Eine Boxerfahrt

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Titel: Eine Boxerfahrt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 650–652
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Eine Boxerfahrt.

Wie noch vor fünfzig Jahren in schottischen Dorfschulen ein Schulbuch in Gebrauch gewesen, welches die interessante Mittheilung enthielt, daß die Leute in Deutschland in Felle gekleidete Barbaren seien, so giebt es noch heute deutsche Landsleute, die allen Ernstes sich einen Engländer nicht ohne gelben Nankinganzug, Fidibusse von Fünfpfundnoten und einen Bulldog als Spiritus familiaris denken können, vor Allem aber die edle Kunst des Boxens als ein populäres Vergnügen vom Lord bis auf den Straßenjungen herab erklären. Ob der Nanking aus der Mode, müssen die Schneider am besten wissen, aber daß Banknoten nicht mehr zum Anzünden von Pfeifen verwendet werden, ist eben so gewiß, wie die Seltenheit der Bulldoggen in London und die Unmöglichkeit, einen Lord in Hemdsärmeln zu entdecken, der wie ehedem einen Matrosen zu einem „Gang“ herausfordert.

Indessen ist die alte liebe Gewohnheit nicht völlig ausgestorben, alljährlich finden Preisfaustkämpfe statt, zu welchen die Helden wie edle Pferde lange vorher „trainirt“ werden, bis ein Platz in sicherer Entfernung von polizeilicher Störung ausfindig gemacht ist und die Höhe der Wetten das Risico von Leib und Leben „verlohnt“.

So war es am ersten September unseres erleuchteten Jahres. Die Sportzeitungen hatten die Erwartung und Ungeduld jenes Theils der Bevölkerung, dem die Times ein „wölfisches Gemüth“ zuschreibt, bis zum Siedepunkt erhitzt. Auf Mace, den Zigeuner und Preisboxer, Englands Champion, waren bald 600 Pfd. St., auf seinen Gegner Goß 400 Pfd. St. gewettet. Der Sieger sollte beide Summen in die Tasche stecken.

Es war Mitternacht in Whitechapel, einem düsteren östlichen Districte Londons, und zwar dem ärmsten. Die Bierhäuser waren aber noch gedrängt voll, und sehr gemischte Gesellschaft wogte ein und aus. Hier war das Stelldichein Aller, welche für zwei Sovereigns das Geheimniß erkaufen wollten, wo der Boxkampf vor sich gehen sollte. Wer mit Ellenbogen und Rippenstößen sich den Weg zum Ohre des grinsenden Bierwirths erzwingen und ihm zwei Goldstücke in die Faust drücken konnte, erhielt ein Eisenbahnbillet „gültig von der Paddington-Station nach W. B. und zurück.“ Wer nun keine verdächtige Polizeinase besaß, konnte mit Leichtigkeit unter so liebenswürdigen Sportsmännern auskundschaften, daß W. B. eine kleine Stadt in der entlegenen Grafschaft Wiltshire, Namens Wootton-Bassett sei, von ehrwürdigem Alter, fast so alt, wie der Kalkboden, auf dem sie erbaut worden. Um halb vier Uhr Morgens sollte der Bahnzug abgehen, und in dichten Gruppen wanderten die Billetinhaber von allen Bezirken der Millionenstadt nach der Station Paddington im fernen West-End.

Eine Fluth von Menschenköpfen drängte sich in dieser Frühe durch das Bahnhofgebäude, durch Fenster und Thüren; – die Beamten gaben jede Ordnung als hoffnungslos auf, und Ex-Champions verschiedenster Gattung bildeten eine Amateur-Polizei und hielten die Reiselustigen mit Knotenstöcken und Faustpüffen in Reih’ und Glied, bis die in Bereitschaft gehaltenen Waggons mit dieser lärmenden, fluchenden und jauchzenden Völkerwanderung gerüttelt und geschüttelt voll waren. Die Policemen glänzten durch kluge Abwesenheit, augenscheinlich hatten sie ihre besonderen Pläne, wie den Fang sich in flagranti nicht entgehen zu lassen.

Der Zug schien von ungeheurer Länge. Dichter Nebel verhüllte die Aussicht noch nach allen Seiten, und man entdeckte nur ein Irrlichtheer von glimmenden Cigarren in dem Düster des Perrons und der Coupés, bis mit einem schrillen Pfiff die ganze ungefüge Masse in Bewegung kam. Die Heroen des Tages, Mace und Goß, die zuletzt eingestiegen, wurden mit einem brausenden Hurrahruf empfangen, das noch weithin hallte, als schon das Rasseln der Räder und Ketten und das Geknatter der Schienen jede menschliche Rede unhörbar machte. Ein gellendes Geschrei antwortete vom Eisenbahnhof, wo späte Nachzügler ihr Geschick verwünschten und gern auf einen Höllenwagen gestiegen wären, wenn solcher für hundert Guineen zu haben gewesen, um die Davonfliegenden noch einzuholen.

Und doch war dies kein „gemeiner Pöbel“ – nein – gut zwei Fünftheile waren Leute aus der sogenannten „guten Gesellschaft“, durchstreut mit hochadligen Namen, einzelnen Parlamentsmännern, hin und wieder einem jugendlichen Kleriker, freilich ohne die sonst kenntliche weiße Halsbinde, Beamten, die den Sport lieben, und Leuten, die bei Tatterfall täglich hohe Wetten auf Pferdefleisch buchen und bezahlen können. Der große Rest besteht immer aus Gesindel, dessen gute Geschäfte in London ihm an solchen „Ehrentagen“ die Ausgabe von einigen Guineen gestatten. Die „wölfische Gemüthlichkeit“, wie die Times sagt, verbrüdert schnell in solchen Fällen.

Hinaus in die Morgenfrühe, in das offene Land! Vorwärts laufen die Fünfhundert nach einem entlegenen Platze, wo sie in Verborgenheit einem Schauspiel beiwohnen wollen, das möglichenfalls mit einem Brudermorde endet! Sie sorgen sich um solche Gedanken nicht; sie rühmen das Ding als nobel und heroisch; denn es sei etwas „Besonderes um die heutige Probe“, weil „beide Männer Erfahrene seien“ und in „excellenter Condition“ sich befänden. Namentlich Mace, der erklärte Champion von England, sei ein würdiger „Professor einer äußerst nützlichen Kunst“, nothwendig „für die nationale Existenz Britanniens“; Beide auch „Wetteiferer“ für ein anständiges „Preisgeld“, das mehr als ein „Ehrensold“ denn als „gemeiner Mammon“ angesehen werden müsse. Sie gäben ein Beispiel, „bis zu welcher Vollkommenheit ein Mann trainirt werden könne, wenn nur sein Geist mit Ernst sich auf die Sache werfe“ etc. Hin und her gingen die Wetten, die sorgfältig gebucht wurden. Es macht nicht viel aus, sich als zweideutiger Bankerotteur vor Gericht weiß zu waschen, aber es ist Ehrensache, solche Wetten auf Menschenblut zu bezahlen.

Weiter! Weiter! Sonnenschein überall! Man ist achtzig englische Meilen von London entfernt und hat die Fahrt in kaum zwei Stunden zurückgelegt. Zauberischer Sommermorgen! Grün funkelt der Sammet der weiten Hirtenlandschaft fern und nah. Ungesehen – hier ungefühlt! „Welch schönes Wetter! Wir werden einen „Modellkampf“ sehen.“

Wootton-Bassett ist erreicht. „Endlich!“ – Sofort schlüpfen aus dem vordersten Waggon ein Dutzend Gestalten, Ex-Champions, die ihren Ruhm überlebt, beladen mit den Utensilien der Kampfequipage, d. h. den Feldstühlen für die Boxer, wenn erschöpft oder blutend, riesigen Bündeln von Wasch-Schwämmen, Essig- und Wasserflaschen, Flacons mit Portwein gefüllt. Bandagen u. s. w. In allen diesen Dingen verräth ein gewisser patentirter Luxus das vorgeschrittene Zeitalter. Nur das mitgebrachte Strohbündel sieht häßlich-ominös aus. Ich blickte mich unwillkürlich nach einem Todtengräber um und nach einem Sarge! – Weichliche Sentimentalität! Andere „von der Kunst“ schließen sich an, welche die Pfosten und Seile tragen, mit denen der Kampfplatz – oder vielmehr der „Ring“ – eingezäunt werden soll. Dann folgt Mace, der Champion von England, von Kopf bis zu Fuß in einen phantastisch-weißen Flanellanzug gekleidet, an den Säumen mit schwarzen Streifen verziert, eine weiße Mütze auf dem verwegenen Zigeunerkopfe. – Verehrung spricht aus allen Gesichtern – denn Viele warten schon dort, die von Bristol, Manchester, Liverpool, von allen Ecken und Enden Englands herbeigekommen, zu Roß und zu Wagen oder mit Dampf, und theilweise im Freien über Nacht bivouakirt haben. – Goß, sein Rival, ist dunkelfarbig von Antlitz und Kleidung, sieht weniger kunstreiterhaft aus und könnte für einen harmlosen Hufschmied gelten.

In langer, schweigender Procession – die Spannung macht alle Gespräche verstummen – schreitet die schwellende Menge über den weißen, weichen Mergel der Felder, mitunter durch Hohlwege, von dunklem tauigem Laube überwölbt, durch welches das Sonnenlicht schimmert auf alle die wandernden, unheimlichen, oft scandalösen Gesichter, fast quer über auf eine Wiese zu, auf der ein Schäfer friedlich seine Heerde weidet, denn der seltsame Besuch kommt dem Landstädtchen in Wiltshire ganz unerwartet. Er will sich anfangs dem Einbruche auf sein Gebiet widersetzen, aber ein einziger voller Händedruck macht alle Scrupel schwinden.

Nun wird der „Ring“ errichtet – es ist eigentlich mehr ein verkümmertes Viereck. – Ein äußerer Ring für bevorzugte Honoratioren folgt in gleicher Schnelle, wofür die Schauplätze zum Besten der „Faustkämpfer-Wohlthätigkeits-Gesellschaft“ sich mit rapider Bereitwilligkeit verkaufen. Gold regnet in die schmutzigsten Hände – denn es sind zwölf breitbrustige Burschen nöthig, um den ersten Rang gegen den Andrang der Uebrigen mit frischgeschälten Weißdornstäben und Guttaperchapeitschen zu vertheidigen. [651] Seine Gnaden der Marquis ** setzt sich platt auf die Erde; Mylord – in verschiedenen Exemplaren – macht es sich bequem auf einem Feldstuhl. Bruder „Stromer“ in zweideutigem Costüme nimmt neben ihm Platz; hinter ihm lagert Einer, dessen Gesicht halb verschämt sich hinter einem feinen Taschentuche versteckt. Ist es nicht derselbe Kopf, der am vergangenen Sonntage in London auf einer Kanzel erschien und den Segen über die friedliche Gemeinde sprach? Hier ein Banquier, dort ein Rudel geschwätziger Clerks, wiederum ein wohlbekannter Squire des Unterhauses, ein Member of Parliament in feinstem Schwarz, hier und da wohl andere größere und kleinere Büreaukraten für Großbritannien und Ostindien, mit sultanisch-verschränkten Beinen auf dem Rasen hockend oder über die straffgespannten Seile des Ringplatzes lehnend. Roués und junge Verschwender, „junge Väter“ und „ältere Söhne“, Officiere in Civil, hier und da auch elegante Taschendiebe – denn die Ernte ist oft reich und leicht, wenn Aller Augen auf quellendes Blut geheftet sind. Am zahlreichsten aber ist die Classe der „Turfiten“, oder der „Quäker des Turfs“ vertreten, Spottnamen für Sportsmen. Diese Classe ist sogleich herauszuerkennen. Sie rekrutirt sich an der Pferde- und Wettrennenbörse am Tattersall an der Ecke von Hydepark täglich um vier Uhr Nachmittags. Wie verschieden auch an Bildungsgraden, sie sind durchweg – lateral, horizontal, vertical und diagonal – Pferdeliebhaber oder solche, die von den Interessen des Pferdefleisches leben. Weiße oder gelbe Halstücher mit absonderlichen Knoten, schwarze, graue, grüne Röcke mit absonderlichem Schnitt, hartblickende Gesichter, ernsthafte Mienen, meist mager, und von der Neigung, beide Hände in die Seitentaschen zu stecken, knappe Pantalons und Hüte mit sehr breiter oder sehr schmaler Krempe, Stulpstiefeln oder leichte, weite Schuhe. – Da giebt es keine Mißverständnisse, das sind „Turfiten“. Mit dem geschäftsmäßigen Enthusiasmus für Pferdefleisch verbinden sie eine fixe Idee, daß das britische Reich nicht ohne Preisboxkämpfe bestehen könne, wie sie sagen, von einem „christlich-muskulösen“ Gesichtspunkte aus betrachtet. Boxkampf und Constitution! Boxkampf und alte Institutionen! Boxkampf und Freiheit! Vor dem „Ring“ sind Alle gleich, Aristokraten und Demokraten. So lange beide Parteien ihre Wetten bezahlen, begegnen Herzoge und Lumpensammler, Pfandleiher und Jockeys sich auf dem gemüthlichen Fuße von „Mann gegen Mann“ auf dieser echt nationalen Grundlage.

„Platz! Platz! Ruhe!“

Mace erscheint auf der einen Seite des Rings, Goß auf der anderen. Beide werfen herausfordernd ihre Flanellkappen in die Mitte. Donnernde Cheers ringsum. Jetzt werfen Beide eine Münze empor, „Kopf oder Schwanz!“ um den besten Platz. Mace gewinnt, d. h. diejenige Ecke, wo er dem störenden Sonnenlicht den Rücken zukehrt. Mit feierlicher Langsamkeit geht nun die Entkleidung durch die Secundanten vor sich. Jeder hat zwei Gentlemen dieser Art zur Hand, von denen je einer sein gebogenes Knie dem Kämpfer als Sitz bietet. Die Stiefel werden gegen weiche Schuhe vertauscht, Rock und Weste, Alles bis auf festgeschnürte Beinkleider abgelegt. Der ganze Oberkörper bleibt nackt. Mit welchem „Kunstsinn“ die athemlos Zuschauenden die kräftigen Gestalten kritisiren!

„Beide sind zu fast gleichem Gewicht trainirt!“ – „Ihr Fleisch ist so weiß wie Bienenwachs, ihre Haut dünn wie Seide!“ – „Herrliche Politur der Gliedmaßen!“ – „Aber Mace hat den kräftigsten Schädel!“ – „Wie sie einander messen, Auge um Auge!“ – „Goß hat mehr tierische Ausdauer in seiner Gestalt ausgeprägt!“

Dies die Conversation, wie sie von Mund zu Munde geht. Die Speculanten machen Wetten über Wetten – fast anderthalb Stunden währen die mit pedantischer Genauigkeit vorgenommenen Rüstungen, – die Ungeduld steht auf den Zehen – Furcht blickt rechts und links nach der Richtung des Bahnhofes von Swindon, wo der verdächtige Polizeimann sichtbar gewesen!

Jetzt!

Mace steht mit gekreuzten Armen in der Mitte des Ringes. Goß tänzelt um ihn herum mit Finten und Scheinangriffen. Jeder sucht den ersten dröhnenden Hieb zu ertheilen oder zu vermeiden. Bald wieder senken sie die Arme und lächeln einander an mit convulsivischer Mundverzerrung. Die Zuschauer hetzen sie aufeinander, wie zwei knurrende Hausdoggen. Jeder hat seine Capuletti und Montecchi unter der Versammlung, die im rohesten Englisch sich gegenseitig „aufbieten“ und die Champions preisen oder verhöhnen. Lärm, Gelächter, Fluchen und Schwören ringsum, Händeklatschen und Fersenstampfen. Noch immer drehen sich die Kämpfer mit wachsamem Lauern in Ringe hin und her. So vergehen zehn Minuten. Tiefste Spannung überall. Noch fiel kein Schlag. Da – ein Schrei!

„Die Coppers!“

Verwirrung überall. Coppers ist ein Spottname für Polizeiconstabler, von Yankee-Ursprung vermuthlich.

Der blanke Hut des Polizei-Inspectors, den man in Swindon erblickte, erschien in der Ferne, und vor ihm her stürmten drei Wächter der öffentlichen Sicherheit, um durch die festgerammte Menge zu brechen. Einige Londoner Rowdies riefen, man solle die Viere gefangen nehmen, bis der „Modellkampf“ ausgefochten, indessen die Loyalität überstimmte. Langsam löste sich der dichte Kreis in Gruppen auf, und während einige berittene Gentlemen die lachenden Policemen in eine merkwürdig lange Unterredung verwickelten, wurde den halbnackten Champions ein Ueberrock übergeworfen, und wie auf Commando trabten die gespannten Zuschauer – achthundert nunmehr – zur Eisenbahn zurück. Man glaube nicht, daß die Sache damit zu Ende. Eine lustige Meute ruht nicht eher, als bis sie Blut gesehen!

In der That! Die gesammte Menge stieg wieder in die wartenden Waggons, rasselte achtzig Meilen entlang nach London, stürmte dort über den Bahnhof, – Hunderte in Cabs und in Omnibus, andere Hunderte überrumpelten die sich dort anschließende unterirdische Eisenbahn – und passirten Alle, was Pferde und Dampf leisten konnte, sieben englische Meilen quer durch London, überall mit Cheers begleitet, nach dem südöstlichen Bahnhof in Fenchurch-Street. Alles folgte einem geheimen Losungsworte. Diesmal in ganz entgegengesetzter Richtung – achtzig Meilen ostwärts nach der Küste von Essex! Die Scene vor dieser zweiten Abfahrt war unbeschreiblich. Hülferufe überall aus dem summenden Gedränge! In fünf Minuten wurden nicht weniger als sieben gewaltsame Ausplünderungen mit Hülfe von Boxerhieben verübt. Ich sah einen Dandy von Sechsen umzingelt, halb ohnmächtig geknufft und vergeblich protestiren, als Uhr, Kette, Börse, Busennadel ihm unter vielseitigem Hohngelächter abgenommen wurden. Es gelang einem Trupp Policemen, sich zu ihm Bahn zu brechen, aber der Geplünderte rief:

„Laßt die Burschen in Ruhe! Ich habe keine Zeit zum Denunciren und will nicht den Bahnzug versäumen!“

Und Diebe und Bestohlener stiegen in ihre Coupés. Wer sollte es heute mit practical jokes zu genau nehmen!

Es war vier Uhr Nachmittags, als der Zug in der Kentischen Marsch anlangte. Aber, o Mißgeschick, ein Fluß war zu überfahren – und nur drei Boote vorhanden! Dies war Alles zum Transport von nunmehr tausend aufgeregten, erhitzten, enttäuschten Sportsmännern, die auf der Fahrt durch London allerlei verdächtige Verstärkungen erhalten. Wieder hatten nur die Stärkeren Recht! Jeder Platz in den Booten wurde erkämpft. Manche sprangen in das Wasser und wateten hinter den ersten sich entfernenden Fahrzeugen her, die bis zum Sinken überladen waren. Dort angelangt, klammerten sie sich an den Rand und erzwangen sich einen Platz oder ließen sich halbschwimmend nach dem jenseitigen Ufer hinüberschleppen. Andere boten zwei Guineen (14 Thaler) für einen Sitz und erhielten doch nur Ruderschläge als verächtliche Antwort. Hin und her gingen die Boote – es währte volle zwei Stunden, ehe nur die Hälfte der Truppen übergesetzt war. Die Boote waren halbzermalmt und zeigten unrettbare Lecks; somit blieb die Hälfte in ohnmächtiger Erbitterung zurück, ein Geheul ausstoßend, das einer Indianerhorde Ehre gemacht hätte. Daß nicht Einer ein nasses Grab gefunden, nicht ein Boot seine wüste Bürde ausgeschüttet – erscheint demjenigen ein Wunder, der die Geschicklichkeit englischer Ruderer nicht kennt. Etwa ein Dutzend vertraute sich sogar schwimmend den Wellen an und erreichte das gegenüberliegende Ufer unter brausendem Hurrah der vor ihnen Angelangten. Nun lag Wasser zwischen den Landfriedenbrechern und der Polizei, wenn solche ja es wagen sollte, ihnen ein zweites Fiasco zuzugedenken.

Dieses Mal gingen die Vorrüstungen zum Ehrenkampf für tausend Pfund Sterling mit größter Eile von Statten. Der Ring war in fünf Minuten gesteckt, auf ödem Seesand, halbversteckt hinter alten Dünen und Rohrgebüschen, über sich den bleifarbenen Wolkenhimmel. Daß der Faustkampf begonnen, bewies den am [652] andern Ufer Gebliebenen bald das Echo des gellenden Geschreis aus hundert und aber hundert Kehlen, das weit hinüberschallte und wiederhallte.

Begleitet von einigen Wenigen gelang es mir auf weitem Umwege in einem Weiler ein Boot uns dienstbar zu machen, und wir langten nach Verlauf von anderthalb Stunden auf dem Kampfplatze an, wo die Aufregung der Zuschauer sich bereits zu völliger Raserei erhitzt hatte. Dumpf fielen die Faustschläge der Combattanten – aber nur in langen Pausen, denn Jeder überbot den Andern im Pariren, Ausweichen und in Finten jeder Art. Die umringende Masse, ungeduldig darauf, Blut zu sehen, überhäufte Goß mit unbeschreiblichen Schimpfwörtern, „weil er davon laufe“ – „keine Courage zeige“ – alles in der Absicht, ihn an eine Stelle zu locken, wo ihn möglichenfalls ein tödtlicher Schlag treffen könne. Vierzehn Stunden der Aufregung und – noch kein Blut. Das war unerhört in der „Kunstgeschichte!“ Und soviel dürstende T– in Menschengestalt harrend – schwörend – höhnend! Mace’s rechtes Auge war bereits fast geschlossen und auf Goß’s breiter Brust brannten die rothen Fingerspuren seines Rivalen, während auf seiner Stirn ein dunkler Blutstropfen sichtbar wurde.

„Erstes Carmin für Mace!“ rief der Schiedsrichter, der auf einer Schütte Stroh saß, mit eintöniger Stimme.

Oft rangen die Kämpfer mit einander bis zur Erschöpfung, und nicht weniger als fünf Mal mußten sie zu den Feldstühlen getragen werden, bis jedes Mal der „Unparteiische“ sie wieder aufrief mit seinem monotonen Geschäftston: „Zeit ist um, Gentlemen!“

Mace, die Arme kreuzend, verfolgte mit dem Ausdruck diabolischer Verachtung alle die tänzelnden Rundgänge, mit welchen sein Rival ihn zu einer Bloßstellung verlocken wollte. Das währte Viertelstunde um Viertelstunde. Dämmerung erschien schon auf den westlichen Hügeln. Die Wuth der Ungeduld unter den Zuschauern überstieg alle Grenzen. Die Sorge, daß eintretende Dunkelheit das grausame Schauspiel unterbrechen werde, malte sich auf allen Gesichtern, in den blutunterlaufenen glotzenden Augen, in den Ausbrüchen drohenden Grimmes. „Geht drauf! Geht drauf!“ gellte, brüllte, keuchte, dröhnte und zischte es in hundertfacher Modulation. Noch immer drehten sich die Kämpfer im Kreise.

„Jetzt!“

„Geht drauf!“

Goß holte aus zu einem vernichtenden Schlage, aber wurde in demselben Momente mit Blitzesschnelle durch einen krachenden Faustschlag unter der Kinnlade besinnungslos zu Boden geschmettert. Er fiel vornüber und – „er ist todt!“ brauste es ringsum unter unermeßlichem Jubel. Vergeblich schienen alle Wiederbelebungsversuche. Noch konnte er „die Ehre des Tages“ retten, wenn er sich aus der Ohnmacht erholte.

„Zeit ist um!“ tönte es dumpf von dem Munde des Schiedsrichters.

„Ich gebe ihm fünf Minuten Ueberzeit,“ erwiderte der Sieger, unbeweglich auf die Scene blickend.

Wiederum eine schauerliche Pause. Der Getroffene schlug die Augen auf, versuchte zu stammeln und sich aufzurichten, doch vergebens!

„Zeit ist um, Gentlemen!“

Hurrah für Mace! Drei Cheers für den Champion von England. Aber nicht höllisches Jauchzen allein, nicht dröhnendes Beifallklatschen nur belohnte Mace, den Sieger, der soeben tausend Pfund Sterling gewonnen, sondern man umarmte ihn, man bedeckte ihm Gesicht und Schultern mit Küssen, wie einem enthusiastisch geliebten Halbgott. Und das Alles, während auf der anderen Seite ein Mensch, der nur um Haaresbreite dem Tode entgangen, betäubt und blutend davongeführt wurde.

Man trug den Champion von England auf den Schultern aus dem Ring, in jubelnder singender Procession – Gentlemen von Rang, ja richterliche Beamte darunter, vermischt mit Rowdies und Vagabunden, Alt und Jung, der elegante Rock vom feinsten Tuch neben der Jacke des Stallknechts. Allgemeine Verbrüderung!

Und in London erwarteten zehntausend Neugierige die Heimkehrenden mit donnerndem Beifallsruf. Das Portrait des Siegers – der Bericht in den Zeitungen ging am nächsten Tage von Hand zu Hand, und die edle Boxkunst hatte einen neuen Triumph gewonnen.[1]

F. B.


  1. Zu der Empfehlung einiger Zeitschriften, das Boxen in die deutschen Turnvereine einzuführen, giebt der vorgehende Artikel eine sehr angenehne Illustration.           D. R.