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Ein Brief Hebbels, die Aufführung der „Judith“ am Dresdner Hoftheater betreffend

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Carl August von Gersdorff, Kursächs. General der Inf. und Kabinetsminister Ein Brief Hebbels, die Aufführung der „Judith“ am Dresdner Hoftheater betreffend (1898) von Jos. Wolter
Erschienen in: Dresdner Geschichtsblätter Band 2 (1897 bis 1900)
Dankschreiben Kurfürst Johann Georgs II. an den Chronisten Anton Weck
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Ein Brief Hebbels, die Aufführung der
„Judith“ am Dresdner Hoftheater betreffend.
Mitgetheilt von Cand. phil. Jos. Wolter.

Nachdem Friedrich Hebbel am 28. Januar 1840 sein Trauerspiel „Judith“ vollendet hatte, wurde es noch in demselben Jahre am 6. Juli mit vielem Beifall durch die Bemühungen der Krelinger, welche die Rolle der Judith übernahm, in der preußischen Hauptstadt gegeben. Indeß auf die Entwicklung des Theaters der sächsischen Metropole hat der Sohn der Dithmarschen unmittelbar so gut wie keinen Einfluß ausgeübt. Es ist bekannt, daß Otto Ludwig, der Verfasser des „Erbförsters“ und der „Makkabäer“, gerade von hier aus seine Verbreitung über die deutschen Bühnen finden sollte.

Schon am 17. Februar 1840 hatte Hebbel seine „Judith“ an Ludwig Tieck in Dresden gesandt, wie ersterer unter dem 26. April in seinem Tagebuche bemerkte. Jedoch das Trauerspiel fand dort nicht den [107] „Enthusiasmus, den es allenthalben und in den verschiedensten Kreisen erregte“. Erst 1854 wurde durch Dawison Hebbels „Judith“ in Dresden auf die Bühne gebracht.

Am 3. Juli traf Hebbel mit seiner Frau, die an einem heftigen Leberleiden litt, in Marienbad zur Kur ein. Auf der Rückreise ließ er von Prag aus seine Gattin allein nach Wien reisen, während er nordwärts, nach Dresden, strebte. „Morgen“, so schrieb er am 10. August in sein Tagebuch nieder, „wird die Judith in Dresden gegeben, und ein Brief von Dawison bestürmt mich, hinüber zu gehen. Eine bedenkliche Sache, aber ich kann nicht anders!“ Indeß am 14. August langte Hebbel schon in Wien an und schrieb in sein Tagebuch weiter: „Nach Dresden ging ich umsonst, die Judith wurde nicht aufgeführt; aber nicht ein Schnupfen der Heldin oder eine Heiserkeit des Holofernes verhinderte die Darstellung, sondern der tragische Tod des Königs von Sachsen, den der Hufschlag eines Pferdes vom Thron ins Grab hinunter schleuderte, als er in Tyrol einen Berg herabfuhr.“ Nach Beendigung der Landestrauer wurde Hebbels „Judith“ am 9. September zum ersten Male auf der Dresdner Hofbühne gegeben und erlebte im Verlaufe der nächsten Jahre noch drei weitere Aufführungen.

Das Original des folgenden, bisher ungedruckten Briefes fand ich in der Kulemannschen Sammlung des Kestner-Museums zu Hannover. Der Name des Empfängers ist verloren gegangen und wohl mit Sicherheit nicht mehr festzustellen. Der damaligen Personal-Einrichtung der Dresdner Hofbühne nach konnte am ehesten der „verehrteste Herr und Freund“ der Regisseur für das Schauspiel, Eduard Winger, sein.


Verehrtester Herr und Freund!

Dem Vernehmen nach ist die Darstellung der Judith bei Ihnen abermals ins Stocken geraten; wenigstens höre ich von Dingelstedt,[1] daß dabei auf Fräul. Damböck aus München[2] gerechnet war und daß diese Dame nicht kommt.

Ich besorge zwar keinen Augenblick, daß das mir zum zweiten Mal abgeforderte Stück mir zum zweiten Mal wieder zurückgeschickt werden könne, da dieß im Widerspruch mit dem Verfahren jeder Hofbühne stehen würde. Aber ich begreife, daß Sie Sich momentan hinsichtlich der Besetzung der Titelrolle in Verlegenheit befinden mögen, und ich erlaube mir deshalb, Ihnen zur Beseitigung derselben einen Vorschlag zu machen. Ich habe meinem Freunde Dingelstedt die Betheiligung meiner Frau an seiner dramatischen Kunstausstellung abschlagen müssen, weil Familien-Angelegenheiten ernstester Art uns im Ferial-Monat nach Hamburg rufen, sie sollte sonst in München die Maria Stuart, die Lady Macbeth, die Orsina u. s. w. spielen. Aber gerade dadurch würde es ermöglicht, daß sie in der ersten Hälfte des July auf der Durchreise einige Gastrollen in Dresden geben könnte. Wie wäre es also, wenn sie Ihrem Publikum die Judith zuerst vorführte und Dawison[3] ihr als Holofernes zur Seite stände. Ihre Darstellung ist so allgemein gewürdigt, daß ich kein Wort darüber zu verlieren brauche,[4] und daß Dawison aus dem Holofernes ebenfalls etwas Außerordentliches machen würde, ist über jeden Zweifel erhaben. Ich sprach eben über die Sache mit ihm und er hatte so große Lust dazu, daß er mich aufforderte, ihm die Rolle ausschreiben zu lassen und nachzuschicken. Es könnten mit der Judith drei oder vier andere Rollen verbunden werden, wozu ich etwa die Lady Macbeth, die Maria Stuart, die Iphigenia und die Orsina vorschlagen würde, ohne jedoch damit vorgreifen zu wollen. Für Dresden müßte es, wie mir scheint, doch von Interesse seyn, auch einmal den dämonischen Ton der Sophie Schröder[5] wieder von den Brettern herab zu vernehmen und dieser ist, wie sogar ich sagen darf, auf meine Künstlerin so voll und ungeschwächt übergegangen, wie auf die Darstellerin der Judith und der Chriemhild im Nibelungenhort; das war vor drei Jahren wenigstens die Ansicht der gesammten Berliner Kritik und Dawison wird es [108] Ihnen bestätigen. Und Se. Excellenz Ihr Herr Chef[6] braucht ein Stück, das dem Autor zum zweitenmal abgefordert, also nach Recht und Billigkeit auch zu honorieren ist, nicht zu bezahlen, ohne ein Erträgnis davon zu haben. Ich werde mich daher wohl nicht täuschen, wenn ich glaube, daß mein Vorschlag annehmbar befunden werden wird, und freue mich schon jetzt darauf, Sie und das schöne Dresden bei der Gelegenheit auf längere Zeit zu sehen. Um baldgefälligste Antwort ersuchend bin ich

mit aufrichtigster freundschaftlicher Hochachtung
  Wien  
  d. 19. April 1854.
 Ihr ergebener
 0 Fr. Hebbel.

  1. Dem damaligen Intendanten des Münchener Königlichen Hoftheaters.
  2. Diese Schauspielerin gastierte schon 1853 an der Dresdner Hofbühne.
  3. Bogumil Dawison, ein Pole, dessen schlummernder dramatischer Genius am Hamburger Thaliatheater geweckt wurde, erhielt 1849 eine Berufung an das Burgtheater in Wien, von wo er nach einem Gastspiele (1852) nach Dresden kam. Auf der Bühne an der Wien blieb er ein stets willkommener Gast. Dawison, auf der Höhe seines künstlerischen Berufes stehend, faßte vorzugsweise nur große, wahrhaft bedeutende Aufgaben ins Auge und hat unstreitig das Verdienst, das klassische Repertoire des Dresdner Theaters bedeutend gehoben und erweitert zu haben. Das, was er als Franz Moor, Carlos (Clavigo), Richard III., Mephistopheles, Marinelli leistete, ist nicht übertroffen worden.
  4. Hebbel schrieb nach der Erstaufführung der „Judith“ in Wien am 2. Februar 1849 in sein Tagebuch: „Die Judith meiner Frau war eine vollendete Leistung".
  5. Sophie Schröder, die Mutter von Wilhelmine Schröder-Devrient, betrat 1801 in Hamburg die Bahn, auf der sie bald als ein Stern erster Größe glänzte. Sie folgte 1815 einem Rufe an das Wiener Hoftheater und wurde 1831 Mitglied der Münchener Bühne. In den Jahren 1817, 1819 und 1821 gastierte sie an der Dresdner Hofbühne, zuletzt mit ihren beiden Töchtern Betty und Wilhelmine. Sophie Schröder besaß ein gewaltiges und doch wohlklingendes Organ, ein wirksames Auge und ein durch Uebung zu großer Sicherheit entwickeltes Talent; sie gab der Darstellungskunst Poesie und Schwung in großartiger Auffassung und Ausmalung gewaltiger Leidenschaften. Ihre bedeutendsten Rollen waren: Phädra, Medea, Lady Macbeth, Sappho, Isabella („Braut von Messina“).
  6. Der Generaldirektor Kammerherr Wolf Adolf von Lüttichau.