Ein paar Züge vom Fürsten Lichnowsky

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Titel: Ein paar Züge vom Fürsten Lichnowsky
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[608] Ein paar Züge vom Fürsten Lichnowsky. Prof. Vischer erzählt in seinen unlängst erschienenen „kritischen Gängen“ seine letzte Begegnung mit dem Fürsten Lichnowsky, ganz kurz vor des Letztern gewaltsamem Tode. Dies brachte dem Einsender dieses ein paar andere charakteristische Anekdoten von Lichnowsky in’s Gedächtniß, die er theils selbst erlebt, theils aus erster Quelle erfahren hat; die eine fällt auch in die allerletzten Tage vor dem blutigen 18. September. Es galt die Abstimmung über irgend eine brennende, die Parteien besonders scharf spaltende Frage. Der Versuch mit Aufstehen und Sitzenbleiben war zweifelhaft; man griff zu dem in solchen Fällen üblichen nächsten Mittel, um das Resultat zu constatiren. Die Schriftführer gingen durch die Reihen der Stehenden und Sitzenden und schrieben die Zahl Beider genau auf. Dabei war es herkömmlich, daß die ihrer Parteifarbe nach der Rechten näherstehenden Schriftführer diese Zählung auf der Linken, die mehr nach links neigenden solche auf der Rechten vornahmen, um möglichste Unparteilichkeit zu bewahren. Einsender, der auch Mitglied des Bureaus war, übrigens dem linken Centrum angehörte, begab sich zu der äußersten Richtung, um das fragliche Geschäft zu vollziehen. Da kam ihm lebhaft erregt und heftig gesticulirend, wie dies seine Art war, Fürst Lichnowsky entgegen und rief mit gewohnter Ungenirtheit ganz laut, indem er nach der Linken hinüberdeutete, wo diesmal ausnahmsweise ein der Linken selbst zugehöriger Schriftführer die Abstimmung notirte, er wolle doch ein Bischen controliren, damit Alles mit rechten Dingen zugehe. Da diese Worte, obgleich an Niemand gerichtet, doch so laut gesprochen wurden, daß die darin liegende verletzende Bemerkung fast absichtlich öffentlich hingeworfen schien, so rief ich dem Fürsten zu: „Sie haben kein Recht, die Unparteilichkeit eines Bureaumitgliedes zu verdächtigen!“ Er wollte sich gegen mich entschuldigen, indem er sagte: „Ah, Sie habe ich ja nicht gemeint, wider Sie habe ich Nichts!“ Ich entgegnete ihm aber ernst: „Gleichviel, alle Schriftführer sind Beamte der Nationalversammlung und von ihr gewählt. Sie dürfen keinem davon eine Pflichtwidrigkeit zutrauen,“ worauf der Fürst zwar noch etwas gegenredete, aber doch seinen Vorsatz auf- und sich auf seinen Platz zurück begab.

Höchst vergnügt sah ich früher einmal den Fürsten Lichnowsky, als bei einer ungewöhnlich stürmischen Sitzung die lärmenden und trotz mehrmaliger Mahnung des Präsidenten Gagern nicht zum Schweigen zu bringenden Gallerien auf dessen Befehl geräumt wurden. Da bei diesem Geschäfte, um ernstere Collisionen zu vermeiden, einige Schriftführer nebst dem Präsidenten selbst halfen, so mochte der Fürst diese für ihm Gleichgesinnte ansehen; er gab daher in meiner Gegenwart unverhohlen seine Befriedigung darüber kund, daß man nun ohne Zuhörer berathen könne, und weil die Zeit schon vorgerückt war, erklärte er, sofort einige Körbe mit Butterbrod und Fleisch aus dem Englischen Hof holen lassen zu wollen, damit die Versammlung die heiklige Frage, an der sie eben war, in geheimer Sitzung sogleich durchberathen und erledigen könne. Diese Freude ward ihm jedoch zu Wasser, da die Versammlung, zur Wahrung des Princips der Oeffentlichkeit, nach Erledigung des einmal in der Abstimmung begriffenen Punktes die Vertagung beschloß. – Wieder bei einer anderen Gelegenheit, wo Lichnowsky auf die Tribüne eilte, um eine seiner gewohnten glänzenden Improvisationen in einer Parteifrage zu halten, rief er einem ihm persönlich befreundeten Mitgliede des linken Centrums im Vorüberstreifen an dessen Sitz halb leise zu: „Halten Sie mir den Daumen, daß ich eine gute Rede zuwegebringe!“ – „Den T– werde ich!“ antwortete Jener, „Sie sprechen ja gegen uns!“ – „Bah, das ist Alles Eins!“ erwiderte lachend der Fürst und schritt sporenklirrend die Stufen zur Tribüne hinauf. – Uebrigens verschönert Vischer den Fürsten Lichnowsky, wenn er ihm einen „edlen Gesichtsschnitt“ und „ein fast griechisches Profi“ beilegt. Der Fürst hatte eigentlich wenig distinguirte, fast plumpe Züge, die nur durch ein blitzendes, aber auch mehr entschlossen und fast keck, als gerade geistreich blickendes Auge und durch ein vornehmes Air, – nicht von jener ruhigen Vornehmheit, welche imponirt, sondern von der herausfordernden und verletzenden Art. – etwas Auffallendes, Hervorstechendes erhielten.