Ein Parlament im Negligé

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Autor: Michael Klapp
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Titel: Ein Parlament im Negligé
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 772–775
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Parlament im Negligé.
Von Michael Klapp.


Von Zeit zu Zeit bekommt der fleißige Zeitungsleser zu seinem Morgenkaffee oder Morgenthee kleinere oder größere Telegramme aus Belgrad servirt, in denen das wenig melodiöse Wort „Skuptschina“ eine große Rolle spielt. Das Stadium der Allerweltsweisheit, in dem wir uns dank den Tageszeitungen befinden, bringt es mit sich, daß wir auch, nebst den Nachrichten aus den Parlamenten der großen Civilisationsträger, nebst den Berichten aus den Parlamentshäusern Westminsters, dem Versailler Nationaltheater und dem deutschen Reichstage, von den großen Worten, welche die kleineren Völker in ihren Nationalrathsstuben zu sprechen pflegen, immer die frischeste Kunde erhalten. Hat aber der bekannteste „kranke Mann“ Europas, wie in den letzten Wochen gerade, seine Congestionen und politischen Leibbeschwerden, dann tritt erst recht auffallend die serbische „Skuptschina“ aus der großen Telegramm- und Correspondenzmischung unserer Morgenlectüre heraus: die Skuptschina wird einberufen, die Skuptschina will den Krieg erklären, die Skuptschina geht von Kragujewac nach der alten Donauresidenz Belgrad etc. Die Skuptschina – alles dieselbe Skuptschina, jenes Serbenparlament, das sich unter dem Eindrucke des Parlamentarismus, der uns geläufig ist, in der Phantasie zu einem Ding gestaltet, das es so eigentlich gar nicht ist. Was sich wohl solch ein gebildeter Zeitungsleser alles unter jener Skuptschina Parlamentarisch-Schönes denken mag! Ach, Alles nur parlamentarische Illusion, mein Lieber, der du an ein Parlament von Professoren, Advocatcn, Gelehrten, Industriellen, höheren Staatsbeamten, Gutsbesitzern etc. denkst, an ein Parlament mit Repräsentationskünsten und soliden Satzungen, die dem alten englischen Vorbilde entnommen sind, an ein Parlament der Peels und Pitts, Palmerstons und Gladstones, Simsons und Vinckes. Eine viel zu gute, zu hohe Meinung, die du da von dem Serbenparlament hast.

Auch Schreiber dieses hatte sie, bis ihm günstige Verhältnisse die erste Bekanntschaft mit einer Skuptschina vermittelt hatten.

Es war im Jahre 1868, im Hochsommer; der Mord an dem Serbenfürsten Michael Obrenowitsch hatte mich nach Belgrad geführt. Das alte Türkennest war in großer Aufregung. In der Waldeinsamkeit des Parkes von Toptschider, die etwa eine halbe Stunde von Koschutjnak (Hirschpark) entfernt ist, war der Fürst von drei wüsten Parteigängern der entthronten Karageorgewitsche mörderisch angefallen und niedergemacht worden. Auf den Lippen das „Ruku libam“ (Küsse die Hand), hielten die Mörder, als der Fürst an ihnen vorbeikam, in der nach rückwärts gekehrten Hand die vierläufigen Revolver, die sie, kaum daß ihnen die fürstliche Gesellschaft den Rücken gezeigt, nach den einzelnen Opfern abbrannten. Die zwölf Schüsse hatten ihre verfluchte Schuldigkeit gethan; in verschiedener Richtung sank die fürstliche Begleitung, theils schwer, theils leicht verwundet, dahin. Zusammengebrochen deckte Michael Obrenowitsch ein blutbeflecktes Stück Erde; da trat einer der verwegensten der Mordgesellen, Radovanowitsch mit Namen, (ich vergesse noch heute nicht sein wildes entmenschtes Antlitz, wie es sich mir dazumal, bei der Gerichtsverhandlung zeigte, die ihm und noch anderen fünfzehn Verschworenen den gerechten Tod eingetragen) an den Fürsten heran, den gefallenen Körper untersuchend, ob er noch Leben besitze. Nicht sicher seiner Untersuchungsergebnisse, fragte der Ruchlose:

Obrenowitsch, lebst Du noch?

Michael, der in der That noch lebte, glaubte wohl die Stimme seines Adjutanten Garaschanin zu hören und sagte: „Gast“ (Ja). Ein Wink von Radovanowitsch, und die Unmenschen alle, die im Mörderbunde standen, fielen nun über ihn her, und Mordinstrumente aller Art, bis zum Hackmesser herab, vollendeten das schändliche Werk, das eine Reihe von Schüssen, die aber kein edles Organ getroffen, nicht ganz zu thun vermocht hatten.

Die ersten Wochen dieser aufregungsreichen [1] Zeit gehörten selbstverständlich der Aufspürung der Mörder. Sie waren alle nach und nach festgenommen worden, und das über einen großen Theil des Landes gespannte Netz der Verschwörung wider die Dynastie Obrenowitsch lag nach und nach sichtbar vor Augen. Militär, Advocaten, mißvergnügte höhere Beamte, denen ihre Faulheit noch mit zu wenigen Dukaten bezahlt dünkte, waren mit Verwandten der entthronten Karageorgewitsche und einigen entlassenen Sträflingen den unsauberen Bund eingegangen, der dem Fürsten Michael das Leben kostete. Niemand im Lande zweifelte einen Augenblick, wer der erste Urheber des Complotes, wer der indirecte Theilhaber jener in Toptschider vor sich gegangenen Schandthat sein könne. Sein Name wurde allgemein genannt, von allen Tagesberichten gebrandmarkt, ab der der Träger dieses Namens, Peter Karageorgewitsch, befand sich ruhig und sicher in der Magyarenhauptstadt, und auch später vorgenommene Gerichtsproceduren, die freilich wenig Halsnothpeinliches an sich hatten, thaten ihm nichts zu Leide. Die fünfzehn Mordgesellen waren alle zugleich, an einem und demselben Morgen, in einem der Gräben der alten Festung executionsmäßig erschossen, in die Grube gesunken; [773] zwei ihrer Cameraden, höhere Officiere, waren ihnen in den Tod, standrechtlich verurtheilt, vorausgegangen, und Ruhe und Friede kehrten wieder in die Gemüther zurück. Der junge Milan Obrenovitsch ward unter allgemeinem Jubel berufen, seinem gemeuchelten Oheim als Fürst von Serbien zu folgen, und war indeß von Paris, wo er eben noch seine Erziehung genossen, nach der Serbenhauptstadt geeilt. Das Ministerium Blaznavac hatte sich am Unglückstage von Toptschider mit so geschickter und energischer Hand allsogleich der Regierungszügel bemächtigt, daß ein Aufstandsversuch der Verschworenen zu gelingen keine Aussicht haben konnte. Das Ministerium regierte bereits in Milan’s Namen und hatte sofort die Wahlen zu einer großen, außerordentlichen Session der Skuptschina ausgeschrieben.

Und der 2. Juli schon war der Tag, an dem die

Skuptschina, die einzig und allein dazu berufen wurde, den neuen Fürsten auszurufen, zusammenzutreten hatte.

Ein außerordentliches Leben herrschte schon Tage vorher in den Straßen Belgrads, das seine gute Stimmung wieder gewonnen hatte. Das Gefühl der Unsicherheit war sichtlich von ihr genommen worden, je näher der Zeitpunkt kam, da fünfhundert serbische Männer, die das Volk selbst entsandte, in seinem Weichbilde den neuen Fürstenthron befestigen sollten. Die alten Straßen, durch Wochen hindurch traurig öde, fingen an, sich freundlich zu beleben. Die Terazia, der Boulevard von Belgrad (Boulevard in nicht streng parisischem Sinne genommen), nahm wieder ein heiteres Ansehen an. Auf der Terazia haben die diplomatischen Agenten der fremden Mächte ihre Residenzen aufgeschlagen; hier steht auch der „Konak“, das Palais des Serbenfürsten, mitten in einem herrlichen Blumengarten mit seiner schlichten, geschmackvollen Façade; das große Gitterthor zeigt das fürstliche Wappen im blauen Felde, mit den vier durch ein Kreuz gespaltenen S, die den Satz „Srbi samo sloga spasava“ (Einigkeit macht Serbien stark) andeuten sollen. Die schwarze Fahne wehte noch immer auf diesem Palais, aber, wie gesagt, die „Terazia“ fing eben wieder an von Menschen, von Spaziergängern und Corsofahrern freundlich bunt gefärbt zu werden. Die kleinen, in etwas türkischem Reinlichkeitsstyle gehaltenen Cafés fingen an sich zu füllen; drinnen und draußen saß an groben Tischen viel stämmiges Männervolk, aus seinen langen Tschibuks weise Ansichten über Serbiens nächste Zukunft herausblasend. In den vielen Gruppen ward lebhaft debattirt über Gefahren, denen das Vaterland soeben entronnen, und schon die gerade nicht classisch runde Plastik der Bewegungen der Debattirenden war für Alle, die Serbiens Sprache nicht verstehen, Dolmetsch genug, Dolmetsch der mancherlei grollenden Gedanken, die da zwischen den Männern ausgetauscht wurden. Ich brauchte mir nur den großen stämmigen Mann da neben mir, an einem der Tischchen des Cafés zum „goldenen Engel“, anzusehen, nur den Schwingungen seiner wuchtigen Arme und den wilden Bewegungen der Quaste seines tief am Hinterkopfe sitzenden Fez zu folgen, und ich wußte es auf’s Bestimmteste, daß er irgend einen Partisanen des Karageorgewitsch eigenhändig, niederschlagen möchte.

Fünfhundert Männer waren mit einem Male mehr in dem alttürkischen Neste – das mußte sogar ein Schwerhöriger merken; das Auge allein konnte sich des ansehnlichen Zuwachses an Patrioten freuen. Sie sind eine schöne Race, diese Serbenmänner, hoch, stark und doch edelformig emporgeschossen, ein Bild von Urwüchsigkeit, ungebrochener Kraft, im Blicke Feuereifer und Thatenlust verrathend, der Schritt voll Mark und Stolz, jeder von ihnen an die alten Heldengestalten des serbischen Volksliedes mahnend, an die Genossen des Serbenczaren Lazar, die zu jedem Frühstücke ein paar Türkenköpfe so nöthig zu haben schienen, wie Unsereiner die Butter zum Thee.

Die nahende Skuptschina hatte diese Galerie malerischer Männergestalten um ein Erhebliches vermehrt. In den Straßen wandelten allerlei farbige Costümbilder vor mir herum. Serben im weiten, blauen Kaftan, der bis auf den Boden fiel, die breite Tuchkappe mit großem Schirme auf dem buschigen Haupte, die breite, wollene bunte Binde um die Lenden geschlagen, schon zur Hälfte das Abbild des orientalischen Kaufherrn; Serben in der blauen Tuchjacke, in blauen Pluderhosen und blauen wolligen Strümpfen, den Fez kühn aufgesetzt; Serben in rothen Hosen, rothem Bindtuche und blühendweißen Hemdärmeln, die ein coquett umgehängtes gesticktes Jäckchen umgaukelt. Und dazwischen wieder der Bauerngestalten viele, die Beine in weißes, weites grobes Linnen eingehüllt, mit dem vielfaltigen langen Hemde, darüber ein grobzeugiger Schnürrock ausgebreitet, auf dem starken Kopfe den kugelförmigen Filzhut mit breitem Rande.

Das waren alles Mitglieder der Nationalversammlung, die da bevorstand, Mitglieder des großen Congresses, Männer der Skuptschina. Wo man sie wohl nur Alle untergebracht haben mag, die Männer des großen Reichsrathes? Belgrad hatte im Ganzen drei Häuser, die aus den Namen „Hôtel“ (in der anspruchslosesten Bedeutung des Wortes natürlich) Anspruch hatten und sonst nur noch so viele kleinere und größere Häuser, wie es dermal für seine paar tausend Einwohner nöthig hat – wo mögen also diese fünfhundert Deputirten ihre Häupter des Nachts zur Ruhe legen?

Ich erfuhr es bald und ersah gleich aus dieser ersten Aeußerlichkeit, wie wenig die serbischen Männer des Volkes Parlamentsmänner im deutschen, französischen, englischen Sinne sein wollen. Ich möchte mir die Männer deutscher, englischer oder französischer Volkswahl ansehen, die anstatt mit schönen Hôtelzimmern oder gut möblirten Privatwohnungen mit der Bequartierung dieser serbischen Deputirten vorlieb nehmen müßten! Belgrad logirte seine Landesvertreter in Zelten, die in großer Reihe im Parke von Toptschider errichtet worden, ein; die serbischen Delegirten mußten bivouakiren, im Freien bivouakiren, gleich einem Kriegsheere; sie mußten ihre landesbesorgten schweren Köpfe im grünen Rasen bergen.

Zur Zeit der ordentlichen Skuptschina, die aus nicht mehr als hundert Deputirten besteht, bringt man diese nothdürftig in den Cafés unter, wo sie mit den obzwar harten Bänken gern vorlieb nehmen; bei dieser außerordentlichen Session aber, die fünfmal so viele Männer nach Belgrad zog, errichtete man ihnen ein – Lager, ein wahres Soldatenlager.

Ein prächtiger, eigenthümlicher Anblick, dieses parlamentarische Lager der Skuptschina! Unter schmucken Zelten lagen schon durch drei Tage die Delegirten des Landes, acht, neun und zehn unter einem Zelte. Weithin war die grüne Toptschiderebene, die sich vor dem Koschutjnak (Hirschpark) dahin breitet, voll von diesen Abgeordnetenzelten und bot, zusammengehalten mit dem Lager der Miliz, von der einige Bataillone die ganze Höhe des Toptschiderhügels hinauf zur Feier der Skuptschinaeröffnung herbeigezogen wurden, einen wahrhaft kriegerischen Anblick. Es [774] fehlten nur noch die Gewehr-Pyramiden draußen vor den Zelten, um Einen an ein Uebungslager, an ein constitutionelles, parlamentarisches obendrein, zu gemahnen. Aber auch Waffen hatte dieses Deputirtenlager, nur ruhten sie unter den Zelten, Revolver, Pistolen, Dolche, kurze Säbel, Gürtelmesser, welche die Männer des Serbenvolkes mit in’s Lager gebracht, Waffen, ohne die der Serbe nie einhergeht und die er auch in sein Parlament mitbringt, wenn er auch nur zu friedlicher Berathung in schwierigen Landesangelegenheiten hierher gekommen ist und nur das Wort, das patriotische Wort allein als Waffe gebrauchen will.

Mit einem Soldatenlager hat dieses serbische Parlamentslager auch noch die Feldküche gemein. Der serbische Deputirte, der Mann der Skuptschina, hat nicht die mehr oder minder glänzenden Diätengelder des französischen oder österreichischen Volksvertreters, keine zehn Gulden österreichische Währung oder vierzig Franken täglich wie der Deputirte in Versailles oder in Wien; er hat Quartier (freilich in der primitiven, angedeuteten Weise der Cafébank) in gewöhnlichen Sessionen, seine Barake in der außerordentlichen Session, einen Thaler täglich Diätengeld (man könnte schon besser parlamentarisches Taschengeld sagen!) und seine Kost für den Mittag und Abend. In der nächsten Nähe der Abgeordnetenzelte war die große Feldküche errichtet, in der alltäglich während der außerordentlichen Session für die Skuptschinamänner abgekocht wurde.

Kost, Quartier und einen Thaler täglich – giebt es etwa irgendwo ein billigeres Recept für die Versorgung von Volksvertretern? Ich glaube nicht.

Nur Fürst Bismarck stellt sich seinen deutschen Reichstag noch billiger her, indem er den Mitgliedern gar nichts giebt und den bekannten „Lilienbekleider“ für sie sorgen läßt.

Der 2. Juli war da, und ich fuhr in Begleitung meines liebenswürdigen Führers, des Herrn v. K., der in Belgrad eine der Garantiemächte diplomatisch zu vertreten hatte, über die Terazia hinaus dem ominösen Parke von Toptschider zu. Ich gehörte zu den wenigen Glücklichen, denen durch ministerielle Gunst Eintrittskarten verliehen wurden und denen die am Parkeingange strenge Wacht haltenden Gensd’armen nach Vorzeigung der Karte die Einfahrt gewährten. An den weißen Zelten der Miliz vorüber fuhren wir dem parlamentarischen Bivouac der Abgeordneten zu. Gleich an den ersten Delegirtenzelten machten wir Halt und verließen unsern Wagen. Eben traten auch die Serbenmannen aus ihren Lagern und wallten der Stätte ihrer Berathungen zu.

„Wo ist denn das Parlamentshaus?“ fragte ich meinen kundigen Begleiter.

„Parlamentshaus? Giebt’s nicht,“ antwortete er.

„Ja, wo tagen sie denn, die fünfhundert Auserwählten des Landes?“ fragte ich erstaunt weiter.

„Sollen sie gleich sehen,“ sagte Herr v. K.

Wir schritten der großen Wiese zu, die den eigentlichen Park vom Koschutjnak trennte. Eine riesige Holzbarake stand, roh gezimmert, da; für Alles war dieser Rohbau eher zu nehmen, als für den Sitz eines Parlaments. Nach außen nahm er sich, wohlwollend beurtheilt, wie ein eben frisch fertig gewordenes, mit Fahnen behangenes, provisorisches „Stationshaus“ aus; innen hatten sie den weiten Raum nur mit schlichtem Laub decorirt, eine große Anzahl hinter einander laufender Bänke aufgestellt, in die freigehaltene Mitte einen Tisch, den „Tisch des Hauses“, für das Präsidium postirt, der von einem grünen Tuche niemals geträumt haben mag, an der einzigen Längenwand der Barake (nach der anderen Längenseite hin stand sie ganz offen) eine Balkonestrade errichtet, mit Sesseln für die Minister und Regenten – und das alles zusammen war das serbische Parlamentshaus.

Belgrad hat auch für seine ordentlichen Skuptschinas, die nur aus hundert Delegirten zusammengesetzt sind, keinen eigenen Parlamentsboden.

Dort oben in der „hohen Schule“, die der reichste Serbe, Mischa, der im Salz- und Schweinehandel fett gewordene Schwiegervater des Ministers Marinovitsch, gebaut und dem Lande geschenkt hatte, tagt gewöhnlich die Skuptschina, wenn sie nicht nach der zweiten Stadt des Landes, nach Kragujewac, einberufen ist. Den Luxus eines Parlamentshauses kann sich Serbien nicht gönnen. Leuten, die man mit einem Thaler Diäten abfindet, kann man doch keinen Palast bauen.

Es muß doch auch eine Harmonie in der constitutionellen Schöpfung gebe, ein Zusammenpassen von Menschen und Localitäten. Wie würde so ein serbischer Deputirter in Sandalen und Hemdärmeln in einem Parlamentshause wie das englische zum Beispiel, oder im Theater von Versailles sich ausnehmen!

Ist es also kein Parlamentshaus, so ist es eine Parlamentshütte, die man der Skuptschina rasch gezimmert hat. Lehnsessel, Pulte und was dergleichen mehr Parlaments-Commoditäten sind, die constitutionelle Staaten ihren Vertretern zu bieten pflegen, gab es da natürlich auch nicht.

Serbien verweichlicht seine Deputirten nicht.

„Wozu auch Pulte?“ sagte mein freundlicher Begleiter, der meinem parlamentarisch verwöhnten Auge ansah, daß es das besagte Parlamentsmöbel vermißte. „Wozu Pulte? Für die Wenigen, die schreiben können? Von den fünfhundertundvier Deputirten, die Sie hier nach und nach einziehen sehen, sind über vierhundert Bauern und Handwerker, die den Segen des Schreibens noch nicht kennen, gegen neunzig nur sind in der Schreibstube aufgewachsene Kaufleute, Advocaten, Gutsbesitzer, die sich der Feder zu bedienen im Stande sind.“

„Ein richtiges Bauernparlament also?“

„Nichts Anderes. Gevatter Schmied läßt zu Hause sein heißes Eisen, Gevatter Schneider – er ist auch in Serbien, wie überall, ein geborener Politiker – ein paar Dutzend halbfertiger Nähte und Zwickeln zurück und läuft nach Belgrad zur Skuptschina. wenn ihn das Land ruft. Und das ‚läuft‘ bitte ich nicht bildlich zu nehmen.“

Gevatter Schuster, Schneider und Schmied laufen wirklich nach Belgrad oder Kragujevac, da ihnen das Vaterland keine Wagen und keine Eisenbahnen zur Verfügung zu stellen hat.

Diese Bauernmajorität bildet sich auch auf das, was sie ist, nicht viel ein, zum Unterschiede von Parlamentsmajoritäten. Diese Herren in groben Hemden und Jacken und zum großen Theil auch ohne Stiefel an den Füßen sind weit entfernt von jeglicher Parlamentsprätension.

„Bescheidene gute Leute sind’s,“ erklärte mir mein Freund, der Diplomat, weiter, „die sich von den Minoritätsherren Manches gefallen lassen, nur weil sie – schreiben und lesen können, rein aus gar keinem andern Grunde. Glauben Sie aber deshalb ja nicht, daß diese Bauern sich das Rede verwehren lassen. Was sie über diese und jene Angelegenheit auf dem Herzen haben, das muß heraus, und hätte es auch nicht die Weisheit gerade zur ehrsamen Gevatterin gehabt. Was kann dem Bauer auch passiren, wenn er wirklich das eine und das andere Mal mit seiner Ansicht von den häuslichen und Weltdingen auf den Kopf gefallen erscheint? Es steht höchstens so ein Minoritätscollege, der seine Jugend mit Schreiben- und Lesenlernen hingebracht hat, oder gar ein ‚Pane‘ Minister auf und sagt zu ihm: ‚Schau, lieber Bruder, das verstehst Du nicht, setz’ Dich nieder und schweig hübsch, bis wieder von etwas Anderem die Rede ist!‘ Und der Freund Bauer setzt sich nieder und schweigt. Aber glauben Sie nur nicht, daß dies selten geschieht – das ist ein gewöhnlicher Vorgang auf den Skuptschinas. Der serbische Bauer rächt sich in ganz eigenthümlicher Weise für solche Behandlung – er bringt fortwährend Anträge auf Vermehrung der Schulen im Lande ein. Der Minderwissende fügt sich auf der Skuptschina dem Mehrwissenden. Die Macht der ‚Federfuchser‘, die ja noch der alte Fürst Milosch, der ja selber von den Schweinen weg zum Fürstenthrone gekommen, nicht recht leiden und aufkommen lassen mochte, ist unter das armen Michael Obrenovitsch Regierung sehr gestiegen, aber auch mit ihr das Bedürfniß nach den Mitteln, das Bedürfniß nach Bildung. Es kommt schon die Zeit, wo alle Mitglieder der Skuptschina, und wäre ihrer auch, wie heute, fünfhundert, werden schreibens- und lesenskundig sein – das sollen Sie schon erleben, das heißt wenn in den Bahnen der Intelligenz, in die Michael Obrenovitsch eingelenkt, weiterfortgefahren wird.“ –

Während mein diplomatischer Freund so warm für die [775] Skuptschina-Majorität einstand, waren die Bauern in die Parlamentshütte hineingeströmt.

Sie setzten sich nach Kreisen. Jeder der siebenzehn Landeskreise hatte seinen eigenen Raum in der Parlamentshütte, innerhalb dessen die Deputirten des Kreises ihre Plätze nahmen. Ein auf der Bank haftender Papierstreifen nannte den Männern den Kreis und ihren Sitz. Die Ueberschau, die der männererfüllte Raum bot, war, dank den vielen schönen Erscheinungen eine wahrhaft eigenthümlich imponirende.

Da saßen sie wirklich in großer Menge, alle die Männer, denen ich in den letzten Tagen so oft, auf der Terazia, in den Cafés, allüberall in Belgrad, begegnet war, in ihren bunten Jacken, groben Kleidungsstücken, in Fez und Kugelfilzhüten, ganz erhaben über alle parlamentarische Kleiderordnung.

Unter fünfhundert Abgeordneten kein einziger Frack, kein einziges Ordensbändchen, keine Uniform, keine Medaille, kein Kreuzlein auf einer Brust! Ich freute mich ordentlich des seltenen Anblicks von Parlamentsmännern, von denen nicht wenige ihre für das Vaterland schlagende Brust ganz entblößt offen präsentirten, andere wieder das grobe Linnen an Hemd und Gattie anspruchslos dem Blicke preisgaben, wieder Andere mit höchst mangelhafter Fußbekleidung dasaßen – ich freute mich dieses originellen Parlaments im Negligé.

Wenn nur nicht der bizarre Contrast bald nachgefolgt wäre! Der bizarre Contrast, den die erhöhte Estrade, gegenüber der männerehrenden Versammlung darbot!

Da nahmen alsbald in schweren, plumpen Lehnstühlen die Mitglieder des serbischen „Senats“ Platz, fast Jeder von ihnen einen großen Orden tragend, der Eine Aachats, der Andere einen Großcordon um den Hals, alle, alle mit Ordensbändern auf der Brust oder im Knopfloche, alle, alle im schwarzen Fracke, alle, alle in hohen weißen Binden und gelben Handschuhen und mit dem schwarzen Cylinder in der Hand. Mit einem Male war ich wieder aus der interessanten, patriarchalischen Skuptschina in die gewöhnliche Langweiligkeit eines civilisirten Parlaments zurückversetzt. Man kann sich nichts Grelleres denken, als den Contrast zwischen der Bauernversammlung da unterhalb der Bretterestrade und den eitel aufgeputzten, in weißen Cravatten und mit Orden paradirenden Senatoren auf der Estrade oben, nichts Grelleres, als die primitive, kahle Parlamentsbude und die üppig geschmückten Senatorenbrüste und Senatorenhälse. Und dazu noch, um die Bizarrerie nur noch zu erhöhen und auf die Spitze zu treiben, das auf einer Tribüne zunächst der Estrade höchstthronende Corps der Generalconsuln, in gestickten, geschmacklosen Uniformen und in goldenen Krägen.

Kaum, daß ich mich von dem Contrasteindrucke erholt haben mochte, trat schon ein neuer schwarzer Frack an den „Tisch des Hauses“ und eröffnete die Skuptschina. Es war dies Herr Karabiberovitsch, der in den letzten Tagen von den Skuptschinesen unter den Zelten designirte Präsident.

Er konnte schreiben, lesen, rechnen (er ist ja „Banquier“ in Belgrad!), hatte einen schwarzen Frack, und ein feines, weißes Hemd, war schön ausrasirt im Gesichte – wie sollte er nicht Präsident werden? Er redete die Herren per „Brüder“ an und setzte ihnen schlecht und gerecht die Ursache ihrer Einberufung auseinander. Nachdem er gesprochen, waren die Männer der provisorischen Regierung eingetreten: Blaznavac, Ristitsch, Gavrilowitsch und Marinowitsch.

Blaznavac, eine militärisch imponirende Erscheinung, mit ausdrucksvollem, schönem Kopfe und hoher Würde des Auftretens; Marinowitsch, der obenerwähnte glückliche Schwiegersohn des reichsten Serben Mischa, ein jüngerer Mann mit intelligenten Zügen und energischem Blicke; Ristitsch, durch und durch ein echt slavischer Typus. Der ordenüberfüllte Marinowitsch las eine Art von Thronrede vor, kühl bis an’s Herz hinan. Erst als er schließlich von der nothwendigen Proclamirung eines Fürsten sprach und den Namen des jungen Milan Obrenowitsch über die Lippen brachte, brachen die ersten „Zivios“ und „Hurrahs“ los und wuchsen dann rasch zu einer lärmenden Demonstration an.

Mir schien es, als wollte Marinowitsch nicht zu viel der Loyalität in der Versammlung aufkommen lassen, denn so oft nun der Lärm ihm zu stark wurde, machte er gewisse abwehrende Handbewegungen, die gleichsam ein „Genug! genug!“ bedeuten sollten und mir sehr sonderbar vorkamen. Als er geendet hatte und von dannen geschritten war, hatte er diese Handbewegung nicht nöthig – kein einziges „Zivio“ folgte ihm. Der Mann war schon dazumal nicht sehr beliebt und ist es auch heute noch nicht, was ihn aber nicht abhielt, bis auf die letzte Zeit herab eine große, entscheidende Rolle als Minister der conservativen Fraction zu spielen, eine Rolle, die er erst jüngst beim Sturze des Cabinets Ristitsch wiederum gespielt hatte.

Nun waren auch noch andere Männer der Skuptschina als Redner aufgetreten: Advocat Neditsch, ein trockener, scharf pointirender Redner, ferner ein Bauer aus Kragujevac, ein klarer Kopf, der sich den Teufel um die schwarzen Fracks und weißen Binden kümmerte und auf seinesgleichen mit mimischer Hastigkeit losredete, und ein Pope, eine jener interessanten Gestalten des orthodox-griechischen Clerus, mit schwarzem, tief herabwallendem Haupthaare und schönem langem Barte, wie die Skuptschina ihrer nicht wenig hatte.

Nachdem diese Herren ihre wenig auseinandergehenden Ansichten über die Fürstenwahl auseinandergesetzt, forderte Herr Karabiberowitsch die Entscheidung. Nun erdröhnte die mächtige Halle von einem wahren Sturm von „Zivios“. Milan Obrenowitsch war feierlichst einstimmig zum Fürsten ausgerufen. Einfach und kurz, ging nun eine Deputation von Skuptschinesen den jungen Milan gleich holen. Sie hatte nicht gar zu weit; am Toptschiderhügel harrte schon der junge Fürst der frohen Botschaft. Unter Kanonendonner und Musik und militärischem Geleite zog er alsbald in die Parlamentshütte ein, ein schmucker Junge in Oberstuniform, freundlich die Männer alle anlächelnd, die ihn zum Fürsten erkoren. Und dann bestieg er, den treuen (seitdem verstorbenen) Blaznavac zur Seite, die Estrade und sprach:

„Gott zum Gruße, Brüder! Ich bin noch jung, aber ich will lernen, ein treuer Führer Serbiens zu werden. Ich vertraue mich Euch und dem Volke an.“

Das war wenig und doch viel gesagt; die schlichten Worte, so treuherzig herausgebracht, wogen eine große Thronrede auf.

Der Effect war aber auch ein überwältigender; die Männer jubelten, warfen ihre Mützen in die Höhe, sprangen auf die Bänke, entwickelten einen ganz ungebändigten Enthusiasmus. Dann ward gleich die Regentschaft durch Acclamation gewählt, bestehend aus Blaznavac, Ristitsch, Gavrilowitsch; es wurde im Nu aus dem Präsidententisch ein Altar improvisirt; Kerzen wurden angezündet und Fürst und Regentschaft allsogleich beeidet. Die ganze Skuptschina sang dabei laut das Kirchenlied mit, das der Metropolit anstimmte, und das Kreuz machte die Runde.

Milan küßte darauf dem Metropoliten die Hand, rief der ganzen Versammlung ein lautes kräftiges „S bogem!“ („Mit Gott!) zum Abschied zu und schritt als Fürst von Serbien von „Zivios“ umrauscht, aus der Parlamentshütte hinaus.

Belgrad aber nahm die schwarzen Fahnen von seinen Häusergiebeln und steckte die roth-blau-weißen auf.

Die denkwürdigste Parlamentssitzung, der ich je angewohnt, war zu Ende.

  1. Vorlage: „aufregungungsreichen“