Eine Muttergotteserscheinung auf dem Schlosse zu Heidelberg

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Textdaten
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Autor: Wilh. H-m.
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Titel: Eine Muttergotteserscheinung auf dem Schlosse zu Heidelberg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 51–54
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Eine Muttergotteserscheinung auf dem Schlosse zu Heidelberg.
Von Wilh. H-m.

Ein gutes Stück der Erde habe ich gesehen – in drei Welttheilen. Ich habe im scharfen Kaïk den Bosporus durchkreuzt und bin auf baufälligem Dampfer von Neapel nach Capri gefahren, sah die Tajo-Mündung und den Mälarsee, bin gestanden auf den Syeniten der Nil-Katarakte und auf dem Kreidefelsen von Arcona, blickte herab vom Rigi und von der Akropolis – aber nirgends, an keinem dieser gefeierten Punkte, ist mir das Herz so aufgegangen, wie auf der Terrasse des Heidelberger Schlosses. Was da den Augen sich als Weide bietet, ist das Schönste aller Lande, denn es ist zugleich die Heimath, ist deutsch. Hier hat die Romantik ihren Wohnsitz aufgeschlagen für immer und läßt sich nicht vertreiben; sie sitzt als Zauberin Jetta am Wolfsbrunnen des Granithügels, irrt als Wildeweiblein in den dunklen Buchenhallen, taucht als Schwanjungfrau aus dem grünen Neckar, jagt nächtlich als Frau Holle im Gefolge des Rodensteiners über die gerundeten Berge des Odenwaldes oder läßt als Stromhüterin das Gold des Nibelungenhorts im Abendstrahl durch den Spiegel des fernen Rheines schimmern. So getränkt mit Märchen, Mythen und Poesie ist kaum noch eine andere Gegend der Erde; nur das sagenreiche Thüringen mit seiner wunderbaren, waldumrauschten Wartburg kann sich in dieser Hinsicht mit dem Heidelberge und seiner Pfalz messen. Und nicht minder blickt der sinnige Gast von dieser Höhe hinab auf ein großes Stück Geschichte, in welcher der Erbfeind deutschen Wesens und Strebens die schlimmste Rolle gespielt hat; auf die Frage, was er an uns verbrochen, geben die Ruinen des prachtvollsten Schlosses der Welt eine bittere Antworte denn hier reden in der That die Steine.

[52] Vielleicht ist es die Macht der Erinnerung an die schöne Jugendzeit, welche mir und vielen Anderen die Stätte vor Allen reizend und werth macht. Wohin der Blick sich richtet, steigt ein vergessenes Bild in frischem Ganze[WS 1] empor, neben der poetischen blauen Blume blüht die Rebe, rankt der Hopfen, sträubt sich der Bocksbart; auch die Realität des Genusses im Dasein und der Humor machen alte Rechte geltend, sei es, wenn das Auge auf das belobte Dach des „Herrn Vetters“, oder auf das berühmte der „Hirschgasse“ fällt, oder an hundert anderen Stellen haftet, wo dereinst jugendlicher Uebermuth Kraft verschwendete, ohne deren einzubüßen für den Ernst des Lebens. „O Heidelberg, du schöne Stadt!“ singt es in Jedem, der hier schöne Zeiten verlebt hat, und zwar auch ohne den Handwerksburschenzusatz: „Wenn es nicht darein geregnet hat.“

Als ich zum letzten Male dort oben stand, an einem goldenen Sommertage, schwerem Siechthum kaum entgangen, und mit der Wonne des Genesenden die würzige Luft aus Wald und Thal einsog, da traten plötzlich seltsame Ideenverbindungen vor meine Seele. Ein Blick auf die Trümmer der kunstvollen Wendeltreppe im Achteck des Ruprechtsbaues hatte sie angeregt. In diesen Tagen war durch die Blätter ein Gerücht gelaufen von dem Erscheinen der weißen Frau in der Kaiserburg zu Wien, und es hatten sich daran viele andere räthselhafte Geschichten aus alter Zeit knüpfen lassen, die alle sich auf dieselbe bewegende Ursache gründeten. Da kam zur Erzählung, wie der französische Ludwig der Vierzehnte, der Verwüster der Pfalz, „der das Recht auf der Spitze des Degens trug, den Gesetzen des Auslandes zum Hohne“, bewogen worden war, den Geist seines verstorbenen Ministers Louvois citiren zu lassen, der ihm das Versprechen abzwang, der Kirche Alles wiederzugeben, was er ihr in stärkeren Tagen genommen, wie Kaiser Joseph der Zweite durch ein Phantom geschreckt werden sollte, das, durch den Gardisten in den Schloßhof hinabgestürzt, sich in Fleisch und Bein eines Capuziners verwandelte, die Geschichten von den Erscheinungen, die dem König Friedrich Wilhelm dem Zweiten von Preußen vorgegaukelt wurden – und viele andere mehr, deren Opfer immer diejenigen waren, die auf Thronen saßen, während die Urheber entweder der Kirche oder dem Feudaladel angehörten oder beiden zusammen im hergebrachten Verbande. Auch die Steine jener zerfallenen Wendeltreppe könnten eine ähnliche Historie erzählen, wenn ein heiliger Beda ihnen Sprache verleihen möchte. Glücklicher Weise ist diese Geschichte aber auch ganz getreulich erhalten geblieben, und ich theile sie mit, wie ich dieselbe einem längst vergessenen Geschichtsbuche des vorigen Jahrhunderts entnehme. Sie dürfte auch für unsere Zeiten noch von Interesse und namentlich den zahlreichen Besuchern des Heidelberger Schlosses als Beitrag zu dessen Geheimgeschichte willkommen sein.

Auf Kurfürst Ludwig im Barte, den Kreuzfahrer, folgte sein Sohn Ludwig der Sanftmüthige im Jahre 1436. Der war ein weicher, frommer Herr, leicht lenkbar und den Einflüssen von außen mehr zugänglich, als gut erschien. Glücklicher Weise hatte er einen treuen Bruder von festem Charakter und heldischem Sinne zur Seite, den Pfalzgrafen Friedrich, später der Siegreiche, von seinen Gegnern „der böse Fritz“ genannt. Deren hatte er aber viele und mächtige; es konnte nicht anders sein. Den schwachen Bruder entriß er den schon fest um ihn gewundenen Bestrickungen der Pfaffen und verjagte den vordem allmächtigen Beichtvater; die Vasallen, welche hochmüthig der Lehnspflichten spotteten, wies er, und oft mit blutigen Köpfen, in ihre Schranken zurück. Unter ihnen waren die verwegensten die Grafen Wilhelm und Jacob von Lützelstein gewesen; Friedrich berannte und brach ihre feste Burg im Elsaß, eroberte ihr Land und zwang sie in schimpflicher Art zur Botmäßigkeit. Das brannte den Stolzen auf der Seele, und sie brüteten Rache. Tapfere, hochangesehene Ritter, besaßen sie großen Anhang, denn sie waren zugleich Häupter der heiligen Vehme, welche damals ihr Unwesen nach Süddeutschland verpflanzt hatte. Nichts destoweniger wagten sie nichts Offenes gegen den Kurfürsten, oder vielmehr gegen dessen rechte Hand. Sie fanden aber Verbündete zu heimlichen Thaten. Friedrich hatte mit Rücksichtslosigkeit die Uebergriffe der Kirche, namentlich die Ansprüche der Klöster, in aller Weise zu beschränken gewußt, denn er war für seine Zeit ein merkwürdig aufgeklärter, daneben völlig gottesfürchtiger Mann. Dadurch hatte er sich natürlich den tiefen Haß der Geistlichkeit und sogar den Bannspruch des Papstes zugezogen, kümmerte sich aber wenig darum. Die Lützelsteiner hingegen benutzten diesen Umstand, um sich Helfershelfer zu werben und mit diesen vereint einen Plan zu schmieden, zum Verderben des „bösen Fritz“, der ihren feudalen Herrschgelüsten allein im Wege stand.

Am kurfürstlichen Hofe in der Pfalz zu Heidelberg lebte seit längerer Zeit Eleonore, die Schwester der Grafen von Lützelstein. Ehedem eine blendende Schönheit, hatte sie eine große Rolle gespielt; der junge Pfalzgraf Friedrich war von ihren Reizen bestrickt gewesen, hatte sie aber verlassen, angeblich weil sie die Delila spielen und ihn ihren Brüdern ausliefern wollte. Doch schien ihr Verschulden nicht erwiesen, denn sie war unter den Frauen der Kurfürstin geblieben. Niemand kümmerte sich um sie, die doppelte Rache im Busen trug. Eines Tages erschienen mit stattlichem Gefolge zwei fremde Ritter aus Frankreich im Schlosse und ließen sich dem Kurfürsten vorstellen. Dieser fand an ihren adeligen Manieren Gefallen und bat sie um längeres Verweilen. Den ihnen zu Ehren angestellten Gastereien und Festen blieb Friedrich, der auch den Wissenschaften mit Eifer oblag, fern, allein Kemnath, sein Cancellar, faßte unbestimmten Verdacht, legte sich auf's Kundschaften und erlauerte bald, daß die Fremden mit der Gräfin Eleonore nächtlich verkehrten und daß auch der verbannte Beichtvater an diesen Zusammenkünften Theil nahm. Zwar lachte der Pfalzgraf, als ihm Warnung ward, allein der treue Kanzler ließ nicht nach mit Bitten, so daß er ihn endlich wenigstens bewog, zwei seiner besten und treuesten Ritter, einen Gemmingen und einen Geispitzheim, Tag und Nacht in seiner Nähe zu dulden.

Dem Kurfürsten waren mittlerweile von verschiedenen Seiten Zweifel eingeflößt worden gegen die Gerechtigkeit der Maßnahmen, welche er durch den Arm seines Bruders hatte vollziehen lassen, und somit auch gegen diesen selbst. Die hierdurch in ihm entstandene Gewissensunruhe erhielt Verstärkung durch manche sonderbare Erscheinungen. Die Diener berichteten von Spukgestalten; die Wachen in den Pfefferbüchsen auf den Bastionen hatten Feuerkugeln gesehen; eigenthümliche Laute wurden gehört, kurz, die Atmosphäre war mit Vorahnungen geschwängert. Im Ruprechts-Baue befand sich das Schlafgemach des Kurfürsten. Hier lag er einstmals Nachts in tiefer Ruhe, als ihn plötzlich ein Geräusch erweckte. Die Schloßglocke schlug in diesem Augenblicke die Mitternachtstunde. Plötzlich flog mit einem Krache die Thür auf; eine Wolke von wohlriechendem Qualme wälzte sich herein; als dieser sich verzogen hatte, erblickte der erschreckte Fürst beim schwachen Lichte des einzigen Lämpchens, das den hohen gothischen Raum erhellte, vor sich die Himmelskönigin, die Jungfrau Maria, mit einem funkelnden Strahlenkranze um’s Haupt, genau so, wie sie in der Schloßcapelle abgebildet war. Seine Haare sträubten sich; er stammelte Gebete, aber die hehre Erscheinung beruhigte ihn durch süße Worte, seinem Hause Heil und Segen verheißend. Allein auf den Honig folgte der Wermuth. Die fromme Mutter Gottes verlangte von dem Fürsten, daß er sofort seinen Bruder verstoße als Einen, der nach dem Kurhute, daher ihm nach dem Leben strebe, der ein Abtrünniger und Ausgestoßener der Kirche sei. Trotz der himmlischen Ueberredungskunst und trotz seiner Angst wollte aber Ludwig ein solches Versprechen nicht geben, es sei denn, die heilige Jungfrau liefere ihm Beweise von der Gottlosigkeit des Pfalzgrafen.

„Dem sei so!“ rief die Gottjungfrau. „Wisse, Schwachgläubiger, daß Dein verbrecherischer Bruder, Pfalzgraf Friedrich, Umgangs mit dem bösen Feinde pflegt und mit ihm Dein Verderben beräth. In diesem Augenblicke weilt der Höllenfürst in seinem Gemache. Mir aber ist die Macht verliehen, diesen zu bannen, daß er sich zu meinen Füßen krümmen und meinen Befehlen gehorchen muß. Wappne Dich mit Gottvertrauen, Ludwig, denn Du wirst das Uebel der Welt erschauen. Erscheine, Ewigverfluchter!“ Und unter entsetzlichem Lärme, Kettengerassel und Schwefeldampfe wälzte sich ein gräuliches Ungethüm in’s Gemach, wand sich im Staube vor der Mariengestalt, welche ihren Fuß auf das feuersprühende Drachenhaupt setzte. Der Kurfürst aber, voll von dem Aberglauben seiner Zeit, kränklich an Gemüth und Leib, vermochte den schauderhaften Auftritt nicht zu ertragen. Er war aus dem Bette geglitten und auf die

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Die Gartenlaube (1875) b 053.jpg

Im Ruprechtsbau des Heidelberger Schlosses.
Nach einer Photographie auf Holz übertragen.

Kniee gesunken. Jetzt stürzte er auf’s Angesicht nieder und war ohnmächtig. Als er wieder zu sich kam, fand er die beiden fremden Ritter in schwarzen Rüstungen an seiner Seite. Sie ließen ihm nicht Zeit, sich zu sammeln; ein Pergament vorzeigend, kündigten sie sich als Weibel der heiligen Vehme an und verlangten von ihm gebieterisch die sofortige Auslieferung seines Bruders. Der schwache, völlig mürbe gemachte Mann willigte ein. Mit schwankenden Schritten, halb bewußtlos, geleitete er die beiden Vehmboten auf einem nur ihm bekannten Geheimgange nach dem Gemach des Pfalzgrafen.

[54] Allein ein Anderer war ihnen schon zuvorgekommen. Auch die Jungfrau Maria kannte den geheimen Pfad und hatte den Meister Beelzebub auf demselben nach sich gezogen, als ihr Werk bei dem Kurfürsten beendet schien. Die Herrin des Himmels sammt dem Fürsten der Hölle wollten im Verstecke auf dem Vorplatze ohne Zweifel die weitere Entwickelung des Abenteuers abwarten. Allein durch die Eichenthür des Schlafgemachs drang so verlockend das Schnarchen eines Gerechten, daß die heißblütige Rache alle Vorsicht und Vorsätze überwog. Mit zitternder Hand riß die Gottesmutter einen Schlüssel aus dem Busen und zwang ihn ihrem Gesellen, dem Teufel, auf.

„Die Zeit ist günstig; er schläft. Was warten wir der Andern?“ flüsterte sie ihm zu. Der Schlüssel dreht sich im Schlosse; die Pforte öffnet sich; der böse Feind ist im Innern. Wenige Schritte entfernt zeigt ihm das matte Licht einer gedämpften Ampel den Pfalzgrafen auf seinem Lager im tiefsten Schlummer. Er zückt einen scharfen Dolch und schleicht dem Bette zu, da stößt sein Fuß auf einen Gegenstand, und gleichzeitig springt eine Hünengestalt vom Boden empor. Der wackere Gemmingen war’s, der hier zu Füßen seines Herrn im Schatten gelegen. Zwar fährt er entsetzt zurück, als er die grausenhafte Teufelsgestalt erblickt, doch zugleich kehrt sein Muth zurück, da er den Dolch auf sich gerichtet sieht. Mit furchtbarem Stoße der linken Faust wirft er das Ungethüm zurück, daß es auf die Kniee fällt; brüllend will es sich wieder heben, da pfeift ein scharfes Schwert, und mit gewaltigem Hiebe vom Rumpfe getrennt, kollert das gehörnte Teufelshaupt über den Boden. Der Pfalzgraf, von dem Getöse jäh erwacht, war emporgesprungen und hatte die neben dem Bette lehnende Streitaxt ergriffen. Geispitzheim stürzte mit gezückter Waffe heran; er warf ein Fenster auf, und: „Verrath, Mord, Hülfe!“ gellte es schreckbar über den Schloßhof.

In diesem Augenblicke trat der verstörte Kurfürst, unterstützt von den beiden Vehmrittern, in die Pforte des Gemachs seines Bruders. Den Vehmrittern ward die gefährliche Situation sofort klar; sie ließen ihre willenlose Beute im Stiche und entflohen in entgegengesetzter Richtung über die Wendeltreppe. Auf deren untersten Stufen traten sie mit Füßen einen wimmernden Leib, aber sie achteten dessen nicht; wohlbekannt mit den Irrgängen des Schlosses, entkamen sie den Verfolgern und wurden nicht mehr gesehen. Droben aber war Kurfürst Ludwig wiederum bewußtlos zusammengebrochen. Zwar gelang es den Aerzten und der Pflege seiner treuen Gattin Margarethe von Savoyen, ihn wieder in's Leben und zur Besinnung zu bringen, so daß er die Ereignisse der furchtbaren Nacht dem Cancellar Kemnath zu Protokoll geben konnte, aber dennoch erholte er sich nicht von dem Schlage, der ihn betroffen. Er wurde blöde an Geist und lebte nur noch ein paar Monate. Der Pfalzgraf forschte mit seinen Getreuen unablässig den Urhebern des Bubenstücks nach; sie waren bald gefunden. Den Teufel hatte der verbannte Beichtvater des Kurfürsten gespielt, die Himmelskönigin aber die Gräfin Eleonore von Lützelstein. Beide hatten ihren Lohn dahin. Denn als Letztere an der halbgeöffneten Thür den Kopf des Bösen fliegen sah, wandte sie sich zur eiligen Flucht nach der Wendeltreppe, verwickelte sich aber in ihrem langhinschleppenden Sternenmantel, stürzte hinab und brach den Fuß. Ueber sie hinweg setzten die fliehenden Ritter. Die Gräfin wurde bald gefunden und mit ihr der Faden der Verschwörung. In einem Kloster strengster Regel soll sie als hartgehaltene Gefangene noch ein paar Jahre lang ihr verkrüppeltes Dasein hingeschleppt haben. Dies Alles ist geschehen im Jahre des Herrn 1449 auf dem Schlosse zu Heidelberg im Ruprechtsbau, und heute noch mahnen daran die Trümmer der Wendeltreppe.

Pfalzgraf Friedrich aber, zum Regenten erhoben als Vormund von seines Bruders nur einjährigem Sohne Philipp, drückte sich den Kurhut auf die Stirn, schwur, dem jungen Thronerben ein treuer Vater zu sein, und faßte dann die Zügel der Regierung mit heldenfester Faust. Vor Allem ließ er seiner wohlberechtigten Rache gegen die Lützelsteiner freien Lauf. Er vertrieb dieses Geschlecht aus allen ihm noch gebliebenen Besitzungen und demüthigte es auf das Empfindlichste. Schon zwei Jahre nach dem geschilderten Ereignisse hatte er die blutigste Genugthuung genommen.

Wie Friedrich dann den Pfaffen trotzte und den Hochmuth der Bischöfe bändigte, die Blitze des Vaticans kraftlos an sich niedergleiten ließ und dem allgemeinen Aufgebote, das sich unter dem Bannerspruche: „Fluch, Verderben und Tod dem Verletzer der heiligen Hirtengewalt der Kirche!“ gegen ihn wandte, mannhaft die Spitze bot, wie er im Vereine mit den pfälzischen Städten die Burgen der Raubritter brach und ihr Gezücht aus seinen Landen trieb, wie er der zum schmählichsten Mißbrauche gediehenen heiligen Vehme den Garaus machte, bis er alle seine Feinde niedergeworfen oder in Freunde verwandelt und den ruhmreichen Beinamen „der Siegreiche“ erworben hatte, dies Alles ist in der Geschichte verzeichnet. Nicht ist dies der Fall mit dem prächtigen Liebesromane seines Lebens; in der holden Sängerin Clara von Detten, einer Augsburger Patriziertochter, hatte er ein wackeres Weib errungen, welches ihm eine beneidete Häuslichkeit schuf. Noch sind Lieder vorhanden, welche den Reiz und die Tugend dieser seltenen Frau preisen und sie den Stolz ihres Jahrhunderts nennen. Dem Neffen wahrte Friedrich treulich Land und Krone. Seine eigenen Nachkommen sind heute noch in den fürstlichen Häusern von Löwenstein vertreten. –

Den freundlichen Lesern die Moral aus der vorstehenden Mittheilung zu ziehen, darf mir wohl erlassen bleiben, kann sie doch kaum anders lauten, als: „Vor Jahrhunderten so wie heute.“ Möge nur allenthalben der schleichenden Intrigue des Schwarzen und seiner Verbündeten, die auf Aberglauben und Schwachheit der Menschen ihre Pläne richtet, ein ähnliches Ende bereitet werden, wie es vor mehr als vier Jahrhunderten schon sammt ihren Spießgesellen die Muttergottes auf dem Heidelberger Schlosse erfuhr!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Soll wohl „Glanze“ heißen.