Ein Grab

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Autor: A. Godin
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Titel: Ein Grab
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aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 425–430
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Grab.

Wir waren der Einladung einer befreundeten Familie gefolgt, den August auf ihrem in der Nähe eines schönen Bergsees gelegenen Gute zu verleben, dessen Weltabgeschiedenheit sich oft durch Gäste bevölkerte. Sonntags pflegten die Frauen des Hauses zum Gottesdienste nach dem nahe gelegenen Kirchdorfe zu fahren und nachher bei dem alten Pfarrer vorzusprechen, der zur Mittagstafel in das Schloß mit zurückfuhr. Seit langen Jahren war der Gutsherr an seine feiertägige Tarokpartie mit dem geistlichen Herrn gewöhnt.

Am zweiten Sonntage meines Dortseins wurde die Hausfrau durch das Eintreffen unverhoffter Gäste von der Kirchfahrt abgehalten. Der sonnige Morgen lockte zum Spaziergange; ich zog deshalb vor, den Weg zu Fuß zurückzulegen, und gelangte auf schattigem Waldpfade rascher an mein Ziel, als ich gedacht. Das Dorf lag auf einem durch schönen Laubwald begrenzten Hügel, von dessen Gipfel die Kirche niedergrüßte; der Friedhof, welcher sich in leichter Senkung um dieselbe herzog, gewährte eine herrliche Aussicht auf Thal, See und Gebirge und bot unter alten Linden einen schattigen Ruheplatz. Es war mir keineswegs unlieb, vor Beginn des Gottesdienstes etwas Zeit vor mir zu haben und nach genossener Ruhe zwischen den Gräbern umherstreifen zu können. Noch war es hier oben völlig einsam.

Kaum läßt sich Freundlicheres denken, als der Eindruck, welchen solch ein Dorfkirchhof im sonntäglichen, sommerlichen Schmucke bietet; in unseren Gebirgsthälern herrscht die liebliche Sitte, am letzten Abende der Woche alle Gräber mit frischen Kränzen zu bedecken – die ist Ehrensache und wird von Keinem versäumt. So grüßt am Sonntage die aufgehende Sonne schon all diese blühenden Zeichen der Liebe und des Gedenkens, und wer zwischen den geschmückten Gräbern wandelt, fühlt sich über den schmerzlichsten Eindruck eines Friedhofes fortgetäuscht: den des Vergessens. Wo nur die Natur ihre Gaben aus dem Staube Derer sprossen läßt, die gewesen, regt sich so leicht das Empfinden, wie bald Alles verschmerzt wird, selbst das tiefste Leid – Gras wächst darüber, sogar das Grab selbst wird heiter unter all dem Sprossen und Blühen. Dagegen weht aus solchem zu jedem neuen Feiertage neu gespendeten Blumengruße der Lebenden ein Hauch unvergänglicher Erinnerung, eine tröstende Poesie.

Nie habe ich einen Kirchhof gesehen, auf dem mehr Halme schwankten, mehr Rosen blühten, als jenen. Ueberall summten und schwirrten Käfer und beflügelte Insecten, überall wiegten sich bunte Schmetterlinge. Sonnenlicht auf allen Gräbern, nur zuweilen von leichten Schatten verdrängt, welche einige im Himmelsblau irrende Wolken niederfallen ließen. In feiernder Stimmung schlüpfte ich durch die schmalen, grasigen Pfade, las da und dort eine Inschrift oder betrachtete eines der naiv ersonnenen Denkzeichen; so gelangte ich auf den älteren, an die Rückseite der Kirche grenzenden Theil des Friedhofes, von wo man unmittelbar auf das Dorf niedersah, und sogleich fiel mir ein weißes Marmorkreuz in das Auge, welches sich blendend hervorhob. Ueberrascht trat ich näher.

Das Grab, an dessen Kopfende dieses durch tadellose Schönheit ausgezeichnete Kreuz emporragte, schien bereits Jahrzehnte zu zählen. Der eingesunkene Hügel war mit starkverzweigtem wucherndem Immergrün gleichsam überflochten. Eine große Trauerweide warf sanften Schatten darüber hin, zwischen dem die durchbrechende Sonne einzelne Lichtflocken wie Silber ausstreute. Ueber dem Schafte des Kreuzes, welches keine Inschrift trug, hing ein Epheukranz, dessen Blätter vom Nachtthau glänzten. Ein breites schwarzseidenes Band war fest um den Marmor geknüpft; ich hob eines der schlaff niederhängenden Enden und sah Worte in englischer Sprache darauf eingestickt; bereits waren die Goldfäden etwas verblaßt, doch ließ sich ohne Mühe die Bitte des Vaterunsers entziffern: Vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern!

Das Geheimniß, welches sich um diese Grabstätte zu weben schien, frappirte mich. Weshalb trug sie weder Namens- noch Jahreszahl dessen, der darunter schlief? Ich beugte mich, eine Ranke Immergrün zu pflücken, und gewahrte nun erst eine ganz einfache, oben abgerundete Tafel, welche zu Füßen des Hügels mit schiefer Senkung in der Erde halb verschwand und von dem grünen Geranke fast übersponnen war. Nachdem meine Hand sie davon frei gemacht, zeigte sich trotz unverkennbarer Spuren von Wind und Wetter eine ehemals vergoldete Inschrift:

Emmy Walton
geboren den 10. October 1832
gestorben den 20. Mai 1849.

Ein junges Mädchen also! In den schönsten Lebenstagen statt des Brautbettes ein verlassenes Grab, statt der Myrthe zu Häupten die Trauerweide! Während ich noch stand und sann, läutete es zum Gottesdienste; wie von Schwingen getragen, hallte der Glockenruf durch den sonnenhellen Morgen über Berg und Wald hin. Es war der Tag des Herrn. Als ich langsam die Kirche umschritten hatte, strömten die Landleute bereits durch das Portal hinein; der eben noch so einsame Friedhof füllte sich mit bunten Gestalten, deren Zahl sich mit jedem Augenblicke [426] mehrte; sie hügelaufwärts und über die breiten Stufen näher kommen zu sehen, bot ein lebendiges Bild.

Meine Gedanken aber weilten nicht bei den Lebendigen, sondern bei den Todten; lebhaft gewecktes Interesse zerstreute mich während des Gottesdienstes und ließ mich ungeduldig dem Moment entgegensehen, wo ich mir vom Pfarrer Aufklärung über das Geschaute erbitten konnte. Sobald mich der würdige Herr in seinem schlichten Studirzimmer begrüßt hatte, wo wir auf das Eintreffen des Wagens zur gemeinschaftlichen Rückfahrt harren sollten, war mein erstes Wort die Frage, durch welchen Zusammenhang das Grab einer Ausländerin sich an so entlegene Stätte verirrt habe und weshalb es in so ungewöhnlicher Weise bezeichnet sei.

„Darüber wüßte ich Ihnen wohl Aufschluß zu geben,“ sagte der Pfarrer, „aber wahrhaftig, ich meine, wir sollten das lieber lassen. Sie schauen so frohherzig drein – da ist es beinahe schade, den gesegneten Sonntagsmorgen mit traurigen alten Geschichten zu verderben. So lange es auch schon her ist mit alledem, wird mir doch jedesmal kalt in meinen paar Haaren, so oft ich daran zurückdenke.“

„Sie haben diese traurigen Dinge also miterlebt, Hochwürden? Ist kein Geheimniß dabei, dann bitte ich dringend, erzählen Sie mir davon!“

Er wiegte nachdenklich den Kopf. „Wissen Sie was? Wir setzen uns in die Bohnenlaube; dort ist’s hübsch kühl, und wenn Sie es denn so wollen, berichte ich Ihnen die Begebenheit. Ich weiß ja, wie es mit den lieben Frauchen steht; erfahren wollen sie Alles; erzählte ich Ihnen die Geschichte nicht jetzt gleich, dann würden Sie im Schlosse danach fragen. Unsere Herrschaften haben es aber nicht gern, wenn die alten Historien aufgerührt werden; geht es sie auch weiter nichts an, so ist es ihnen doch ein unlieber Gedanke, daß so etwas gleichsam auf ihrem Grund und Boden passirt ist.“

Wir saßen in der dichtumrankten Bohnenlaube, welche über den kleinen Nutzgarten des Pfarrhofes hinweg den Ausblick nach dem etwas tiefer gelegenen Brunnenplatze des Dorfes freiließ. Hart an der Fahrstraße, welche sich um die Anhöhe nach dem Saume des Waldes zog, lag die Schenkwirthschaft, das stattlichste Haus des kleinen Ortes.

„Sehen Sie, dort unten in der Schenke hat sich der Anfang der Geschichte zugetragen,“ sagte der Pfarrer und deutete hinab; „das ist nun über fünfundzwanzig Jahre her. Dazumal hat das Haus nur ein Stockwerk gehabt, ist überhaupt viel geringer gewesen, denn Einheimische haben selten über Nacht dort geherbergt, und Fremde sind gar nicht des Weges gekommen. Wer an den See gewollt hat oder in’s Tirol, für den hat’s nähere Straßen gegeben. Ich war damals noch nicht lange hier, und es kam mir gewaltig einsam vor. Man redet so viel vom Wohlleben der katholischen Geistlichkeit. Du meine Güte! Die so sprechen und schreiben, sollten einmal ein paar Jahre auf solch einem ärmlichen Pfarrdorfe sitzen. Jetzt ist das Haus in gutem Stand, damals blies es aber beinahe der Wind um; die Zehrung war kümmerlich und mit Umgang für unser Einen sah es noch übler aus. Am Ort sind Bader, Wirth und Schulze Nummer eins, und bei den Herrschaften konnte ich zuerst die Blödigkeit nicht überwinden. Alles muß gelernt sein. Zur Zeit, als die Geschichte passirte, hat nur der alte Gutsherr im Schlosse gewohnt; die gegenwärtige Herrschaft war für den Winter nach Italien gereist und vom Heimkommen keine Rede, obgleich schon der grüne Frühling in’s Land schaute.

So war es an einem Samstagabend im Mai, als ich hier in der Bohnenlaube saß und meine Predigt für den nächsten Tag memorirte. Da hörte ich Pferdegetrappel und Rädergerolle, wie von herrschaftlichen Wagen. Ich schaute auf und sah zu meiner Verwunderung eine fremde, vornehme Reisekutsche, wie wir sonst nie dergleichen hier zu sehen bekamen. Obgleich tüchtige Rosse vorgespannt waren, bewegte sich das Gefährt ganz langsam, und ich hatte Zeit, mir die Insassen zu betrachten. Das Verdeck war zurückgeschlagen, und auf dem Rücksitze schaute ich ein feines Pärchen. Der Herr hatte seinen Kopf nach der anderen Seite gewendet; ich gewahrte nur, daß er hochgewachsen war und von adliger Gestalt. Um so deutlicher sah ich seine Nachbarin – lieber Gott, das Gesicht ist mir ja nachher wieder vor die Augen gekommen! Es gemahnte mich an die heilige Cäcilia in unserem Musiksaale im Seminar; langes blondes Gelock floß ihr um das helle Gesicht, und blutjung sah sie aus, schaute aber traurig vor sich hin, als ginge sie die ganze Welt nichts an.

Der Wagen hielt vor dem Wirthshause, und während die Beiden noch drinnen sitzen blieben, merkte ich, daß eines der Räder zu Schaden gekommen sein mußte, denn Wirth und Kutscher machten sich daran zu schaffen, worauf die Reisenden ausstiegen und in’s Haus gingen. Ein feiner Bedienter, der auf dem hinteren Bocke gesessen hatte, ließ die Koffer abschnallen, dann wurde der Wagen zum Radmacher gebracht. ‚Nun,‘ dacht’ ich, ‚die sind auch anders zu übernachten gewöhnt, als sie’s beim Hirschwirth finden,‘ und machte mich wieder an meine Predigt.

Ein paar Stunden nachher – ich hatte längst zu Nacht gespeist und wollte mich eben schlafen legen – schellt’ es an der Pfarre, und gleich darauf kommt die Liese mit großem Lamento herein, zu melden, ein Bote vom Schloß sei da, der alte Herr hätte einen Schlaganfall, und das Jagdwägelchen wäre gesandt, mich hinzuholen. Ich frug nach dem Boten, und wie ich hörte, daß der hinab ins Wirthshaus ist, um dort den Bader abzurufen, der vielleicht eine Ader schlagen müßte, lief ich im ersten Schreck barhäuptig hinunter, um nähere Auskunft zu erhalten. Es gab einen kleinen Verzug, weil der Bader nicht gleich zur Stelle war; während ich nun mit dem Wirthe und dem Boten sprach, hörte ich auf einmal durch das offene Fenster des Herrenstübles, wo wir standen, laute Stimmen, die sich von oben her gleichzeitig vernehmen ließen, die eine wie im Schluchzen, die andere wie im Zorn. Es dauerte nur einen Augenblick, dann wurde im oberen Stockwerk ein Fenster zugeschlagen, und dicht hinter mir hörte ich Einen, wie vor sich hin, sagen:

‚Da zanken sie sich schon wieder.‘

Ich schaute um und sah den fremden Kammerdiener, auf den ich zuvor nicht Acht gehabt, bei seinem Schoppen sitzen. Da mir der Sinn auf ganz Anderes stand, war all das nur wie beiläufig an meine Ohren gedrungen, und kam mir erst später wieder in’s Gedächtniß, dann freilich scharf genug. Inzwischen traf der Bader ein; ich begab mich eiligst nach dem Pfarrhofe zurück, wo der Sacristan schon das Nöthige bereit hielt, und wir fuhren ab. Leider trafen wir den alten Herrn in so üblem Zustande, daß auch der Physikus, welcher nach ein paar Stunden aus der Stadt eintraf, nichts mehr vermochte und deswegen gleich wieder umkehrte. Ehe noch der Tag graute, drückte ich dem braven Herrn die Augen zu, ohne daß er sich der heiligen Wegzehrung, die ich ihm gereicht, nur bewußt geworden wäre. Wir rathschlagten mit dem Verwalter, was jetzt zunächst zu thun sei, und waren eben im Begriff noch für ein Stündchen der Ruhe zu pflegen, als wir vor Thau und Tage wieder herausgeklopft wurden. Diesmal war es ein Bote vom Orte, den der Wirth hergeschickt hatte, um wo möglich den Physikus, jedenfalls den Bader so schnell wie möglich dorthin zu bescheiden, weil das fremde Fräulein plötzlich sterbenskrank geworden sei.

Da es im Trauerhause zunächst keine Amtspflicht für mich gab, fuhr ich gleich mit dem Bader zurück; der Physikus hatte sich, wie gesagt, gar nicht aufgehalten. Wir trafen im Wirthshause Alles auf den Beinen und in großer Verstörung; es hieß, das Fräulein sei soeben verschieden.

Ganz bestürzt durch die Plötzlichkeit dieses Falles und in der Meinung, vielleicht irgendwie nützen zu können, blieb ich anwesend, um den Ausspruch des Baders abzuwarten, welchen der Wirth sogleich in das Gastzimmer geführt hatte. Schon nach wenigen Minuten kam Jener wieder von dort herunter und sagte mir achselzuckend, da sei nichts mehr zu machen; ein Herzschlag habe augenblicklichen Tod herbeigeführt. Ich ließ bei dem fremden Herrn anfragen, ob mein Besuch ihm etwa genehm sei, erhielt aber den Bescheid, daß er mich im Laufe des Morgens in der Pfarre aufsuchen würde. Ganz erschöpft von all’ den Erlebnissen dieser Nacht, begab ich mich darauf nach Hause.

Gegen Mittag fand sich der Fremde bei mir ein, um Rücksprache zu nehmen. Er nannte sich Mr. Walton, war nicht, wie wir gemeint, ein Engländer, sondern aus Irland und gleich der Verstorbenen katholischen Glaubens. Sein unverhohlener Kummer flößte mir große Theilnahme ein; so gelassen er sich auch zu [427] erscheinen bemühte, waren doch alle Züge seines schönen Gesichts wie von verzweifeltem Schmerze durchwühlt. Nach meiner Schätzung mochte er ein beginnender Dreißiger sein. Alles, was er sprach und that, hatte vornehme Art. Er fragte mich, ob sich die Bestattung seiner Schwester wohl in der ersten Frühe des folgenden Tages ermöglichen lasse, da er in Familienangelegenheiten zu bestimmt und nahe bevorstehendem Termine erwartet würde. Seine mir vorgelegten Papiere sowohl wie der Todtenschein waren in bester Ordnung, ich erklärte mich also bereit, diesem Wunsche zu willfahren. Als ich die Todte einsegnete, begriff ich ganz die namenlose Verstörung, welche sich in Blick und Miene des Bruders äußerte, dem sie so plötzlich entrissen war. Das schöne junge Kind lag da wie ein Schneeglöckchen, welches der Sturm vom Stengel gerissen; obgleich der Todesengel sie umfing, sah sie doch auch jetzt noch blumenhaft licht und frisch aus. Freilich mochte sie überzart gewesen sein; nie wieder sah ich so feine Händchen.

So wurde sie denn am folgenden Morgen bestattet. Es war mir nicht unlieb, dieser Amtspflicht bald genügen zu können, denn Nachmittags mußte ich in das Schloß, wo sich Keiner recht zu helfen wußte, da von der Verwandtschaft noch Niemand eingetroffen war, und am folgenden Tage sollte die Todesfeier unseres Herrn celebrirt werden, an welcher die ganze Gegend Antheil nahm.

Herr Walton fuhr unmittelbar nach dem Begräbnisse seiner Schwester von dannen. Er hatte eine namhafte Summe für die Ortsarmen zurückgelassen und meine Zusage bekommen, daß Fräulein Emmy’s Grab in gutem Stande erhalten werden sollte.“

Der alte Herr brach ab und putzte nachdenklich seine Brillengläser.

„Hierbei blieb es aber nicht?“ fragte ich nach einer Weile.

„Bewahre, bewahre!“ sagte er kopfschüttelnd. „Es ist erstaunlich, wie Einem nach langen Jahren solche Gesichter wieder vor Augen stehen, die doch längst begraben und vergangen sind. Eben war mir’s, als müßt’ ich mit den Beiden Zwiesprach halten, denn damals, als ich sie vor mir sah, hab’ ich ja nichts von ihnen gewußt und gekannt, und wie merkwürdig sind sie mir später geworden! – Was ich Ihnen bisher berichtet, liebe Dame, war nur der Anfang. Zunächst kam ein großer Schrecken.

Nicht lange nach dem Todesfalle – es mochten ungefähr vierzehn Tage vergangen sein – erschien der Wirth im Pfarrhofe. Sein verstörtes Gesicht und die Heimlichkeit, womit er mich allein zu sprechen begehrte, fielen mir gleich auf, doch war ich wenig auf das gefaßt, was er mir zu sagen kam. Desselbigen Tages wurde in seinem Hofe der Kehrichthaufen fortgeschafft. Seine kleine Dirne spielte dort herum und las sich allerlei glitzernde Porcellan- und Glasscherben zusammen, die bei Aufladen des Gerölls zur Seite fielen. Auf einmal kam es wehklagend zum Vater, sein Kätzchen sei todt, es hätte am Glase geleckt und jetzt wär’ es hin. Das kam dem Wirthe auffällig vor, und als er mit dem Kinde nach der Stelle ging, zeigte es ihm den unteren Theil eines zerbrochenen Glases, auf dessen Grunde noch ein Bodensatz von Zucker klebte. Dem Wirthe schoß es siedend heiß durch den Kopf. In diesem Glase, einem Krystallpokale, der nur bei besonderen Gelegenheiten benutzt wurde, hatte der fremde Bediente in seiner Gegenwart eine Limonade zurecht gemacht, welche von den Gästen begehrt worden war, und sie selbst hinaufgetragen. Kaum eine halbe Stunde nachher war das Fräulein erkrankt. Die Aufregung, mit welcher der Wirth mir diesen Umstand mittheilte, ergriff auch mich. Er hatte den Scherben mitgebracht, welcher in der That noch einen hinreichend starken Bodensatz zeigte, um eine Untersuchung desselben möglich zu machen. Die Plötzlichkeit, mit welcher der Tod des Thierchens stattgefunden, welches davon genossen, rechtfertigte einen schauerlichen Verdacht, und ich saß im ersten Momente sprachlos vor Schrecken. Der Wirth drang in mich, ihm zu rathen, was er thun oder lassen sollte. Er hätte gern von der Sache still geschwiegen, denn er scheute das große Aufsehen, doch hatte er Gewissensscrupel, ob er nicht verpflichtet sei, Anzeige zu machen.

Ich dachte lange nach. Während ich die Wahrnehmungen jener Nacht an meinem Geiste vorüberziehen ließ, kam mir plötzlich jenes kaum beachtete Wort des Dieners wieder in den Sinn: ‚Da zanken sie sich schon wieder.‘ Die tiefe Niedergeschlagenheit des jungen Mädchens, die mir bei ihrem ersten Anblick aufgefallen war, der Streit zwischen Bruder und Schwester, von welchem mein Ohr zwar nur wenige, aber unverkennbare Klänge aufgefangen hatte, die Verstörung Walton’s nach Emmy’s jähem Ende – Alles das, was mir bei völliger Ahnungslosigkeit damals keine Spur von Verdacht eingeflößt hatte, verknüpfte sich jetzt mit einander, und plötzlich stand die Ueberzeugung in mir felsenfest, daß hier ein Verbrechen begangen worden. Nachdem ich mit mir in’s Reine gekommen, und der Wirth seine Frage wiederholt hatte, ob er von dem Vorkommniß gerichtliche Anzeige machen müßte, rieth ich ihm hiervon ab.“

„Sie riethen ab?“ fragte ich befremdet.

Der Pfarrer richtete seine milden Augen voll auf mich und legte seine welke Hand wie beschwichtigend auf die meinige. „Wir Beichtväter wissen Eines,“ sagte er mit tiefem Ernst. „Damit schwere Verschuldung auch schwere Sühne erfährt, bedarf es keiner weltlichen Strafen. Durch dasselbe Thor, wo die Sünde hinausgegangen ist, kömmt die Vergeltung herein, wenn auch keines Menschen Auge das sieht, keines Menschen Ohr davon hört. Gott läßt sich nicht spotten. Wer sich dunkler Thaten bewußt ist, geht durch Nacht, wo er auch gehen und welche Sonne ihm auch scheinen mag. – Vom weltlichen Standpunkt betrachtet, erschien es äußerst fraglich, ob eine gerichtliche Untersuchung dieses Vorfalls zu irgend einem Resultat führen würde. Wenn ein Verbrechen nachzuweisen war, so sprach jede Wahrscheinlichkeit dafür, daß der Thäter nicht seinen wirklichen Namen angegeben hatte. Ob diese Beiden überhaupt in geschwisterlichem Verhältnisse gestanden, ob der vielleicht am ehesten zu ermittelnde Diener sich als Zeuge gegen den Verbrecher, oder als dessen Mitschuldiger erweisen würde – wer vermochte das zu beurtheilen? Wir lebten in unruhigen Zeiten; die Reisenden waren Ausländer, und es gab damals keine Telegraphen, die, wie heute, das Verborgene von Land zu Lande tragen. Jedenfalls hätte die Ruhe der Todten gestört, ihr Grab geöffnet werden müssen. Alles das hatte ich bedacht und rieth zum Schweigen.

Der Wirth war dieses Rathes froh, und ich glaube, daß er in der That geschwiegen hat. Dennoch gingen nach kurzer Zeit Gerüchte um, die Fremde sei keines natürlichen Todes gestorben. Sie können dies, gleichsam als Sage, noch heute aus dem Munde jedes Bauernweibes vernehmen. Doch verlor sich das Gerede wieder, gleich allem, das keine Nahrung findet, bis die Errichtung des Marmorkreuzes den Leuten das vergessene Ereigniß neu in den Sinn brachte.“

Ehe ich die Frage aussprechen konnte, welche mir diese letzte Bemerkung auf die Lippen drängte, kam die alte Köchin in den Garten und meldete, der Wagen sei da.

„Kommen Sie noch einen Augenblick in das Haus!“ sagte der Pfarrer, indem wir uns erhoben; „ich möchte Ihnen etwas zeigen.“

Nachdem wir in sein Studirzimmer getreten, schloß er eine Lade seines Schreibpultes auf und enthüllte eine sorgfältig in Seidenpapier verwahrte Photographie, die er mir reichte. Das Bild fesselte mich ganz eigenthümlich; es war das einer Nonne im Habit. Aus dem nicht mehr ganz jugendlichen Gesicht, dessen weiche Linien für Liebe und Freude geschaffen schienen, blickten tief schwermüthige Augen. Trotz der im Grunde dieses Blickes ruhenden Trauer blieb der herrschende Ausdruck der sprechenden Züge ein Abglanz unsagbaren Friedens.

Als ich das Bild dem Pfarrer zurückgab, nachdem Auge und Gedanke lange darauf verweilt hatten, sagte er nachdrücklich: „Von Dieser erzähle ich Ihnen unterwegs. Es ist das Ende.“

Wir fuhren schweigsam durch die belebte Dorfstraße, wo sonntäglich geputzte Mädchen und Kinder vor allen Thüren saßen und sich mit raschem Knix vor uns erhoben. Das Wetter war herrlich, die Wärme durch einen frischen Luftzug gemildert. Eilige Vögel segelten durch die klar blaue Luft. Als wir durch die einsamen Felder und Wiesen fuhren, auf welchen das frischgemähte Grummet in lockeren Haufen stand und jenen mit nichts Anderem vergleichbare würzigen Heuduft ausströmte, nahm der geistliche Herr seine Erzählung wieder auf.

„Seit den damaligen Vorgängen mochten fünfzehn Jahre verstrichen sein,“ sagte er mit etwas gedämpfter Stimme, „da hielt eines Morgens im Spätherbst, als es eben zu dämmern begann, eine verschlossene Reisekutsche vor dem Wirthshause. Keine Bedienung [428] war dabei außer dem Kutscher, kein Gepäck als eine hölzerne Kiste, die am Rücktheil festgeschnallt war. Eine Dame in Trauerkleidung stieg aus, ließ sich ein Zimmer anweisen und erkundigte sich vor Allem, ob der Ortsgeistliche noch an demselben Abend zu sprechen sei. Der Wirth schickte um Nachfrage herauf; bald nachher trat die Fremde bei mir ein. – Sie haben ja das Bild gesehen! Zu jener Zeit war sie jünger, auch versteckt jetzt der Nonnenschleier ihr schimmerndes blondes Haar; sonst ist kein Unterschied, denn schwarz gekleidet und dicht eingehüllt erschien sie damals auch. Nachdem sie mich begrüßt, nannte sie sich mir als Frau Walton und bat mich, ihr die Grabstätte ihrer Schwägerin Emmy zu zeigen. Sie mögen denken, wie überrascht ich war. Also doch! Ich war bisher fast überzeugt gewesen, daß der Name, welcher in jenen Tagen genannt worden, ein fingirter sei.

Froh darüber, das Grab wohlgepflegt zeigen zu können, machte ich mich sofort bereit, Frau Walton zum Kirchhof zu begleiten. Während wir den kurzen Weg zurücklegten, sprach die Dame kein Wort; sie bewegte sich so leise wie ein Schatten; dies fiel mir besonders auf, während die dunkle, leichte Gestalt vor mir her die Stufen zum Kirchwege überschritt – fast schien sie aufwärts zu schweben. Als wir am Ziele waren, kniete sie vor dem Hügel nieder und verhüllte das Gesicht. Ich nahm dies für ein Zeichen, mich zurückziehen zu sollen, und ging heimzu. Es war schon recht herbstlich; auf Schritt und Tritt rieselte das falbe Laub von den Bäumen nieder. Viel zog mir durch Sinn und Gedanken, während ich mich langsam nach Hause begab.

Nach geraumer Zeit trat Frau Walton wieder bei mir ein. Ich rückte ihr den Sorgenstuhl nahe zum Ofen; sie war blaß und zitterte, als fröre sie bis in’s Mark hinein. Kein Wunder, nachdem sie so lange draußen im feuchten Nebel geblieben. ‚Womit kann ich dienen?‘ fragte ich, als wir uns eine Weile schweigend gegenüber gesessen.

Sie erhob ihre traurigen Augen und sagte still, aber mit festem Tone: ‚Ein doppeltes Anliegen führt mich zu Ihnen, Hochwürden. Das Kreuz, welches ich für das Grab meiner armen Schwägerin mitgebracht, bitte ich Sie dort aufrichten zu lassen und mit Ihrem priesterlichen Segen zu weihen. Und dann – hier in der Nähe ist ein Frauenkloster. Könnten Sie mir eine Empfehlung geben, die mir dort Aufnahme als Novize verschafft?‘

‚Sie wollen den Schleier nehmen?‘ fragte ich überrascht. ‚Darf ich fragen, ob Sie diesen Schritt reiflich überlegt haben, ob auch Ihre Familie zustimmt?‘

‚Ich stehe allein,‘ entgegnete sie mit sanftem Tone. Dann beugte sie sich dicht zu mir herüber und frug kaum hörbar, aber eindringlich: ‚Sie haben meine Schwägerin bestattet. Wissen Sie, auf welche Weise sie gestorben ist? – Antworten Sie wie vor Gott!‘

Betroffen schwieg ich einen Moment. ‚Wenn Sie so fragen,‘ sagte ich endlich, ‚dann sollen Sie Wahrheit hören. Nach meinem Ermessen starb Emmy Walton durch ein Verbrechen.‘

Sie senkte tief ihre blasse Stirn. ‚Dieses Verbrechens Ursache war ich.‘

‚Unmöglich!‘ rief ich aus, und das Wort kam aus meinem Innersten. Die lauterste Unschuld sprach aus diesem Gesichte.

Hierauf erzählte sie mir ihre Geschichte. Ja, könnte ich sie mit dem Tone, mit den schlichten und dabei so herzerschütternden Worten wiederholen, welche ich damals vernahm, dann würden Sie einen ganz anderen Eindruck erhalten, als jetzt möglich ist, wo ich Ihnen nur die trockenen Thatsachen erzählen kann.

Ina Walton war eine Deutsche, die Tochter eines hochgestellten Mannes, der kein Vermögen besaß und mit vielen Ansprüchen in der großen Welt lebte. Während einer Reise hatte sie George Walton kennen und lieben gelernt. Der junge Mann legte ihrem Vater den Stand seiner Verhältnisse dar, welche von demselben ungenügend befunden wurden; doch zeigte er sich nachgiebiger, nachdem er erfahren, daß sichere Aussicht vorhanden war, das Vermögen des Bewerbers zu verdoppeln, dessen einzige Schwester im Begriffe stand, den Schleier zu nehmen und dem Bruder ihre Habe zu überlassen. Ina selbst, die mit der Kenntniß solcher Verhandlungen verschont geblieben war, erfuhr nun, daß die Schwester ihres Geliebten Nonne zu werden wünschte und verlangte lebhaft danach, sie zuvor kennen zu lernen. Da sich Emmy gegenwärtig bei einer Verwandten aufhielt, weil nach Klosterregel ein Jahr Zwischenraum erforderlich ist, ehe eine Pensionärin Novize werden kann, versprach der Bräutigam, sie womöglich zur Hochzeit mitzubringen, nachdem er zuvor in seine Heimath gereist war, um sein Haus zu bestellen. Zur Bestürzung der Braut traf aber, als der Hochzeitstag schon ganz nahe bevorstand, ihr Verlobter verspätet, allein und in dieser Verstörung ein, da er während der Reise seine junge Schwester durch den Tod verloren hatte. Trotzdem wurde die Trauung ohne Aufschub in aller Stille vollzogen, und das vereinte Paar reiste nach Irland ab.“

Der geistliche Herr sann einen Augenblick nach.

„Ist mir doch,“ fuhr er dann belebter fort, „als sähe und hörte ich die arme junge Frau eben jetzt! – Ihre Stimme klang so süß und traurig, als sie auf ihre Ehe zu sprechen kam, wie sie Beide einander geliebt, und daß sie doch niemals glücklich gewesen, keinen Tag, keine Stunde lang. Daß ihr der Gatte Alles gab, nur sein Vertrauen nicht, daß sie immer ein Ungesagtes zwischen ihm und sich empfunden, etwas, das man nicht sieht, nur fühlt, etwas, das ihn so lange drückte, bis es ihn erdrückt hat – alles das erzählte sie mir.

Sechs Wochen, bevor sie zu mir kam, war ihr Gatte nach einem wilden Ritte heftig erkrankt und gestorben. In seiner Todesstunde hatte er zu ihr gesprochen.

Was sie mir davon wiederholte, war keine Beichte; sie betonte nachdrücklich, ich möchte damit schalten nach Bedarf, denn sie meinte, weil ich von diesem Verbrechen wisse, würden sicherlich auch Andere davon Kunde haben, und um ihres Todten willen hielt sie nicht mit der Wahrheit zurück. Was ich erfuhr, war allerdings ein Anderes, als was ich noch beim Beginne ihrer Erzählung geglaubt.

Als George Walton, ein glücklicher Bräutigam, nach Irland zurückkehrte, hatte er seiner Schwester Gedanken verändert gefunden; sie verlangte in der Welt fortzuleben, welche sie seit Kurzem kennen gelernt. Dies kam in jeder Weise unerwartet, denn des jungen Mädchens früh gefaßter Entschluß hatte schon aus dem Grunde die Zustimmung ihrer Familie gefunden, weil sie, von Kindheit auf überzart organisirt, durch stete Kränklichkeit auf ein Stillleben angewiesen war. George überzeugte sich bald, daß phantastische Neigung zu einem jungen Wüstlinge, welchem Emmy nie hätte angehören können, die eigentliche Triebfeder ihrer veränderten Entschlüsse war; nicht nur um seinetwillen, auch ihrer selbst willen bot er Alles auf, ihre Gedanken wieder zu wenden. Als er damit scheiterte, blieb ihm nichts übrig, als dem Vater seiner Braut offen mitzutheilen, daß die ihm dargelegten Verhältnisse nicht mehr die gleichen seien. Die Antwort, welche er empfing, überbot seine schlimmsten Befürchtungen; sie sprach Zweifel an seiner Wahrhaftigkeit aus, beschuldigte ihn absichtlicher Vorspiegelung und kam fast einem Bruche gleich. Walton war ungewiß, ob der Vater seiner Braut wirklich an seiner Ehrenhaftigkeit Zweifel hegte, oder ob der Umstand, daß solche Veränderung seiner Aussichten im letzten Momente zur Sprache kam, nur den erwünschten Vorwand zur Auflösung einer Verbindung lieh, welche überhaupt ungern zugegeben worden – um so gewisser erschien ihm der drohende Verlust der leidenschaftlich Geliebten. Er konnte diesen Gedanken nicht ertragen und schrieb zurück, seine Schwester würde ihn nach Deutschland begleiten und persönlich ihre nur für kurze Dauer erschütterten Absichten zu seinen Gunsten bestätigen. Er selbst glaubte das, oder täuschte sich wenigstens in solchen Glauben hinein.

Emmy’s unglückliche Neigung, ihre schwache Gesundheit, der früher so lebhaft geäußerte Hang zum Klosterleben – das Alles ließ ihm die Aufgabe, ihren Sinn wieder zu wenden, als Nothwendigkeit erscheinen, nicht minder für sie als für sich. Noch hatte er ihr nicht von dem Gewichte gesprochen, welches ihr Entschluß in die Schale seines eigenen Glückes warf; er beredete sie, ihm zu seiner Hochzeit zu folgen. Unterwegs sagte, gestand er ihr Alles, bestürmte sie mit allen Mitteln der Liebe und Bitte, sich seinen Gründen zu fügen. Sie weigerte sich mit einer Ausdauer, welche er von dem zarten Kinde nicht erwartet und die ihn zur Verzweiflung trieb. Er machte mit ihr [430] einen Umweg nach dem andern; er meinte, zuletzt müßte sie seinem Drängen nachgeben. Jetzt stand nicht sein Glück allein, jetzt stand wirklich seine Ehre auf dem Spiele – wie durfte er vor seine Braut treten, die von Nichts wußte, wie vor deren Vater, wenn er zum zweiten Male nicht wahr machen konnte, was er demselben zugesagt? Seine rastlose, fieberische Angst wuchs zur äußersten Erregung. Der Gedanke an die immer näher drohende Entscheidung umklammerte ihn wie mit Krallen, zuletzt gab sie ihm das grausamste Mittel ein.

Wann und wo, zu welchem Zwecke er sich das unselige Pulver verschafft haben mochte – wer weiß das! In jener verhängnißvollen Stunde, wo alle guten Geister ihn verließen, schüttete er es in Emmy’s Gegenwart in ein Glas und schwur einen hohen Eid, sich vor ihren Augen zu tödten, wenn sie dabei beharre, sein Glück zu vernichten, ohne doch ihr eigenes zu gewinnen. Aber auch sie, die arme Unschuldige, war bis zum Aeußersten getrieben. Unversehens riß sie das Glas an sich und leerte es im gleichen Augenblicke selbst mit einem Zuge.“

Der Pfarrer schwieg. Vielleicht ließ ihn nur der Ausruf abbrechen, welcher mir unwillkürlich entschlüpfte: „Verhängniß!“

Er schüttelte leise den ehrwürdigen Kopf. „Gott sei den armen Seelen gnädig!“ sagte er, „dieses Wort mußte ich auch zu ihr sprechen, als sie geendet hatte und ihr gesenktes Haupt erhob. Flüsternd wie ein Beichtkind hatte sie zu mir geredet, nur daß sie statt eigener Sündenschuld Reue und Buße für die Andern auf ihre unschuldige Seele nahm. Ihr letztes Wort ist mir unvergessen in’s Gedächtniß geschrieben. ‚Sie wissen jetzt, mein Vater, weshalb das Kloster meine Heimath werden muß,‘ sagte sie da, ‚und warum hier. Das irdische Gut sei der Armen! Helfen Sie mir an mein Ziel!‘“

„Und Sie haben ihr geholfen? Und Sie hören zuweilen von ihr?“

Er nickte still bejahend. Ein Luftzug bewegte seine spärlichen weißen Haare, während er das Auge nach dem See hinüberstreifen ließ, dessen schimmernde blaue Fläche fernher glänzte.

„Voriges Jahr besuchte mich der Beichtvater des Klosters vom Wörth. Schwester Celeste hat ihm als Gruß das Bild mitgegeben, welches Sie gesehen, und die Trauerschleife, die sie eigenhändig für das Grabkreuz gestickt.“

„Und was erfuhren Sie sonst von ihr? Hat sie Frieden gefunden?“

„Frieden? Sie war allezeit schuldlos,“ sagte der Pfarrer, „und ihre Sühne ist Liebe, wie auch alles Sündigen in dieser unglückseligen Verkettung von Schicksalen nur übel verstandene Liebe gewesen. Liebe aber wird jedem Unschuldigen zum Frieden.“

Wir fuhren in die zum Schlosse führende Nußbaumallee ein. Von jenseits des Sees klang das Horaglöckchen des Nonnenklosters schwach durch die stille mittägige Luft.
A. Godin.