Ein vielbeleumundeter Sieger

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Titel: Ein vielbeleumundeter Sieger
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 593
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1877) b 591.jpg

Achmed Moukhtar Pascha, der Sieger Klein-Asiens.
Originalzeichnung von Prof. W. Camphausen in Düsseldorf.

[593] Ein vielbeleumundeter Sieger. (Mit Abbildung S. 591.) Daß ein Feldherr nach einer Reihe von Siegen auch einmal geschlagen werden kann, ist weder seltsam noch selten in der Geschichte; ganz anders steht es mit dem Gegentheil: daß ein fast stets geschlagener Befehlshaber plötzlich einen Sieg gewinnt, und zwar einen so bedeutenden, daß durch denselben eine Wendung in dem bisherigen Verlaufe eines Krieges herbeigeführt wird.

Dieses militärische Wunder vollbrachte der Ober-Befehlshaber der Türken in Kleinasien, Achmed Moukhtar Pascha. Sein Name ist mit jenen Siegen verbunden, welche dem Vordringen der drei russischen Heerkörper in Armenien ein Ziel setzten und schließlich dieselben zur völligen Räumung des Landes zwangen. Welchen Anspruch er selbst auf die Ehren dieser Erfolge zu erheben hat, ist jetzt nicht zu ermitteln. Jedenfalls stehen die Thatsachen fest und verpflichten uns, den vielgenannten Mann unserem Leserkreise im Bilde vorzuführen; wir fügen demselben das, was sich über sein Leben aus den Zeitungen zusammenstellen läßt, in der Kürze bei.

Eine biographische Notiz, welche eine unserer angesehensten Zeitungen über Moukhtar Pascha vor dessen armenischen Glückstagen mittheilt, sagt unter Anderm: Moukhtar Pascha hat seine militärische Unfähigkeit in der Zeit des Feldzugs gegen die Aufständischen in Bosnien und in der Herzegowina, sowie im Kriege gegen Montenegro zur Genüge erwiesen. Seine rasche Carrière verdankt der an Jahren noch junge General zumeist hoher Protection. Er gilt für den natürlichen Sohn des verstorbenen Abdul Aziz. An dem vorletzten Feldzuge gegen Montenegro betheiligte er sich als Generalstabsofficier. Später wohnte er unter Redif Pascha dem Kampfe in Yemen, gegen den aufständischen Beduinenstamm der Assyr bei, wurde Brigadegeneral und, nachdem Redif Pascha nach Constantinopel zurückberufen worden war, Vali (Statthalter) von Yemen und Commandant der Truppen dieses Vilajets mit dem Range eines Veziers. Als dem Aufstande in Bosnien der dort commandirende Derwisch Pascha nicht gewachsen zu sein schien, trat Moukhtar Pascha an dessen Stelle, errang anfangs einige Vortheile, erlitt aber dann im Dugapaß eine schmähliche Niederlage. Auch gegen die Montenegriner focht er nicht glücklicher. Den verantwortungsvollen Posten in Armenien verdankt er seinem ehemaligen Chef Redif Pascha, der seine Stellung als Kriegsminister der ihm angetragenen Oberbefehlshaberschaft in Kleinasien vorzog und selbst für Moukhtar Pascha warb.

Der Kampf um „die hohe luftige Gebirgsinsel, die große Naturfeste und Völkerburg“, wie K. Ritter das armenische Hochland nennt, nahm anfangs einen so unglücklichen Verlauf für die Türken, wie der auf der Balkanhalbinsel. Der schwerste Schlag für sie war aber der Verlust von Ardahan, den man Moukhtar Pascha schuld gab. Nach Zeitungsberichten von den ersten Junitagen sollte er abgesetzt und vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Aber das Kriegsgericht wurde weder für ihn berufen, noch, wie er selbst angetragen hatte, für seinen Unterfeldherrn Feizi Pascha (den Deutsch-Oesterreicher Kolmann), welcher dann bei Sewin zum Entscheidungssieg das Beste beitrug. Aus dieser Zeit stammt die folgende Zeitungsnotiz mit neuen biographischen Angaben:

„Während man,“ so sagt die „N. W. T.“, „jeden Andern schon nach dem ersten Mißerfolge ab- oder, wie den Muhamed Hamdi Pascha, sofort hinter Schloß und Riegel setzt, brachte diesem verzogenen Liebling des Serails jede neue Schlappe neue Ehrenstellen ein. Dem höchsten türkischen Geburtsadel entstammend, ist er seit seinem siebenundzwanzigsten Jahre Muschir (d. h. im Range der Staatsminister und Feldmarschälle stehend). Ein schlanker Mann mit angenehmen Gesichtszügen und tiefschwarzem Vollbart, ist er europäisch gebildet und hat sich, wie viele seiner Gesinnungsgenossen, seine Sporen im Serail verdient. Er machte hauptsächlich sein Glück dadurch, daß er sich entschloß, die alternde Schwester Abdul Aziz’s zu ehelichen (also nach obiger Behauptung über seine Geburt seine Tante!). Seinen Untergebenen und auch Gleichgestellten gegenüber spielt er sich als Mitglied des Kaiserhauses auf und ist von unerträglichem Stolze. Bei der Truppe ist er unbeliebt, weil er oftmals Orgien feiere, während es dem armen Soldaten an Allem fehle.“

Höchst interessant ist von da an der Wandel in den Kriegsberichten. Noch am 8. Juni sagen russenfreundliche Zeitungen: „Moukhtar Pascha wurde durch seine kopflosen Dispositionen vom Hause aus gezwungen, seine guten Stellungen in den Gebirgen ohne Schwertstreich aufzugeben.“ Vier Tage später: „Der unglückliche Moukhtar Pascha concentrirt bereits seine Truppen um Erzerum und erwartet dort sein Schicksal. – Erzerum kann sich kaum längere Zeit halten, und so dürfte längstens bis Ende Juni der Feldzug in Armenien beendet sein.“ – Schon drei Tage später „scheint sich die Situation Moukhtar Paschas einigermaßen gebessert zu haben“. Er hat den Russen Olti wieder weggenommen und sie zum Rückzug gezwungen. Daraus geht natürlich „eigentlich nur das Eine hervor, daß die russische Heeresleitung sich entschlossen hat, erst nach der Einnahme von Kars vorzugehen, um mit unverminderter Kraft gegen die Armee Moukhtar’s operiren zu können“.

Wieder sechs Tage später (Zeitungen vom 21. Juni) „hat die bedrängte Lage von Kars den lauen Moukhtar Pascha endlich aus seiner abwartenden Haltung aufgerüttelt. Derselbe bereitet jetzt, wie man auf das Bestimmteste versichert, seine Offensive vor.“ Er stand damals zwischen Toprak-Kale und Olti mit dem Centrum westlich von Sewin, entschlossen zum Vormarsch nach Kars, aber stark verschanzt und mit den sich ihm gegenüber in gleicher Länge ausbreitenden Russen täglich in Gefechten, in welchen nach den beiderseitigen officiellen Telegrammen stets beide Theile gesiegt hatten und wo bald der bekannte eine Kosake, bald der eine Tscherkesse gefallen war. Dies Alles geschah noch vor der Mitte des Juni. Am Ende desselben, am 16. Juni, siegten die Russen in einem Kampfe von 20,000 Mann gegen 12,000 Türken, den sie eine Schlacht nannten, und in welcher der Ferik Mehemed Pascha fiel. Moukhtar Pascha stand in Köprüköi, westlich von Delibaba. – Die Reihe der Gefechte schloß endlich am 24. und 25. Juni mit der Schlacht bei Sewin, in welcher die Russen 4000 Mann und zwei Divisionsgeneräle verloren haben sollen. Wir haben keinen Raum, eine Beschreibung des Kampfes zu geben, dessen Wichtigkeit durch die unmittelbaren Folgen desselben genügend dargethan ist. Die Türken drangen nach drei Richtungen gegen die Russen vor; Mussa Pascha bedrohte die linke Flanke derselben; Fait Pascha suchte von Bajazid her sie abzufangen, und Derwisch Pascha drängte den Feind auf russischen Boden gegen die Riomlinie zurück, während Moukhtar Pascha, mit Ismail und Feizi Pascha,