Ein Dohlenpaar

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Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Ein Dohlenpaar
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 399
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[399] Ein Dohlenpaar. Seit einer Reihe von Jahren, erzählt uns Herr Menge, der Thürmer des Nicolaithurms in Leipzig, nistete in einer Maueröffnung neben dem Krahnbalken auf meinem Thurm ein flottes Dohlenpaar und war in dieser ganzen Zeit wahrscheinlich niemals ernstlich gestört worden. Im vorigen Frühjahr nun hatten dieselben wieder ihr altes Nest bezogen, Eier gelegt, dieselben ausgebrütet, und flogen den ganzen Tag ein und aus, die Jungen mit Futter zu versorgen, zu welchem Zwecke sie auch Besuche auf den Fenstersimsen meiner Wohnung machten, um die kleinen Abfälle, welche für sie hingelegt wurden, in der größten Geschwindigkeit wegzuholen. Dies war für mich und meine Familie eine bekannte Sache, da das Pärchen seit 10–12 Jahren regelmäßig im Frühjahr sein alten Nest wieder bezog.

Nun hatte ich schon lange gewünscht, eine junge aber flügge Dohle in meinen Händen zu haben, um dieselbe genau besehen zu können; ich erstieg zu diesem Zwecke mittelst einer Leiter das Nest, um nachzusehen, ob die Jungen noch da wären oder ob sich dieselben schon fortgemacht hätten, denn einige Tage vorher hatte ich noch beim Füttern das Piepen und Gluchzen derselben gehört. Es saß richtig noch ein Junges, schon ziemlich flügge, auf dem Neste und stemmte, sperrte und zischte gewaltig, als ich es ergriff und wegnahm. Die Alten waren bei diesem Raube nicht zugegen, konnten also auch bei ihrer Zurückkunft nicht wissen, wo ihr Junges hingekommen war; trotzdem sahen sie es im Augenblicke ihren Ankommens auf der Gallerie sitzen, wohin ich es mittlerweile, nachdem ich es meiner Familie gezeigt gebracht hatte; mit lautem Geschrei und Gekrächze umflogen sie den Thurm unaufhörlich, bis auf einmal das Junge, welches noch sehr steif und ungelenk war, mir unter den Füßen wegflatterte, durch das eiserne Geländer kroch und hinunter in eine Rinne des Kirchdaches stürzte, wo es ruhig sitzen blieb. Mit einer ungeheuren Geschwindigkeit schossen die Alten nach, setzten sich neben dasselbe hin, besahen es von allen Seiten, gackelten und gluchzten um es herum, und da sie es unbeschädigt fanden, erhoben sie sich wieder und flogen in der Richtung nach Schönefeld davon.

Die Rinne, in welcher das Junge saß, befand sich dicht unter einem Dachfenster, so daß ich, als ich hinunter kam, es bequem wieder erfassen und nochmals heraustragen konnte; dieses Mal setzte ich es aber nicht wieder auf die Gallerie, sondern in sein altes Nest, wo ich es weggenommen hatte, und eilte nun wieder in der größten Geschwindigkeit hinauf, um die Alten beobachten zu können. Ich brauchte auch nicht lange zu warten, da kamen dieselben wieder zurück, aber nicht allein, sondern in Gesellschaft von wenigstens 12–14 andern Dohlen, wahrscheinlich den nächsten Freunden und Verwandten, umkreisten unter unaufhörlichem Geschrei fortwährend den Thurm und suchten das während der Zeit verschwundene Junge.

Endlich mochte die Mutter doch wegbekommen haben, daß sich ihr Kind wieder im Neste befand, denn sie setzte sich auf den Krahnbalken, blickte aufmerksam hinein, horchte und lockte, bis sie sich überzeugt hatte, daß nirgends mehr Gefahr drohte, krächzte laut, wahrscheinlich um die Andern zu rufen, und kroch nun in das Nest hinein.

Was nun im Innern vorging, kann ich nicht sagen, allein nach einigen Minuten kam auch der Vater, lief auf dem Krahnbalken bis hinter an das Nest, während die Verwandten fortwährend den Thurm umkreisten, erfaßte das Junge mit dem Schnabel an dem Flügel, und zog und zerrte dasselbe, während die Mutter hinten schob und hackte, bis auf die äußerste Spitze des schrägen, dachartig mit Eisenblech beschlagenen, also sehr glatten Balkens; dort angekommen ließ der Vater nun los, hüpfte von dem Balken hinunter, blieb aber schwebend dicht unter demselben, und nahm nun das Junge, welches wahrscheinlich vor Angst zitterte, da es die ungeheure Tiefe vor sich sah, und welchem die Mutter noch einen derben Stoß mit dem Schnabel versetzt hatte, sodaß es von dem schrägen Eisenblech herunter mußte, auf den Rücken, die Mutter flog sofort neben ihm so dicht, daß man das Zusammenschlagen der Flügel hören konnte, und nahm nun die Hälfte der Last auf sich, indem das Junge, mit jedem Fuße auf einem der Alten stehend und mit den Flügeln schlagend, wie ein Kunstreiter in der Luft davon zog, begleitet von dem laut jubelnden Schwarme seiner Verwandten und Freunde, welche wahrscheinlich vor Freude außer sich waren über die glückliche Rettung ihres jungen Vetters.

Dieses Jahr habe ich vergebens auf die Wiederkehr unserer alten Bekannten gewartet; sie sind nicht erschienen, wenigstens nicht im Neste zum Legen und Brüten, sondern nur auf Besuch, um sich einige fette Bissen aus dem Fenster zu holen, worauf sie sofort wieder verschwanden; ihr altes Nest ist noch ganz in dem Zustande, wie sie es verlassen haben, und einstweilen von einem Paar zärtlicher Thurmtauben eingenommen, und ich glaube auch nicht, daß jemals wieder Dohlen sich darin ansiedeln.