Ein Abend im Harem

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Ein Abend im Harem
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 603–605
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[603]

Ein Abend im Harem.
Von einer Dame.


Arabisches Sprüchwort:
     Reisen bringt Rosen
     Und scheue nur die Reisedornen nicht!
     Denk’ an die Reiserosen,
     Die köstlichen, die dir entgegenblühn!

Wir waren im Ramazan, dem durch die Religion gebotenen Fastenmonat der Bekenner des Islam. Diese Zeit häufigerer Gebete und leiblicher Enthaltsamkeit – von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang soll nichts genossen werden – schließt mit dem großen dreitägigen Beiramfeste. Schreiberin dieses war in jenen Tagen Zeugin eines gemüthlichen Harems-Abendessens.

Einladungen finden zu dem abendlichen Festessen, dem Iftar, womit man nach Sonnenuntergang die Fasten bricht, nicht statt. So wurden wir denn durch eine Art Verabredung eine Viertelstunde vor Sonnenuntergang im Gouvernementsgebäude erwartet. Zuerst traten wir drei Damen, meine Freundin, eine Dolmetscherin und ich, mit unseren Herren in den Selamlik, das heißt in denjenigen Theil des Hauses, der bei den Muselmännern nur für die Herren bestimmt ist. „Selamlik“ heißt Friedensraum, „Haremlik“ verbotener Raum. Wir wollen hoffen, daß erstere Bezeichnung nicht etwa mit Bezug auf die völlige Abwesenheit der Damen im betreffenden Raum entstanden ist. Dies verbieten schon zwei Umstände. Erstens ist ein Vortheil der Haremseinrichtung jedenfalls der, daß Gardinenpredigten in Folge der völligen Unkenntniß der Frau von den Geschäften und Vergnügungen des Mannes hier fast unmöglich werden. Zweitens hat diese Bezeichnung des Gastzimmers des Hausherrn an sich seine tiefe Bedeutung in einem Lande, wo neben vielen anderen chevaleresken und interessanten Gebräuchen auch Dolch und Gift noch an der Tagesordnung sind.

Im Gouvernementsgebäude war dieses Friedenszimmer ein schöner Saal. Vergebens sahen wir uns aber nach der eigenthümlich türkischen Einrichtung, den Divans an den Wänden, den mit Perlmutter und Ebenholz eingelegten niedrigen Tischen, den schwellenden Teppichen mit ihrer entzückenden Farbenharmonie, um. Die Einrichtung sollte jedenfalls einen europäischen Empfangssalon imitiren; durch die bedenkliche Aehnlichkeit mit einem Eisenbahn-Wartesaal erster Classe verlor sie aber viel von ihrem Reize. Wer kennt die weinrothen Sammetmöbel mit Mahagonilehnen nicht, den geschmacklosen groß gemusterten Blumenteppich, den runden Tisch mit inhaltsleerer Platte? Hier fand man sie alle und war versucht, in Ermangelung einer Reisetasche Hut und Umhang abzulegen. Es fehlte alle Füllung mit anderen Möbeln, alle Kleinigkeiten, die ein Zimmer hübsch machen, und jeder Wandschmuck von Bildern. Letzteres ist allerdings aus der Religion des Islam erklärbar. Nicht Alle ahmen jenem Sultan nach, der sich malen und das Bild in seinem Zimmer aufhängen ließ, um die strenge Sitte zu brechen.

In diesem Selamlik waren sechs bis acht Herren versammelt. An der Art, wie sie sich niedergelassen hatten, erkannte man deutlich, daß man sich trotz der europäischen Einrichtung des Zimmers in einem außereuropäischen Lande befand. Wie ein Richter dem Gerichtshof, so saß hier der Wirth seinen Gästen gegenüber. In den erwähnten rothen Lehnstühlen hatten letztere im Halbkreis an einer Wand des Zimmers Platz genommen, und in einem Armlehnstuhl ihnen gegenüber sitzend, machte der Vali (Generalgouverneur) die Honneurs seines Hauses. Seine Gäste waren, außer uns, nur Muselmänner, die höheren Beamten der Provinz. Sie trugen europäische Tracht, aber das rothe Fez und sprachen alle französisch.

„Doch wie ist es mit dem Harem?“ höre ich fragen. Geduld! Es geht nicht so rasch. Nur der Hausherr kann uns Europäerinnen dort einführen, obgleich wir erwartet werden.

Man führte uns Damen zum Sopha; ganz wie in Europa folgte nun eine allgemeine Unterhaltung, und erst als unsere Herren an dem Tschibukrauchen Theil genommen hatten, das man auch uns scherzhaft anbot, frug uns seine Excellenz mit freundlichem Lächeln, ob wir ein wenig zu seiner „Familie“ gehen wollten. Das Wort „Frau“ in der Bedeutung Gemahlin des Sprechenden darf nicht ausgesprochen werden. Es heißt immer „Familie“, auch wo keine Kinder und nicht mehrere Frauen im Harem sind! Man muß dann die Frau mit ihren Dienerinnen darunter verstehen.

Auf unsere zustimmende Antwort reichte der Vali mir den Arm; meine Freundin und die Dolmetscherin mußten aber ungeführt folgen, da kein anderer Mann als der Gemahl den Corridor, der zur Haremsthür führt, betreten darf.

Es ging an der Wache vorbei und dann durch leere Flure, bis wir zuletzt durch einen langen, schmalen Corridor an den Haremseingang gelangten. Hier klopfte der Pascha an die Thür; diese öffnete sich leise und ohne daß wir Jemand bemerkten. Wir traten ein und fanden uns in einem Vorflur, auf welchen sich verschiedene Thüren öffneten. Vor einer derselben sahen wir eine einzelne Dame stehen. Sie trug ein wallendes, weißes Gazekleid, war mittelgroß, üppig gebaut und von hübschen und einnehmenden Gesichtszügen. Der Vali führte mich dicht zu ihr heran, ließ mich in demselben Augenblicke los und stellte mich kurz vor. Darauf machte er Kehrt und verschwand schleunigst durch seine Thür. Er war augenscheinlich etwas im Dilemma zwischen europäischer und Haremssitte. Nach letzterer war es ja überhaupt ganz unpassend, daß er den Besuch seiner Frau erblickte.

Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich einer unverschleierten vornehmen Türkin gegenüber. Unsere erste Begrüßung war, da ich leider so viel wie gar nichts von ihrer Sprache verstand, stumm, denn die Dolmetscherin mußte sich zuerst in der gebührenden Entfernung halten.

Die weißgekleidete Dame, welche die Gemahlin und zwar die einzige des Pascha war, führte uns in diejenigen inneren Gemächer, welche zur einen Seite des Vorflurs lagen. Es waren zwei kleine Wohn- oder Empfangszimmer, fleckenlos weiß, aber sehr einfach eingerichtet. Rohrgeflecht-Matten bedeckten den Boden. Weißgemalte Wände, weiße Gardinen, weiße, in schönen, dicken Mustern gehäkelte Schutzdecken auf den Divans machten einen gar freundlichen Eindruck. Ein kleiner Tisch in der Mitte des Zimmers bildete nebst den Divans und den auf der Erde liegenden weißen Kissen das ganze Mobiliar. Auf dem Tisch standen zwei Kerzen, und zwei kleine vergoldete oder goldene Kelche und Albums lagen darauf. Die Fenster waren offen, die „Jalousien“ jedoch dicht geschlossen.

In ihrem weißen, goldfunkelnden Gewand ließ sich die Dame des Hauses auf den einen, wir, nach eben erlernter Sitte, auf dem gegenüber befindlichen Divan nieder, und durch Vermittelung der Dolmetscherin begannen wir zu plaudern. Ich wollte, ich könnte die friedliche, lauschige, ja poesievolle Stimmung schildern, welche mich in diesen von der Außenwelt völlig abgeschlossenen kleinen, weißen Zimmern ergriff. Während die Haremseinrichtung, von außen betrachtet, nur etwas Entwürdigendes hat, kommt man im Inneren derselben auch auf andere, ganz von diesen verschiedene Gedanken. Diese Ruhe, dieser Herzensfriede, dieses Behütetsein gleich dem kostbarsten Juwel muß doch auch seine unleugbaren Vorzüge haben. Ein Vergleich zwischen dem christlichen und dem muhamedanischen Eheleben giebt viel zu denken. Das Meiste, was sich darüber sagen läßt, wird indessen doch wohl zu unseren Gunsten ausfallen.

Die Frau des Hauses empfing uns allein; erst als wir schon in lebhafter Unterhaltung waren – sie war ebenso freundlich und entgegenkommend, wie ihr Mann seinen Gästen gegenüber im Selamlik – erschienen nach und nach einige andere Mitglieder der Familie.

Zuerst trat eine Dame ein, die uns als ihre Nichte und Frau ihres Neffen vorgestellt ward. Dann guckte deren neunjähriges Töchterchen mit einer circassischen Gespielin und noch einem anderen dreijährigen Kindchen durch die Thür und wurde hereingerufen. Die beiden kleinen Mädchen gaben uns sehr gesittet die Hand. Eine ältere Dienerin, die ganz das Wesen einer gut behandelten europäischen Kinderwärterin hatte, hielt sich ihrethalben im Vorflur auf. Andere Dienerinnen, oder vielmehr Sclavinnen, sahen wir vorläufig nicht. Die Kinder ließen sich auf eines der breiten, niedrigen Kissen am Boden nieder. Die Nichte nahm eine Art Puffstuhl neben dem Divan, auf dem die Tante thronte, ein.

[604] Es war ein kühler Octoberabend, und wir waren deshalb unserer ziemlich geschlossenen europäischen Visitentoilette froh. Die türkischen Damen fanden es jedoch nicht zu kühl, um Gaze über bloße Arme und Schultern zu tragen. Sie empfingen uns in vollständiger Abendtoilette, die sie freilich, wenn nicht im Negligé, stets tragen. Ihre schönen, vollen Arme und ebensolche Schultern kamen dadurch vortrefflich zur Geltung. Die Damen sahen für dieses Alter – achtundzwanzig und fünfunddreißig Jahre – sehr gut aus, ja die Tante, die Frau Pascha, war entschieden eine türkische Schönheit. Sie hatte ein schönes Profil, nur mit etwas niedriger Stirn, einen blendenden Teint und herrliche, dunkle Augen. Auch ihr Mund war sehr lieblich, voll und frisch roth, und das Lächeln schien unzertrennlich davon zu sein. Ueberhaupt war eine wohlthuende Heiterkeit, gepaart mit Würde, über ihr ganzes Wesen ausgegossen. Sie war wirklich eine „sympathische“ Person, wie man hier im Süden sagt. Ihre Toilette bestand aus einem weißseidenen Unterkleid, über welches ein Ueberkleid von mit Gold bestreutem Tüll unaufgerafft zu Boden floß, und ein blauseidener Gürtel hielt die blousenartig geschnittene Taille fest. Diese war herzförmig ausgeschnitten und eine reiche Brillant-Agraffe nestelte sie an der Brust zusammen. Ein kleiner blauseidener Shawl war durch das Haar gewunden.

Die Nichte trug, auch auf weißer Seide, ein ähnliches Ueberkleid, welches aber nicht von Tüll, sondern von breit goldgelb und weiß gestreifter türkischer Seidengaze war. Eine schwarze Emailbroche mit großen Brillanten prangte am Ausschnitt ihres Kleides. Den blauseidenen Shawl hatte sie aber nicht, wie ihre Tante, zwanglos durchs Haar geschlungen, sondern in strengerer Etikette, als kleinen Turban, auf dem Kopfe befestigt. Sie war dunkelblond, sah phlegmatisch aus und sprach kein Wort.

Die Kinder, unter denen die kleine Türkin an Hübschheit und aufgewecktem Wesen bedeutend von der kleinen Circassierin übertroffen wurde, waren ganz geschmackvoll europäisch gekleidet. Die Großnichte präsentirte sich im grauen Caschmir-Faltenkleidchen und rosa Schärpe und reicher rosa Schleifengarnitur und in lang hängendem reichem kastanienbraunen Haar. Die kleine Circassierin, die in ihrer Erscheinung zierlicher, in ihrem Ausdrucke intelligenter war, als die Türkin, trug ein graues Kleid mit Miedertaille, blaue Schärpe und eine weiße Blouse über den zarten, kleinen Hals.

Nachdem die Kinder ein wenig bewundert worden waren, sprachen wir von allerlei Anderem, auch von Musik, wobei unsere Wirthin erwähnte, daß auch sie früher gespielt habe.

Eine andere Bemerkung war uns amüsant. Die „Hanum“ – das heißt türkisch „Dame“ – bat uns, zu entschuldigen, daß sie uns nicht ihre neuen Kleider zeige. Dieselben seien noch von Constantinopel unterwegs. Es ist nämlich bei den türkischen Damen Sitte, zur Unterhaltung des Besuches, auch wohl zur Befriedigung der eigenen Eitelkeit, die Staatsgewänder auszukramen. Unnatürlich ist dieses ja durchaus nicht, und welche Dame, bei uns und in allen andern Ländern Europas, wäre nicht schon oft von ihren Freundinnen in ein Vertrauenszimmerchen gezogen worden, um eine neu empfangene Toilette oder ein reizendes Hütchen zu bewundern? „Steht es mir auch, und kann ich es tragen?“ Aber das bleiben eben Vertrauenssachen, die man nicht, wie im Morgenlande, bei den ersten Besuchen zu erwähnen pflegt.

Wir sahen nun, daß die türkischen Damen uns ganz natürlich und nach ihren Sitten empfingen und daß es mit einer Aenderung in den Harems zum Modernen, von der man fabelt, nicht so weit her sei. Die Kinder konnten noch kein Wort französisch – „da es noch zu anstrengend für sie sei“. Nachdem noch bemerkt worden war, daß wir die Bastmatten, die übrigens wunderhübsch sind, entschuldigen möchten, „die Teppiche seien noch nicht ausgepackt“, erschien eine Dienerin an der Thür und bat uns, zum Essen hinunter zu kommen.

Vom Vorflur aus gelangten wir, in feierlicher Procession, in den unteren Stock und in eine Art von Vestibül. Wir sahen durch eine Thür in den von einer hohen Mauer umgebenen Garten, wo Wäsche an den Bäumen trocknete. Man sieht, es war auf Eleganz kein Anspruch gemacht; dazu lieben die türkischen Damen viel zu sehr ihre Bequemlichkeit. Ueberhaupt liegen die schönen Einrichtungen des Lebens in orientalischen Häusern nur ganz auf der Oberfläche und erstrecken sich kaum weiter als auf Toilette und Eßservice. Daher die Witze, welche unter den Hiesigen darüber cursiren, daß die Türkinnen dann und wann Betten hätten, aber nie darin schliefen, und daß man in den elegantesten armenischen Häusern schmutzige Stiefel in allen Ecken stehen sähe, welches Letztere ich bezeugen kann. Glücklicher Weise brauche ich hier nicht die Gastfreundschaft mit einem solchen Tadel zu lohnen. Die Bedürfnisse der Türken sind einfach, das ist wahr, aber es fällt einem an Kleidung und Zimmereinrichtung große Ordnung und Reinlichkeit angenehm auf. Die hausfrauliche Aufmerksamkeit unserer liebenswürdigen Wirthin an der Tafel, daß die Dienerinnen auch Alles ordentlich besorgten, machte mir einen besonders guten Eindruck. Und der Blick aus den dunklen Augen war in solchen Momenten gar energisch. Die acht bedienenden Geister, gekaufte circassische Sclavinnen, zitterten davor und gaben sich die größte Mühe, behende und geräuschlos zu sein.

Die Ordnung des Mahles war folgende: Als wir in das kleine, auch weiß angestrichene Eßzimmer traten, hatten wir den hübschen Anblick des schön gedeckten Tisches, auf welchem Candelaber, Silber, Glas und Porcellan den unverkennbaren französischen Stempel trugen. Vor jedem Couvert stand ein mit den zierlichsten Eßwaaren bedecktes silbernes Brett, die Mitte desselben aber nahm eine kleine Schale ein, in der eine dicke weiße Suppe angerichtet war. Ringsum waren auf Puppentellern allerlei pikante kleine Delicatessen geordnet. Zwei lange dünne Brödchen von ungesäuertem Teige fehlten nicht, und dieses Ganze, welches mit Grün und Blumen umkränzt war, bildete den „Iftar“, das heißt den eigentlichen Ramazan-Imbiß, mit dem man die Fasten bricht und den sich der arme Soldat in der Caserne so gut wie der Pascha verschafft und, mit künstlichen Blumen umsteckt, vor sich hinstellt.

Wir ließen uns an diesem Tische nieder und attakirten zuerst den Iftar. Verzeihung, wenn in Folgendem nur von Gerichten die Rede ist! Beinahe zu unserer Betrübniß wurde uns der Iftar schnell weggezaubert. Er sah so niedlich aus. In der Folge kamen allerdings so viele Schüsseln, daß es uns nicht möglich war, den Anforderungen an unsere Eßlust zu genügen. Wir mußten eigentlich, hätten wir es recht überlegt, auch den ganzen Tag gefastet haben. Ueberdies ist es eine große Unhöflichkeit, ein Gericht ungekostet vorübergehen zu lassen.

Das Mahl begann mit jungem Puter, dessen weit ausgehöhltes Innere mit einer Farce aus Bouillonreis und Pinienkernen gefüllt war. Eine sehr empfehlenswerthe Zubereitung. Die Dienerinnen reichten uns französisches Brod dazu und schenkten Wasser ein. Denn so üppig das Mahl, so einfach war das Getränk. Im Harem scheint es also nicht einmal Sherbet (Fruchtsaft mit Wasser) zu geben, während unsere Herren ihn doch im Selamlik bekamen. Dem Puter folgten gefüllte Gurken, ein Gericht, welches man ja auch bei uns kennt; darauf Pilav, das heißt Reis mit Hammelfleisch. Kleine Blätterteigpasteten folgten, dann ein Fischgericht. Nun kam ein süßer, fetter Kuchen, der förmlich Oel und Honig fließen ließ; dann erschienen Hammelfüßchen, ganz wie bei uns zubereitet, und man nöthigte mir eingemachte Pfefferfrüchte dazu auf. Auf die Gefahr hin, mir den Mund zu verbrennen, doch der Warnung eingedenk, nichts abzuweisen, nahm ich davon.

Die Krone des Mahls war ein Harem-blanc-manger, in dessen dicker, überaus feinparfümirter sahniger Masse Mandel-, Nuß- und Pinienkerne verstreut waren; man sagte uns, es sei nach arabischem Recept zubereitet, und reichte uns goldene Löffel dazu. Die Gestalten der Dienerinnen (sie trugen Waschkleider, meist weiß, und weiße Jacken und Kopftücher) huschten mit den leichten Bewegungen der Circassierinnen um den Tisch. Nur eine von ihnen war wirklich hübsch, aber alle hatten einen schönen Wuchs und feine Taillen, sowie einen lichtvollen, intelligenten Blick. Wer kennte nicht das entzückende Bild der Gräfin Potocka? Nun, der Typus der Circassierinnen ist genau in ihr getroffen.

Etwa eine Stunde war vergangen, als wir uns erhoben. Wir folgten dem Beispiel unserer Wirthin, ebenso wie beim Beginn des Mahles, darin, daß wir an einen Waschständer traten und uns Mund und Hand netzten. Nun begaben wir uns wieder in den oberen Stock, wo uns nach wenigen Minuten Parfüm gereicht wurde, um auf’s Taschentuch gegossen zu werden. Dann wurde Kaffee präsentirt. Er wurde auf einem kleinen Dreifuß vor unseren Augen gekocht und uns auf einem mit einer prächtigen, [605] goldgestickten Sammetdecke bekleideten Brette gereicht. Ich that es jenem Engländer fast gleich, der, einer Anekdote nach, alle Fehler, die man begehen kann, im Orient beging. Ich nahm das henkellose Porcellantäßchen aus dem Untersatz von Silberfiligran, auf dem es stand, heraus und verbrannte mir die Finger, bis man mir schleunigst den kleinen schalenförmigen Schutz wieder unter die Tasse stülpte.

Die Frau des Hauses zeigte uns ihre Albums. Es machte einen eigenthümlichen Eindruck, sie in dem modernen Photographienbuche von hinten ab, nach orientalischer Sitte, die auch beim Lesen und Schreiben gilt, blättern zu sehen. Es waren nur Bilder aus Constantinopel. Wir sahen alle Sultans, soweit Portraits von ihnen überhaupt noch existiren, alle Prinzessinnen des jetzt regierenden Hauses und auch die anderen männlichen Mitglieder der Familie. Einige schöne Armenierinnen, denen, was Regelmäßigkeit der Züge und Lieblichkeit des Ausdrucks betrifft, nur die größten europäischen Schönheiten an die Seite gestellt werden können, riefen unsere Bewunderung wach. Wiederholt äußerte unsere Wirthin ihr Bedauern, von all diesen Bekannten getrennt zu sein. Das Bild einer alten Dame wurde mit dem lachenden Ausrufe: „O, eine Alte!“ schleunig überschlagen.

Und hier schließt sich am besten die Schilderung einer eigenthümlichen Unterhaltung an, die uns nun geboten wurde. Es traten nämlich nach und nach mehrere alte Frauen der Nachbarschaft ein, denen zwar anscheinend nur an dem Ramazanabend die Gastfreundschaft gewährt wurde, indem sie, nach draußen eingenommenem Essen, ihre Pfeife im Zimmer der Hausfrau rauchen durften, die aber in Wahrheit auch noch zur Belustigung der Frau Pascha und ihrer Gäste dienen sollten. Für uns Fremde hatten Gestalt und Kleidung dieser guten Alten schon etwas Lachenerregendes. Ihre kurzen Röckchen und bunten, grünen oder rothen Kattunhosen mögen jungen Mädchen ganz hübsch und kleidsam stehen, aber das Alter heischt Faltenwurf und Länge der Kleidung. Uebrigens waren sie sauber und mit Sorgfalt gekleidet, und ihre groben Gazeschleier waren schneeweiß.

Mit liebenswürdigem Humor kamen die guten Wesen dem, was von ihnen erwartet wurde, nach und redeten uns mit übertriebenen Schmeicheleien an. Wir hatten auch Gelegenheit zu sehen, daß diese für uns seltsame Behandlung des Alters nicht blos bei den Frauen des Volkes stattfand. Eine immer noch ganz stattlich aussehende ältere Tante der Frau Pascha trat jetzt erst ein, wurde von dieser mit freundlichem Lächeln empfangen und ließ sich, uns auch mehr humoristisch als ceremoniell begrüßend, auf dem niedrigen Sitze der Alten, einem etwa sechs Zoll hohen Kissen, nieder. Auch sie war nicht in Toilette, sondern trug einen weißen Schlafrock und eine blau und weiß gestreifte Sammetjacke; ihren Kopf bedeckte ein bunter Turban.

Unsere Herren erwarteten uns längst, und als der Pascha durch seine Thür erschien, um uns zu empfangen, war er sichtlich erfreut über unsere heiteren Gesichter. Wir konnten ihm aufrichtig versichern, daß wir entzückt über die Liebenswürdigkeit seien, mit der man uns aufgenommen. Nach wechselseitigen Betheuerungen, daß wir uns gegenseitig öfter besuchen würden, nahmen wir endlich Abschied.