Ein Wahnsinn in der Kinderstube

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Dr. –a–
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Wahnsinn in der Kinderstube
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 308
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[308] Ein Wahnsinn in der Kinderstube. Bei der jetzt herrschenden mangelhaften Kenntniß der anatomischen Zusammensetzung des menschlichen Körpers ist es nicht zu verwundern, wenn über diesen Zweig des Wissens die merkwürdigsten Ansichten auftauchen. So lange es nur bei den Ansichten bleibt, kann man dem Fachmanne die Danaidenarbeit ihrer Ausrottung erlassen. Werden sie dagegen auf das praktische Leben übertragen, und zwar nicht in vereinzelten Fällen, sondern als historisches Gemeingut von Nationen, so sollte doch endlich der hergebrachte Ammenglaube einer richtigen Auffassung der Sache zum Wohle der Menschheit Platz machen, vorzüglich wenn dadurch der Entwickelung des jungen Organismus hindernd in den Weg getreten wird. So schadlos und sogar bestechend der im Folgenden beispielsweise angeführte Brauch scheint, desto gefährlichere Folgen kann seine fortgesetzte Anwendung mit sich führen.

Wie bekannt, ist die Athmung die erste Arbeit des neugeborenen Kindes. Den Sauerstoff, welchen es bisher von der Mutter zugeführt erhalten, muß es sich jetzt vermittelst seiner Lungen selbst erwerben. Diese liegen vor der Geburt zusammengefallen in der Brusthöhle, ohne eine Spur von Luft zu enthalten. Durch den Reiz der Kohlensäure dehnen die Brustmuskeln den Thorax aus; es entsteht zwischen Lunge und Brustkasten ein luftleerer Raum, in welchen durch den Druck der Außenluft mittelst kräftiger Einathmungen die schwammige Lunge hinein ausgedehnt wird. Findet dieses nicht statt, an einzelnen Stellen oder auch an ganzen Lappen, so bleiben diese eingesunken, luftleer und bis in die spätesten Zeiten von den übrigen Theilen erkennbar. Dadurch wird aber immer ein Theil von Lungenfläche für den aufzunehmenden Sauerstoff, also für seinen Zweck unbrauchbar. Es ist nun klar, daß, je mehr der Brustkasten sich ausdehnt, um so kräftigere Einathmungen (vielfach die umgekehrte Ansicht wie beim Frosche) sich anschließen, und dadurch die Lungen sowohl am schnellsten an ihre neue Gleichgewichtslage gewöhnt, wie auch durch die stärkere Ausdehnung zu größerem Umfange gebracht werden und mit mehr Arbeit, also Sauerstoffaufnahme und Kohlensäure-Abgabe antworten können. Als das Natürlichste wäre nun zu erwarten, daß man auf jede Weise diese Arbeit erleichtern und jede Beengung des Brustkastens als ein Hinderniß für die Athmung entfernen würde. Doch was geschieht? Man nimmt ein Stück leinene Rolle, welche den sehr bezeichnenden Namen „Wickelbinde“ führt, und schlingt es in Touren von dem Leibe nach aufwärts mit ziemlicher Festigkeit um die Brust des armen Wurmes. Es gehört wirklich deutsche Zähigkeit dazu, um unter solchen drückenden Verhältnissen überhaupt noch Einathmungen zustande zu bringen.

Wie unangenehm aber für das arme Kind diese Einwickelung ist, davon kann sich jeder Familienvater auf das Leichteste überzeugen. Denn sobald es aus dieser Marterrolle herausgenommen, reckt und dehnt es sich, daß man es jeder Bewegung ansieht, wie froh einmal der ungehinderten Athmung Genüge geleistet wird. Die Athemzüge werden sogleich um ein Bedeutendes tiefer. Noch in anderer Hinsicht ist dieser Brauch ungemein gefährlich. Der kindliche Brustkasten dehnt sich in den ersten Monaten relativ am meisten aus, und jedes Hinderniß dieser Ausdehnung wird sich später sicher rächen. Denn 1) werden die noch weichen Rippen nach vorn und unten gedrückt; es entsteht eine Hinneigung zum schwindsüchtigen Brustkasten; 2) wird die Lunge an eine kleinere Gleichgewichtslage gewöhnt; die Einathmungen geschehen viel zu flach und dem Körper kann nicht die genügende Menge Sauerstoff zugeführt werden, zwei Factoren, welche bei der jetzt so häufigen Schwindsucht und Scrophulose immerhin mit in Rechnung zu bringen sind. Wird aber 3) das Kind zu dieser Zeit von einer Lungenkrankheit befallen, so sind dann diese Lungen um vieles mehr zu chronischen Erkrankungsprocessen disponirt als normal ausgedehnte, zumal auch vor Allen das Kind nicht gelernt hat, durch tiefe Einathmungen angesammeltes Secret zu entfernen. Die Häufigkeit dieser Unsitte ist leider nicht übertrieben. Mit wenigen Ausnahmen vernünftiger Mütter wird man sie beinahe in jeder deutschen Kinderstube antreffen. Der Nutzen dieser Wickelei soll darin bestehen, daß durch sie ein Auswachsen und Verbiegen des Neugeborenen verhindert wird – natürlich eine gänzlich irrthümliche Meinung. Denn einestheils ist diese Vorsicht übertrieben, und anderntheils erhält das vor der Geburt ebenfalls ungewickelte Rückgrat durch das Bettchen genügende Festigkeit, um, falls nicht sinnlose Bewegungen vorgenommen werden, welche die Binde ebenfalls nicht verhindert, nach den Regeln der Körperform zu wachsen. Vor allen Dingen befreie man den jungen deutschen Nachwuchs aus dieser ererbten Zwangsjacke, und ein frischeres Leben wird schon in den ersten Monaten durch die befreite Athmung den jugendlichen Körper durchströmen können.
Dr. –a–