Eine Drachenfahrt

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Eine Drachenfahrt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 478–479
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[478] Eine Drachenfahrt. Seitdem es in den Köpfen der Menschen heller geworden, sind die Ungeheuer der Fabel von der Erde verschwunden und treiben nur noch in den Köpfen der Dichter ihr Wesen. Das Ungethüm, vor dem einst, wie die Mythe berichtet, die Menschheit erzitterte, ist jetzt ein unschuldiges Spielwerk in der Hand der Kinder. Doch in dem kindischen Spiel liegt oft eine tiefer Sinn und so war auch der Drache, welcher bei seinem kühnen Flug durch die Lüfte die Kleinen ergötzt, zu etwas Höherem berufen. Ausgezeichnete Gelehrte verschmäheten es nicht, ihn zum Gegenstande scharfsinniger Abhandlungen zu machen; so Daniel Schwenter in seinen „mathematischen Erquickungsstunden, Nürnberg 1651“ und der gelehrte Musschenbroek. Hundert Jahre später leistete das Spielwerk der Kinder der ernsten Wissenschaft ersprießliche Dienste. Ein Jeder kennt den Versuch Franklin’s, wodurch er den Blitz aus den Wolken zur Erde herniederzog. Doch die näheren Umstände sind wohl nicht so allgemein bekannt und interessant genug, um hier in der Kürze vorgeführt zu werden.

Otto v. Guericke, der berühmte Bürgermeister von Magdeburg, der 1650 die Luftpumpe erfand, war es auch zuerst, der einen electrischen Funken beobachtete. Fast gleichzeitig mit ihm beobachtete Wall, ein englischer Physiker, diese Erscheinung in einem lebhafteren Glanze, als er einen großen Harzcylinder rieb und das dabei auftretende Geräusch veranlaßte ihn, beides mit den Erscheinungen beim Gewitter, dem Blitz und Donner zu vergleichen. Dieser kühne Ausspruch erregte große Aufmerksamkeit und weitläufige Erörterungen, jedoch waren diese kleinen Funken nicht ausreichend, um das Geheimniß, worin damals noch die großartigste Naturerscheinung gehüllt war, zu enthüllen. Der Beweis mußte direct an den Gewitterwolken geliefert werden und dazu forderte Franklin, dem es an Mitteln fehlte, die Gelehrten in Europa auf. Der vielen Worte wegen kam man hier nicht zur Sache und so blieb dem kühnen Amerikaner Zeit genug, selbst an’s Werk zu schreiten.

Sein Scharfsinn verhalf ihm dazu, alle Schwierigkeiten leicht zu überwinden. Ein winziges Ding, ein Spielzeug in den Händen der Kinder, diente dazu, seinen Ruhm zu vermehren. Ein Drache sollte ihm dazu dienen, die Electricität aus den Wolken zur Erde herabzuleiten, und das erste Gewitter wurde zur Ausführung des Versuches, dessen Gefahr dem Unternehmer selbst unbekannt war, bestimmt. Nur von seinem Sohne begleitet, begab er sich im Juni 1752 in’s Freie, weil er fürchtete, sich lächerlich zu machen, wenn der Versuch mißglückte. Letzteres hätte leicht geschehen können, weil man damals mit dem Wesen der Electricität, mit der Art ihrer Fortpflanzung noch nicht recht vertraut war. Die hanfene Schnur war wenig geeignet, die Electricität herniederzuführen und so stand denn Franklin lange Zeit mit der Schnur in der Hand, ohne daß sich irgend etwas Bemerkenswerthes zutrug, obgleich der Drache dicht unter einer Wolke schwebte, die mit Blitzen schwanger zu gehen schien. Die ernstesten Befürchtungen stiegen in ihm auf, daß seine Vorhersagungen scheitern würden, als der Zufall ihm gütig beisprang. Ein unbedeutender Regen befeuchtete die Schnur und verwandelte sie dadurch in einen guten Leiter für die Electricität. Alsobald beobachtete er, daß einige Fäden an der Schnur sich in die Höhe richteten. Dadurch wuchs sein Muth bedeutend. Voll Zuversicht näherte er seinen Finger der Schnur und siehe da, er war im Stande dieser einige kleine Funken zu entlocken. Um seine Freude zu begreifen, muß man ihn selbst diesen Augenblick schildern hören.

Man macht den Naturwissenschaften den Vorwurf, daß sie den poetischen Anschauungen, mit welchem Namen man die Ausgeburten des Aberglaubens sich selbst heute nicht scheut zu belegen, ein Ende mache. Es ist nicht zu leugnen, daß sie der größte Feind des Aberglaubens ist, gegen den sie schonungslos auftritt. Freilich sind in Folge der Entdeckungen, die uns die jüngste Zeit gebracht hat, manche poetischen Gebilde einer kindlichen Phantasie als unhaltbar erkannt, aber liegt in der Wahrheit, dem Verständniß der Vorgänge in der Natur nicht ein unendlich höherer Reiz? Die Dichter haben leider wenig Nutzen aus den reichen Schätzen der Wissenschaft zu ziehen gewußt. Mehr als tausend andere wichtige Dinge, durch welche Dichter sich begeistert fühlten, verdiente diese Entdeckung besungen zu werden. War sie auch eine Frucht des Denkens, so wurde sie doch durch eine Heldenthat in die Welt eingeführt. Denn leicht hätte es geschehen können, sobald die Schnur ganz feucht geworden wäre, oder aus einem besseren Leiter bestanden hätte, daß Franklin seine Kühnheit mit dem Leben hätte büßen müssen und Alles, was er nach dieser Zeit für die Wissenschaft und Freiheit Großes ausführte, wäre für die Nachwelt verloren gewesen.

So wurde zum zweitenmale ein Kinderspielzeug das Mittel der interessantesten wissenschaftlichen Entdeckung. Früher bediente sich Newton schon der Seifenblasen bei seinen Studien der Farben. Durch Franklin gelangte der Drache auch in der Wissenschaft zu Ehren; man bediente sich seiner von dieser Zeit her, nach dem Vorschlage Cavallo’s, zur täglichen Beobachtung[WS 1] der Luftelectricität. Doch die neuere Zeit brachte vortrefflichere Instrumente und so hieß es auch hier: „der Mohr hat seine Dienste gethan, der Mohr kann gehen.“ Das Kinderspielwerk verschwand aus der Reihe der gelehrten Apparate.

Vor fast dreißig Jahren machten die Drachen als Wunder verrichtend wieder viel von sich reden. Englische und französische Zeitungen berichteten Ausgangs 1826, daß der Professor Pocock zu Bristol mit diesem äotischen Gespann verschiedene Fahrten unternommen habe, bei denen selbst die schnellen Renner des Herzogs von Gloucester öfters besiegt worden wären. [479] Nun haben uns zwar die Mythologien der verschiedenen Völker und die Märchen der Zauberer und Feen eine reiche Sammlung der verschiedenartigsten Gespanne überliefert, mit denen sich die Götter und die ihnen an Macht gleichen guten und bösen Geister durch die Lüfte bewegten, aber bis zu den Drachen, weder dem Ungeheuer der Fabel noch dem Spielwerk der Kinder, hatte sich die Phantasie nicht verstiegen. Man war daher allgemein geneigt diese Nachricht für einen Hoax, eine Ente zu nehmen, wovon die Tagesliteratur zu allen Zeiten sehr reich gewesen ist. Doch bald fanden sich nicht allein zahlreiche Augenzeugen, welche die Wahrheit bezeugten, sondern es stellte sich auch heraus, daß bereits früher ein Herr Edgeworth mit vier Drachen in seinem Phäeton zum großen Erstaunen der Gaffer in England umher kutschirt sei und ein Anderer bereits 1799 sein Boot aus dem Longhdown mittelst eines Drachens bugsirt habe. Ja sogar das Repertory of Patent-Inventions berichtete, daß auf dieses abentenerliche Zugwerk ein Patent ertheilt worden sei. So wurde denn dies Wunder als ausgemachte Thatsache hingestellt und alle böswilligen Bemerkungen mußten verstummen.

Pocock fuhr unter anderem mit 3 Personen in einem leichten Wagen, vor welchen er zwei Drachen gespannt hatte, von Bristol nach London und legte hierbei durchschnittlich 18–20 engl. Meil. in 1 Stunde zurück. Der Hauptdrache war 20 Fuß hoch; ein kleinerer diente als Pilote. Er wurde zuerst losgelassen und nachdem er 240 bis 300 Fuß hoch gestiegen der andere, durch den die Schnur des ersteren hindurchlief. Die Vorderräder des Wagens lenkte man mittelst einer Kurbel. Die Kraft, mit welcher diese Drachen ziehen, soll so stark gewesen sein, daß sie eine Schnur, welche zwei Centner zu tragen im Stande war, mit Leichtigkeit absprengten. Es wird versichert, daß das seltsame Gespann eben so gut zu leiten sei wie Pferde und alle Hindernisse, die sich auf dem Wege entgegenstellten, seien leicht zu überwinden.

Für kurze Zeit wurde die Neugierde lebhaft in Anspruch genommen; von Dauer waren die Erfolge jedoch nicht, obgleich Pocock in einer eigenen Brochure mit beredter Sprache seine verschiedenen Drachenfahrten zu Wasser und zu Lande, so wie in einem fliegenden Wagen in der Luft beschreibt. Obgleich die Ruhmredigkeit mitunter stark in’s Lächerliche geht, verdiente Einiges jedoch beachtet zu werden. In der That lassen sich die Drachen in einem beschränkten Maßstabe zu mancherlei Zwecken in physikalischer, militärischer und commercieller Hinsicht benutzen, wir dürfen aber nicht vergessen, daß wir es hier ebenso, wie beim Luftballon, mit einem sehr veränderlichen Gesellen, dem Winde zu thun haben, dem wir ganz in die Hand gegeben sind. Vielleicht versteht eine spätere Zeit, das Spielwerk der Kinder, besonders bei der Schifffahrt mit einigem Vortheil zu verwenden, wenn nicht der Dampf, oder vielmehr die erhitzte Luft auf diesem Gebiet der Alleinherrscher wird.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Beobtung