Drei Heimgegangene

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ferdinand Stolle
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Drei Heimgegangene
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15/16, S. 155-159; 167-170
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bericht über ein Zusammentreffen von Herloßsohn, Berthold und Lortzing in Leipzig
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[155]
Drei Heimgegangene.
Frühlingsbild
von
Ferdinand Stolle.


Frühling! Frühling! ewig grünes, rosengeschmücktes Evangelium, uns Staubgebornen alljährlich gesendet, daß wir an ihn glauben, den Vater der Liebe; daß wir erkennen, wie es das Licht ist und die Liebe, welche Recht behalten nach den Winterstürmen der Erde. Und hat der Winter seine Eispaläste noch so hoch gethürmt und hat er den Himmel und seine Sonnen noch so dicht verhangen; und hat er die Herzen noch so erkältet und kleinmüthig gemacht, daß sie oft verzaget, ob es je wieder Frühling werden könne – Ein Frühlingsgruß, Ein himmlischer Klang, und die Eispaläste brechen zusammen und die Wolkendecken zerreißen, und die Herzen athmen gläubig, und die Knospen schwellen und die Frühlingsglocken hallen klar und Sieg verkündend durch den himmlischen Saal.

O beneidenswerthes Menschenherz, in welchem die Frühlingsglocken wiederhallen bis in die tiefsten Tiefen, in welchem darum nie ganz Winter wird, mag solcher noch so gewaltig sein eisiges Haupt schütteln. Und ein solches Herz war Dir beschieden, theurer Vollendeter, der Du an jenem Frühlingsheiligenabende einsam hinauswandertest nach dem stillen Eichenhaine.

Wie der Wüstenwandrer nach der quellenreichen Oase hattest Du Dich lange gesehnt aus dem lärmvollen Altagleben, aus dem Staub der Geschäfte, aus dem Kreise unerquicklicher Gesellen nach einer stillen friedenvollen Abendstunde, draußen in freier Gotteswelt, wo der Abendstern still über dem Walde stand und im tiefen Gebüsch ein Vöglein wie im Frühlingstraum von Zeit zu Zeit seine leise Stimme erhob.

In den Kronen der alten Eichen rauschte es frühlingverheißend; die schwellenden Knospen umspielte weiche warme Abendluft – rings athmete tiefe Ruhe. Wiederholt warst Du hinausgetreten auf den grünen Rasenteppich, der im weiten Kreise vom Walde umgrenzt wird und Dein Auge hing lange, lange an dem stillen Abendsterne, der in wunderbarem Glanze über dem Walde stand. Und leise sprachst Du für Dich:

O dringe doch, Du Himmelsschein,
In jede Menschenseele ein,
Und decke so, Du Himmelsruh,
Ein jedes Herz und Auge zu.

Noch einmal überfloh Dein Auge die weite Waldrotunde, die immer tiefer in die Schatten des Abends hinabsank; dann kehrtest Du in den Hauptgang zurück und [156] wandeltest einsam dem dunkeln Frühlingsdome entlang. Die Aeolsharfe Deiner Brust war aber durch den Frieden des Abend wunderbar gestimmt und so zog eines Deiner schönsten Lieder durch Deine Seele: Du dichtetest:

Ich wollt’ ich wär die Eiche dort
Im duftig grünen Wald,
Und würde wie der Eichenbaum
Wohl tausend Jahre alt.

Geküßt so, wenn noch Alles ruht,
Vom ersten Sonnenstrahl,
Geküßt wenn niedersinkt die Nacht,
Vom letzten Licht zumal.

In jedem Frühling grün und neu –
Der Vögel luftig Haus –
So jährlich fügend Ring an Ring,
Und breitend Schatten aus.

Und träumend, wenn der Winter naht –
Im Innern warm und stark –
Voll Sommermärchen in der Brust,
Voll Trieb und Drang im Mark.

Erwachend wieder in den Lenz,
Der meine Knospen sprengt,
Ein Auge jedes Blatt, worauf
Sich Gottes Sonne senkt.

Vom Winterscheine sanft bestrahlt,
Vom Glühwurm hell umsprüht,
Entschlummernd, wenn die Nachtigall
Im Busche singt ihr Lied.

Der Wandrer ruhte unter mir,
Der Kinder frohe Schaar –
Den Menschen flüstert leis ich zu,
Wie einsten schön es war.

Und wenn ich alt geworden wär’,
Wohl an die tausend Jahr,
Dann baute man aus mir ein Haus.
Tisch, Wiege, Todtenbahr.

Im Wiegenraum ein holdes Kind,
Vom Leben angelacht –
Am Tisch beim Wein ein Lebehoch,
Vielleicht mir dargebracht.

So lebt’ ich, fühlte Alles mit,
Wär’ selbst das letzte Haus,
Worin nach einer Welt voll Pein
Der müde Mensch ruht aus.

Der Dichter hatte den Eingang des Wald-Parks erreicht, als von der Stadt her eine Gestalt kam, die bei ihm vorüberschritt, deren Gesichtszüge er aber wegen der Dunkelheit nicht zu erkennen vermochte. Nach einigen Schritten blieb der fremde Wandrer stehen.

„Doctor, bist Du es?“

„Alle gute Geister loben Gott den Herrn, Berthold[1], woher, von wannen? Welch’ seltener Gast zu solcher Stunde?“

„Hergesehn, wenn Du wissen willst, wie der Mensch im Glück aussieht, siehe mich an.“

„Ich will hoffen, daß Dein Glück wenigstens bis Morgen aushält, dann will ich mir Dich bei Tage besehen; jetzt trotz der Brille ist mir’s unmöglich.“

„Der Director war ein Mensch und hat endlich meinen sechswöchentlichen Urlaub bewilligt, den ich für mein Gastspiel bestens zu benutzen gedenke. Der Mensch im Glück braucht aber Einsamkeit oder muß sich auslaufen. Drum will ich noch bis Gohlis – komm’ mit!“

„Mörder, kennst Du mein Reservoir? – sieh’, diese sinkenden Nebel.“

„Bei Noack treiben wir die bösen Nebel wieder heraus. Komm’!“

„Und würfst Du die Krone selber hinein
Und sprächst, wer mir bringet die Kron’
Er soll sie tragen und König sein –
Mich gelüstet nicht nach dem theuren Lohn!“

Während die Beiden noch auf diese Weise unterhandelten, ward eine dritte Gestalt in der Dunkelheit sichtbar. Sie kam ebenfalls ziemlich schnellen Schrittes von der Stadt her, umging die beiden Freunde, um sich von ihrer Autenticität zu überzeugen; dann breitete sie beide Arme aus und preßte den Doctor und Berthold convulsivisch an’s Herz, und drehte Beide im Kreise umher.

„Gerechter,“ schrie der corpulente Berthold, „der Mensch erwürgt mich; Lortzing, bist Du des Teufels!“

„Ich hab’s wohl gerne, wenn der Becher überschäumt,“ meinte der Doctor, indem er im Kreise herumgedreht wurde, aber vor allen Dingen

„erkläret mir, Graf Oerindur,
dieses Räthsel der Natur.“

„So vernehmt, theurer Freund,“ rief jetzt der gefeierte Tondichter, indem er die Beiden los lies – „eben habe ich den Brief bekommen – mein Czaar hat in Berlin prächtig Glück gemacht.“

Unsern herzlichsten Glückwunsch, riefen Beide aus einem Munde, und ihre Hände drückten innig die des glücklichen Componisten.

„Ja, das wußte ich, treue Seelen,“ sprach dieser, den aufrichtig gemeinten Händedruck dankbar erwiedernd, „daß Euch diese Nachricht Freude machen würde. Ich bin daher schon in der halben Stadt nach Euch herumgelaufen. Ein glücklicher Zufall trieb mich hierher.“

Lortzing mußte jetzt über die Berliner Aufführung seines Czaar und Zimmermann erzählen. „Ich bin mit der Besetzung ganz zufrieden,“ sprach er, „nur Deine Rolle, Berthold, hätte ich in besseren Händen gewünscht.“

„Den Bürgermeister?“

„Ja, Du weißt, ich habe diese Partie für Dich geschrieben.“

„Ein tüchtiger Bürgermeister,“ sprach Berthold in seinem trocknen humoristischen Tone, „ist auch heut zu Tage eine wahre Rarität.“

„Das ist aber ja heut ein wahrer rarissima avis unter den Tagen,“ sprach der Kometenlenker Herloßsohn, „Lortzing Glück in Berlin, Berthold Glück bei Ringelhard und ich habe meinen neuen Roman ebenfalls glücklich bei Reimann in Hannover an den Mann gebracht.“

[157]

„Ich sei daher, erlaubt mir die Bitte
In Eurem Bunde der Dritte.“

„Wir können heut das glückliche Kleeblatt in höchst eigener Person aufführen.“

Berthold faltete mit rührender Komik die Hände: „Einmal drei Glückliche bei einander“ sprach er, „dies ist doch noch was Rareres als ein guter Bürgermeister.“

„Und dieser himmelvolle Frühlingsabend,“ schwärmte Lortzing, indem sein sprechendes Auge über den Himmel schweifte, der sich immer mehr mit Sternen füllte.

„Ja, aber geliebte Glückskinder,“ gab der stets für sein Rheuma besorgte Doctor, zu bedenken, unser Postament, fühle ich, wird nicht wärmer. Hütten bauen können wir hier einmal nicht, dies zu gestatten würde ein wohllöblicher Magistrat, am Eingange des Rosenthals, gerechten Anstand nehmen. Also wohin?“

„Freunde,“ sprach der noch immer freudig erregte Lortzing, indem er von Neuem des Doctors und Berthold’s Hand ergriff, „solcher Sonnenblicke im Leben gibt es so wenige, laßt sie uns nicht in philiströser Eintönigkeit vorüberziehen. Wir bleiben heute Abend beisammen. Ihr seid meine Gäste bei Alippi.“[2]

„Auf die heutigen Nachrichten schmeckt allerdings ein Trunk,“ sprach Berthold, „aber da muß ich mich vor allen Dingen erst zu einem selbstständigen Staatsbürger machen und meinen Hausschlüssel holen.“

„Albert,“ rezitirte der Doctor, „den Gedanken gab Dir ein Gott ein. Ich habe noch ein paar Flaschen Tokaier von der ungarischen Gräfin, die bring’ ich mit. Wir lassen Czaar und Zimmermann leben, den knospenden Frühling – die künftige Rosenblüthe – die Sterne der Nacht – das deutsche Lied – die Clothilden, Clementinen – Paulinen und was der angenehmen Gegenstände mehr sind.“

Die drei Glücklichen waren bis zu Herloßsohn’s Wohnung in der Hainstraße gelangt, wo sie sich trennten.

„Also um Neun Uhr?“ frug Berthold.

„Punct Neun,“ commandirte der Compositeur des Czaar und Zimmermann.

„So lebt denn wohl, edle Pairs des Königreichs,“ sprach Herloßsohn, „ich muß noch eine nichtswürdige Correctur lesen, lebt wohl – “

„Bei Alippi sehen wir uns wieder!“

Mit diesen Worten war er in der Hausflur verschwunden.


Kennt ihr jene geheimnißvollen Räume, wo hinab kein Sonnenblick fällt, wo nie das holde Licht des Tages freundlich geleuchtet; und wo tief Unten zwischen engen Kerkerwänden der Muscatello duftet; die Perlen des Rheingaus in unvergleichlicher Schöne funkeln und uns Märchen erzählen, lieblich und schön, von dem Rauschen des grünen Rheinstroms, von dem Singen der Pirole, von den weinfröhlichen Hügeln des Sankt Johannes, und den dunkeln Nußbaumwäldern Sankt Goa’s? Während die Julisonne glühend auf den Dächern und Fluren ruht, Alles versengend in erstickender Hitze, herrscht da unten eine ewig erquickende Kühle. Italien schüttet seine Goldorangen und das Morgenland seine Trauben und Mandeln in die dunkeln Tiefen. Während oben das Leben und Treiben der Menschen sich prosaisch abspinnt in unerquicklicher Hast, im Lärm der Geschäfte, waltet hier unten heilige Ruhe und leise auf den Zehen kommt herbeigeschlichen ein reizend Kind aus fremden Wunderhimmeln, die – Poesie.

Eine solche prächtige Weingruft hatten sich auch unsre drei Freunde, die wir auf der Hainstraße verlassen hatten, ausgesucht. Sie saßen bei einander in freundlich erhelltem Raume in allerhöchster Gemüthlichkeit, und waren eben in der angenehmen Beschäftigung begriffen, die Perlen eines kostbaren, milden Scharlachbergers prüfend über die Lippen gleiten zu lassen. Im Vorgemach duftete italisch eine Pyramide Apfelsinen.

Die unferne Rathhausuhr verkündete die zehnte Stunde. Der Ruf des Feuerwächters ertönte – die Straßen wurden stiller und leer. Oben blühte ein wundervoller Sternenhimmel.

Kaum waren die zehn Schläge der Rathhausuhr verklungen, als Berthold fromm die Hände faltete. „Kinder,“ sprach er feierlich, „jetzt betet, daß uns der Teufel oder sonst ein böser Gnome keinen Schauspieler herabschickt.“

„Und keinen Literaten,“ setzte Herloßsohn dazu.

„Und keinen Weinreisenden,“ schloß Lortzing.

„Uebrigens,“ fuhr Letztrer fort, „wir könnten es ja Rossi sagen, daß er die Klappe oben zumacht.“

Der stets für Recht und Billigkeit besorgte Doctor gab das nicht zu.

„Bis um Elf,“ sprach er, „muß offen bleiben. Dies verlangt das Geschäft so.“ Er hatte kaum diese Worte gesprochen, als es die unfernen Stiegen herabklirrte und zwei lebensmüde Börsenjünglinge, die sich bereits auf der ersten Gallerie ennuyirt, bei Kühl und Großberger ennuyirt, bei Riedel ennuyirt, und sonst wo ennuyirt, traten mit Geräusch und Nonchalance, den Hut auf dem Kopfe, in die Weingruft.

„Ah sieh da – der Herloßsohn, der Berthold, der Lortzing – famos – Rossi – halbe Julien – die Günther süberb – dies Stück abominabel – “

Mit diesen, in etwas näselndem Tone gesprochenen Worten, nahm der Längere in möglichst nachlässig bequemer Stellung neben Herloßsohn Platz.

„Pyramidal ennuyirt – sprach der Kleinre, der sich ebenfalls auf einen Sessel geworfen – „Ringelhard verdient gehangen zu werden – Rossi – Glas Zuckerwasser – Apropos, Berthold ist die Kleine – mon dieu, wie heißt sie – Schwarzkopf, Burgstraße, engagirt?“

„Ja,“ sprach Berthold, dem der Bissen eines tranchirten Cotelettes im Munde quoll, trocken und im Doppelsinne, „die wird wohl engagirt sein.“

„Süberbe Taille. – Ringelhard ist ein Knicker.“

„Doctor,“ fuhr der Andre, der die langen Füße unterdeß auf einen Stuhl placirt hatte, in fast wagerechter Stellung fort, – „der Champagner schmeckt nicht mehr – La fitte nicht mehr – Dom Dechanei nicht mehr – Kirchenstock nicht mehr – rathen Sie Doctor.“

„Da gehen Sie doch in’s Wasser, guter Freund,“ rieth Herloßsohn, „was trinken muß der Mensch.“

„Famoser Witz – immer geistreich der Doctor – war nahe daran, Doctor – die verfluchten Kiel-Altonaer – schließe ab 65 – Gloggnitz 73 – fängt der [158] Hallunke der Thiers Crawall an – Baisse 20 – zum Erschießen – aber der liebe Gott half noch.“

Bei Herloßsohn, der zwar nie zu den Frommen gehörte, aber sich in der blasirtesten und leichtfertigsten Gesellschaft immer ein kindlich religiöses Gemüth bewahrte, trat jetzt die Galle in’s Blut, in Folge des edeln Scharlachbergers das Herz auf die Zunge. Nichts empörte ihn mehr, als wenn der Name Gottes auf so unseligem Gebiete gemißbraucht wurde.

Die Gartenlaube (1853) b 158.jpg

Herloßsohn      Berthold      Lortzing.

„Sagen Sie doch, der Teufel half,“ sprach er, „aber lassen Sie den lieben Gott bei Ihren elenden Actien aus dem Spiele.“

„Elend – ha ha, – stehen wieder 66 die Altonaer – Gloggwitz 81 –“

„Haha“ – fiel der Kleinere ein „der Doctor Herloßsohn ist fromm geworden – famose Entdeckung – muß morgen in die Leipziger Zeitung, damit dies Blatt einmal interessant wird.“

Dieser Witz von wegen des Interessantwerdens der Leipziger Zeitung schien den beiden Jünglingen eben so geistreich wie belachenswerth. Sie lachten aus vollem Halse.

Berthold raunte Lortzingen in’s Ohr: „Wollen wir den Rackers nicht ein halb Pfund Brechweinstein in’s Gesöff schmeißen. Ich halt’s nicht mehr aus; mir kribbelt’s im ganzen Leibe.“

Lortzing tröstete: „Hoffentlich verduften sie bald.“

„Rossi,“ hob der Lange wieder an, indem er mit vornehmer Nachlässigkeit seinen Wein prüfte, „wo ist dieser Julien her?“ Herr Rossi nannte das Haus. „Bah,“ fuhr der Koster fort, „Sie müssen von ...... nehmen, wenn Sie was Feines haben wollen.“ Er kostete nochmals. [159] Das bekam ihm aber übel. Ein paar Tropfen geriethen in die Luftröhre. Ein langanhaltendes Husten folgte.

„Wenn der Kerl nur dies einzige Mal erstickte,“ brummte Berthold. Nachdem sich der Husten gelegt, frug der Ermattete; „Doctor – kein Mittel für den Husten – der Satan plagt mich täglich?“

„O ja“ sprach Herloßsohn trocken.

„Aber ein Radicalmittel – Sie sind ja so ein Stück Radicaler.“ Dieser Witz erschien ihm wieder äußerst belachenswerth.

„Ein Radicalmittel,“ fuhr Herloßsohn in demselben trockenen Tone fort, „Sie müssen sich die Gurgel abschneiden. Das ist der Sitz des Uebels. Wenn der beseitigt ist“ –

„Menschenfeindlicher Doctor - aber guter Witz – Ach wer doch schon in Paris wär’“ – Er streckte sich wieder so lang aus als er gewachsen war.

„Ja, ich wünscht’s auch,“ brummte Berthold.

Dem Kleinern schien sein Zuckerwasser auch nicht zu munden. „Die Limonade ist matt wie Deine Seele, Rossi.“

„Wünschen Sie etwas Rothwein darunter?“ bringt mir einen Absynth, aber alten.“

„Jetzt fängt er gar an zu schnapsen,“ murrte Berthold, „’s wird immer unterhaltender.“

„Charles – !?“

„Qui vive?“

„Schläfst wohl gar.“

„Wollen wir?“ – frug der Lange ohne seine Positur zu verändern.

„Pauline schmollt sonst.“

Auf diese Worte erhob sich Charles, matt und schlaftrunken, und warf einen Thaler hin. Der Kleinere goß seinen Absynth hinunter und erhob sich ebenfalls.

„Adjos – menschenfeindlicher Doctor“, sprach Charles, Herloßsohn nachlässig und halb gnädig die Hand hinhaltend.

„Wünsche recht wohl zu leben,“ sprach Berthold und halb für sich; „Hol’ Euch der Satan.“

Die Beiden stolperten hinaus. Unsern drei Glücklichen fiel aber eine Centnerlast von der Brust.

„Gott sei getrommelt und gepfiffen,“ rief Berthold neu aufathmend.

Lortzing erhob sein Glas; „Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.“

Herloßsohn rieb sich gemütlich die Hände; „Kinder, nun kann’s hübsch werden.“

Eben schlug die Rathhausuhr die Eilfte Stunde. Aber kaum war der eilfte Schlag erklungen, da riefen drei Stimmen wie aus einem Munde;

„Rossi, die Klappe zu!“

[167] „Frische Gläser – zweite Studie“ – commandirte Lortzing, indem er eine Markobrunner-Cabinet entkorkte und die goldenen Perlen des herrlichen Jahrgangs in die blitzenden Römer herabfallen lies.

„Ach,“ rief Berthold, sich an dem kostbaren Arom erquickend, „diese Blume ist allerdings gemacht, uns Herrn Charles et Comp. vergessen zu machen. Ich möchte übrigens wissen, wozu der Herrgott solche Menschengesichter in die Welt gesetzt hat. Die Natur gefällt sich doch in großen Räthseln.“

„Nichts von ihnen,“ sprach Lortzing, „entweihe unsere Sitzung nicht. Wen begrüßen wir mit diesem Markobrunner?“

„Es lasse ein jeder einen Tondichter der Gegenwart, den er in’s Herz geschlossen, leben,“ rieth Herloßsohn.

„Bravo, Doctor,“ lobte Lortzing, „so bring’ ich denn diese duftende Blume des Rheingaus dir, du milder, klarer harmonienreicher Genius, dessen ganzes Leben ein „Sommernachttraum“ und „eine glückliche Fahrt auf stiller blauer Meeresfluth“ – dir mein Felix Mendelssohn!“

„Und ich lasse, da Du, Albert, schon drangewesen, meinen alten Heinrich Marschner leben!“ sprach Berthold.

„Ich kann mich so hoch nicht versteigen,“ meinte der Doctor, „ich steige aber um so tiefer in mein Herz, ich bringe diesen Weingruß meinem alten braven Polenz.“

„Bravo, da stoßen auch wir an,“ riefen die beiden Andern; und die Römer klangen aneinander.

„Es ist doch was Schönes um ein gutes Glas Wein,“ meinte Berthold, „und ich wüßte nicht, wenn mir ein solches so gut geschmeckt hätte wie heute. Siehe, Lortzing,“ fuhr er gemüthlich fort, „lebten wir nun in Frankreich, wäre Dein Glück gemacht. Dein Czaar und Zimmermann wäre für Dich ein kleines rentables Kapital. Du säßest im Trocknen und könntest sorgenfrei, ledig von der Last erdrückender und unerquicklicher Geschäfte, in irgend einem freundlichen Erdenwinkel Opern machen, daß dem Volke das Herz im Leibe lachen sollte.“

Der Componist spülte mit dem Markobrunner einen leisen Seufzer hinunter. Berthold fuhr fort: „Ich will Euch nur gestehen, daß mir es nachgerade auch oft recht sauer ankommt, wenn ich von den Bretern herab dem Volke [168] lustig Zeug vorsingen und vorschwatzen muß, während mir’s im Innern gar nicht so ist. Wißt Ihr denn, was darum die ganze Zeit daher mein Lieblingswunsch ist?“

„Nun?“ frug Lortzing.

„Sag’ an Dein Sprüchlein, theil’s uns mit,“ versetzte der Cometenlenker, eine Mandel knackend.

„Wenn ich könnte so ein Wirthschaftchen an mich bringen,“ fuhr Berthold vertraulich fort, – „aber es müßte etwas Apartes sein – so was Poetisches – Humoristisches. Als ich neulich in Grimma drüben war beim alten Dorfbarbier, der treuen Seele, und ihr meine Idee mittheilte, hat die mir auch gleich eine Ankündigung aufgesetzt so ganz nach meinem Sinne. Wart’, dies Ding muß ich bei mir haben, dies muß ich Euch vorlesen, damit Ihr ungefähr seht, wie ich die Sache anzufangen und das Volk zu packen gedenke.“ Er kramte lange in der Seitentasche unter Briefen und Papieren, endlich brachte er einen zerknitterten Papierstreif hervor, den er auseinander glättete und davon folgendermaßen ablas: Also ergebenste Bekanntmachung meiner projectirten Schankwirthschaft: Veranlaßt durch die „Macht der Verhältnisse,“ angetrieben durch „Vaterliebe“ und um für „Künstlers Erdenwallen“ einen weniger sorgenfreien Ausgang anzubahnen, hat der ergebenst Unterzeichnete sich entschlossen, einem für Leipzig tiefgefühlten Bedürfnisse abzuhelfen und eine neue Restauration zu gründen, welche den Namen „zum Weltumsegler“ führen wird. Ich wollte sie erst „zum treuen Schäfer“ nennen, aber da meine verehrten Gäste in spe hoffentlich sämmtlich auf der Höhe des Zeitbewußtseins unterjährigen Lagerbiers angelangt sind, so ist dieser Titel zu idyllisch und ich würde höchstens zum „Wollmarkt“ Geschäfte damit gemacht haben. – Was die innere Einrichtung meines Locals anlangt, so verbietet Bescheidenheit ein Weiteres. Denn wollt’ ich auch des großen Luxus gedenken, der daselbst angebracht ist, würde man mir doch nicht ohne Grund zurufen: „Na möglich ist’s schon, aber wahrscheinlich nicht.“ – Im Vertrauen kann ich nur erwähnen, daß „Menschenhaß und Reue,“ der „Menschenfeind,“ „Parteienwuth“ und der „häusliche Zwist“ gänzlich vom Repertoir gestrichen sind; während „Edelmuth und Liebe,“ der „gute Ton“ und „humoristische Studien“ einen stehenden Artikel bilden werden. – Zahlreicher Besuch von „Stadt und Land“ soll mir gleich willkommen sein. Ich huldige hier keinem engherzigen städtischen Patriotismus, und der „Doctor Wespe,“ der „alte Student“ werden mit derselben Zuvorkommenheit empfangen werden, wie der „neue Gutsherr“ und der „Bauer als Millionär.“ – Sollten mich auch fremde Etrangers zu beehren die Güte haben, so wird sich so wohl für den „Bräutigam aus Mexiko“ den „Kaufmann von Venedig,“ sowie für den „Vetter aus Bremen“ ein Plätzchen darbieten. – Schließlich erlaube ich mir für meine trinklustigen verehrten Gäste die gewiß beruhigend wirkende Bemerkung, daß der „artesische Brunnen,“ der „Feensee“ und der „Wasserträger“ mir als Wirth völlig fremde Piecen sind. – Daß es für ein aufblühend Institut nur von erwünschtem Erfolge sein kann, wenn von einer zu oft wiederholten Aufführung der „Schuld“ Umgang genommen wird, versteht sich von selbst. Und so empfehle ich mich mit dem aufrichtigen Wunsche, daß es der ausdauernden Anhänglichkeit meiner Gönner gelingen möge, daß ich nicht als holde Phantasie vom hohen Cothurn herab, sondern endlich einmal auch in der Wirklichkeit ausrufen kann: „Meine Mittel erlauben mir das!“ Seht,“ schloß der von seiner Lieblingsidee eingenommene Berthold, „in solchem Geiste ungefähr müßte meine Wirthschaft gehalten sein.“

„Dies Ding ist nicht übel,“ lachte Herloßsohn; Lortzing aber rieb sich bei des Freundes Restaurationsplänen eine Zeitlang die Ohren. „Lieber Berthold,“ sprach er, „ich will Dich von Deiner Lieblingsidee nicht gerade abwendig machen; aber ich fürchte, Du bist als Wirth weit mehr ein Sclave der Launen des Publikums denn als Schauspieler. Ich gebe zu, daß Deine bekannte und beliebte Persönlichkeit im Anfang viel Zulauf finden wird; aber ein Jeder, der ein Glas Bier bei Dir verzehrt, wird auch das Anrecht zu haben glauben, daß Du ihm für seine zwei Groschen so erscheinst, wie Du ihm von der Bühne her bekannt bist. Man wird im „Weltumsegler“ auch den Weltumsegler selber, wie er auf dem Theater dargestellt wird, suchen, den Leporello, den Papageno, den Doctor Bartholo u. s. w. und, wie ich Dich kenne, sich getäuscht finden. Doch lassen wir die Zukunft, wo die Gegenwart uns so freundlich winkt. Wir kommen zur dritten Studie.“ Mit diesen Worten entkorkte er eine Steinberger-Cabinet und füllte die frischen Gläser, die Herr Rossi unterdeß gegen die zeitherigen umgetauscht hatte.

„Auch kein Hund,“ meinte Herloßsohn, mit Kennermiene den Steinberger prüfend. „Wem bringen wir jetzt das erste Glas?“

„Dreien Schriftstellern der Gegenwart, die wir lieben,“ sprach Lortzing.

„Wohlan,“ rief Berthold, „so lasse ich für meine Person den Heinrich Zschokke leben in Aarau. Ich wüßte nicht, welcher Schriftsteller der Gegenwart mir so zu Geist und Gemüth spräche.“

„Und ich,“ sprach Lortzing, „ebenfalls einen Schweizer, ein noch wenig bekannter Name, er nennt sich Jeremias Gotthelf – seinen gemüthreichen Schweizerbildern nach muß das ein ganz vortreffliches Haus sein.“

„Ich muß diesmal wider Willen galant werden,“ versetzte Herloßsohn. „Ich lasse Friederike Bremer leben. Diese Frau verdient schon wegen ihrer vortrefflichen „Nachbarn“ ein Glas. Ach,“ fügte er nach einer Pause mit einem Seufzer hinzu, „ich könnte auch Bessres zu Wege bringen, wenn ich nicht als Esel in die tägliche Tretmühle des Cometen gespannt wäre und bogenweise um das liebe Brot schreiben müßte. Wenn nur so ein wohlhabender böhmischer oder thüringischer oder rheinischer Graf das Einzigemal den guten Einfall hätte und mir ein Jahrlang ein freundlich Stübchen einräumte mit erquicklicher Aussicht in grüne Berge und Ruhe und Stille und Frühling – da könnte schon was werden.“

Berthold lächelte; „ein wahres Idyllenthum,“ sprach er, „aber ich wette, Herloß, Du hältst es nicht vierzehn Tage aus. Du bist viel zu eingeleipzigert. Wie schwer hält es, Dich einmal loszureißen zur einfachsten Landpartie. Wie oft hast Du dem Stolle versprochen, ihn zu besuchen in seinem freundlichen Grimma, wo er so schön wohnt an der Mulde, in grünen Bergen. Wenn Du nicht Mittags zu Veronelli schlendern kannst und dann zu Kühl und später zu Kintschy in’s Rosenthal – da bist Du gar [169] nicht der Herloßsohn. Kommst mir übrigens vor, wie ein gefangener Kanarienvogel, der nur drei Hölzchen im Käfig hat.“

Der Doctor reichte dem Freunde die Hand: „Hast Recht, alter Knabe, ein eintönig Leben – nun wer weiß, wie lang es noch dauert.“

„Dies können wir sogleich erfahren,“ meinte Lortzing, „die Gelegenheit ist günstig, Mitternacht nahe, Herr Rossi, haben sie keinen Seidenfaden?“

Rossi, der aus seinem Vorgemach herein trat, zuckte die Achseln. Endlich besann er sich auf seine neue comfortable Saft’sche Mütze. Er holte sie herbei und den gemeinschaftlichen Bemühungen gelang es, dem Prachtstück einen halbelligen Seidenfaden zu entwinden.

„Was soll denn das werden?“ frug Berthold und auch der Doctor schaute neugierig auf.

„Ein Orakel,“ belehrte Lortzing. Er nahm einen goldenen Ring vom Finger, durch welchen er den Faden zog, so daß der Ring daran in der Luft schwebte.

„Hokus Pokus,“ sprach Berthold.

„Es giebt Vieles zwischen Himmel und Erde, wovon sich unsre Philosophie nichts träumen läßt,“ sprach Lortzing ernst. Dann hielt er den an dem Seidenfaden schwebenden Ring ungefähr einen halben Zoll von der Außenseite des Weinglases. „Nun paßt auf,“ fuhr er fort, „ich frage jetzt das Orakel und wünsche zu wissen, wie viel Jahre ich noch hienieden leben werde. Der Ring wird mir durch unterschiedliches Anschlagen die Anzahl der Jahre nennen.“

„Närrisch Zeug,“ meinte Berthold, doch schaute er unverwandt nach dem Orakel.

Der Ring fing sich nach einiger Zeit in Folge der Blutströmung zu bewegen und drehen an. Die Schwingungen wurden immer größer, so daß er endlich die Glasfläche erreichte. Er klingte an, erst ganz leise, dann vernehmlicher. Deutlich zählte man eilf Schläge, worauf die Schwingungen wieder kürzer wurden, so daß das goldne Orakel das Glas nicht mehr erreichte.

„Also noch eilf Jahre,“ sprach Lortzing, mit ziemlich gut gelaunter Resignation, „da kann ich noch viel Opern schreiben.“

Berthold schüttelte sceptisch mit dem Kopfe. „Dummes Zeug,“ sprach er, „das muß doch ganz auf Dich ankommen, wie vielmal der Ring anklingen soll?“

„Versuch’s nur,“ erwiederte Lortzing, „da wirst Du ja sehen, ob es in Deiner Macht steht oder nicht.“

„Der Doctor mag’s erst machen,“ sprach der corpulente Zweifler.

Herloßsohn, bei welchem der edle Rebensaft bereits mehr in’s Blut gegangen sein mochte als bei den Andern, ergriff jetzt den Faden und Ring; aber kaum hatte er die Hand in die gehörige Lage gebracht, als der Ring auch schon zu läuten anfing.

„Der kann’s,“ lachte Berthold, „mein Gott, kommen da Cometenjahrgänge zum Vorschein.“

Als das Anklingen bei Herloßsohn auch gar kein Ende nehmen wollte – die Freunde hatten schon in die dreißig gezählt – sprach Berthold: „Das hört gar nicht wieder auf; ich glaube, der muß einmal speciell auf Befehl des durchlauchtigsten deutschen Bundes getödtet werden, sonst kommt er nicht von der Erde.“

Nach dem Lortzing’schen Ringorakel ward der Redacteur des Cometen gerade hundert Jahre alt.

„Mein Großvater ist auch in die neunzig geworden,“ motivirte der Doctor, dem die lange Lebensperspective trotz des häufig ausgesprochenen Lebensüberdrusses gar nicht unangenehm erschien.

„Da würd’ ich aber auf jeden Fall noch heirathen,“ sprach Lortzing; „noch achtundfunfzig Jährchen, ein hübscher Zeitraum.“

„Natürlich,“ stimmte Berthold eifrig bei, „heirathen muß er; erstens sehe ich nicht ein, warum wir beiden allein im Joche traben sollen – was er voraus haben will und zweitens sagt Herr von Goethe:

In raschen Jahren geht’s wohl an –
Doch kommt die böse Zeit heran,
Und sich als Hagestolz allein zu Grab zu schleichen,
Dies hat noch keinem wohlgethan.

„Jetzt ist Berthold an der Reihe,“ sprach Lortzing und ertheilte demselben Unterricht, wie er Faden und Ring zu halten habe.

„So alt, wie dieser Methusalem werde ich auf keinen Fall,“ sprach der Opernsänger und fing an das Orakel zu befragen. Lag es nun in dem dickern Blute des Letzteren oder in seinem phlegmatischen Temperamente, er mochte noch so vorschriftmäßig halten, der Ring rührte und rückte sich nicht.

„Der Kerl hängt wie todt,“ begann endlich der Orakelnde; „ich glaube, Ihr bringt mich gar nicht lebendig nach Hause. Rossi kann mich gleich hier begraben lassen. Was hilft mir mein Urlaub.“

Nach einer Pause fuhr er fort, „Wenn der Racker nur wenigstens so lange anklänge, bis ich vollkommen pensionsfähig wäre.“

Berthold ward endlich ungeduldig und rückte mit den Worten: „Wird er wackeln!“ ein Wenig mit der Hand. Der hierdurch in Bewegung gesetzte Ring schlug dreimal an das Glas, worauf er in seine alte Ruhe versank.

„Schon alle?!“ – frug der Orakler, „das war verflucht wenig, Herloß, Du könntest mir ein paar Jahrzehnte ablassen, für Geld und gute Worte.“

Lortzing nahm jetzt lächelnd dem Freunde das Orakel aus der Hand. „Du hast den Glauben nicht,“ sprach er, „bei einem so ungläubigen Thomas wie Du wird sich der Ring nicht incommodiren.“

„Na, gute Worte geb’ ich nicht“ meinte Berthold und schlürfte mit aller Behaglichkeit sein Glas aus.

Die Glocken der Mitternacht tönten jetzt von Leipzigs Thürmen. Man kam zur vierten Studie. Ein herrlicher Vierunddreißiger Johannisberger flimmerte in den Gläsern.

„O schöner Brunnen, der uns fließt,“ lispelte Berthold selig. Herloßsohn aber erhob begeistert sein Glas. „Diese himmlische Blume,“ sprach er, „bringe ich dem neuen Frühling. Möge er herabsinken mit seinen Blüthen und Goldgewölken, liebend und segnend auf die Geschlechter der Erde. –

Lortzing erhob sein Glas: „Alle jungfräuliche Blumen sollen leben und alle blumige Jungfrauen.“

Berthold hielt mit gefalteten Händen seinen Römer umklammert und schlürfte den Göttertrank. „O Königin,“ sprach er, „das Leben ist doch schön!“

Herloßsohn sprach, „Brüder, wir sind so glücklich, [170] wie wir es lange nicht waren, laßt uns auch dankbar sein dem himmlischen Vater, der da ist ein Vater der Unglücklichen; laßt uns einen Tropfen Balsam werfen in das Meer des menschlichen Elends.“ Er schüttete mit diesen Worten den ganzen Inhalt seines ziemlich gefüllten Beutelchens auf den Tisch. „Da nehmt,“ rief er, „Wenig mit Liebe.“

Lortzing trat eine Thräne in’s Auge. Er legte schweigend zwei Thaler zu dem Gelde. Dann reichte er dem Doctor die Hand. „Du bist und bleibst,“ sprach er, „der alte gute Junge.“

Auch Berthold zog sein Beutelchen und steuerte den Inhalt zur Liebesgabe. „Wenn wir nur gleich einen recht Hülfsbedürftigen wüßten,“ sprach er.

„Auf dem Brühle ist heute ein Maurer vom Dache gestürzt,“ erzählte Lortzing, „und hat sich zu Tode gefallen. Es war ein braver Mann und hinterläßt eine arme Wittwe mit sechs unerzognen Kindern.“

„Rossi,“ rief Herloßsohn indem er das Geld in einen veralteten Theaterzettel packte, „dieses Geld schicken Sie Morgen der armen Wittwe, deren Mann heute verunglückt ist, jedoch unter der Bedingung, daß wir nicht genannt werden.“

„Kinder,“ sprach Berthold nach einer Pause in seltsam ernstem Tone, „es muß doch außer unserm Erdenleben noch ein himmlisches Land geben, wo die Liebe wohnt und die Tugend. Das wird mir allemal zur unumstößlichen Gewißheit, wenn ich einem Hülfsbedürftigen aus freier Herzensregung wohlgethan. Es kommt da ein Frieden über mich, der nicht von dieser Welt ist.“

„Auch ich,“ meinte Lortzing, „lasse mir den beseligenden Glauben an eine himmlische Heimath, wo die sich wiederfinden, die sich hier lieben, nicht nehmen; und lasse mich durch die trostlose Philosophie der heutigen Hegellinge nicht irre machen.“

Herloßsohn saß eine lange Zeit schweigend da. Eine leise Verklärung überzog sein ausdrucksvolles Gesicht. Endlich sprach er: „O, Geliebte, glaubt Ihr denn wirklich, daß uns jenes Land so ganz unbekannt ist, daß wirklich eine so große Kluft das Hier von dem Jenseit scheide? Nein, Geliebte, das wäre ein Sprung in der Schöpfung, und den gibt es nicht. Ueberall, wir mögen in der schaffenden Natur zurückgehen, so weit wir wollen, überall finden wir ein harmonisches Aufsteigen vom Unvollkommnen zum Vollkommnen. Jede Veränderung in der Natur, sagt der große Herder, ist eine Vervollkommnung. Nirgends gibt es Sprünge und schroffe Uebergänge. Und so ist auch der Tod keiner. Er verliert alles Schreckhafte, sobald wir ihn mit der ganzen Natur in Einklang bringen. Es ist dieselbe liebevolle Mutternatur, die das Herz zum erstenmale pulsiren heißt, die es später den Himmelsklängen der Liebe öffnet und die es stille stehen heißt in der Stunde des Todes.“

Nach diesen Worten entsiegelte Herloßsohn eine Flasche kostbaren Ungarweins, das geistreich poetische Präsent einer ungarischen Gräfin für seinen ungarischen Roman. Er füllte die Gläser, ergriff das seine und sprach mit tiefer Bewegung:

Ernstes Lied aus fernverklungnen Zeiten,
Das mich oft so wunderbar ergreift,
Das so süß, wie Aeolsklang der Saiten
Sanft melodisch durch die Blüthen streift,
Das mir Frieden fern aus Himmelsweiten
Wie die Nacht den Thau auf Rasen träuft –
Lied, wer ist dein Sänger? Unbekannt
Tönst du mir aus fremdem Wunderland.

Tröstend Lied, das in die Wermuthschaale
Bittern Schmerzes milden Honig gießt,
Das uns am umflorten Grabesmale
Sanft die Thräne von der Wange küßt,
Einst im Tode im Verklärungsstrahle
Als der treuste Führer uns begrüßt –
Lied, du Bürge einer schönern Zeit,
Lied ich nenne dich – Unsterblichkeit.

Die Gläser klangen aneinander; eine feierliche Stimmung hatte sich der Freunde bemächtigt und von den Thürmen der Stadt tönte die erste Stunde.

„Brüder, es wird Morgen,“ sprach Lortzing, „laßt uns aufbrechen.“

„Aber nicht eher,“ erwiederte Berthold, „bevor wir uns das heilige Versprechen gegeben, heut über zehn Jahre wieder hier zusammen zu kommen; und sollte einer oder der andere schlafen gegangen sein, so soll der Zurückgebliebene dem Vorangegangenen einen Becher des Angedenkens weihen. Die heutigen schönen Stunden mögen uns aber erquicken wie dem Wüstenwanderer die Quelle der Oase, in lieber Erinnerung; ja es bleibt ein wahres Wort des Dichters: Nur die von der Poesie gerötheten Stunden hat man gelebt.“

„So sei es,“ sprachen die Freunde und man leerte die Becher auf die – alte Freundschaft.

Als man der Weingruft entstiegen, begrüßte die mildeste Frühlingsnacht die Freunde. Noch blühten lieblich die Sterne. Im Innern wunderbar ergriffen, wollte es zu keinem Gespräche kommen und die Drei wanderten fast schweigend die Hainstraße entlang.

Als man zu Herloßsohn’s Wohnung gekommen, drückte dieser den Freunden innig die Hand und zu dem prachtvollen Sternenhimmel deutend, sprach er: „Wort gehalten wird in jenen Räumen.“

Und gleichsam als eine himmlische Antwort tönte der Ruf einer Lerche hernieder, die den keimenden Morgen begrüßte.

Alle drei, seltsam ergriffen, lauschten andächtig diesem himmlischen Frühlingsgruße.

Ja, sie wissen von uns droben,“ sprach Lortzing und die Freunde trennten sich.

Sie sind nicht wieder zusammen gekommen, als die zehn Jahre um waren, die drei Freunde. Sie ruhten alle drei im Schooße der Erde. Aber dort Oben im himmlischen Saal haben sie den Jahrestag gewiß gefeiert und angeklungen mit himmlischen Pokalen: „jedem schönen gläubigen Gefühl.“

Denn herrlichen Wein muß es droben auch geben,
Dort, wo er wohnt, der die Reben erschuf!


  1. Ein beliebter Komiker in Leipzig.
  2. Ein bekannter Weinkeller in Leipzig.