Ein Opfer des Spiels

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Autor: Stamm
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Titel: Ein Opfer des Spiels
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 641–642
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[641] Ein Opfer des Spiels. Zurückgelassene Spuren eines jüngst verstorbenen Spielpächters. – Es war vor einigen Jahren, als ich nach einem in Italien zugebrachten Winter im April der Heimath zufuhr. Von Bern kommend, mußte ich auf dem Centralbahnhofe in Basel umsteigen und hatte es mir in einem Coupé eines der hübschen Waggons der Züricher See-Bahn bequem gemacht, mich der Hoffnung hingebend, auch bis Frankfurt am Main, meinem nächsten Reiseziele, allein zu bleiben. Aber ich hatte mich getäuscht. Ein älterer Herr stürzte zur Thür herein und setzte sich, sichtlich in der größten Aufregung und mit der rechten Hand sich unaufhörlich auf den Mund schlagend, nicht etwa an’s andere Fenster, sondern klemmte sich unter unsanftem Beiseiteschieben meiner Kniee auf den Sessel mir gerade gegenüber, woher er ungemein lebhaft auf mich einredete:

„Was meinen Sie wohl, wie ist dieses elende Nest am besten vom Erdboden zu vertilgen?! Sie halten das Bombardement für das Beste, nicht wahr? Von der See aus natürlich und nur Krupp’sche Kanonen! Nur Krupp’sche Kanonen! Armstrong lange nicht die Trefffähigkeit und namentlich nicht die Wirkung, und darauf kommt es mir doch eben an. Es muß Alles in Grund und Boden geschossen werden.“ Hier hielt er einen Moment inne und sprach dann mit halber Stimme in wichtigem Tone weiter: „Ich suche das Cabinet von St. James zu interessiren. Bin jetzt auf dem Wege dahin. Ist aber noch tiefstes Geheimniß.“

Nach Beendigung dieser Worte, die unter unausgesetztem Klopfen auf den Mund mehr herausgezischt als gesprochen wurden, versetzte mir mein räthselhafter Reisegefährte einen wuchtigen Schlag auf das Knie und lehnte sich dann, soweit er konnte, in seinen Sessel zurück, wie Jemand, der die Wirkung, die er hervorgebracht zu haben meint, studiren will.

Man kann sich denken, daß ich zu den Worten und dem Gebahren meines Gegenüber ein höchst erstauntes Gesicht machte. Er mochte dies gemerkt haben, nahm es aber für Mißfallen mit seinen Bombardementsplänen, denn er meinte weiter:

„Wie? Sie sind nicht für Bombardement? Also für Unterminirung?! Haben ganz Recht! Ganz Recht! Der ganze höllische Sündenpfuhl muß in die Luft gesprengt werden, daß kein Stein auf dem andern bleibt. Ausgerottet –“

Bis hierher war er gekommen, als er nach einem Blicke durch das Fenster plötzlich aufsprang und zur Thür stürzte, als ob er entfliehen wollte. Ehe er aber so weit kam, öffnete sich dieselbe, und es erschienen zwei weitere Herren, von denen der Eine sich an den Umstürzler wandte:

„Ah, da sind Sie ja. Wollten Sie denn nach London fahren ohne die Empfehlungsbriefe, die wir noch vom Gesandten aus Bern erwarten? Ohne dieselben würde der englische Premier Sie gar nicht empfangen, geschweige denn für Ihr Project zu gewinnen sein. Ich bitte, kommen Sie einstweilen mit uns! Wir müssen die Reise noch auf einige Tage verschieben.“

Mein vorher so großsprecherisches Gegenüber stand während dieser Worte da wie ein armer Sünder, der sich ertappt sieht, unterließ aber keinen Augenblick, sich mit der Hand auf den Mund zu klopfen.

Ich wußte jetzt, daß ich einen jener unheilbar Irrsinnigen vor mir hatte, den man durch ein Eingehen auf seine hirnverbrannten Pläne gefügig machen wollte – auch ohne die Mittheilung des zweiten Herrn, der mir zumute:

„Der Aermste ist mit einer fixen Idee behaftet und uns in einem unbewachten Augenblicke aus der Anstalt entflohen.“

Nach weiterer begütigender Zusprache wurde es den beiden Herren auch nicht schwer, den Irren zu veranlassen, sich ihnen wieder anzuschließen, und alle Drei verschwanden, ohne weiter Aufsehen zu erregen, durch eine der großen Thüren vom Perron. Gleich darauf fuhr der Zug ab, und ich hatte den ganzen Auftritt bald vergessen. Erst nach etwa zwei Jahren erfuhr ich wieder davon.

Ich hatte im Bade A. im Freundeskreise von meiner sonderbaren Begegnung in Basel erzählt, als ein Bekannter, Namens P., der zu den Leuten gehört, die überall gewesen sind, Alles wissen und die ganze Welt kennen, mich fragte: „Wie sah der alte Herr aus?“ Ich beschrieb ihm denselben.

„Und er klopft sich fortwährend mit der Hand auf den Mund?“ inquirirte er weiter. Ich mußte diesen Umstand bejahen.

„Und Sie, der Sie in Monaco längere Zeit gewesen sind, kennen die Geschichte des Aermsten nicht?“ rief P. aus.

Ich mußte gestehen, von einer solchen Geschichte nie gehört zu haben, und vereinigte meine Bitten mit denen der Uebrigen, dieselbe uns zum Besten zu geben.

P. ließ sich denn auch nicht lange nöthigen und begann: „Vor einigen Jahren kam ein älterer Herr, eben der, mit dem Sie auf dem Baseler Bahnhofe zusammengetroffen sind“ – diese Worte sprach er zu mir gewandt – „der reiche Rheder D. aus S., nach einer Reise durch Italien nach Monaco, um sich dieses reizende Fleckchen Erde anzusehen und gleichzeitig sein Glück im Spiele, das dort noch im höchsten Flore stand, zu versuchen. – Es ist Ihnen wohl bekannt, daß jeder Fremde beim Eintritte in die dortigen Gesellschafts- und Spielräume dem Portier seine Karte abzugeben oder doch seinen Namen zu nennen hat, bis er eben den Angestellten bekannt ist. Man führte diese Praxis ein, um die Gesellschaft vor unsauberen Elementen zu bewahren, das ist aber weiter nichts, als eine leere Formalität, denn Jeder, der einen guten Rock anhat und sich eines beliebigen Namens bedient, kann unbeanstandet passiren.

Am ersten Tage seines Aufenthaltes in Monaco gab D. seine Karte beim Portier ab, trat in die Säle, und bald war er auch schon am Spieltische und fing an, hoch zu pointiren. Leider aber hatte er Unglück, wurde hitziger und hitziger und verlor eine selbst für seine Verhältnisse bedeutende Summe. Am Tage darauf wollte er, wie Alle, die im Verluste sind, wieder spielen, um seinem gestrigen Schaden nachzukommen.

Am Eingange der Säle stand heute ein anderer Portier als der gestrige und D., als neuer Ankömmling in Monaco, der noch nicht überall bekannt war, wurde wieder nach seinem Namen gefragt. Mochte ihm diese wiederholte und, wie ihm schien, überflüssige Erkundigung nun nicht conveniren, oder war er noch zu sehr beschäftigt mit seinem gestrigen Verluste: kurz – er ignorirte die ganz höflich gestellte Frage und wollte ohne Weiteres passiren. – Der Beamte wiederholte seine Bitte um Nennung des Namens, und als er kein Gehör fand, verstellte er unserm D. den Weg. Das war diesem aber doch zu arg, und er gerieth über diesen Eingriff in ein ihm ebenso, wie allen übrigen Passanten freistehendes Recht des Eintrittes in eine solche Wuth, daß er dem Portier einen so wuchtigen Hieb mit seinem Stocke auf die Nase versetzte, daß dieser sofort blutend zurücktaumelte; er wollte ohne Weiteres vorüber, den ersehnten Spieltischen zu.

Hieran wurde er aber verhindert von den Zeugen dieses Auftrittes, unter denen sich zu D.’s Unglück auch der Spielpächter Blanc befand. Von diesem wurde die Sache sehr ernst genommen. Er ließ D. sofort verhaften und in Gewahrsam bringen und benutzte seinen sozusagen unumschränkten Einfluß, den er seiner Stellung wegen in Monaco hatte, dazu, gegen den Uebertreter eine sehr strenge Strafe auszuwirken und zwar drei Monate Gefängniß.

Blanc hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Einwohnern Monacos klar zu machen, daß man ein Exempel statuiren müsse, um derartige Auftritte für die Folge zur Unmöglichkeit zu machen, weil dadurch der Zuzug des Publicums litte. Diese Begründung war natürlich der öffentlichen Meinung sehr einleuchtend, denn die Einwohner Monacos hängen gewissermaßen von dem Spielpächter ab und sind lediglich auf die Fremden angewiesen. – Ich glaube aber, und mit mir Jeder, der nur [642] einigermaßen in die dortigen Verhältnisse eingeweiht ist, daß der ganz überschwängliche Eifer Blanc’s in dieser Bagatellangelegenheit lediglich in seiner Eigenschaft als Franzose und in seinem blinden Deutschenhasse wurzelte, der sich, gleichviel um welchen Preis, an einem Angehörigen dieser Nation rächen wollte. Es war eben noch nicht lange nach dem Kriege, und von unseren Nachbarn wurde noch jede Gelegenheit wahrgenommen, um ihrer Wuth gegen uns die Zügel schießen zu lassen.

D. wandte sich nun allerdings an die deutsche Behörde, aber diese sah sich außer Stande, für ihn zu wirken. Das Vergehen und damit ein rechtlicher Grund zur Bestrafung war vorhanden. D. mußte sich also fügen.

Während seiner Gefangenschaft, die ihm auch nicht erleichtert worden sein mag, verfiel er in tiefe Schwermuth, die sich immer mehr zu einer fixen Idee ausbildete. Er fing nämlich an zu behaupten, daß Fräulein Blanc, des Spielpächters Tochter, sich sterblich in ihn verliebt habe, ihr Vater aber diese Verbindung aus Haß gegen seine, D.’s, Nation unter keinen Umständen zugebe wolle. Um seine Tochter nun desto eher zu bestimmen, von ihm abzulassen, habe der Vater beschlossen, ihn zu ruiniren. Zu diesem Zweck sei ihm schon die bedeutende Summe im Spiel abgenommen, da das Mädchen aber erklärt habe, daß selbst seine Armuth sie nicht abhalten würde, ihm zu folgen, habe der Vater ihn in’s Gefängniß geworfen, um ihn ehrlos und auf diese Weise unmöglich zu machen.

Als die drei Monate um waren, wurde D. freigelassen und ersucht, die Monaco’schen Lande zu meiden, welchem Befehl er, einmal im Waggon, in vier bis fünf Minuten buchstäblich nachkam. – Er ging jetzt auf Reisen, wobei seine fixe Idee einen immer hartnäckigeren Charakter annahm und sein Verlangen nach Rache immer glühender wurde. Er wollte Monaco mit Allem, was darinnen ist, vom Erdboden vertilgen. Jeden, der mit ihm zusammentraf, suchte er für sein Unternehmen zu gewinnen oder doch um Rath zu bittten. – Wie Sie sich denken können, wurden ihm von den Leuten die lächerlichsten und haarsträubendsten Sachen in den Kopf gesetzt. So war ich dabei, wie ihm ein Herr an der Table d’hôte in München den Vorschlag machte, die hohe Pforte um leihweise Ueberlassung einiger fünfzig Baschi-Bozuks zu bitten, dieselben incognito, etwa als Theilnehmer einer Stangen’schen Vergnügungstour in Monaco einzuschmuggeln und ihnen das Weitere zu überlassen. Dieses Project wurde mit Enthusiasmus aufgenommen und zum Gaudium der ganzen Gesellschaft beim perlenden Sect – natürlich auf D.’s Kosten – einer Discussion unterworfen.

Wie alle übrigen, so wurde auch dieser Schlachtplan bald wieder verworfen, nur Unterminirung und Bombardement von der See aus, wozu er eines seiner alten Kauffahrteischiffe mit Krupp’schen Kanonen armiren wollte, blieben Lieblingsideen und tauchten, wenn sie auch eine Zeit lang durch drastischere Vorschläge zurückgedrängt wurden, immer wieder auf.

Schließlich wurde es mit dem armen D. aber doch so arg, daß man ihn nicht mehr frei umhergehen lassen konnte. Seine Verwandten legten sich in’s Mittel, und er wurde einer Privat-Anstalt Basel’s zur Pflege übergeben. Aber auch hier fand er keine Genesung, sondern sein Zustand verschlimmerte sich zusehends, und man sah sich genöthigt, ihn einer Staats-Irren-Anstalt seines engeren Vaterlandes zum Gewahrsam zu überantworten.“

Das ist die Geschichte des Mannes, mit dem ich in Basel unter so eigenthümlichen Verhältnissen zusammengetroffen war.
Stamm.