Ein „zweites“ Theater

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Textdaten
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Autor: Herbert König
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Titel: Ein „zweites“ Theater
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 752–755
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein „zweites“ Theater.


Das Gastspiel der Mitglieder des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters an der Neustädter Hofbühne in Dresden versetzte mich so recht in die besten Zeiten des Wallnertheaters, als Helmerding, Reusche und Neumann, dieses unvergleichliche Kleeblatt, durch geistreiche, bewegliche Darstellung und unversiegbaren Humor, allabendlich Triumphe feierten. Helmerding ist noch der Alte, das heißt einer der besten Schauspieler (nicht nur Berlins, sondern Deutschlands und der Jetztzeit überhaupt); Reusche wurde an die Hofburg egagirt, für den Schauspieler das wünschenswertheste Ziel; Neumann, dieser liebenswürdige

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Die Gartenlaube (1875) b 753.jpg

Die Mitglieder des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters in Berlin.
Originalzeichnung von Herbert König.

[754] Komiker lebt und wirkt wohl noch in der Stadt der Intelligenz. Ich bekenne es gern und offen, diese Schauspieler der sogenannten „zweiten“ Theater, mit ihrem rastlosen Fleiße und beharrlichen Streben, mit ihrer unverwüstlichen Lebhaftigkeit, mit ihrer scharfpointirten Auffassungsweise, die ihre Charaktere frisch und unverfälscht von der Straße, aus dem Volke und der Gesellschaft auf die Bühne bringen, haben mich immer mit hohem Interesse erfüllt und mir eine Art Respect abgenöthigt, was ich von den Schauspielern gewisser „erster“ Theater nicht immer behaupten kann. Der Brenn- und Kernpunkt eines Theaters, welches auf eigenen Füßen zu stehen gezwungen ist, also keines Zuschusses sich zu erfreuen hat, ist ein fortwährender Kampf um die Existenz. Und damit das Ganze nicht gefährdet werde, muß der Einzelne all sein Können, all seine Kräfte einsetzen. Schon dadurch ist den Vorstellungen solcher Bühnen eine Energie aufgedrückt, ein exactes Wesen, ein Ringen und Kämpfen, das an Genialität grenzt, und den Zuschauer, immer und immer fesselnd, mit sich fortreißt.

„Wollen Sie, meine Herren und Damen, am Ersten Ihre Gage haben, so müssen Sie zuerst sorgen, daß ich sie Ihnen zahlen kann.“ Diese allgemein verständliche Bemerkung, die der Director als letzten Trumpf ausspielt, wenn es einmal auf der Generalprobe noch nicht nach Wunsch geht, ist der beste und wirksamste Schlüssel, das Räderwerk aufzuziehen und in die nöthige Bewegung zu setzen, wenn es einmal an Oel fehlt und die Maschine in’s Stocken geräth. Der letzte, der unbedeutendste Schauspieler sucht dann aus seiner kleinen Rolle das Menschenmöglichste zu machen, und geht überglücklich in die Coulisse ab, wenn sich die Stirn des Herrn Director nach und nach wieder entwölkt oder wenn sein noch eben blitzeschleuderndes Auge ihm gar einen Blick der Milde angedeihen läßt. Wie anders an gewissen Theatern ersten Ranges, wo der alte Schlendrian das Bürgerrecht erlangt hat und nie mehr zu verscheuchen ist, wo zwar ein Hofcavalier an der Spitze steht, statt seiner aber einige erste Mitglieder, im gemeinen Leben Virtuosen genannt, das Scepter führen. Wo Vornehmthuerei das charakteristische Kennzeichen des Gebahrens auf der Bühne ist und das Ganze mit dem Schleier unendlichster Langeweile überzieht, wo Eigensinn, Eigendünkel und Neid es nie zu einem wirklichen Zusammenspiel kommen lassen und das Protectionswesen ängstlich und mit Erfolg bemüht ist, jedem wahren Talente den Weg zu verkümmern, wo jährliche Geldzuschüsse, die sich oft zu enormer Höhe steigern, dem Spiele der Darsteller den Stempel beamtlicher Behaglichkeit und Sorglosigkeit aufdrücken, sodaß jener Hofschauspieler von dem Moment an, da er die lebenslängliche Anstellung in der Tasche hatte, beschloß, nie mehr eine Rolle zu lernen. Doch um der Wahrheit die Ehre zu gehen, dieses eben geschilderte Treiben gehört zum großen Theil einer früheren Zeit an und ist seinem Verscheiden nahe. Auch bei den Hoftheatern weht eine frischere Luft, da man einsieht, daß es so nicht mehr fortgehen kann. Begeistertes Kunstinteresse, energisches Streben sind auch hier heimischer geworden und haben jenes bequeme Sichgehenlassen und Pochen auf eine bevorzugte Stellung, Ueberhebungen, die noch vor wenigen Jahren die meisten Hoftheater kennzeichneten, glücklich aus dem Felde geschlagen.

Bei dem Gastspiele der Mitglieder des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters entwickelten sich nun all jene Eigenschaften, die als charakteristische Kennzeichen eines (Notabene) guten zweiten Theaters angedeutet wurden, auf’s Glänzendste, sodaß sie das sonst so vorsichtige, nicht eben allzu entgegenkommende Dresdener Theaterpublicum in der That elektrisirten. Da der Berliner Gastspiel-Cyklus nur aus Wiederholungen der drei Operetten: „Mademoiselle Angot“, „Die Fledermaus“ und „Der Carneval in Rom“ bestand, weil das anfangs im Aussicht genommene höchst amüsante „Giroflé-Girofla“ aus wohlbegründeter Rücksicht nicht zur Aufführung gelangte, so konnte dieses Unternehmen gerade dem Eingeweihten für Dresden, und noch dazu an einer Hofbühne, als etwas gewagt erscheinen. Doch die Art und Weise, wie diese leichte, wenn auch nicht geistlose Waare von den Darstellern auf den Markt gebracht wurde, versöhnte selbst den verwöhntesten Theaterbesucher und schmolz bald die eisgepanzerten Herzen der Prüden und Delicaten. Diese Vorstellungen, welche ohne Ausnahme von einer rühmenswerthen Wohlanständigkeit beherrscht wurden, triumphirten vollständig über das landläufige Vorurtheil, als „passe“ dergleichen nicht, selbst ausnahmsweise nicht, auf eine Hofbühne.

Helene Meinhardt und Karl Swoboda, welche die Mitte auf unserer Zeichnung einnehmen, sind unter den Darstellern in erster Linie zu nennen. Helene Meinhardt, eine überaus zarte, feinorganisirte Erscheinung mit einem klugen Vogelgesichte, ist die zierlichste Mamsell Angot, die man sehen kann. Alles an ihr ist Geist und Leben, ihr Gesten- und Mienenspiel werden vom feinsten Verständnisse geleitet, und selbst im ausgelassensten Momente verläßt sie nie die angeborene Grazie, nie jener instinctive Tact für Das, was sich ziemt und was darüber hinausgeht. Sie verschmäht jene in die Augen springende Drolerie, die namentlich von ihren österreichischen Colleginnen gepflogen wird und den gebildeten Zuschauer so sehr verletzt; im tollsten Treiben bleibt sie immer das liebenswürdige Persönchen, das bei aller übersprudelnden Laune ihrer Würde eingedenk ist.

Karl Swoboda ist wohl einer der vorzüglichsten Spieltenöre am deutschen Theater. Seine Spiel- und Gesangsweise ist lebhaft, feurig, oft hinreißend, in den höchsten Momenten des Affectes „wie aus einer Pistole geschossen“. Und dabei hält er immer Maß, ist aber auch immer der Erste im Gefechte, wann und wo es gilt, und außerdem, was nicht wenig sagen will, ein Künstler vom seltensten Pflichtgefühl. Nie sieht oder hört man diesem Feuerkopfe ein Nachlassen der Kräfte, ein Erschlaffen an, nie, was bei so Vielen der Fall, läßt er sich von der Rolle tragen oder wird gar von den Wogen mit fortgerissen; stets trägt er den Kopf hoch, ist „allezeit voran“ – immer thut der Mohr seine Schuldigkeit.

Vom übrigen hervorragenden Personal sind die Damen Preuß, Elise Schmidt und Bertha von Czepscanyi zu nennen, Erstere eine anmuthige Persönlichkeit mit sympathischer Stimme und Vortragsweise, Fräulein Schmidt vorzüglich in derbkomischen Rollen, Fräulein von Czepscanyi eine graziöse Salondame mit der frappanten Physiognomie einer Vollblut-Ungarin. Und nun komm’ Du heran, mein „fideles Gefängniß“, mein unsterblicher Gefängnißwärter, „Du Bursch’ von unendlichem Humor“! Wer Dich einmal nur sah, muß mit Wallenstein rufen: „Max Scholz, bleibe bei mir, geh’ nicht von mir, Max!“ Max Scholz, den wir auf unserm Bilde zweimal bringen, als Larivaudière, den geldstolzen alten Lüstling, der überall am Narrenseile herumgeführt wird, und als Gefängnißwärter, den nie nüchternen Schmeerbauch, der vor Rührung Punsch weint und sein Gefängniß für das fidelste der ganzen Welt erklärt – dieser geborene Komiker darf als eine Hauptstütze des Berliner Unternehmens bezeichnet werden. Genannter Gefängnißwärter in der „Fledermaus“ ist geradezu eine classische Leistung, ein moderner Falstaff vom Scheitel bis zur Sohle, ein durch und durch in Spirituosen aller Art verkommener Kerl, dem man trotzdem nicht gram sein kann, wenn man das homerische Gelächter hört, das ihm von den Logen und aus dem Parterre wie von der Galerie zuströmt und in das man nach Herzenslust mit einstimmt.

Vorzüglich unterstützt wurde der treffliche Komiker von seinem Collegen Vollmann, der den Director dieses fidelen Gefängnisses darstellte und, von einer Festlichkeit kommend, ebenfalls den Kopf voller hatte, als ihm lieb war. Die Situation zwischen dem Vorgesetzten und seinem Untergebenen, welche Beide in einer höchst bedenklichen Lage vorführt, indem der Eine sich Nichts vergeben, der Andere sich Nichts merken lassen will, war von so außerordentlicher Wirkung, daß die Spielenden oft vom Beifall des Publicums unterbrochen wurden. Hervorzuheben unter den Darstellern sind noch Robert Guthery, Brandt und Richard Hagen, die, Jeder in seinem Genre, zur Vorzüglichkeit des Ganzen redlichst mitwirkten.

Die drei Hauptfactoren, denen die Leitung des Instituts anvertraut ist, sind der Director Emil Neumann, der Capellmeister Arno Kleffel, ein nicht nur anerkannt tüchtiger Dirigent, sondern auch ein trefflicher Liedercomponist im Schumann’schen Genre, und der Regisseur Tetzlaff. Das Zusammenspiel, welches bei den Vorstellungen dieser Gesellschaft eine so schmeichelhafte Anerkennung gefunden hat, ist die Frucht mehrjährigen Strebens, dessen sich seit Uebernahme der Direction Emil Neumann befleißigte, indem er stets von der Ueberzeugung durchdrungen war, daß

[755] ein gutes, einheitliches Zusammenspiel, bei welchem Jeder, auch der Inhaber der kleinsten Rolle, ja selbst jeder Statist und Chorist, mitwirkt und mitspielt, die Seele aller dramatischen Aufführungen ist. Mehrere Jahre hindurch führte er die Regie aller Stücke selbst, und erst seit einem Jahre greift Herr Tetzlaff in dieselbe ein, dabei gänzlich den Grundsätzen des Directors folgend, die von dem Fleiß und dem Eifer der Mitglieder auf’s Beste unterstützt werden. Nur unter einer solchen Bühnenleitung kann es gelingen, dem Publicum Vorstellungen zu bieten, die nicht zu den alltäglichen zu zählen sind.

Als treue Wacht steht dem Institute ein Consortium zur Seite, das aus drei Mitgliedern der Berliner Geld-Aristokratie besteht, von denen der rührige A. Hofmann, bekannt als Verleger des Kladderadatsch und – Millionär, den Vorsitz führt, wozu ihn seine genaue Kenntniß des Theaters, wie die Verbindung mit Schriftstellern und Journalisten wohl berechtigen.

H. Kg.