Ein Orangenzweig

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Autor: Amélie Linz
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Titel: Ein Orangenzweig
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33–39
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Orangenzweig.


Von A. Godin.


In bengalischen Flammen.


Im Sommer 1868 war die Zahl der in Wiesbaden anwesenden Fremden ungewöhnlich groß. Die Stammgäste, deren jeder Badeort ein kleines Contingent besitzt, stellten heitere Vergleiche zwischen dieser Saison und den beiden vorhergegangenen an. Allerdings folgte dem Kriegsgrauen von 1866 im nächsten Jahre ein ruhig ungestörter Sommer, dennoch schien ein Nachklang übrig geblieben – die Zugvögel waren nur in Pausen, in vereinzelten Schaaren erschienen und hatten sich nicht so heimisch und freudig dort niedergelassen, wie ehemals – die Leidensgestalten der Hülfesuchenden waren in den Vordergrund getreten.

Im gegenwärtigen Sommer jedoch schien der schöne Badeort in höchster, reichster Blüthe zu stehen und von Tag zu Tage steigerte sich der Zudrang der Curgäste.

Ein warmer Augustabend dämmerte herein. Es hatte den Tag über geregnet, noch hing eine weiche, gewitterschwüle Luft über der träge der Schlummerzeit entgegendunkelnden Welt, doch begannen die Wolken sich jetzt zu theilen, und schon zitterten einzelne Sterne auf den dicht mit Menschen besetzten Curplatz hernieder. In den Sälen, unter der Veranda und am feuchten Ufer des Weihers wogte und drängte sich eine von Minute zu Minute wachsende Menge. Der König war im Laufe des Nachmittags angekommen, um einen oder zwei Tage in Wiesbaden zu verweilen, und wurde jetzt am Curhause erwartet. Die schwarzweiße Fahne flatterte lustig im Abendwinde von der Spitze des reich mit Teppichen, Guirlanden und Draperien geschmückten, erhöhten Musikpavillons, von welchem der Monarch einem für ihn vorbereiteten Feuerwerke zusehen sollte, während die Capelle des garnisonirenden Regimentes ihren Platz auf der Galerie des Curhauses gefunden. Als nun, pünktlich zur angesetzten Stunde, die edle, stattlich schöne Kriegergestalt des hohen Gastes erschien und, von zahlreichem Gefolge umgeben, mit dem bekannten energischen Schritte den Pavillon betrat, schallte ihm die jedem Preußen theure Hymne „Heil Dir im Siegeskranz“ volltönig entgegen.

Zugleich stieg die erste Rakete von der kleinen inmitten des Weihers ruhenden Insel zu den Sternen empor. Im bunten Wiederschein eines dem Signal unmittelbar folgenden Bouquets farbenprächtiger Leuchtkugeln zogen die Schwäne vereinzelt über das Wasser hin. Als sich nun aber zum Lichte der Ton gesellte, Sonnen und Feuerräder zischend und prasselnd aus der Wassertiefe aufzutauchen schienen, erfaßte sie doch ein Grauen; aufschreiend, mit den Flügeln schlagend, schossen, flatterten sie über das Gewässer hin, vereinten sich oder drängten sich dicht am Uferrande eng aneinander. Nur ein erhabener Geist unter ihnen verschmähte Flucht und Gemeinschaft: in majestätischer Ruhe schiffte der schwarze, bei Tag und Nacht freiwilliger Einsamkeit geweihte Schwan inmitten seines Elementes auf und nieder, nur mitunter regte er die dunkeln Flügel, das Wasser leise aufspritzend, und tauchte wie kosend den Purpurschnabel in die glänzende Woge.

Wer könnte ein Feuerwerk schildern? – ebensowenig, wie sich ein lebendiges, in Gedanken blitzendes und in Witzen hin- und hersprühendes Gespräch beschreiben läßt! Die dunkle Nacht mit ihrem zum Theil noch wolkenschweren Himmel bildete gleichsam eine Folie für all die bunten Sterne, Purpurkugeln und goldenen Pfeile, die in hoher Luftregion plötzlich wieder verschwanden, nachdem sie momentan, bald hier, bald dort, in geheimnißvoller Helle irdische Gruppen enthüllt, bald Baum und Strauch, bald ein Menschenantlitz.

Eben war solch flüchtiger Glanz auf ein Angesicht gefallen, das wohl verdiente, von Göttern und Menschen geschaut zu werden. Wenige Schritte vom Uferrande entfernt stand, auf den Arm eines stattlichen Mannes gelehnt, ein junges Mädchen von reizender Schönheit. Ein weiter dunkler Burnus verhüllte die Gestalt und ließ nur erkennen, daß dieselbe mittlere Größe nicht überschritt. Der zierliche Hals leuchtete unverhüllt, denn die spitzenbesetzte Kapuze des Mantels, welche vorher Nacken und Haupt bedeckt haben mochte, war herabgeglitten. Die blonde Lockenfülle des überaus fein geformten Kopfes floß, durch die feuchte Luft halb aufgelöst, schwer auf Brust und Schultern. Was den künstlerisch schönen Zügen eine so entzückende Lieblichkeit verlieh, konnte auf den ersten Blick unentschieden bleiben, schon beim zweiten empfand man jedoch, daß der Zauber vor Allem in den ungewöhnlich langen, leicht gebogenen Wimpern und den köstlich geschweiften Lippen ruhte. Von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf, um ihrem Gefährten eine lächelnde Bemerkung zuzuraunen; in dieser Bewegung lag vollendete Anmuth.

Das Feuerwerk hatte seinen Höhepunkt erreicht. Eine von kreisenden Sternen umgebene Sonne entfaltete immer glänzendere Strahlen, und das Musikcorps, welches bisher heitere Tanzweisen gespielt, schmetterte jubelnd das Lied: „Ich bin ein Preuße, kennt Ihr meine Farben?“ Hurrahruf erschallte, Hände schlugen kräftig aneinander, Tücher und Mützen wurden geschwenkt, und Alles wandte die Blicke dem Pavillon zu, wo die königliche Heldengestalt freundlich dankend das Haupt neigte.

Der an die Platane gelehnte Mann, auf dessen Arm das [532] schöne Mädchen sich stützte, fuhr zusammen. Sie schmiegte sich dichter an ihn und flüsterte: „Ich wußte wohl, daß es Dir wehe thun würde – wir hätten nicht kommen sollen!“

Nur ein ungeduldiges Kopfschütteln gab ihr Antwort. Im gleichen Moment erklang aus einer Gruppe junger Männer, welche einige Schritte näher am Weiher standen, halblaut ein spöttisches Wort:

„Dieser alberne Pöbel! Wie armselig schwach der Hurrahruf – das soll wohl gar eine Demonstration sein? Sie sollten ihrem Schöpfer danken, daß ihnen die Ehre geworden, Preußen zu heißen!“

Eine sonore Stimme fiel ein, ohne sich die Mühe zu geben, ihren Klang zu dämpfen: „Ehre dafür diesen Nassauern! Sie beweisen damit, daß sie deutscher Art sind! Wäre es etwa erfreulicher, heute schon ein serviles Unisono zu hören? An unseres Königs Statt würde ich so leichten Erwerb wenig schätzen. Männer tauschen nicht Regenten wie Gewänder, und ich kenne auf der Welt überhaupt nur ein Ernsthaftes: Treue!“

Des jungen Mädchens Arm drückte den ihres Begleiters, lebhaftes Roth stieg ihr bis zu den Schläfen auf, ihr Auge schien das Dunkel durchdringen zu wollen. Als hätte es Kraft, dem Licht ein „Werde!“ zuzurufen, erglänzte plötzlich Alles ringsum in bengalischen Flammen. Gleich einem Feenlande stiegen Park, See und Inseln in grüngoldigem Schimmer aus dem Dunkel. Die leichte Brücke von Birkenrinde wandelte sich zum farbigen Regenbogen, der in Zauberreiche führt, denn jetzt hob sich, vom zartesten Rosenroth angehaucht, die Fontaine langsam aus den Wassern empor. Hochauf sprühten die purpurnen Perlen, wie in neckischem Spiel immer neu emporgeworfen, und immer neu wallten die breiten, zackigen Schleiergewänder der verborgenen Wasserfee.

Die lautlose Menge stand wie gebannt durch die Magie des Momentes – kaum ein tieferer Athemzug des Entzückens klang durch die nur von weichen Melodien erfüllte Luft. An der Platane aber seufzte eine junge, von Poesie der Schönheit ganz erfüllte Brust tief auf; leise sanken die Wimpern vom perlenden Gipfel der verglühenden, gleichfalls sinkenden Wassersäule – leise, wie suchend, tauchte das schimmernde Auge in die nächste, tageshell erleuchtete Gruppe. Ein aufleuchtender Blick begegnete ihr aus feurig blauem Augenpaare, über dem eine blendende Stirn sich wölbte, und mit diesem Blick zugleich brach mit demselben sonoren Klang, der vorhin in dem Worte „Treue“ verhallt war, jetzt der Laut hervor: „Undine!“

Im nächsten Moment versank die Wasserkönigin in ihre feuchten Tiefen, der Rosenglanz erlosch – Nacht und Dunkel umhüllte die Welt.




Zehn Flaschen Champagner.


Die Table d’hôte im „Nassauer Hofe“ war bereits vorüber und der Speisesaal größtentheils geleert. Nur an einem Seitentische saß noch gegen sieben Uhr Abends eine Gruppe von Officieren, theils in Uniform, theils in Civil, in angeregtester Stimmung beisammen. Lebenslust und Rheinwein funkelten aus den muntern Augen, gute und schlechte Witze flogen wie Fangbälle hin und wieder – Alle, oder doch fast Alle schienen in jener beneidenswerthen Stimmung, worin man bereit ist, Erde und Himmel für Momente verpuffen zu lassen.

„Kellner!“ rief ein für die knappe Uniform fast zu wohlbeleibter Husarenofficier über die Schulter hinweg, „noch eine Flasche Sect!“

Sein Tischnachbar legte abwehrend die Hand auf seinen Arm, indem er die Uhr zog. „Gleich sieben! ich dächte, es wäre Zeit, daß Jeder sich nach seinem Tusculum zurückzöge und Toilette machte. In einer Stunde beginnt die Réunion.“

„Und lohnt es hinzugehen, wirklich, Wellenberg?“ frug ein eleganter Mann in Civilkleidung, dessen nachlässig zurückgelehnte Haltung das ausgezeichnete Ebenmaß seiner Gestalt nicht beeinträchtigte. „Wir sitzen hier so sehr gemüthlich! Können Sie mir für das Opfer, diesem dolce far niente zu entsagen, dort etwas Hübsches zur Augenweide versprechen?“

„Hübsches, Schönes, Brillantes – Alles, was das Herz begehrt! Seit Jahren waren die Réunions nicht so glänzend als während dieser Saison, und heute wird deren Krone sein, denn man erzählt sich, daß unsere Majestät dort erscheinen wird. Dies geschieht übrigens nicht, wie ich aus bester Quelle erfuhr – einerlei, um so besser, möchte ich sagen, man ist bei solchen Gelegenheiten durch Anwesenheit der höchsten Herrschaften doch immer etwas genirt. Jedenfalls garantirt die hohe Sage aber doppelt entzückende Toiletten und einen Flor aller fremden und einheimischen Schönheiten. Wenn Sie Lust haben, auf den Fischfang zu gehen, Triefels, so könnte ich Ihnen einige ganz annehmbare Goldfischchen nachweisen – Sie müßten dann freilich den Gedanken aufgeben, schon morgen abzureisen, sonst wäre die Zeit zum Kapern einer Erbin doch zu kurz.“

„Was gehen mich Ihre Erbinnen an,“ lächelte Triefels; „ich frug nach Schönheiten! Im Uebrigen – ein Ballabend zu kurz, um ein Weiberherz zu gewinnen? – das ist mir neu!“

„Bramarbas!“ spottete Wellenberg.

„Was gilt die Wette?“ rief Triefels übermüthig, indem er, den Antinouskopf leicht zurückwerfend, aufsprang und das halbgefüllte Glas erhob. „Sucht eine Eurer Ballschönheiten aus, ganz nach Belieben, und ich mache mich verbindlich, bis zum Schluß der heutigen Réunion ihr Jawort gewonnen zu haben! Kann ich die Wette nicht halten, so gebe ich zehn Flaschen Champagner verloren! Nur eine Gegenbedingung: es darf keine Braut sein, weder eine[WS 1] heimliche, noch eine öffentliche – die nehme ich aus!“

„Die nimmt er aus!“ höhnte der dicke Husar.

„Nur wegen allzubeschränkter Zeit!“ lachte der Geneckte. Er hatte vielleicht etwas Anderes erwidern wollen, denn bei den zuletzt getauschten Worten war ein blitzartiger Glanz in den feurigen Augen aufgestiegen, doch traf ihn, noch ehe er sprach, aus einem Augenpaare gegenüber ein Blick, welcher den vorigen Uebermuth zu verdoppeln schien. Es war ein ernster, fast strafender Blick gewesen und ging von einem kaum dem Jünglingsalter entwachsenen Manne aus, der, gleich der Mehrzahl der Tischgenossen, die Uniform des in Wiesbaden garnisonirenden Regiments trug. Bis jetzt ein schweigsamer Gesellschafter, ließ er der stummen Opposition, die er, vielleicht unwillkürlich, jedenfalls wirkungslos, an sein Gegenüber gerichtet, auch jetzt kein ausgesprochenes Wort folgen. Um so lebhafter schwirrte dagegen das Zurufen, Lachen und Applaudiren der Anderen durcheinander.

„Topp!“ rief Wellenberg, „wir halten die Wette, – nun gilt es aber auch, den Wahnsinn mit Methode zu betreiben. Ein Vorschlag! Wir Hiesigen kennen ja die Damenwelt der Saison ziemlich genau – ich entwerfe eine Liste, sie soll die Runde machen. Ist ein Name vergessen, oder zu viel, so bleibt Jedem das Recht eines Veto! Sobald die Liste fertig – bis zu Tausend und drei wird sie wohl nicht steigen – schütteln wir die Urne, und Don Juan zieht seine Göttin als Loos!“

„Bravo!“

„Doch einmal eine Abwechselung in diesem Jammerleben!“

„Vorwärts, hier ist mein Notizbuch mit Bleifeder!“

„Das giebt ein Göttervergnügen!“ jubelte die ganze Tafelrunde durcheinander.

Während Wellenberg schrieb und eine Minute später das Blatt circuliren ließ, beobachtete Triefels mit halbem Blick sein Gegenüber, und die gewölbte Lippe zuckte unmerklich unter dem lockigen Bärtchen, als der junge Mann die Liste, ohne sie nur anzusehen, weitergab.

„Oho, Eckhardt, nicht geschwänzt, das gilt nicht!“ rief sein Nachbar.

Der Angeredete zuckte leise die Achseln, ohne ein Wort zu erwidern.

„Laß doch,“ unterbrach Wellenberg mit einem Theaterflüstern, „der jungen Dame sind wir wieder einmal zu frivol.“

Der Officier wandte mit ruhiger Bewegung den Kopf und sagte einfach, indem er das intelligente Auge fest auf den Sprecher richtete: „Sie meinten, Herr von Wellenberg?“

Wellenberg lachte. „Ich meine, Sie sollen kein Spielverderber sein, Eckhardt! Aber – suum cuique! – sehen Sie wohl, wenn ich auch lieber Champagner trinke, als, wie gewisse Leute, mit alten und neuen Classikern handgemein werde, mein Schullatein ist noch nicht vergessen, ich kann sogar mit Uebersetzung aufwarten: Jedes Thierchen hat sein Manierchen! Aber nun zur Sache! Die Liste ist vollständig – Kellner! eine Scheere und einen leeren Aschebecher! – So, nun sind die Präliminarien vollendet – jetzt zum Pakt!“ – Er rollte die ausgeschnittenen [533] schmalen Streifen auf, warf sie in die Schale und schüttelte sie durcheinander. Indem er den Becher mit feierlicher Miene emporhob, sagte er mit Emphase: „Ehe Sie das große Loos ziehen, Triefels, müssen noch verschiedene Stipulationen gehört und insgesammt genehmigt werden: Paragraph Eins: Der Bevollmächtigte wird ohne jeden Einwand derjenigen Schönen die Cour schneiden, welche ihm Fortuna bestimmt, auch in dem Falle, daß ihm eine Andere besser gefällt.“

„Angenommen,“ nickte Triefels.

„Paragraph Zwei: Er giebt sein Ehrenwort, daß er, der Feldzug möge nun ablaufen, wie er wolle, nach Beendigung des Balles im zweiten Restaurationszimmer mit uns zusammentrifft und Sieg oder Niederlage bekennt.“

„Abgemacht, versteht sich von selbst!“

„Paragraph Drei: Im Fall er abblitzt, werden die zehn Flaschen Champagner sofort gemeinschaftlich vertilgt, reüssirt er, so wird Ort und Zeit des Bankets seinem Ermessen anheimgestellt, wir Alle aber jedenfalls zur Hochzeit geladen!“

„Halt da!“ rief Triefels, „Hochzeit?! Warum nicht gar! Meinen Sie etwa, ich hätte Lust, mich, wenn überhaupt je, schon jetzt in den Käfig sperren zu lassen? – origineller Gedanke!“

„Ich glaubte verstanden zu haben, daß es sich um ein Jawort handle, Herr Rittmeister?“ fragte Eckhardt, ruhig aufblickend.

„Allerdings, und was weiter? Der Traum einer Ballnacht – man schläft aus und er ist zerstoben – Liebeserklärungen empfangen zu haben, bleibt für jede Dame eine angenehme Erinnerung, und seufzt sie dabei ihr Ja, so ist das nichts als schuldige Dankbarkeit. Sie blicken d’rein, als ließe der Scherz sich tragisch nehmen, lieber Camerad? Glauben Sie mir, nach fünf, sechs Jahren sehen Sie das Leben und nun gar die Weiber ganz anders an. Ich kenne diese zarten Wesen sehr genau, sie sind insgesammt große Lebenskünstlerinnen, denen so leicht keine Aufgabe zu schwierig wird. Suchen, Finden, Fliehen ist das Thema, nach dem sich alle Variationen ihrer Tage abspielen, verschwindet ein Bild – pah! der gefällige Rahmen bleibt, und rasch wird ein anderes hineingeschoben!“

„Hört! hört!“ rief der Husar, „Triefels hält Vorträge zur Ausbildung der Jugend!“

„Und vergißt darüber, was seines Amtes ist,“ grollte Wellenberg, indem er zum zweiten Male den Becher hinüberreichte.

Triefels hob die Hand – eine feine, wohlgepflegte Hand, deren Weiße sich ein Mädchen hätte rühmen dürfen. Am kleinen Finger der Rechten funkelte ein Brillant; offenbar war der Ring ursprünglich für eine Frau bestimmt, oder von ihr getragen worden. – Lächelnd hielt der junge Mann das erfaßte Röllchen einen Moment zwischen den Fingern, dann glättete er es mit schelmischem Aufblick, und las in klarem, halb fragendem Ton: „Eugenie Wallmoden?“

Noch klang der Name, als ein rasch unterdrückter, unverständlicher Laut den Blick des Lesenden auf sein Gegenüber zog, dessen bis in die Lippen hinein erblaßtes Gesicht eine Secunde lang fassungslose Aufregung verrieth. Im nächsten Moment verdrängte jedoch schon ein geringschätziges Lächeln den leidenschaftlichen Zug von Entrüstung, und Eckhardt lehnte sich in gleichgültiger Haltung in seinen Sessel zurück. Nicht auf ihn allein schien jedoch der eben ausgesprochene Name Eindruck gemacht zu haben, denn hier und dort in der Runde hörte Triefels wiederholen: „Fräulein Eugenie?“ – „Die Wallmoden?“ – „Merkwürdig!“

„Nun?“ frug er lebhaft.

„Nun!“ wiederholte Wellenberg, „Sie sind ein Glückspilz, Triefels! Die Sache wird nun wirklich interessant. Eugenie Wallmoden ist das schönste und reichste Mädchen unserer guten Stadt Wiesbaden, übrigens eine ziemlich hoch in Wolken thronende Göttin, zu welcher empor der Flug sich schon für Manchen als Ikarusgeschäft erwiesen. Gewinnen Sie hier binnen einer Nacht, so ziehe ich vor Ihnen den Hut ab.“

„Na, Triefels, in diesem Falle sind Sie wenigstens sicher, daß kein Bühnenvater Sie aus dem Ballsaale zum Altar schleppt –“ rief laut lachend der Husar. „Sich dem Staatsrath Wallmoden als lieber Schwiegersohn in königlich preußischer Uniform zu präsentiren – ha, ha, ha! Anomalie – Anachronismus – wer weiß noch mehr so’ne französische Worte?“

Triefels hob leicht die Brauen: „Ein Preußenhasser?“

„Und wie! Hat sofort nach der Annexion sein Amt niedergelegt, auf Pensionsbezüge verzichtet und lebt seitdem im tiefsten Hintergrunde seiner allerdings ganz erträglichen Höhle – stolz schweigend, wie ein eingesperrter Löwe.“

„Eben deshalb wird das ganze Vergnügen zur Seifenblase, Ihr Herren,“ warf ein spitznasiger Hauptmann sarkastisch ein. „Wallmodens, die man überhaupt nie auf einer Réunion im Cursaale trifft, werden heute, wo man dort den König erwartet, ganz sicher nicht hinkommen!“

„Wüßte ich nicht das Gegentheil, so hätte ich den Namen überhaupt nicht auf die Liste gesetzt,“ erklärte Wellenberg siegreich. „Der Alte kommt natürlich nicht, wohl aber Fräulein Eugenie. Die Familie hat Besuch aus Köln, einen reizenden Backfisch, dem zu Liebe meine Wenigkeit so genau orientirt ist, und dem zu Liebe die exclusive Schöne heute einmal den Cursaal mit ihrem Besuche beehren wird. Beide junge Damen erscheinen unter den Flügeln der Verschönerungspräsidentin.“

„Wer ist denn das?“ lachte Triefels.

„Sie haben noch nichts von der Verschönerungspräsidentin gehört? – o Vandale! Ja so, ich vergesse, daß Sie erst seit wenigen Tagen so glücklich sind, in der einzig menschenwürdigen Atmosphäre der Wiesbadener Gesellschaft zu athmen. Nun, Herr von Fulhem ist Vorstand aller Annehmlichkeiten, die aus der Casse der Bank in die der Stadt fließen, und seine würdige Gattin besitzt eine seltene Anziehungskraft für mutter- oder tantenlose Schönheiten. So oft sie erscheint, persönlich mehr einer gefüllten Sonnenblume, als der Sonne selbst zu vergleichen, wird sie von den anziehendsten Planeten umkreist. Nie also ward ein vielversprechender Name mit größerem Rechte verliehen!“

Triefels sah nach der Uhr. „Auf Wiedersehen, Ihr Herren; à propos, wer von Ihnen wird die Güte haben, mich meiner Zukünftigen vorzustellen?“

„I!“ sagte der Sarkastische im harmlosesten Ton – „Lieutenant Eckhardt etwa.“

Der Genannte blickte auf. Während der lebhaft getauschten letzten Sätze war die gleichgültige Haltung, die er angenommen, bereits wieder mühsam bekämpftem Unmuth gewichen; die feinen Lippen hatten sich fest auf einander gepreßt und öffneten sich jetzt nur, um in schneidendem Tone das Wort fallen zu lassen: „Diese Ehre muß ich ablehnen.“

„Und weshalb, Herr Camerad?“ fragte Triefels aufmerksam, indem seine hohe Gestalt zu wachsen schien.

„Weil ich Fräulein Wallmoden zu sehr schätze, um in dem sie betreffenden Lustspiel eine Rolle übernehmen zu können.“

Auch er hatte sich erhoben; die beiden jungen Männer maßen sich einen Moment mit ziemlich zweifelhaftem Ausdruck. Eckhardt’s schmächtige Gestalt und feingeschnittene Züge ließen ihn der männlich kräftigen Erscheinung des ältern Officiers gegenüber noch jugendlicher aussehen, als er wirklich war. Dennoch lag in den grauen Augen des Jüngern eine eben so zwingende Macht, wie in dem leuchtenden Feuerblick des Andern. Es war nur ein Moment. Dann wandten sich Beide fast gleichzeitig ab. Eckhardt griff nach Degen und Mütze, und war schon im Begriff, sich zu entfernen, als das verdrießlich gemurmelte Wort Wellenberg’s ihn aufhielt:

„Dieser junge Cato wird uns noch den ganzen Spaß verderben.“

Eckhardt berührte zu Gruß die Mütze und sagte, ruhig über die Schulter zurückblickend: „Ich denke zu wissen, was Cameradschaft heißt, Herr von Wellenberg. Uebrigens habe ich nur die Ehre, der Familie Wallmoden bekannt, keineswegs aber verwandt zu sein.“

„Pedant und kein Ende!“ lachte der Husar hinter ihm her, sobald die Thür sich geschlossen. „Na Kinder, man muß ihm christlich vergeben! Solch einen Nebenbuhler, wie unseren lieben Gast hier, gleichsam aus einer Versenkung plötzlich aufsteigen zu sehen, wäre Jedwedem ungemüthliche Ueberraschung. Gott sei Dank, daß man über solche Kinderkrankheiten hinaus ist! Brrr – o wie schmeckt mir täglich mein Diner so gut!“

Triefels stand einen Augenblick in Gedanken. Jetzt hob er mit eigenartig unterjochendem Ausdrucke das Auge und sagte in hellem Tone: „Sie hatten Recht, Wellenberg – die Sache beginnt interessant zu werden. Auf’s Wohl der Schönen!“ Er ließ sein Glas anklingen und leerte es in raschem Zuge, sprühende Lebenslust in jeder Muskel.



[534]
Rudolph Eckhardt.


Im Bowling-Green nächst dem Theaterplatze wanderte eine einsame Gestalt ruhelos auf und nieder. Die beiden Cascaden waren erleuchtet, und immer neue Wogen stürzten rauschend aus einem Marmorbecken in das andere nieder, über die blitzenden Lichtringe hinfluthend, welche, goldenen Reifen gleich, hinter den Wasserschleiern zitterten. Von hohen Candelabern herab schwankte ungewisses Licht auf all’ die farbenbunten Blumenbeete, dunkel begrenzt von mächtigen Platanen, in deren Allee sich die Gruppen der Spaziergänger schattenhaft bewegten, oder an denen Wagen auf Wagen blitzschnell vorüberrollten und mit ihren Lampen gleich feurigen Augen neugierig in die stille Dämmerung hinübergrüßten. Inmitten all’ des wogenden Abendlebens draußen schien Duft, Licht und Frieden sich in diesen magischen Zauberkreis geflüchtet zu haben.

Nichts von Frieden lag aber in Bewegung und Zügen des uns bekannten Wanderers, der dort rastlos auf- und niederschritt. Eckhardt’s Auge schweifte zerstreut über die duftenden Beete, welche sein Fuß streifte, nur zuweilen hob es sich und schien scharf durch die Nacht zu dringen – einem Hause am Theaterplatze zu, dessen Umrisse selbst die davor brennende Gasflamme nicht klar von hier aus unterscheiden ließ.

Wie stürmte es in ihm! Wer es je erlebte, einen geliebten Namen spöttelnd aussprechen zu hören, weiß, daß dies allein schon empfunden wird wie ein Schlag. Erfaßt uns doch schon ein gewisses Staunen, wenn das, was wir im Allerheiligsten unserer Seele vor jedem fremden Hauche schützen, von Dritten überhaupt nur, so obenhin, als Gesprächsgegenstand abgefertigt wird! Und Eckhardt hatte mit anhören, hatte dulden müssen, daß der Name des Mädchens, welche der lichte, unerreichbare Morgenstern seiner Tage war, zum Thema des frivolsten Gespräches – des geringschätzigsten Planes geworden! Und nichts, nichts gab ihm ein Recht, gegen solchen Frevel einzuschreiten – er mußte schweigen, der Ausführung des kecken Spieles unthätig zuschauen – wirklich! konnte, durfte er das?

Obgleich er im Gesellschaftsanzuge seine Wohnung verlassen hatte, jagten sich noch immer Zweifel und Ungewißheit in ihm, ob er sich die Folter dieses Balles auferlegen solle, oder nicht. Der Instinct, sein Theuerstes womöglich zu schützen, trieb ihn vorwärts; der noch stärkere Instinct nahender Schmerzen suchte ihn zurückzuhalten.

Er warf sich mit tiefem Athemzuge auf die Bank gegenüber einer der Cascaden. Achtlos hing sein Auge an der breiten Lichtwoge, welche, über die still gesammelten Wasser des Bassins ausgegossen, dort zu ruhen schien. Mit einem Male trat der Vollmond aus dem Gewölk, ruhig und groß. Ein eigenthümlich besänftigendes Gefühl ergriff den Aufgeregten – die Bürde, welche ihn eben noch so schwer bedrückt, erschien ihm gelüftet, als wäre sie fast geschwunden. Das reine Bild der Geliebten schien ihm hoch über jeder frevelnd ausgestreckten Hand zu stehen – wie das klare, ewige Himmelslicht droben über den zuckenden Flämmchen stand, die vor ihm flackerten. Plötzliche Zuversicht erfüllte das noch immer bewegte Gemüth – sein Gedanke hing an dem edeln Mädchenbilde, er dankte es ihr, daß sie auf der Welt war.

Da stieg neben ihr die Gestalt des Mannes auf, der den Sinnenden heute so aus allen Fugen gerissen, und von Neuem krampfte sich sein Herz zusammen – war dies Herz ein Orakel, oder flohen Ruhe und Sicherheit vor der Erinnerung an Triefels’ Persönlichkeit? Eckhardt leugnete es nicht, ihm war vorher nie seines Gleichen begegnet. Nie hatte eine fremde Individualität so stark auf ihn gewirkt, als diese, deren starkes inneres Leben, sich in allen Facetten reichster Empfindungs- und Genußfähigkeit tausendfältig wiederspiegelte. Verständnißvoll für die feinsten Regungen des Geistes, für jeden Pulsschlag der Begeisterung – einem Cultus des Schönen hingegeben, der den lachenden Himmel heitern Griechenthums über die gegenwärtige Stunde zu wölben verstand – dazwischen selten anklingende, aber volle Harfentöne männlicher Kraft und Ehre – dies Alles zum Bilde verkörpert in einer Erscheinung, die nirgends übersehen, niemals mit Andern verglichen werden konnte – hatte Triefels den jüngeren Mann seit der ersten Stunde des Zusammentreffens zu einer Bewunderung hingerissen, die um so energischer wirkte, als es ihr an Widerstreit nicht fehlte.

Rudolph Eckhardt war ein Charakter von bedeutendem, doch eigenartigem Gepräge und fühlte sich unter den Cameraden einsam und unverstanden. Nichts ist in einem Verbande ganz verschiedenartiger Naturen gefährlicher, als nicht gerade auf der Linie der Mittelmäßigkeit zu stehen. Jedes Hervortreten bringt um so mehr in Gefahr, ironisirt zu werden, als es eine Eigenthümlichkeit mancher geistestiefer Menschen ist, daß sie selbst unbedeutend erscheinen, sobald sie nur über unbedeutende Dinge zu sprechen haben. Triefels dagegen verstand es, jeden schlummernden Funken zu wecken, und hatte sich dem Zurückhaltenden anfangs mit unverhohlener Sympathie zugewandt, ohne sich jedoch je in Aeußerungen eines Wesens zu beschränken, das Eckhardt mitunter aus allen Geleisen schleuderte. Ein keckes Verwerfen allgemeiner Gesetze – ein frivoler Uebermuth, womit Jener hier und da Menschen und Dinge behandelte, und für welchen Nichts zu existiren schien, was ihm ein „Halt!“ zurief – der von feinen Formen verhüllte, darum aber doch dem tiefer blickenden Auge nicht unsichtbare starke Glaube an das eigene Uebergewicht – waren Züge, die Triefels fast geflissentlich gerade in Eckhardt’s Gegenwart aufblitzen ließ und die zu sagen schienen: „ich schätze Dich doch nicht genug, um Deinethalben zu unterdrücken, was mir eben durch den Kopf fährt.“

Heute steigerte sich der innere Widerspruch, der Rudolph seit einigen Tagen bald an diese Erscheinung fesselte, bald von ihr abstieß, fast zum Haß. – Würde – konnte Eugenie dem Zauber des Verwegenen anheimfallen, im Laufe weniger Stunden?! – Alles ist denkbar, Alles war darum auch möglich! Und er selbst sollte ein müßiger Zuschauer bleiben, während mit ihrem Glück, ihrem Frieden gespielt wurde wie mit einem Würfelbecher?

Sie warnen! Der Gedanke war schon wiederholt aufgestiegen, jetzt stand er gleichsam greifbar vor ihm. Eugenie war immer gütig gegen ihn gewesen, er hatte das Bewußtsein, ihr sympathisch näher zu stehen als mancher Andere, und durfte ein freundschaftliches Wort wohl wagen. Und doch klang in ihm ein leisestarker Ton, der abmahnte! Zu sehr war er sich der heiligen Unbeholfenheit bewußt, welche tiefstes Gefühl leicht begleitet, um ein Wort finden zu können, durch welches solche Warnung nicht der Achtung zu nahe treten würde, welche hohe Weiblichkeit als Schutz vor jeder Unbill von selbst umgiebt.

Die Thurmuhr schlug acht; Eckhardt erhob sich. Sein Blick schweifte noch einmal zum Theaterplatze hinüber. Vor dem Eckhause zur Rechten schimmerten zwei Lichtpunkte, die sich eben in Bewegung setzten, und eine Minute später rollte ein geschlossener Wagen dicht am Staket des Bowling-Green vorüber. Eckhardt unterschied im Schein des nahestehenden Candelabers hinter dem Wagenfenster die Gestalt einer wohlbeleibten, reichfrisirten Dame, welche allein den Sitz einnahm. Er folgte dem Wagen mit den Augen, bis er ihn zur Linken des Curhauses dem Parke zurollen sah, und murmelte vor sich hin: „Wirklich, sie fährt nach der Villa.“ Dann ging er festen Schrittes dem Curhause zu.

[547]
Gewonnen?


Das federngeschmückte Haupt der stattlichen Vergnügungspräsidentin strahlte heute von ungewöhnlicher Befriedigung, während sie mit ihren beiden Schutzbefohlenen den Saal durchschritt, um den stets für sie reservirten, bevorzugten Platz auf dem erhöhten Purpurdivan einzunehmen. Lautes und leises Flüstern hatte sie bewundernd auf dem kurzen Wege begleitet und ihre schon im Toilettenzimmer gemachte Wahrnehmung bestätigt, daß ihre „Balltöchter“ verdienten, die allgemeine Aufmerksamkeit heute auf sich zu lenken. Während sie sich majestätisch niederließ, sah sie Beide schon von Tänzern umringt, und es befriedigte sie ungemein, nicht nur Eugenie Wallmoden, sondern auch die ihrem mütterlichen Schutz anvertraute Fremde so rasch umworben zu sehen.

Allerdings war auch Gerta von Röder eine Erscheinung, die wohl nirgend unbeachtet bleiben mochte. Beim Anblick ihrer Figur wurde man unwillkürlich an jene in der Antike öfter vorkommenden Venusgestalten unter Lebensgröße erinnert – das lieblichste Ebenmaß ließ vergessen, daß sie mehr einem zierlichen Cabinetsstücke glich, als einem richtigen, mit gewöhnlichen Organen ausgestatteten Menschenkinde, und das Gesichtchen, frisch wie Thau, blickte so schelmisch befriedigt der Gegenwart in’s Auge, als wäre jede Stunde eine schimmernde Regenbogenbrücke, die sich leicht schwebend überschreiten läßt. Jene köstliche Naivetät, die sechzehnjährige Mädchen zuweilen umwebt, wie der Flaum eine frische Frucht, quoll aus jedem ihrer Worte und schaute als helle Wahrheit aus den treuherzig frohen Augen. Wer diesem Kindesblick begegnete, empfand: ihr war noch keine Ahnung davon aufgegangen, daß auf der Welt nicht Alles Freude und Liebe sei. In den zartblauen Gazewellen ihres leichtgebauschten Kleides glich sie mit der raschen, flatternden Beweglichkeit, die ihr eigen, einer Tochter der Luft. Aber der dichte Vergißmeinnichtkranz in den braunen Flechten und das blitzende Blauauge sprachen von der frohen Schönheit der Erde. Trotz aller Lebendigkeit war die kleine Libelle doch sichtlich darauf bedacht, immer dicht in der Nähe ihrer Gefährtin zu bleiben, zu welcher sie im Gedränge all der Vorstellungen und Engagements häufig hinüber oder vielmehr aufschaute, denn ihr Scheitel reichte höchstens bis zum Nacken der edelschönen Mädchengestalt neben ihr.

Seit Eugenie Wallmoden den Saal betreten, haftete manches Auge bewundernd auf der selten auftretenden, stets aber als Krone der Gesellschaft anerkannten Erscheinung. Sie trug ein wallendes Kleid vom zartesten, mit unzähligen durchsichtigen Perlen übersäeten Gewebe, das weiß und weich glitzerte, wie eine frischgefallene Schneeflocke. Ein leichtes Gewinde von Heckenrosen zeichnete von der linken Schulter bis zum Knie die anmuthigste Linie, und gleiche bethaute Rosen hielten die duftige Draperie des Halsausschnittes und die Pracht der blonden Locken als Agraffen. Eben beschäftigt, den Namen eines Tänzers, dem sie zugesagt, in ihre Ballkarte zu zeichnen, zuckte plötzlich ihre Hand, ein zartes Roth stieg bis zu den Brauen empor und wurde tiefer, als sie mit unwillkürlicher Bewegung den Kopf nach Gerta umwandte, die, hinter ihr stehend, einige Worte mit einem hochgewachsenen Officier tauschte und ihr fast im gleichen Augenblicke halbverlegen sagte: „Dieser Herr wünscht Dir vorgestellt zu sein, Eugenie, aber –“

„Nun, mein Fräulein?“

„Ei, wie kann man vorstellen, wenn man den Namen selbst nicht weiß!“ platzte die Kleine halb schmollend heraus. „Herr von Wellenberg hat ihn gewiß mit Fleiß so undeutlich ausgesprochen und sich fortgemacht, nur um mich dann stecken zu lassen. Also Eugenie, nimm vorlieb, wenn ich Dir präsentire den Herrn Rittmeister, den Herrn Baron von – Unbenannt!“ Schon war das lächelnde Kind wieder neu in Anspruch genommen, und der so eigenthümlich Vorgestellte stand einen Moment schweigend vor Eugenie, den Blick auf ihre fein gezeichneten Züge geheftet. Der seltsame Ausdruck, mit welchem sein Auge sie gleichsam umspann, hätte ihr auffallen müssen, wäre das ihrige nicht gesenkt geblieben, bis er mit dem leisen, sonoren Klang, der ihr Ohr bereits einmal getroffen, sagte: „Mein Name ist Triefels.“

Nun sah sie sinnend auf. „Seltsam,“ erwiderte sie mit halbem Lächeln, „Ihr Name klingt mir bekannt, und doch weiß ich mich keines Portraits zu solcher Unterschrift zu erinnern!“

„Vielleicht eines landschaftlichen? Kennen Sie die Pfalz, gnädiges Fräulein?“

Noch während er sprach, wölbten sich die feinen Lippen zustimmend: „Nun bin ich daheim, nun weiß ich, was mich aus dem Namen grüßte und weshalb ich dabei an eine Gestalt dachte, statt an die sagenreiche, schöne Stätte – es war der Schatten von Richard Löwenherz, der aufstieg!“

„Vor Alters hausten dort die Meinen,“ sagte Triefels, indem er mit bittender Bewegung die Tanzkarte aus Eugeniens Fingern nahm und sich nach raschem Ueberblick einzeichnete. Weder in dem Worte, noch in der Beschäftigung lag eine Erklärung für das leise, fast nervöse Erzittern, von welchem Eugenie sich ergriffen [548] fühlte, für das neue, heiße Erglühen ihrer Wange und Schläfe. Wie ein Blitz hatte es sie bei ihren eigenen Worten durchzuckt, denn die ritterlichste Gestalt in Geschichte und Sage, deren Schatten sie erinnerungsträumerisch herbeibeschworen, schien ihr verkörpert gegenüber zu stehen. Ein nie gekanntes Gefühl ergriff sie – die Scheu davor, ihre Gedanken errathen zu sehen, und vergebens suchte das weltvertraute, stets der Beherrschung sichere Mädchen heute nach einem Uebergang zu Ballgesprächen; sie fand doch nur die Frage: „So war das poesievolle Triefels Ihr Stammhaus?“

Die Antwort wurde dem Cavalier abgeschnitten, denn das Orchester hatte schon die „Träume auf dem Ocean“ angestimmt, und Eugeniens Tänzer stand vor ihr, sie zum ersten Walzer abzuholen. Während Triefels sich zurückzog, sagte er halblaut: „Ich hoffe auf Ihre Genehmigung, Ihnen später historischen Vortrag halten zu dürfen?“ Der Ton klang so leicht, daß Eugenie lächelnd umblickte, doch erstarb die Entgegnung vor dem magnetischen Blicke, der sie traf, auf ihrer Lippe.

Die Stunde des Souper’s war herangekommen, und die Vergnügungspräsidentin thronte als Vorsitzende an einem runden Tische, dessen Plätze für Alle, die sich ihr während der großen Pause anzuschließen gewünscht, keineswegs ausreichten. Seit langer Zeit war der guten Dame die trotz Verheirathung der eigenen Töchter nie aufgegebene Stellung einer vielgesuchten Ballmutter nicht mehr so wohlthuend zum Bewußtsein gekommen. Ehren aller Art flossen ihr heute zu. An ihrer Rechten saß ein durch Rang und Ruf hervorragender Mann aus der nächsten Umgebung des Königs, welch Letzterer zwar nicht selbst in der Gesellschaft erschienen, jedoch durch die Mehrzahl seines Gefolges vertreten war; zum Nachbar ihrer Linken hatte ihr eigener gnädiger Wink Rittmeister Triefels bestimmt – weniger, um die ihr anvertraute junge Dame, welche er zu Tische geführt, unter ihren Flügeln zu behalten, als hauptsächlich, weil sie von diesem Muster eines Cavaliers, der sich wiederholt im Laufe des Abends ihrer Unterhaltung gewidmet, ganz bezaubert war. Dennoch überließ sie ihn jetzt seiner Partnerin, um sich selbst ganz dem hochgestellten Gaste zur Rechten zu widmen, was sie jedoch nicht abhielt, den geübten Blick über den buntbesetzten Tisch hinweg zu ihrem zweiten Küchlein fliegen zu lassen, dem sie wiederholt, wenn auch erfolglos, mit den beweglichen Augenbrauen telegraphirte.

Es war nicht zu leugnen, Gerta plauderte lebhaft, zu lebhaft! – und wenn Bruno Wellenberg schon am Tage vorher geschworen, daß in ganz Europa kein reizenderer Backfisch zu finden sei als diese kleine Kölnerin, so war er heute, während er bei Tafel an ihrer Seite saß, sicherlich nicht in der Stimmung, dies Wort zurückzunehmen. Eben jetzt hörte sie ihrem Nachbar mit solchem Eifer zu, daß Alles an ihr funkelte, und antwortete dann noch eifriger: „Natürlich war ich dort und habe Alles gesehen – o, es war wie in einem Märchen! Denken Sie nur, sogar Onkel Wallmoden ist mitgegangen, er wollte uns nicht mit Stettens allein lassen, weil es lauter Damen waren. Aber wirklich, wir hätten ihn gar nicht gebraucht! Wir fanden eine Bank und stellten uns darauf; da sah man über alle Köpfe weg, die sich so drollig regten! Eugenie hatte lange keinen so guten Platz; sie wollte durchaus unten beim Onkel bleiben und hat sich dabei sicher feuchte Füße geholt, denn sie kam ganz blaß und schweigsam nach Hause. Ach, wie schön ist meine Cousine, nicht wahr? und dabei so klug, so gut – nur – nur –“

„Nun?“ ermuthigte Wellenberg.

„Ein bischen zu ernsthaft!“ flüsterte die Kleine mit schalkhaftem Aufblick! „Ich begreife gar nicht, wie man so ernsthaft sein kann! Wissen Sie, ich glaube, der Onkel hat an ihr abgefärbt, denn Der kann erst einmal feierlich d’reinsehen – hu!“

Wellenberg warf einen raschen Blick hinüber. „Nun, heute wenigstens sieht Fräulein Wallmoden nicht feierlich aus, “ scherzte er; „die Lebhaftigkeit ihrer Unterhaltung läßt nichts zu wünschen übrig, und daß sie trotz des sündhaften Ernstes, den Sie ihr vorwerfen, sehr sonnig zu lächeln versteht, können Sie ist diesem Moment beobachten. Uebrigens haben Sie Recht, Fräulein Gerta, Ihre Cousine ist in der That eine Schönheit; so strahlend wie heute sah ich sie noch nie!“

„Sagen Sie einmal, Herr von Wellenberg – –“

„Ja, wenn Sie mitten im Satze stumm werden, kann ich gar nichts sagen!“

„Hat Eugenie diesen Triefels wirklich erst heute Abend kennen gelernt?“

„Weshalb fragen Sie?“ erwiderte Wellenberg lebhaft.

„Ja – das möchte ich lieber nicht sagen!“

„Mir aber doch?“ lächelte er. „Vergessen Sie denn schon wieder, daß wir Nachbarskinder sind, Fräulein Gerta? Als Sie noch klein waren“ – sein Blick streifte das Kinderhändchen, welches auf dem Tische ruhte – „als Sie noch ganz klein waren, habe ich Sie ja alle Tage geschaukelt und auf den Knieen reiten lassen – solch einem uralten Freunde kann man doch Alles sagen!“

„Das ist wahr,“ nickte sie heiter, „aber es bleibt hübsch unter uns – ja? Nun, sehen Sie, ich frug deshalb: als ich heute Ihren Freund Eugenien vorstellte, nachdem Sie ihn zu mir geführt, merkte ich gleich, daß sie ihn so eigen ansah, als besänne sie sich auf etwas, und es kam mir vor, als wäre sie erschrocken. Deshalb meine ich, die Beiden müßten einander schon früher begegnet sein.“

„Immerhin möglich,“ sagte Wellenberg. „Vielleicht war Fräulein Wallmoden einmal in Berlin?“

„Nein,“ schüttelte Gerta das Köpfchen; „das weiß ich gewiß! Tante Wallmoden war ja vier Jahre lang krank, damals ist Eugenie nicht von ihr gewichen, dann kam die Trauer, und, außer einem Besuche bei uns, ist sie nie von Wiesbaden fortgewesen.“

„In diesem Falle ist allerdings kaum ein früheres Zusammentreffen denkbar, denn Triefels hat immer in Norddeutschland gelebt, so viel ich weiß; noch gestern äußerte er, daß er jetzt zum ersten Mal den Rhein besucht.“

„Dann ist es aber doch wirklich sonderbar,“ sagte die Kleine mit gehobenen Brauen, „daß solch ein fremder Herr den ganzen Abend nicht von Eugeniens Seite weicht, und sie ihm fortwährend Audienz giebt!“

„Dabei kann ich nichts Sonderliches entdecken, mein Fräulein! Triefels hatte ja auch das Vergnügen, einmal mit Ihnen zu tanzen, da kann es Ihnen sicher nicht entgangen sein, daß er zu unterhalten weiß?“

Sie bewegte leicht die kleinen, weichen Schultern, und sah mit schelmischen Augen auf. „Mit mir hat er sich unterhalten wie mit –“

„Heraus, heraus mit der Sprache, Madonnina!“

„Wie mit einem Schooßhündchen!“ brach der Kinderzorn feurig hervor. „Ich weiß gar nicht, was dieser Herr sich denkt! Fragt mich nach meinem Canarienvogel in Köln – hier, in Wiesbaden auf dem Balle! Und wie lange ich in der ersten Classe sitzen würde, und wie meine Lieblingspuppe getauft ist! Er hat aber einen andern Begriff bekommen! O, ich kann auch feierliche Gesichter aufsetzen, wenn es darauf ankommt!“

Wellenberg betrachtete die würdige Haltung, zu welcher seine Nachbarin das feine Hälschen streckte, mit innerlichem Vergnügen, während er mit unverwüstlichem Ernst erwiderte: „Mein Freund hat ohne Zweifel die Lection begriffen.“

„Das versteht sich,“ versicherte sie arglos; „o, er fing gleich an, von Politik mit mir zu sprechen, ich glaube wenigstens, es war Politik, denn er erkundigte sich bei mir, wie man in Nassau über Preußen dächte, und ob Onkel Wallmoden wirklich so böse darüber wäre, daß Ihr den Herzog fortgeschickt habt. Da haben wir uns noch eine Weile ganz vernünftig unterhalten, es dauerte nur nicht lange, dann war der Tanz zu Ende. Ihr Freund kann aber meinethalben so unterhaltend und interessant sein, wie er will, ich begreife Eugenie doch nicht. Vorigen Winter, als sie einige Wochen bei uns zu Gaste war und so sehr gefallen hat, durfte keiner der Herren sie der Art in Beschlag nehmen.“

„Im vorigen Winter, Fräulein Gerta, haben Sie da schon Ballbetrachtungen angestellt? Ich meine, damals saßen wir wirklich noch in der ersten Classe?“

Gerta wurde purpurroth und warf einen unsicheren Blick auf ihren Nachbar; als seine frohen Augen sie aber trafen, lachte sie frisch auf – das klang wie der Ton einer rieselnden Quelle. Ehe sie noch Zeit zur Antwort gefunden, ertönte das Signal zum Cotillon. Wellenberg kam der Bewegung zuvor, mit der sie eilfertig nach ihren im Weinglase aufbewahrten Handschuhen griff, und glättete das feine Leder, indem er es wie eine Curiosität betrachtete. „Nummer vierundeinhalb?“ scherzte er, als die winzigen [549] Finger eben hineinschlüpfen wollten. Ein Schlag auf die seinen, mit demselben Kinderhandschuh gegeben, entsetzte die gleichfalls aufstehende Präsidentin. Ehe dieser verantwortliche Schutzgeist aber noch seine stattliche Fülle um den Tisch bewegt hatte, um vor weiteren Excessen zu warnen, war bereits das Pärchen in den Ballsaal verschwunden.

Tour folgte auf Tour. Von den Divans aus, an den Wänden entlang, sehnten sich die Mütter hoffend und harrend dem letzten Geigenstrich entgegen, der ihnen gestatten würde, dem lange unterdrückten Gähnen volle menschliche Berechtigung zu gönnen. Die Väter waren längst in den Nebenräumen seßhaft geworden. Und doch war das Bild, welches sich den Zuschauern während dieser letzten Feststunde bot, ebenso hübsch, als gestaltenreich! Der herrliche Saal, eines Landes classischer Vorzeit würdig, kam unter den Strahlen von sieben glänzenden Kronleuchtern zur vollen Geltung. Fremdartig schön schimmerten all die Bildwerke von carrarischem Marmor aus ihren Purpurnischen hervor – in ihrer ewigen Ruhe eine seltsame Folie für den in beständig wechselnden Tanzfiguren hin- und wiederwogenden bunten Kreis, der sich unterhalb der schwarzgrauen Marmorsäulen zum Ring geschlossen. Und doch – wer weiß! vielleicht fühlte sich manche dieser modernen, geschmückten lächelnden Gestalten im Innern ebenso leblos wie jene Marmorbilder! Jedenfalls war der Ausdruck im Gesicht Rudolph Eckhardt’s nicht weniger steinern als sie.

Den Rücken gegen eine der Säulen gelehnt, deren Reihen die Länge des Saales durchtheilen, starrte der junge Mann in das wogende Gewühl des Cotillons. Es ist eine seltsame Empfindung, mit einer Angst im Herzen solchem geselligen Treiben zuzuschauen! Das Regen all dieser Gestalten kömmt Einem da so gespensterhaft, so unnatürlich vor – ihr Frohsinn wie gemachte Lüge – ihr Reigen ein Todtentanz. – Nur ein Paar war unter diesen Schemen für Eckhardt lebendig – sehr lebendig! – Eugenie und ihr Partner.

Mit gewandtem, geübtem Blick hatte Triefels den Platz für seine Tänzerin so zu wählen gewußt, daß eine Säule sie von dem nächsten Paare isolirte – die Nachbarsäule jener, an welche Eckhardt sich stützte. Da Eugenie heute, wie immer, jede Extratour ablehnte, gehörte sie ihrem Tänzer ganz, ja ganz! Eckhardt sah Das, fühlte Das – nie hatte er in ihrem Auge dies Leuchten, nie um ihren Mund dies Lächeln geschaut! Und jetzt – hörte er es sogar! Seine überreizten Nerven sogen die gedämpften Töne, welche wenige Schritte vor ihm gewechselt wurden, ein, als wären sie Wohllaut statt Vernichtung; seinen Platz zu verlassen, kam ihm nicht einmal in den Sinn.

Eifersucht! dämonische, elementare Macht, wie die Liebe selbst – ein tiefgründigeres Räthsel der Menschenbrust vielleicht, als jene! Wer hätte je den geheimnißvollen Instinct erklärt, der sich unter hundert Gefahren an die eine klammert und an sie glauben lehrt? Ueberall trägt Bewunderung ein Bedürfniß nach Sympathie, nach getheilter Anschauung in sich, heischt sie sogar gebieterisch für das geliebte Wesen und doch steht plötzlich, einem Einzigen gegenüber, diese gleiche Bewunderung als Raub, als Bestehlung der eigenen Empfindung vor der Seele und regt alle Dämonen auf, die unerkannt im tiefsten Grunde geschlummert.

Oft hatte Rudolph sich gesagt, daß der Tag kommen müsse, wo Eugenie einem Andern gehören würde – und doch brannte jetzt der Schnitt in’s Herz, als sei er nie vorhergesehen. Er konnte verzichten, ja, er vermochte sie sich an der Seite, in den Armen eines Andern zu denken – nur nicht in Dieses – nicht in Dieses Armen!

„Wo sehe ich Sie wieder?“ fragte Triefels mit jenem gedämpften Laut, der harte Stimmen rundet, melodische aber vibriren läßt. „Morgen? Könnte es doch bei der Fontaine sein, an der Stelle, wo ich Sie zum ersten Male sah – auftauchend, verschwindend, wie ein Traum der Nacht. Da schien es mir, als grüßte Undine – Thorheit! ich sah dort eben nur Ihre Locken, nicht Ihre Augen. Und doch bleibt Ihnen Verwandtes mit der süßen Wassernixe, die – eine Seele fordert! Undine, ich biete die meine! – Wo sehe ich Sie wieder?“

Eugenie sah auf, ihre Hand zuckte. „Nirgend,“ sagte sie leise.

Triefels blickte sie mit den bezwingenden Augen voll an:

„Soll das mein Urtheil sein?“

„Es ist unmöglich – unmöglich – mein Vater –“

Eine Flamme lohte in seinem Blick auf: „Dank für dies Wort – es ist ein Wort der Hoffnung! Ich weiß, Ihr Vater haßt uns Preußen, ich weiß, Sie lieben Ihren Vater! Eugenie – wollen Sie mich deshalb nicht wiedersehen?“

Des schönen Mädchens Schläfen erglühten in tiefer Röthe. Sie blieb stumm. Gerade die völlige Regungslosigkeit ihrer Haltung ließ den fliegenden Athem, das leise Zittern der gesenkten Wimpern um so sichtbarer erscheinen.

„Wohlan,“ sagte Triefels mit vibrirender Stimme; „dann gilt es nur Eines: wir sehen uns wieder im Hause Ihres Vaters.“

Ihre abwehrende Bewegung unterbrach ihn nicht, mit leise streifender Berührung machte er ihre erhobene Hand sinken. „Wenn ich sein Haus betrete, so kann es nur geschehen mit offenem Visir. Ich verstehe Sie – ja, Sie haben Recht! Dieser edlen Stirn muß die Berechtigung gewahrt bleiben, sich frei emporzuheben. Gehörte ich Ihnen nicht schon ganz, so würde der hohe Zug von Wahrheit allein mich an Sie fesseln. Gestatten Sie mir, morgen mit der Bitte um Ihre Hand vor Ihren Vater zu treten! Er kann weigern, aber nicht verwerfen – dies Recht steht nur Ihnen zu! Was äußerliche Verhältnisse betrifft, bin ich in der glücklichen Lage, allen Anforderungen entsprechen zu können, und Vorurtheile – lassen sich besiegen! Ich fürchte Nichts – als Sie! Eugenie, erscheine ich Ihnen allzu kühn? Zeit und Verhältnisse lassen sich nicht überall nach alltäglichem Maßstabe handhaben – ich fühle ganz, wie seltsam solch’ frühes Werben Ihnen erscheint, daß Sie vor so plötzlicher Entscheidung zurückbeben! Aber Sie sind ja keine der gedankenlosen Puppen, denen Ungewöhnliches unmöglich erscheint. Denken Sie groß! Bleiben Sie vor sich selbst wahr – wahr auch für mich! Spricht Ihr Herz heute nicht, so habe ich überhaupt Nichts zu hoffen! Jetzt oder nie – Eugenie, darf ich Sie morgen wiedersehen?“

Ein Moment tiefsten Schweigens – dann athmete sie: „Ja!“




Der muntere Kreis, welcher heute im Nassauer Hofe getafelt, hatte sich nach Schluß der Réunion, wie verabredet, im zweiten Restaurationszimmer zusammengefunden. Das Geplauder der jungen Männer wirbelte durcheinander wie Schneegestöber; ein wahres Ballspiel von Neckereien flog hinüber und herüber; die geschaute Damenwelt mußte eine gefährliche Revue passiren, und manche Schöne, die vielleicht jetzt ihrem Kopfkissen anvertraute, was ihr heute zugeflüstert worden, ließ sich nicht träumen, in welcher Weise dieselben Worte und ihre Aufnahme hier wiederholt und mit Randbemerkungen versehen wurden.

Die Tafelrunde war vollzählig, auch Eckhardt fehlte nicht, und nahm mehr, als ihm sonst eigen, Theil am Gespräch. Nur Der, dessen Erscheinen mit lebhaftester Spannung erwartet wurde, nur Triefels hatte sich noch nicht eingefunden. Jetzt trat auch er ein. In seinem Auge schwärmte ein seltsamer Glanz. Die elastisch hinschreitende Gestalt schien den edlen Kopf noch freier und stolzer zu tragen, als sonst. Ihm folgte ein Kellner mit gefülltem Champagnerkorbe. Leuchtend überflog der Blick des Ankömmlings den Kreis.

„Schön, Ihr Herren, daß Alle Wort gehalten! auch ich löse das meine, indem ich, wie Sie sehen, meine Wette verloren gebe. Auf’s Wohl Ihrer eigenen Herzensdamen also!“ Er löste den Pfropfen, dessen Knall vor dem Geschwirr allgemeiner Zurufe kaum gehört wurde.

„Wirklich abgefallen?“ – „Ei, während des Balles sah es danach ja gar nicht aus!“ – „Condolire, condolire!“ – „Na, der Kranz hing auch gar zu hoch!“ – „Trösten Sie sich mit Ihrem vom Satan geholten Doppelgänger; der bekam die Donna Anna auch nicht!“ – „Für diese Wallmoden muß einmal ein Feenprinz aus den Wolken fallen!“- „Sie sollte sich Einen vom Zuckerbäcker verfertigen lassen!“ – „Wie ging es denn aber zu? der stolze Schwan schien ja die Körnchen aus der Hand zu picken!“ – „So lassen wir uns nicht abspeisen – Détails, Détails!“

Triefels ging mit Schlagfertigkeit auf jeden Scherz ein, pikante Erwiderungen flogen nach allen Seiten, während er mit überlegener Gewandtheit jede Frage zu pariren verstand. Die Gefährten fanden ihn glänzender als je. Eine so eingestandene und getragene Niederlage hob ihn noch; Keinem fiel es ein, an [550] der Thatsache selbst zu zweifeln. Nur Einer wußte es besser! War auch Eugeniens leise hingehauchtes Ja nicht bis an sein Ohr gedrungen, so hatte er doch die Frage, welche es entschied, um so deutlicher verstanden – der Ausdruck ihrer Züge, ihres ganzen Wesens bis zum Moment ihres Verschwindens bedurfte für ihn keiner Bestätigung mehr. Es war geschehen!

Von dem Entschluß getragen, mit Blut und Leben für die Geliebte einzutreten, im Falle Triefels es wagen sollte, sie wirklich preiszugeben, war Eckhardt hier erschienen. Daß es nicht geschah, legte ihm Schweigen auf, und er hielt aus, bis der hereinbrechende Tagesschimmer die muntere Gesellschaft zum Aufbruche trieb. Während der Kreis sich auflöste, entschlüpfte er und wandte sich dem Parke zu; der bloße Gedanke an die Enge seiner vier Wände erstickte ihn. Endlich allein! aus dem Bereich all der Augen, der Stimmen, Nichts um sich, als den schweigenden Wald, Nichts über sich, als den vom aufglühenden Morgenroth gelichteten Himmel. Das Rauschen des Frühwindes, der grüßend durch die Blätter fuhr, das frische Plätschern des Rambaches zu seinen Füßen wirkte erquickend, und sein dumpfes Wehgefühl formte sich wieder zu Gedanken.

Was nun?! Der Würfel war gefallen, aber noch lag es vielleicht in seiner Hand, denselben nicht weiterrollen zu lassen. Aus Triefels’ Haltung während der letzten Stunden glaubte er zu erkennen, daß Dieser seinem Thun eine Folge zu geben dachte. Aber durfte Eugenie in solcher Weise gewonnen werden? Wer sich in tollem Uebermuthe nach dem glänzenden Etwas bückt, das ihm ein Zufall in den Weg geworfen, und nun sieht, daß es kein Kiesel ist, sondern ein Diamant, wird freilich den Fund behalten! – Nein, tausendmal nein! Solchen Frevel zulassen, hieße selbst zum Frevler werden. Es gab einen Weg! Ein Onkel Rudolph’s stand mit dem Staatsrathe auf vertrautem Fuße, durch ihn war er selbst bei Wallmodens eingeführt worden, und wo ihm das Zartgefühl verbot, eine so verletzende Mittheilung zu machen, konnte der alte Freund des Hauses ohne Scheu sprechen. Dies mußte geschehen, es war ein Gebot der Gerechtigkeit.

Und doch stieg bei diesem Gedanken eine Flamme zu Eckhardt’s Stirn auf; zum ersten Male erröthete er vor sich selbst! Mit unerbittlicher Deutlichkeit rief es in ihm: nicht Gerechtigkeit, nicht Ehrfurcht vor verletzter Frauenwürde treibt Dich vorwärts – es ist ein Anderes – Du willst sie schützen – wovor? Weißt Du denn, was Du ihr damit zerstörst? – fühlst Du denn auch, daß Du sie in Wahrheit lieber leiden, als mit Diesem glücklich sehen willst? –

Er verhüllte seine Augen vor dem Lichte des Tages. Zum ersten Male rang dies aufrichtige Herz mit dem Zwiespalt, der keinem Sterblichen erspart bleibt. An sich selbst irre werden, aus demselben Born, den man bisher als Quell alles Lebens empfunden, plötzlich wilde Strudel aufwirbeln zu sehen, hinabzusteigen aus der lichten Region reinen Willens in die ungeahnten Abgründe einer Selbstsucht, die uns in ihren Folgerungen schaudern macht – welche Qual!

Eckhardt ward ihrer Herr. Sein Denken war zu ernst geschult, um ihm nicht endlich das lichte Bild der Wahrheit siegend zu zeigen. Alle die eben noch so schneidend empfundenen Zweifel formten sich, wie die einzeln fallenden Tropfen zum Stein, zur Säule eines festen, berechtigten Willens. Was er zu thun gesonnen, war kein Irrlicht selbstischer Kleinlichkeit, dessen ward er sich klar bewußt! Eugenie stand ja Alledem gegenüber einsam und ohne Gewalt. Liebte sie wirklich, dann hieß es allerdings für sie, durch ein Stück Nacht zu gehen, aber es konnte sie dennoch dem Lichte entgegenführen. Er stand sogar dem Gedanken, daß sie sein Einschreiten erfahren würde, es verurtheilen könnte. Wohlan, auch Das durfte ihn nicht aufhalten! Es giebt im Leben Manches, wobei sich Gnade für uns nur von Gott und dem eigenen Gewissen erwarten läßt.

Nachdenkend wanderte er unter dem vollhereinbrechenden Tagesstrahl noch eine Stunde zwischen den Bäumen auf und nieder; sein Geist suchte gesammelt die Form für den beschlossenen Schritt. Dann schlug er langsam den Weg zurück nach der Stadt ein. Als die Thurmuhr sieben schlug, zitterte unter seiner Hand die Klingel am Hause des Regierungsrathes Gotter, seines Onkels.




Eugenie.


In einer der Villen, welche von leichtaufsteigender Anhöhe aus den Blick über Stadt und Park beherrschen, saßen zwei Männer in lebhaftem Gespräch, richtiger gesagt, bei eifriger Auseinandersetzung des Einen und gespanntem Zuhören des Andern. Beide Herren gehörten bereits jenem Stadium an, wo das Leben sich abwärts neigt. Dies machte unter ihnen jedoch die einzige Aehnlichkeit aus. Während die beweglichen Gesichtsmuskeln des stark gesticulirenden Sprechers sich jeden Moment veränderten, seine kleine Gestalt mit dem kurzen Oberkörper wie auf Springfedern zu ruhen schien und der Wald schlohweißer Haare sich zu tausend Silberlöckchen ringelte, erschien die hohe, straff aufgerichtete Figur seines Zuhörers völlig unbeweglich. Nur ein starkes Pulsiren der linken Schläfe und ein zunehmendes eigenthümliches Vertiefen der Furche, welche sich von der Stirn zur Nasenwurzel senkte, ließ ihn von einer Bildsäule unterscheiden. Es war ein frappanter Kopf, die von dunkelm, bereits spärlichem Haar nur an den Seiten eingerahmte Stirn steil aufsteigend und trotz der Magerkeit des Gesichts von keiner Querfalte durchzogen, während sich um Schläfen, Wangen und Mund tiefere Linien eingegraben hatten, als sonst einem Fünfziger eigen zu sein pflegen. Namentlich erschien der Mund alt, trotz des kräftig ausgearbeiteten Kinns; nicht eine Spur jener Anmuth, die Freundlichkeit auch noch späteren Jahren verleiht, lag um die schmalen, schwach gefärbten, fest eingezogenen Lippen, welche der sorgfältig rasirte Bart unverhüllt ließ. Aus dem strengen, ja harten Gesicht leuchteten mächtige Augen, die dem steinernen Bilde ein fast unheimliches Leben verliehen, besonders wenn sie, wie jetzt, mehr in sich hinein, als aus sich heraus zu blicken schienen. Er unterbrach die im erregtesten Ton hervorgesprudelten Mittheilungen seines Gegenüber mit keiner Silbe. Erst als dieser innehielt, erhob er sich und schritt mit gemessener, leidenschaftsloser Miene ein- oder zweimal durch das Zimmer, um endlich zu dem kleinen Manne zurückzukehren, dessen rastlose Augen ihn auf Schritt und Tritt verfolgten.

„Dank, alter Freund,“ sagte er mit mehr Wärme, als man diesen Zügen zugetraut haben würde, während er die lange, muskulöse Hand auf die Schulter des Sitzenden legte; „ich weiß genug. Bitte, lassen Sie mich jetzt allein! Möglich, daß man diesen Morgen mit der Zeit haushalten muß. Mein anfänglich gegebenes Wort sei wiederholt, und nun Lebewohl für heute!“

„Aber Wallmoden!“ rief der Andere, „Sie werden mich doch nicht heimschicken, ohne daß ich erfahre, was nun wird! Denn das bitte ich mir aus, das Kind muß aus dem Spiele bleiben, Eugenie darf kein Wort erfahren! Waschen Sie dem gottverlassenen Burschen gründlich den Kopf und schicken Sie ihn in’s Pfefferland! Aber mein Pathenkind soll mir von der sauberen Windbeutelei nicht berührt werden – Hand darauf!“

Der Staatsrath schlug nicht ein. „Das überlassen Sie mir, Gotter!“ – Der Ausdruck, womit der kleine Mann aufsah, war so bestürzt, daß etwas wie ein Lächeln über Wallmoden’s Züge huschte. „Besuchen Sie Eugenie heute Abend! Sie werden sich überzeugen, daß ihr nichts mehr zugemuthet wird, als dem sie gewachsen ist. Keine überflüssigen Worte, bitte sehr,“ unterbrach er den neuen Protest, der eben über die Lippen stürzen wollte, mit leichtem Stirnrunzeln; „es fehlt dazu, wie gesagt, an Zeit. Also –“

„Gehe schon, gehe schon,“ polterte Gotter aufgebracht; „hätte mir’s denken können! Geschieht mir ganz recht, warum bin ich nicht meiner ersten Eingebung gefolgt und habe Ihnen gar nichts gesagt, sondern es lieber dem Kinde selbst glimpflich beigebracht! Ja, davon wollte Keiner etwas wissen, der Junge nicht, und ich selber nicht! Sie sollte aus der ganzen elenden Geschichte fortbleiben; es giebt ja Gründe genug, ihr zu erklären, warum man dem Nichtsnutz heimleuchtet. Und jetzt erfährt sie doch, wie mit ihr umgesprungen worden, und weiß Gott, wie sie es erfährt! Wallmoden, Sie sind wie von Oger, dem bösen Geist, besessen. Sie wissen mit solch einem zarten Herzchen nicht besser umzugehen, als der Mann im Walde, der die kleinen Kinder frißt! Sie werden mir mein Herzblatt so scheu machen, daß sie von nun an allen Leuten aus dem Wege schleicht! Himmel und Erde!“ Er rannte wie ein Wiesel an’s andere Ende des Zimmers, ergriff seinen Hut, fuhr damit in wirbelndem Kreise durch die Luft und schoß endlich mit bösem Blick, pustend und schnaubend gleich einer Locomotive, zur Thür hinaus.

[571] Der Staatsrath sah seinem Freunde Gotter nach, ohne während des ganzen Ausbruchs ein Wort zu verlieren. Als der Gast verschwunden war, stand er einen Augenblick in Gedanken und klingelte dann.

„Fragen Sie Rose, ob meine Tochter auf ist; in diesem Falle lasse ich sie bitten, bald herunterzukommen.“

Der Bediente verschwand. Ueber des Hausherrn strenges Gesicht zog plötzlich ein ihm sonst fremder Ausdruck von Weichheit; er ließ sich abgespannt in den Lehnstuhl sinken, der an den noch unberührten Frühstückstisch gerückt war, und stützte den Kopf in tiefem Sinnen auf die Hand.

Wenige Minuten später öffnete sich die Thür und Eugenie trat ein. Der Morgenanzug von weißem Piqué ließ die leichte Blässe des reizenden Gesichtes noch mehr hervortreten; ihr wolliges Haar, das nur geringer Nachhülfe bedurfte, um sich in die schweren Locken zu ringeln, welche so oft Aufmerksamkeit erregten, ruhte lose im Filetnetze. Als sie ihrem Vater mit freundlicher Begrüßung die Hand bot und seinem prüfenden Blicke begegnete, erröthete sie und machte sich mit dem Frühstücksgeräth zu schaffen.

„Du hast auf mich gewartet?“ äußerte sie, beschäftigt, die noch unberührte Tasse ihres Vaters zu füllen. „Das ist ja wider alle Abrede! Hätte ich das geahnt, so wäre ich früher heruntergekommen. Die Langschläferin glaubte Dich bereits in Deinem Arbeitszimmer. Du fühlst Dich doch wohl, lieber Vater?“ Ihr Auge ruhte mit sorgender Innigkeit auf den ernsten Zügen – war es nur die eigene Beklemmung, welche ihr dieselben heute so verdüstert erscheinen ließ?

Seine leicht abwehrende Geberde schien der aufgetauchten Sorge zu widerstehen, mehr noch der gelassene Ton, womit er frug: „Habt Ihr Euch gestern gut unterhalten? Erzähle mir!“

Wieder jagte eine Flamme über Wangen und Schläfen hin. „Gerta war glückselig, alles Ballfieber, welches uns vorher an ihr belustigt, schon nach den ersten Minuten verflogen; ich glaube, jedes Härchen in ihren Augenbrauen weiß von Vergnügen zu sagen. Sie schläft noch tief.“

„Und Du?“ – In der Frage vibrirte jetzt ein Klang, der des Mädchens Herz bis zur Athemlosigkeit klopfen machte. Die Tasse klirrte in ihrer Hand. Sie lehnte sich stumm in ihren Sessel zurück, die schlanken Finger falteten sich auf dem Schooße ineinander. Nach einer Pause athmete sie tief auf und sagte erblassend, aber mit klarer Stimme:

„Mir, mein Vater, ist dieser Ball zur Wende des Lebens geworden. Vater, lieber Vater! ich habe mir gestern ein Herz gewonnen und – das meinige vergeben!“

Der Staatsrath machte eine so ungestüme Bewegung, daß die Rollen seines Lehnstuhls ihn einige Schritte von seiner Tochter entfernten.

„Du, Eugenie – Du? Kann ich Dich verstanden haben? Dein Herz vergeben im Laufe einer Ballnacht?! Oder war dies etwa nur die Schlußscene eines Romans, den Du schon früher ohne mein Wissen abgespielt?“

Die tiefen Mädchenaugen blickten fest in die flammend leuchtenden, deren Abbild sie waren.

„Ich habe Dir nie verhehlt, was mein Leben ausmacht, das weißt Du, Vater – ich thue es auch heute nicht, obgleich ich fühle, wie unbegreiflich ich Dir erscheinen muß – verstehe ich mich doch selbst nicht! Hast Du je geliebt, mein Vater? Du hast – ich lese Antwort in Deinem Auge – Du hast! Dann sage mir, erfaßt es Jeden so ungeahnt, so unwiderstehlich? Ich weiß es nicht – weiß nur, was mir geschehen! Erinnerst Du Dich an vorgestern Abend, an die Stimme beim Weiher, die von Treue sprach? Dieselbe Stimme hat mich gestern mit dem ersten Tone, den sie an mich gerichtet, in ihre Welt gezogen, ist bis in den Grund der meinigen getaucht! Diese Stimme führte mich in seltsamen Gesprächen – keine Ballgespräche, Vater – an Allem vorüber, was es zwischen Himmel und Erde giebt, und zwang mich mit unwiderstehlich magnetischer Gewalt zur Antwort – daß ich mein Denken und Fühlen an sie hingab, wie Keinem gegenüber je geschehen, selbst Dir nicht! Ich habe darüber gesonnen die ganze Nacht – es wich nicht – auch heute im Scheine des Tages pocht der eine Ton erweckend an jeden Gedanken – ihn wieder, ihn immer zu hören, erscheint mir unentbehrlich wie Licht und Luft – keine Zukunft denkbar ohne diesen Klang, dem Alles antwortet, was in mir lebt!“

Jedes Wort war fliegend hingeathmet worden, während sie seine beiden Hände ergriffen und gehalten, während der Blick in’s Weite schwärmte. Jetzt sah sie den Vater an. Der tief schmerzliche Zug um seine festgeschlossenen Lippen erschreckte sie, trieb sie aber auch vorwärts. Sie ließ seine Hände los, preßte die ihrigen gegen die Brust und sagte mit gesenkten Wimpern ganz langsam:

„Er ist preußischer Officier, Vater, sein Name Triefels, Baron Triefels. Er hat meine Erlaubniß erbeten, bei Dir um meine Hand zu werben – heute!“

„Und Du gabst ihm diese Erlaubniß?“

„Ja, Vater.“

Der Staatsrath erhob sich und trat, ohne seine Tochter anzusehen, zum Fenster, wo er, die Stirn gegen die Scheiben gedrückt, unbeweglich stehen blieb. Eugenie folgte ihm mit den Blicken, ihr Herz drohte still zu stehen; sie zögerte einen Moment, flog dann durch das Zimmer und warf beide Hände um die theure Gestalt.

„Du zürnst!“ rief sie klagend. „O Gott, ich fühle Dein Recht dazu, aber ich konnte – ich kann nicht anders!“

Wallmoden wandte den Kopf, und Eugenie schrak zusammen; was sie nie geschaut, selbst nicht am Sterbebette ihrer Mutter, das sah sie heute – an der Wimper des Vaters hing ein schwerer Tropfen. Wortlos verhüllte sie ihr zuckendes Gesicht und wich zurück.

Er folgte ihr und zog sie neben sich auf ein Sopha nieder. „Nein, Eugenie,“ sagte er mit ungewohnter Weichheit, „ich zürne nicht. Der Kummer, den Deine Worte mir bereitet, gilt Dir – nicht mir selbst! Längst weiß ich, wie unerbittlich das Leben ist; wenn es jetzt das Herz meines einzigen Kindes dorthin gewendet, wo mein Haß steht, so ist das nicht mehr als irgend eine andere seiner Consequenzen. Man sollte auf Alles gefaßt sein – und doch, auf Das, was der heutige Tag gebracht, war ich es nicht. Du glaubst nur meine Antipathie zu verletzen, vielleicht mein eifersüchtiges Vatergefühl zu kränken – armes Kind, Du bist es, Du selbst, die den bittern Trank leeren muß – bis zur Hefe. Daß Du vor Allem der Wahrheit bedarfst – überall – in jeder Lage, weiß ich nicht erst von heute. Sie soll Dir werden – die Menschen, welche einander schonen, lieben sich nicht. Ich kenne Deine Kraft, Eugenie, fasse sie zusammen! Dieser Mann, dem Du bereit bist, Dein Schicksal anzuvertrauen, hat ein unwürdiges Spiel mit Dir getrieben – laß mich aussprechen, Kind! Ich phantasire nicht, wir stehen nackter Thatsache gegenüber. Im Uebermuthe halbtrunkener Tafelrunde hat er sich vermessen, seine Unwiderstehlichkeit für Weiber durch ein Beispiel zu bethätigen; unter einer Schaar junger Leute wurden Loose geworfen, Dein Name gezogen, unser Name, Eugenie! So bist Du gewonnen worden – denkst Du noch daran, Dich auch so zu verschenken?“

Das junge Mädchen erschien wie von unsichtbaren Kräften in die Höhe gezogen. Sie stand gleich einer Säule; kein Laut kam über ihre Lippen. Nur ein starres Kopfschütteln zeigte, daß noch Leben in ihr war. Endlich brach das Wort hervor: „Durch wen erfuhrst Du –“

„Verlangst Du es, so bin ich berechtigt worden, Dir die Quelle zu nennen. Laß Dir vorerst genügen, wenn ich Dir mit meinem Ehrenworte bestätige, daß sie zuverlässig ist und nicht den Schatten eines Zweifels übrig läßt. Die Mittheilung stammt von einem Zeugen. Jetzt frage ich Dich, – glaubst Du, daß dieser – Bube es bis zum Aeußersten treiben, daß er wagen wird, heute wirklich in mein Haus zu dringen und die Hand meiner Tochter von mir zu fordern?“

Die mächtigen Augen des jungen Mädchens schienen tief in sich hineinzublicken, ihr Körper erzitterte, wie der Zweig zittert, [572] von dem plötzlich ein Vogel aufgeflogen. Mit dieser Bewegung der Lippen, die ebenso farblos waren wie ihre Wangen, erwiderte sie: „Ich glaube es,“

„Und wozu entschließest Du Dich?“

Mit unwillkürlicher, doch beredter Bewegung strich Eugeniens Hand über die Sophalehne und streifte das thränenfeuchte Battisttuch, welches dort lag, zu Boden. In dem Blicke, womit sie dabei den Vater ansah, lag unsäglicher Stolz.

Der Staatsrath war wieder ganz er selbst, jede Weichheit aus den festgemeißelten Zügen verschwunden, sein Auge kalt, die ganze Haltung unnahbarer als je. „Du wirst den Namen dieses Menschen nie wieder aussprechen hören, Eugenie. Ich werde den Herrn empfangen und verspreche Dir Genugthuung.“

„Nicht so, Vater,“ entgegnete sie fest; „welche Genugthuung könntest Du mir schaffen? Was hier verbrochen wurde, geht mich allein an! Soll ich fortan leben und die Augen aufschlagen, so muß ich – ich selbst diesem Manne noch ein letztes Mal gegenübertreten. Kein Dritter kann mich von der Schmach dieser Werbung erlösen, auch Du nicht! Was sollte es mir frommen, wenn Du ihm den beleidigten Vater zeigst? Das hebt meine tiefgeschädigte Frauenwürde nicht aus dem Staub empor! Ich fordere, daß er mir allein überlassen bleibt, und dann, mein Vater, sei außer Sorgen, dann soll mir Genugthuung werden!“

Wallmoden blickte seine Tochter schweigend an. In ihren Worten flammte eine Kraft, deren Höhe er noch nicht gekannt. „Ich erkenne Dir das Recht der Entscheidung zu,“ sagte er endlich, „und weiß, daß Du Dich zu beherrschen verstehst, Du hast diese Fähigkeit jahrelang am Krankenbett Deiner Mutter erprobt und bewährt. Dennoch, Eugenie, überschätzest Du vielleicht Deine Kraft. Ich kenne den Mann nicht, mit welchem Du solchen Kampf zu bestehen forderst, aber ich kenne diese Norddeutschen! Nicht gewillt, das Auge, vor was es auch sei, zu Boden zu schlagen, von ihrer kecken Höhe herab nur die eigene Berechtigung der Geltung werth haltend, verschlossen für jede Rücksicht auf Billigkeit, ja, auf freies Menschenthum, sobald sie sich in ihren Zielen gehemmt sehen – wie sollte Dein Zartgefühl gegen die Waffen siegen, die eine solche Natur jedem Deiner Worte entgegenhalten wird, Waffen, die Du – ihm selbst in die Hand gegeben? Ein gewöhnlicher Charakter würde Dich nimmer so aus allen Fugen Deines sonstigen Wesens gedrängt haben – Du stehst also einem überlegenen Geiste gegenüber, Eugenie! Wo ein solcher jedoch einen Zweck verfolgt, der mit kaltem Blute, vielleicht aber mit um so größerem Eigensinn festgehalten wird, sobald er in Gefahr erscheint, zu scheitern, da bleibt das Weib gegen den Mann immer im Nachtheil. Eine Frau ist nur dort allmächtig, wo sie – geliebt wird.“

Eugenie erröthete heftig und verstummte. Das Wort hatte getroffen, wie ein Schlag; sie wäre lieber auf der Stelle gestorben, als daß sie dem Vater eingestanden, daß sich auf den Glauben an diese letzte Bedingung ihre ganze Macht der Vergeltung stützte. Trotz des Schreckens, der sie so vernichtend durchfuhr, gestand sie sich dies im gegenwärtigen Moment selbst nicht ein. Das Auge voll aufschlagend, sagte sie mit Hoheit: „Auch die Wahrheit ist allmächtig, Vater, ihr gegenüber bleibt Trug und Lüge immerdar im Nachtheil; ob Mann, ob Mädchen, ihr Träger darf und muß jedem Kampfe stehen! Laß mich gewähren.“

Der Staatsrath schritt mit gesenktem Haupte auf und nieder, endlich hielt er den Schritt vor seiner Tochter an, ein seltsamer Glanz funkelte in seinem Blick: „Und Eines noch, Eugenie! ich berühre es ungern. Vergaßest Du ganz, was Du mir vor wenigen Minuten so leidenschaftlich eingestanden? Diese Stimme, welche die Seele meines stolzen Mädchens binnen kurzen Stunden in Bande geschlagen, fürchtest Du sie nicht? Du frugst mich, Kind, ob ich die Liebe kenne! Wohl kenne ich sie, und war es wirklich Liebe, was Dich so seltsam plötzlich erfaßte, dann laß Dich warnen! wage nicht den Kampf mit einer Macht, die gerade dann, wenn wir uns Herren des Tages glauben, sich mit erstickender Umschlingung zurückwendet, um uns hohnlachend zuzurufen: ‚Tödte, was sterblich ist!‘ Wer liebt, verliert die Fähigkeit, kalt zu verachten, auch die, Maß zu halten, und glaube mir, mein Kind, sobald das Recht zur Leidenschaft hinreißt, erfährt es stets das Geschick des Unrechtes.“

Bei des Vaters ernsten Worten legten sich immer tiefere Schatten auf Eugeniens Stirn; als er nun schwieg, beugte sie sich über seine Hand und küßte dieselbe. „Vertraue mir,“ sagte sie gelassen, „Du darfst es.“

Seine Lippen berührten ihren Scheitel, dann schob er sie sanft zurück und sprach mit Ernst: „Es sei!“




Verloren.


Heiter lachte die Sonne in das Balconzimmer im ersten Stock der Wallmoden’schen Villa; ihre Strahlen schlüpften wie im neckischen Tanze hin und wieder zwischen all den Blüthen und Pflanzen, welche, nächst der gußeisernen Brüstung des Balcons aufgestellt, die dort Ruhenden dem Blick Derer verhüllten, welche auf der Fahrstraße unten vorüberkamen, während sie Jenen doch den Ausblick auf Nähe und Ferne vergönnten. Ein zarter Duft von Reseda und Heliotrop zog von dort aus durch das mittelgroße, hochgewölbte Zimmer und erschien in Harmonie mit dessen Ausstattung. Leichte Säulen, welchen sich die in Stuck ausgeführten Ornamente der Decke als Fortsetzung anzuschließen schienen, theilten die nicht tapezirten, sondern höchst anmuthig gemalten Wände in Fächer. Von zartblauem Grunde hoben sich abwechselnd Blumenstücke und in Medaillonform geschlossene Landschaftsbilder in künstlerischer Ausführung ab. An jedem der drei Fenster fielen natürliche frische Ranken in Guirlanden über die duftigen Vorhänge nieder. Der weißgrundige, mit Blumensträußen übersäete Glanzkattun der Möbel paßte in seiner frischen Einfachheit ganz zu dem heiter graziösen Schmuck der Wände. Ein säulengetragener Nähtisch im Mittelfenster, die jetzt in die Ecke rechts gerückte zierliche Staffelei mit dem verhangenen Bilde darauf und eine schöne Harfe, welche im der entgegengesetzten Ecke lehnte, deuteten darauf hin, daß hier der Lieblingsaufenthalt der Tochter des Hauses war.

Seit einigen Minuten stand Arno Triefels in voller Galauniform in diesem Gemache und ließ den Blick über jede Einzelnheit desselben hinschweifen. Im ersten Augenblick hatte es ihn frappirt, daß er, auf seine Frage nach dem Staatsrathe und die darauf erfolgte Meldung in diesen Raum geführt worden war, der offenbar weder das Zimmer des Hausherrn, noch ein allgemeiner Empfangssalon sein konnte. Während des kurzen Harrens erfaßte ihn aber, vor all den Zeichen und Spuren von Eugeniens häufiger Gegenwart, eine eigenthümliche Bewegung, stark genug, um momentan selbst die Spannung zurückzudrängen, womit er dem inhaltsschweren Gespräch entgegensah, das ihm mit ihrem Vater bevorstand.

Sehr widerstandsgerüstet, sehr siegesgewiß hatte Triefels die Schwelle dieses Hauses betreten. Gewöhnt, jedes Hinderniß mit zudringendem Verlangen zu durchbrechen, gab er den Begriff eines Unerreichbaren kaum zu. Der Güter, die er in die Wagschale zu legen hatte, voll bewußt, galt ihm der voraussichtliche Widerstand eines alten Mannes höchstens als Frage der Zeit. Eugenie selbst war sein eigen! der Stolz, welcher das bisher durch kein Erreichtes gesättigte Herz bei diesem Gedanken schwellen ließ, war ihm eine nie so empfundene Regung – auch Das wußte er ihr Dank! Dankte ihr nach tausend Erfahrungen, wo seine überreichen Kräfte nur gespielt, die eine, bei aller Genußfähigkeit nie mehr erhoffte, eines thaufrischen Gefühls. Eugenie! Leise bewegte er sich im Zimmer umher, seine Finger streiften über die Saiten der Harfe hin. Harmonisch – wie diese! Was war in dem Gedanken, wovon er plötzlich erschauerte? Seit seinem Eintritt hatte es ihn wie ein Gruß umklungen: „Willkommen, süßer Dämmerschein, der Du dies Heiligthum durchwebst –“ jetzt mahnten die Dichterworte ernst: „Und Du! – was hat Dich hergeführt?“ Unwillkürlich starrte er nach der Thür, rief es in ihm weiter: „und träte sie im Augenblick herein, wie würdest Du für Deinen Frevel büßen?“ –

Sie trat herein.

Mit einem Laut lebhaftester Ueberraschung eilte ihr Triefels entgegen, um nach dem ersten Blick in ihr Auge betroffen vor ihr stehen zu bleiben. Er empfand auf der Stelle, daß etwas mit ihr vorgegangen, und sein Bewußtsein ließ keine Frage zu. Kaum hatte diese Ueberzeugung ihn durchzuckt, als er sich zusammenfaßte und ihrem Winke, sich neben ihr am Sophatisch niederzulassen, mit sicherer Haltung Folge leistete. Beide blickten einander stumm an, ohne nachher zu wissen, wie lange diese Pause gedauert.

[573] Selbst in diesem Augenblick tiefinnerster Unruhe entzückte Eugeniens Erscheinung Arno Triefels, und doch machte sie ihm heute einen ganz veränderten Eindruck. Das war nicht mehr die in Wolkenduft gehüllte Sylphe von gestern, an der jede Bewegung zu wallen und zu schweben schien, aus deren Blick und Zügen ein märchenhaft süßer Zauber sprach – die hohe Waldfrau der Sage war es, welche verschwindet, wenn man sie zu berühren wagt. Das schimmernde Blond der großgeschwungenen Locken ruhte schwer auf dem veilchenblauen Alpaccakleide, dessen mattglänzende Falten weich herabflossen. Stolze Ruhe sprach aus jeder Linie des mit leichter Röthe angehauchten Gesichtes, nur die langen, gebogenen Wimpern schienen fast unmerklich zu zittern, als sie jetzt das Schweigen brach: „Sie wünschten meinen Vater zu sprechen, Herr Baron?“

„Wie Sie erwarten durften, Fräulein Wallmoden.“ Sein Ton war ein Echo des ihrigen, förmlich und kühl. Beiden zugleich bewölkte sich die Stirn. Nach einem Moment fuhr er fort: „Und es ist – Zufall, was mir das Glück verschafft, Sie, mein Fräulein, statt des Herrn Staatsrathes erscheinen zu sehen?“

Eugenie sah lebhaft auf. „Mein Wunsch, Herr von Triefels; ich war gespannt, vorher von Ihnen zu erfahren, ob der Zweck der mit meinem Vater gewünschten Unterhaltung heute derselbe geblieben, den Sie gestern – angedeutet?“

„Ohne Zweifel, mein Fräulein.“

„Das überrascht mich, Herr Baron. Ich glaubte, Ihre Wette könnte für gewonnen gelten, ohne daß es nöthig erschien, auch noch den letzten Act der Komödie abzuspielen.“

Triefels zuckte nicht mit den Wimpern. Sein Kopf schien stolzer als je auf dem Nacken zu ruhen, als er auf die mit langsamer Deutlichkeit gesprochenen Worte ebenso gemessen erwiderte: „Ihr Empfang, mein gnädiges Fräulein, ließ mir kaum Zweifel darüber, daß Sie von einem Vorgange Kenntniß erhalten, dessen ungünstige Auffassung ich beklagen muß, ohne mir doch dadurch die Aufnahme, welche mir von Ihnen wird, ganz erklären zu können, denn derselbe berührt Sie persönlich keineswegs.“

Eugeniens Augen wurden tief dunkel. „Unerhört!“ flammte tiefste Empörung hervor.

„Und was könnte der tolle Uebermuth einer leichtfertigen Stunde Sie wohl angehen, Eugenie?“ rief er in plötzlich verändertem, leidenschaftlichem Tone. „Was wußte ich von Ihnen, als ich mich in kecker Laune vermaß, das ‚va banque‘ eines flüchtigen Gesellschaftsspieles zu halten! Sind Sie fähig, Alles, was vom ersten Augenblicke unseres Begegnens an zwischen uns vorging, auch nur mit dem Schatten eines Gedankens an jenen Vorgang zu knüpfen, dann, Eugenie, bin ich es, der gekränkt, der bis in’s innerste Leben verwundet vor Ihnen steht!“

Er war aufgesprungen und neigte sich zu dem Mädchen herab, sein bezwingender Feuerblick senkte sich bannend in ihr Auge. Jeder Nerv in ihr erschauerte – ja, das war wieder die glühend hinströmende Lava Alles verzehrender Empfindung, die ihr nicht nur gestern Wahrheit gewesen, die noch heute dem empörten Herzen Wahrheit geblieben! Mit der ganzen Kraft ihres Willens rang sie nach Sündhaftigkeit, denn hoch über dem Strudel, der sie fortzureißen drohte, stand als festes, ewiges Himmelsgewölbe die Ueberzeugung, daß Schwäche hier tödtlich – Nachgeben ein Verzicht auf den eigenen Menschenwerth sei. Sie hatte sich gesammelt.

„Unsere Anschauungen gehen weit auseinander,“ sprach sie fest; „so weit, daß ich darauf verzichte, mich über die meinigen zu äußern. Sie sagten vorhin richtig, Herr von Triefels, daß Sie nichts von mir wußten, als Sie meinen Namen zum Einsatz eines – Gesellschaftsspieles gemacht. Nun, jedes Ihrer Worte beweist, daß Sie auch jetzt nichts von mir wissen, sonst würden Sie es nicht wagen, auf Ansprüche hinzudeuten, die für mich – demüthigend sind!“

Triefels loderte auf: „Sie vergessen, mein Fräulein, daß Der, welcher diese Ansprüche zu erheben wagt, zugleich mit dem Höchsten vor Sie trat, was er selbst zu bieten hat. Sollte der Name, die Ehre, die ganze Zukunft eines Mannes als ein so werthloser Einsatz in Ihren, ja, in seinen eigenen Augen erscheinen, daß hier von Demüthigung die Rede sein kann? Wer Ihnen seine Hand für das Leben anbietet, giebt genügende Bürgschaft für die Wahrheit seiner Empfindung, wenn Sie wirklich solcher Bürgschaft bedürfen sollten.“

Ihr mächtiges Auge ruhte voll auf ihm.

„Momentane Wahrheiten sind mir keine,“ sagte sie ernst, „und an das Leben einer ewigen Wahrheit glaube ich nur da, wo ich zugleich an Achtung vor dem Bewußtsein Anderer glauben kann. Daß Ihr Spiel sich auf mich gerichtet, Herr Baron, geht mich allerdings wenig an, denn dies war Zufall – daß es überhaupt unternommen morden, ist keiner! Und wem solches Spiel möglich gewesen, dem würde sich mein Innerstes für ewig abwenden und fremd bleiben müssen, und wäre er selbst ein mit jedem bisherigen Athemzuge geliebter Bruder.“

„Eugenie,“ rief er stürmisch, „hören Sie Ihr Herz, ehe Sie unwiderruflich mein Urtheil sprechen! Es hat mir gestern freiwillig das verheißende Ja gegeben, und wenn Sie mir allen Glauben verweigern, so glaube ich um so fester an Sie! Ein Mädchen Ihres Charakters verschenkt sich nicht an einen höher schlagenden Puls des Augenblicks – dies Ja, das mich so tief beglückte, das Sie jetzt unerbittlich zurücknehmen, kam aus dem Grunde Ihrer Seele! Im Namen der Wahrheit, die Sie mir als flammendes Schwert entgegenhalten, frage ich Sie: Eugenie, war es nur ein aufflackerndes Irrlicht, das uns Beide mit schnell verlöschendem Scheine getäuscht? Antworten Sie auch hierauf Ja – wenn Sie dürfen!“

Er hatte ihre beiden Hände ergriffen und sah sie an, als vermöchte er in die tiefsten Gründe ihres Innern zu tauchen. Ungestüm entzog sie sich ihm und verhüllte ihre Augen.

[594] Es war nicht Jubel, aber doch war es energische Zuversicht, die in Triefels’ Tone vibrirte, als er weiter sprach: „Dank für Ihr Verstummen – ich hoffe, ich athme wieder! – Liebe hat noch immer verziehen, selbst die bitterste Kränkung! Fordern Sie Zeit, das verletzte Gefühl schonend zu heilen, fordern Sie jede Genugthuung von mir, nur – lassen Sie mir Hoffnung, Eugenie!“

Ihre Hand sank langsam herab, blaß stand sie vor ihm, die zarte Brust hob sich in heftigem Kampfe; als sie aber endlich sprach, klang ihre Stimme hell und voll wie Glockenton:

„Es wäre meiner nicht würdig, die Wahrheit zu verleugnen – ich nehme nicht zurück, was ich gestern so unselig ausgesprochen. Aber wenn auch das frevle Spiel wirklich uns Beiden zum schweren Ernst geworden – es trennt nicht minder! Hier gilt es nicht, eine Kränkung zu vergeben, es gilt die innerste Existenz! Nicht Freundschaft, nicht Liebe ist fortan möglich zwischen uns Beiden! Man kann in einem nächsten Verhältnisse anderer Meinung sein – nicht anderer Gesinnung! Vertrauen läßt sich nur säen, nicht künstlich in die Seele pflanzen, es keimt und steht da – und wird es gebrochen, so ist Unersetzliches dahin. – – Leben Sie wohl!“

Triefels stand in sich gekehrt. Wie Schatten über eine Landschaft fallen, wenn die Sonne verschwindet, fiel plötzlich die Erkenntniß eines Unüberwindlichen auf seine Zuversicht. Er sah, wie zwei Thränen sich aus den großen, tiefen Augen lösten und auf ihre feingeformte Hand niederfielen, er sah diese Hand gegen das Herz gepreßt, dessen heftiges Schlagen durch das Gewand zu dringen schien – und dennoch kam ihm kein Gedanke an Hoffnung mehr. Wie aus schwerem Traume heraus wiederholte er ihr letztes Wort: „Leben Sie wohl!“ und wandte sich dann, um von ihr zu gehen. An der Thür des Gemachs blickte er noch einmal zurück. Eugenie stand wie leblos, nicht ein Hauch schien sich in ihr zu regen. Er eilte zu ihr hin, ein letztes Wort schwebte auf seinen Lippen. Es blieb ungesprochen. Nur einmal noch sah er in ihre Augen, zog aus der blumengefüllten Schale, welche auf dem Tische stand, einen Orangenzweig, drückte ihn an die stumme Lippe und verschwand.


[595]
Der Donner grollt.


Seit langen Wochen hing unablässige Sonnengluth über der verschmachtenden Erde; Wiesbadens vulcanischer Boden schien unter jedem Tritte der darüber Hineilenden zu erglühen. Noch sengendere Schwüle lag aber auf allen Geistern. Es war im Juli 1870, und die aus Ems, Paris und Berlin kommenden Nachrichten fielen Schlag auf Schlag, gleich zündenden Blitzen; – des Kriegsgottes drohende Fackel flammte immer näher! An dem vielbesuchten Badeorte, wo alle Nationalitäten in buntester Mischung mit einander verkehren, alle öffentlichen, wie Privatnachrichten gleichsam in einen Brennpunkt zusammenschießen, trieben die steigenden Wogen der Erregung wunderliche Schaumgebilde auf. Während die Einen bereits ihr Reisebündel schnürten, wurden sie von Andern als kindisch furchtsam bespöttelt. In den heiteren Weltfrieden geselligen Einverständnisses einer feingebildeten internationalen Gesellschaft zuckten schon falbe Lichter hinein, welche dem Verkehr derselben einen veränderten Charakter aufdrängten und ahnen ließen, daß sie naher Auflösung entgegengehe. Doch schien es, als sollten die Friedensgläubigen Recht behalten, denn die Nachricht von der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern hatte die hochgehenden Wogen aufgeregter Spannung besänftigt. Allerdings liefen fast zu gleicher Zeit aus Paris, aus Hannover Privatbriefe ein, die dem rasch geweckten Sicherheitsgefühl scharf widersprachen und schnelle Verbreitung fanden, denn jede Correspondenznachricht wurde in jenen Tagen sofort Gemeingut. Noch ließen aber die Sanguiniker die weiße Friedensfahne lustig flattern.

Der Nachmittag rückte vor. Ein schweres Gewitter hatte vor einigen Stunden die Hitze des Tages wohlthuend gemäßigt und die lechzende Vegetation erfrischt. Eugenie Wallmoden saß auf dem Balcon des Wohnzimmers und athmete mit Genuß den köstlichen Waldesduft ein, der nach kurzem Regenschauer aus dem nahen Parke emporstieg. Die leichte Handarbeit, mit der sie beschäftigt gewesen, ruhte in der müßigen Hand auf dem Schooße; sie sah den Vögeln zu, die, ihre feuchten Federchen schüttelnd, von Zweig zu Zweig hüpften und den warm hervorbrechenden Sonnenstrahl anäugelten. Ein ruhiges Lächeln spielte um ihre selbst im Schweigen stets beredsamen Lippen, und sie war in Schauen und Sinnen so vertieft, daß sie das Hinzutreten ihres Vaters nicht eher bemerkte, bis er ihren Namen nannte. Freundlich umblickend, nahm sie den versiegelten Brief entgegen, welchen er ihr reichte; ihr Blick schweifte von den fremden Schriftzügen der Adresse fragend zu seinen Augen empor.

Der Staatsrath lächelte in seiner ernsten Weise. „Von Hochstetter,“ sagte er, nicht ohne Nachdruck; „der Brief an Dich war einigen an mich gerichteten Zeilen mit der Bitte beigeschlossen, ihn Dir zuzustellen.“

Ihr heiteres Auge bewölkte sich; sie ließ die Hand, welche eben das Siegel erbrochen, mit dem Briefe sinken, während sie mit der Rechten den Arm des Vaters berührte, um ihn neben sich zurückzuhalten. „Das thut mir leid,“ sagte sie gedämpft; „wie konnte es nur wieder so weit kommen? – ich habe ihm keine Berechtigung gegeben, das weißt Du, Vater.“

„Keine bestimmte Berechtigung, Dein Ja zu erwarten, liebes Kind, aber wenn eine so ausgezeichnete Persönlichkeit wie Hochstetter als Bewerber auftritt, darf sie auf Berücksichtigung hoffen, wo Hand und Herz als frei gelten.“

„Verstehe ich Dich recht, lieber Vater, – wünschest Du diesen Bewerber berücksichtigt zu sehen?“

Wallmoden ließ sich neben seiner Tochter nieder, stützte den Arm auf die Lehne ihres Stuhles und sagte herzlich: „Ja! – ich kenne kaum einen besseren Mann, sein Charakter, seine Verhältnisse bieten jede Bürgschaft, und er liebt Dich, weiß Dich zu schätzen. Hast Du Vertrauen, Neigung genug, die Seine zu werden, so würde ich Deiner Zukunft beruhigt, ja beglückt entgegensehen.“

Eugenie senkte die Stirn gegen ihre Hand und beschattete so die leicht erblaßte Wange. Tief versunken schwieg sie lange; als sie endlich aufblickte, war der Strahl ihres Auges sanft, aber fest. „Gern möchte ich Dir Freude machen,“ sagte sie innig, „aber, lieber Vater, ich kann nicht. Laß mich bei Dir bleiben! An Deiner Seite bin ich zufrieden, Fremdes erschreckt mich, und es würde mich nicht glücklicher machen, wenn ich von Dir ginge.“

Ein schwerer Blick begegnete ihrem klaren. „Ich aber werde von Dir gehen, mein Kind, früher oder später, dann bist Du allein! – so lange man jung ist, weiß man nicht, was dies Wort bedeutet. Fern liegt mir der Gedanke, je Deinen freien Entschluß beschränken, Dich vorwärts drängen zu wollen, aber ich leugne nicht, daß es mich schmerzt, mein einziges Kind durch’s Leben gehen zu sehen, ohne Glück zu geben und zu empfangen, und Das nur – weil gedankenloser Frevel die Blüthe des Menschenvertrauens gebrochen, nur – weil jener –“

Eugeniens Wangen wurden wie Schnee; schwerathmend unterbrach sie ihn: „Nicht weiter, Vater, nicht weiter! Du hattest mir versprochen, den Namen nie wieder zu nennen –“

„Jahre sind vergangen – wozu noch heute solche Reizbarkeit, die mich schon öfters, und nicht wohlthuend berührte; Alles muß einmal überwunden werden und abgethan sein. Solche Unversöhnlichkeit des Gedankens gleicht Dir nicht, ist – nicht weiblich, Eugenie. Und überdies, so berechtigt dieser Erfahrung gegenüber strenges Urtheil war, bleibt es dennoch fragwürdig, ob Verurtheilung unbedingt gerecht ist.“

„Du redest ihm das Wort?!“ rief sie mit erglühendem Angesicht.

„Unmöglich kannst Du mich mißverstehen,“ sagte der Staatsrath gemessen; „das, was vorgefallen, läßt nur eine Auffassung zu. Wohl aber habe ich seitdem die Ueberzeugung gewonnen, daß es wenigstens nicht dem Sumpfe eines vergifteten Charakters entsproßte. Ich spreche nicht davon, daß wir Beweise geübter Discretion erhalten haben – das ist eine Cavaliertugend, die selbst der Erbärmlichkeit anerzogen werden kann. Aber ich habe den Lebensgang dieses Mannes verfolgt; mir stehen dazu Verbindungen genug zu Gebote. Wer so in das innerste Leben einer Familie eingegriffen, darin solche Spuren zurückgelassen hat, wie Deine Abneigung vor jeder Werbung, auch der besten Männer – den verliert das Haupt der Familie nicht wieder aus den Augen. Es giebt Züge in seinem Charakter, die mir Achtung abgewonnen haben. Und wäre es nur das Eine – daß er auf Gefahr seiner Zukunft hin dem großen Lügner in Paris die Stirn der Wahrheit gezeigt.“

„Wovon sprichst Du?“ fragte Eugenie aufmerksam.

„Ja so, Du weißt nicht. Nun, Rittmeister Triefels wurde im Winter, nachdem er sich hier gezeigt, als militärischer Attaché unserer Pariser Gesandtschaft beigegeben. Die Wahl mag keine glückliche gewesen sein, denn zum Diplomaten scheint der junge Mann geringes Talent zu besitzen. Es heißt, daß er mit Liebhaberei geschichtliche Studien betreibt; das veranlaßte denn wohl den kaiserlichen Historiker, der sich so glücklich einen Parvenu nennt, den Attaché der um Schwert und Feder beneideten Macht heranzuziehen und als Quelle auszubeuten – man weiß, wie Persönlichkeiten dort aus- und abgenutzt werden! Plötzlich kam es zu einer Collision – welcher Art sie gewesen, erfuhr man nicht in außerofficiellen Kreisen – Triefels wurde nach Berlin zurückcommandirt, man sprach von Ungnade, von Versetzung in ein Linienregiment der Provinz. Von alledem geschah übrigens Nichts, er blieb nach wie vor in der Garde. Achtung aber dem Manne, der sich in den großen Fragen der Menschheit und der Geschichte nicht mit diesem Gleißner einigen konnte, von dem die eigene Mutter gesagt: ‚Wenn er schweigt, so conspirirt er, wenn er spricht, so lügt er.‘“

Eugenie blickte mit den sinnenden Augen voll Ernst in des Vaters energisch belebtes Gesicht. „Du sprachst nie hiervon,“ sagte sie.

„Wie ich überhaupt nie von ihm gesprochen, wie ich es auch heute nicht so eingehend gethan haben würde, hätte mich Dein Auflodern vorhin nicht dazu veranlaßt. In alten Wunden zu wühlen, ist Thorheit und Schwäche; brennen sie jedoch unerwartet lange fort, so thut Balsam Noth. Erlittenes Unrecht verwindet sich leichter, wo man den Beleidiger achten kann. Meine Tochter wird niemals klein denken.“

Er war, während er die letzten Worte sprach, in das Zimmer zurückgetreten und wanderte dort, die Hände auf dem Rücken ineinandergeschlungen, auf und nieder. Eugenie lehnte unbeweglich am Gitter des Balcons, ihr Auge wurzelte im Laube der nahen Linde, das sich trotz der Windstille sichtlicher bewegte, als ihr leiser Athemzug. Das Schweigen, welches Vater und Tochter gedankenreich befangen hielt, wurde aber bald und geräuschvoll unterbrochen, denn nach hastigem, schallendem Klopfen schoß plötzlich die kleine Gestalt des Regierungsrathes Gotter mitten in’s [596] Zimmer. Sein bewegliches Gesicht war stark geröthet, alle Löckchen seines Haarwaldes schienen doppelt so kraus wie sonst, und die ruhelosen Augen glimmten wie Kohlen, als er stürmisch rief: „Wissen Sie schon, Wallmoden?“

„Was?“ fragte der Staatsrath zerstreut.

„Sie wissen also Nichts – Nichts?!“ rief Gotter sprudelnd vor Aufregung. „Die große Frage ist entschieden – der Sturm ist herauf! Es giebt Krieg!“

„Also in Wahrheit –“ sagte Wallmoden, indem er mit finsterm Blick vor dem Freunde stehen blieb; „dachte ich’s doch! Das Gelüste, die beneidete Nation ganz Europa als gehorsamen Vasallen vorzuführen, ward zu hoffärtig gezeigt, als daß sich nicht ein zweiter Vorwand vom Zaune brechen ließe, nachdem der erste mit Würde beseitigt worden. Was ist geschehen?“

„Das errathen Sie nimmermehr! Benedetti hat die Unverschämtheit so weit getrieben, dem Könige die schmählichsten Zumuthungen auszusprechen! hat frech die Zusage begehrt, daß in aller Zukunft kein Hohenzoller den spanischen Thron besteigen dürfe – und, was das Tollste ist, ein Entschuldigungsschreiben an Napoleon über die ganze Candidatur gefordert!!“

„Und der König?“ fiel Wallmoden mit gespanntem Blicke ein.

Unser König hat sein Hausrecht gebraucht!“ rief Gotter mit starkem Nachdruck, „und als der Unverschämte wiederkam, fand er die Thür verboten. Jetzt gilt es! Morgen schon reist König Wilhelm nach Berlin, die Kriegserklärung wird nicht auf sich warten lassen, die Mobilmachung ebensowenig! Es gilt Unabhängigkeit und Ehre – es gilt die höchsten irdischen Güter – wer ein deutsches Herz hat, muß und wird zu Preußen stehen!“

Der Staatsrath ging mit weiten Schritten auf und nieder. „Was wird der Süden thun?“ drang es aus der Tiefe seiner Brust hervor.

„Und kann das noch eine Frage sein?“ schnitt ihm der Freund das Wort ab, während jedes Glied seines Leibes mitzudemonstriren schien. „Wenn vor solchem Moment nicht Hader und Mißvergnügen, jeder Parteigroll weggeblasen wird wie Spreu, dann wäre das ganze Dasein wahrlich keinen Strohhalm werth. Wallmoden! wir sind zusammen jung gewesen – sind wir so alt geworden, daß der höchste Gedanke unserer jungen Jahre heute, wo Verwirklichung vor uns steht, daß der Gedanke an deutsche Einheit uns leerer Wahn erscheinen könnte? Nein, unser Volk wird die große Probe bestehen, in Süd und Nord läßt sich nur Eins fühlen: – heiligster Zorn gegen den anmaßenden Fremden, männlicher Entschluß, vereint voranzugehen! Ich frage Sie auf Ihr Gewissen, alter Freund: kann Sehnsucht nach dem Alten, kann Aerger über Neues Ihnen verdrängen, in diesem Augenblicke noch verdrängen, daß Sie ein deutscher Mann und und daß in der beleidigten Majestät des deutschen Königs unser Aller Ehre geschädigt und bedroht ist?“

Wallmoden erfaßte Gotter’s Hand mit festem Druck. „Walte Gott!“ entgegnete er mit starker Stimme. „Vielleicht ist es in seinem Rathe beschlossen, daß ein Lügner zu Stande bringt, woran sich manch großes Herz ohne Erfolg verblutet. Gewaltige Ereignisse machen aus allen Zwischenscenen den Staub ihres Weges – das bleibt ewig wahr! Jetzt gilt es, seine Pflicht thun!“

Sein ernster Blick streifte Eugenie, welche den gleich Blitzen aufeinanderfolgenden Worten der Männer in stummer Erregung gefolgt war. Sie brach in Thränen aus und warf sich an seine Brust.




Mobil!


Die Panik unter den Fremden wuchs von Tag zu Tage, ja von Stunde zu Stunde mit jedem neueintreffenden Briefe oder Telegramm. Gast- und Badehäuser begannen sich zu leeren und die Coupés der Eisenbahnen zu füllen, während sich die Einheimischen vom Strome der so Gewaltiges im Schooße tragenden Gegenwart nicht weniger stark erfaßt fühlten. In solcher Zeit höchster Spannung ergreift den Einzelnen ein seltsames Bewußtsein: – lebhaft empfindet er den nahen Flügelschlag dunkler, Alles umwühlender Zukunft und muß wartend auf der Stelle bleiben, während die Gedanken so rastlos gestaltend arbeiten, daß er sich bereits fortgerissen erscheint. Jedem zufälligen Pochen an der Thür, jedem momentan unerklärten Laute antwortet der Pulsschlag dieses Bewußtseins: Jetzt! – jetzt gilt es, auch für Dich! Näher drängt man sich an die Seinen, jeder folgende Augenblick erscheint eine verhüllte Pforte, während doch der gegenwärtige in Wahrheit noch alltäglich in seiner Erscheinung ist, wie der vorige gewesen.

Diese Stimmung ließ Eugenie Wallmoden widerstreben, als die Verschönerungspräsidentin gegen Abend des 16. Juli in Begleitung einiger Bekannten an die Thür klopfte, um sie zum Genuß der angenehmen Kühle nach dem Neroberge abzuholen. Es war Eugenie unbehaglich, heute den Vater, das Haus zu verlassen, doch wußte sie dem lebhaften Zureden, das auf sie einstürmte, keinen andern Grund entgegenzuhalten, als Unstimmung, und fand sich endlich, vom Staatsrathe selbst gedrängt, fast willenlos entführt.

Während die kleine Gruppe durch Park und Platanenallee der Trinkhalle zusteuerte, wo sie noch eine befreundete Familie unter den Colonnaden erwartete, empfand Eugenie doch, welche Wohlthat ihr nach mehreren in Abgeschlossenheit verlebten Tagen die köstliche Frische des Sommerabends war. Ihre Wange färbte sich, ihr Schritt wurde elastischer, während sie auf das heitere Geplauder der sie umkreisenden jungen Mädchen einging. Plötzlich glitt aber etwas wie ein Schatten über das ausdrucksvolle Gesicht – es war nur ein momentaner, sogleich verschwindender Zug, der aber trotzdem Jenem, dessen Anblick ihn hervorgerufen, nicht entgangen war.

Lieutenant Eckhardt kam die Geisbergstraße abwärts, den Spaziergängern entgegen, und hatte eben gegrüßt. Fast war es, als zöge wirklich eine lichtverhüllende Wolke dahin, denn auch seine Stirn umschattete sich; zugleich stieg in seinem Auge ein Blitz auf; er hemmte seinen Schritt, hielt eine Secunde an, wandte sich dann zurück und trat mit einem Worte der Begrüßung an die Präsidentin heran, welche den kundigen Regimentsadjutanten sofort mit hundert Zukunftsfragen über Mobilmachung und Waffengeklirr, Zuaven und Turcos in Beschlag nahm. Eckhardt antwortete gefällig, ohne jedoch den Blick von den Mädchengestalten abzuwenden, die während seiner Ansprache vorausgeeilt waren. Die jüngste derselben, eine pikante Brünette, sandte ihre Kirschenaugen mehr als einmal rückwärts nach dem „Interessanten“, und sollte auch bald das Vergnügen genießen, den jungen Officier an ihrer Seite zu sehen.

Die Spaziergänger hatten die Wiesengelände des Dambachthales durchwandert und waren nun den sprossenden Weinbergen entlang bis zum Rande der Waldung gelangt, wo die Vorangeeilten Halt machten, um die Nachkommenden zu erwarten; hier mischten sich die Gruppen und schlugen den schmal aufsteigenden Waldweg einzeln oder paarweise ein. Eugenie blieb einen Augenblick zurück, um ihr Kleid von einem Dornenzweige zu lösen, und Eckhardt benutzte diesen Zufall, sich zu ihr zu gesellen. Sie ging an seiner Seite, ohne den Raum, der sie von den Uebrigen trennte, durch beschleunigteren Schritt zu verkürzen. Beide schwiegen.

[608] In den Kronen des Laubwaldes flüsterte leise bewegender Windhauch, tiefe Ruhe, durch einzelne Vogelstimmen mehr begleitet als unterbrochen, webte sich über all das Grün, welches dichter und dichter den Pfad begrenzte. Einzelne Bäume berührten sich und schlangen die weitausgestreckten Zweige zur hohen Laube ineinander, als wollten sie den engen Waldpfad von Himmel und Erde abgrenzen; dennoch drängte sich von Zeit zu Zeit ein seltsam blendendes Leben durch die sanften Farbentöne der Buchen und Eichen. Goldene Punkte funkelten, glühten durch die Wipfel – auftauchend, wieder verschwindend, plötzlich vergrößert – bald eine Kugel, bald Pfeil oder Ring – als trieben schwebende Luftgeister ein seltsames Spiel mit unirdischen Kleinodien, leuchtender als Sterne, feuriger als Sonnenstrahlen. Und doch war es nur die Sonne, welche all dies blitzende Spielzeug schuf, während ihre Abendgluthen die Goldkuppeln der vom Walde verhüllten griechischen Capelle küßten.

Eugeniens Augen hingen mit eigenthümlichen Glanze an dem magischen Gefunkel. Nach minutenlangem Schweigen wandte sie sich mit tiefem Athemzuge ihrem Begleiter zu: „Ist es wahr, was wir heute gehört? Erwartet Ihr Armeecorps Marschordre?“

„Stündlich,“ antwortete Eckhardt, „Alles ist zum Aufbruch gerüstet und der Befehl zum Ausrücken wird höchstens noch Tage auf sich warten lassen – vielleicht hängt er an Stunden. Dies meine Entschuldigung dafür, daß ich Ihnen heute meine Gesellschaft aufgedrungen, Fräulein Wallmoden. Es ist sehr möglich, daß ich nicht zurückkehre – bitte, mich nicht mißzuverstehen,“ fuhr er mit kaltem Lächeln fort, als sie eine Bewegung machte, ihn zu unterbrechen, „ich wollte nur andeuten, daß die Garnisonen nach einem Feldzuge meistens zu wechseln pflegen, und möchte deshalb Ihre Erlaubniß erbitten, ein lange unterdrücktes Wort aussprechen zu dürfen.“

Eugenie sah ihn an. In den ernsten, fast strengen Zügen des jungen Mannes lag nichts, was eine unerwünschte Deutung seiner letzten Worte als möglich erscheinen ließ.

„Sprechen Sie frei!“ sagte sie, den Kopf leise neigend, mit sanfter Stimme.

Eine schwache Röthe huschte über Eckhardt’s Wange. „Wäre mir früher das Glück geworden, so freundlichen Ton von Ihnen zu hören, Fräulein Eugenie, so würde ich nicht in der immerhin peinlichen Lage sein, auf Vorfälle zurückzugreifen, deren Berührung Ihnen kaum erwünscht sein kann. Doch bin ich mir selbst schuldig, dieselben nicht für immer unerörtert zu lassen. Es wäre längst geschehen, wenn Ihre Haltung mir nicht jedes Recht entzogen hätte, mich Ihnen zu nähern.“

Eugenie erglühte bis unter die Haare. „Ich verstehe Sie nicht – was hätte ich Ihnen vorzuwerfen? von welcher Rechtfertigung sprechen Sie –?

Eckhardt blieb stehen und blickte ihr mit großem Ernst fest in die Augen. „Mich nicht verstehen zu wollen, wäre ein Mangel an Achtung, den ich nicht verdiene, mein Fräulein. Zu rechtfertigen giebt es für mich nichts; daß Sie mir aber viel vorzuwerfen haben, beweist mir seit langen Monden jeder Blick, jeder Ton. Vielleicht ist es Ihnen selbst nicht ganz bewußt, wie sehr, – vielleicht ist die Abneigung nur unwillkürlich, dann aber um so bezeichnender, welche Ihnen gebot, sich abzuwenden von dem – Denuncianten.“

Es war heraus. Beide erblaßten.

„Welch ein Wort!“ rief Eugenie erregt.

„Sollte es schärfer klingen, als Ihr Urtheil?“ fragte er finster. – „Ich wähnte früher einmal, von Ihnen mehr gekannt zu sein, als von der Masse – es war nicht also. Daß Sie unmittelbar nach jenem Vorfalle jede Berührung mit mir zu vermeiden wünschten, mußte ich begreiflich finden; auch darauf war ich gefaßt, daß der Unwille beleidigten Zartgefühls sich von der Botschaft auf den Boten miterstrecken würde. Doch vertraute ich fest darauf, daß eine Zeit kommen würde, wo Sie Dem, der im Dienste der Wahrheit und Gerechtigkeit gehandelt, auch Gerechtigkeit widerfahren lassen würden! Ich täuschte mich – diese Zeit kam niemals. So oft ich in Ihren Bereich trat – und dies geschah bis zum heutigen Tage stets unfreiwillig –, hatte ich immer auf’s Neue ein Abwenden zu empfinden, das in seiner Dauer fast der – Geringschätzung gleich kam. Sie stehen zu hoch in Aller Urtheil, Fräulein Wallmoden, als daß ich wagen dürfte, Sie einer Unbilligkeit zu zeihen; darum bleibt mir nur die Annahme, daß Sie meine Motive unrichtig aufgefaßt. Was ich je gethan und gesprochen, geschah immer mit offenem Visir! Daß ich damals einen Mittelsmann mit der Eröffnung betraute, gebot mir das einfachste Zartgefühl. Ich war auf jede Erklärung gefaßt, zu jeder Genugthuung bereit. Sie wurde mir von dem Manne, der es gewagt, Sie zu beleidigen, nicht abgefordert, von Ihnen nicht einmal gestattet. Auf Ihre Beachtung, mein Fräulein, habe ich nie Anspruch erheben können – wohl aber will und muß ich es auf Ihre Achtung, und deshalb frage ich, ehe ich aus Ihrem Gesichtskreis scheide: womit verdiente ich, in dieser Weise von Ihnen behandelt zu werden?“

Eugenie athmete rasch; tief betroffen schien sie nach Worten zu suchen, die sich endlich mit seltsam vibrirendem Tone losrangen: „Sie haben mich mißverstanden, ganz, völlig mißverstanden! Wie hätte ich je daran denken können, Ihnen etwas an den Tag zu legen, das der Geringschätzung gliche – Ihnen, dem ich – – dem ich Dank schulde! Und doch – doch darf ich Ihnen nicht widersprechen, denn es ist wahr, ich scheute jede Berührung mit Ihnen, floh Sie sogar! Aber nicht, um Sie zu kränken, Sie gar strafen zu wollen, nein, Eckhardt, nein! Es war nur – – ich kann diese Erinnerung nicht ertragen!“

„Sie haben ihn also nicht vergessen?“ loderte es gleich einer Flamme aus Eckhardt’s Brust hervor.

Es war einer jener sturmwindartigen Momente, wo jede Beherrschung aufhört. Eugenie wußte plötzlich, was sie bisher nur zuweilen geahnt, daß hier ein zermalmtes Herz zu ihren Füßen zitterte! Sie stand wie eingewurzelt, die Spitze ihres Sonnenschirms [610] bohrte sich zwischen die Flechten des Bodens, dann hob sie das tiefe Auge und richtete es mit wunderbarem, wie aus weiter Ferne zurückkehrendem Ausdruck auf Eckhardt. „Vergeben Sie mir!“ sagte sie leise, indem sie ihm die Hand entgegenbot. „Innerlich einwilligen, ist ja wohl die große Lehre des Lebens – ich glaube, wir Beide haben sie schon geübt. Vergessen ist schwer. Gott sei mit Ihnen!“

Eckhardt empfand den leisen Druck der Hand, die sich aus der seinigen löste; er verstand ihn als Abschied. Noch einmal blickte er in die unvergeßlichen Augen, dann verneigte er sich schweigend und schlug den Pfad abwärts ein.

In Sinnen tief verloren, folgte Eugenie langsam der übrigen, bereits auf dem Gipfel angelangten Gesellschaft. Daß sie allein erschien, setzte nur wenig in Verwunderung, da Eckhardt bereits, als er sich den Spaziergängern anschloß, geäußert hatte, der ganzen Garnison sei bedeutet, sich an den näheren Umkreis der Stadt zu binden. Als sie sich den im Säulentempel Versammelten anschloß, ruhten alle Blicke gefesselt auf der wundervollen Fernsicht, deren Linien der klare Sommerabend in voller Reinheit zeichnete. Das goldene Mainz schien so nahe gerückt, daß man glaubte, die Häuser zählen zu können, Darmstadts Thürme hoben sich schlank und deutlich vom blauen Himmel ab und die untergehende Sonne goß glühende Verklärung über das schöne Thal und Nassaus malerische Hauptstadt. Bläulich grüßten die Bergketten des Taunus und des Odenwaldes zum Rhein hernieder, der, ein Silberstreif, die gesegneten Fluren und Weingelände durchschnitt. Es war ein Bild lachenden Friedens; um so schneidender wirkte das Bewußtsein des Gegensatzes zwischen der heute noch so schönheitserfüllten Gegenwart und der in kurzen Wochen, vielleicht schon in Tagen hereindrohenden Zukunft. Mit dunkler Schwinge konnte sich Tod und Verwüstung nur zu bald über diese in Sonnenglanz gebadete Landschaft niedersenken – –! Walte Gott! – Die durch die Mittheilungen des jungen Officiers neuaufgeregte Empfindung der bedrückenden Weltlage breitete sich gleich einer schweren Wolke über die Stimmung Aller; selbst das jüngste, sorgloseste Mädchenherz schlug banger im Gedanken an den Bruder, den Verwandten, den Freund des Hauses, der mit der Waffe in der Hand vielleicht schon morgen, übermorgen ausziehen sollte, der Kugel des Feindes zu begegnen. Und bald wurden die Gedanken zu Worten! Unruhe, die keinen Genuß an beschaulicher Rast vergönnte, ergriff in steigendem Unbehagen den kleinen Kreis und veranlaßte schon nach einer Stunde zum Aufbruch.

Je näher die Heimkehrenden kamen, desto mehr fiel ihnen im Umkreise der Stadt eine eigenthümlich wogende Bewegung auf. Ein Trupp Studenten zog des Weges, ihre glühenden Gesichter voll Erregung; im Chorgesang ließen die frischen Stimmen begeistert jene Worte ertönen, die sich nach wenigen Wochen als voller Klang der Leier überall dem deutschen Schwert gesellen sollten: „Lieb’ Vaterland, kannst ruhig sein!“ In der Stadt flutheten Menschen jedes Alters und Standes durch die Straßen. Die Worte des Telegramms zu unterscheiden, welches an den Eckplätzen angeschlagen und von dichtgedrängten Massen umgeben war, blieb den Frauen unmöglich, doch drangen aus den lebhaft sprechenden Gruppen, an denen ihr Weg sie wieder und wieder vorüberführte, einzelne schlagende Worte an ihre Ohren. Hier mit knirschendem Laut: „brusquez le roi!“ Dort mit gewichtigem Klang: „Das kostet ihnen Elsaß!“

Mit eiligeren Schritten drängten die Frauen vorwärts, an den gefüllten Colonnaden vorüber, durch die ungewöhnlich belebte Platanenallee, dem Curhausplatze zu, wo der Staatsrath seine Tochter in Empfang zu nehmen versprochen. Dort schien die steigende Woge der Bewegung auf ihren Gipfelpunkt gelangt zu sein; Säle, Veranda und Park waren voll ruheloser Gruppen, welche sich beständig lösten und immer von Neuem wieder bildeten, bald den Träger einer Uniform, bald den Vorleser eines Druckblattes, eines Briefes zum Mittelpunkte wählend. Aus einer dieser Gruppen trat die hohe Gestalt Wallmoden’s den Frauen entgegen und begrüßte sie mit den Worten: „Das Heer ist mobil!“




Die Saat geht auf.


Der Staatsrath hatte mit seiner Tochter die stets vollständig eingerichtete Stadtwohnung bezogen, um dem Mittelpunkte der vielfältigen Bewegung näher zu sein, als dies in der Villa geboten war. Das entfesselte patriotische Leben fluthete höher und höher. Seit der Bürgermeister auf offenem Markte, unter freiem Himmelsgewölbe die Einmüthigkeit aller Mitbürger für die deutsche Sache angerufen und seine Worte bei den um ihn geschaarten Tausenden freudigen Widerhall gefunden, hatte sich ein Bedürfniß opferwilliger Thätigkeit jedes Einzelnen bemächtigt. Vereine bildeten sich; in den Familien, wie an den Sammelpunkten öffentlichen Wirkens pulsirte thatkräftiges Leben und Treiben. Statt der entwichenen Curgäste und Fremden, aus deren Zahl zumeist nur solche zurückgeblieben waren, die sich aus Gesundheits- oder Privatrücksichten für mehrmonatliches Verweilen seßhaft eingerichtet, füllten sich Straßen und Plätze mit der Menge der Einberufenen. Alles drängte sich zur Fahne, Niemand blieb zurück, bei Alt und Jung derselbe Sturm der Begeisterung, dieselbe brennende Empfindung für die frevelhaft angetastete Ehre des Königs und der Nation, derselbe Schwur, nicht zu ruhen und zu rasten, bis Genugthuung gewonnen sei! Aus weiter Ferne flog die deutsche Jugend zum Dienste des Vaterlandes herbei. Hunderte von Familienvätern, die ungerufen erschienen, um die gewohnte Hand begierig nach der Waffe auszustrecken, mußten auf spätere Zeit verwiesen werden, da die Schaaren in unglaublich kurzer Frist vollzählig bereit standen. Mit erschüttertem Herzen, aber klarem Blick drückte der Mann Weib und Kind an die Brust, vielleicht auf Nimmerwiedersehen, und brach auch die Kraft der Mütter in Thränen, so begehrte selbst die Wittwe nicht, den Sohn zu halten – willig ließ das zuckende Herz den Liebling ziehen.

Das auf Kriegsstärke gebrachte achtzigste Regiment zog in der ersten Morgenfrühe von dannen. Als die Bataillone mit klingendem Spiel durch die Stadt nach dem Bahnhofe marschirten, lehnte Eugenie an der Seite ihres Vaters am Fenster. Die ganze Straße entlang waren Fenster und Thüren besetzt, weiße Tücher flatterten, hier und dort fiel aus zitternder Hand eine Blüthe, ein Zweig nieder, nachdem ein letzter, verhängnißvoller Gruß getauscht worden. Manche jugendliche Gestalt beugte sich beim Nahen der Truppen weit über die Brüstung und verschwand, vom geheimen Schmerz überwältigt, vom Fenster, ehe noch der Eine, dem ein Abschiedswinken gelten sollte, nahe genug kam, es zu empfangen. Manches todtblasse Frauengesicht blickte thränenlos und starr dem im Dufte des Morgens verschwindenden Sohne, dem Gatten nach, manche kalte Hand preßte das heiße, gequälte Herz. Auf den Straßen aber, zur Rechten und Linken der scheidenden Truppen, drängte sich Kopf an Kopf – die Heimbleibenden, die Verlassenen gaben ihnen das Geleite! Harmonisch stimmte der Jubelruf, das Hurrah der Männer zu den Cymbeln und Pauken an der Spitze des Zuges, und doch übertönte der muthige Kampfes- und Siegesklang das trostlose Schluchzen der Frauen und Kinder nicht, die neben dem fortziehenden Schützer und Ernährer liefen, aus strömenden Augen immer wieder nach der kräftigen Gestalt blickend, die heute statt der Pflugschaar, des Handwerksgeräths Wehr und Waffen führte – nach dem treuen Auge, das umsonst mit festem Mannesmuth die den Verlassenen gegenüber immer neuaufsteigende Zähre zerdrückte. – Das heißt Scheiden!

Eugeniens feuchter Blick suchte und fand Eckhardt um so leichter, da er als Adjutant zur Seite des Regiments-Commandeurs ritt. Dem Hause nahe gelangt, hob er den edlen, ernsten Kopf und senkte langsam grüßend den Degen. Der Staatsrath bog sich über die Brüstung und rief kräftig hinab: „Gott befohlen!“ Eugenie neigte das Haupt, ihre Wange wurde von unaufhaltsamen Thränen überströmt; während Rudolph’s Auge noch auf sie geheftet war, winkte sie mit der Hand und trat dann, ihrer Bewegung nicht mehr mächtig, vom Fenster zurück.

Trostlos schluchzend begrub sie ihr Gesicht in den Kissen des Sophas. Ihr war, als ging ein nie zu heilender Riß durch ihre Seele, die dunkle Pforte des Todes that sich vor ihrem Geiste auf, schauernd betrat sie die Brücke zur Ewigkeit! Wer würde heimkehren von Allen, die von dannen zogen, hier – und anderwärts! Sie erbebte – in diesem Augenblick heftete sich ihr die schwere Frage nur an zwei Gestalten! Der Eine hatte sie versöhnt verlassen – der Andere –?

Ihr Herz drohte still zu stehen.

Der letzte Sang und Klang verhallte; gleich Wogen, die nach dem Sturme in immer schwächerem Anprall gegen den Strand [611] schlagen, verlief sich die Menge auf den Straßen. Wallmoden schloß das Fenster, und gesellte sich zu seiner Tochter. „Du bist sehr bewegt, Eugenie,“ sagte er, indem er ihre Hand erfaßte. „Willst Du Dich nicht doch entschließen, Wiesbaden zu verlassen? Noch bleibt mir Zeit, Dich aus der Provinz an sichere Stätte zu bringen, Du magst selbst bestimmen, zu welchem unserer entfernten Verwandten oder Freunde; an Anerbietungen hat es ja nicht gefehlt. Daß Deutschland in diesem nationalen Kampfe siegen wird, steht mir außer Frage, aber wie beim Beginn des Krieges die Würfel fallen, läßt sich nicht voraussehen. Viele sind überzeugt, daß der Feind in wenig Tagen über unserer Grenze, noch vor Ende des Monats vielleicht in Frankfurt und Mainz sein wird – Das bedenke!“

Eugenie sah ihn mit den gerötheten, aber wieder klar blickenden Augen voll Ernst an: „Und Du willst hier bleiben, Vater?“

„Das ist meine Pflicht,“ sagte der Staatsrath.

„Und die meine!“ fiel Eugenie lebhaft ein. „Hältst Du es für möglich, daß das einfach hohe Wort der Königin unverstanden vor mir verhallt ist? Was ein Krieg an Elend und Aufgaben im Gefolge bringt, ist für uns kein bloßer Begriff, lieber Vater! Wir haben es erlebt, wir haben es geschaut – in unvergessener, kaum verklungener Zeit!“

„Wohl!“ sagte Wallmoden in schwerem Ton.

„Und damals, Vater, durfte, konnte ich Nichts thun für alle die Armen, die Leidenden! Damals hielt mich heiligere Pflicht, hielt mich die Liebe am Krankenbett der Mutter, aber so jung ich war, lieber Vater, so unerfahren und egoistisch traurig, vergessen habe ich es doch nie, was ich in jener Zeit erfuhr von den Opfern und Leiden des Krieges. Wie könnte ich Ruhe finden in der Ferne, im feigen Sicherheitsgefühl, wenn in der Heimath alle Hände, alle Herzen thätig sind! Nicht wahr, Du gönnst dies auch mir?“

Mit einem leuchtenden Strahl des mächtigen, meist so düsteren Auges legte Wallmoden leise den Arm um ihre Schultern. „Du wählst, wie es Dir ziemt,“ sagte er ruhig, „ich dachte Dich auch nicht abzumahnen, nur Dir Freiheit des Entschlusses zu wahren. Wirke, hilf und tröste denn in Gottes Namen, so weit Deine Kraft reicht. Daß es, so viel als möglich, innerhalb der Grenzen unseres Hauses geschieht, wird, denke ich, Dein Wunsch sein, wie der meine; es soll Dir ein so großes Feld bieten, als Du begehrst, und daß Du frei über unsere Mittel verfügen kannst, bedarf wohl keines Wortes. Sobald die ersten Schlachten geschlagen, wird es hier an Verwundeten nicht fehlen; schon wird vielfach vorgesorgt. Die Turnhalle, Schule und Caserne, auch das Paulinenstift sollen zu Lazarethen eingerichtet werden; für Leichtverwundete wird auf Privatpflege gerechnet. Ich stelle Dir anheim, zu diesem Zwecke in der Villa Vorbereitungen zu treffen. Hier im Hause ist für Einquartierung weiter zu sorgen, wie bisher, der jungen Hausfrau wird also ein weites Feld der Wirksamkeit eröffnet. Ich stehe natürlich mit Rath und That zu Deiner Disposition, soweit der Dienst es mir erlaubt.“

„Der Dienst?“ fragte Eugenie überrascht.

„Ich habe mich dem Regierungspräsidenten zur Verfügung gestellt, und meine Wirksamkeit ist angenommen worden,“ sagte Wallmoden gelassen, indem er das freudige Umfangen seiner Tochter fast abweisend hinnahm; „woher Dein Erstaunen über Selbstverständliches, Eugenie? Herzog Adolph hat sich und die Seinen dem Kriegsherrn des deutschen Heeres zur Verfügung anheim gegeben, mit derselben Würde, die ihn stets im Ertragen seines herben Geschickes geleitet. Ich habe es nie verhehlt, daß mir der depossedirte Fürst mein Fürst geblieben, und ehre ihn heute mehr denn je als deutschen Herzog, deutschen Mann, dessen Wege seine alten Diener allzeit einschlagen dürfen, denn sie sind von Würde und Edelmuth vorgezeichnet.“

Eugenie hob das schöne Angesicht mit strahlendem Ausdruck zu ihm empor und flüsterte, indem sie ihre heiße Wange an seine Schulter lehnte: „Ja, Friede, schöner Gottesfriede muß das Ende dieses heiligen Kampfes werden, denn Friede ist schon sein Anfang!“

[624]
Ein Feldpostbrief.


Die ersten Schlachten waren geschlagen. Von jenem Tage an, wo der Zeitungsträger zum ersten Male mit einem Papierstreifen um den Hut, der in Riesenbuchstaben das Wort „Sieg“ trug, Morgens am Kochbrunnen erschienen war, wo ganz Wiesbaden wenige Stunden später der Heldengestalt des vom Hauptquartier in Mainz herübergekommenen Königs zugejauchzt hatte, folgte eine Siegesbotschaft der andern. Die Häuser legten den bunten Flaggenschmuck nicht mehr ab, Glockengeläute und Böllerschüsse gaben jeder neuen, berauschenden Mähr weithin schallenden Ausdruck, und die Tausende, welche im Sonnenlichte gejubelt, vereinten sich im Sternenschein auf dem Markte, um im Angesichte des Gotteshauses dem höchsten Lenker aller Schlachten in begeistertem Chorgesang dankbare Lob- und Preislieder anzustimmen.

Aber all dies Jauchzen vermochte das Stöhnen, das Schluchzen nicht zu übertönen, welches zu gleicher Zeit mit geisterhafter [626] Allgegenwart das Land durchklang. Schon waren in Bieberich ganze Schiffe voll Verwundeter angekommen, schon wußte man in Wiesbaden, wie hart das achtzigste Regiment gelitten, sah man tiefgebeugte Gestalten im schwarzen Ehrenkleide einherwanken. Aus dem einen Hause hastete man angstvoll in die Ferne, um den theuren Verwundeten heimzuholen, oder doch wenigstens Trost und Pflege zu bringen; in dem andern harrte man mit erstarrender Furcht von Stunde zu Stunde vergebens auf ein noch immer ausbleibendes Lebenszeichen. Die Namen der verwundeten, gefallenen Officiere wurden rasch bekannt, die der Soldaten, der Freiwilligen ließen lange auf sich warten, und in den höchsten, wie in den ärmsten Ständen zitterten brechende Herzen in verzweiflungsvoller Ungewißheit um ihr Theuerstes.

Täglich brachten die Bahnzüge Verwundete und Gefangene; die Lazarethe füllten sich und ihre Räume fingen an nicht mehr zu genügen. Unter der Leitung des Regierungsraths Gotter ließ die Behörde die ausgedehnten Räumlichkeiten eines leerstehenden Privathauses zu einem von Frauen aller Stände geleiteten und bedienten Hospitale einrichten. Mit heiligem Eifer setzte Jede, die sich dem freiwilligen Liebesdienst gewidmet, die ganze Summe ihrer Kraft ein. Mochte es nun gelten, mit klugem Hausfrauenblick die Thätigkeit in der zur Speiseanstalt erweiterten Küche zu leiten, oder im Verbandzimmer schaffend und ordnend zu wirken, mochte es gelten, mit Aufgebot aller geistigen Kraft in den von hundert Bildern des Jammers angefüllten Sälen von Lager zu Lager zu wandeln – überall war und blieb es doch das gleiche, unermüdliche Selbstvergessen, die gleiche Opferwilligkeit! Mit jener Energie, die hoher Wille verleiht, stählten sich die reizbarsten Nerven gegen den steten Anblick herzzerreißenden Wehs, und viele bis dahin nur an Ruhe und Behagen gewöhnte Frauen ermüdeten nimmer, mit leichter Hand Wunden zu verbinden, mit frommem Trosteswort das brechende, sehnsuchtsvoll die ferne Heimath suchende Auge aufzuhellen.

Auch Eugenie fand und übte diese Kraft. In den hohen, luftigen Räumen der Villa standen zwanzig Lagerstätten vertheilt, auf denen mehr oder weniger schwer verwundete Soldaten der endlichen Genesung entgegenharrten. War unter ihnen auch kein Amputirter, kein ganz Hoffnungsloser, so veranlaßte doch die vorzügliche Einrichtung, welche dort zur Pflege getroffen war, den leitenden Arzt, diesem Asyl namentlich solche Verwundete zuzuweisen, deren Zustand besondere Sorgfalt erheischte. Eine Diaconissin, von zwei Dienerinnen des Hauses unterstützt, übte die eigentliche Krankenpflege, der sich Eugenie, von ihr unterwiesen, nur in einzelnen Fällen persönlich widmete, denn die Zeit der jungen Hausfrau war durch Leitung des Ganzen vielfach in Anspruch genommen. Doch gab es bestimmte Stunden, von deren Einhalten Eugenie sich durch Nichts abhalten ließ; stets war sie bei Vertheilung der sorgsam zubereiteten Mahlzeiten, stets zur Stunde der ärztlichen Besuche anwesend, trug überhaupt den ganzen Reichthum ihres eigensten Wesens auf die Sorge für Wohlergehen und Tröstung ihrer Kranken über.

So oft die anmuthige Gestalt bei ihren Pflegebefohlenen eintrat, wandten sich ihr alle Augen aufleuchtend zu, denn für Jeden brachte sie das wohlthuende Wort, den erquickenden, freundlichen Blick und meist für Einen unter ihnen eine besondere Gabe, deren Empfang mit um so neidloserer Freude von den Andern miterlebt wurde, als morgen die Reihe froher Ueberraschung an einen Zweiten kam. War es nun ein Brief aus der Heimath, den sie frohlockend an’s Lager des Sehnsuchtsvollen trug, war es eine Nummer der Gartenlaube, eine frische Rose, eine saftige Frucht, deren Genuß der Arzt ausnahmsweise gestattet – das Kleinste wurde gereicht und empfangen mit dem reinen Gefühl doppelter Freude. Heute brachte sie dem blutjungen Füsilier ein buntes Shawlchen, das er voll Stolz um den Hals schlang, da es ihm als selbstgestrickt bezeichnet wurde, morgen dem bärtigen Landwehrmann ein Kistchen mit Spielzeug, an dessen Theilen die vorher abgefragten Namen seiner kleinen Kinder befestigt waren, um es nun eigenhändig mit der Adresse zu versehen. Jetzt erklärte sie mit heiterem Lächeln ein humoristisches Kriegsbild, dann saß sie am kleinen Tische neben dem Bett, die Feder in der Hand, und ließ sich mit sanftem Aufblick den Brief in das heimathliche Dorf dictiren. Wenn die weiße Mädchenhand leise, wie kühlender Windhauch über die fieberheiße Stirn strich, wurde der Stöhnende ruhiger und die von derselben Hand gereichte Limonade erfrischte mehr als vorher. Hier ein Kissen höher rückend, dort ein mitleidig tröstendes Wort spendend, überall empfangen wie ein auf’s dunkle Lager fallender Sonnenstrahl, glitt das holde Bild der Barmherzigkeit von Bett zu Bett, das Herz erschüttert, vom tiefsten Ernste durchhaucht, und doch von einem Gefühl der Erhebung getragen, welches Kraft zum Miterleben der schweren Leiden verlieh.

Zum ersten Mal empfing das in abgeschlossenem Kreise aufgewachsene Mädchen einen Begriff von dem natürlichen Adel der Nation, welcher sie angehörte. Fast mit Ehrfurcht staunte sie die geistige Kraft, den moralischen Muth an, womit von einfachen Männern des Volkes die quälendsten Schmerzen erlitten, die härtesten Geduldsproben ertragen wurden. Das angeborene, dem eigenen reinen, kraftvollen Sinne entsprossene Schicklichkeitsgefühl, die warme, für den kleinsten Beistand geäußerte Dankbarkeit, die tiefe Liebe zu Heimath, Weib und Kind, welche sich in hundert rührenden Zügen äußerte, ergriff ihr Herz täglich von Neuem und flößte ihr höheren Stolz ein, eine Deutsche zu sein und zu heißen, als alle Triumphe der Schlachten.

Das Tagewerk war beendet. Der Arzt hatte seinen Abendbesuch gemacht, die Kranken waren frisch verbunden, die letzte Mahlzeit vertheilt, und Eugenie zog sich zurück, nachdem sie den Wunsch einer guten Nacht von dankbaren Stimmen empfangen. Nun saß sie ruhend am Fenster des Balconzimmers, dessen Einrichtung unverändert geblieben war, und gab sich, ehe sie zur Stadtwohnung zurückging, jenem Träumen hin, das bei körperlicher Ermüdung und geistiger Regsamkeit so leicht die Sinne umfängt. Was unter der drängenden Thätigkeit der letzten Wochen in ihr verstummt war, trat mit plötzlichem Mahnen wieder heran – Vergangenheit! Vergangenheit! Gefährliche Erinnerungen zogen sie an, lockten zum Versinken, wie das Wasser mitunter locken kann, wenn man zu lange träumend in die Wellen blickt. Wie mit einem Zauberschlage erstand vor ihrem Auge und Ohr jene Abschiedsscene, die, ewig unvergessen, in diesen Räumen erlebt worden! Als deren erster Jahrestag wiederkehrte, brannte die Wunde noch so heiß, daß sie es kaum zu ertragen gemeint – vor Kurzem hatte sich der Tag zum zweiten Male erneut und, verdrängt von tausend Pflichten und Sorgen, nicht einmal ihr Gedächtniß berührt. Warum nun heute? Warum ewig wieder der Blick dieser Augen, der Klang dieser Stimme, die vielleicht jenes Tages längst vergessen, oder doch, wenn Erinnerung lebendig geblieben, der Abschiedsstunde in Groll gedachten?!

Heiße Gluth brannte auf Stirn und Wange, hastig, als wollte sie fliehen, erhob sie sich und griff nach Hut und Schirm. Ehe sie aber noch das Zimmer verlassen, öffnete sich die Thür und mit soldatischem Schritt trat eine Ordonnanz des Etappenbureaus ein, stellte sich kerzengerade vor ihr auf und überreichte ihr einige Briefe. Diese Erscheinung bot nichts Ungewöhnliches, da fast täglich ein oder der andere Feldpostbrief für ihre Pflegebefohlenen abgegeben wurde. Mit leisem Bedauern, daß ihr nicht vergönnt war, noch heute Freudenbringer zu sein, öffnete sie, nachdem die Ordonnanz gegangen, ihr Pult, um die Briefe bis zum nächsten Morgen zu verwahren. Während sie dieselben durch ihre Finger gleiten ließ, um zu sehen, welche Adressen sie trugen, fuhr sie plötzlich zusammen. Unter den unscheinbaren Couverts schimmerte eines hervor, das, von fester charaktervoller Männerhand beschrieben, ihren eigenen Namen trug. Die Schriftzüge waren ihr fremd; gleich den übrigen Schreiben war auch dieses mit der Bezeichnung: „Feldpostbrief“ und dem gleichen Stempel, ohne Ortsbezeichnung, versehen. Der Name des Absenders fehlte.

Zögernd wog Eugenie den Brief in der bebenden Hand; er schien mehr zu umschließen als nur ein beschriebenes Blatt. Endlich erbrach sie das mit einem einfachen Genfer Kreuze bezeichnete Siegel. Aus dem losen Bogen, welchen sie hervorzog, fiel ihr ein Orangenzweig entgegen, die Blätter frisch, wie eben gepflückt, die zarten Blüthen welk, aber vom süßesten Duft durchdrungen. Blaß wie diese Blüthen starrte Eugenie das Briefblättchen an; es trug nichts als ein Datum – das des unvergeßlichen Tages ihres Lebens!




Vor Sedan.


Schwül und sternenlos breitete sich die letzte Nacht des August über die weiten, von der Maas durchschnittenen Thalflächen aus. Zur Rechten und Linken des Flusses hatten sich [627] Tags über zwei Armeen nordwärts bewegt, die vom Kronprinzen von Sachsen geführte östlich, jene des Kronprinzen von Preußen westlich des Stromes.

Mit einbrechender Nacht hatte letztere ihre Bivouacs bezogen, deren vorderste Ausläufer sich fast bis zum Dorfe Vendresse erstreckten. Mitunter blitzte ein Wetterleuchten auf, als wollte es die Wachtfeuer grüßen, welche meilenweit hin aufflackerten. Um dieselben her lagerten die Mannschaften vor brodelnden Kochgeschirren; fröhlicher Lärm und allerlei Kurzweil tönten aus den beweglichen Gruppen. In gemessenen Entfernungen standen gewaltige Pyramiden aus Gewehren, die Helme auf den Bajonneten, die Riemen der Patrontaschen um die Schäfte geschlungen, lange Reihen von Laubhütten und Zelten dazwischen, hier und da sogar eine von den Pionnieren rasch zusammengeschlagene Bretterbude. Da die Nacht erst vor Kurzem hereingebrochen, war noch überall Leben; dennoch blieb der allgemeine Eindruck der einer gebundenen Stille, die jeden Laut einzeln unterscheiden ließ.

Vom Ufer her ertönte Pferdegetrappel; ein Cavallerieofficier ritt an der Spitze einer Patrouille querfeldein, dem Lager zu und befragte den nächsten Posten nach der Richtung, in welcher das Standquartier des Generals von Gersdorff aufzusuchen wäre. Dann sprengte er weiter durch die Zelte, hier und dort anhaltend, bis er das Lager des elften Armeecorps gewonnen hatte.

Im Helldunkel blitzte die Schärpe eines Adjutanten; der Reiter hielt an und bat um Orientirung, um eine für General von Gersdorff bestimmte Meldung baldmöglichst abzugeben.

„Bedaure, Herr Rittmeister, daß eine Verzögerung von mindestens einer Stunde unvermeidlich,“ entgegnete eine Stimme, deren Klang seltsam bekannt an das Ohr des Gardeofficiers schlug. Zugleich trat der Sprechende einen Schritt vor, und ein Schein des nahen Wachtfeuers fiel auf sein Gesicht. „Der General ist augenblicklich nicht anwesend, wird aber noch vor Mitternacht in sein Zelt zurückkehren. Ist Ihnen gefällig, einstweilen abzusitzen, Herr von Triefels, und meine Begleitung zu den Cameraden anzunehmen?“

„Gern, Herr Lieutenant,“ sagte Triefels verbindlich; „ich würde Ihnen aber doppelt dankbar sein, wenn Sie mir Ihre Begleitung vorerst zu einer kurzen Promenade gönnen wollten, falls nichts Sie abhält; nach dem scharfen Ritt wäre mir solche Fußwanderung in Gesellschaft eines alten Bekannten besonders erwünscht.“

Eckhardt verbeugte sich, und nachdem er seinen Leuten Weisung gegeben, schritt Triefels neben ihm durch die Zeltreihen. Der Pfad war dämmerig, fast dunkel, kein Lüftchen regte sich; hin und wieder blinzelte ein einzelner Stern wie verloren zwischen den Wolkenmassen. Hörbar klangen die Schritte der beiden Officiere durch die Nachtstille; mitunter klirrten die Sporen der schweren Reiterstiefel leise dazwischen.

„Darf man fragen, welcher Anlaß Sie über die Maas geführt, Herr Camerad?“ fragte Eckhardt nach geraumer Pause.

„Soweit er mir bekannt, gewiß,“ antwortete Triefels; „die Depesche, welche ich überbringe, bezieht sich auf Marschbewegungen der nächsten Tage. So viel man vernimmt, wird unsere Armee östlich der Maas vorgehen und den Weg zwischen dem Flusse und der belgischen Grenze sperren; bis wir beiderseits die nördliche Spitze erreicht, soll Fühlung mit der Ihrigen erhalten bleiben.“

Wieder schritten Beide schweigend vorwärts.

„Sind Sie in brieflicher Verbindung mit Ihrem Garnisonsorte?“ fragte Triefels plötzlich.

„Ja.“

„Und wie geht es – – erfuhren Sie Neueres über die Familie Wallmoden?“

Eckhardt blieb unwillkürlich stehen, wie festgemauert. Sein Blick bohrte sich durch das Dunkel in den seines Begleiters. Er antwortete nicht.

„Sie begreifen, Herr Lieutenant, daß dieses Thema einmal zwischen uns zur Sprache kommen muß, je früher, desto besser,“ sagte Triefels mit Nachdruck. „Ein Zweifel über die Vorgänge, wobei wir handelnde Rollen gespielt, ist uns Beiden schwerlich geblieben. Vielleicht hat es Sie überrascht, daß ich damals abreiste, ohne Sie – aufzusuchen.“

„Es hat mich überrascht.“

„Wirklich? – In diesem Falle unterschätzten Sie mich mehr, als ich erwartete. Ich habe mir, Ihnen gegenüber, gleichen Vorwurf nicht zu machen, denn ich ließ Ihnen Gerechtigkeit widerfahren. Sie haben gehandelt, wie es Ihnen ziemte. Ich gleichfalls. Was bedeutet sogenannte Genugthuung, einem Riesenverluste gegenüber! Ueberdies erscheint mir ein Duell, bei dem der Fordernde sich als Schuldiger fühlt, nicht von größerem Werth, als die ohnmächtige Thräne eines Weibes, die zuletzt nur auf ihre eigene Wange zurückfällt.“

„Sie ehren mich durch ein Vertrauen, das ich nur mit der Versicherung erwidern kann, daß ich Ihre Auffassung verstehe und theile,“ entgegnete Eckhardt in zurückhaltendem, aber weniger kaltem Tone als bisher.

„Und würden Sie sich jetzt dazu verstehen, mir einige Fragen zu beantworten?“ fragte Triefels rasch.

Die Erwiderung klang gepreßt: „Soweit es in meinem Bereiche liegt – ja.“

„Dann bitte ich, mir einen Rückblick zu gestatten. Waren meine Schritte den Cameraden gegenüber von dauerndem Erfolge? ist jenes – Tischgespräch im Nassauer Hofe nicht in weiteren Kreisen bekannt geworden?“

„Darüber kann ich Sie beruhigen. Man mag hin und wieder geflüstert haben, laut wurde Nichts; jedes auftauchende Gerücht verklang, ehe es Boden gewonnen; allerdings mehr, als zu erwarten stand.“

Triefels runzelte leicht die Stirn. „Ich hatte mir Stillschweigen nachdrücklich erbeten und – nicht in allen Fällen verzichte ich auf Ausgleich durch die Waffe! Nun zur Gegenwart – wie geht es bei Wallmodens?“

„Der Staatsrath ist neuerdings wieder amtlich thätig. Daß Fräulein Eugenie noch im väterlichen Hause lebt, ist Ihnen vielleicht bekannt,“ sagte Eckhardt mit Ueberwindung; „mein Onkel schreibt, daß sie sich mit großer Hingabe der Pflege Verwundeter widmet. Ich selbst sprach sie kurz vor dem Ausmarsche; sie befindet sich wohl.“

Von Neuem senkte sich Todtenstille fast greifbar zwischen die Wanderer, bis auf einmal, gleich einer Windsbraut, die Frage hervorbrach: „Hat sie je das Vergangene gegen Sie berührt?!“

„Herr von Triefels!!“

„Sie haben Recht; entschuldigen Sie mich,“ murmelte Triefels düster; „selbst unter Freunden hat Offenheit ihre Grenzen – geschweige denn –“

Die jungen Männer waren, achtlos weiterschreitend, auf einer freien, links von Buschwerk begrenzten Stelle angelangt. Die Wolkenmassen hatten begonnen, sich zu theilen, nur in der Ferne sprühten noch einzelne Blitze durch die Schwüle; rings wurde es lichter, der Mond stieg auf, halbverschleiert. Sein Strahl küßte in gebrochenem Schimmer das Laub der Büsche, die thauige Wiese; jeder Grashalm erzitterte in weichem Lichte. Vom nächsten Posten her klang leise eine melodische Baritonstimme durch tiefste Stille:

„Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad’“ –

Eckhardt hielt den Schritt an; sein abgewandtes Auge richtete sich ernst auf seinen Begleiter. „Cameraden sollten sich in der That keine Antwort schuldig bleiben,“ sagte er ruhig. „Ja, Herr von Triefels, Eugenie hat über das Vergangene mit mir gesprochen; es waren die letzten Worte, die wir tauschten. Vielleicht gilt dies heute auch für uns Beide. Wie es auch kommen mag, Sie sollen Wahrheit hören. Ich glaubte einst, Kämpe für das Recht sein zu[WS 2] müssen – vielleicht ward dabei ein Glück zerstört. Vergessen – sind Sie nicht!“

Triefels ergriff mit festem Druck die kalte Hand, welche sich ihm rasch wieder entzog. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, schlugen Beide den Weg zurück, nach den Zelten des Hauptquartiers ein.




Der Nachmittag des ersten September rückte vor. In siegendem Glanze strahlte die den Nebelschleiern des Morgens längst entrungene Sonne auf die Thalschlucht nieder, in deren Mitte die Festung Sedan lag, umschlossen von den dichtbewaldeten Ardennen. Hell schlängelte sich die blitzende Maas durch üppiges Wiesengelände. Ueber den Wipfeln der Laubwälder hingen noch einzelne Nebelstreifen wie geisterhaftes Gespinnst. Und auf den Höhen, in den Gründen hatte seit sechs Uhr Morgens die verhängnißvollste aller Schlachten gewüthet.

[628] Seit einer Stunde schwiegen die Batterien; im Kampfe war eine Pause eingetreten. Einer lebendigen Mauer gleich schlossen sich die Sieger des blutigen Tages als doppelter, dreifacher Ring um die Veste und blickten voll wachsender Spannung nach den Wällen, auf denen sich die erwartete Parlamentärflagge noch immer nicht zeigte. Und doch war den Franzosen nur noch die eine Wahl zwischen Ergebung und Vernichtung geblieben.

Tausende von Gefangenen waren in Schaaren zusammengetrieben, Tausende von Todten und Verwundeten bedeckten das weite Schlachtfeld – Mann und Roß, Freund und Feind in jammervoller Eintracht aufeinander gehäuft. Hinter den Kampfeslinien zogen sich ringsum die Sanitätsdetachements. In unheimlicher Geschäftigkeit wanderten Krankenträger mit Bahren und Matratzen rastlos hin und wieder; jene leichten, auf Federn ruhenden, mit Riemen und verhängnißvollen Vorrichtungen aller Art ausgestatteten Fahrzeuge, mit Frischverbundenen immer von Neuem gefüllt, rollten in langsamer Behutsamkeit von den Verbandplätzen den nächstgelegenen Lazarethen zu, um dann, ihrer stöhnenden Insassen entledigt, in raschem Trabe zurückzukehren.

Einen Schleier über die Stätten, wo blühendes Leben wider Qual und Tod streitet!

Eben sprengt ein Adjutant über das Feld hin; er scheint in höchster Eile; plötzlich aber reißt er so scharf den Zügel zurück, daß sein Schimmel sich hoch aufbäumt, ehe er ihn zum Stehen bringen und absitzen kann. Das Pferd am Zügel, folgt er raschen Schrittes einer eben vorübergetragenen Bahre, auf deren Matratze ein Officier ruht, die Augen geschlossen, das Haupt zurückgesunken. Wie ein Marmorbild starrt Eckhardt auf den Regungslosen. Er faßt die schlaff herabhängende Hand und ruft mit dringendem Ton: „Triefels!“ Kein noch so leises Regen antwortet ihm. Während er die kalte Hand aus der seinen gleiten läßt, wendet er sich zu einem der Träger: „Schwer verwundet?“ –

„Durch die Brust geschossen!“

Mit einem Seufzer, der aus dem Grunde der Seele kommt, schwingt sich der Officier auf’s Pferd und reitet in gestrecktem Laufe weiter.

Im nächsten Augenblicke dröhnt es von Neuem auf; der Befehl zur Beschießung der Festung war an die vor den Höhen stehenden baierischen Batterien gelangt. Zündend fliegen die Granaten auf Wälle und Straßen, Alles zerstückelnd, zertrümmernd. Jetzt lodert ein mit Stroh gefülltes Magazin hoch auf; zugleich mit der aus dunkelm Rauchwirbel aufschlagenden Flamme erhebt sich auf dem Walle der Festung die weiße Fahne.

Wie der Sturmwind von Wipfel zu Wipfel über den Wald hinfährt, brauste bei diesem Anblick aus hunderttausend Kehlen ein donnerndes Hurrah! Jauchzen und Springen, Mützenschwenken und Helmeheben, Hochrufe für König und Vaterland blitzten, zündeten gleich einem Lauffeuer durch alle Bataillone und Schwadronen! Als Eckhardt bei seinem Regiment anlangte, ritt eben dessen Commandeur vor die Front. Auf einmal wurde es todtenstill; in kurzen, begeisternden Worten forderte der Oberst seine Truppen zum Danke gegen Gott auf. Wie durch sympathische Uebereinkunft stimmten beide Chöre der Brigade auf denselben Tactschlag den Choral an: „Nun danket Alle Gott!“ und entblößten Hauptes fielen Tausende von Kehlen in strömendem Gesange ein.

Die Schatten des Abends begannen sich über die Betenden herabzusenken. Plötzlich tauchte glühender Wiederschein die Gruppen in helle Beleuchtung – die Flammen von Bazeilles rötheten den Himmel mit feuriger Lohe.

[644]
Ein Mädchenherz.


Von Novemberstürmen geschüttelt, sank das buntgefärbte Laub täglich reichlicher nieder, und die Bäume des Parkes streckten schon gar öde kahle Arme aus, als zwei Damen zur Mittagszeit dessen Gänge durchschritten. Dennoch schien die Sonne noch warm genug, um einen Spaziergang angenehm zu machen; überdies [645] sprach und erzählte die Aeltere von Beiden mit so großer Lebhaftigkeit, daß Eifer in diesem Augenblicke ihr wohl ebenso sehr die Wangen röthete, als die herbstlich frische Luft. Mitten in ihrem Vortrage unterbrach sich die würdige Dame jedoch mit einem Male, um ihrer schweigsamen Begleiterin vorwurfsvoll zuzurufen: „Aber Eugenie, interessirt Sie denn das gar nicht?!“

Obgleich die stattliche Gestalt der Präsidentin, welche diese Worte ertönen ließ, noch immer die Hälfte des Pfades ausfüllte, finden wir doch heute ihre vollen Wangen etwas schmaler als dereinst. Kein Wunder! denn unter jenen Wiesbadener Damen, welche den Frauendienst des Krieges übten, wurde sie in erster Linie genannt. Freilich spielte dabei zuweilen ein Lächeln mit, und die in solchem Zusammenhange fast frivol klingende Behauptung Mancher, daß sie ihr Amt der Menschenliebe con amore betreibe, war nicht ohne harmlose Berechtigung. Das stete Bedürfniß der ebenso gutherzigen als lebensfrohen Frau, auf Andere zu wirken und sich in ihrer Umgebung zu sonnen, ließ sie die ihr übertragene Leitung des Regierungslazareths mit einer Art von Leidenschaft führen. Frei von persönlichen Pflichten, ging sie in der Sorgfalt und den Interessen für ihr Hospital völlig auf und war davon so durchdrungen, daß sie auch außerhalb desselben nicht im Stande war, ihre Gedanken auf irgend einen andern Punkt zu richten. Wurde ihr halb scherzend vorgeworfen, daß Knochensplitter ihr liebstes Thema wären, so begann sie, jede Ironie arglos überhörend, sofort eine neue Krankheitsgeschichte. Kein Zug entging ihrer Beachtung, weder jener des Humors, der auf dem Januskopfe alles Menschlichen auch inmitten des größten Elends seine schalkhaften Linien zeichnet, noch die rührenden Episoden, welche, an nahe oder ferne Fäden geknüpft, diesen Krankenbetten mitunter so weihevoll nahten. Sie legte überall Hand an, wo es Noth that, griff geschickt zu, wenn es galt, einen schwer Leidenden umzubetten, hielt mit ihrem starken Nervensysteme selbst bei Operationen muthig aus und war die beste Gehülfin des Arztes. Dabei kannte sie die Leiden, Wünsche und Bedürfnisse, selbst die Launen jedes Einzelnen in allen Sälen, und wo immer ihr rundes mütterliches Gesicht sich blicken ließ, konnte man sicher sein, zugleich Behagen und Humor auftauchen zu sehen. Ja, es war ihr wirklich begegnet, von einem jungen Blute ganz treuherzig als „Mama“ bezeichnet zu werden, und, weit entfernt davon, dies dem gemüthlichen Rheinländer übel zu nehmen, war sie nicht wenig stolz auf ihre Popularität.

Nichts war ihr unbegreiflicher als ein Mangel an Enthusiasmus, wo es diese Interessen galt, und deshalb hatte sie auch jetzt voll staunenden Vorwurfs gerufen: „Aber interessirt Sie denn das nicht?“

Eugeniens von der Sprecherin halb abgewandtes Profil veränderte seine Richtung nicht. Wie in tiefster Zerstreuung hingen ihre Augen auf dem welken Laube, das den Boden deckte; sie ging vorwärts, doch glich ihre Bewegung der einer schreitenden Statue, so lautlos, so, man möchte sagen, regungslos glitt die schöne Gestalt dahin; Alles an ihr schwieg und lauschte, nur die langen Wimpern zitterten leise.

„Sie können doch diesen reizenden Menschen unmöglich bis auf den Namen vergessen haben!“ eiferte die Präsidentin, als selbst ihr Anruf keine Erwiderung fand. „Den vollendetsten Cavalier, der sich vor ein paar Jahren so angelegentlich um Sie bemüht hat! Ach, denke ich an diese Ballnacht und sehe ihn jetzt so hülflos auf dem Krankenlager, dann steigen mir Thränen in die Augen! Solch herrliches Bild frischesten Lebens, und nun seit Monaten im jammervollsten Zustande; nach unsäglichen Leiden kaum dem Tode entgangen!“

„Aber jetzt –“ sprach Eugenie tonlos, „sagten Sie nicht vorhin, Herr von Triefels sei außer Gefahr?“

„Außer Lebensgefahr, ja!“ nickte die Präsidentin, „aber wie elend noch! Bedenken Sie nur, liebes Kind, was ich Ihnen eben erzählte! Viele Wochen lang im Hospital zu Douchery, ohne daß nur daran zu denken war, ihn zu evacuiren, und nun die Anstrengung des Transports, von Etappe zu Etappe! Noch gestern sagte er mir, wie er sich an’s Ziel gesehnt, daß er solch Vertrauen zur hiesigen Quelle hat, und wie es ihn gequält, daß die Aerzte immer wieder tagelange Rast gefordert, ehe sie die Weiterreise gestatteten. Wir wollen ihn aber schon gesund pflegen! Ich bin sehr froh, daß die Officierszimmer in der Wilhelmsheilanstalt alle besetzt waren und er zu uns gekommen ist. Es freut ihn selbst, er hat es mir gesagt, und ich mußte ihm täglichen Besuch versprechen. Ei, versteht sich! Von Unterhaltung ist nun freilich nicht viel die Rede, die Brust muß noch sehr geschont werden, und vieles Sprechen ist ihm untersagt, aber man kann doch ein paar Worte wechseln, kann ihm Dies und Jenes zu Gefallen thun!“

„Und er wird genesen?“ fragte das junge Mädchen kaum hörbar.

„Vollständig!“ erklärte die Präsidentin zuversichtlich. „Der Arzt ist ganz zufrieden. Alles geht gut, weit besser als man zuerst erwarten konnte. Noch einige Wochen und wir sehen den tapfern Helden wieder als brillanten Cavalier. Denken Sie, Eugenie, er hat nach Ihnen gefragt, wollte wissen, ob Sie in Wiesbaden anwesend wären. Ich werde ihn von Ihnen grüßen.“

Die kleine, selbst durch den Handschuh eisig zu fühlende Hand spannte sich mit heftigem Drucke um den Arm der alten Dame. „In keinem Falle,“ sagte Eugenie mit halberstickter Stimme – „in keinem Falle!“

„Das ist aber Prüderie, meine Liebe,“ erwiderte die Präsidentin verdrießlich; „mein Gott, ein so schwaches Zeichen der Theilnahme, wie ein Gruß ist, kann man doch wahrlich einem alten Bekannten auf seinem Schmerzenslager gönnen.“

„Einem alten Bekannten, ja!“ sagte Eugenie jetzt mit voller Herrschaft über Ton und Blick; „aber wenn Sie bedenken, wie viel Zeit, welche Ereignisse zwischen einem längst verklungenen Ballabend und heute liegen, so geben Sie mir gewiß zu, daß ein Gruß von mir Herrn von Triefels befremden müßte, wenn ihn auch das Zusammentreffen mit Ihnen flüchtig an seine Tänzerin erinnert hat. Bitte also, lassen Sie es lieber!“

„Wie Sie wollen,“ schmollte die Präsidentin; „wäre ich an Ihrer Stelle, so schickte ich ihm nicht nur einen Gruß, sondern eine Rose, oder sonst etwas Zartes, wie es dem Kranken wohl thut, einem Helden gebührt! Aber ganz, wie Sie wollen; ich bescheide mich ja!“

Eugenie lächelte gedankenvoll, während sie der alten Dame in die vergebens unwilligen Ausdruck versuchenden Augen blickte und stehen blieb, um sich von ihr zu verabschieden, da Beide an dem zur Villa sich abzweigenden Pfade angelangt waren. Mit rascher Bewegung hob sie die Hand der Präsidentin an ihre Lippen und sagte liebevoll: „Wer von Ihnen gepflegt und gehegt wird, bedarf Nichts von außen!“ – Versöhnt und befriedigt blickte die gute Frau der lieblichen Gestalt nach, die im Hause verschwand, und setzte mit Ruhe ihren Weg nach der Stadt fort, nicht ahnend, welchen Sturm ihre Mittheilung im Innersten ihrer jungen Freundin zurückgelassen.

Er war hier! in ihrer Nähe! Verwundet – seit Monaten von Schmerzen gequält! – so nahe war ihm der Tod gewesen, daß eine Linie tiefer sein Herz für ewig still stehen ließ – das Herz, welches sie so streng von sich gewiesen! – Heute kämpfte sie nicht mehr gegen das ihre! Jeder Pulsschlag flog dem Geliebten zu, sie wog weder eine Schuld, noch dachte sie an Vergeben; nur ein Bewußtsein war kraftvoll lebendig: sie fühlte sich die Seine! Niemals hatte sie dem Erlebten freiwillig nachgehangen, es immer von Neuem fast gewaltsam von sich gescheucht und doch empfunden, daß Erinnerung gleich einer ewigen Lampe im tiefsten Schacht ihrer Seele glühte.

Eugenien war zu Muthe, als sei ein Reif gelöst, der gewaltige Kräfte gefesselt – und sie irrte nicht, denn die höchste Kraft ihrer Natur war Treue! Ihr stets zu den Höhen des Lebens strebendes Wesen hatte unter dem langen Widerstreite des Nichtwollens und doch Müssens unendlich gelitten, jetzt hob befreites Bewußtsein sie plötzlich weit über Kampf und Streit. Zugleich aber pochten die verzärtelten Kinder der Liebe, Sehnsucht und Erbarmen, mit mächtiger Stimme an ihr Innerstes! Seit dem Empfang jener Blüthen wußte sie, daß ihr Bild unerloschen in Triefels’ Seele lebte – durfte, mußte sie nicht jetzt durch ein ähnliches stummes Zeichen, das ihrer Frauenwürde nichts vergab, Licht über sein Schmerzenslager gießen? Alle die Gestalten, welchen ihre Hand seit Monaten Tröstung gereicht, all die Leiden, welche sie geschaut und mitempfunden, verkörperten sich ihr zu dem einen Bilde, dessen sehnsüchtige Augen sie anzuflehen schienen: „Einen Tropfen Deines süßen Trostes!“ Und doch klang durch all das Locken und Drängen die gleiche Empfindung tiefster Scheu, welche sie den Gruß durch eine Dritte hatte verweigern lassen, gleich dem Refrain jenes alten Liedes: „Sei still, mein Herz!“




[646]
Weihnacht im Lazareth.


„Gehen Sie schon?“ fragte Triefels bedauernd, als die Präsidentin sich nach kurzem Morgenbesuch erhob. Das Zimmer, worin der Kranke gebettet, war nicht eben geräumig, aber hoch; es erschien luftig, da ein dreitheiliges Fenster, welches fast die ganze Breite der Front einnahm, ein großes Stück Himmelblau zeigte und den vollen Strahl der heiteren Wintersonne einließ. Ein kleiner, mit Mappen, Büchern und Zeitungen besetzter Tisch war dicht an das Lager gerückt; an der Wand gegenüber stand auf der Commode ein mit silbernen und goldenen Nüssen, blitzenden Glaskugeln und allerlei militärischen Emblemen aus Zuckerwerk reichbehangenes Weihnachtsbäumchen.

„O, die Zeit wird Ihnen nicht lang werden. Sie bekommen sicher viel Feiertagsbesuch,“ tröstete die gute Dame. „Ich muß aber durchaus hinüber; es giebt heute alle Hände voll zu thun für die Weihnachtsbescheerung!“

„Bekommt Jeder ein Bäumchen?“ lächelte Triefels, indem er mit einem Blick auf die kleine Tanne dankbar ihre Hand an die Lippen zog.

„Jeder freilich nicht!“ entgegnete sie geschmeichelt, „aber Alle zusammen bekommen einen Baum, den größten und schönsten, der nur aufzutreiben war. Und ein kleines Geschenk bekommt Jeder, sogar die Franzosen! Es wird wunderschön; ich freue mich wie ein Kind darauf! Die guten Leutchen werden so vergnügt sein!“

Triefels streifte mit dem müden Blicke des Gefangenen die engen Wände seines Zimmers. „Könnte man dabei sein!“ äußerte er mit einem leichten Seufzer.

„Ei, warum denn nicht!“ rief die Präsidentin eifrig. „Nichts leichter, wenn Ihnen das Freude macht! Vier oder fünf der Leute werden mit Erlaubniß des Doctors sammt ihren Betten in den großen Saal getragen, um der Bescheerung beizuwohnen; gewiß hat er nichts dagegen, wenn man auch Ihr Bett sachte hinüberbringt, der Weg führt ja nur die paar Schritte über den Corridor. Ein prächtiger Gedanke! nun freue ich mich noch einmal so sehr!“

Triefels schüttelte den Kopf: „Es war ja nur ein Einfall.“

„Aber ein guter!“ eiferte die lebhafte Frau, „und er muß ausgeführt werden! Nein, Sie dürfen es mir jetzt nicht zu Leide thun, sich anders zu besinnen! Es wird solch hübsche Abwechselung für Sie sein, und Sie werden sehen, wie bequem ich Ihnen Alles einrichte. Sie sollen so leicht und vorsichtig wie möglich hinübergetragen werden. Auf Wiedersehen also, gegen Abend!“ Ehe Triefels nochmals einen kaum ernstlich gemeinten Widerspruch erhoben hatte, war sie verschwunden, überzeugt, ihren Lieblingspatienten heute wie immer erheitert zu haben.

Zwischen Beiden hatte sich in den vier Wochen, welche der Officier im Lazarethe zugebracht, das zutraulichste Verhältniß herausgebildet; was aber dem Tone des Pfleglings eine so besondere Wärme verlieh, ahnte die gute Präsidentin doch nicht. Wie man den Ort der Liebe liebt, so wird auch jede Gestalt, die, wenn auch noch so passiv, mit theuren Erinnerungen verknüpft ist, dem Herzen sympathisch, und hier wurde die harmlose, mittheilungslustige Frau sogar zu einem Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, welches dem stummen, schweigend immer mehr erstarkenden Leben Klang und Ton verlieh. Für Triefels’ Gewandtheit war es eine leichte Aufgabe, die Präsidentin häufig zu einer Aeußerung, einem Bericht über Eugenie hinzuleiten, und dies geschah so unmerklich, war bei der Vorliebe, welche die leichtplaudernde alte Freundin für das liebe Mädchen hegte, so natürlich, daß ihr selbst am wenigsten auffiel, wie oft und mannigfaltig dies Thema verhandelt wurde. Längst hatte Triefels Alles erfahren, was über Eugenie zu berichten war; ihre Liebenswürdigkeit, ihre Hingabe an die neuerdings übernommenen Pflichten, ihr hoher Sinn wurden gebührend gerühmt, aber auch sanfter Tadel blieb nicht aus, denn nach Ansicht der Präsidentin war sie für ihre Jugend doch gar zu ernst, und die Consequenz, mit der sie jede Bewerbung um ihre Hand ablehnte, wurde als Marotte bezeichnet; es klang hierbei sogar ein Ton von Empfindlichkeit durch, und kaum verhüllte Andeutungen ließen errathen, daß die mütterliche Freundin mit der Fürsprache für einen von ihr bevorzugten Freier selbst gescheitert war.

Noch war die Geliebte also frei! aber sie blieb darum nicht minder für ihn verloren! Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hoffte Triefels mit heißem Wunsche auf ein wenn auch noch so leises Zeichen der Theilnahme – es blieb aus. Er wußte, daß die Präsidentin mit Eugenie von ihm gesprochen; es erschien ihm so naheliegend, daß sie wenigstens einmal einen Gruß an ihn sandte, der ihm die Möglichkeit neuer Anknüpfung gegeben hätte, aber er hoffte und harrte vergebens, und Muthlosigkeit zog erst jetzt mit ihrer ganzen Oede in sein Herz ein. Bis dahin hatte er noch immer an eine Zukunft geglaubt, mit jenem Bedürfniß, jenem Rechte echten Gefühls, das sich im Schweigen mehr noch vertieft als im Aussprechen. Es war ein Traum, ein allzu kühner Traum gewesen! Auf die Macht der einst geweckten einst zugestandenen Liebe hatte er gebaut, und nicht einmal Theilnahme war als schwacher Bodensatz zurückgeblieben. Oft verwünschte er jetzt den glühenden Eifer, womit er den Vorschlag des Arztes in Douchery ergriffen, seine Heilung in dem für Schußwunden so günstigen Wiesbaden zu vollenden; er sehnte sich fort, in die ferne nordische Heimath, zur Schwester, die sich nur in Rücksicht auf die Gefahren eines weitern Transports, sowie auf den Nutzen, welchen die Heilquelle gewährte, hatte bewegen lassen, auf seine Pflege in ihrem Hause zu verzichten. Und nie hatte sich diese Reue so lebhaft geregt wie gestern, am Christabende, wo er, an das einsame Lager gefesselt, mit geschlossenen Augen die jubelnden Kinderstimmen der kleinen Nichten zu hören träumte und mit der ganzen Sehnsuchtsschwere eines verletzten Herzens nach der Heimath verlangte. Zugleich mit den Kerzen des Christbäumchens, das ihm die mütterliche Hand der Präsidentin bescheert, war ihm die letzte, kaum sich selbst gestandene Hoffnung erloschen.

Die trüben Gedanken wichen nicht von ihm, auch heute nicht, trotz der fröhlichen Weihnachtsglocken, die den Festmorgen eingeläutet, trotz des lachenden Sonnenscheins, der die von Haus eingetroffenen Liebesgaben beleuchtete, und Arno war der in Aussicht stehenden Zerstreuung wirklich froh, als bald nach Dunkelwerden vier Träger anlangten und ihn unter der Aufsicht einer Pflegerin vorsichtig sammt dem Bette in den großen Saal hinübertrugen. Dort stand die Präsidentin schon zu seinem Empfange an der Schwelle bereit und wies die Leute an, sein Lager an der Mitte der langen Seitenwand niederzustellen, wo sich die beste Uebersicht des Ganzen bot.

Interessirt umfaßte sein Blick das gestaltenreiche Bild, welches sich hier entwickelte. In der Mitte des großen, reich ausgestatteten Saales, welcher zu anderen Zeiten glänzende Gesellschaft zu vereinigen pflegte, stand auf einem Tische der mit Lichterglanz übergossene, über und über geschmückte Weihnachtsbaum. Zur Rechten und Linken desselben senkten sich mächtige Kronleuchter von der Zimmerdecke herab, deren glitzernde Krystallverzierungen im Schimmer der Kerzen farbige Lichter sprühten. Unter jedem derselben stand eine lange weißgedeckte Tafel, mit Zierbäumchen besetzt; auf der einen lagen zahllose Päckchen Tabak und Cigarren; die andere war mit einer Menge farbiger Tücher und Shawls, Notizbücher, Pfeifen und anderer Kleinigkeiten bedeckt, welche eben noch von jugendlichen Frauengestalten beschaut und geordnet wurden.

Rings an den Wänden standen Lagerstätten, theils von ihren darauf gefesselten Inhabern besetzt, theils von Genesenden als Sitzplätze benutzt. Zwischen den Betten und vor denselben drängten sich Soldaten aller Waffengattungen, den Arm, den Kopf noch in der Binde, den Fuß im weiten Filzschuh, von der Krücke gestützt, Mancher das Glied entbehrend, welches die Kugel ihm entrissen, Andere blaß und hager von lange erduldeten inneren Leiden, Dieser gekrümmt von Gicht, Jener mit unförmlich geschwollener Wange – Alle aber in dieser Stunde mit dem gleichen Blicke heiterer Aufmerksamkeit, erwartungsvollen Vergnügens, untereinander Scherzwort und fröhliches Geplauder tauschend.

Eine gewisse Stille, die fast gleichzeitig im ganzen Saal entstand, lenkte Triefels’ Blick dem Eingang zu. Eben war der Geistliche angelangt und schritt freundlich grüßend der Hinterwand entgegen, um von dort aus kurze, schlichte Worte an die lauschenden Krieger zu richten. Es waren nur wenige Sätze und Gedanken und sie fanden den einfachsten Ausdruck – dennoch wurden fast Aller Augen feucht beim Hinweis auf den Gott der Schlachten, der manchen guten Cameraden bereits in sein himmlisches Reich genommen, der Allen, die sich hier zur schönsten heimathlichen Feier vereint, die hohe Gabe des Lichts und des Lebens [647] bewahrt; bei der Erinnerung an die Cameraden im Feindeslande, welche vielleicht in demselben Augenblick stritten um Leben und Tod, denen keine Weihnachtskerzen friedlich leuchteten wie hier! – Lautlos stand Jeder, bis der Geistliche sich am Schluß seiner herzerhebenden Worte dem in seiner Nähe aufgestellten Pianino zuwandte, mit festem Griff einige Accorde anschlug und dann mit bewegtem Tone das Weihnachtslied anstimmte: „O du heilige, o du selige, wonnevolle Weihnachtszeit!“

Wie zurückgedämmte, plötzlich entfesselte Fluth unaufhaltsam hervorbricht, strömte, brauste der Chorgesang gleichzeitig aus allen Kehlen und füllte den weiten Saal. Für einen Moment that sich der Himmel auf, die Weihnachtskerzen strahlten überirdisches Licht aus, höchste Weihe trug alle Herzen über Zeit und Raum. Hell klangen Frauen- und Kinderstimmen zwischen den kräftigen Lauten der Krieger, harmonisch wie die Empfindung, die Alle vereinte.

Triefels war, auf den rechten Arm gestützt, den Worten und Bewegungen des Predigers aufmerksam gefolgt; nun, beim Beginn des Gesanges, wandte er den Blick in die Tiefe des Saals zurück. Ein unwillkürlicher, ihm entschlüpfter Laut verhallte unter dem Brausen des Chors. An dem seinem Bette fast gegenüberstehenden Mitteltische, wo Stühle für die anwesenden Damen aufgestellt waren, hatte er Eugenie erblickt. Sie mußte eben erst eingetreten sein, denn sie saß nicht, gleich den Andern, sondern stand hinter einem der Sitze. Ihre Wange war durchsichtig bleich; die schweren Locken fielen kaum geordnet auf das schwarze Gewand, welches sie trug. Während Strophe auf Strophe des Gesanges dahinrauschte, stürzten immer neue Thränen auf die leichtgefalteten Hände nieder, die sich an die Lehne des Sessels stützten. Der schöne Kopf war tief gesenkt.

Und tief in sich gesenkt waren auch Eugeniens Gedanken. Gleich einem Traum wogte Alles an ihr vorüber, ihr war nicht weihnachtsfreudig zu Muthe. Seit einigen Tagen ruhte schwere Kunde in ihrem Herzen und webte sich durch all ihr Fühlen und Denken: Rudolph Eckhardt war vor dem Mont-Avron gefallen, und die Bestätigung der Nachricht durch Gotter an sie gelangt. Wie mächtig diese Botschaft an ihrem Innersten gerüttelt, kam ihr selbst erst allmählich zum Bewußtsein. Während sie in der Einsamkeit ihres Zimmers weinte und betete wie auf einem Grabe, entrang sich der Trauer ein Entschluß, der ohnedies wohl noch langer Kämpfe bedurft hätte.

Das junge Herz, dessen Hingebung sie erst in der letzten Stunde erkannt, dem sie durch ihr Abwenden so namenlos weh gethan, war stumm geworden – kein Blick, kein Wort vermochte fortan gutzumachen, was es um sie, durch sie gelitten! Ein anderes Herz aber, ihr mit gleicher Treue ergeben, schlug noch dem Leben, der Zukunft, und auch dies ließ sie leiden, durch gleiches Abwenden leiden, nur – weil Stolz und weibliche Scheu dem eigenen Wunsche des Vergebens und Gewährens den Sieg nicht gönnen wollten! Tief blickte Eugenie in die Gründe ihrer erschütterten Seele hinab! Unter dem Geläute der Weihnachtsglocken ward der letzte Kampf durchgerungen – dem Lebenden gerecht zu werden, erschien ihrer hochgespannten Empfindung zugleich als Sühne für den Todten.

Die letzte Strophe des Weihnachtsliedes verhallte. Eugenie erhob den Kopf und ließ ihren träumerischen Blick durch den Saal irren. War es magnetische Gewalt, die ihr Auge plötzlich mit jenem andern zusammentreffen ließ, das an ihr hing, als gälte es Tod oder Leben? Sie senkte es nicht; leuchtend, tief, unermeßlich tief ruhten über den Raum hinweg, der sie trennte, die Augen ineinander. Nur für einen Moment. Dann schob sich die durch den Saal fluthende allgemeine Bewegung als Schranke vor das stummberedte Erkennen.

Unter Anführung der Präsidentin, deren füllereiche Gestalt in wunderbarer Beweglichkeit bald hierhin, bald dorthin kugelte, begann die Vertheilung der Geschenke. Ein Schwarm junger Mädchen, theils zum heutigen Feste geladen, theils Pflegerinnen des Hauses, trug all die kleinen Gaben gleichzeitig in verschiedene Richtung und theilte mit lächelnder Freude den Weihnachtsgruß in alle die heiter dargestreckten Hände aus. Eugenie hatte an einem der Tische Posten genommen und reichte den hin und wieder Schwärmenden unermüdlich die Geschenke zu. Schon war das Meiste ausgetheilt, als die Präsidentin zu ihr kam und bittend sagte: „Nun, Eugenichen, heute müssen Sie lieb und gut sein und mir auch einmal einen Gefallen thun! Ja? Bringen Sie meinem armen Triefels ein Geschenk! was Sie wollen, ein Pfeifchen oder ein Notizbuch, nur damit er nicht ganz leer ausgeht! Von all den jungen Dingern will keine zu dem einzigen anwesenden Officier hingehen, und es wäre doch nicht nett, wenn solch alte dicke Mutter wie ich ihm ein Andenken an den hübschen Abend brächte. Ueberdies sind Sie die Einzige hier, die er von früher kennt; ich weiß gewiß, daß es ihn freuen würde, nicht wahr, Sie thun es mir zu Liebe?“

Eugenie nickte stumm, und während die Präsidentin befriedigt weiter eilte, suchte sie mit bebender Hand unter den vor ihr liegenden Kleinigkeiten herum, ohne zur Wahl zu kommen. Unschlüssig blickte sie vor sich hin; da streifte ihr Auge die zwischen den Sachen stehenden Ziergewächse. Purpur flatterte über ihr Gesicht. Sie neigte sich hastig vor und brach von einem der Bäumchen einen grünen Zweig. Dann blieb sie regungslos stehen. Im nächsten Augenblick jedoch schritt sie langsam und ruhig, mit gewohnter Anmuth um den Tisch, nach der andern Seite des Saales hinüber und stand an Triefels’ Lager.

Er hatte ihre ihm durch den Weihnachtsbaum halb verdeckte Gestalt während der letzten Minuten nur undeutlich unterscheiden können, und als er sie jetzt so unerwartet in seiner Nähe sah, stockte ihm Puls und Stimme. Ganz in Gluth getaucht, stand sie stumm vor dem Schweigenden. Plötzlich hob sie die Wimpern und sah ihn an.

Die zitternde Hand reichte ihm einen Orangenzweig.




Dankfest


Im weiten deutschen Reiche lag die Menge auf den Knieen, den Ewigen zu preisen! Wohl hatten schon vor Monden allerwärts die Fahnen dem Friedensfeste geweht, war der Glocken Feierstimme ihm erklungen – heute aber hob sich der Lobgesang überall zur gleichen Stunde und millionenfältig drang das Te Deum durch alle Lande. Wo immer deutsche Zunge sich regte, ein deutscher Tempel sich wölbte, trug das heilige Echo vollen Geläutes den gleichen Dankeslaut empor. Mit Blumen, den Symbolen des Friedens, schmückte sich die kleinste Waldcapelle so freudig wie der Hochaltar des stolzesten Doms – weit über das Land und Meer, im fernen Welttheil ertönte heute das hohe Lied: „Großer Gott, Dich loben wir!“

Und im Palaste der Könige, wie im Dachstübchen des Aermsten, überall wurden Feste gefeiert – wärmer drückte der heimgekehrte Krieger Weib und Kind an’s Herz, theurer als je ward ihm der heimische Herd, den er mit seinem Blute geschirmt.

Wohl wallte manche trauernde Gestalt gesenkten Hauptes zwischen all den Frohen dahin, aber wenn auch die Thräne noch so heiß niederstürzte, so ward doch empfunden, daß heute das schwarze Gewand nicht nur der Trauer, auch dem Preise der Theuren galt, daß die brennenden Schmerzen der Wittwe, der Waise nicht vergebens durchgerungen wurden, daß sich der Phönix Friede aus der Asche der Geliebten emporgeschwungen. Dem Boden, welchen sie mit ihrem Blute gedüngt, war stolze Saat entsprossen! Um Süd und Nord, von der Ostsee bis zur Alpe, spannte der alte deutsche Volksgeist kraftvoll den liebenden Arm, alles Getrennte vereinend, auch die lang entrissenen Stammgenossen trotz ihres spröden Abwendens mit dem Bewußtsein an sich ziehend, daß über allem Gewöhnen und Entwöhnen das treue vaterländische Herz mit seinem ewigen Besitzrechte steht.

Die Glocken, welche das Dankfest des 18. Juni eingeläutet, bedeuteten einem glücklichen Paare doppelte Feier. Vor demselben blumengeschmückten Altar, von dem aus das feierliche Loblied angestimmt worden, reichte Eugenie Arno Triefels die Hand zum Bunde für das Leben. Noch lag durchscheinende Blässe auf den Zügen des Genesenen, die feste Haltung der hohen Gestalt bewies aber, daß er sich wieder fähig fühlte, dem liebreizenden Wesen an seiner Seite nicht Liebe nur, auch Schutz und Stütze zu bieten.

Vielleicht lag in der Stimmung, womit Staatsrath Wallmoden der Trauung beiwohnte, etwas von der Empfindung, welche wir eben noch als die des neugewonnenen Stammlandes angedeutet – die Achtung war erobert, die unauflösliche Verbindung als Schluß und Recht des Schicksals erkannt und angenommen; um aber das Opfer in Neigung zu wandeln, bedurfte es noch – der Zeit.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ein
  2. Vorlage: zum