Ein amerikanisches Heldenmädchen

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Textdaten
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Autor: Theodor Kirchhoff
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Titel: Ein amerikanisches Heldenmädchen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 779, 780
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[779] Ein amerikanisches Heldenmädchen. Während einer Dampferfahrt auf dem oberen Columbia, welche ich vor einigen Tagen nach dem im Territorium Washington gelegenen, zweihundertvierunddreißig englische Meilen von der Stadt Portland entfernten kleinen Landungsplatze Wallula machte, war ich Zeuge eines Ereignisses, dessen Schilderung für den großen Leserkreis der Gartenlaube gewiß von Interesse sein wird. Die Gegend, in welcher dasselbe spielte, liegt in einer wildromantischen Einöde, etwa fünfzig Meilen oberhalb Dalles City, meinem Wohnorte im ersten Lustrum der sechziger Jahre. –

Ich befand mich an Bord des Hinterraddampfers „Tenino“ (sprich: Tenaino), welcher, mit Aufwendung aller seiner Dampfkraft mühsam gegen die reißenden Fluthen ankämpfend, seinen Weg von den „Dallesfällen“ stromaufwärts nahm. Wie verwitterte Riesenmauern ziehen sich dort die Felsabhänge auf beiden Ufern viele Meilen weit hin, von grau-gelben, kahlen Bergen überragt. Weder Waldungen, noch Ansiedelungen oder bebaute Felder unterbrechen die Oede dieser Berg- und Felsenwüste; von Menschenwohnungen sieht das Auge nur hier und da ein indianisches Wigwam; schwarze basaltartige Klippen stehen oft im Strombett, zwischen denen die grünlichen mächtig hinwirbelnden Fluthen der Stromschnellen, gegen welche der Dampfer anarbeitet, reißend hinbrausen; am unteren Ende jener viele Meilen langen wüsten Felsenreihe des Columbia ragte die kolossale Schneepyramide des Mount Hood grandios in den blauen Aether; das Ganze ist ein urwildes Bild, in dem unser schnaubendes und in allen seinen Fugen erzitterndes Feuerschiff, aus dessen hohem qualmenden Schornstein die halberloschenen Holzkohlenfunken fast fortwährend wie ein Platzregen auf das obere Verdeck herabfielen, das einzige Merkmal der Civilisation bildete.

Eine recht gemischte Reisegesellschaft fand ich an Bord: Herren und Damen in modischen Stadtkleidern und im Hinterwäldlercostüm durcheinander, Kaufleute, Miner, Packthiertreiber und Andere, deren gesellschaftlicher Standpunkt schwer zu errathen sein möchte; auch eine ansehnliche Schaar von Chinesen war auf dem Schiff und Negeraufwärter hatten das Regiment bei Tafel und in der Kajüte. Nicht wenige Deutsche traf ich unter den Passagieren, die sich allmählich zusammenfanden; es war interessant, wie man oft in einem nicht gerade salonmäßig gekleideten Reisegefährten, mit dem man Erinnerungen aus dem Leben in den Minen und Anekdoten austauschte, ganz unerwartet einen Landsmann entdeckte. Die Unterhaltung, welche bis dahin in englischer Sprache geführt worden war, schlug dann plötzlich in gemüthlicheres Deutsch um.

Auf dem überdachten Vorderdecke des Dampfers bildete der Agent von der an den Blauen Bergen in Oregon liegenden Reservation der Umatilla-Indianer den Mittelpunkt eines ausgewählten Kreises von Herren und Damen, denen jener von den wilden Smocholla-Indianern (das heißt Solche, die zwischen vier Bergen wohnen) erzählte, die hier an den Ufern des Columbia ihre Wigwams aufgeschlagen hatten. Dieselben sind ein Gemisch von vielen in Washington und Oregon ansässigen Stimmen, die dem Propheten Quintarleken, dem Bruder des großen Medicinmannes Ohei bei den Walla Wallas, folgen.

Dieser Prophet macht den von der Regierung der Vereinigten Staaten angestellten Indianeragenten gegenwärtig viel zu schaffen und hat bereits eine große Anzahl von Indianern von den Reservationen fortgelockt. Derselbe prophezeit, daß die Erde sich nächstens aufthun und alle Weißen verschlingen werde und daß dann das ganze Land wieder den rothen Männern zugehören solle. Bereits mehr als achtzehnhundert Indianer hat er um sich versammelt, die sich von den Weißen ganz abgesondert halten, von der Jagd, vom Fischfange und von den Beeren der wilden Sträucher leben und sehnsüchtig das Oeffnen der Erde erwarten.

Eine mit uns reisende hübsche junge Amerikanerin, welche die Erzählungen des Agenten vernommen hatte, bemerkte dazu, daß sie sich nicht fürchte, ganz allein unter diese wilden fanatischen Indianer zu gehen, und daß sie sich nicht fürchte, ganz allein unter diese wilden fanatischen Indianer zu gehen, und daß sie sich, um dies zu thun, bei der nächsten zugänglichen Uferstelle an’s Land setzen lassen wollte. Erstaunt fragten wir, was sie zu einem solchen Wagstück bewegen könnte, und erfuhren dann, daß sie ihre Eltern besuchen wollte, welche etwa drei Meilen jenseits jener unwirthlichen Berge auf einer „Ranch“ wohnten, wo sie Rinder weideten. Sie hatte gehört, daß ihre Mutter erkrankt sei, und war ganz allein von der zweihundert Meilen entfernten Stadt Salem im Willamette-Thale hierher gereist, um an ihr Krankenlager zu eilen. Wir Alle an Bord staunten mit einer Art von [780] heiliger Scheu die jugendliche Heldin mit ihren blonden Locken und ausdrucksvollen hellen, blauen Augen und den schönen geistvollen Gesichtszügen an, wie dieselbe in eleganter Kleidung an der Brüstung des Dampfers dasaß und ruhig nach den am wüsten Ufer liegenden Wigwams hinüberblickte, wohin sie sich ganz allein begeben wollte, ein Unternehmen, vor welchem mancher bewaffnete einzelne Mann zurückgebebt sein möchte.

Von einem Mitreisenden erfuhr ich, daß jene junge Amerikanerin schon früher in dieser Gegend gelebt habe und von den Indianern förmlich vergöttert werde. Diese haben nämlich eine große Vorliebe für blonde und blauäugige weiße Frauen und auch für ebensolche Kinder. Oft kommt es vor, daß Indianersquaws es versuchen, ihre Säuglinge gegen blonde kleine Kinder der Weißen auszutauschen; ein wohlhabender Indianer wird jederzeit gern ein Paar Ponies hergeben, um einen solchen annehmbaren Tauschhandel in seiner Familie zu Wege zu bringen.

Etwa fünfunddreißig englische Meilen oberhalb der „Dallesfälle“ legte unser Dampfer am rechten Ufer, im Territorium Washington, an, wo ich in einiger Entfernung ein Indianerlager bemerkte. Mehrere mit Matten und Fellen bedeckte Zelthütten, aus denen nach indianischer Bauart die Stangen oben verkreuzt emporragten, standen am Strande, wo eine Anzahl von Ponies frei umherlief. Am Flusse waren einige Indianer mit Fischfang beschäftigt. Nackte Kinder kamen eilig aus dem Gestrüpp hervor. Squaws traten aus den Hütten, ihre Säuglinge in Korbgeflechtwindeln auf dem Rücken tragend, und Alle blickten erregt nach dem Dampfer hinüber, dessen Landen sie offenbar nicht wenig in Erstaunen versetzte. Die Gegend war hier entsetzlich wild und öde; nirgends vermochte ich eine Spur von einer Ansiedlung oder Wohnung der Weißen zu entdecken.

An dieser Stelle ward auf ihren Wunsch unsere Heldin nebst ihrem Reisekoffer am sandigen Ufer ausgesetzt. Die Schiffsplanke wurde wieder eingezogen, und schnell entfernte sich der Dampfer und ließ jene ganz allein auf der Sandbank zurück, von wo sie zu Fuß, oder im günstigsten Falle auf einem indianischen Pony reitend, nach der volle drei Meilen entfernten, in der Wildniß liegenden „Ranch“ ihres Vaters gelangen wollte. Sie winkte den Indianern, welche langsam näher kamen und sie, als unser Dampfer schon ziemlich weit entfernt war, erreichten und sich um sie drängten. Die Aufregung auf unserem Schiffe war groß. So etwas war selbst den seit vielen Jahren diese unwirthlichen Gegenden durchstreifenden und an alle Arten von Abenteuern gewöhnten Grenzern, Jägern und Minern noch nicht vorgekommen! – Dort stand die kühne jugendliche Amerikanerin in der eleganten Kleidung und mit den hellen, auf ihre Schultern herabfallenden Locken in stolzer Haltung ganz allein am öden Ufer unter der wilden Bande, wie eine Märchenprinzessin unter Räubern und Zigeunern, grüßte uns zum Abschied mit flatterndem Tuche und unterhielt sich, lebhaft gesticulirend, mit den Indianern. Der einsam auf der sandigen Uferbank daliegende feine Reisekoffer bildete die Seitenstaffage zu dem überaus interessanten Bilde. Alle an Bord befindlichen Ferngläser waren nach der Gruppe hingerichtet, als der Dampfer weiterfuhr, und wir folgten aufmerksam den Bewegungen der jungen Heldin und ihrer wilden Begleiter, bis eine Uferkrümmung jene unseren Augen entrückte.

Freundliche Leserinnen der deutschen Gartenlaube, ich will es euch überlassen, der fremden Schwester in Gedanken durch jene Bergwüste am fernen Columbia zu folgen, nur geleitet von den wilden Smocholla-Indianern und vielleicht ihrem Propheten selber, und euch das freudige Wiedersehen der Eltern und ihres geliebten Kindes auszumalen. Möge ein guter Engel Jene durch alle Gefahren der Wildniß sicher an das Lager ihrer kranken Mutter geleiten und das Glück des Wiedersehens dieser die Genesung bringen!

Dampfer „Oneonta“, auf dem unteren Columbia, am 1. October 1872.

Theodor Kirchhoff.