Ehrlich währt am längsten!

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Textdaten
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Autor: Johann Karl Christoph Nachtigal
unter dem Pseudonym Otmar
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Titel: Ehrlich währt am längsten!
Untertitel:
aus: Volcks-Sagen, S. 295-310
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1800
Verlag: Wilmans
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Erscheinungsort: Bremen
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Ehrlich währt am längsten![1]

„Vor dem Schlosse zu Grüningen, an der Bode, saß an einem heitern Sommerabend, der Bischof von Halberstadt, Heinrich, und neben ihm ein fremder Bischof, der seit einem Monat sein Gast war. Vor ihnen stand, in zwei gewichtigen Pokalen, der Nachttrunk. Seit zehn Uhr Morgens, da sie sich zur Mittagstafel setzten, bis zu Sonnenuntergang, hatten sie von einem großen Weinfaß gesprochen, welches damals ein Bischof am Rhein erbauen ließ, und, daß billig jeder geistliche Fürst, um seinem Hoflager den geziemenden Glanz zu geben, ein ähnliches Faß haben müsse. Die Sache war endlich, bis zur Ausführung, aufs Reine gebracht; und die Rede begann, bei beiden, von öfterm Gähnen unterbrochen, nur langsam, und immer einsilbigter, sich fortzubewegen.

Da trieb, zum guten Glück, der Schäfer Conrad, die weißgewaschne Heerde, die Bischof Heinrich alle Abende musterte, queer über den Schloßhof. „Gott grüß’ euch, Herr Bischof!“ – „Guten Abend, Conrad! Wo ist denn Harm?“ – Conrad pfiff, und ein schöner grosser Widder sprang erst zum Schäfer, und dann zum Bischof, der ihn streichelte, und mit den Brocken fütterte, die er selbst von der Tafel für ihn aufbewahrt hatte. Der Bischof sprach dann ein Paar Worte mit seinem Schäfer, und fragte lächelnd: wann er Hochzeit machen würde? Conrad zuckte die Achseln, und trieb seine Heerde weiter.

Nun ergoß sich der Bischof Heinrich in Lobsprüche über den schönen Widder, den er um alles in der Welt nicht missen möchte, und dann über den guten Conrad, der die Ehrlichkeit selbst sey. Der fremde Bischof lachte laut auf; denn, weite Reisen, und der öftere Aufenthalt an vielen fürstlichen Hoflagern, hatten ihn mit Mißtrauen gegen die Menschen erfüllt. Er behauptete gerade zu: ganz ehrliche Diener zu finden, sey unmöglich, wenigstens, an einem geistlichen Hofe; sie betrögen alle ihre Herren, wären allzumal Schelme, nur, der mehr, der weniger. Bischof Heinrich widersprach ihm heftig, rühmte ihm den guten Schlag von Leuten, die unter seinem Krummstab ständen, vor allen aber Conrad den Schäfer, der noch nie eine Unwahrheit gesagt, oder irgend jemanden betrogen habe. „Noch nie hätte Conrad gelogen? nie andre hintergangen? nie seinen Herren betrogen?“ fragte spottend der fremde Bischof. Nein! antwortete Heinrich mit lebhafter Theilnahme, nie hat Conrad das gethan! und nie wird Conrad das thun! „Nie?“ wiederholte der fremde Bischof. „Was gilt die Wette?“

Nach mehreren Vorschlägen wetteten endlich beide Bischöfe um ein Weinfaß, das hundert und funfzig Fuder Wein fassen könnte. Und, in drei Tagen, sollte Conrad, ohne daß er es wußte, die Probe bestehn. So schieden die beiden Bischöfe, froh, auf einige Tage eine neue Unterhaltung gefunden zu haben, und jeder seines Sieges gewiß.

Der fremde Bischof, ehe er sich schlafen legte, trat erst, wie gewöhnlich, in Berathung und Unterhaltung mit seinem Peter. Dieser Peter war, dem Namen nach, nur Knecht, und nach Befinden der Umstände auch wohl Hofnarr, in der That aber, des Bischofs heimlicher Rath, mehr, als mancher in prunkenden Titeln und Bändern. Er mußte immer rathen und helfen, in allen geistigen und leiblichen Nöthen. Er pflegte für seinen Herren zu hören, zu sehen, gelegentlich auch zu denken, ohne es sich merken zu lassen; und das hatte er auch diesmal gethan.

Aber er war diesen Abend nicht sehr sprechlustig; denn, der Schelm, den sein Herr sich hatte entfahren lassen, wurmte ihm im Herzen; und erst die Anweisung auf eine neue scharlachne Kappe, im Fall der gewonnenen Wette, öfnete ihm den Mund. Nach manchen beissenden Bemerkungen, über die Kosten eines Weinfasses, das hundert und funfzig Fuder Wein enthalten könnte, welche mehr als die Hälfte der Jahreseinkünfte jenes Bisthums erschöpften, nahm er es endlich auf sich, auszuforschen, wie wohl dem Conrad, diesem Ausbund, Muster und Phönix der Ehrlichkeit, wie Knecht und Herr spottend ihn nannten, beizukommen seyn dürfte.

Peter fing gleich mit Sonnenaufgang seine des Nachts ausgesonnene Kundschaft an. Und schon vor der Mittagstafel konnte er seinem Herren berichten: Conrad habe eine Liebschaft, die schöne Lise, die aber von seinen Anträgen nichts eher hören wollte, bis er sein eignes Häuschen habe, da er und sie arm sey. Der thätige Peter hatte selbst schon Lisen gesprochen, und sie zur Ausführung des Entwurfs, den er sich gemacht hatte, bereit und sehr tüchtig gefunden. Er bat sich also von seinem Herren ein Paar Hände voll blanker Batzen aus, um damit das Weinfaß zu gewinnen. Der Bischof ließ ihn nehmen, so viel er wollte, um sich desto sorgenfreier zur Tafel setzen zu können.

Peter ging wieder zur schönen Lise, zeigte ihr die blanken Batzen, die ihren kleinen Tisch ganz bedeckten, und beide behandelten ein Häuschen, das eine arme Witwe schon längst verkaufen wollte, und Peter versprach, das Kaufgeld für Lisen zu bezahlen, so bald sie ihm das brächte, was er verlangte.

Den folgenden Morgen ging Lise, wohl aufgeschürzt, in die Gegend, wo Conrad die Heerde durchtreiben mußte, um da zu krauten. – Kaum erblickte Conrad sie in der Ferne, so flog er zu ihr hin, begleitet von seinem Harm, setzte sich neben sie, und wiederholte ihr alles, was er ihr je gesagt hatte, um sie für seine Wünsche zu gewinnen. Lise aber antwortete ihm ganz kalt: sie habe das alles schon tausendmal gehört; wenn er ihr nichts neues von einem eignen Häuschen zu sagen habe, so wisse er schon längstens seinen Bescheid.

Traurig wollte Conrad weggehen; doch, ein halb freundlicher Blick von Lisen machte, daß er noch zuletzt fragte: warum sie denn eigentlich ihn so spröde abwiese? und was er für sie thun solle? – „Wundershalber wollen wir doch sehen, ob du etwas für mich thust“ sprach Lise: (der Lieblingswidder des Bischofs hatte sich zwischen sie und Conrad gedrängt, und fraß etwas Brod aus ihrer Hand.) „Wenn ich dich nun bäte, mir deinen Harm hier zu geben, daß ich ihn verkaufen könnte?“

Conrad entfiel das Herz. Traurig erwiederte er: Alles in der Welt, nur das nicht! Wenn der Bischof nicht alle Abend meinen Harm futtern kann, so mag ich das Unglück nicht sehen. Nimm dir die besten zehn Schaafe aus der ganzen Heerde, nimm dir alle funfzig die mir gehören; nur den einzigen Widder laß mir! – „Seht ihr! sprach Lise, so seyd ihr Mannsbilder! Geh mir doch mit deinen funfzig Schaafen! So einen kleinen Gefallen willst du, als Bräutigam, mir nicht thun? Das würde mir ein schöner Ehemann werden, wenn die Flitterwochen erst vorbei sind. Geh doch zu deinem Bischof, und laß ihn den Widder füttern, und du küß ihm unterdeß die Pantoffeln!“

So stritten sie sich lange. Conrad weinte vor Unmuth. Lise gestand ihm endlich, daß sie den Widder für das kleine Häuschen verkauft habe, welches sie sich beide so oft gewünscht hätten, und daß sie ihn abliefern müßte, heute noch, es koste, was es wolle, da sie ihr Wort einmal gegeben habe, und sie keine Lügnerin gescholten seyn wolle; ließ dann einige Thränen fallen, daß ihr nun die einzige so unverhoffte Freude verkümmert sey, sich ein Häuschen kaufen zu können, worin sie beide, mit ihren Kindern, so vergnügt leben könnten; fragte dann wieder: ob denn nicht alle Tage Schaafe stürben? ob sich keins je verliere? ob keins gestohlen würde? ob der Wolf die gezählten Schaafe nicht auch fresse? u. s. w.

Und, es siegte die Liebe. Conrad versprach mit einem Handschlag, ihr noch vor Mittag den Widder abzuliefern; und Lise gab Conrad die Hand darauf, daß sie in vier Wochen seine Frau werden wollte, und vielleicht noch etwas mehr zum Angelde.

Lise wandelte schnell dem Städtlein zu, und Conrad sah’ ihr lange starrblickend nach. Die Freuden seiner Verlobung waren sehr getrübt durch den Gedanken an das Verhör bei seinem nicht bloß hochgebietenden, sondern auch gnädigen Herren, in dessen Dienst es ihm bisher so wohl gegangen war, und der des Widders so herzlich sich freute.

Jetzt stand er einsam auf dem Felde, wo Lise gekrautet hatte, und sahe, in sich gekehrt, immer starr vor sich nieder. Endlich steckte er seinen Schäferstock in die Erde, hing seinen Rock daran, und setzte seine Mütze oben darauf. Und nun begann eine Reihe von Ein-, oder, wenn man will, von Zwei Gesprächen, zu denen Harm gelegentlich die begleitenden Bewegungen machte.

„Gott grüß Euch, Herr Bischof!“ – Guten Abend, Conrad! Wo ist denn Harm? – „Harm? Herr Bischof! – ja, der hat sich verloren! – der hat sich wahrlich verlaufen!“ – (Harm drängte sich eben jetzt, als Conrad so sprach, zwischen seinen Füßen durch, um das Wunderding zu beaugen, vor dem sein Herr sich so bückte.) – „Conrad! Conrad! (mit Kopfschütteln) der ist zum Brode gewöhnt! Harm wird sich nicht verlaufen! – Das geht nicht!“ –

Ein anderes Zweigespräch Conrads, worin er dem Bischof den Widder als gestohlen vorstellen wollte, unterbrach Harm durch einen kräftigen Stoß, wodurch er seine Verbeugungen erwiedern wollte. „Der läßt sich so leicht nicht greifen! rief Conrad, das geht nicht!“

So sprach er noch ein halbes Stündchen mit sich, und endigte immer mit Kopfschütteln, und mit dem: „Conrad, das geht nicht! – Und doch, setzte er dazu, muß ich noch vor Mittag den Widder abliefern; denn, ich hab’s ja versprochen; und, wenn ihn Lise nicht ablieferte, da sie ihn schon verkauft hat, so wäre sie eine Betrügerin, und könnte mein Weib nicht seyn!“

Endlich sprang er vor Freuden in die Höhe, und rief: „Ehrlich währt am längsten! – das geht! das geht!“ Er zog seinen Rock an, setzte seine Mütze wieder auf, und trieb seine Heerde weiter. Und noch vor Mittag überlieferte er, mit einem tiefen Seufzer, seinen lieben Harm an Lisen, die ihn gegen das Kaufgeld des Häuschens umtauschte, ohne über den Zusammenhang der Dinge zu grübeln.

Und es ging! – Dieser Abend war zu Conrads Ehrlichkeitsprüfung bestimmt, ohne daß er es ahnete. Beide Bischöfe erwarteten, bei ihrem Nachttrunk, auf dem Schloßhofe den Schäfer, der ihre Wette entscheiden sollte. Beiden schlug das Herz, und sie sprachen wenig; denn, jeder wollte lieber dem andern die Ehre der Erbauung des großen Weinfasses überlassen. Peter aber, der heimliche Rath, war sehr getrost; und, innerlich lachend, freute er schon zum Voraus sich seines Sieges, und seines künstlich ausgesponnenen Entwurfs. Denn er hatte ja den Lieblingswidder des Bischofs in dem Stall; und, wie hätte Conrad es wagen können, hier die reine Wahrheit zu sagen, wodurch er sich den Zorn und die hohe Ungnade seines gestrengen Herrn zuziehen mußte, und auf immer sein Brod verlohr!

So dachte Peter, der heimliche Rath. Indeß trieb Conrad seine Heerde queer über den Schloßplatz, und vor den Bischöfen vorbei. Peter schmunzelte; denn er glaubte Schüchternheit und Herzensangst auf Conrads Gesichte zu lesen.

Diesmal sprang kein Widder lustig zum Bischof Heinrich, um sich füttern zu lassen. – „Wo ist Harm?“ fragte der Bischof mit bedeutendem Blick. Conrad antwortete mit fester Stimme: „Den hab’ ich verkauft! – Da ist es heraus! – Ehrlich währt doch am längsten! Das ist mein Wahlspruch Herr Bischof, wie ihr wißt, und das soll auch, will’s Gott, mein Spruch bleiben.“

Peters Gesicht verlängerte sich merklich. Heinrich aber rief, mit finstrer Miene und drohender Stimme: „Warum hast du den verkauft, ohne es mir zu sagen? Das Zehnfache hätte ich dir bezahlt! Weißt du nicht“ –

„Hört mich, Herr Bischof, sprach Conrad. Mich hat Lise verführt, wie einst Eva den Adam. Und die Lise hat ein Schelm verführt, wie der böse Feind die Eva. Giebt er mir meinen Harm wieder, so nenn’ ich ihn nicht.“ (Peter drehte, voll Ingrimms, sich um; denn, fort waren seine blanke Batzen, und die Kappe von Scharlach, und nun gar auch der Widder, der die Zeche sonst hätte bezahlen müssen.) „Lise hatte den Harm verkauft, ohne es mir vorher zu sagen; sonst wäre es nimmer geschehen. Aber so mußte ich ihn wohl hergeben, so sauer es mir auch wurde. Denn sonst hätte sie ja gelogen, und – sie ist nun mein Weib! – Das ist die reine Wahrheit Herr Bischof. Mit mir macht nun, was ihr wollt. Gethan ist gethan! aber nur straft die Lise nicht. Ein schwaches Geschöpf ist bald von einer Schlange verführt.“

Bischof Heinrich wollte schmählen. Aber, der fremde Bischof sprach, mit einem finstern Seitenblick auf Peter, der fortschlich: „Ich habe die Wette verlohren! Das war die Probe.“

Und, Bischof Heinrich schmählte nicht. Ihn tröstete die Freude der gewonnenen Wette; aber mehr als des Weinfasses, freute er sich der Ehrlichkeit seines Conrads; auch fühlte er, was Liebe vermag.

Ja, riefen beide Bischöfe, ehrlich währt doch am längsten! Und Bischof Heinrich sagte: „zum Lohne deiner Ehrlichkeit will ich die Hochzeit dir ausrichten, und die halbe Heerde soll dein seyn! Und, setzte der fremde Bischof hinzu, deinen lieben Harm sollst du auch wieder bekommen, und das Häuschen doch behalten, zum Pathengeschenk für das erste Kind.

Und der Bischof, der die Wette verlohr, ließ das große Weinfaß bauen, das sonst so manchen Reisenden nach Grüningen lockte, und das jetzt auf den Spiegelsbergen bei Halberstadt liegt.“


  1. Von dieser jüngsten unter den hier aufgestellten Volks-Sagen (ihre Beziehungs-Periode ist das Ende des sechzehnten Jahrhunderts) finden sich einige Bemerkungen in der Einleitung, da sie, sowol in Absicht des Inhalts als der Darstellung, sich bemerkbar von den meisten der übrigen Volks-Sagen auszeichnet.