeln stärker hervortraten. Den ziemlich dicken Kopf schmückte eine dunkle Perrücke, die über der Stirn ein hohes Toupet bildete. Seine Tänzerin war die schönste Dame der Gesellschaft, obgleich sie nicht mehr zu den jüngsten zählte, und wir irren nicht, wenn wir ihr Alter auf vierundzwanzig Jahre schätzen. Sie war einfach in dunkle Seide gekleidet, so daß sich ihre elegante Gestalt in dem Kreise der Tanzenden stets unterscheiden ließ. Sie hatte den niedlichsten Fuß von allen, die diesen Abend den Parketboden berührten. An ihrem schneeweißen runden Halse schimmerte eine feine Goldkette mit einem kleinen Kreuze. Den vollen Busen schmückte eine einfache weiße Rose von mattem Silber. Wie der Ausdruck ihres schönen Gesichts waren auch ihre Bewegungen ruhig, aber von unbeschreiblicher Grazie und Eleganz.

„Sie kokettirt mit der bescheidenen Toilette!“ flüstert eine junge Dame ihrem Tänzer zu, die in der Nähe des beobachtenden Robert stand. „Ist das ein Ballkleid?“ fügte sie spöttisch hinzu. „Man sollte glauben, die gute Dame befände sich in einem Trauerhause.“

„Vielleicht hat sie keine große Auswahl von Roben,“ flüsterte der Tänzer zurück.

„Wohl möglich!“

„Wer ist denn diese schwarze Taube?“

„Man sieht sie stets im Gefolge der Madame Simoni – vielleicht eine arme Verwandte. Ich saß bei Tafel neben ihr, – sie spricht nicht viel, aber gut, das muß ihr der Neid lassen. Ihr ganzes Wesen erscheint mir so niedergedrückt – –“

Das Gespräch ward unterbrochen, da die Tänzer von der Fluth des Gallops mit fortgerissen wurden. Der bunte Tänzer mit seiner schwarzen Tänzerin stand jetzt in der Nähe Roberts.

„Ich bitte, mein Herr,“ flüsterte sie, „erlauben sie mir, daß ich abtrete – der rasche Tanz hat mich so erschöpft, daß ich mich unwohl fühle.“

„Befehlen Sie, daß ich Sie in ein Nebenzimmer führe?“ fragte rasch der Stutzer. „Es herrscht in der That eine glühende Hitze in dem Saale.“

Robert trat rasch zu der Dame.

„Wie, Helene, Sie fühlen sich unwohl?“ fragte er hastig.

„Es wird vorübergehen, Herr Simoni, wenn ich mich erholen kann!“ antwortete sie in einem Tone, der ihre Überraschung, aber auch das Bemühen verrieth, die sorgliche Aufmerksamkeit des jungen Mannes von sich abzulenken.

„Ich führe Sie zu meiner Mutter, Helene!“ sagte Robert, indem er ihr mit der Dienstfertigkeit den Arm bot, die seine große Besorgniß um die junge Dame verrieth. „Herr Petersen,“ wandte er sich zu dem bunten Stutzer, „wird mir erlauben, daß ich ihm seine Tänzerin auf kurze Zeit entführe.“

Herr Petersen trat ehrerbietig vor dem reichen Manne zurück; er hatte auf die Bitte desselben keine andere Antwort als ein schmerzlich devotes Lächeln, das er halb an Helene, halb an Robert richtete. Mit eifersüchtigen Blicken verfolgte er das junge Paar, das Arm in Arm in der Thüre eines Seitenzimmers verschwand. Dann zog er sein duftendes Taschentuch hervor, trocknete sich die schweißbedeckte Stirn und trat zu dem Buffet, um durch ein Glas Limonade sein aufgeregtes Blut ein wenig zu beruhigen.

„Ich danke Ihnen, Herr Robert,“ flüsterte Helene, „daß Sie mich von der peinlichen Gesellschaft dieses Herrn befreit haben. Ich wäre vor Ueberdruß umgekommen, hätte ich den Tanz mit ihm beendigen müssen.“

„Es bedurfte wenig Scharfsinns, Ihre Absicht zu errathen; aber, Helene, Sie verzeihen meiner Besorgniß um Sie die Bemerkung, daß der Ball nicht die gehoffte Wirkung auf Sie ausübt –“

„Wie, Herr Robert?“ fragte rasch die junge Dame, die in der That so erschöpft war, daß sie sich unwillkürlich in dem Sopha niederließ, zu dem ihr Begleiter sie geführt hatte. Die Phrase von dem Ueberdrusse an der Unterhaltung war nur erfunden, um Roberts Gefälligkeit zurückzuweisen.

Der junge Mann, der in dem Zimmer keine Gäste sah, setzte sich ihr zur Seite.

„Helene,“ flüsterte er, „mit innigem Bedauern habe ich Ihr stilles, schüchternes Wesen bemerkt, das ich für eine Folge Ihrer Stellung hier im Hause halte; so darf es nicht länger bleiben, und nicht das Mitleid, sondern die Achtung vor Ihnen hat in mir den Entschluß gestaltet, Ihnen die Anerkennung zu verschaffen, die Ihnen mein Herz bei dem ersten Erblicken zollen mußte. Sie wissen, daß ich die Veranlassung zu diesem Feste gegeben habe, daß es Mühe gekostet, meiner Mutter, gegenüber, die geräuschvollen Vergnügungen abhold ist, den Plan durchzusetzen: es ist mir gelungen, und jetzt bekenne ich, von meinem Herzen gedrängt, daß das Fest veranstaltet ist, um eine Abwechselung in Ihr einförmiges Leben zu bringen, mehr aber noch, um Ihnen darzuthun, daß Ihr Verweilen bei meiner Mutter von der höchsten Bedeutung für mich ist. Helene, Sie sind die Königin des Festes und meines Herzens! O zweifeln Sie nicht an der Wahrheit dieser Worte – ich werde sie meiner Mutter wiederholen, damit sie weiß, daß Helene mehr ist, als die einfache Gesellschaftsdame, damit sie erfährt, ihres einzigen Sohnes Glück hängt von Ihnen ab.“

„Mein Herr, mein Herr!“ stammelte die bestürzte Helene, indem sie dem jungen Manne ihre zarte Hand zu entwinden suchte.

„Helene,“ fuhr Robert fort, „ich darf, wenn ich dieses Bekenntniß nicht in einem für Sie verletzenden Lichte erscheinen lassen will, die Bitte nicht unausgesprochen lassen: bleiben Sie immer in unserm Hause, werden Sie die Tochter meiner Mutter, werden Sie meine Lebensgefährtin!“ fügte er mit bebender Stimme hinzu.

Helene saß regungslos vor ihm; sie ließ ihre Hand in der seinigen und eine hohe Purpurröthe erschien auf ihren lilienweißen [3] Wangen. Robert harrte in ängstlicher Spannung ihrer Antwort. Sein ganzes Wesen verrieth die schrankenlose Leidenschaft, die in seiner Brust tobte. Und wahrlich, wie keine Andere war Helene fähig, die Gluth der Liebe in einem jugendlichen Herzen zu entzünden; sie verdiente es, das Prinzip aller Handlungen Roberts zu sein.

Als sie immer noch schwieg, flüsterte Robert mit bebender Stimme:

„Verzeihung, Helene, ich wollte Sie nicht kränken, ich weiß, daß die Liebe einer langen Vertraulichkeit bedarf, um eine offene Erklärung zu wagen; aber zweifeln Sie deshalb nicht an meiner Aufrichtigkeit, ehe ich mich Ihnen entdeckte, habe ich mich geprüft, und ich fand kein anderes Mittel, meinem qualvollen Zustande ein Ende zu machen, als Ihnen meine Hand und mein Vermögen anzutragen! Darf ich mit Ihnen vor meine Mutter treten –?“

Jetzt schlug Helene ihre großen, seelenvollen Augen auf, in denen helle Thränen erglänzten.

„Und wenn Sie sich dennoch getäuscht hätten?“ fragte sie mit vor Rührung zitternder Stimme. „Wenn Sie das für eine zärtliche Neigung hielten, was nichts anderes ist als Mitleid mit einem armen, allein stehenden Wesen, das Ihrer Mildthätigkeit empfohlen ward?“

„Ich schwöre Ihnen, Helene, daß ich mich nicht täusche!“ rief hingerissen der junge Mann. „Dort im Saale tanzen die ersten Schönheiten der Residenz, sie haben sich bis zum Ueberflusse geschmückt, um zu strahlen – sie lassen mich kalt, Helene, und ich bedauere die Anstrengungen, die man macht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Verbannen Sie diese Bedenken, und können Sie meine Liebe erwiedern – – –“

„Herr Robert,“ fiel sie rasch ein, „wie undankbar muß ich Ihnen erscheinen, daß ich auf so ehrende Anträge eine ausweichende Antwort gebe. Es lastet ein Familiengeheimniß auf mir, dessen Bewahrung eine heilige Pflicht ist. Ich sage, es lastet auf mir, und dennoch darf ich es nicht aussprechen, selbst um den Preis des großen Glückes, das Sie mir so eben in Aussicht stellten; und durch Ihre Hand in den Kreis einer hochachtbaren Familie eingeführt zu werden, halte ich für ein Glück, das ich kaum verdiene. Mein Herr,“ fuhr sie unter leisem Schluchzen fort, „ich werde es als ein Zeichen Ihrer wirklichen Achtung halten, wenn Sie mir die Erfüllung meiner Pflicht dadurch erleichtern helfen, daß Sie meine Schuld gegen die Großmuth ihrer Familie nicht vermehren. Herr Simoni, ich kann, ich darf Ihnen jetzt nicht mehr sagen; aber es kommt ohne Zweifel eine Zeit, wo ich meine Dankbarkeit in ihrem ganzen Unfange an den Tag legen kann.“

Dem jungen Manne fehlte der Muth, weiter in Helenen zu dringen. Wie schön, wie heilig erschien sie ihm in ihrem stillen Schmerze, dessen Grund er auch jetzt nicht erfahren sollte, nachdem er sich so rückhaltlos erklärt hatte. Die Zweifel, die sie in sein Herz geschleudert, stachelten die Eifersucht an, und dieser Scorpion steigerte seine Liebe bis zur Anbetung. Wie groß, wie erhaben mußte ihre Neigung sein, da sie es vorzog in einer abhängigen, untergeordneten Stellung zu bleiben, für die sie offenbar nicht geboren war, statt die Hand eines reichen jungen Mannes anzunehmen, um dessen Besitz sie die Töchter der ersten Familien beneiden würden. Robert hatte längst gefühlt, daß Helene kein gewöhnliches Weib war; jetzt vergrößerte sie seine Achtung durch die ruhige Ergebung in ihr Schicksal.

Der Tanz in dem Saale war zu Ende, und das Zimmer füllte sich mit fröhlichen Herren und Damen. Auch Herr Petersen erschien, der Miene machte, sich nach dem Befinden seiner Tänzerin zu erkundigen.

Robert und Helene erhoben sich.

„Ich versprach Ihnen, Sie zu meiner Mutter zu führen,“ sagte er laut. „Sie wird sich in dem blauen Zimmer befinden – ich bitte um Ihren Arm!“

Begleitet von der allgemeinen Aufmerksamkeit der Anwesenden verließen die beiden jungen Leute das Gemach. Sie betraten das blaue Zimmer, und hier treffen sie Madame Simoni. Die Wittwe, eine Frau von einigen fünfzig Jahren und ungewöhnlicher Corpulenz, saß in einem großen Lehnstuhle.

„Gut daß Du kommst!“ rief sie ihrem Sohne entgegen.

„Warum?“

„Es steht uns eine Ueberraschung bevor. Da Du der Veranstalter des Balles bist, wird sie Dir doppelt willkommen sein.“

„Was ist es, Mutter?“ fragte Robert, der immer noch Helenen’s Arm in dem seinigen hielt.

„Ich wollte mich so eben zurückziehen, als Georg einen neuen Gast anmeldete, der mir allein vorgestellt sein wollte, bevor er den Saal beträte.“

„Hat er seinen Namen genannt?“

„Nein. Ich glaube den Empfang nicht verweigern zu dürfen; da ich aber bis zum Tode erschöpft bin, wirst Du bei mir bleiben; um die lästige Zeremonie abzukürzen.“

„Wann darf ich zurückkehren, um Madame Simoni in ihr Zimmer zu begleiten?“ fragte Helene, sich verneigend.

Die dicke Frau reichte lächelnd dem jungen Mädchen die Hand.

„Darf ich Sie bitten, liebe Helene, mich in dem kleinen Kabinette zu erwarten? Ich hoffe, Robert wird mir nach fünf Minuten den Rückzug gestatten.“

Der junge Mann führte Helenen höchst galant zu dem Kabinet, öffnete die mit Gardinen versehene Glasthür desselben, und ließ sie eintreten. Dann schloß er die Thür und kehrte mit einem unterdrückten Seufzer zu seiner Mutter zurück.

„Robert, Du bist verstimmt, während Deine Gäste jubeln!“ sagte sie. „Anstatt Dich im Saale zu zeigen, widmest Du deine ganze Aufmerksamkeit ausschließlich unserer armen Helene – was soll ich davon denken?“

Er neigte sich über den Armsessel zu ihr.

„Mutter, fragte er, hat Ihnen Helene noch keine vertrauten Mittheilungen gemacht? Wissen Sie immer noch nicht mehr als das, was Ihnen der Doctor gesagt hat?“

„Die Empfehlungen eines so würdigen Mannes genügen, mein Sohn, um alles Mißtrauen zu verbannen. Außerdem hat Helene in dem halben Jahre, das sie bei uns ist, sich des Vertrauens würdig gezeigt, das ich in sie gesetzt. Sie ist mir nicht mehr eine Gesellschafterin, die mir die Zeit verkürzt; sie ist mir eine unentbehrliche Freundin geworden. Trotzdem aber kann ich den Wunsch auszusprechen nicht unterlassen, daß Dein Benehmen gegen das junge Mädchen diskreter sein möge. Dies erfordert nicht nur Deine Stellung als Chef des Handlungshauses Simoni, es ist auch nöthig, wenn mein Verhältniß zu ihr dasselbe bleiben soll. Ich würde kein geringes Opfer bringen, müßte ich mich des Umganges des armen Mädchen entäußern. Herr Petersen, ein reicher Kapitalist, hat mir vor einiger Zeit nicht undeutlich seine Absichten auf Helenen zu erkennen gegeben. Ich kann mich nicht entschließen, das gute Kind darauf aufmerksam zu machen; es wird aber geschehen, Robert, wenn –“

„Wenn ich sie anders behandle, als ihre Dienerin?“ fragte Robert spöttisch.

„Wenn Du den Vorsatz ausführst, den Winter hier zu bleiben. Deine Pflicht ruft Dich nach Hamburg, und ich hoffe, Du wirst Deiner Pflicht genügen. Wir sprechen ausführlicher über diese Angelegenheit, Robert, denn sie ist mir von Wichtigkeit.“

In diesem Augenblicke öffnete Georg die Thür, ließ Franz, den Neffen der Wittwe, eintreten, und schloß sie wieder. Mutter und Sohn erkannten den Angekommenen nicht sogleich, der durch seine schlichte, durchaus nicht ballmäßige Kleidung ihre Verwunderung erregte. Franz war erstaunt, Robert vorzufinden, denn der alte Georg hatte ihn versichert, er werde die Tante ohne Zeugen sprechen. Er verneigte sich, trat der Wittwe näher, und küßte ihr ehrerbietig die Hand.

„Ein später und dabei ungeladener Gast!“ sagte er. „Madame Simoni wird dem Sohne ihres Bruders verzeihen, daß er sie den Freuden des Balls auf einige Minuten entzieht.“

„Franz!“ rief überrascht die Wittwe, indem sie den bleichen Mann anstarrte.

Der junge Kaufmann erwiederte den Gruß durch eine kalte, nachlässige Verbeugung, so daß Franz seine Absicht, ihm die Hand zu reichen, nicht ausführte.

„Ich bin auf der Reise,“ fuhr er fort; „ein Zufall setzte mich in Kenntniß, daß die Freuden der Sylvesternacht Sie wach erhielten, und ich zögere nicht, Sie um eine Unterredung bitten zu lassen, die für mich wichtig und Ihnen vielleicht nicht unangenehm ist, da ich Sie meine Tante nennen darf.“

„Der Vetter ist gewiß in Noth!“ fragte Robert in einem spöttischen Tone, der seine feindselige Gesinnung gegen Franz deutlich verrieth. „Wenn dies ist, kann er sich versichert halten, daß unsere Unterstützung ihm die Fortsetzung seiner Reise ermöglichen wird.“

[4] „Robert,“ sagte Franz Osbeck in einem schmerzlichen Ausdrucke, „hat die Zeit immer noch nicht Deine Ansicht von mir geändert? Ich will sie nicht gewaltsam zu meinen Gunsten ändern –“

„Diese Mühe würde auch vergebens sein!“ rief Robert. „Meine Ansicht von Dir steht so fest, daß ich Dich bitten muß, mir Dein Hotel zu nennen und dort die Unterstützung zu erwarten, die ich Dir, ohne daß Du darum bittest, senden werde.“

Franz zuckte heftig zusammen und seine Lippen zitterten, als er sich, mit großer Anstrengung seine Fassung bewahrend zu Madame Simoni wandte:

„Ich bin nur in der Absicht gekommen, die Schwester meines guten Vaters zu sprechen; weist auch sie mich ab, so habe ich in dem Hause meiner einzigen Verwandten auf dieser Welt nichts mehr zu suchen.“

Die Wittwe hatte erschreckt die jähe Gesichtsveränderung des Neffen beobachtet.

„Besuchen Sie mich morgen Mittag wieder!“ stammelte sie.

„Zehn Minuten genügen, liebe Tante!“ bat Franz in sichtlicher Angst. „Ich muß reisen –“

„Hier ist Geld!“ rief Robert, indem er seine kostbare Börse hervorzog und sie dem jungen Osbeck vor die Füße warf „Reisen Sie, mein Herr, reisen Sie in Gottes Namen!“

„Das ist zu viel!“ rief Franz mit erstickter Stimme und indem er am ganzen Körper zitternd, einen Schritt zurücktrat. „Robert, Du bist ein Elender!“ fügte er mit glühenden Blicken hinzu, die seinem bleichen Gesichte ein erschreckliches Ansehen gaben. „Mir, mir wirfst Du wie einem Bettler Deine Börse zu? Ich habe vergessen wollen, doch Du regst meine Erinnerung gewaltsam an –“

„Und wessen erinnert sich denn der Herr?“ fragte Robert, den furchtbar aufgeregten Franz mit spöttischen Blicken messend.

„Daß mir die Hälfte des Vermögens gebührt, mit dem Herr Simoni vor der Welt prahlt! Ja, mein Herr, ich weiß nur zu genau, daß mein guter Vater mehr als der Buchhalter seines Schwagers war. Diese Börse enthält erschlichenes Geld!“ fügte er hinzu, indem er sie mit dem Fuße zurückstieß. „Behalten Sie es, es mag auf Ihrer Seele brennen wie Höllenfeuer! Ihr Vater ließ den alten Buchhalter fürstlich begraben, die Journale strotzten von pomphaften Todesanzeigen, und seiner Treue wurde öffentlich erwähnt; aber sein Geld blieb heimlich in der Kasse. Man erklärte mich für verrückt, als ich meine Ansprüche erhob –“

„Und ich werde diese Erklärung bestätigen!“ sagte Robert in kalter Ruhe. „Wer es wagt, einen Todten in der Erde zu schmähen, ist ein Wahnsinniger. Mutter, Sie sind Herrin vom Hause – ich erwarte Ihre Befehle, wenn Sie nicht wollen, daß ich aus eigenem Antriebe handele.“

Das volle Gesicht der Wittwe war ein wenig bleich geworden; aber mit einem bedeutenden Lächeln sagte sie:

„Der gute Neffe hat die fixe Idee, daß sein Vater stillschweigender Compagnon meines seligen Mannes war, er will durchaus nicht glauben, daß er nur den Posten eines ersten Buchhalters bekleidet und dafür einen jährlichen Gehalt von tausend Thalern bezogen hat – ein schönes Geld für einen einzelnen Mann. Doch streiten wir nicht darüber – die Rechtlichkeit meines Gatten war zu bekannt, als daß ein leichtsinniger Mensch sie mit Erfolg antasten könnte. Damit es nicht scheint, als wolle ich durch Geschenke ein Vergehen ausgleichen, ziehe ich meine Hand von Herrn Franz zurück – wo ist Helene? Ich will nach meinem Zimmer gehen.“

Sie setzte eine Glocke in Bewegung, die neben ihr auf einem Tische stand. Auf dieses Zeichen öffnete sich die Thür des Kabinets, und Helene trat ein.

„Madame! Madame!“ rief Franz in einer fürchterlichen Aufregung. Er wollte fortfahren, aber wie plötztlich gelähmt an Geist und Körper starrte er die eintretende Helene an. Die Aufregung der Mutter und des Sohnes war so groß, daß sie den Zustand des jungen Mädchens, der dem ihrigen glich, nicht bemerkten, eben so wenig den bedeutungsvollen Blick, den sie dem armen Franz zusandte. Zugleich deutete sie mit der zitternden Hand auf die weiße Rose an ihrer Brust. Dieses Zeichen wirkte wie ein Zauber auf den regungslosen Franz; seine Züge belebten sich, in dem kalt glänzenden Auge zeigten sich Thränen, und, beide Hände auf die Brust gepreßt, suchte er den jähen Ausbruch eines freudigen Gefühls zu unterdrücken. Mit übermenschlicher Anstrengung rang Franz nach Ruhe. Die Erscheinung des reizenden Wesens aber hatte zu mächtig auf ihn gewirkt, als daß er die Folgen in sich zu verschließen vermochte. Er bedeckte mit beiden Händen sein Gesicht und begann bitterlich zu weinen. Die Thränen eines Mannes erschüttern das kälteste Herz; Madame Simoni sowohl als Robert konnten dem Weinenden ihr Mitleid nicht versagen. Beide hielten diesen raschen Wechsel seiner Stimmung für eine Wirkung der ausgesprochenen Absicht seiner Tante.

„Sein Verstand hat wirklich gelitten!“ flüsterte Robert so laut der Mutter zu, daß Helene, die neben ihrem Stuhle stand, es verstehen konnte.

Helene sandte einen unbeschreiblichen Blick zum Himmel. Dann wartete sie ruhig auf die Befehle der Wittwe. Außer den ungestümen Wallungen des Busens verrieth nichts die gewaltigen Empfindungen, die in ihr tobten. Ihr Gesicht war bleich, aber ruhig.

Madame Simoni erhob sich.

„Ihren Arm, mein Kind!“ sagte sie artig.

Die Angeredete unterstützte den schwerfälligen Gang der Dame.

„Du wirst, Robert, diesen Herrn zu trösten wissen! “ wandte sie sich im Gehen zu ihrem Sohne.

Aber Robert hörte es kaum; Helene, die ihm in dieser Verfassung noch tausend Mal schöner erschien, hatte sein ganzes Wesen ergriffen. Seine glühenden Blicke schienen das reizende Geschöpf verschlingen zu wollen.

Auch Franz erhob sich und starrte den beiden Damen nach, die langsam der Thür zu gingen. Niemand bemerkte, außer Franz, daß Helene zum zweiten Male auf die weiße Rose deutete, die ihren Busen schmückte. Die Thür schloß sich und Franz und Robert waren allein. Eine peinliche Pause trat nun ein. Der junge Kaufmann hatte nicht den Muth, seinen armen Vetter zu verlassen, der mit gefalteten Händen, als ob er still betete, verklärten Angesichts nach der Thür sah, durch welche die beiden Frauen verschwunden waren. Als ob Franz der Gewalt seiner Empfindungen nicht länger entgegenkämpfen konnte, wandte er sich rasch zu seinem Vetter, und ergriff dessen Hand.

„Robert,“ rief er, „jetzt verzeihe ich Dir, Alles, Alles! Sieh, ich bin ein armer Mann, und ich verhehle nicht, daß ich gekommen bin, Deine Mutter um eine Unterstützung zu bitten. Du hast mich wie einen Bettler behandelt, hast mich einen Wahnwitzigen gescholten – ja, ich bin ein Wahnwitziger, ein Bettler, behandle mich als solchen, aber gieb mir eine Summe, mit der ich reisen und mir in einem entfernten Winkel der Erde eine Existenz gründen kann. Dann sollst Du mich nie, nie wiedersehen. Der arme Franz wird für Dich todt sein, wie mein Vater für Dich todt ist! Du schweigst, Robert, lächelst mich kalt an – o, vergiß meine Beleidigungen, denke, daß sie Dir ein unzurechnungsfähiger Mensch zugefügt hat! Robert, ich will vor Dir knien, ich will kniend bitten: gieb mir von Deinem Ueberflusse, daß ich nicht in den Abgrund des Verderbens stürze, der mich angähnt. Noch kann ich glücklich werden, und Du, Du allein kannst mich glücklich machen!“

Robert zog seine Hand zurück, die der aufgeregte Franz Osdeck noch einmal ergreifen wollte.

„Was ist das?“ fragte er kalt. „Woher kommt diese plötzliche Umwandlung?“

„Frage mich nicht! Frage mich nicht!“ bat Franz.

Mit dem Scharfsinne, den die Eifersucht giebt, hatte Robert nach dem Ursprunge der jähen Umwandlung Franzen’s geforscht. Die Antwort Helenen’s hatte seinen Verdacht geweckt, den Verdacht gegen Alle, die sich in ihrer Nähe befanden. Der spekulirende Kaufmann ging in den glühenden Liebhaber über. Mit einem Blicke übersah er die Lage der Dinge. Helenen’s geheimnißvolles, schmerzliches Wesen, und Franz in dieser Verfassung, seit sie in dem Zimmer erschienen war. Seine Angst wollte Gewißheit haben.

„Reisest Du allein?“ fragte er mit einem stechenden Blicke.

Franz ward plötzlich ruhiger.

„Allein?“ wiederholte er mit unsicherer Stimme. „Wer sollte mich begleiten? Ich bin allein, ganz allein!“ fügte er mit unverkennbarer Aengstlichkeit hinzu. „Rüste mich aus, und wenn der Tag graut, reise ich ab.“

[17] „Ich will Dein Glück gründen, aber sei offen!“

Osbeck’s Gesicht verzog sich zu einem schmerzlichen Lächeln.

„Immer noch Bedingungen,“ murmelte er, „nachdem ich mich so gedemüthigt habe?“

„Unser Haus birgt ein Geheimniß, mit dem Dein plötzliches Erscheinen im Zusammenhange steht.“

Franz’s Verlegenheit mehrte sich.

„Du kannst mein Geheimniß wissen – ich habe Gründe, so rasch als möglich die Schweiz zu erreichen.“

„Und darf man diese Gründe wissen?“ fragte Robert mit wachsendem Mißtrauen.

„Die Zeit vergeht, Robert, willst Du mich retten? Ich wiederhole es: ich bin ein Bettler, der Dich um ein Almosen anfleht!“ rief Franz, ihm die Hände entgegenstreckend.

Der Kaufmann war unschlüssig, was er beginnen sollte. Hatte er auch nur schwache Gründe zu seinem Argwohn, so flüsterte ihm dennoch eine Stimme zu, die ihm das Mark durchschnitt: Du lieferst dem Nebenbuhler die Mittel, daß er mit der Geliebten entfliehen kann.

„Es ist mir unmöglich, sofort zu entscheiden,“ sagte er. „Doch so,“ fügte er rasch hinzu, „damit Du siehst, daß ich nicht rachsüchtig bin, daß ich die empfindliche Beleidigung, die Du mir durch Schmähung meines todten Vaters zugesagt, großmüthig vergesse, werde ich Dich persönlich begleiten, und eine Extrapost soll Dich in kurzer Zeit weiter befördern. Erwarte mich, ich hole Geld!“

Robert wollte das Zimmer verlassen, doch ehe er noch die Schwelle erreicht, trat der greise Georg hastig ein.

„Herr Robert?“ fragte er.

„Hier bin ich!“

„Man fragt nach Ihnen.“

„Wer? Wer?“

„Ich glaube,“ flüsterte ihm Georg zu, „ein Polizei-Commissar.“

„Gerechter Gott!“ rief Franz erbleichend.

„Er folgt mir auf dem Fuße. Zwei Soldaten haben die Hausthür besetzt.“

„Dann bin ich verloren!“ stammelte Franz, der fast zusammenbrach.

„Was ist das?“ fragte der Sohn vom Hause. „Sucht man hier einen Verbrecher?“

Franz erblickte die Börse am Boden. Hastig ergriff er sie und rief.

„Ich reise zu Fuß – auf der Stelle! Georg, führen Sie mich durch eine Seitenthür – um Gottes Willen zögern Sie nicht!“

„Sie werden nicht reisen, Herr Franz Osbeck!“ rief eine Stimme. „Im Namen des Königs verhafte ich Sie!“

Der Polizei-Commissar stand auf der Schwelle der geöffneten Thür, Hinter ihm sah man zwei bewaffnete Soldalerr.

„Mein Herr,“ sagte Robert entrüstet, „man verfolgt Sie, und Sie wagen es, unser Haus zu betreten? Sie häufen Schmach über Schmach auf unsere Familie! Aus Rücksicht für meine Mutter,“ wandte er sich zu dem Commissar, „bitte ich Sie, alles Aufsehen zu vermeiden.“

„Sie constatiren, daß dieser Herr Franz Osbeck ist?“

„Ja!“

„So wird es von ihm abhängen, daß ich meiner Pflicht ohne Aufsehen genügen kann.“

„Sie werden es!“ flüsterte Franz in schmerzlicher Ergebung. „Und Du, Robert, magst es dereinst vor Gott verantworten, daß Du einen unglücklichen Menschen, der so nahe an einem glücklichen Ziele stand, in das Verderben geschleudert hast. Hier bin ich, mein Herr, nehmen Sie mich hin! Ich frage nicht nach dem Grunde meiner Verhaftung, denn ich kenne ihn.“

Umgeben von den Soldaten verließ Franz das Haus der Wittwe Simoni. In den Sälen ahnte man diese Ereignisse nicht, die fröhlichen Gäste schlossen den glänzenden Ball erst mit dem Anbruche des Morgens. Als Robert sich nach Helenen erkundigte, erfuhr er, daß sie sich auf ihr Zimmer zurückgezogen, nachdem sie der Commerzienräthin den letzten Dienst geleistet hatte.


III.

Kurz vor der Mittagstafel – es war um drei Uhr am Neujahrstage – hatte zwischen Madame Simoni und ihrem Sohne Robert eine sehr heftige Scene statt. Beide befanden sich in dem eleganten Boudoir der alten Dame, die sich mit der Summe von dreitausend Thalern den Titel einer Commerzienräthin gekauft hatte, da sie der richtigen Ansicht war, daß man in einer Residenzstadt ohne Titel nicht leben könne. Die Mutter hatte bereits eine vollständige Toilette gemacht: sie trug ein faltenreiches Kleid von grauem Atlas und auf dem hohen Busen eine schwere Kette, die man für den Orden des goldenen Vließes hätte halten können, wenn statt der schimmernden Diamantuhr ein goldenes Lammfell daran gehangen hätte. Unter einem feinen pariser Häubchen, die eine junge Frau von dreiundzwanzig Jahren nicht verschmäht haben würde, glänzte die künstliche Haartour in kastanienbraunen Locken, und zwischen [18] ihren aufgeworfenen Lippen sah man die Emaillezähne aus der Fabrik des berühmtesten französischen Dentisten. Der Sohn war mit jener gediegenen Einfachheit gekleidet, die den reichen Kaufleuten von fünfundzwanzig Jahren eigen zu sein pflegt.

„Robert,“ sagte sie bebend vor Aufregung, „Du wirst mit mir zu dem Präsidenten fahren! Ich habe es in verflossener Nacht auf dem Balle versprochen, und wenn ich mich nicht blamiren will, so muß ich Wort halten.“

„Gut, fahren Sie allein, Mutter!“ sagte der junge Mann, der aus dem kostbaren Teppich auf und ab ging.

„Auch Du wirst erwartet.“

„Ich habe nichts versprochen!“

„Aber ich!“ rief die Commerzienräthin mit ihrer durchdringenden Altstimme, und indem sie das Gewicht ihrer fleischigen Hand auf ein Mahagonitischchen fallen ließ, daß es laut erseufzte. „Wenn meine Aufforderung nicht genügt, so befehle ich es Dir!“ fügte sie mit der Alles vergessenden Heftigkeit hinzu, die ihre Abstammung verrieth, nämlich die aus einer rheinländischen Fabrikantenfamilie, die durch den Schweiß armer Arbeiter ein Kapital zusammengescharrt hatte, das unter fünf Erben vertheilt war. Zwei Fünftheile, nämlich das Erbe der Madame Simoni und das ihres Bruders, des Vaters des unglücklichen Franz, hatten den Grund zu dem hamburger Handelshause gelegt.

„Befehlen? Befehlen?“ fragte Robert kalt und ruhig, indem er stehen blieb. „Sie vergessen, Mutter, daß ich großjährig bin. Niemand hat mehr das Recht, mir Befehle zu ertheilen.“

Die Lippen der alten Dame begannen zu beben, und eine dunkele Röthe färbte ihre fleischigen Wangen. Gewaltsam setzte sie dem Ausbruche ihres Zornes einen Damm entgegen, indem sie einen Augenblick schwieg. Ihre schwarzen Augen schossen glühende Blicke auf den ruhigen Robert.

„Deine Großjährigkeit, mein Sohn, spottet also der mütterlichen Autorität!“ sagte sie tonlos nach einer Pause. „Gut, ich will es gelten lassen; aber ich gebe dir zu bedenken, daß der letzte Wille Deines Vaters mich so lange des Genusses seines Vermögens, seines ungetheilten Vermögens, versichert, als ich mich desselben zu Deinen Gunsten nicht entäußerte. Doch bin ich die Herrin des Hauses Simoni, und wenn Du nicht mehr mein Sohn sein willst, so bleibt mir nur noch übrig. Dich als meinen Commis zu betrachten. Enterben kann ich Dich nicht. aber so lange ich athme, bleibst Du Commis! Jetzt wähle zwischen Beiden! Den Sohn werde ich der Tochter des Präsidenten vorstellen – den Commis schicke ich nach Hamburg zurück in das Comptoir, wohin er gehört! Du kennst mich, mein eiserner Wille hat Deinen Vater geleitet, er wird auch Dich im Zaume zu halten wissen. Gestern noch sprach ich ermahnend; heute befehle ich Dir. O, ich kenne die Gründe Deiner Weigerung! Du steigst entweder heute mit mir in den Wagen, um zu dem Präsidenten zu fahren, oder morgen, um nach Hamburg zu reisen!“

Robert hatte seine Ruhe nicht verloren; mit einer höhnenden Eleganz steckte er seine rechte Hand, die ein kostbarer Diamantring schmückte, in die Brustöffnung der weißen, mit Gold gestickten Atlasweste, stützte sich auf die Lehne des Divans, auf dem die Commerzienräthin saß, und sagte lächelnd.

„Es ist wahr, Mutter, mein verstorbener Vater hat Ihnen eine gewisse Gewalt über mich gegeben, und wie ich vermuthe, unter Ihrem Einflusse, denn Sie bekennen ja selbst, daß Ihr eiserner Wille ihn geleitet hat; aber, Mutter, der Commis, der sechs Jahre die Arbeiten des Herrn Simoni theilte, der bei seinem Tode die Leitung des Geschäfts übernahm, hat auch ein gewisses Geheimbuch übernommen, das über Dinge Aufschluß giebt, die sehr unangenehme Folgen haben könnten. Senden Sie den Commis nach Hamburg, indem Sie ihn als Sohn nicht gelten lassen wollen, so wird er ein verborgenes Fach erschließen, das nur er kennt und zu dem nur er allein den Schlüssel besitzt … –“

„Robert, Robert!“ rief erschreckt die Mutter.

„Sie sehen, daß ich großjährig bin! Und weil ich es bin, werde ich mir eine Lebensgefährtin nach meinem Geschmacke wählen. Muß ich dabei auch Vieles preisgeben, so werde ich immer noch genug behalten, um mit Helenen ein sorgenfreies Leben führen zu können.“

„Mit Helenen?“ stammelte die Commerzienräthin. „Mensch, bist Du von Sinnen?“

Robert erhob sich und trat einen Schritt zurück.

„Ich glaube, ich bin noch nie bei so klarem Verstande gewesen, als eben jetzt. Wer will es mir, dem reichen Mann, verargen, wenn ich mir eine Frau aus lauterer Neigung nehme? Besäße Helene eine Million, sie würde mich nicht glücklicher machen können als jetzt, wo sie mir ein vortreffliches Herz, Schönheit und Tugend zur Morgengabe bringt. Ich drohe nicht, Mutter, weil ich mich noch immer als Ihren Sohn betrachte; aber ich bitte Sie, mir in dieser Angelegenheit freie Hand zu lassen, und mich Ihren ehrgeizigen Plänen nicht zum Opfer bringen zu wollen. Entweder Helene oder keine wird meine Gattin. Und haben Sie wirklich das Glück Ihres einzigen Sohnes im Auge, wie Sie mich so oft versicherten, so werden Sie meine Verbindung mit dem reizenden, unglücklichen Mädchen, das Ihre Achtung im hohen Grade besitzt, nicht hindern, sondern nach Kräften zu befördern suchen. Mutter,“ bat er leidenschaftlich, „ich kann ohne Helene nicht leben – zwingen Sie mich nicht, zu Mitteln der Verzweiflung zu greifen. Meiner Liebe opfere ich Alles, Alles; ich schleudere jedes Hinderniß zurück, das sich mir entgegenstellt, aber ich bedecke die Hand mit Thränen des Dankes, die mir das Mädchen meiner glühenden Liebe entgegenführt!“

Der junge Mann warf sich auf einen Sessel. Sinnend betrachtete ihn die Commerzienräthin, der die Tiefe der Leidenschaft nicht entgehen konnte, die in der Brust Roberts so rasch Wurzel gefaßt hatte. Ihr eiserner Wille beugte sich der Mutterliebe, und sie empfand ein inniges Mitleiden mit dem Sohne.

„Zu dieser Drohung hat ihn die Verzweiflung getrieben!“ dachte sie. „Was bleibt mir übrig, als nachzugeben? Ich kenne ihn, sein Charakter gleicht dem meinigen. Es steht zu viel auf dem Spiele: die Ehre unsers Hauses und dann … Beides kann ich der sinnlosen Leidenschaft eines Verliebten nicht preisgeben. Ich muß vorsichtig, sehr vorsichtig handeln.“ .

Als Robert den Kopf erhob, sah sie Thränen über seine Wangen rollen. Er wollte sich entfernen.

„Bleibe, mein Sohn!“ sagte sie mild. „Ich habe nicht geglaubt, daß Helene einen so tiefen Eindruck auf Dich ausgeübt hat. Du kennst sie erst seit einem Monate – hast Du Dich auch geprüft?“

„Sie kennen mich, Mutter,“ antwortete Robert mit leise erregter Summe. „Ich bin kein Knabe mehr, der bei jeder glänzenden Erscheinung aufjauchzt und sich nach ihrem Besitze sehnt. Wenn ich Ihnen den Wunsch aussprach, den Winter hier zu verbringen, so ward ich von dem Gedanken an Helene beseelt, ich wollte sie erforschen, und mich um ihre Neigung bewerben. Sechs Wochen haben hingereicht, um mich einen Engel kennen lernen und anbeten zu lassen, und was beschließen Sie nun, Mutter?“

„Du wirst meinen Entschluß vernehmen, wenn ich mit Helenen über diesen Punkt eine Unterredung gehabt habe. Daher fordere ich von Dir ein Versprechen.“

„Nennen Sie es!“ rief Robert, dessen Augen hell erglänzten.

„Du wirst die Ehre Deines Vaters im Auge behalten, und unser Familiengeheimniß wie ein heiliges Vermächtniß bewahren. Mein verstorbener Bruder kannte seinen leichtsinnigen Sohn zu gut. Franz gehört nicht mehr zu unserer Familie. Wie hast Du Dich seiner entledigt?“

„Die Polizei erleichterte mir dies Geschäft.“

„Wie?“

„Man hat ihn gleich nach Ihrer Entfernung verhaftet.“

„In meinem Hause?“ „Leider ja!“

„Entsetzlich !“ rief die Commerzienräthin. „Die Polizei war in meinem Hause?“

„Beruhigen Sie sich, Mutter, es hat kein Mensch diesen ärgerlichen Actus erfahren.“

„Es ist schon genug,“ fuhr die Alte entrüstet fort, „daß man einen Landstreicher bei mir vermuthete!“

„Die Sache beunruhigt mich nicht, da ihr Zusammenhang sehr einfach ist. Franz, auf der Flucht begriffen, ist in dem Hotel angekommen, und hat dort nach unserer Wohnung gefragt. Da er verfolgt wird, kannte die Behörde seine Spur, sie wußte selbst durch den Telegraphen, daß er hier eintreffen würde, und so suchte man in allen Wirthshäusern. Man fand ihn bei uns und führte ihn in aller Stille fort. Diesen Morgen schon war ich bei dem Polizei-Commissar, und habe ihm die Anzeige gemacht, daß der Flüchtige es versucht habe, von mir Geld zu erpressen. Wie man [19] mir sagte, ist Franz einer der gefährlichsten Volksaufwiegler, er hat selbst an einem Straßenkampfe thätigen Antheil genommen, er, der ausgetretene Offizier – man macht ihm jetzt den Prozeß, und wie dieser ausfallen wird, läßt sich denken. Fürchten Sie nichts, Mutter, indem der Staat sich eines gefährlichen Feindes entledigt, leistet er auch uns einen großen Dienst. Es ist nur zu bedauern, daß sein Prozeß gerade hier anhängig gemacht wird.“

Ein Diener trat ein und meldete, daß der Mittagstisch bereit sei. Robert führte seine Mutter in das Speisezimmer.

„Wo ist Demoiselle Helene?“ fragte sie den Diener.

„Sie ist unwohl, und läßt ihre Abwesenheit entschuldigen.“

„Die durchwachte Nacht hat das gute Kind angestrengt!“ sagte die Mutter zu dem Sohne.

Nach Tische fuhr sie allein zu dem Präsidenten. Robert schrieb einen langen Brief an den Geschäftsführer in Hamburg. Mit dem Beginne der frühen Dämmerung verließ Helene, fest in einen Mantel gehüllt und das Gesicht tief verschleiert, das Haus der Commerzienräthin. Sie achtete des stürmischen Schneewetters nicht; hastig eilte sie durch die Straßen.


IV.

Um dieselbe Zeit zog ein Mann an dem schweren Glockenzuge eines großen, finstern Gebäudes, das einsam zwischen den letzten Häusern des westlichen Stadttheils lag. Gleich darauf ward die Pforte eines großen, mit Eisenstäben beschlagenen Thores geöffnet, vor dem eine Schildwache langsam und schweigend auf- und abging. Der Mann trat in eine Bogenhalle, deren dunkles Gemäuer bei dem Scheine einiger Gasflammen von angesetztem Eise blitzten. Er durchschritt diese Halle und trat in einen Hof, der rings von hohen, finstern Gebäuden eingeschlossen ward. Rechts zeigten aufgestellte Gewehre und ein Posten an, daß sich hier eine Wache befand.

„Wohin?“ fragte der Soldat.

„Zu dem Inspektor des Staatsgefängnisses.“

Der Soldat deutete ihm die Wohnung desselben an, und der Mann, indem er seinen Mantel fester anzog, trat in eine Thür, erstieg eine Treppe und gelangte auf einen freundlichen Corridor. Er mußte hier schon bekannt sein, denn ohne zu wählen, klopfte er an eine Thür. Im nächsten Augenblicke stand er vor einem greisen Militär, der ihn ernst und gemessen, aber freundlich empfing.

„Herr Advokat Petri,“ sagte er, „was verschafft mir so spät noch das Vergnügen, Sie in meinem finstern Reiche zu begrüßen?“

Der Advokat, ein Mann von vielleicht zweiunddreißig Jahren mit einem weißen, fein geschnittenen Gesichte, großen, lebhaften Augen und einem kurzen, schwarzen Backenbarte, legte zwanglos seinen beschneeten Hut auf einen Stuhl.

„Herr Major,“ sagte er, „ich komme so eben aus der Wohnung des königlichen Staatsanwaltes, den ich leider nicht antraf, weil er sich in Gesellschaft befindet. Sie kennen meine geschäftlichen Beziehungen zu ihm, und darum werden Sie ermessen, daß er mir die Erlaubniß, einen politischen Gefangenen zu besuchen, nicht verweigern würde. Gestützt auf meine Stellung als öffentlicher Advokat und Notar, der vor den Schranken des Geschwornen-Gerichts nicht unbekannt ist, richte ich an Sie die Bitte, mir den Zutritt zu einem Gefangenen zu gestatten – die Erlaubniß des Staatsanwalts glaube ich verbürgen zu können.“

„Sie fordern viel, mein Herr!“ sagte ernst und bedächtig der Greis.

„Ich weiß es; wenn ich aber noch hinzufüge, daß ich der Vertheidiger des Gefangenen sein werde –“

„Ihre Vollmacht?“

„Ich stehe im Begriffe, sie mir zu holen. Sie erinnern sich, daß dieser Fall zum ersten Male stattfand, als ich Ihren Sohn, der jetzt in Amerika lebt, vor dem ersten Schwurgerichte vertheidigte. Daß ich die Schranken der Gesetzlichkeit nicht überschreite, wissen Sie.“

„Wer ist der Gefangene?“

„Franz Osbeck, ein Kamerad und Gesinnungsgenosse Ihres Sohnes. Sie dienten Beide als Offiziere bei einem Jägerregimente.“

„Er ward in verflossener Nacht verhaftet!“ murmelte der Greis. „Ich erfuhr es diesen Mittag durch den Polizei-Commissar.“

„Muß der Besuch heute noch stattfinden?“

„Der Gefangene weiß nicht, daß ich in der Residenz Advokat bin – wie kann er mich zu seinem Vertheidiger wählen? Außerdem muß ich erfahren, in wie weit er gravirt ist, denn habe ich keine Aussicht auf einen günstigen Erfolg meiner Bemühungen, so bin ich gezwungen, ihn seinem Schicksale zu überlassen.“

Der Major überlegte einen Augenblick, dann sagte er, nicht ohne einige Ueberwindung:

„Da mir nur die sichere Verwahrung des Gefangenen obliegt, glaube ich keine Pflichtverletzung zu begehen, wenn ich Ihnen Franz Osbeck auf eine halbe Stunde anvertraue.“

Er zog eine Glocke. Eine Ordonnanz trat ein. Der Major, der eine Liste durchgesehen hatte, sagte:

„Man gebe dem Schließer Befehl, diesem Herrn die Zelle Nro. 11 zu öffnen.“

Nach einigen Höflichkeitsphrasen verließ der Advokat den Major. Der Soldat führte ihn in einen andern Flügel des Staatsgefängnisses, und bald ward ihm die bezeichnete Zelle geöffnet. Mit der Laterne des Schließers in der Hand, überschritt er die Schwelle eines kleinen, viereckigen Gemachs, aus dem ihm eine angenehme Wärme entgegenquoll, zugleich aber auch jene eigenthümliche Luft, die man nur in Gefängnissen vorfindet. Nachdem er die Thür hinter sich geschlossen, blieb er ruhig stehen. Franz lag völlig angekleidet auf einem Matratzenbett. Er hatte den Kopf auf die Hand gestützt, und schien den Eintretenden kaum zu bemerken. Eine unheimliche Stille herrschte in dem Raume; selbst der Sturm, der den Schnee an das kleine mit starken Eisenstäben vergitterte Fenster trieb, war nur wie das Rauschen eines fernen Flusses zu vernehmen.

„Er ist's!“ flüsterte der Advokat, von dem Anblicke des bleichen Gefangenen tief ergriffen.

Franz schlug endlich die Augen auf. Als er den Fremden mit der großen Laterne des Kerkermeisters erblickte, richtete er sich verwundert empor.

„Ich habe um Licht gebeten,“ sagte er. „Bringen Sie mir endlich das Verlangte?“

„Franz! Franz!“ rief der Advokat, indem er sich ihm näherte und die Laterne auf einen Tisch setzte.

Der Gefangene saß wie erstarrt auf seinem Bette. Er schien in dem Gedächtnisse nach dem Manne zu forschen, der so theilnehmend seinen Namen ausgesprochen.

„Mein Gott, täuscht mich ein Traum?“ fragte er sinnend.

„Nein, armer Franz, die traurige Wirklichkeit empfängt Dich, und Julius Petri – –“

Der Gefangene stieß einen durchdringenden Schrei aus.

„Julius, Julius!“ rief er mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke. Und zugleich flog er an die Brust des Freundes, der seine Arme ausbreitete, und die bebenden Lippen des Gefangenen mit Küssen bedeckte. Wahre, innige Freundschaft bewegte die Brust der beiden Männer, daß sie auf Augenblicke den verhängnißvollen Ort ihres Wiedersehens vergaßen.

„Ich ziehe Dich zu mir auf das elende Lager eines Gefangenen,“ sagle Franz. „Aber ich bin kein Verbrecher,“ fügte er schmerzlich hinzu; „Du kannst mir ohne Bedenken die Freundeshand reichen. Mein Sinn war zu frei, Julius, und deshalb mußte man ihn in diese engen Kerkermauern zwängen.“

„Erspare Dir jede Rechtfertigung, armer Freund! Ich bin gekommen, um Dir die Hand, die alte, treue Rechte zu bieten. Und wenn ich nach dem Grunde Deiner Gefangenschaft frage, so geschieht es nur, um mich zu informiren, daß ich die rechten Mittel zu Deiner Rettung wählen kann.“

„Zu meiner Rettung? Zu meiner Rettung?“ rief Franz schluchzend. „Julius, Du weißt, daß ich kein Feigling bin, daß ich mehr als ein Mal dem Tode die Stirn geboten – aber halte mir die Thränen zu Gute, die mir jetzt der Gedanke an die Freiheit erpreßt, schilt mich nicht feig, wenn ich jetzt vor dem Tode, selbst vor einer langen Gefangenschaft zittere. Mein Herz ist mit Banden an das Leben gefesselt, die ich weder den Muth noch die Kraft besitze, zu zerreißen. Nicht um zu athmen, um die Freuden des Daseins zu genießen, will ich leben; sondern um zu lieben, um der frei anzugehören, die allein mein Leben ausmacht. Du kennst sie, Julius, Du selbst mußtest sie achten und lieben –“

„Helene!“ murmelte der Advokat. „Ihretwegen verlohnt es sich der Mühe, zu leben.“

[20] „Du kennst sie,“ fuhr Franz wie begeistert fort, „Und von diesem Engel an Schönheit und Tugend reißt mich eine menschliche Gewalt, die Macht der Verhältnisse, denen ich im Uebermuthe meines Glückes spottete. Helene hängt an mir in treuer Liebe, sie leidet, wenn ich leide, und sie ist glücklich, wenn ich glücklich bin. Mit einem Muthe, den ich Verwegenheit nennen muß, reiste ich durch das Land, in dem man nach mir fahndet. Ich trotzte den Gefahren, die sich mir überall entgegenstellten, und schon glaubte ich mich dem Ziele, der freien Schweiz, nahe, als mich mein Verhängniß ereilte.“

„Du wolltest nach der Schweiz,“ fragte verwundert der Advokat, „und nimmst diesen Weg, da es Dir doch freistand, einen minder gefahrvollen zu wählen?“

„Ich mußte es, Julius. Nach der unglücklichen Wendung der Dinge gelang es mir, nach Holland zu flüchten. Ich durfte Helene nicht mit mir nehmen, wenn ich sie nicht des Elendes eines armen Flüchtlings theilhaftig machen wollte. Von Amsterdam aus, wo ich am Hafen durch Lasttragen mein Brot kärglich verdiente, unterhielt ich einen Briefwechsel mit ihr. Wie gern wäre sie mir gefolgt, wenn sie die Mittel zur Reise gehabt hätte. Ich verdoppele meine Anstrengungen, um diese zu erschwingen. Tag und Nacht arbeitete ich am Hafen, und dabei nährte ich mich von trocknem Brote, um die Kosten meiner Existenz zu verringern. Meine Börse ward täglich schwerer, aber mein Körper, Julius, ward täglich hinfälliger, bis ich nach einiger Zeit auf das Krankenlager sank. Trostlos und jammernd lag ich in meiner elenden Dachkammer, und das sauer erworbene Geld verschlang die Krankheit wieder. Da kam ein Brief von Helenen, sie schrieb mir, daß sie mit einer englischen Familie, die sie zufällig kennen gelernt, nach Zürich gereist sei. Bei allen Heiligen beschwor sie mich, die Reise zu ermöglichen, und ihr in das freie Land zu folgen. Wenn Du diesen Brief erhältst, schloß sie, bin ich bereits unterwegs. Ich habe keinen Augenblick gezögert, das Anerbieten der liebenswürdigen Lady Lindsor anzunehmen, da ich in dieser Reise die einzige Möglichkeit unserer baldigen Wiedervereinigung erblicke. Ich bin so eine arme Waise, die nichts an die Heimath fesselt, die seit Deiner Entfernung nicht einmal eine Heimath mehr hat. Ach, Julius, dieser Brief entzückte mich, aber er schmetterte mich auch danieder. Meine Krankheit artete in ein schleichendes Fieber aus, es vergingen Wochen, selbst Monate, und ich konnte nicht an die Reise denken. Da ich Helene’s Adresse nicht wußte, war es mir auch unmöglich, ihr den traurigen Behinderungsfall mitzutheilen. Du kannst Dir meine peinliche Lage denken. Der Sommer und der Herbst verfloß, ehe meine Gesundheit zurückkehrte. Meinem Arzte, einem wackern Holländer, hatte ich mich anvertraut, und seiner Großmuth verdanke ich es, daß ich Geld, anständige Kleider und einen holländischen Paß erhielt. Die Krankheit hatte mich um zehn Jahre älter gemacht, und darauf bauend, daß man mich nicht so leicht erkennen würde, reiste ich wohlgemuth nach R., um zu sehen, ob Helene zurückgekehrt sei. Von einer ihrer Freundinnen erfuhr ich denn, daß sie sich noch in Zürich befinden müsse, da man sie seit dem Juni nicht wieder gesehen habe. Was war wohl natürlicher als die Annahme, daß sie dort meiner wartete? Ich reiste von R. ab, den kürzesten Weg nach der Schweiz wählend. Auf einer Poststation fiel mir die Staatszeitung in die Hände, und zu meinem nicht geringen Erstaunen fand ich darin die Anzeige, daß die Wittwe Simoni aus Hamburg das Bürgerrecht in der Residenz erworben und für ein bedeutendes Geschenk, das sie der Stadtarmenkasse gemacht, den Titel einer Commerzienräthin erhalten habe. Ich lebte nicht gerade in offener Feindschaft mit der Schwester meines Vaters, deshalb beschloß ich, da meine Kasse erschöpft war, die Residenz zu berühren, wo mich Niemand kannte, und bei meiner Tante um eine Summe nachzusuchen, mit deren Hülfe ich nicht nur das Ziel meiner Reise erreichen, sondern auch den Grund zu einer bescheidenen Existenz legen konnte. Die reiche Wittwe, dachte ich, hat die Armenkasse beschenkt, sie wird den armen Neffen, dessen Vermögen sie besitzt, nicht ohne Unterstützung von sich weisen. Ich kam in der Sylvesternacht hier an. In dem Hotel fragte ich nach der Wittwe Simoni, erfuhr ihre Wohnung, und daß sie einen glänzenden Ball gäbe. Es war nicht schwer, das Haus zu finden, ich sprach meine Tante, bat, flehte, und – ward abgewiesen.“

„Das ist mehr als grausam!“ sagte entrüstet der Advokat. „Hätte man Dir das Vermögen Deines Vaters zukommen lassen, ich zweifle nämlich nicht einen Augenblick an der Rechtmäßigkeit Deiner Forderung – Du wärst heute sicher in andern Verhältnissen. Man will Dich verderben, armer Freund, der Erbe des Compagnons muß so bei Seite geschafft werden. Das Ende Deiner Geschichte kenne ich nun: von R. aus, wo man Dich gesehen und erkannt, wurdest Du verfolgt. Ehe Du hier ankamst, vigilirte die Polizei auf Dich, und es konnte nicht schwer werden, Dich zu ermitteln.“

„Du weißt noch nicht Alles, Julius.“

„Nun?“

„Die reiche Wittwe, die der Armenkasse Geschenke macht, rief durch eine Glocke nach ihrer Gesellschaftsdame – denke Dir meinen freudigen Schrecken, als ich Helenen eintreten sah!“

„Ist’s möglich, Helene?“

„Sie befindet sich in dem Hause meiner Tante. Wie sie dorthin gekommen, weiß ich nicht. Ach, ich hätte ihr mögen zu Füßen fallen, denn sie erschien mir wie ein lichter Engel in der Nacht meines Elends. Aber ein Blick von ihr, den ich verstand, hielt mich zurück. Zugleich deutete sie auf die weiße Rose an ihrer Brust, das letzte Geschenk meiner Liebe. An ihrem Arme verschwand das sorglose Weib aus dem Zimmer – die Thür schloß sich hinter meinem Teufel und meinem Engel. Julius, ich war meiner Sinne nicht mehr mächtig, und was ich nun mit Robert, meinem Vetter, verhandelte, weiß ich nicht mehr. Ich dachte nur an das Glück, mit ihr zu entfliehen, es gab keine Vergangenheit mehr für mich, die Zukunft war mir Alles – da trat die Gegenwart mit ihrem ganzen furchtbaren Gewichte dazwischen – ich ward verhaftet und fortgeschleppt. Als ich aus meiner Betäubung erwachte, befand ich mich im Gefängnisse.“

„Armer Freund!“ seufzte der Advokat.

„Fast möchte ich glauben,“ sagte Franz mit einem schmerzlich bittern Lächeln, „daß ich meines Verstandes nicht mächtig bin, wie die Wittwe behauptete, als ich das Vermögen meines Vaters beanspruchte. Mein Kopf ist wüst, ich kann mir aus dem Chaos von Begebenheiten keinen Begriff gestalten, und Lebensüberdruß kämpft mit der Sehnsucht nach dem Leben.“

[29] Franz ließ den Kopf auf die Brust herabsinken und starrte auf einen Ring, den er am Goldfinger seiner linken Hand trug. Julius beobachtete ihn mit großer Aufmerksamkeit. Plötzlich, als ob er einen Entschluß gefaßt, zog er seine Uhr und sagte.

„Die Zeit vergeht, und jede Minute ist kostbar. Franz, Du wirst mich zu Deinem Vertheidiger wählen. Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, Dich zu retten. Seit der Einführung der Geschworenen-Gerichte ist unsere Gerechtigkeitspflege in ein neues Stadium getreten, man kann nicht mehr mit einem Federzuge vernichten oder schaffen. Dem Kriegsgerichte fällst Du nicht anheim, da Du nicht mehr Offizier warst, als Du Dich der Sache des Volks annahmst. Ich kenne Dein Leben bis zu der Flucht, und wenn man Dir nichts weiter zur Last legen kann –“

„Nichts, nichts weiter!“ flüsterte Franz.

„Verzage nicht, und nun lebe wohl! Von jetzt an komme ich nur als Dein Vertheidiger, wir dürfen uns ferner nicht mehr mit dem Herzen, sondern nur mit dem Verstande unterhalten. Also, Franz, hast Du dem Freunde noch etwas anzuvertrauen, so rede jetzt!“

Beide erhoben sich von dem Bette.

„Julius,“ sagte der Gefangene ernst und fast feierlich, „es gab eine Zeit, wo Du Dich um die Liebe meiner Helene bewarbst, denn Du wußtest nicht, daß der Freund schon das Glück ihrer innigen Zuneigung genoß. Du tratest zurück, Deinen Schmerz bekämpfend, aber Du bliebst mein Freund, und bewahrtest Helenen die Hochachtung, die sie Dir aufgelegt. Wie mußte ich Dich lieben und achten, Julius, als ich Deinen Kampf mit dem Geschicke sah –“

„Und ich bin aus diesem Kampfe siegreich hervorgegangen!“ rief mit strahlenden Blicken der junge Advokat. „Wie Du mir ein Freund, so ist jetzt mir Helene eine Freundin, deren Glück zu befördern, ich für Pflicht erachte, und ich weiß, daß sie in Deinem Besitze all ihr Glück findet. Ich sah im Voraus den Verlauf der politischen Dinge, deshalb trat ich damals zurück, als der Feuereifer zu den Waffen griff und blindlings eine gefährliche Bahn verfolgte. Aber ich habe meine Gesinnung deshalb nicht geändert, ich wirkte nach meiner Weise im Interesse der guten Sache. Es mußte eine Zeit kommen, wo man redlicher Advokaten bedurfte, Männer, denen es nicht an Muth und Geschicklichkeit fehlte, sich der Unterdrückten und Besiegten anzunehmen – für diese Zeit, Franz, habe ich mich vorbereitet, und jetzt ist sie da, aber auch ich stehe an meinem Platze, jetzt kämpfe ich für die, die mich damals mit scheelen, argwöhnischen Augen betrachteten. Nicht nur aus Ueberzeugung trete ich vor die Schranken des Gerichts, sondern auch weil es meine Ehre erfordert.“

„Der Himmel segne Dein Bemühen, wackerer Mann! Doch jetzt höre den letzten Wunsch des Freundes. Du kennst das Band, das mich an das Leben fesselt, prüfe es statt meiner, Julius, und findest Du, daß es zu schwach ist, mein Glück zu machen, so laß mich als ein Opfer meiner Gesinnung, unserer Freiheit fallen!“

„Ich verstehe Dich, armer, armer Freund! Doch hoffe, und sei guten Muthes, Helene kann Dir nicht untreu werden, denn sie besitzt ein muthiges Herz, das allen Gefahren trotzt.“

Die beiden Freunde konnten nicht weiter reden, sie mußten die aufsteigenden Gefühle in ihrer Brust verschließen. Ein Aufwärter trat mit dem Abendessen des Gefangenen ein. Schweigend reichte Julius dem bleichen Franz die Hand, und verließ rasch den Kerker.

„Ich esse nicht!“ sagte der Gefangene. „Aber wollen Sie mir eine Gefälligkeit erzeigen, so lassen Sie mir das Licht zurück,“

„Mit Freude würde ich Ihren Wunsch erfüllen, wenn es mir gestattet wäre!“ war die Antwort.

Franz winkte, und auch der Wärter entfernte sich. Rasselnd schloß sich die Thür - der Gefangene sank auf sein Lager.

V.

Zwischen Mutter und Sohn war seit jenem heftigen Auftritte ein eigenthümliches Verhältniß eingetreten. Die Commerzienräthin beobachtete eine erzwungene Freundlichkeit, sie war selbst zuvorkommender als sonst, und behandelte Helenen mit einer Art Leutseligkeit, als ob sie Mitleiden mit der gedrückten Gemüthsstimmung derselben fühle. Robert hingegen hatte seine Lebhaftigkeit verloren, und er vergaß zwar nie die Achtung gegen seine Mutter, aber er verfolgte jede ihrer Handlungen und Anordnungen mit einem Argwohne, den er kaum geheim zu halten im Stande war. Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß seine Mutter, deren Ehrgeiz durch den Aufenthalt in der Residenz angestachelt war, aus Liebe zu ihm einen Plan aufgeben würde, der sie mit der höchsten Sphäre in eine so nahe Verbindung brachte; sie fügte sich, seiner Ansicht nach, entweder aus Furcht vor der ausgesprochenen Drohung, oder aus Klugheit. In beiden Fällen war er entschlossen, Alles aufzubieten, denn mit den Schwierigkeiten, sie sich seiner Ansicht entgegenstellten, erschien ihm Helene nicht nur reizender, auch seine Leidenschaft verlor völlig die Sinnlichkeit, von der sie bis dahin nicht frei gewesen war.

[30] Helene versah die kleinen Obliegenheiten, die man ihr als Gesellschafterin der Commerzienräthin zugetheilt, mit erhöhter Pünktlichkeit, es schien selbst, als ob sie mit Schmerz das eingetretene Mißverhältniß erkannt hätte, und nun ihre Wohlthäterin durch vermehrte Sorgfalt dafür entschädigen wolle. Der argwöhnische Robert war auf seine Mutter eifersüchtig, er glaubte ihrer Verschlagenheit zutrauen zu dürfen, daß sie in Helenen selbst sich ein Mittel erschuf, seine Verbindung mit ihr zu verhindern. Der glühende Liebhaber war in den nächsten vierzehn Tagen nur mit seiner Herzensangelegenheit beschäftigt, er gedachte kaum des gefangenen Franz noch, der ihm in jeder Beziehung ungefährlich erschien. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf Helene gerichtet, und wenn er mit ihr sich festgestellt, so glaubte er alle Hindernisse beseitigt zu haben.

Madame Simoni hatte ihren Besuch bei dem Präsidenten wiederholt. Dieser Umstand bewog ihn, die Verständigung mit Helenen zu beschleunigen. Eines Morgens traf er sie allein in dem Zimmer seiner Mutter. Verwirrt legte sie das Zeitungsblatt aus der Hand, in dem sie gelesen hatte. Robert grüßte mit bewegter Stimme und küßte ihr die Hand. Sie erröthete bei dieser Grußbezeugung und ihre Blicke senkten sich zu Boden.

„Wo ist meine Mutter?“ fragte er.

„Sie wird erst um zehn Uhr ihr Schlafzimmer verlassen. Wenn Sie die Frau Commerzienräthin sprechen wollen –"

„Nein, Helene, ich preise vielmehr den Zufall, der mir gestattet, Sie ohne Zeugen zu sehen.“

„Mich, mein Herr?“ fragte sie in einer Verwirrung, die ihr ungemein reizend stand, und die Robert in seinem Interesse für ein gutes Zeichen hielt.

Sie stand vor ihm in einer Verfassung, die ihre Schönheit im vollen Lichte zeigte. Das große blaue Auge verklärte ein ruhiger Glanz, die in ihren Umrissen so edeln und reinen Gesichtszüge waren der Wiederschein eines weiblichen Gemüths, das alle Schätze von Tugend und Liebe barg. Wie in ihrem ganzen Wesen, so schien Helene auch in ihrer einfachen Toilette die Künste der Koketterie zu verschmähen, und wenn jener Glanz, der der Seele entströmt, selbst häßlichen Frauen Reize verleiht, wie wunderbar mußte er Helenen schmücken, die von der Natur mit Grazie begabt, schön gewachsen und im Besitze eines himmlischen Augenpaares war.

„Helene, Sie dürfen mir eine Unterredung nicht verweigern, von der meine Ruhe, mein ganzes Lebensglück abhängt. O lassen Sie sich durch keine Rücksicht abhalten, offen, ganz offen zu mir zu reden!“ rief er flehentlich und indem ihm die Thränen in die Augen traten.

„Was wollen Sie wissen, Herr Simoni?" flüsterte sie kaum hörbar.

„Ich fordere nicht die Enthüllung des Geheimnisses, von dem Sie neulich sprachen, daß es auf Ihrer Seele haftet; aber geben Sie mir Gewißheit, ob ich, zu welcher Zeit es auch sei, von Ihrem Herzen eine günstige Entscheidung erwarten darf.“

„Ihre Mutter, mein Herr!“ stammelte Helene, erschreckt über den Ungestüm des jungen Mannes,

„Meine Mutter wird es Ihnen danken, wenn Sie ihren Sohn zu dem glücklichsten der Menschen machen, und er wird es sein, Helene, wenn Sie sich entschließen können, seine Hand anzunehmen. Entreißen Sie mich den furchtbaren Zweifeln, die mein Herz zernagen, sagen Sie mir nur mit einem einzigen Worte, ob ich hoffen darf, daß jenes Geheimniß Ihnen keine Fesseln anlegt, daß es Ihnen noch frei steht, ohne Zwang den künftigen Lebensgefährten zu wählen.“

„Ich habe Sie gebeten, mein Herr, mir Zeit zu gönnen!“ stammelte sie. „Und auch Sie selbst bedürfen der Zeit, um die kennen zu lernen, die Sie in Ihre Familie aufnehmen wollen. Vergessen Sie nicht, daß es sich um Ihre ganze Zukunft handelt.“

„O mein Gott, diese ewigen Bedenken!“ rief Robert hingerissen. „Ich fürchte nicht, daß meine Liebe sich ändert, denn Sie, Helene, bleiben so dieselbe, auch wenn Sie nie den Schleier von Ihrer Vergangenheit nehmen.“

„Sie setzen ein großes Vertrauen in mich, das ich vielleicht nicht verdiene.“

„Mein Mißtrauen erstreckt sich nur auf die Freiheit Ihres Herzens.“

„Ich würde es Ihnen längst gesagt haben, Herr Simomi, wenn ich in dieser Beziehung gefesselt wäre. Die Pflicht der Dankbarkeit erfordert ein unumwundenes Geständniß.“

„Helene, Sie können noch eine Wahl treffen?“

„Ich kann es!“ flüsterte sie, verwirrt die Augen zu Boden senkend.

Robert stürzte zu ihren Füßen nieder, hastig ergriff er ihre beiden kleinen Hände und bedeckte sie mit glühenden Küssen.

„Dann, Helene,“ rief er aus, „werde ich nicht ermüden, mich um Ihre Gegenliebe zu bewerben. Aber verkennen auch Sie Ihre Stellung nicht in unserm Hause –“

„Stehen Sie auf, mein Herr!" rief die junge Dame in einer martervollen Angst, und indem sie starren Blicks aus den Knieenden herabsah.

Sie zog ihn empor und entwand sich sanft seinen Händen. In diesem Augenblicke ließ sich die Glocke der Commerzienräthin vernehmen. Helene verneigte sich und verschwand durch eine Thür.

„Dieser Engel wird mein Weib,“ flüsterte der entzückte Robert, „und wenn sich die Welt mir entgegenstellte! Sie kann nicht anders handeln, denn sie ist ein zartfühlendes, taktvolles Mädchen. Ach, ich möchte alle Menschen umarmen, möchte sie alle so glücklich machen, wie ich jetzt durch das Geständniß Helenen’s geworden bin. Sie liebt mich, sie liebt mich! Es unterliegt keinem Zweifel!“

Eine Stunde später ließ sich der Advokat Petri anmelden. Robert selbst führte den Rechtsanwalt in das Zimmer seiner Mutter, die ihn mit großer Neugierde empfing.

„Madame,“ begann der Advokat, „man hat mich zum Vertheidiger eines gewissen Franz Osbeck berufen, der wegen politischen Verbrechens in Ihrem Hause verhaftet wurde.“

„Leider!“ rief entrüstet die Wittwe. „Uebrigens, mein Herr, ersuche ich Sie, mich in diese traurige Angelegenheit nicht weiter zu verwickeln, denn ich kenne Franz Osbeck nicht, will ihn nicht kennen, obgleich er unglücklicherweise mein Neffe ist. Es bedarf wohl weiter keines Nachweises, daß die Commerzienräthin Simoni mit einem vagirenden Demokraten nicht in Verbindung steht. Ich habe mich schon von ihm losgesagt, noch ehe er sich gegen den Staat vergangen.“

„Auch kann man nicht sagen,“ fügte Robert hinzu, „daß wir ihm seine Flucht erleichtert haben, er forderte eine Geldunterstützung – wir haben sie ihm verweigert, um uns durchaus in keine Beziehung zu ihm zu setzen.“

„Verzeihung,“ sagte ruhig der Advokat, „es ist nicht meine Absicht, irgend einen Mitgenossen des Angeklagten aufsuchen zu wollen, um vielleicht dadurch seine Schuld zu verringern, die, leider muß ich es sagen, eklatant am Tage liegt; aber die Pflicht gebietet mir, zu forschen, wieweit ich seinen Angaben Glauben schenken kann.“

„Sollte Herr Osbeck seinen eigenen Vertheidiger belügen?“ warf Robert höhnend ein.

„Wenn auch nicht mit Vorsatz, mein Herr, aber das Unglück scheint seinen Geist so geschwächt zu haben, daß ich nur mit großer Vorsicht seine Aussagen aufnehmen darf. So behauptet der Gefangene beharrlich, Ansprüche auf die Hälfte Ihres Vermögens zu haben –“

Der Advokat unterbrach sich, und sah mit einem feinen Lächeln die Wittwe an. Madame Simoni, die darauf vorbereitet war, blieb ruhig,

„Und Sie, mein Herr, wollen diese Ansprüche geltend machen?“

„Nein, Madame, dazu bin ich nicht berufen. Ich müßte ein schlechter Advokat sein, wenn ich einen Criminalprozeß mit einer Erbschaftsangelegenheit vermischen wollte.“

„Was ist in diesem Falle der Zweck Ihres Besuchs?“ fragte Robert.

„Kein anderer, als mich über den Geisteszustand des Gefangenen zu informiren. Es kommt Alles darauf an, von welchem Gesichtspunkte ich bei meiner Vertheidigung ausgehe, die unstreitig eine der schwierigsten Aufgaben für einen Rechtsgelehrten ist. Thatsachen, die nicht nur ihre Wirkung ausgeübt, sondern auch durch Zeugen bewiesen sind, kann selbst der scharfsinnigste Jurist nicht hinwegdisputiren, und es würde ein arger Fehlgriff sein, wollte ich in diesem Sinne meinen Clienten zu vertheidigen suchen. Franz Osbeck ist nach meiner Ansicht für das Leben verloren, man wird ihn sicher zum Tode verurtheilen, wenn es mir nicht gelingt, ihm eine Stelle in der Irrenanstalt zu verschaffen. Meine Aufgabe ist, ihn so weit als möglich von der drohenden Strafe zu befreien, [31] und wird er den Händen der Aerzte überliefert, so ist dies keine Strafe sondern ein Loos, das ihn auch dann betroffen haben würde, wenn er sich des Vergehens nicht schuldig gemacht hätte.“

Mutter und Sohn sahen sich mit bedeutsamen Blicken an, die dem aufmerksame Advokaten nicht entgingen, obgleich er seine Uhr hervorgezogen und das Zifferblatt derselben betrachtet hatte.

„Mein Herr,“ begann Robert, „Sie bestätigen eine Ansicht, die ich längst über Franz Osbeck gelegt habe. Seine Angriffe auf das Vermögen und die Ehre meines seligen Vaters sind zu extravagant, als daß sie ein gesunder Verstand erfunden und unternommen haben könnte. Wir haben bis jetzt unterlassen, eine öffentliche Erklärung über ihn abzugeben, da wir Rücksicht auf den Verwandten nahmen, jetzt aber ist es unsere Pflicht, und wir verbinden uns gern mit Ihnen, um seinen Geisteszustand zu constatiren.“

„Dann ist Alles erfüllt, was ich von Ihnen erwartete,“ sagte Julius Petri. „Sie üben eine traurige Pflicht, aber Sie retten dadurch einem Menschen das Leben, der unter den obwaltenden Verhältnissen unser innigstes Mitleiden verdient. Der Jurist muß es ihm freilich versagen, da er mit kaltem Verstande zu prüfen und darzuthun hat, was seine Straflosigkeit herbeiführen kann. Gelingt es mir, zu beweisen, Franz Osbeck hat schon früher Spuren von Geistesverwirrung gezeigt, so wird man auch nothgedrungen zugeben müssen, daß er seine politischen Vergehen in demselben Zustande verübt hat, zumal da sie das Gepräge eines tollen Uebermuthes tragen. Wir beweisen so nur die Wahrheit, Madame,“ wandte er sich zu der Wittwe, „und die Wahrheit darf man vor aller Welt bekennen. So betrachte ich Sie denn als die Zeugen dessen, was ich vor Gericht behaupten werde, und Sie, mein Herr, werden die Güte haben, der Vorladung des Gerichts Folge zu leisten.“

Robert verneigte sich, als Zeichen, daß er bereit sei.

„Die Geisteskrankheit Ihres Neffen,“ fuhr Julius fort, „ist von so eigenthümlicher Art, daß es eines scharfen Blicks bedarf, um sie zu erkennen. Er spricht gut und zusammenhängend, und seine Behauptungen gleichen denen eines Verständigen, die sich auf Ueberzeugung stützen. Aus meinen Unterredungen mit ihm ist mir klar geworden, daß er mir mit Eifer widersprechen würde, wollte ich seine Geisteskrankheit in seiner Gegenwart zur Grundlage meiner Vertheidigung machen. Demnach wird mir die Beweisführung unendlich erschwert, und ich bin gezwungen, den scharfen und jähen Wechsel seiner Empfindungen, an denen ich seinen Zustand erkannt habe, durch äußere, zufällige Einflüsse zu veranlassen, damit er den Richtern klar werde. Mein Client selbst muß seine Unzurechnungsfähigkeit beweisen, ohne daß er meine Absicht erräth.“

„Herr Advokat,“ sagte die Wittwe, „ich bewundere Ihren Scharfsinn. Retten Sie meinen Neffen vom Tode und überliefern Sie ihn einer sichern Obhut in dem Irrenhause, so zählen Sie auf meine Dankbarkeit. Der Gedanke ist mir schrecklich, daß ein Glied meiner Familie den Tod eines Verbrechers stirbt. Retten Sie ihn, retten Sie ihn um jeden Preis!“

„Meine Ehre als Jurist erfordert es,“ antwortete Julius.

„Und ist es wirklich Ihre Ansicht, daß der Angeklagte aus Irrsinn gehandelt hat?“

„Ja, Madame,“ war die feste Antwort. „Gewisse Dinge werden bei ihm zur Monomanie, und dahin gehört die unglückliche Erbschaftsgeschichte, von der er sich nicht losreißen kann, sobald er sie einmal berührt hat.“

Robert hatte während der Zeit über die Vortheile nachgedacht, die ihm daraus erwachsen mußten, wenn der Advokat, der nach seiner Ansicht von Ehrgeiz geleitet wurde, seinen Zweck erreichte. Er schilderte nun das Benehmen des unglücklichen Franz vor der Verhaftung, und verschwieg selbst die plötzliche Veränderung desselben nicht, die das Erscheinen Helenen’s in ihm hervorgebracht.

„Das spricht für meine Behauptung!“ sagte Julius. „Wer ist das junge Mädchen?“ fragte er in einem gleichgiltigen Tone. Die Wittwe gab ihm Auskunft.

„Sie war mehre Jahre Gouvernante bei einer englischen Familie, die vorigen Herbst in ihr Vaterland zurückgereist ist,“ schloß sie ihren Bericht. „Auf die Empfehlung meines Arztes nahm ich sie als Gesellschafterin zu mir, und ich muß bekennen, daß sie der ihr vorangegangenen Empfehlung vollkommen entsprochen hat. Sie ist schön, gebildet und gut!“ fügte sie mit einer leisen Beziehung hinzu.

Der Advokat hatte einige Augenblicke nachgedacht.

„Es läßt sich wohl nicht annehmen,“ fragte er plötzlich, „daß Franz die junge Dame schon früher gesehen hat'.“'

„Gewiß nicht!“ rief Robert eifrig. „Sie hatte für den Fremden, der sich wie ein Wahnsinniger geberdete, weder einen Gruß noch einen Blick. Ruhig verließ sie mit meiner Mutter das Zimmer. Wenn sie auf Franz einen Eindruck ausübte, so ist dies erklärlich, denn Helene ist eine reizende Erscheinung.“

Der Advokat verabschiedete sich von der Commerzienräthin. Robert begleitete ihn bis in das Vorzimmer.

„Mein Herr,“ sagte er, „Sie leisten uns einen großen Dienst, wenn Sie den Gefangenen der Verurtheilung entziehen. Die Familie Simoni ist erbötig, nicht nur die Unterhaltungskosten im Irrenhause zu tragen, sie wird auch dem wahren Vertheidiger jede Summe zahlen. – –“

„Ich erlaube mir später aus diesen Punkt zurückzukommen,“ unterbrach ihn Julius. „Sobald die Arbeit gethan, stelle ich meine Rechnung aus.“

„Betrachten Sie mich als Ihren Clienten!“ rief Robert dem Scheidenden nach. Dann ging er mit heiterm Antlitze in das Zimmer zurück. „Mutter.“ sagte er, „auf eine bessere Art hätten wir uns mit dem gefährlichen Franz nicht abfinden können. Von einem Menschen, der für das Tollhaus reif ist, lassen sich derartige Geldansprüche, wie sie der Vetter erhebt, erwarten, den Verurtheilten aber würde man beklagen und uns beargwöhnen und verdammen. Daß ich vor Gericht erscheine, um die Geistesverwirrung Franzen’s zu beweisen, wird man für eine rettende That, und nicht für eine Handlung der Eigennützigkeit halten. An der Seite seines Vertheidigers stehe ich für ihn und nicht gegen ihn!“

„Ich wünsche dem Advokaten Glück!“ sagte lächelnd die Wittwe.

Robert führte seine Mutter in den Speisesaal, wo Helene ihrer wartete. Unter heitern Gesprächen, an denen auch mehr als sonst die reizendere Gesellschafterin Theil nahm, saßen die drei Personen eine Stunde bei Tische. Denselben Abend theilte die Wittwe ihrem Sohne mit, daß sich Helene entschlossen habe, für immer in ihrer Familie zu bleiben.

„Mutter,“ sagte Robert mit glühenden Blicken, „Sie geben mir Helenen, und ich gebe Ihnen dafür – das verhängnißvolle Geheimniß meines Vaters zurück.“

„Gut, Robert, ich halte Dich beim Worte!“

„Wann soll meine Verlobung öffentlich gefeiert werden?“

„An demselben Tage, der den gefährlichen Erben in das Irrenhaus bringt!“

Beide reichte sich die Hand, um den Bund zu bekräftigen, den Habsucht und Liebe geschlossen hatten.


VI.

Einen Monat später, Morgens gegen 9 Uhr, hielt eine glänzende Equipage vor dem Hause der Wittwe. Drei Personen stiegen ein: es waren der Advokat Julius Petri, Helene und Robert Simoni. Der alte Georg schloß den Schlag des Wagens, dann ging er die Stufen der Treppe wieder hinauf, indem er murmelte:

„Wenn die Nichtswürdigkeit dieser Menschen gelingt, giebt es weder im Himmel noch auf der Erde eine Gerechtigkeit! Es wäre dem armen Franz besser, daß er auf dem kürzesten Wege zu seinem Vater gelangte. Ich will so lange warten, bis das Loos des Unglücklichen entschieden ist – dann aber werde ich dem habgierigen Weibe meine Meinung sagen und das Haus des Verbrechens verlassen. Großer Gott, was für Unglück hat der leidige Mammon schon angerichtet!“

Gesenkten Blicks ging der Greis über die weite Hausflur. Da sah er einen kleinen, glänzenden Gegenstand am Boden liegen, er hob ihn auf.

„Die weiße Rose, die Helene stets zu tragen pflegt!“ murmelte er. „Ich werde sie aufbewahren, und sie der Braut des Herrn Robert zurückgeben, die sie wahrscheinlich ungern verloren hat. Wenn ich nur erst weiß, was diese Person für eine Rolle spielt. Während sie am Tage die Züchtigkeit und Bescheidenheit selbst ist, verläßt sie Abends heimlich das Haus, und kommt erst z’ rück, wenn der Nachtwächter auf seinem Horne bläst. Ich kann den Verräther [32] nicht spielen, aber es wird doch noch Alles an das Tageslicht kommen.“

Der greise Diener betrat sein Stübchen.

Vor einem großen prächtigen Gebäude hielt der Wagen an, der rasch auf die mit Schnee bedeckten Straßen gefahren war. Der Advokat führte seine Begleiter eine breite Steintreppe hinan; dann über einen Corridor in ein erwärmtes Zimmer, wo sie von einem Gerichtsdiener empfangen wurden. Helene, vor Angst am ganzen Körper zitternd, sank auf einen Stuhl.

„Fassen Sie sich,“ ermahnte der Advokat; „Sie stehen im Begriffe, ein gutes, gottgefälliges Werk zu vollbringen. Ich fordere nichts von Ihnen, als daß Sie die Schilderung bewahrheiten, die ich von dem Zustande des Angeklagten entwerfen werde, der seiner Verhaftung voranging. Bedenken Sie, es handelt sich um Leben und Tod.“

Helene hatte mit großer Anstrengung ihre Fassung wieder erlangt.

„Verzeihung,“ wandte sie sich schmerzlich lächelnd zu Robert, „mir ist so ängstlich zu Muthe, als ob ich selbst die Angeklagte sei, und mein Urtheil zu erwarten hätte.“

Robert tröstete, und versprach, nicht einen Augenblick von ihrer Seite zu weichen.

„Glauben Sie mir, Helene,“ flüsterte er, „Sie leisten meiner Mutter einen großen Dienst!“

Und zitternd zog er ihre Hand an seine Lippen.

„Herr Simoni,“ flüsterte sie zurück. „ich nehme keinen Anstand, mich an Ihrer Seite zu zeigen, denn man spricht ja bereits von der Neigung, die Sie zu der Gesellschafterin Ihrer Mutter gefaßt haben.“

„Wäre es möglich gewesen, theure Helene, so sollte Franz Osbeck der Gattin seines beleidigten Vetters die Freiheit und das Leben verdanken.“

Ein Gerichtsdiener erschien und sprach leise mit dem Advokaten. Julius wandte sich darauf zu den beiden jungen Leuten.

„Ich bitte,“ sagte er, „hier so lange zu warten, bis dieser Mann Sie zum Eintreten auffordern wird.“

Dann verschwand er in dem Sessionssaale des Geschwornen-Gerichts. Eine halbe Stunde war verflossen, als der Diener eintrat, und die Zeugen zum Erscheinen aufforderte. Robert zitterte, als er Helenen den Mantel abnahm. Das junge Mädchen war ungewöhnlich bleich, es schien, als ob alles Blut aus Wangen und Lippen gewichen wäre; aber sie zitterte nicht, und in ihrem ganzen Wesen sprach sich die Festigkeit aus, die den Frauen in den kritischsten Momenten des Lebens eigen zu sein pflegt. Sie stand in dem einfachen schwarzen Kleide vor ihm, einen tiefen, forschenden Blick auf ihn werfend.

„Ihren Arm, Helene!“ flüsterte er.

„Hier ist er!“ sagte sie rasch und fest.

In dem Augenblicke, als sie die Schwelle des Sessionssaales überschritten, zuckte Helene heftig zusammen; sie bemerkte jetzt erst, daß sie ihren Schmuck, die weiße Rose, verloren hatte. Sie sah noch einmal in das Vorzimmer zurück – als sich das Verlorne nicht zeigte, ging sie festen Schritts zu der Bank der Zeugen, die sich neben dem Platze des Vertheidigers befand. Unter den Zuhörern auf den Gallerien erhob sich ein Flüstern der Bewunderung bei dem Erscheinen des reizend schönen, bleichen Mädchens. Robert konnte sich bei diesem Geräusche, das er vollkommen begriff, eines Gefühls des Stolzes und der Freude nicht erwehren – er drückte den Arm seiner Geliebten fester an sich. Da fühlte er, daß sie sich auf ihn stützte.

Nachdem der Präsident erklärt, daß ihm beide Zeugen von Person bekannt seien, ermahnte er sie, gewissenhaft auf die Fragen zu antworten, die man ihnen vorlegen würde. Der Advokat bat nun den Präsidenten, den Angeklagten vorführen zu lassen. Der Befehl dazu ward mit lauter Stimme ertheilt. Gleich darauf ward eine Thür geöffnet, und Franz Osbeck, von zwei Gensd’armen geführt, trat ein. Sein bleiches, kummervolles Aussehen, das die Kerkerhaft noch erhöht hatte, erregte um so mehr die allgemeine Theilnahme der Versammlung, als Julius Petri in einer ergreifenden Rede den traurigen Geisteszustand des Angeklagten geschildert hatte. Und in der That, Franz glich in diesem Augenblicke jenen armen Geschöpfen, denen Gott den vollen Gebrauch ihres Verstandes versagt hat. Bart und Haupthaar umflossen wirr das bleiche, feine Gesicht, in dem die Augen düster und unheimlich glühten. Man sah ihm deutlich an, daß er sich Mühe gab, den kranken Körper aufrecht zu tragen, und daß ihn ein gewaltiges Leid zu Boden drückte. Wie ein Kind ließ er sich zu der Bank der Angeklagten führen. Stehend, ohne die geringste Bewegung, hörte er die Klage an, die nun mit lauter Stimme noch einmal verlesen wurde. Man beschuldigte ihn des offenen Aufruhrs, des thatsächlichen Kampfes mit dem Schwerte in der Hand gegen königliche Truppen, und des beabsichtigten und zum Theil gelungenen Umsturzes der bestehenden Landesregierung, sowie endlich der Theilnahme an einem Complotte, das sich zur Vertreibung des Landesherrn verschworen habe.

„Sind Sie der Ihnen zur Last gelegten Verbrechen geständig?“ fragte der Präsident nach der hergebrachten Form.

Jetzt erhob Franz sein Haupt, mit ruhigen, stolzen Blicken sah er zu den Richtern empor. Dann antwortete er fest und würdevoll:.

„Die Lüge ist mir von jeher fremd gewesen, und ein Mann von Ehre darf sich ihrer nicht bedienen, selbst wenn er sein Leben dadurch retten könnte. Meine Ansichten, die mich damals in den Kampf trieben, sind noch heute dieselben, und ich bekenne offen und frei, daß ich muthig für die heilige Sache der Freiheit das Schwert gezogen, und daß ich eine neue, freisinnige, der Gegenwart entsprechende Regierung einsetzen wollte. „Ja,“ rief er, „Volk und Richter mögen es hören: ich habe die Thaten begangen, die man zu Verbrechen stempelt! Das ist Alles, was ich denen zu entgegnen habe, die Muth und Beruf in sich führen, über die Ansichten aufgeklärter Menschen zu richten!“

Dann ließ er sich auf der Bank nieder, kreuzte die Arme und starrte düstern Blicks zu Boden.

Eine tiefe Pause sollte den Worten des Angeklagten, der zu verschmähen schien, eine Vertheidigung zu unternehmen. Das Bild, das Franz in diesem verhängnißvollen Augenblicke bot, war völlig geeignet, den Vertheidigungsgrund des Rechtsanwalts kräftig zu unterstützen. Wer greift nicht in der höchsten Noth zu dem letzten Rettungsmittel, und wenn es noch so schwach ist? An eine Erhebung der Seele bis zu der äußersten Selbstverleugnung glaubte man in jener Zeit nicht mehr, und die Begriffe von Ehre und Muth, wie sie Franz definirte, erschienen im Angesichte des Todes durch den Henker so seltsam, daß man den armen Mann offenbar für verrückt halten mußte. Richter und Zuhörer waren von der Geisteszerrüttung des Angeklagten moralisch überzeugt, aber noch fehlten die juristischen Beweise voll apodiktischer Klarheit, und diese zu liefern, war die Aufgabe des Vertheidigers.

Unter der gespannten Aufmerksamkeit der Versammlung erhob sich Julius.

„Franz Osbeck,“ sagte er ruhig und fest, „in dem Augenblicke Ihrer Verhaftung hingen Sie mit warmer Liebe an dem Leben, das Sie jetzt durch ein unbedingtes Eingehen auf Ihre Schuld zu verschmähen scheinen. Mich, Ihren Vertheidiger, würde der Vorwurf treffen, die Schwermuth außer Acht gelassen zu haben, die sich in dem Kerker Ihrer bemächtigt hat, wollte ich Sie nicht zur Aufrechterhaltung Ihres Lebensmuthes mahnen. Sie stehen zwar allein in der Welt, in der Ihre Lieblingspläne vereitelt sind; aber es muß der in der allgemeinen Meinung für feig gelten, der unter dem Scheine eines Märtyrers zum Selbstmörder wird.“

Der Angeklagte sah mit glühenden Blicken empor. Sein bleiches Gesicht prägte den jähen Uebergang von stolzer Entrüstung zu einer schmerzlichen Innigkeit aus.

„Es ist wahr,“ sagte er mit bebender Stimme, „ich stehe allein, ganz allein in der Welt! Fast muß es scheinen, also wollte ich durch die Hand des Richters ein Joch abschütteln, das mir verhasst ist. Aber ich versichere bei Allem, was mir heilig ist – –“


„Versichern Sie nichts, mein Herr!“ unterbrach ihn der Advokat. „Es giebt Leute, die bezeugen, daß Ihnen bei Ihrer Verhaftung noch das Leben lieb war. Sie forderten Geld zur Flucht von Ihrem Vetter. Herr Simoni wird nicht anstehen, es zu bekennen, wenn Sie beharren sollten – –“

[41] „Robert! Robert!“ rief Franz mit durchdringender Stimme und indem er beide Hände ausbreitete. „Du, Du willst mich retten? Nein, das kannst Du nicht, Du bist gekommen, um mich zu verderben! Geh, und sage Deiner Mutter, daß ich meine Ansprüche auf die Erbschaft mit in das Grab nehme! Du bist mein Feind, aber ich verzeihe Dir. Deine Mutter ist die Schwester meines Vaters, der mich dort oben erwartet!“

Diese Wendung der Scene hatte Robert nicht vorausgesehen; er hatte vielmehr gehofft, sein Zeugniß über den Vetter nur vor den Richtern ablegen zu müssen.

„Franz,“ sagte er bestürzt, „Du siehst, ich stehe auf der Seite Deines Vertheidigers.“

„Willst Du mir jetzt mein Leben hinwerfen, wie an jenem Abends Deine Börse? Geh’, ich will Dir nichts zu danken haben! Das Gericht mag nach dem Gesetz erkennen, und ich beuge mich willig dem Urtheile. Noch einmal, Robert, ich verzeihe Dir, denn ich kann den nicht hassen, den ich bemitleiden muß.“

Der aufgeregte Franz trat seinem Vetter einen Schritt entgegen, um ihm die Hand zu reichen – da sah er plötzlich Helenen, die leichenblaß hinter Robert stand. Wie gelähmt blieb er stehen und starrte sie einen Augenblick an; dann bedeckte er mit beiden Händen sein bleiches Gesicht und brach in ein lautes Schluchzen aus. Aber plötzlich wieder ermannte er sich.

„Auch Du bist gekommen?“ rief er in einem herzzerreißenden Tone. „Willst auch Du mir den Abschied vom Leben noch erschweren? Was ist das? Was ist das?“ fragte er, beide Hände an die Stirn legend. „Meine Gattin steht auf der Seite meines Vertheidigers –“

„Fassen Sie sich, mein Herr!“ sagte Helene zwar bebend, aber so deutlich, daß es die Versammlung verstehen konnte. „Ich bin eben so wenig Ihre Feindin als ihre Gattin.“

„Großer Gott!“ rief Franz in einem schrecklichen Ausdrucke.

Dann sank er wie leblos zu Boden. Auf den Befehl des Präsidenten trugen ihn zwei Gerichtsdiener aus dem Saale. Die Versammlung war so erschüttert, daß sie einige Augenblicke in peinlicher Stille verharrte. Der Advokat Petri schien der einzige zu sein der seine Fassung nicht verloren hatte.

„Ich frage das Gericht,“ begann er mit lauter, fester Stimme, „ob dieser Mann zurechnungsfähig ist? So war er schon vor der Zeit, in die seine Vergehen fallen. Träume von Liebesglück und Reichthum haben ihm das Hirn verrückt. Jeden reichen Mann will er beerben, und jede Dame, die ihm gefällt, betrachtet er als seine Frau. Fräulein Helene S. die Verlobte des Herrn Simoni, sah er zum ersten Male kurz vor seiner Verhaftung – sie machte denselben Eindruck auf ihn, wie heute. Aus diesem Grunde bat ich das verehrte Brautpaar, mit mir vor den Schranken des Gerichts zu erscheinen, um den trostlosen Zustand des Angeklagten zu constatiren.“

„Sie haben früher den Angeklagten, Franz Osbeck, nicht gesehen?“

„Ich habe ihn nie gesehen, ich kenne ihn nicht;“ antwortete Helene fest und entschieden.

Auch Robert bestätigte den Irrsinn seines Vetters, und führte als Beweis die fixe Idee desselben von der Erbschaft an. Man schloß das Zeugenverhör, und die Zeugen traten in das Vorzimmer zurück.

„Erwarten Sie mich!“ flüsterte Julius Helenen zu, als sie sich von ihm trennte.

Der Staatsanwalt beharrte bei seinem Antrage auf Erkennung der Todesstrafe, indem er sich darauf stützte, daß der Irrsinn des Angeklagten nicht genug erwiesen, daß Franz Osbeck ein ehemaliger Offizier, als ein energischer und freisinniger Charakter bei seinen Kameraden bekannt gewesen, und selbst in diesen Zustande ein der Gesellschaft und der Regierung höchst gefährlicher Mensch sei. Als er seine Rede geschlossen, zitterten die Zuhörer für das Schicksal des Angeklagten. Nun aber begann Julius seine Vertheidigungsrede, eine so scharfsinnige, feurige und glänzende Rede, wie sie wohl selten vor einem öffentlichen Schwurgerichte gehalten worden. Unter dem Beifallsjubel der Menge trat er von der Rednerbühne ab. Die Geschworenen zogen sich in das Berathungszimmer zurück. Nach einer halben Stunde verkündete der Präsident, daß der Angeklagte auf Grund ärztlicher Zeugnisse und zureichender Aussagen glaubhafter Zeugen wegen Unzurechnungsfähigkeit mit Stimmeneinhelligkeit der Geschwornen von der Todesstrafe frei gesprochen, aber rücksichtlich seines Zustandes mit Landesverweisung belegt worden sei.

Als Julius in das Zimmer der Zeugen trat, zeigte ihm ein Diener an daß der Herr die Dame habe nach Hause führen müssen, da letztere plötzlich krank geworden sei. Nun eilte er zu seinem Clienten, der sich unter dem Beistande eines Arztes zwar erholt hatte, aber immer noch in einem bejammerswerthen Zustande war. Franz hörte seine Freisprechung mit einem unheimlichen Lächeln an. Dann versank er in ein dumpfes Hinbrüten, er äußerte weder ein Zeichen des Dankes noch der Freude. Julius brachte den unglücklichen Freund in einem Wagen nach seiner Wohnung. Ein befreundeter Arzt ward herbeigerufen, und dieser [42] erklärte, nachdem er den Kranken einige Zeit beobachtet, daß die furchtbare Gemüthserschütterung einen völligen Irrsinn herbeigeführt habe.

„Sie trug die weiße Rose nicht!“ murmelte Franz vor sich hin. „Auch sie hat mich verleugnet!“

Dies waren die letzten Worte, die der Unglückliche sprach. Dann verharrte er hartnäckig in einem Schweigen, als ob er die Sprache verloren hätte, und so viel sich Julius auch bemühte, ihm sein Glück und die Mittel zur Erlangung desselben klar zu machen – Franz verstand ihn nicht; dasselbe unheimliche Lächeln umspielte seinen bleichen Mund, dieselben Blicke, welche die Zerstörung des Verstandes verriethen, entströmten seinen trüben Augen.

Die Freude des Advokaten über den errungenen Triumph verwandelte sich in einen tiefen Schmerz.

„Ich habe zu viel auf seine Geistesstärke gebaut,“ dachte er. „Leider gab es kein anderes Mittel, ihn vom sichern Tode zu retten. Aber noch verliere ich die Hoffnung nicht, das wiederkehrende Glück wird den Schleier zerreißen, den ein furchtbares Geschick über seinen Geist geworfen,“

Durch einen Brief benachrichtigte er die Commerzienräthin von dem Ausgange des Prozesses ihres Neffen. Als Antwort darauf erhielt er fünftausend Gulden in Banknoten, die ihm Robert zur Verpflegung und zur Bestreitung der Reisekosten übersandte.

Denselben Abend ward die Klingel an der Thür des Advokaten gezogen. Die junge Gattin desselben öffnete, und Helene, dicht in einen Mantel gehüllt, trat ein. Laut weinend sank sie der jungen Frau an die Brust. Beide traten in das Zimmer des Advokaten, der mit den Vorbereitungen zur Abreise beschäftigt war.

„Wo ist Franz?“ rief sie hastig.

Julius berichtete, daß er sich in einem Zimmer des ersten Stockes befände.

„Ich muß ihn sehen und ihm Aufklärung geben –“

„Helene, wir haben unser Ziel nur halb erst erreicht, versäumen wir die nöthige Vorsicht, so zerstören Sie mir die Grundlage meines Rettungswerkes. Sie dürfen Franz jetzt noch nicht sehen, denn er wie wir werden scharf beobachtet. Nur in der Verfassung, die ich künstlich herbeigeführt, kann er morgen seine Reise antreten. Sobald Ihre Mission in dem Hause der Commerzienräthin erfüllt ist, sobald Sie mit allen Mitteln zur vollkommnen Beglückung unsers armen Freundes ausgerüstet sind, werden Sie ihm folgen können. Bewahren Sie nur kurze Zeit noch den Heldenmuth, den Sie bis jetzt gezeigt haben, folgen Sie blindlings meinen Anordnungen, so werden wir bald an dem erwünschten Ziele sein. Vergessen Sie nicht, daß es sich um Leben und Tod handelt. Franz ist ein seltsamer Client, denn wir mußten ihn gegen seinen Willen retten. Jetzt gilt es, sein Gemüth zu heilen, und darum folgen Sie und harren Sie aus.“

Helene zog die weiße Rose von ihrem Busen – sie hatte sie nämlich von Georg zurückerhalten – und gab sie dem Advokaten.

„Verwenden Sie den Schmuck,“ sagte sie gefaßt; „Sie kennen ja seine Bedeutung. Ich bedarf seiner nicht, aber Franz – –“ In diesem Augenblicke ward die Glocke an der Hausthüre gezogen. Die drei Personen schraken heftig zusammen. Die junge Frau zog Helenen mit sich fort in ein Seitenkabinet. Der Advokat ging hinaus, öffnete und empfing Robert Simoni. Er bat um eine kurze Unterredung. Julius führte ihn in sein Arbeitszimmer.

„Mein Herr,“ sagte er, mißtrauisch den Gesichtsausdruck des Advokaten prüfend, „auf Ihre Veranlassung erschien Helene, die Gesellschafterin meiner Mutter, an meiner Seite vor Gericht.“

„Ganz recht !“ antwortete Julius mit großer Ruhe.

„Sie gaben als Grund dafür an. daß sich in Gegenwart der Richter der Eindruck wiederholen möge, den sie auf Franz vor seiner Verhaftung ausgeübt.“

„Und was ich erwartete, mein Herr, ist in Erfüllung gegangen.“ „Franz nannte sie seine Frau!“ sagte der junge Kaufmann in einer Angst, die er vergebens zu verbergen suchte.

„Können Sie den Worten eines Irren, zumal wenn er sich in einer solchen Situation befindet, irgend eine Bedeutung beilegen?“ fragte Julius mit kalter Ruhe. „Sie kennen den Zustand meines Clienten schon seit langer Zeit, Sie selbst wissen am Besten, daß sich sein Irrsinn in extravaganten Ansichten und Handlungen äußert – wie kann es Sie wundern, daß der, der in seiner Verblendung nach Ihrem Vermögen trachtet und dem Staate eine neue Regierung geben will, nun auch Ihre Braut für seine Frau hält? Es ist klar, der leidige Communismus hat dem armen Menschen den Kopf verdreht – er will die Häfte Ihres Vermögens und Ihre in der That reizende Braut. Wünschen wir uns Glück, daß die Pläne der heillosen Demokratie vereitelt sind. Uebrigens fürchten Sie nichts, Franz Osbeck ist für immer unschädlich geworden; die Freisprechung auf Grund seiner Indispositionsfähigkeit hat ihn aus der Liste der vernünftigen Staatsbürger gestrichen. Ihre Braut selbst hat laut erklärt, daß sie den Demokraten nicht kennt – –“

„Die Gründe leuchten mir ein!“ sagte Robert hastig. „Da die Sache nun abgethan, so bitte ich um die Rechnung für meinen Vetter.“

„Ich werde sie Ihnen nach meiner Geschäftsordnung zustellen.“

„Und was werden Sie mit Franz beginnen?“

„Morgen bringe ich ihn in eine Irrenanstalt der Schweiz, da er binnen achtundvierzig Stunden das Königreich zu verlassen hat.“

Kaum hatte sich der Kaufmann entfernt, als der Advokat zu seiner Frau in das Kabinet trat.

„Wo ist Helene?“ fragte er.

„Ich habe ihr leise die Thür geöffnet, sie muß jetzt schon zu Hause angelangt sein.“

„Gut, nun fürchte ich nichts mehr.“

Arm in Arm gingen die beiden jungen Gatten zu dem kranken Freunde. Sie trafen ihn, still vor sich hinbrütend, in einem Lehnsessel. Ihr freundliches Zureden hatte keinen Erfolg, er verharrte in seinem düsteren Schweigen. Eine tiefe undurchdringliche Schwermuth hatte seinen Geist in starre Fesseln geschlagen. Der Advokat verbrachte die Nacht bei ihm. In der Dämmerung des nächsten Morgens fuhr ein Reisewagen mit Extrapostpferden vor. Julius befand sich in seinem Zimmer, um die zur Reise nöthigen Papiere und Gelder einzustecken. Da ließ ein Domestik einen Greis eintreten, der eine schwere Reisetasche trug. Es war Georg. der alte Diener der Wittwe Simoni.

„Was wollen Sie?“

„Herr,“ sagte der athemlose Georg, „mich sendet Mamsell Helene – –“

„Zu welchem Zwecke?“

„Um Herrn Franz Osbeck zu begleiten.“

„Unmöglich! Meine Vorkehrungen sind so getroffen, daß es keiner Person mehr bedarf –“

„Lesen Sie! Lesen Sie!“ rief Georg mit Thränen in den Augen, und indem seine zitternde Hand ein Papier überreichte.

Der Advokat las die Zeilen, die von der ihm wohlbekannten Hand Helenen’s geschrieben waren.

„Sie sind ein Freund seines verstorbenen Vaters?“ sagte er dann überrascht.

„Der einzige, wahre Freund des seligen Osbeck. und ich werde meine alten Tage ruhig beschließen, wenn es mir vergönnt ist, seinem unglücklichen Sohne ein treuer Diener zu sein. Mamsell Helene hat mir seinen traurigen Zustand geschildert, und glauben Sie mir, Herr Advokat, es giebt keinen Menschen in der Welt, dessen Nähe heilsamer auf den Kranken wirkt, als die meinige. Ach, ich kann dem Himmel nicht genug dafür danken, daß er diese Nacht zwischen mir und Mamsell Helene eine Verständigung herbeiführte. Da litt es mich nicht länger unter den herzlosen Menschen, die des leidigen Geldes wegen ein so schändliches Verbrechen begehen. Ich schrieb der Wittwe einen Brief, schnürte mein Bündel, und bin nun hier. Doch lieber Herr, erlassen Sie mir jetzt jede weitere Erklärung, unterwegs werde ich Ihnen Alles erzählen. Und dann,“ fügte er leiser hinzu, „bin ich auch im Stande, Ihnen Aufklärungen über den verstorbenen Buchhalter zu geben, die dem armen Franz wohl noch einmal nützen können.“

Julius trug kein Bedenken, die Dienste des Greises anzunehmen, zumal da er sich erinnerte, von Franz gehört zu haben, daß er es war, der ihm in der Ballnacht eine Unterredung mit der Wittwe vermittelte; er hielt es selbst für einen glücklichen Zufall, dem Geisteskranken einen befreundeten Diener beigeben zu können. Und außerdem ging ihm ja die Empfehlung der vorsichtigen Helene voran, die dringend bat, den alten Georg nicht abzuweisen. Während die Koffer auf den Wagen gebracht wurden, führte Julius seinem Freunde den neuen Diener zu. Franz erkannte ihn nicht, obgleich man ihm den Namen Georg nannte. Willenlos [43] und ruhig wie ein Kind ließ er sich zu dem Wagen führen, der, nachdem der Advokat und Georg ihre Plätze eingenommen, im raschen Trabe die Residenz verließ.


VII.

Mit dem Beginne des Frühlings glaubte sich Robert Simoni auf dem Gipfel seines Glücks, denn Helene trug seinen Verlobungsring an dem Finger. Man sah das wirklich schöne Paar in einem eleganten Wagen durch die Promenaden der Stadt fahren. Man bewunderte ihre kostbaren Toiletten in einer Loge des Hoftheaters, und die Geldaristokratie empfing sie freudig in ihren Sälen, die den Verlobten zu Ehren sich öffneten. Man sprach nur selten noch von der verhängnisvollen Schwurgerichtssitzung, und wenn es geschah, pries man die Bereitwilligkeit der jungen Leute, mit der sie den irrsinnigen Demokraten vom Tode gerettet hatten. Schon dachte Robert, der nur Anbetung und Liebe für Helene war, an seine Vermählung, um mit seiner Gattin nach Hamburg zurückkehren zu können, als die Commerzienräthin plötzlich krank wurde. Die Aerzte erkannten das Wesen der Krankheit nicht sogleich, und riethen nur Ruhe und sorgliche Pflege. Helene litt keine Wärterin, sie selbst versah den Dienst bei der Kranken, und Robert unterstützte sie dabei.

Es war in der Nacht vom ersten zum zweiten Ostertage, als Helene, nachdem die Kranke eingeschlummert war, sich in ihr Gemach zur Ruhe begab, das durch eine Thür von dem Krankenzimmer geschieden ward. Sie ließ die Thür offen, um desto leichter die Wünsche der Commerzienräthin zu hören. Noch kämpfte sie mit den ersten Angriffen des Schlafes, als sie die Glocke der Kranken hörte, das erste Mal mitten in der Nacht. Helene sprang auf, und warf einen Nachtmantel über. Im nächsten Augenblicke stand sie an dem Krankenbette, das durch eine elegante Nachtlampe matt beleuchtet ward. Der Arm der Kommerzienräthin, der nach der Glocke gegriffen hatte, hing schlaff durch die Gardine herab.

„Was ist Ihnen, Madame?“ fragte ängstlich Helene, indem sie die Gardine zurückzog.

Entsetzt fuhr sie zurück, als sie das von dem Lichte erhellte Gesicht der Kranken erblickte. Welch eine gräßliche Veränderung war darin vorgegangen. Eine Leichenblässe bedeckte es, während die Augen in einem düstern, unheimlichen Glanze glühten. Helene starrte die Frau einen Augenblick sprachlos an.

„Soll ich nach dem Arzte schicken?“ fragte sie endlich.

Madame Simoni gab ein verneinendes Zeichen. Dann ergriff sie die Hand ihrer jungen Wärterin und sagte mit großer Anstrengung:

„Helene, ich betrachte Sie als meine Tochter! Vielleicht erlebe ich es nicht mehr, daß Sie mein Sohn seine Gattin nennt.“

„Verbannen Sie diesen Gedanken!“ stammelte Helene, die das heftige Zittern der Hand fühlte, welche die ihrige hielt. „Die Krankheit wird vorübergehen!“

Die Witwe zuckte heftig zusammen. Dicke Schweißtropfen erschienen auf ihrer gerunzelten Stirn.

„Mein Gott! Mein Gott!“ hauchte sie. „Was ist das? Was ist das?“

Die arme Helene ward von einer wahren Todesangst ergriffen.

„Ich will Robert rufen!“

Zuvor hören Sie mich an! Setzen Sie sich näher heran!“ sagte leise und ängstlich die Kranke. „O, mein Kopf wird von fürchterlichen Schmerzen zerrissen!“ jammerte sie. „Ich fühle, daß mein Ende naht! Helene, ich achte und liebe Sie – von Ihnen verlange ich den letzten Dienst!“

„Was fordern Sie, Madame? Sie sind meine Wohlthäterin – Ich verspreche Ihnen, Alles zu erfüllen.“

Athemlos lauschend bog sich Helene über das Bett. Sie sah das gräßlich entstellte Gesicht der Kranken nicht, sie war nur darauf bedacht, jedes Wort zu erhaschen, das den bleichen, bebenden Lippen entquoll.

„Helene, schwören Sie mir, meinen Willen zu thun!“

„Ich schwöre es!“ sagte sie rasch.

„Mein Sohn ist ein schwacher, leidenschaftlicher Mensch! Erhalten Sie ihm sein Vermögen, das auch das Ihrige ist! Ich will es, ich will es!“ rief sie wie im Delirium. „Es muß geschehen, weil ich es will! Mein Wille hat das Vermögen erworben – er wird es auch zu erhalten wissen!“

„Sie sehen mich bereit, Madame!“ hauchte Helene.

„Zünden Sie Feuer in dem Kamine an.“

Helene fachte das dem Erlöschen nahe Feuer an, daß es aufprasselte. Die Kranke hatte sich mit fieberhafter Anstrengung emporgerichtet. Als sie die Flammen des Feuers sah, verzog sich ihr Gesicht zu einem grinsenden Lächeln.

„Zu mir! Zu mir!“ stammelte sie dann.

Helene, zitternd am ganzen Körper, unterstützte die Kranke, die sie fest an sich drückte. Dann zog sie ein weißes Tuch hervor, an dem ein Schlüssel angeknotet war.

„Oeffnen Sie jenen Secretär, Helene! In dem mittelsten Fache liegt ein Buch – hier ist der Schlüssel.“

Helene flog zu dem Secretär, öffnete ihn, und holte ein schwarzes, ziemlich starkes Octavbuch hervor. Das Gefühl, das sich ihrer bei dem Anblicke dieses Gegenstandes bemächtigte, läßt sich nicht beschreiben. Der Athem stockte einen Augenblick in ihrer Brust, und leise schluchzend preßte sie das Buch an ihre Lippen. Madame Simoni bemerkte diese Bewegung nicht, denn sie war in die Kissen zurückgesunken, aber sie erhob sich wieder mit übermenschlicher Anstrengung und stammelte:

„Werfen Sie – das Buch – in das Feuer – in das Feuer! Helene – vernichten Sie das Buch – – es ist mein letzter Wille!“

Leise ächzend brach die Wittwe zusammen. Die Kraft des Körpers hatte sie verlassen, obgleich die Kraft ihres unbeugsamen Geistes, den sie in ihrem ganzen Leben bethätigt, noch die Beweise von den Mitteln vernichten wollte, mit denen sie das große Vermögen zusammengeschaart hatte. Die arme Helene verlor fast das Bewußtsein, als sie sich im Besitze des Schatzes sah, dem sie so unendliche, schwere Opfer gebracht hatte. Daß sie so rasch ihr Ziel erreichen würde, woran sie bereits gezweifelt, hatte sie nicht gedacht. Sie trat zur Lampe und öffnete den Deckel ihres Schatzes, es war das Geheimbuch des verstorbenen Kaufmanns Simoni. Ihr Sinnen war nun darauf gerichtet, das schwer Errungene zu bewahren, denn noch hatte sie in Robert einen gefährlichen Feind zu bekämpfen. In rathloser Angst irrte sie durch den Vorsaal auf den Corridor. Hier zeigte sich ihr die Oeffnung eines Kamines. Sie riß ihr Tuch vom Halse, wickelte das kostbare Buch hinein, und verbarg es in dem schwarzen Schlunde. Dann zog sie die Glocke, die zu Robert’s Zimmer führte und eilte zu der Kranken zurück, die sie in einem bewußtlosen Zustande antraf. Noch war sie beschäftigt, die Ohnmächtige durch starke Essenzen in’s Leben zurückzurufen, als Robert hastig eintrat. Sein erster Blick fiel auf den noch geöffneten Secretär. Mit dem Mißtrauen, daß er stets gehegt, durchsuchte er die Fächer desselben.

„Ihre Mutter, Robert!“ flüsterte die bestürzte Helene. „Schicken Sie zum Arzte, – ehe es zu spät wird.“

„Nicht der Arzt, aber ich komme zu spät!“ rief der Kaufmann, die junge Frau mit durchbohrenden Blicken ansehend. „Helene, hier waltet ein Geheimniß ob – wer hat den Secretär geöffnet?“ fragte er mit bebender Stimme. „Wer hat das Möbel erbrochen, in dem meine Mutter ihre Werthpapiere aufbewahrt?“ fügte er in der gräßlichsten Angst hinzu, die Eifersucht und Mißtrauen in ihm erregten.

Da erhob sich Helene in stolzer Würde.

„Ich,“ rief sie, „ich habe ihn mit dem Schlüssel geöffnet, den mir Ihre kranke Mutter gab! Sie wollte, daß ich ein gewisses Buch vernichtete.“

Robert bebte zusammen.

„Helene, Sie sind meine Verlobte, meine Gattin! Wo ist das Buch?“

„Zeihen Sie mich des Undanks, Herr Simoni; halten Sie mich für eine Abenteuerin, für eine Betrügerin – aber länger kann ich die Maske nicht tragen, unter der Sie mich bisher gesehen haben.“

„Was ist das? Was ist das?“ rief Robert. „Großer Gott, das ewige Mißtrauen, das sich in mir regte.“

„Es bestätigt sich, mein Herr!“

„Mutter,“ rief Robert von Zorn übermannt, wir haben eine Spionin des blödsinnigen Franz bei uns aufgenommen!“

„Mein Herr,“ rief Helene würdevoll, „sagt Ihnen Ihr Mißtrauen nicht, wer ich bin? Wer ist wohl einer solchen Aufopferung [44] fähig, als ich sie bethätigt habe? Der Zufall führte mich, die Hülflose, in Ihr Haus, und bis zu jener verhängnißvollen Nacht, in der Franz verhaftet war, wußte ich nicht, daß Sie in irgend einer Beziehung zu dem Unglücklichen stehen, ich wußte nur, daß ihn boshafte Menschen seines väterlichen Vermögens beraubt hatten. Ich verleugnete die Gefühle meines blutenden Herzens, ich bekämpfte den grausamen Schmerz über das Schicksal des Verhafteten, und empfing scheinbar Ihre Huldigungen. Herr Simoni, es wacht ein Gott über die Verbrecher, denn er machte mich zur Zeugin des Pactes, den Sie mit Ihrer Mutter geschlossen, er ließ mich erfahren, daß ich – o wunderbare Fügung des Schicksals! – daß ich der Preis war, um den Sie die Beweise Ihrer Sünde auslieferten, die Beweise, daß die Schwester den Bruder überlistet hat. Ich verband mich mit Ihnen zur Befreiung des armen Franz, ich verleugnete ihn vor Gericht, damit man ihn für wahnsinnig halten sollte; mein Herr, solche Opfer kann nur eine heiße, treue Liebe bringen! Nicht eine Spionin des unglücklichen Franz haben Sie aufgenommen, sondern – seine Gattin!"

Robert ergriff krampfhaft die Lehne des Sessel und stieß einen durchdringenden Schrei aus.

„Ich stellte List der List gegenüber,“ fuhr Helene fort. „Nicht des Besitzes wegen kämpfte ich mit Ihnen, denn ich liebe meinen Gatten auch als Bettler – aber sein Geist hat wirklich unter der Gewalt seines Geschickes gelitten, er hält mich für untreu und jammert über den Verlust seiner Gattin – nur mit den Beweisen dessen, was ich für ihn erstrebt, kann ich zu ihm zurückkehren, nur dann wage ich mich ihm wieder zu nahen, wenn ich ihm die Gründe meiner Handlungen, die Opfer meiner Gattenliebe darthun kann! Jetzt wissen Sie Alles, und die Gattin Franz Osbeck’s verläßt Ihr Haus, um ihre heiligste Pflicht zu erfüllen.“

Helene wollte das Zimmer verlassen.

„Bleiben Sie!“ rief der todtbleiche Robert, indem er die bebende Hand nach ihr ausstreckte.

„Meine Sendung ist erfüllt! Wollen Sie verhandeln, so wenden Sie sich an den Advokaten Ihres Vetters.“

In diesem Augenblicke trat die erschreckte Kammerfrau ein. Helene von einer tödtlichen Angst um ihren Schatz getrieben, stürzte aus dem Gemache. Auf dem Corridor holte sie das Geheimbuch aus dem Verstecke, verbarg es unter dem leichten Nachtmantel und eilte die Treppe hinab. Sie traf den Portier auf der Hausflur, der durch das Getümmel wach geworden war.

„Oeffnen Sie!“ befahl die bebende junge Frau.

„Mein Gott, was ist geschehen?“ fragte der Portier.

„Ich hole den Arzt, Madame Simoni ist gefährlich krank!“

„Die Nacht ist kühl, Fräulein – Sie sind leicht gekleidet!“

„Oeffnen Sie, um Gotteswillen!“

Helene stürzte auf die Straße hinaus. Die Uhr der Kathedrale verkündete die zweite Morgenstunde, als sich ihr die Thür des Advokaten öffnete. Bewußtlos sank die junge Frau in die Arme ihrer Freundin.


VIII.

Eine heitere Frühlingssonne schien auf die reizende Landschaft des Züricher Sees herab, als ein mit Postpferden bespannter Reisewagen auf der spiegelglatten Chaussee, die sich an dem Rande des ungeheuern Bassins hinzieht, rasch dahinrollte. Auf dem hohen Bocke neben dem lustig blasenden Postillon saß der Advokat Julius Petri. Dem Schwager stand ein dreifaches Trinkgeld in Aussicht, deshalb trieb er seine dampfenden Rosse zur Eile an. In kurzer Entfernung von der Stadt stand ein steinernes Muttergottesbild an der Straße.

„Hier ist das Zeichen!“ rief der Advokat. „Den Weg rechts!“

Der Wagen fuhr nun eines sanfte Anhöhe hinan, und nach zehn Minuten hielt er vor einer mit jungem Laube bedeckten Hecke, die ein einfaches, liebliches Häuschen umschloß. Julius sprang vom Bocke und half zweien Damen aussteigen: Helenen und seiner Gattin. Arm in Arm traten sie zu einer Gitterthür, durch deren Stäbe sie einen reizenden Garten übersehen konnten. An dem Häuschen war ein alter Mann mit dem Aufbinden des Weinstocks beschäftigt, der sich wie eine schlanke Arabeske an der weißen Mauer emporwand.

„Georg!“ rief Julius leise.

Der alte Gärtner wandte sich. Vor freudigem Erstaunen entsanken ihm Messer und Faden, die er in der Hand hielt. Dann eilte er durch den mit gelbem Sande bestreuten Weg und öffnete zitternd die Gitterthür.

„Wo ist Franz? Wie befindet sich mein Mann? Georg, haben sie ihn gut gepflegt? Um Gottes willen, Georg, ein Wort, – wo ist Franz?“ rief Helene.

Der Greis küßte schluchzend die Hände der jungen Frau.

„Es ist gut, Alles gut, Madame Osbeck!“ sagte er dann. „Der gute Herr Franz hat schon seit einem Monate wieder mit mir gesprochen, und er lies’t alle Briefe, die ihm der Herr Advokat unter meiner Adresse gesandt hat. Jetzt sitzt er in seinem großen Lehnstuhle und hält Mittagsruhe – dann wollte ich mit ihm auf den Berg steigen, von wo er nach Deutschland hinübersehen kann. Ach du lieber Gott, welch’ ein frohes Erwachen wird das sein! Ich habe Sie erst in einigen Tagen erwartet.“

„Und wie spricht er von seiner Frau?“ fragte Julius.

„Seitdem er wieder mit mir spricht, trägt er auch ihre weiße Rose auf der Brust.“

Laut schluchzend vor Freude sank Helene dem greisen Diener in die Arme.

„Er denkt noch an mich!“ rief sie aus, „er glaubt an meine Treue und Liebe – nun trete ich ihm getrost unter die Augen! Mein Gott im Himmel, stärke mich zu diesem großen, wunderbaren Augenblicke!“

„Fassung, Helene!“ ermahnte Julius. „Ueberlassen Sie sich nur meiner Leitung.“

Georg führte die Gäste, die leise folgten, in das kleine, freundliche Zimmer. Eine spanische Wand von blauen Tapeten umstand deshalb einen großen Lehnsessel, in welchem der schlummernde Franz saß. Sein bleiches Gesicht, von einem wohlgeordneten Barte umgeben, trug das Gepräge eines tiefen, stillen Schmerzes. Der Schlummernde war völlig angekleidet, und auf der Brust, die eine schwarze Weste bedeckte, glänzte die weiße Rose. Helene konnte sich bei dem Anblicke der Blume, die so lange an ihrem Herzen geruht hatte, einer heftigen Bewegung nicht erwehren; sie verbarg ihr in Thränen gebadetes Gesicht an der Brust der Freundin.

Der greise Diener war dem Schlummernden näher getreten.

„Herr Franz!“ flüsterte er, indem er leise seine Hand auf die Achsel desselben legte. „Es ist zwei Uhr!“

Franz schlug die Augen auf. Seine Blicke trafen Julius, der ihm gegenüberstand. Ungläubig starrte er den Freund an.

„Ich bin’s!“ sagte lächelnd der Advokat. „Franz, reiche mir getrost Deine Hand, ich bringe frohe Botschaft.“

Ein schmerzliches Lächeln umspielte den Mund des bleichen Mannes.

„Botschaft, nur Botschaft!“ flüsterte er. „Die Rose an meiner Brust verliert ihren Glanz – man sandte sie mir, damit ich sie mit meinen Thränen benässen soll. Mein Rechtsanwalt hat mir ein trauriges Leben gerettet.“

„Mehr noch, Franz! Was forderst Du – Reichthum, Freiheit – ?“

Franz schüttelte schmerzlich sein Haupt.

„Nimm die Rose, gieb sie ihr zurück – sie erinnert mich nur daran, daß es besser gewesen wäre, ich hätte mein Todesurtheil empfangen. Es lage eine schwarze Nacht auf meinem Geiste – der Schimmer dieser Rose lichtete sie auf kurze Zeit – sie trug sie als Brautkranz in dem Haare – sie sollte das Symbol meiner Liebe sein – meine Gattin verleugnete mich!“ fügte er dumpf hinzu.

Länger konnte sich Helene nicht halten; sie trat hervor und warf sich, einen durchdringenden Schrei ausstoßend, zu den Füßen des bestürzten Franz nieder.

„Helene! Helene!“ rief er, zitternd die Arme nach ihr ausstreckend.

„Verzeihung, Franz, Verzeihung! Ich habe nicht einen Augenblick aufgehört, die Frau zu sein, Dich zu lieben! Was ich that, hielt ich für meine Pflicht – o, so bestätigen Sie doch, mein Herr, daß ich die Ehre und das Vermögen meines Gatten rettet, daß ich nur Ihren Anordnungen folgte, obgleich mir das Herz dabei blutete. Franz, jetzt kann ich bei Dir bleiben – ich bringe Alles, Alles mit, was Dich glücklich macht! Glaube mir, ich habe nicht minder gelitten, als Du!“

„Franz,“ rief Julius, „ohne Deine Gattin wäre es mir unmöglich [45] gewesen, Dich zu retten! Nicht mir, ihr verdankst Du Dein Leben, Deine Freiheit, und gern gestehe ich es ein, daß die Gattenliebe stärker war, als die Kunst und der Scharfsinn des Juristen! Madame Simoni ist todt und Robert hat auf die Hälfte seines Vermögens zu Deinen Gunsten verzichtet, weil er nicht anders konnte. Ist Deine Liebe schwächer als die ihrige?“

„Helene, Helene!“ rief Franz, indem er zu ihr auf die Knie niedersank und sie mit beiden Armen umklammerte. „Jetzt sehe ich klar in dem Chaos von Begebenheiten – verzeihe mir, mein Geist war zu schwach, um Alles zu fassen. Könnte ich Dir einen Vorwurf machen, so wäre es der, daß Du des Reichthums wegen mich und Dich einer so herben Prüfung unterworfen hast!“

Laut weinend lagen sich die beiden Gatten in den Armen. Heiße Küsse brannten auf den behenden Lippen.

„Das hat Gott gefügt!“ sagte der greise Georg, indem er die Hände faltete.

Eine Stunde später hatte der Advokat Rechnung abgelegt, und Franz, dessen letzte Zweifel gelöst waren, befand sich in dem Besitze seiner Gattin und eines großen Vermögens, das ihm erlaubte, ein freies, unabhängiges Leben zu führen. Der Mai fand die beiden glücklichen Paare in Interlaken, dem Eldorado der Engländer. In der kräftigen, heitern Bergluft erstarkte die Gesundheit Franz Osbeck’s, und erhielt er auch sein blühendes Aeußere nicht wieder, so stellte sich doch der Lebensmuth wieder ein und er genoß in vollen Zügen das Glück, das er in dem Besitze einer treuen, hingebenden Gattin fand. Helene trug keinen andern Schmuck mehr als die weiße Rose. Julius nannte sie den Orden, den sie durch Heldenmuth verdient hatte.

Im Herbste trennten sich die Freunde. Es war der erste schmerzliche Augenblick nach einem glücklich verlebten Sommer, als Julius mit seiner Gattin schied. Der Advokat ging nach der Residenz zurück, um seine Praxis zu üben, und Franz und Helene bezogen ein bequemes Haus, das sie am Marktplatze Zürichs gekauft hatten. Der dem Tode entgangene und für irrsinnig erklärte Franz Osbeck ward ein geachteter Bürger der freien Schweiz. Monatlich erhält der Advokat Petri Briefe, die bestätigen, daß sein Client sich eines ungetrübten Glückes erfreut. Zwei Jahre später theilte Julius dem Freunde mit, daß Robert Simoni fallirt habe, und nach einem wüsten Leben mit dem Reste seines Vermögens nach Amerika entflohen sei.