Ein Nachmittag im heurigen Philadelphia

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Textdaten
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Autor: Silvius Landsberg
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Titel: Ein Nachmittag im heurigen Philadelphia
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 489–491
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Nachmittag im heurigen Philadelphia.
Von Silvius Landsberg.


Im Begriff von dem während der vorjährigen Ausstellung so glänzend besuchten Philadelphia nach New-York zurückzukehren, befand ich mich auf dem Wege nach dem Bahnhofe, als ich, wie man in Schlesien sagt, mit einem Bekannten „das Plaudern kriegte“ und eine Fuhrgelegenheit nach der andern vorübergehen ließ. Da endlich kommt ein seltsames Ding unheimlich still daher. Ein Straßenbahnwagen, fast aussehend wie ein gewöhnlicher, nur daß er sich ohne alle äußerlich sichtbare Bespannung vorwärts bewegt. Das war einer von den sechs vorläufig zur Probe eingeführten Straßen-Dampfwagen, und die Gelegenheit, auf dem seltsamen Fuhrwerk nach dem Bahnhofe zu gelangen, war zu verführerisch, um mich nicht die Unterhaltung abbrechen zu lassen, es dem Andern anheimstellend, sie als Monolog und auf eigene Rechnung fortzusetzen. Ein Wink, und das curiose Fahrzeug hielt mit einem Gehorsam still, den ihm weder ein Pferd, noch ein Mensch oder sonstiges Zugthier nachthut. Und ebenso prompt setzte es sich auch wieder in gemächliche Bewegung, sobald der Fuß den dazu bequem angebrachten Tritt erreicht hatte.

Dieses Locomobile, welches mit einem Dampfdruck von hundertundzwanzig Pfund arbeitet, kann augenblicklich auf alle Grade der Geschwindigkeit regulirt werden, und in soweit dürfte das Problem, den Dampf statt der Zugthiere auf belebten Städte-Straßen anzuwenden, gelöst sein. Ob es aber auch ebenso sicher sei als gewöhnliche Fuhrwerke, ist wohl noch eine Frage der Zeit; denn bei Terrain-Steigerungen muß die gesammte Dampfkraft benutzt werden. Wenn es da einmal, „wo Gott für sei“, ein Unglück giebt, so dürfte es bei dem beengten Raume schwierig werden, sich vom Schrecken wieder zu „sammeln“. Ich wenigstens würde, falls ich Aussicht auf öftere derartige Fahrten hätte, mir der Vorsicht halber jedes einzelne meiner Gliedmaßen mit meinem Vor- und Zunamen nebst Wohnung tätowiren lassen. – Der vordere Theil des Waggons ist auf etwa drei Fuß Länge durch eine Zwischenwand von den Passagiersitzen getrennt. Während sich nun die Maschine unter dem Fußboden hinzieht, befinden sich in jenem vorderen kleinen Raume der Dampfkessel, die Kohlen und sonstigen Utensilien sammt dem Maschinisten. Dieser, das Bremsrad vor sich, auf schmalem Sitze zwischen dem Kessel und der rechten Seitenwand eingepfercht, sitzt buchstäblich auf Kohlen und hat dicht zu seiner Linken den etwa vier Fuß hohen und dritthalb Fuß breiten, also mächtigen Topf mit heißem Wasser, eine sehr warme Situation, auch abgesehen von der Juni-Temperatur von mehreren zwanzig Graden. Leider bin ich in der Kochkunst nicht bewandert genug, um zu sagen, ob Einer dabei mit der Zeit geröstet, geschmort oder wie sonst zugerichtet herauskommt, aber so viel weiß ich: ein ganz roher Mensch kann dieser moderne Dampf-Schwager schon jetzt nicht mehr sein.

Daß sich ein Theil dieser angenehmen, trockenen Wärme, mit etwas brenzlichem Geruche, auch dem Passagierraume mittheilt, versteht sich von selbst, und darum dürfte sich das Ganze für den Winter eher empfehlen, als für den Sommer. Gegen kalte Füße jedoch giebt es schwerlich ein probateres Mittel, was ich auf Verlangen gern bescheinigen will; denn die meinigen werden schon in Folge dieser einen Fahrt wohl schwerlich je wieder kalt werden. Uebrigens wäre, im Ganzen genommen, die Reise befriedigend von Statten gegangen, wenn nicht unterwegs, in Folge eines der hier so beliebten blinden Feuerlärme, die Wasserschläuche quer gegen die Schienen gelegt und wir dadurch so lange aufgehalten worden wären, bis der Feuerlärm glücklich wieder gelöscht war. Schließlich kamen wir doch am Bahnhofe an. Daß hier jedoch nicht allein der Schnellzug, sondern auch der eine halbe Stunde später gehende Personenzug bereits abgegangen waren, versteht sich von selbst. Ja, ich hatte nicht einmal mehr das Nachsehen, denn auch dazu waren sie beide schon viel zu lange fort.

Nun gehöre ich zu jener bevorzugten Minorität der New-Yorker, welche, Angenehmes mit Nützlichem verbindend, das ganze Jahr hindurch in der vorstädtischen Sommerwohnung bleiben. Im Vertrauen gesagt: wegen der theuren Stadtmiethen. Ich kann also nur solche Züge benutzen, welche in New-York noch vor Abgang der letzten Fahrgelegenheit nach meiner Heimath „im engeren Sinne“ anlangen. Indeß, die hiesigen Eisenbahn-Compagnien haben auch hierfür gesorgt, und um ihre Passagiere vor Hôtel-Rechnungen oder nächtlichen Promenaden zu bewahren, ist dem von Philadelphia nach New-York Nachts ein Uhr abgehenden Zuge ein Pullman'scher Schlafwaggon beigegeben, welcher, gegen Extrazahlung von zwei Dollars und einem Trinkgeld für den Aufwärter, schon um neun Uhr Abends zur Verfügung steht. Hieran knüpft sich die fernere Berechtigung, bis sieben Uhr Morgens darin zu verbleiben, obwohl der Zug schon um vier Uhr in New-York anlangt; „denn,“ fragt sich der verfrühte Ankömmling, „was thue ich so zeitig in Potsdam?“ Hier also wird einfach, statt in einem Hôtel, in der „Palace Car“ eingekehrt, und ohne etwas von der Reise gespürt zu haben, erwacht man des Morgens am Orte seiner Bestimmung und hat wohl geschlafen.

Dieser Zug mit seinen Bequemlichkeiten war nun auch der einzige mir heute noch übrig gebliebene; nur war ich dafür leider sieben Stunden zu früh am Bahnhofe angekommen. Jetzt war es erst zwei Uhr und ich eine Stunde weit von der Stadt entfernt; das nenne ich einen angebrochenen Nachmittag. Ein längerer Aufenthalt in der weiten, ungemüthlichen Bahn-Halle aber mit ihren Holzbauten und den vielen mene-tekelhaften Aufschriften: „no smoking“ – „nicht Rauchen“ war fast unmöglich und guter Rath also theuer.

Ich that, was in solch kritischer Lage wohl jeder Deutsche gethan haben würde: ich sah mich zunächst nach einem Glase Bier um. Und – „ganz wie in Deutschland“, oder besser: „wie im Märchen 'Tischlein deck dich'“ – ich hatte kaum den Wunsch zu Ende gehegt, als sich dem Bahnhofe gegenüber ganze Reihen von Schildern mit der lieblichen Aufschrift „Lagerbier“ vor mir entfalteten. Da waren die besten der Namen genannt und die renommirtesten Brauerfirmen, soweit hier zu Lande die deutsche Zunge durstig reicht, vertreten. Ich könnte sie Alle an den Fingern herzählen, wenn das nicht aussähe wie Reclame und als ob ich dafür bezahlt bekäme, was leider nicht der Fall ist. Die Anziehungskraft dieser verschiedenen Biersorten wirkte so stark auf mich, daß ich mich nach einiger Zeit unvermerkt mehr als genügend erfrischt fühlte, indem ich auf einen jener gescheidten Einfälle kam, wie wir sie nur nach genossenen Erfrischungen bekommen können. Jetzt gewahrte ich nämlich auf den meisten der hier vorüber fahrenden Bahnwagen die Aufschrift „Permanent exhibition, admission 25 Cents“ und beschloß, die mir auferlegte mehrstündige Kunstpause durch einen Besuch der diesjährigen Ausstellung auszufüllen. Gedacht, gethan; nur daß ich diesmal zwei schweißtriefende Gäule dem tückischen Dampfe vorzog.

Nach dem Fairmount-Parke, wo sich bekanntlich die Ausstellung befindet, führen meines Wissens drei Wege, und daß sich außerhalb der Stadt, allen dreien entlang, die feine, das heißt die reiche Welt angesiedelt hat, versteht sich von selbst. Der mittlere dieser Wege, der, auf welchem ich mich befand, ist wohl der schönste und die ganze Strecke von beinahe einer deutschen Meile an beiden Seiten fast ununterbrochen mit stattlichen Villen besetzt, ähnlich wie im Berliner Thiergarten auf dem Wege nach Schöneberg. Ich habe in Amerika diese meilenlangen Villa-Reihen [490] nur in Cleveland im Staate Ohio übertroffen gefunden. Philadelphia ist eine reiche, sehr reiche Stadt. Mit nicht viel weniger Einwohnern als New-York ist es, um mich geschäftlich auszudrücken, ein weit älter etablirtes Haus als dieses.

Es ist nicht erst, wie New-York, seit den dreißiger Jahren, durch den überseeischen Handel und die zeither aufgeschossene Börsen-Speculation emporgekommen, sondern hat sich nach und nach aus der Cultur seines reichen Umgebungslandes naturgemäß entwickelt. Philadelphia ist darum nicht wie New-York der finanzielle Knotenpunkt der Union, hat nur wenige Börsenmagnaten und keinen selbständigen Geldmarkt. Es ist in dieser Hinsicht eine Filiale von New-York, nach welchem sich alle seine Course richten. Dafür aber hat es den angestammten, angeerbten, Europa ähnlichen Wohlstand, welchen man hier zu Lande noch selten vorfindet. Es hat weder allzureiche, noch allzuarme Leute, also minder ungleiche Besitzvertheilung und somit einen zahlreichen, behaglichen Mittelstand. Kurz: Philadelphia beherrscht mehr die Production als die Speculation und wird deshalb nie so gute, aber auch nie so schlechte Zeiten haben, wie New-York, das des steten Zuflusses von außen bedarf, während jenes sich mehr durch sich selbst und die gegenseitigen Leistungen seiner Bewohner und Nachbarn ernährt. Darum ist es, milde ausgedrückt, drollig, wenn Philadelphia in neuerer Zeit versucht, den „Gernegroß“ zu spielen und New-York den Rang als Weltstadt abzulaufen. Es mag ihm gelingen und gelingt ihm wohl auch, gleich manchen anderen größeren Städten der Union, die Waareneinkäufe vom Inlande mehr und mehr an sich zu ziehen, aber seinen Hafen und sein sonstiges Naturell wird Philadelphia dennoch nicht ändern und somit niemals dem für den Welthandel günstiger situirten New-York gleichkommen. In seiner eigenen und ihm allein eigenthümlichen Weise wird es sich nichts desto weniger glänzend entwickeln, aber – „Eines schickt sich nicht für Alle.“

„Lieber Freund,“ werden meine geneigten Leser sagen – und Leser sind stets geneigt, denn wenn sie's nicht mehr sind, so hören sie auch auf zu lesen – „Lieber Freund, Sie kommen vom Hundertsten in's Tausendste; wir lesen jetzt schon seit einiger Zeit und wissen immer noch nicht, wo Sie eigentlich hinaus wollen.“ Nun, in die permanente Welt-Ausstellung will ich hinaus, und der Weg dahin ist in der That ein wenig zu weit, was nicht blos meinem Referate, sondern auch dem Besuche der Ausstellung überhaupt schadet.

Wir sind ohnehin bei Vielem stillschweigend vorüber geeilt und befinden uns nunmehr glücklich an Ort und Stelle. Uebrigens kann es hier nicht meine Absicht sein, Dinge zu beschreiben, die bereits unzählige Male beschrieben worden sind, und wer hätte nicht schon vorher zur Genüge durch Wort und Bild erfahren, wie der Ausstellungsplatz, die Gebäude und ihr Inhalt ihrer Zeit ausgesehen haben? Es kann sich also für uns nur um die zeitherigen Veränderungen und dabei auch wieder nur um die uns heute interessirenden handeln.

Das, was wir jetzt noch im Hauptgebäude von der vorjährigen Zauberpracht der großen Weltausstellung sehen, gleicht etwa einem Festsaale, wo Tags zuvor ein großes Banket mit Tanz und allen sonstigen Belustigungen stattgefunden und worin man heute noch einmal die Tafel mit den Ueberresten gestriger Herrlichkeit, mehr oder minder kunstvoll und neu ausstaffirt, hergerichtet hat. Die jetzige Ausstellung ähnelt deshalb einer sogenannten „second table“, einem Nachtisch für Verspätete und Unersättliche. Das sind wohl im Wesentlichen noch dieselben Räume, dieselben Geräthe und zum Theil auch dieselben Gerichte, aber das Beste davon ist schon verzehrt worden, das noch Vorhandene kalt oder aufgewärmt, und endlich hat an Stelle der gestrigen gehobenen Stimmung eine erschreckliche Nüchternheit Platz gegriffen. Wir befinden uns eben einem forcirten Unternehmen gegenüber, für welches trotz aller Anstrengungen das Grundelement – das Bedürfniß, fehlt.

Philadelphia hatte im Vorjahre für seine Weltausstellung und die dabei temporär zu übernehmende Weltstadtrolle seine Kräfte und Mittel auf's Aeußerste ausgedehnt und angespannt, und jetzt, nachdem der Traum vorüber, hängt ihm Alles schlaff herunter, wie einem Knaben, der seines Vaters Kleider angezogen hat. Seine Hôtels, Verkehrsmittel, Kaufläden, sein Geldbeutel; kurz, seine ganze Equipirung, die ihm vordem knapp und kleidsam angesessen, ist jetzt um Vieles zu weit geworden. Bis dies Alles sich wieder auf dem Wege natürlicher Entwickelung ausgleicht, wird Philadelphia einen langwierigen Heilproceß zu überstehen haben, und so mancher seiner Einwohner, der dafür nicht stark genug ist, wird inzwischen elendiglich an der Auszehrung sterben. Wer aber während der Dauer dieses allgemeinen Katzenjammers in Philadelphia Creditgeschäfte zu machen hat, der wird sich vorsehen müssen, nicht als saurer Häring mitverspeist zu werden. Unter diesen Umständen allein ist der nochmalige verzweifelte Versuch zu erklären, an den Knochen der im Vorjahre aufgezehrten fetten Kühe auch dieses Jahr noch ein wenig zu knabbern.

Im Hinblick auf seinen localen Charakter ist das Unternehmen in seiner jetzigen Ausdehnung noch viel zu großartig und vom Mittelpunkte der Stadt gar zu weit entfernt. Dem entsprechend finden wir auch die vielen Eingänge von früher bis auf den einen, der ehemaligen Maschinenhalle gegenüber, sozusagen hermetisch verschlossen, und auch hier schien man, obwohl es erst drei Uhr Nachmittags war, keinen Ankömmling mehr zu erwarten; denn es dauerte lange, bevor Jemand kam, um das Eintrittsgeld in Empfang zu nehmen. Auch wurde ich genöthigt, mein Reisetäschchen in der Garderobe gegen zehn Cents Gebühren zu deponiren, weil Niemand mit Gepäck oder Oberkleidern Zutritt erhält, eine Vorsicht übrigens, die zur Vermeidung des „Mitgehenheißens“ etwaiger nicht hoch genug hängender Gegenstände ganz gerechtfertigt ist.

Jetzt aber hatte ich noch ein Hinderniß zu überstehen und zwar im Abwehren der vielen Rollstuhlmänner, welche, mich fortwährend „old man“ titulirend, mich durchaus in der Ausstellung umherstoßen wollten. Diese Zumuthung berührte mich höchst unangenehm. Das Grau meiner Haare ist freilich keine Theorie; denn ich habe, unter uns gesagt, meine ersten Fünfzig hinter mir. Aber so knickstiefelig, um reif für den Rollstuhl zu sein, kann ich doch unmöglich aussehen. Was sollte sonst aus mir als Geschäftsmann werden, zu einer Zeit, da die Beine mehr werth sind als der Kopf? Wie sich ein Mann aber dem andern freiwillig als Lastthier anbieten kann, das war mir unbegreiflich, weil es hier mehr Neigung als Gewinnsucht zu sein schien; denn rentiren kann sich das Geschäft des mangelhaften Besuches wegen keinenfalls, und von Noth konnte bei solch wohlgenährten Leuten noch weniger die Rede sein.

Mein werther Freund Ludwig Buhl (Gott habe ihn selig, wenn er schon gestorben, und wenn er noch lebt, so sei er hiermit herzlich gegrüßt) sagte einstens: „Ich glaube nicht, daß die meisten Menschen mit Sätteln auf dem Rücken und Gebiß im Maule geboren werden, andere Wenige aber mit Stiefeln und Sporn, um auf ihnen zu reiten.“ – Ich aber glaub's, hab's immer geglaubt, und jetzt, nach fast fünfundzwanzigjährigem Aufenthalte in der demokratischen Republik, jetzt glaube ich's erst recht. Und diese Rollstuhl-Männer sind nur einige von den schwächeren Beweisen für die Vernunftgemäßheit dieser Anschauung; es giebt deren noch viel mehr und viel stärkere.

Der erste Blick auf die Ausstellung hat auch in diesem Jahre etwas Imposantes. Ja, das Menschengewühl von früher ließ uns zuweilen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, wogegen jetzt die einzelnen Gegenstände, sofern sie eben noch vorhanden sind, sich, ich möchte sagen, individueller hervorheben.

„Was sagen Sie zur Weltausstellung?“ fragte ich im vorigen Jahre einen daselbst zufällig angetroffenen Bekannten.

„Sie ist der größte Galanteriewaarenladen, den ich gesehen,“ erhielt ich zur Antwort, und wirklich, als solcher kann die diesjährige Ausstellung auch gelten. Da feiert nun, dachte ich bei mir schon damals, die Industrie eine Orgie, indem sie ihre ungezügelte Production zur Schau stellt, während wir gerade an dem daran verdorbenen Magen krank darniederliegen. Und trotzdem diese Menschenfülle, dieser scheinbare Wohlstand, diese Eleganz, dieser Geldumsatz von allen Seiten! Welch ungeheure Lüge, im Angesicht der längst nicht mehr hinwegzuleugnenden Noth und Geschäftsstockung! Und wie damals diese gleichsam mitausgestellte große Lüge vielleicht das merkwürdigste Object der ganzen Ausstellung war, so ist es heuer nicht minder die traurige Wahrheit in der traurigen Leere, einer Quittung gleich über inzwischen wirklich empfangene schlechte Zeiten.

Wer übrigens bei der heutigen Ausstellung den Maßstab der früheren nicht anlegt, findet immerhin genug Unterhaltendes und Belehrendes, das sich der Mühe des Besuches verlohnt.

[491] Freilich sind jetzt nur die Rudera der verschiedenen Abtheilungen im Hauptgebäude zusammengetragen. Dafür aber ist das noch Vorhandene übersichtlicher, und während vorher der überwältigende Eindruck des Ganzen das Einzelne verschlang, herrscht diesmal das Einzelne über die Gesammtheit. Störend jedoch wirken die vielen stehen gebliebenen leeren Pavillons und Portale von Brasilien, Mexico, Japan, China etc., die sich wie fortgeworfene Hülsen ausnehmen. Und fragte Jemand gar: „Wo ist jetzt des Deutschen Vaterland?“ so zeigte man ihm hier einen weiten öden Raum, wie sich ihn Frankreich wohl heute noch in der Rheinpfalz wünschen mag.

Endlich beschränkt sich der hauptsächliche Theil des noch Vorhandenen auf Artikel amerikanischer, und darunter wieder Philadelphier, oder von dasigen Geschäftsleuten vertretener Industrie. Was vom Auslande noch zurückgeblieben, sind meist schwerfällige und kostspielig zu transportirende Dinge, wofür man augenblicklich noch keine anderweitige Verwendung fand. Mit einem Worte: die dereinstige Weltausstellung ist in der gegenwärtigen auf eine Localausstellung für Philadelphia und Umgegend reducirt, und als solche ist sie immerhin noch imposant genug. Sie würde auch ihrem Zwecke, den dortigen Industriellen und Kaufleuten ein Muster- und Annoncenmagazin zu sein, weit mehr entsprechen, wenn nur, wie gesagt, die Besucher zahlreicher als bisher dahin kämen.