Ein Stelzfuß

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Titel: Ein Stelzfuß
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 419
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[419] Ein Stelzfuß. Der Durchzug des fünften Armeecorps hatte sich in Leipzig zu einer wahren Fest- und Freudenzeit gestaltet. Bei Ankunft der vielen Züge standen die Spitzen der städtischen Behörden, sowie die Herren und Damen des Erfrischungs-Comités zu würdigem Empfange bereit; die mitgekommene Militärmusik spielte die vaterländischen Weisen; Rede und Gegenrede wechselten mit donnerndem Hurrahrufe und mit dem Vertheilen von Lorbeerkränzen und frischen Blumensträußen an die Officiere und Mannschaften. Waren nun die Truppen mit Speise und Trank erfrischt, so drängte sich erst das große Publicum herbei, seinen dankbaren Gefühlen Ausdruck zu geben; es zog die Soldaten während der noch übrigen Rastzeit in seine Kreise und an seine Tische, und nun entwickelten sich aus dieser allgemeinen Verbrüderung deutscher Herzen die mannigfaltigsten Bilder einer heiteren und traulichen Gemüthlichkeit, denen immer erst das letzte Signal zur feierlichen Abfahrt ein Ende machen konnte. Bei dieser Gelegenheit wurden wir auch Zeuge einer kleinen Scene, die wohl der Mittheilung nicht unwerth ist.

Die Soldaten waren bereits in ihre mit Blumen und Pfingstmaien geschmückten Wagen gestiegen und harrten an den Fenstern des Abschiedsgrußes. Auf dem Perron stand noch das ganze Officiercorps, der Oberst an der Spitze, der soeben in gemüthvoller Einfachheit seinen Dank ausgesprochen und dem wiedererstandenen gemeinsamen Vaterlande ein Hoch ausgebracht hatte. Da trat aus der in weitem Kreise umherstehenden Menge ein blutjunger Soldat hervor, der schon seit einiger Zeit auf den Promenaden Leipzigs die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden erregt, da er den doppelten Ehrenschmuck des Helden, das eiserne Kreuz und leider auch den – Stelzfuß trägt. Er mag wohl in einem der hiesigen Lazarethe seine volle Genesung erwarten. Bescheiden hinkte er jetzt auf seinen früheren Regimentschef zu, legte die Hand an seine Mütze und sagte:

„Sie kennen mich wohl nicht mehr, Herr Oberst?“

Als der Oberst in die leidenden Züge des kaum zwanzigjährigen Jünglings blickte, wurde es dem ergrauten Krieger sichtlich weich um’s Herz, er sah ihn eine Weile still an, legte beide Hände auf seine Schultern und sagte dann mit lauter Stimme:

„Mein Sohn, wie können Sie glauben, daß wir jemals solche Menschen vergessen können! Wir haben Viele Ihresgleichen unter Ihren Cameraden dort, aber was Sie gethan haben, vollbringen oft zehn andere nicht. Die Welt erfährt von solchen Thaten nichts, aber wir Vorgesetzte wissen es. Vergessen Sie nicht, daß Sie an mir einen dankbaren Freund haben. Wo ich Ihnen helfen kann, da wird es noch mit meinem letzten Federstrich geschehen!“

Die Anrede war noch länger und herzlicher, ergriffen und in tiefem Schweigen lauschte die umherstehende Masse den ernsten Worten. Auch der jugendliche Held stand erst einige Augenblicke überrascht und sprachlos vor dem grauen Vorgesetzten, dann aber lächelte er selig und helle Freudenthränen strömten über seine bleichen Wangen. Kein Auge ringsumher blieb trocken, auch die anderen Officiere drückten dem Stelzfuß herzlich die Hände, die Cameraden aus den Wagenfenstern wehten mit ihren Tüchern, jubelnd schwenkte der Gefeierte seine Mütze und unter donnerndem Hurrahruf brauste der Zug voll dannen. Es war ein Vorgang, wie er wohl tausendfach sich jetzt ereignen mag, aber vielleicht nicht immer so öffentlich und eindrucksvoll wie in diesem Falle.