Eine Besteigung des Großglockner

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Autor: unbekannt
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Titel: Eine Besteigung des Großglockner
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10-11, S. 136-140, 152-155
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Eine Besteigung des Großglockner.[1]

Am 8. August 1857 bei guter Zeit kam ich in Heiligeblut an. Das Wetter war prächtig, auch auf Beständigkeit zu rechnen, da es bis dahin mehrere Tage hindurch heftig geregnet hatte und (hier ein gutes Zeichen) der Wind vom Glockner kam. Wohl wissend, wie selten schöne Tage in diesem Erdenwinkel, auch gewitzigt durch die Erfahrung des vorigen Jahres, beschloß ich, keine Zeit zu verlieren, und beauftragte sofort den Wirth, mir meinen alten Freund, den Fleißner, holen zu lassen.[2] Er ist einer der drei Haupt-Glocknerführer. Ich hatte ihn bereits als zuverlässig erkannt, als er mich im vorigen Jahre beim furchtbarsten Wetter, welches ich je erlebt, durch die Eis- und Felsenwüste der Zirknitzer Tauern, über das Goldbergwerk und den Verwaltersteig nach Gastein geführt.

Ich ließ diesem sagen: „derselbe Mann sei wieder da, mit dem er im vorigen Jahre bei dem furchtbaren Wetter über den Tauern nach der Gastein gegangen; er solle sogleich herunterkommen, wir wollten noch heute den Marsch zum Glockner antreten, den wir damals besprochen, alles Andere würde ich inzwischen besorgen.“ – Vor zehn Uhr Morgens wanderte der Bote ab. Durch die Wirthin ließ ich nun reichlich Wein und Essen für vier Mann auf zwei Tage herrichten und verpacken. Ein Alpstock für mich, eine Anzahl starker Waschleinen, die nöthigen Eiseisen wurden zusammengeborgt, und nun hieß es, die andern beiden Führer auftreiben, die denn auch nach einigen Bemühungen in den Personen eines Dorfdieners und eines Thürmergehülfen, beides rüstige Männer, gefunden wurden.

Zu meiner Freude kam gegen drei Uhr endlich der Fleißner. Nach unserer Begrüßung ging es nun an Besprechung der Reise. Der Fleißner war zwar zu Allem bereit, hatte aber viel Bedenken wegen der Ausführung. Bald war es der kürzlich gefallene neue Schnee, der die Spalten im Eise verdecken und den Marsch gefährlich machen sollte, bald waren es Stürme, die er fürchtete. Ich merkte wohl, er hatte aus mir damals unbekannten Gründen keine Lust zum Marsche, indessen kehrte ich mich an seine Bedenken um so weniger, als die andern beiden Führer dieselben nicht sonderlich zu theilen schienen. Es wurde daher gepackt und gerüstet.

Endlich war Alles zum Aufbruche bereit. Den Stock in der Hand, den Hut auf dem Kopfe, umgeben von drei mit Allem beladenen Führern und einem großen Theile der von der Neugierde herbeigeführten Ortsbewohner, saß ich und wartete auf ein Paar Schuhe, mit denen der eine Führer die seinen vertauschen wollte.

Wahrend dessen fielen unter denselben, wiederum angeregt von Fleißner, einige bedenkliche Aeußerungen wegen der endlichen Ausführung der Sache, die ich anfangs nicht beachtete, die aber nach und nach eine immer größere Unterstützung unter den Umstehenden fanden. Der Fleißner, der anfangs nur leise Bedenken gehabt, sodann immer größere Zweifel aufgestellt, erklärte endlich wegen des neuen Schnee’s und der drohenden Stürme es für sehr unwahrscheinlich, daß wir auch nur die kleinere Spitze erreichen würden. Da nun nach und nach alle Umstehenden dieser Erklärung beistimmten, so brach endlich mein Verdruß über den ganzen Verlauf, den die Sache genommen, um so mehr aus, als ich der festen Ueberzeugung war, daß es dem Fleißner nur am guten

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Die Gartenlaube (1859) b 137.jpg

Uebergang über die Eiskante.

Willen gefehlt. Ich warf Hut und Stock in eine Ecke und begab mich auf mein Zimmer.

Ein Schreck ergriff mich, als ich am andern Morgen beim Erwachen in die Gegend hinausschaute. Der ganze Himmel grau, dabei der Glockner in allen Umrissen ganz deutlich und verdächtig nahe anzuschauen. – Indessen, die Sache konnte noch nicht aufgegeben werden. Ich wanderte hinauf zum Fleißner. Das ganze Haus war voll lustiger Leute, welche die Messe in der Capelle gehört, die oben in den Bergen liegt. Sehr munter, aber offenbar angeheitert, trat mir der Fleißner entgegen, auf seine Bekleidung zeigend, die allerdings anders, als am vorigen Tage, und offenbar besser zu einer solchen Bergpartie geeignet war. Wir kamen auf den vorigen Tag nicht weiter zurück, und es stand stillschweigend zwischen uns fest, daß heute, trotz des grauen Himmels, marschirt werden sollte. Punkt drei Uhr wollte er bei mir sein, ich sollte mich um nichts weiter bekümmern, für alles Zeug und die andern Führer wollte er sorgen. Auch die Verpflegung dieser wünschte er denselben selbst überlassen und statt dessen für einen jeden eine Zulage von einem Gulden.

Punkt drei Uhr erschien der Fleißner, aber allein, die beiden Andern sollten noch kommen. Der Eine war der berühmte Führer, der Eder, der Andere ein gemeinschaftlicher Verwandter von Beiden, der Tribusser, der schon mit Beiden oben gewesen. Jetzt erfuhr ich denn auch, weshalb der Fleißner am vorigen Tage nicht fortgewollt, und spätere Erfahrung zeigte mir, daß seine Behauptung ganz richtig war. Man kann nicht mit beliebigen Leuten die Sache unternehmen, es genügt nicht, daß die Führer festen Fuß und schwindelfreien Kopf haben, daß sie der Gletscherwanderung kundig sind. Sollen die Führer einen Andern nicht blos führen, sondern auch hinaufschaffen, so müssen sie die schwierigsten Passagen schon öfter miteinander gemacht haben und zur ganzen Sache miteinander eingearbeitet sein. Das war Tags zuvor nicht der Fall. Mit dem Eder zusammen fürchtete der Fleißner keine Gefahr.

Wir ordneten, was die andern Beiden nachbringen sollten, und bald nach drei Uhr ging ich mit dem Fleißner vorwärts. Der Weg führt durch die Wiesen des Dorfes über den Leiterbach und [138] fängt bald an, allmählich zu steigen. Unterwegs besahen wir den Jeßnitz-Fall, der sehr versteckt aus einer wilden Kluft hervorbraust, übrigens an Größe dem weiter nach der Pasterze zu gelegenen Leiterfall bedeutend nachsteht. Lange bevor man den Fall selbst sieht, scheinen große Staubsäulen in der Gegend, wo er liegt, aufzusteigen. Nach etwa zwei und einer halben Stunde scharfen Steigens erreichten wir die Alm des Fleißner, erquickten uns mit Milch und Brod und setzten unsern Weg fort. Bis dahin hatten wir bei bedecktem Himmel doch noch schönes Wetter gehabt, plötzlich aber wurde es, wie es im Hochgebirge vorkommt, dunkel und ein heftiger Regen stürzte herab. Zu unserm Glücke sahen wir einen mit Heu halb angefüllten Stadel am Wege liegen, den wir, gleich nachdem das Wetter begonnen, erreichten und hier, im Heu vergraben, dessen Vorüberzug abwarteten. Bald nachher kamen wir an den sogenannten Katzensteig, dessen Passage Bädecker für sehr gefährlich erklärt; ich fand ihn nicht so. Es ist allerdings ein sehr schmaler Pfad, der, bald fallend und steigend, sich an einzelnen Stellen bis zu einer Höhe von mehreren hundert Fuß über den unten brüllenden Leiterbach erhebt und ziemlich steil nach demselben abfällt, indessen hat man auf der rechten Seite fortwährend steil ansteigende Felswände, an denen man sich halten und denen man beim Schwindel das Gesicht zuwenden kann. Der Leiterbach selbst ist an vielen Stellen mit Schneebrücken, Resten alter Lawinen, bedeckt.

Nach einer Stunde, als die Dunkelheit schon einbrach, überstiegen wir auf schmalem Stege den Bach und standen im engen, von hohen Wänden eingeschlossenen Thale vor zwei Sennhütten, deren eine unser Nachtquartier sein sollte. Die Sennerin, ausnahmsweise ziemlich hübsch, machte uns zuvörderst einen Kaffee, oder vielmehr eine Milchsuppe mit Kaffee und den bekannten Schmarrn. Der Aufenthalt war ziemlich behaglich. Die Hütte gehörte zu den besten im Lande. Sie sind verschieden, die Hütten im Gebirge. Die unsrige hatte (und mir war leider hinlängliche Zeit, dies festzustellen) 12 Fuß in der Breite und 8 Fuß in der Tiefe. Den dritten Teil derselben nahm der ungeheuere Heerd in der einen Ecke ein, eingefaßt mit einem breiten Holzrande. An beiden Seiten, wo der Heerd an die Wand stieß, befanden sich bequeme Bänke, auf denen man die Zeit gar behaglich verbrachte. An dies Gemach stieß die Milchkammer, in der die Sennerin schlief, über derselben war ein Heuboden, zu dem man mit der Leiter gelangte. An der Seite grenzte an das Gemach der Kuhstall, in dem sich etwa ein Dutzend Kühe befanden, während eben so viele die regnerische Nacht hindurch in der Nähe der Hütte im Freien lagerten. Auch über einem Theile des Kuhstalles befand sich ein Heuboden.

Es regnete draußen leise fort; indessen auf besseres Wetter hoffend und für den Augenblick wohl aufgehoben, lagen wir Beide behaglich am Feuer, rauchten guten Orinoco von Justus und erzählten uns ganz gemüthlich Jagd- und andere Geschichten. Der Regen hatte inzwischen aufgehört und es war dunkel geworden, als ich aus der Hütte trat, weshalb ich das Herannahen der beiden andern Führer, die plötzlich vor mir standen, nicht wahrnahm. Nun wurde Kriegsrath gehalten. Gegen zwölf Uhr sollte der Mond aufgehen. Der Aufbruch wurde auf Mitternacht angesetzt, um noch vor dem Wirken der Sonne über das tiefer gelegene Eis zu kommen, bevor die Schneebrücken erweicht, welche die Spalten der Gletscher decken.

Den Eder, diesen König der Führer, sah ich jetzt zuerst; eine magere Gestalt mittler Größe, mit sehr markirten Gesichtszügen und, wie sich bald zeigte, mit Sehnen von Stahl. Er berieth nicht mit den Andern, sondern er entschied mit kurzen Worten, was geschehen sollte. Er sprach seine große Abneigung aus, die Besteigung zu unternehmen, falls das Wetter nicht klar würde. Unter allen Umständen wollte er nicht gehen, wenn es stürmisch sei, wodurch die Besteigung unmöglich werde. Gegen neun Uhr begaben wir uns zur Ruhe, die drei Führer die Leiter hinauf zu dem Heuboden über der Milchkammer, ich auf den Heuboden über dem Kuhstalle, wohin ich von der Krippe mittelst starken Voltigirens gelangte, während der Meißner getreulich nachhalf.

Meine Aufregung war nicht gering, und es dauerte wohl eine Stunde, ehe ich einschlief. Als ich erwachte, schien mir Mitternacht längst vorüber. Mittelst eines Streichholzes sah ich nach der Uhr; es war in der zweiten Stunde. Leider überzeugte ich mich nun, daß das verdächtige Geräusch dicht über mir, dessen Ursache klar zu machen ich mich so lange als möglich gesträubt, von dem auf das Dach schlagenden Regen herrührte. Ich rief nach dem Fleißner, fragte, wie es mit der Reise stände, und erhielt die Antwort, daß er bereits draußen gewesen und wir, abgesehen von dem Regen, wegen der Dunkelheit nicht gehen könnten. Ich mußte einverstanden sein und versuchte, wieder zu schlafen.

Die Dämmerung war angebrochen, wir erwachten, aber die Winde, die uns den Regen in’s Gesicht peitschten, jagten uns bald in die Hütte zurück. Gegen sechs Uhr war der Tag, so wie er bei dieser Witterung sein konnte, völlig heraufgekommen. Der feine Sprühregen hielt an. Nebel durchjagten das Thal und die Stürme, wie es in diesen Höhen bei 6000 Fuß zu sein pflegt, hielten ihren Kampf. Bald siegten die, welche in’s Thal herein, bald die, welche hinaus wollten. Eder erklärte, daß das Wetter gut würde, wenn, was bis jetzt nicht der Fall, der obere Wind vom Glockner käme und den Sieg behalte. Er hielt andern Falles die Besteigung nicht für ausführbar und redete nur die Rückkehr nach Heiligeblut vor, um dort anderes Wetter abzuwarten. – Schon im vorigen Jahre hatte ich den Versuch wegen des Wetters aufgeben und Heiligeblut verlassen müssen, weil der Urlaub dem Ende nahte. Dieses Mal konnte ich noch elf Tage auf die Unternehmung verwenden, wenn ich alles Andere unterließ, was ich mir noch vorgenommen. Ich erklärte daher dem Fleißner, daß ich nicht nach Heiligeblut zurückkehren werde, indem ich noch elf Tage auf die Sache verwenden könne und jeden Tag zu einem Versuche, den Berg zu besteigen, benutzen wolle und, wenn die Andern nicht bei mir ausharren möchten, ich dies doch von meinem alten Gefährten, dem Fleißner, erwarte, der mir bei besserem Wetter andere Führer suchen sollte. Das wirkte. Sie verstanden sich zum Weitergehen, bis ich selbst die Umkehr vorschlagen würde, es sei denn, daß wir oben Sturm fänden, welchen Falles, wie ich selbst sehen würde, vom Weitergehen keine Rede sei, der würde uns wie Strohhalme in die Tiefe werfen, kein Anklammern könne da helfen. Auf meine Vorstellung an den Fleißner, daß wir ja auch im vorigen Jahre bei starkem Regen, Schnee und Sturme über das Eis der Zirknitzer Tauern und der Goldberge glücklich nach der Gastein gekommen, entgegnete dieser mir mit leiser und ehrfurchtsvoller Stimme, mit der Hand in der Richtung nach dem Glockner zeigend:

„Ach, Herr, da oben ist es ganz anders.“

Das Wetter änderte sich nicht, aber um sieben Uhr rückten wir auf mein Verlangen aus, den Katzensteig weiter verfolgend, bis das Thal sich in einen öden Kessel erweitert, immer ziemlich bergan steigend. Der, Boden, schon mit vielen kleinen Bächen versehen und mit kurzem Rasen bedeckt, hatte sich in einen Sumpf verwandelt, aus dem eine Unmasse grauer Felsblöcke hervorragten. Nach etwa zweistündiger Wanderung ließ der Regen nach und das Wetter klärte sich auf. Die durch die Wolken brechende Sonne erwärmte uns bald ganz angenehm, und ich konnte nun die Gegend überschauen. Hinter uns, nach Südosten bis Südwesten sah das Thal, von grauen Felswänden oder grünen Bergen, natürlich ohne jeden Baum, begrenzt, mit seiner grünen Rasendecke im Sonnenscheine jetzt ziemlich freundlich aus. Vor uns, von Nordwest nach Nordosten, zog sich eine weiße Schnee- und Eiswelt, durchzogen in ziemlicher Höhe von einer dunklen Felswand der s. g. hohen Warte, um welche und über welcher sich schwarze Nebel jagten. Unmittelbar vor uns lag ein Eisfeld, der Salms- oder Leiterbach-Gletscher. Vor diesem hatte früher eine Hütte gestanden, angelegt vom Fürstbischof Salm, auf dessen Veranlassung zuerst der Glockner im Jahre 1800 bestiegen ward. Man hatte jedoch bei dem Bau das regelmäßige Wachsen und Schwinden der Gletscher nicht beachtet, und so hatte denn die Moräne die Hütte leider längst spurlos vernichtet. Sonst könnte man am ersten Tage bis hierher gelangen und die Besteigung viel bequemer machen. Wie prächtig müßte es sein, durch diese Eiswüste im klaren Mondschein zu wandern, der dort so hell ist, wie das Tageslicht! Indessen mußte ich zufrieden sein, daß der Regen aufgehört, und wir die Wanderung im warmen Sonnenschein machen konnten. Sobald wir den Gletscher erreicht, warfen sich die völlig erhitzten Führer auf einen Felsblock, und tranken in langen Zügen von dem kältesten aller Wasser, dem Gletscherwasser. Ich kannte wohl den köstlichen Genuß, hatte aber viel von seiner Gefährlichkeit, wenn man erhitzt ist, gehört, wagte daher weder davon zu trinken, noch mich in dem trotz des Sonnenscheins eisigen Winde niederzusetzen, und beschäftigte mich mit den Moosen und Steinen, die [139] ich neben und zwischen den Moränen fand (den Fels- und Schuttwällen, welche der Gletscher vor sich her schiebt).

Durch allerlei Fragen hatte, wie ich bereits gemerkt, Eder meine Kräfte jeglicher Art zu prüfen versucht. Mehr als meine Antworten schienen ihn die Erklärungen des Fleißner zu beruhigen, daß er mich ja von früher her kenne, und ich schon aushalten würde. Es wurde nun, nachdem die Eiseisen angelegt, das Eis betreten, zuvor mir noch der alte Tyroler-Spruch: „Laß Zeit“ eingeschärft. Als Laie würde ich des Gletschers Breite bis zur hohen Warte auf fünf Minuten geschätzt haben, als alter Gletscherwanderer würdigte ich sie ganz richtig auf zwei Stunden.

Er war von vielen Spalten durchrissen, bei denen uns zur Hülfe kam, daß die meisten und kleineren mit jungem und gefrornem Schnee, wenigstens oben, ausgefüllt waren, auf dem wir sie, Einer dem Andern vorsichtig folgend, überschritten. Indessen sahen wir auch manchen offenen und dunklen Schlund, darunter einen, in dem ein Vierspänner spurlos verschwinden konnte. Kein Unfall traf uns, denn den einen Führer, der in einen Spalt durch den Schnee brach, vermochten wir glücklich herauszuziehen, weil der Spalt sehr bald so eng wurde, daß er nur etwa bis zum Halse hineinsinken konnte. Nach etwa 1½ stündiger Steigung wurde der Gletscher so steil und, da Schnee nicht haften konnte, so glatt, daß wir die Seile umlegen und uns einander emporziehen mußten. Dabei fanden wir große Erleichterung durch einzelne Felsblöcke, welche sich von der hohen Warte herabzogen und aus dem Eise herausragten. Nach halbstündiger Wanderung war der Fuß der hohen Warte erreicht, welche uns von der höher liegenden Eiswelt trennte, und die an dieser Stelle kaum zwanzig Fuß hoch ist, auch wegen hervorragender Felsecken leicht erstiegen werden kann. Ich war bei dem Marsch im Sonnenschein, den wir auf dem Eise hatten, so warm geworden, daß ich schon auf der Mitte die leider noch immer nasse Jupe ausziehen wollte. Die Leute protestirten indeß dagegen, mich auf die dunkeln Nebel, welche auf der hohen Warte lagen, verweisend. Sie hatten sehr wohl gethan.

Mir war aufgefallen, daß der Sonnenschein, das klare Wetter gerade bis auf die hohe Warte reichte und dort ohne Uebergang von dem schwarzen Nebel begrenzt wurde. Deshalb kletterte ich hinauf und trat in diesen Nebel, auf das neue Eisfeld, fuhr aber entsetzt vor dem Unwetter zurück, welches mich hier packte. Zwar war es unten an der hohen Warte schon sehr kalt geworden, aber man befand sich doch noch im hellen Sonnenschein und fühlte die- sen noch. Auch in den Nebel getreten, sah ich die Sonne noch durch den gelben Schein, den ich bei den ersten Schritten um mich herum wahrnahm. Er wurde aber bei jedem Schritte dunkler. Eine eisige Kälte hatte mich sofort empfangen, und ein die Haut verwundender, noch nie wahrgenommener Hagel, aus Eisspitzen bestehend, wie von zerbrochenen Nadeln, ließ mich eilig den Rückweg suchen.

Die Führer lachten, als sie mich wieder kommen sahen, und unter dem Schutze der Felswand ließen wir uns nun zum Frühstück, aus allerhand Fleisch, harten Eiern und Wein bestehend, nieder. Hier überzeugte ich mich, wie thöricht ich gewesen, den Führern ihre Verpflegung gegen besondere Bezahlung zu überlassen. Denn unmöglich konnte ich sie hier an ihrem Schnaps und trocknen Brode zehren lassen, während ich Wein, Backhähnel und andere Delicatessen vertilgte. So mußte denn für Vier herhalten, was für Einen bestimmt war.

Der Frost ließ uns nicht lange rasten, obwohl wir uns eng aneinander gesetzt hatten. Ich hatte mir schon unten ein schwelgerisches Mahl hier oben, über 10,000 Fuß hoch, ausgemalt; wir vermochten aber nur wenige Minuten auszuharren, und mußten eilig für unserm Leib sorgen.

In einer Felsspalte werden hier ein für alle Mal für den Nachfolger Eis- und Schneehacke aufbewahrt. Sie wurden hervorgezogen und frischen Muthes ging es nun in das Hagelwetter, in die eisige Dunkelheit hinein, immer noch besser als Regen, den es bekanntlich so hoch nicht mehr gibt. Es ging zwar steil, aber doch viel weniger steil in die Höhe, als während der letzten halben Stunde. Der tiefe Firnschnee war grobkörnig und trocken, wie er stets in dieser Höhe ist. Er erschwerte das Gehen nicht wenig, aber die Anstrengung war bei der furchtbaren Kälte eine Wohlthat für den Körper. Meine ganze bis dahin noch nasse Kleidung, vom Hut bis zur Gamasche, war sofort steif gefroren, mein Bart mit Eis überzogen und die Hände so erstarrt, daß ich den Alpstock nicht mehr zu halten vermochte. Abwechselnd steckte ich ihn unter den einen Arm, dessen Hand ich im Rock verbarg, um sie einigermaßen zu erwärmen, während der andere gleich einem Flügel in der Luft rudern mußte. Wenige Minuten nur konnte ich indessen die gut behandschuhete Hand im Freien lassen, sie mußte Schutz suchen und den andern Arm ablösen. Es war dabei so dunkel, daß man kaum das Zifferblatt der Uhr sehen konnte und, um die Stunde zu ermitteln, mit dem Finger nach dem Zeiger fühlen mußte. Die Sonne hatte uns aber auch hier nicht ganz verlassen, wenigstens für das Auge, wie wir an der gelbgrauen Luft wahrnahmen, die uns umgab. Eder fing an, über Augenschmerzen zu klagen, meinend, daß dieser dunkle, gelbe Schein hier oben den Augen weher thue, als das helle Sonnenenlicht. Ich selbst fühlte keinerlei Beschwerde, auch nicht an den Augen, und hatte letzteres wohl der blauen Schneebrille zu danken, die ich bereits auf dem Salmsgletscher aufgesetzt.

Nach etwa zweistündigem Steigen, von der hohen Warte ab, kamen wir an den Fuß der ersten Spitze, und hier beginnt nun die eigentliche Beschwerde, wenn auch noch nicht die Gefahr. Der Berg steigt jetzt in der Gestalt und Steile eines Zuckerhutes empor. Wir erreichten die Spitze vom Fuße dieser Stelle ab in 1 bis 1½ Stunden.

Um den Rückweg besser zu finden, und weil die Hände beim Klettern gebraucht werden sollten, den Alpstock daher nicht mehr halten konnten, wurden diese schon vorher von ½ zu ½ Stunde in das Eis gesteckt und stehen gelassen. Der Marsch war sehr beschwerlich. Vorauf ging der Eder, und hieb mit Beil und Hacke Stufen in das Eis, weil ohne solche kein Schritt gethan werden konnte. Ihm folgten der Fleißner, ich und der Tribusser, durch Seile mit einander verbunden, an diesen uns emporziehend. Wir mußten sehr langsam schreiten und nach etwa drei bis vier Schritten jedesmal eine Pause machen. Die Brust arbeitete wie bei der größten Anstrengung. Ich glaube, es war mehr die dünne Luft, die uns so angriff, als der Marsch. Der Hagel hatte sich längst in einen dick fallenden Schnee verwandelt. Je höher wir kamen, je gelber und heller wurde der Lichtschein um uns. Noch ehe wir die Höhe erreichten, ließ der Schnee nach, und es wurde völlig Tag. Etwa eine Stunde unter der Spitze, beim Beginn derselben, hatten wir einen Schmetterling, wenn ich nicht irre, einen Schwalbenschwanz, auf dem Schnee umherkriechend gefunden, den irgend ein Sturmwind heraufgebracht haben mußte. Sonst sahen wir an lebenden Wesen nur zwei Schneekrähen mit rothen Füßen und Schnabel. So hatten wir denn gegen zwei Uhr endlich die kleinere Spitze des großen Glockner erreicht. Sie besteht, so weit sie dem Auge sichtbar ist, aus reinem Firneise, und in einem etwa 25 Schritt langen Grath von circa einem Fuß Breite. Auf der südwestlichen Seite fällt der Berg ganz steil ab und bildet eine Wand von etwa 3000 Fuß. Auf der nordöstlichen Seite fällt der Berg nicht ganz so gerade, aber doch gleichfalls ziemlich steil, etwa 6000 Fuß tief auf die unten liegende Pasterze ab. Die ganze Wand besteht, wie auf der linken Seite, aus lauter Firneis, nur an wenigen Stellen tritt der graugrüne Fels hervor. Diese Wand ist voller Eisklüfte und Zacken, so daß ein Herabstürzender vorher in einer der ersteren liegen bleiben würde. Von einem Hinab- oder Hinaufsteigen ist natürlich keine Rede. Auf dieser nordöstlichen Seite findet oder fand sich damals (denn die Witterung verändert wohl) eine Eiswand von etwa sechs Fuß Höhe, eine gleiche, etwa halb so hoch, fand sich auf derselben Seite am Ende des schauerlichen Pfades, der in der Mitte auf eine Länge von circa zwanzig Schritt völlig bordlos zwischen den gräulichen Tiefen hinführte.

Ich kam ziemlich erschöpft auf der Spitze an, fand über mir dunkelblauen Himmel und eine prächtige, wenn auch beschränkte Fernsicht. Doch von alle dem vermochte ich im ersten Augenblick nichts zu empfinden. Oben angekommen und einen Blick in die Tiefe werfend, bemächtigte sich meiner eine große und da oben sehr gefährliche Nervenaufregung. Ich drehte mich deshalb schleunigst um, und legte mein Gesicht an die Eiswand zur Rechten. Hier faßte ich mich und wendete mich wiederum nach Südwesten, während ich mit dem Rücken an die Eiswand lehnte. Ich sah nicht vor mir in die Tiefe, sondern weit hinaus in die Ferne. Die Aussicht war ziemlich dieselbe, wie von der zweiten Spitze, nur von dieser theilweise verdeckt, weshalb ich sie nachher beschreiben will.

Jetzt wurde berathen, was weiter geschahen sollte. Neben mir an der Eiswand standen, Jeder einen Strick in der Hand haltend, [140] der um meinen Leib befestigt war, der Tribusser und der Fleißner, den seine Gefährten den Bürgermeister nannten, einige Schritt von uns, seine kurze Pfeife rauchend, stand frei in der Mitte des Graths der Eder, schweigsam dem Gespräch zwischen uns Dreien zuhörend. Der Tribusser schlug den Rückweg vor, da wir ja die erste Spitze erreicht, die zweite nicht viel höher (circa 40 Fuß), der Uebergang zu ihr aber das Schlimmste bei der ganzen Sache sei. Er malte mir sehr unzeitgemäß aus, daß Einer den Andern dabei in die Tiefe reißen könne, ich daher als Urheber des Ganzen für unser Aller Leben verantwortlich sei. Der Fleißner stimmte so ziemlich bei. Ich entgegnete aber, daß es mir gleich sei, ob wir bis zur ersten Spitze oder nur zur Hütte der letzten Nacht gekommen, in beiden Fällen hätten wir den höchsten Punkt des Glockner nicht erreicht, und dies sei meine Absicht.

Der Eder fiel mit den Worten ein: „Der Herr hat Recht, und nun vorwärts.“

Er ging darauf über den Grath und der Meißner folgte ihm, während ich mit dem Tribusser an der Eiswand zurückblieb, der das an mir befestigte Seil fortwährend hielt. Darauf ließ Fleißner den Eder am Seile in den Grund hinab, der beide Spitzen trennt, sich selbst an der oben gedachten kleinen Eiswand haltend. Nach sehr langer Zeit kam Eder an diesem Seile wieder empor, verkündete, daß Alles bereit sei und ich kommen solle. Nun hieß es: die schmale, bordlose Kante überschreiten. Hier überfiel mich ein neues Grauen. Ich überzeugte mich, daß ich außer Stande war, den Steg zu überschreiten, deshalb kniete ich nieder, legte mein Gesicht dicht auf meine Hände, sah nur auf diese, weder rechts noch links und kroch so über den Grath, während an beiden Enden der Tribusser und der Meißner standen, jeder ein um meinen Leib befestigtes Seil haltend. Am Ende, bei der kleinern Eiswand, oder, um es richtiger zu sagen, dem kleinern vielfach ausgezackten Eishügel angekommen, mußte ich aufstehen.

[152] An dem kleinen Eishügel angekommen, mußte ich aufstehen. Eine schlimme Partie, denn nachdem dies geschehen, hatte ich nicht, wie vorher, wenigstens auf einer Seite eine Wand, gegen welche ich die Augen wenden und mich vor Schwindel schützen konnte. Der Hügel reichte mir nur etwa bis zur Mitte des Leibes; ich konnte es trotz aller Mühe nicht vermeiden, rings herum in die Tiefen zu schauen. Ich hatte gehofft, daß der Grund zwischen beiden Spitzen breiter sein würde und ich mich dort, vor Besteigung der zweiten Spitze, von aller Aufregung recht würde erholen können, indessen war es leider nur ein schmaler Sattel, sehr wenig breiter als der Grath, auf dem ich stand. Von diesem war der Abfall ganz steil und bestand in einer senkrechten Eiskante, etwa so breit, wie ein Männerrücken. Der Uebergang wurde in folgender Art bewerkstelligt:

Der Fleißner, gleich mir an dem Eishügel lehnend, befestigte sich mit dem Seile an demselben. Inzwischen hatte sich der Tribusser an uns vorbeigedrängt; nachdem ihm das Seil um den Leib gelegt worden, setzte er sich auf den senkrechten Abfall, und so ließ ihn der Fleißner einige Fuß hinabrutschen, wobei sich der Tribusser hinten an den Kanten der Eiswand festhielt. Nunmehr setzte ich mich, vom Fleißner am Seile gehalten, auf den Abfall, die Füße auf des Tribussers Schultern gestützt, so daß ich seinen Kopf zwischen denselben hielt. Ein anderes Seil, oben am Eise befestigt, wurde am andern Ende von dem untenstehenden Eder gehalten. Es diente vorzugsweise dem zuletzt Herabkommenden und dem zuerst wieder Aufsteigenden, doch wurde mir gesagt, daß auch ich nach demselben fassen sollte, falls der Tribusser mich nicht mehr aufhalten könnte. Der letzte Fall trat auch ein. Er konnte sich am Eise nicht fest [153] genug halten und rutschte schneller als ich. Meine Füße verloren ihren Halt, meine Arme waren nicht stark genug, mich an der Eiskante zu halten, das Seil, welches Eder unten hielt, vermochte ich nicht zu erfassen, und so hing ich denn ganz allein am Seile über der Tiefe. Ich hatte zwar keinen Zweifel, daß das Seil nicht reißen würde, und oben wohl befestigt sei, indessen erschrak ich doch im ersten Augenblick, als ich so plötzlich in der Schwebe hing, und rief dem Bürgermeister ängstlich zu. Beruhigend klangen seine Worte, denn sehen konnte ich ihn nicht:

„Keine Noth, der Bürgermeister steht fest.“

Die Gartenlaube (1859) b 153.jpg

Das Erklimmen der Spitze.

[154] Endlich erreichten meine Füße auch die Schultern des Trilbusser wieder, und mit diesem rutschte ich glücklich auf den schmalen Sattel hinab. Dieser lud zum Ausruhen nicht ein, die Hauptsache aber war überstanden, und das gab neuen Muth. Es wurde denn auch sofort auf den vom Eder eingehauenen Stufen, nachdem mit seiner Hülfe auch der Bürgermeister am Seile herabgekommen, die zweite Spitze erklommen, indem Eder mit dem Seile nach oben zog, und der Tribusser nachschob. So war denn das seit meinen jungen Jahren ersehnte Ziel erreicht. Weiter empfand ich aber im ersten Augenblick nichts. Ich warf mich mit dem Gesicht in den Schnee der höchsten Spitze und erholte mich von den Anstrengungen des Geistes mehr, denn des Körpers. Jetzt wurde aufgeschauet. Der Bürgermeister holte aus der Brusttasche seines dicken Lodenhemdes auf meine Weisung das Glas hervor, ich selbst band die Maßflasche mit Wein vorn vor meinem Halse los, wo sie mit großer Kunst befestigt worden, als dem einzigen Orte, wo sie vor dem Zerdrücken sicher war. Die Führer hatten sie nicht mit hinübernehmen wollen und gemeint, daß dies unmöglich sei. Ich war daher nicht wenig stolz auf dieses mein eigenes Werk. Nun wurde das Glas bis zum Rande gefüllt, ich trank das Wohl der Allerliebsten, rief es hinaus in die weite Welt und schleuderte das Glas über den Kopf in die Tiefe. Mit offenem Munde und staunenden Augen hatte der Bürgermeister, der dicht neben mir lag, die ganze Geschichte mit angesehen. Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Laut brüllend griff er nach der wohlgeschliffenen weißen Flasche, um sie mit dem Weine dem Glase nachzuschleudern, indessen ich faßte seinen Arm und rettete Flasche und Wein. Jede Spur von Aufregung war nun verschwunden. Die Sache war vollbracht. Eine echte Regalia, die letzte (kostete neun Kreuzer) wurde hervorgeholt und in größter Gemüthsruhe mit wahrer Wollust verzehrt.

Wir hatten höchstens einige Grad unter Null und fanden die Luft, da wir vorher stark gefroren, sehr behaglich. Der Himmel lag dunkelblau über uns. Bereits früher, von einem Riesen der weißen Kette, welche die Thäler von Gurgel und Fend trennt, wenn auch nicht so hoch wie der Glockner, dennoch immer über 10,000 Fuß, hatte ich an einem ganz klaren Tage schon ein Mal die Welt überschaut, und wußte also, wie es da oben bei hellem Wetter aussieht. So gut war es uns nun heute nicht geworden. Im ersten Augenblicke hatte ich geglaubt, alle die andern weißen Spitzen der Berge in der Nähe und Ferne unter mir zu sehen. Schon suchte ich Venediger, Ortler etc. herauszusondern, als ich mich überzeugte, daß es nicht die Berge, sondern die Wolken waren.

Da der Berg nach den meisten Messungen 12,000 (11,988, 11,982) Pariser Fuß hat, nach neueren Messungen noch bedeutend mehr, so hat der Horizont einen Durchmesser von mindestens 60 Meilen, wonach man auf jeder Seite über 30 Meilen, also z. B. auch noch über 10 Meilen in’s adriatische Meer, hineinblicken könnte. Davon war nun nichts zu sehen. Zwar blieb der Himmel klar und dunkelblau, auch war die nächste Umgebung völlig deutlich dem Auge sichtbar, namentlich der ganze Berg, der Ort Cals in Tyrol mit seinen Thälern, die ganze blaugraue Pasterze mit den einzelnen Spalten und Schlünden, jenseits derselben die Gemshütte, Heiligeblut in Kärnthen mit seiner gothischen Kirche und dem schönen spitzen Thurme, das ganze liebliche Moellthal bis Winklern hinab und alle die Berge von Nordosten bis zum Johannesberge, der hohe Narr, die große und kleine Fleiß, die ganzen Goldberge, deren Gletscher dem Auge ganz nahe erschienen u. s. w. Aber nach Norden, Westen und Südwesten war die Fernsicht von einer weißen, unter uns liegenden, durch einander wogenden Wolkenmasse geschlossen. Es war dieses Wolkenmeer auch ein wunderbarer Anblick, Ein starkes Gewitter tobte unter uns in demselben, während wir da oben unter blauem Himmel im köstlichsten Sonnenschein lagen.

Der Fürstbischof Salm hatte auf dieser Spitze vor Jahren ein Kreuz von Eisen aufrichten lassen. Die Wetter hatten es längst zerschlagen und zerknickt. Verbogen wie dünnes Rohr lagen die einzelnen Stücke, zum Theil vom Eise überzogen, umher. Es fiel mir auf, daß die Rudera dieses Kreuzes, welches auf der Spitze gestanden, sich mindestens 10 Fuß unter uns befanden. Auf meine Frage erfuhr ich, daß die Spitze eben auch da unter uns sei, die Erhöhung, auf der wir uns befanden, aber gefrorner Neuschnee sei, der bald wieder verschwinden, während unserer Anwesenheit aber wohl noch halten würde. Dies schien mir denn doch sehr bedenklich, und mit größter Behendigkeit rutschte ich zur Stelle des Kreuzes hinab. Auf meine Weisung schlug mit vieler Mühe der Tribusser ein Stück von einer Eisenstange dieses Kreuzes ab, welches ich zum Angedenken mitgenommen, und da der Eder sehr richtig bemerkte, viel lieber als dieses Stück von Menschenhand würde ihm ein Stück von Deutschlands höchster Spitze sein, so wurden noch einige Stücke des graugrünen Felsens für mich und einige Freunde in der Heimath losgehauen.

Diese höchste Spitze des Berges besteht nicht, wie die kleineren, aus dem blanken Firneise, vielmehr tritt aus demselben an mehreren Stellen der schwärzliche Stein des Glimmerschiefers hervor. Diese zweite Spitze ist überhaupt ein viel gemüthlicheres Plätzchen, als die erste. Wir hatten alle Vier bequem Platz bei einander zu liegen, zu stehen, sogar einige Schritte zu gehen. Schwer trennten wir uns von dort. Zeit und Wetter mahnten indeß an die Heimkehr. Fast eine Stunde hatten wir zum Uebergang von der ersten bis zur zweiten Spitze gebraucht, weiße Wollen kamen von unten zu uns herauf und züngelten sogar um den Sattel zwischen den beiden Spitzen. Eine halbe Stunde hatten wir oben gelegen, so mußte denn geschieden sein.

Mit großer Schnelligkeit war ich, von dem oben stehenden Eder am Seile gehalten, die Spitze zum Sattel hinabgeruscht. Während Einer das von oben herabhängende Seil hielt, kletterte mit dessen Hülfe der Bürgermeister zuerst zur andern Spitze hinauf und zog Einen nach dem Andern empor, wobei wir uns mit Händen und Füßen so gut als möglich an der schmalen Eiskante hielten. Nun gab es noch einen bitteren Augenblick. Wie vorher mußte ich die schmale Kante überkriechen, dann aber war die Noth vorbei. Wie von der andern Spitze rutschte ich, auf dem Rücken liegend, mit den Füßen gegenstemmend, am Seile gehalten, den Zuckerhut hinab. Der Punkt am Fuße heißt „Adlersruh“. Wir hatten dort ziemlich das alte Wetter; gelber Dunst und Schneegestöber nahm uns auf. Dennoch fanden wir unsere Alpstöcke glücklich wieder. So schnell es hinabging, wollten wir doch noch schneller fortkommen und versuchten abzufahren, ein Manöver, welches dem schwer deutlich zu machen ist, der es nicht aus Erfahrung kennt; der tiefe Schnee indessen war hinderlich. Ich verlor das Gleichgewicht und in langem Bogen schoß ich mit dem Kopf in den Schnee. – Ich fühlte nichts als Schnee und daß ich tief hineingefallen. Obwohl ich mich nicht betasten konnte, überzeugte ich mich doch, daß ich nicht verletzt sei, und als eine dumpfe Stimme über mir fragte:

„Herr, auch nichts zerbrochen?“ konnte ich mit Ruhe antworten: „Nur der Hosenträger.“ Fern von den Wohnungen der Menschen auch nicht angenehm.

Bei den Füßen wurde ich herausgezogen, und selbst die vor dem Munde sitzende Schneebrille unzerbrochen gefunden.

An der steilen Stelle der hohen Warte, wo Eis- und Schneehacke in der Schlucht wiederum versenkt, auch ein Theil des dort zurückgelassenen Gepäcks wieder aufgeladen und kurze Rast und Zehrung gehalten ward, wurden zuletzt die Seile gebraucht.

Auf dem Leitergletscher fanden wir helles Wetter, und endlich hatten wir den grünen Rasen an alter Stelle, nachdem die Eiseisen abgeschnallt, unter den Füßen. Eine neue Welt fanden wir vor. Noch lange waren wir vom Schneeglanz geblendet, und alle Dinge, Steine und Rasen schillerten in allerhand Farben. Auch auf dem festen Boden vermochten wir, wie die Matrosen, anfangs nur schwankend zu gehen. Im Gesicht sahen wir roth wie die Krebse aus, bei mir und den Andern war die Haut (die sich demnächst ganz schälte) mehrfach aufgesprungen und blutig. Eder hatte ganz entzündete Augen. Sonst hatten wir Besonderes an uns nicht wahrgenommen, weder Nasenbluten noch Schwindel, die in solcher Höhe den Menschen zuweilen befallen sollen. Mit Sturmesschritten, nur zuweilen etwas Edelweiß pflückend, eilten wir vorwärts, und erreichten bald die Hütte. Die Sennerin war der Magnet, der die Führer hineinzog. Meinen dortigen Proviant ihnen überweisend eilte ich vorwärts, um noch vor völliger Dunkelheit den Katzensteig zu überschreiten. Gegen zehn Uhr, als es schon dunkel war, trat ich ganz allein als Sieger in das Gasthaus zu Heiligeblut, von wo aus man unsern Marsch zum Theil mit Gläsern verfolgt, empfangen von Allen mit tiefem Respect.

Wie hatte ich mich auf eine Cigarre am Schlusse des Tages nach diesem Werke gefreut! Ich war aber so müde, daß es mir lästig war, die an mich gerichteten Fragen zu beantworten, und schwer, [155] mich nur munter zu halten, bis das Abendbrod fertig geworden. Die für diesen Augenblick ersehnte Cigarre ward angesteckt, indessen nicht aufgeraucht, denn ich schlief fast auf der Bank ein. Nachdem ich noch mit angesehen, wie die Führer, die inzwischen heruntergekommen, zum Schmauße sich niedergesetzt, den ich ihnen noch anrichten ließ, und sie noch durch die Weisung erfreut, mein Conto im Buche des Wirthes bis zum nächsten Morgen als das ihrige anzusehen, begab ich mich auf mein Zimmer und versank, was nach dergleichen Strapazen nicht gewöhnlich ist, in tiefen und andauernden Schlaf.





  1. Unsern zahlreichen Lesern im Auslande diene die Mittheilung, daß der Großglockner, auf der Grenze zwiscken Tyrol, Kärnten und Oberösterreich gelegen, nach den neuesten Messungen 12,158 Fuß hoch, mithin der höchste Berg in Deutschland ist.
    D. Redact.
  2. Die Leute werden stets nach dem Haus- und nicht nach dem Familiennamen genannt.