Eine Katastrophe des Londoner Geldmarkts

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine Katastrophe des Londoner Geldmarkts
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 379–382
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bankrott von Overend, Gurney and Comp. im Mai 1866 in London
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[379]
Eine Katastrophe des Londoner Geldmarkts.


Freitag, der 11. Mai des Jahres 1866, wird in der Geschichte der Londoner City und des englischen Handels lange ein ominöses Gedächtniß bewahren. Es war ein Tag panischen Schreckens, chaotischer Verwirrung, wilder regelloser Furcht und Verzweiflung, desgleichen, der allgemeinen Behauptung zufolge selbst die berühmten „ältesten Bewohner“ der Metropole nie vorher erlebt hatten. Wer London kennt, weiß, daß auch zu gewöhnlicher Zeiten das mächtige Getriebe, das endlose Gedränge, die athemlose Hast des die Gassen, Straßen und Plätze in der Nähe der Bank von England durchwogenden Verkehrslebens eine halb beängstigende, halb berauschende Wirkung ausüben. Aber in dem scheinbaren Chaos herrscht bei alledem Regel und Ordnung, die Geschäfte gehen ihren Gang und in den grübelnden Mienen, den ernsten besorgten Gesichtern, die aus dem Menschengewühl auftauchen, spiegelt sich dem Londonkundigen eben weiter nichts als der alltägliche Reflex jener unvermeidlichen Fluctuationen des Welthandels, der ringsum seine aufgeregten Wellen schlägt und, während er die befrachteten Schiffe der Glücklichen dem sichern Hasen zuführt, den Besitz Anderer ungewiß umherschleudert zwischen Furcht und Hoffnung. An jenem ominösen Freitage aber schien ein dunkles Zauberwort die ganze City mit seinem Bann getroffen zu haben. Wilde, wirre Menschenmassen, zu dichten Knäueln geballt, füllten die Umgegend der Bank und wogten anscheinend ohne Ziel durcheinander. Schreck und Bestürzung schienen allgemein. War die Bank von England mit allen ihren Schätzen über Nacht durch ein Erdbeben verschlungen? Bedrohte eine plötzlich gelandete französische Invasionsarmee London mit der so oft verheißenen großen Plünderung? Weder das eine noch das andere. Die Bank stand unerschütterlich fest da wie immer; zwischen den Napoleonischen Eroberungsplänen und den englischen Küsten flossen nach wie vor die stürmischen Fluthen des Canals. Aber der Schicksalsschlag selbst so unerhörter Ereignisse hätte kaum einen mächtigeren Eindruck hervorbringen können, als die Katastrophe, welche an diesem Tage die Handelswelt von London und England in ihren Grundvesten erschütterte: der Bankerott des großen Bankierhauses Overend, Gurney und Comp.

Die erste Meldung dieses Bankerotts war uns schon am Abend des vorhergehenden Tages bekannt geworden. Da sie jedoch kurz vor dem Schluß der Geschäftsstunden, zwischen drei und vier Uhr erfolgt war, hatte ihre Wirkung nach außen hin sich nur in verhältnißmäßig geringem Maße geäußert. Der officielle Beginn des Bankgeschäfts in der City ist um zehn Uhr Vormittags und die Scenen, welche seitdem bis tief in den Abend jenes ominösen Freitags hinein sich innerhalb des engen Raumes zwischen Mansionhouse, Bank, Börse und Lombardstreet abspielten, waren geradezu unbeschreiblich. Ein Meer von Köpfen füllte den von jenen Centren des geschäftlichen Verkehrs umgebenen Platz, einen Platz obendrein, an dem die größte Verkehrsstraße der Welt, die Straße von Charing-Croß nach London-Bridge, entlang läuft. Der meilenlange Zug der Cabs, Lastwagen und Omnibusse war beinahe völlig gehemmt; nach allen Seiten hallte es wie dumpfe Meeresbrandung unheimlich von Tausenden von Stimmen wieder; wildes Gedränge hierhin und dorthin, ängstliche, bestürzte, verzweifelte Gesichter überall, anscheinend nirgends ein Ausweg. … Doch ja, dort wogt ein Strom nach dem Haupteingang der Bank von England, hier ein andrer nach Birchin-Lane (einer von der Börse nach Lombardstreet zuführenden Gasse), ein dritter dort von dem Mansionhouse nach Lombardstreet selbst, der Straße, wo Overend, Gurney und Comp. mitten in der Reihe der angesehensten Bankhäuser noch gestern Morgen florirten. Was der Zudrang nach der Bank bedeutet, ist unschwer zu errathen. Man will Geld erheben, aus Schatzobligationen, auf Depositenwechsel, auf Bankzettel, auf Sicherheitspapiere aller Art; denn kein Haus ist schon mehr sicher vor Verdacht, da Overend, Gurney und Comp. gefallen sind, und auf alle Banken hat schon ein Sturm der von panischem Schrecken erfüllten Depositoren begonnen. Wie wird die Bank von England selbst so plötzliche ungeheure Ansprüche auf ihre Ressourcen aushalten? Vorläufig scheint es im Allgemeinen zur Zufriedenheit der Applicanten. Denn mit etwas weniger verzweifelten Gesichtern sieht man viele von diesen das Bankgebäude verlassen und sich in verschiedenen Richtungen zerstreuen.

Lombardstreet ist eine enge Straße, zu beiden Seiten von hohen stattlichen Bankpalästen überschattet. Die Thüren der Banken stehen weit geöffnet, aber Straße und Trottoir sind so hoffnungslos überfluthet von Menschenwogen, daß der Zugang beinahe unmöglich scheint. Drängend, rufend, kreischend, bahnen die vor Schreck halb wahnsinnigen Creditoren und Creditorinnen sich ihren Weg. Hier sieht man eine Gestalt ohnmächtig zurücktaumeln, dort Andre mit Ellenbogen und Fäusten ihren Platz behaupten. Im Innern der Banksäle aber ist das Gedränge ebenso groß wie draußen, und die Eindringlinge werden lange zu warten haben, ehe an die Zahlung ihrer Cheques und Depositenwechsel die Reihe kommt. Andere haben diese peinliche Geduldsprobe überstanden. Mit Reisetaschen und Ledersäckchen beladen, aber offenbar von einer schweren Last befreit, sieht man sie die Banken verlassen. Indeß sie mögen sich in Acht nehmen, denn wer bürgt ihnen dafür, daß sie die aus der Bankcasse geretteten Schätze aus diesem Gedränge bergen? Für die Londoner Diebe ist dieser ominöse Freitag ein reicher Erntetag; Hunderte, Tausende von Pfunden wandern in diesem wilden Gewühl in ihre Hände.

Doch wir nähern uns endlich dem strudelnden Centrum des Maelstroms. Dort ist die Ecke von Birchin-Lane und Lombardstreet und dort an der Ecke erhebt sich das „Cornerhouse“ (Eckhaus), wie es familiär in dem Geschäftsdialect der City genannt wurde, das Haus Overend und Gurney, viele Jahre lang nächst der Bank von England das größte Centrum der englischen Bankgeschäfte, heute der verhängnißvolle Mittelpunkt zahlloser sorgender, neugieriger Blicke, Fragen, Speculationen. Was hat dies Haus von Stein und Mörtel mit dem Zusammensturz der Firma zu thun? Es steht noch gerade so stolz und fest da wie sonst. Der einzige bemerkbare Unterschied ist, daß die Läden und die Thüren geschlossen sind, und wilde Menschenfluthen, dergleichen man früher nie in seiner Nähe sah, umbranden seine Gitter und Mauern.

Sie lehren nichts. Doch die menschliche Natur bleibt sich immer gleich, und die Befriedigung, die locale Geburtsstätte eines mächtigen Ereignisses mit Augen zu sehen, diese Befriedigung sich versagen, war mehr, als man von dem schau- und sensationslustigen Londoner Volk erwarten durfte. Auch waren es gewiß nicht neugierige Blicke allein, welche das Bild des Corner-Hauses einsogen; wohl Mancher schaute wehmüthig daran hinauf als

Nach dem Grabe
Seiner Habe

und bedachte im Stillen, was aus dem Ruin noch zu retten sein werde für die Zukunft.

Unter solchen und ähnlichen Scenen verfloß der erste Tag nach dem Bankerotte von Overend und Gurney, der gewitterschwüle ominöse 11. Mai des Jahres 1866. Er verfloß wie alle Tage; aber Jedermann in der City war fortwährend auf das Schlimmste gefaßt, ja das ganze Gebäude der englischen Handelswelt schien so vollständig aus den Fugen gerissen, daß die um Mittag verbreitete Nachricht von den Bankerotten der English Joint-Stock-Bank und des großen Contractgeschäftes für Eisenbahnbauten, Peto und Betto, Bankerotte von denen der eine ein Capital von [380] einer Million, der andere ein Capital von vier Millionen Pfund Sterling involvirten, beinahe spurlos an der auf’s Tiefste niedergedrückten Stimmung des Geldmarktes vorüberging. Eine Reaction zum Bessern brachte während der Nachmittagsstunden das von der Stock-Exchange verbreitete, vorläufig noch grundlose Gerücht hervor, daß die Bank von England durch die Regierung ermächtigt worden, Banknoten zum Betrage von fünf bis zehn Millionen über den in ihren Koffern befindlichen Gold- und Silberwerth zu emittiren. Ueberdies widerstanden die übrigen Privatbanken und Joint-Stock-Banks dem Sturm auf ihre Ressourcen mit staunenswerthem Erfolge. Mehrere derselben hielten, in der rühmlichen Absicht dem panischen Schrecken zu steuern, ihre Thüren zwei Stunden über die gewöhnliche Geschäftszeit offen. Allein trotz alledem war die Ansicht, daß nichts als ein schleuniges Einschreiten der Regierung, als die Suspension der Bank-Charter-Acte von 1844, vor weitverbreitetem Ruin retten könne, allgemein. Die Staatspapiere (Consols) waren vier Procent gefallen, die Bank von England hatte ihren Discontosatz auf neun Procent erhöht, die Actien mancher auf das System „beschränkter Haftbarkeit“ (Limited Liability) gegründeten Compagnien waren unter Anerbietung von Prämien zum Verkauf ausgeboten worden, man wußte endlich, daß die Reserve der Bank von England an diesem einzigen Tage durch Anlehen und Geldleistungen um den enormen Betrag von vier Millionen vermindert, daß das noch disponible Capital jener Hauptquelle des nationalen Credits auf drei Millionen zusammengeschmolzen sei. Noch ein Tag wie dieser, und ein allgemeiner Stillstand aller Geschäfte schien unvermeidlich. England, der europäische Continent, Indien, die Colonien, alle Nationen der civilisirten Welt mußten, tiefer als bereits geschehen, in den Strudel einer so unerhörten Katastrophe verwickelt werden und von unberechenbarer Bedeutung war die rasche Benutzung der kostbaren Zeit.

Ehe wir jedoch die praktischen Consequenzen dieser Erwägungen berühren, müssen wir einen Blick auf die Ursachen werfen, welche ein Haus, wie das Overend-Gurney’sche, einen solchen Hauptpfeiler des Credits von England, zum Falle bringen konnten. Thatsache ist, daß man in wohlunterrichteten Kreisen schon lange vor der Katastrophe über den Zustand der Geschäfte des Hauses Zweifel geäußert hatte. Seine Actien waren allmählich gesunken und standen bereits während der letzten Wochen des April wenig über Pari. Aber nichtsdestoweniger hatten die Namen Overend und Gurney noch immer einen magischen Klang in der Kaufmannswelt bewahrt, und wie wenig nicht blos das größere Publicum, sondern die gesammte handeltreibende Genossenschaft auf den Bankerott vorbereitet war, wird durch nichts schlagender bewiesen, als durch den ungeheuern Eindruck, welchen das factische Eintreten der Katastrophe hervorbrachte. Die Gurneys, eine der angesehensten Quäkerfamilien Englands (dieselbe, welcher die durch ihre philanthropischen Bemühungen berühmte Mrs. Fry angehörte), hatten seit beinahe hundert Jahren unter den wohlhabendsten englischen Kaufmannshäusern in erster Reihe gestanden. Sie besaßen, seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts, ein großes, noch jetzt bestehendes Bankhaus in Norwich, ein Haus, dessen Geschäfte dem vor Kurzem verstorbenen Haupttheilhaber, Mr. Hudson Gurney, beiläufig ein Vermögen von beinahe zwei Millionen Pfund Sterling abgeworfen hatten. Das Londoner Haus Overend, Gurney und Comp., unter Mitwirkung eines ehemaligen Gesellschafters des Hauses in Norwich, vor etwa siebenzig Jahren etablirt, war seinerseits allmählich zu dem Range des mächtigsten englischen Discontirhauses emporgestiegen, hatte, wie Jedermann bekannt, seine sämmtlichen Theilhaber zu kolossal reichen Leuten gemacht und alle Handelskrisen unsers Jahrhunderts, die Krisen von 1825, von 1847 und 1857 ebenso unerschüttert überstanden, wie die Bank von England selbst. In der That, keine andere Bank als die Bank von England konnte an nationalem Ansehen, an Fülle der Mittel und des Credits, an Großartigkeit der Operationen mit Overend, Gurney und Comp. einen Vergleich aushalten. Bankiers und Depositoren vertrauten ihnen mit ebensoviel Zuversicht Capitalien zur Benutzung an, wie die Bank. Wechsel und kaufmännische Werthpapiere, von Overend, Gurney und Comp. acceptirt und girirt, fanden überall bereitwillige Käufer. Der Werth der alljährlich von der Firma discontirten Wechsel, der bewilligten Vorschüsse und Darlehen stieg hoch in die Millionen hinauf, ihr jährlicher Gewinn erreichte viele Jahre lang die erstaunliche Durchschnittssumme von einmalhundert und fünfzig bis zweimalhunderttausend Pfund Sterling. Wenn diese wohlbekannten Thatsachen auch dem Außenstehenden den besten Beweis lieferten für die Stabilität und gesunde Geschäftsführung des Hauses, so wurde in der Kaufmannswelt einstimmig zugegeben, daß durch keine andere Firma eine weisere Mitte eingehalten werde zwischen Vorsicht und Unternehmungsgeist, daß die große Masse ihrer Vorschüsse und Darlehen nicht zu Gunsten vager weitaussehender Speculationen, sondern zur Beförderung laufender mercantiler Geschäfte auf Garantien geleistet wurden, deren Geldwerth nöthigenfalls jeden Augenblick zu realisiren war; kurz, daß sie mit preiswürdiger Consequenz die Sicherheit verhältnißmäßig kleiner Gewinne, deren Ertrag trotzdem die oben erwähnte ungeheure Totalsumme erreichten, dem Risico großer Profite und waghalsiger Unternehmungen vorzogen, welche während der periodischen commerciellen Krisen so manche weniger solide Häuser zum Falle gebracht hatten.

Zu Anfang der sechsziger Jahre erlitt die Firma eine Reihe von Verlusten, die eine weniger vorsichtige Geschäftsführung erkennen ließen und ihren Credit etwas erschütterten. Auf die dahin schlagenden Verhandlungen im Detail einzugehen, ist hier nicht der Ort. Es genügt, zu constatiren, daß im Laufe des vorigen Jahres beschlossen wurde, die Firma nach Art anderer großer Häuser aus einem Privatgeschäft in eine Compagnie nach dem Princip „beschränkter Haftbarkeit“ umzuwandeln, und daß, als dies geschah, der Glaube an die Solidität und den Werth ihres Geschäftes noch so fest war, daß die Actionäre der projectirten Compagnie sich ohne Zögern zu der Zahlung von fünfmalhunderttausend Pfund Sterling für den sogenannten Goodwill, d. h. die Uebernahme der Kundschaft des alten Hauses, bereit fanden. Hier und da freilich erklärten warnende Stimmen die in Aussicht stehende Umwandlung für ein böses Omen; allein diese Stimmen verhallten ohne Wirkung. Man riß sich um die Actien, die schon wenige Monate nach der Gründung der Compagnie auf neun Procent über Pari stiegen; die Depositen flossen zu Tausenden und Hunderttausenden ein, und zu Anfang des laufenden Jahres hatten sie die kolossale Totalsumme von fünfzehn bis zwanzig Millionen Pfund erreicht. Mit einem solchen Capital und mit entsprechendem Credit schienen die Prospecte über alle Maßen glänzend, und nach Allem, was man hörte, waren Depositoren und Actionäre derselben Ansicht. Aber die Compagnie hatte den Höhepunkt ihres Erfolges erstiegen und ein Schlag nach dem andern, Betrügereien von Unternehmern, Bankerotte unterstützter Firmen etc., suchte sie während der ersten Monate des neuen Jahres in kurzen Zwischenräumen heim. Jeder neue Verlust führte selbstverständlich zu Discussionen an der Actienbörse. Die neun Procent über Pari sanken auf sieben, sechs, vier, zwei, ein Procent nieder – zu Ende April endlich überschritten die Notirungen die abwärtsführende, verhängnißvolle Linie unter Pari. Inzwischen hatten auch die drohenden Complicationen der festländischen Verhältnisse den englischen Geldmarkt in eine fieberhafte Aufregung versetzt. Die Bank von England hatte ihren Discontosatz auf acht Procent erhöht, das Geld wurde knapper und knapper, das allgemeine Mißtrauen intensiver. Kaum bemerkten die Depositoren und Actionäre von Overend, Gurney und Compagnie die Ueberschreitung jener verhängnißvollen Linie unter Pari, als ein von Tag zu Tag erneuerter Sturm auf die Ressourcen der Compagnie begann. Ein Depositor nach dem andern zog sein Geld aus dem Geschäft, ein Actionär nach dem andern bot seine Actien unter dem ursprünglichen Werthe feil. Die dringende Haltung der Actienverkäufer beschleunigte wiederum die abwärts führende Tendenz der Notirungen und theilte das herrschende Mißtrauen auch den noch festgebliebenen Actionären und Depositoren mit… Und so konnte denn endlich die Compagnie den an sie gestellten Ansprüchen nicht mehr genügen und die große Katastrophe vom 10. und 11. Mai brach überwältigend, unaufhaltsam herein.

Ob eine günstigere äußere Weltlage den Bankerott der Compagnie hätte verhüten können, ist eine Frage, worüber wir uns kein Urtheil anmaßen. Nach den bis jetzt bekannt gewordenen Thatsachen ist es erwiesen, daß die Compagnie an zwei ernstlichen Schäden litt. Sie hatte erstens, um ihre Kundschaft durch die Lockspeise außerordentlicher Gewinne zu vermehren, die sichere Geschäftsmethode des alten Hauses mit weit aussehenden Finanzspeculationen vertauscht, von denen sich allerdings im Laufe der Jahre große Gewinne erwarten ließen, die aber in Fällen der Noth keine augenblicklich realisirbare Garantien darboten. Statt laufende mercantile [381] Geschäfte zu unterstützen, hatte sie die Hauptmasse ihres Capitals an Unternehmer von Eisenbahn-, Canal- und Dockbauten, Gaswerken, Wasserleitungen und städtischen Verbesserungen aller Art vorgeschossen und die Bewahrung einer genügenden Reserve der Chance des stetigen Zuflusses neuer Capitalien und Depositen überlassen. Als daher die Krise kam, reichten die vorhandenen Capitalien für die Bedürfnisse des Augenblicks nicht aus und die Bank von England weigerte sich, auf die ihr gebotenen unrealisirbaren Garantien ein Darlehen zu machen, welches dem Bankerott hätte vorbeugen können.

Ein wo möglich noch schlimmerer Uebelstand war die Erbschaft einer von der alten Firma in die neue Compagnie hinübergenommenen Schuld von zwei Millionen achtmalhunderttausend

Die Gartenlaube (1866) b 381.jpg

Vor dem Londoner Bankhause Overend Gurney und Comp. am 11. Mai 1866.

Pfund Sterling. Zur Deckung derselben waren freilich Garantien, deren Werth auf mehr als drei Millionen Pfund berechnet wurde, an das neue Geschäft übergegangen. Doch allem Anschein nach bestanden diese Garantien, selbst wenn der angegebene Nominalwerth mit ihrem Realwerth übereinstimmte, in für den Augenblick unrealisirbaren Capitalien – ja, seitens der Directoren ist schon jetzt halb und halb das Eingeständniß erfolgt, daß jene Schuldenlast der wahre Alp gewesen, welcher auf den Geschicken der Compagnie gelastet habe. Man kann daher kaum umhin, den Scharfsinn jener Unglücksvögel zu bewundern, da sie die Metamorphose des alten Hauses in die neue Compagnie als ein übles Omen auslegten.

Wie dem indeß auch sei, von falschem Spiel spricht vorläufig die öffentliche Meinung die gefallene Compagnie frei. Uebertriebenes Vertrauen auf den Namen des alten Hauses, Mangel an Vorsicht und ein Zusammenwirken widriger Verhältnisse scheinen den Bankerott herbeigeführt zu haben. Der härteste Verlust wird die Directoren, zum Theil Mitglieder der alten Firma, und die Actionäre treffen. Die Depositoren werden, so versichert man, ihre Capitalien ohne Abzug zurückerhalten. Ja, Dank der kaum glaublichen Zähigkeit einer tiefgewurzelten Tradition, ist noch im gegenwärtigen Moment der Glaube an die Namen Overend, Gurney und Comp. so mächtig, daß seitens eines einflußreichen Meetings von Gläubigern Schritte geschehen sind, den Proceß in dem Bankerottgerichtshofe zu sistiren und das Geschäft durch Zuschuß frischer Capitalien unter der alten Firma wiederherzustellen.

Unendlich viel wichtiger, als die Lösung dieser Probleme, ist übrigens die Frage: wie den zerstörenden Wirkungen des Overend-Gurney’schen Bankerotts auf die englischen Handelsverhältnisse überhaupt zu begegnen sei. Der im Laufe des 11. Mai zur Geltung gelangten Ueberzeugung, daß nichts als die Suspension der Bank-Charter-Acte einem allgemeinen Bankerott vorzubeugen vermöge, wurde bereits Erwähnung gethan, und noch am Abend desselben Tages ermächtigte die Regierung die Bank von England zur Ausgabe von Banknoten über die von der Bank-Charter-Acte festgesetzte Grenze. Dieser Schritt hat das völlig erschütterte Vertrauen theilweise hergestellt, aber andererseits ist damit auch der Werth des Goldes und die Schwierigkeit, Credit und Capitalien zur Führung der Geschäfte aufzutreiben, unendlich gestiegen. Obgleich der Discontosatz der Bank selbst auf zehn Procent stehen geblieben ist, gewährt sie doch höchstens auf Bürgschaft der besten kaufmännischen Wechsel oder der von der Nation garantirten Staatspapiere (Consols), und selbst auf diese nur mit ängstlicher Vorsicht, ihre Darlehen. In allen andern Discontirhäusern steht der Discontosatz auf elf bis zwölf Procent. Ein Bankerott ist überdies in kurzen [382] Zwischenräumen dem andern gefolgt, so daß die Summe der seit dem 11. Mai fallirten Banken (von kleineren Geschäftshäusern zu schweigen) gegenwärtig die Gesammtzahl von einem halben Dutzend erreicht hat. Die auf dem Continent verbreitete irrige Ansicht, als sei die Suspension der Bank-Charter-Acte identisch mit der Einstellung von Baarzahlungen durch die Bank von England, und die demgemäß erhobenen Forderungen continentaler Gläubiger, in klingender Münze bezahlt zu werden, vermehren die Verwirrung. So fürchtet man denn von Tag zu Tag neue Bankerotte und, wenn unter so gefährlichen Conjuncturen, wie jetzt leider immer wahrscheinlicher wird, ein großer continentaler Krieg zum Ausbruch kommen sollte, ist kaum abzusehen, welche weiteren Calamitäten der Zusammensturz des großen Hauses Overend, Gurney und Comp. für England zur Folge haben wird.

London, Anfang Juni 1866.