Eine Nacht unter Alligatoren

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Titel: Eine Nacht unter Alligatoren
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 309-313
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[309]
Eine Nacht unter Alligatoren.
Aus den Sümpfen Louisiana’s in Amerika.

Ich bin, so zu sagen, ein geborner Jäger und ich glaube, daß Niemand im Stande ist, irgend eine Sorte von Jagd zu nennen, die ich nicht praktisch verstünde. Nur einen Ibis, einer der interessantesten Vögel Amerika’s, hatte ich noch nicht geschossen. Eigentlich war ich blos des Ibis wegen in die heißen Sümpfe, Seen, Buchten und Lagunen gegangen. In meiner kostbaren Sammlung von Jagd-Trophäen sollte der Ibis nicht länger fehlen. Lange hatte ich mich in den südlichen Theilen herumgetrieben, ohne meinen Vogel zu entdecken. Endlich wagte ich mich allein mit meiner Doppelbüchse und meinen Pulvervorräthen in einem gewöhnlichen Kahne eines Tages weiter und immer weiter hinein in diese schläfrigen, schlammigen Buchten und Bayen, die der Mississippi schon 300 Meilen (es ist immer von englischen Meilen die Rede) vor seiner Mündung um sich herum gerissen hat. Zuweilen schlafen sie ganz in Schlamm und Schlummer versunken, zuweilen kriechen sie vor-, dann auch wieder rückwärts, je nach der Jahreszeit. Diese labyrinthischen Ströme, Bayen und Buchten sind in der Regel sehr tief, zuweilen eng, zuweilen sehr weit und mit Inseln in deren Mitte. Sie sind mit ihren Sümpfen und Morästen die wahre Heimath der Krokodile und Alligators und eines nicht minder unfreundlichen Geschöpfs, des Fluß-Hay’s. Schaaren von Wasser- und Sumpf-Vögeln kreisen und kreischen über ihnen und waten durch deren schwarzen Urschlamm; der rothe Flamingo, der weiße Reiher, der Trompeten-Schwan, der blaue Fischreiher, die wilde Gans, der Kranich, der Schlangen-Vogel, der Pelican und endlich der Ibis in mehreren Arten. Ueber ihnen kreist die Aristokratie der Sümpfe, der weißköpfige Adler und andere Söhne vom Stammbaume der Raubvögel, die zuweilen herabschießen und sich bald Vögel, bald Fische holen. Die Natur strotzt hier noch von häßlicher Ueberfruchtbarkeit an scheußlichen Reptilien, Fischen und Insekten, die von den Schaaren der Vögel, obgleich sie von ihnen leben, nicht verdünnt, geschweige vertilgt werden können.

Diese Wassernetze wirren sich in allen Richtungen durch die Sümpfe und sind zwischen manchen Ansiedelungen die einzig möglichen Wege. Südlich nach dem [310] Golf hin hören bald alle Bäume auf und 50 Meilen ringsum ist nichts zu sehen als Sumpf und Wasser. Hier in dieser baumlosen Wasser- und Sumpfwüste schwamm und ruderte ich, um einen Ibis zu erwischen.

Ich war von einer kleinen französisch-creolischen Colonie ganz allein abgefahren, selbst ohne Hund, da mein theurer Liebling kurz vorher, als er mir durch eine Bucht nachschwamm, von einem Alligator verschlungen worden war.

Der schläfrige Strom trug mich langsam weiter und immer weiter, ohne daß ich meinen Vogel entdeckte. Eine Zweigbucht begegnete mir sehr lockend mit ihren Inseln, auf denen Riedgräser in ungeheurer Fülle sich bogen. Ich ruderte mich hinein. Alles erschien hier unberührt und urkräftig in einer so furchtbaren Einförmigkeit und Stille, daß ich gleichsam vor mir selbst erschrack, hier mich zu befinden und sogar Lärm zu machen.

Doch hatte das Gefühl, daß ich wohl das erste menschliche Wesen sein könnte, welches dieses Stück Schöpfung sah, bald etwas Erhebendes für mich. Ich fing an, mich meiner Herrschaft über die Schöpfung bewußt zu werden und tüchtig unter die unschuldigen, noch ganz furchtlosen Thiere hineinzuschießen. Schon hatte ich einen großen Holz-Ibis und einen von der weißen Species, doch noch keinen rothen, auf den mir’s eigentlich ankam. Inzwischen holte ich mir einen weißköpfigen Adler vollends herunter, der offenbar neugierig und keine Gefahr ahnend, sich weit herabgelassen hatte, um mich in der Nähe zu besehen. Ich mochte ungefähr 3 Meilen stromaufwärts gerudert sein, als ich mich entschloß, die Ruder hereinzunehmen und mich zurück treiben zu lassen. Doch merkte ich zugleich, daß sich die Bucht weitete. Von Neugier gepackt, trieb ich rasch weiter hinauf. Nach einigen hundert Schlägen befand ich mich am Ende eines ziemlich eirunden Sees von etwa 1 Meile im Umfang. Er war tief, schwarz und voll von Alligators. Ich sah deren häßliche Riesenkörper und ihre langen, gezackten Rücken nach allen Richtungen hin und herfahren und Fische oder einander verzehren; doch war das nichts Neues für mich. Ich hatte das Schauspiel schon zu oft auf meinen Excursionen gesehen. Was mich am Meisten aufregte, waren rothschwimmende Linien auf einer kleinen Insel beinahe mitten im See. Das konnten rothe Ibis sein. So ruderte ich eifrig heran, doch vorsichtig genug, um sie nicht aufzuscheuchen. Die Sonne brannte heiß und hell und beleuchtete blendend die glänzend rothe Reihe von Vögeln, die, auf einem Beine stehend, entweder schliefen oder in tiefe Gedanken versunken waren. Jetzt sah ich, daß es keine Flamingo’s waren. Die Gestalt ihrer Schnäbel, einer Degenklinge ähnlich und ihre Größe von etwa 3 Fuß (der Flamingo hat fünf) überzeugten mich, daß ich eine Compagnie Ibis vor mir sah. Sie standen am entgegengesetzten Ende der Insel, die kaum 70 Ellen maß. Mit der größten Vorsicht schob ich den Kahn herum und legte meine Doppelbüchse an. Ich zielte und drückte sogleich beide Läufe ab. Der Rauch zerstob rasch und ich sah alle davonfliegen, bis auf einen. Mit leidenschaftlicher Hast sprang ich aus dem Kahne und auf meine Beute, einen richtigen rothen Ibis. Freudig kehrte ich zurück, sah aber zu meinem Schrecken den Kahn schon weit davon treiben. In meiner Leidenschaft hatte ich ihn nicht befestigt. Ich wollte nachspringen, merkte aber, daß das Wasser dicht am Ufer gleich klaftertief war.

Ich sah blitzschnell ein, daß mein Kahn und ich verloren seien, unwiderruflich, obgleich ich im ersten Augenblicke das Schreckliche, Beispiellose meiner Lage noch nicht im vollen Umfange einsah. Meine kleine, trostlose, öde, sumpfige Insel lag mitten in einem See, und um diesen See mitten in einem Labyrinthe von Sümpfen, Inseln, Seen und Flüssen, die noch nie ein Mensch gesehen haben mochte. Ich wußte, daß hier meilenweit ringsum kein Mensch wohne. Schwimmen konnte ich nicht und würde mir auch mitten unter Heeren von Alligatoren wenig geholfen haben. Auf der Insel kein Baum, kein Stecken, nicht die Spur von Holz, wovon ich hätte etwas zum Schwimmen machen können. Der Schrecken der Einsamkeit und Verlassenheit überfiel mich mit seiner ganzen riesigen Allgewalt. Niemand konnte mich hören oder sehen oder nur ahnen, denn in der Kolonie, wo ich mich aufhielt, war ich nur als Fremder bekannt, der sich zuweilen Wochen lang nicht sehen ließ. Sie hielten mich für eine Art Wunderthier, das zuweilen nie gesehene Thiere, die ich in ihrer Nachbarschaft geschossen, nach Hause bringe. Sonst wußte Niemand etwas von mir, und Niemand hatte ein Interesse an mir. Man konnte mich also unmöglich eher vermissen, als bis ich vielleicht verhungert oder von einem Alligator verdaut worden war.

Ich begriff dies Alles in weniger als einer Minute. Ich schrie, ich brüllte nach allen Seiten, obgleich ich wußte, daß mich Niemand hören konnte. Nur meine Stimme hört’ ich als Antwort weithin verhallen. Die Reiher kreischten und der weißköpfige Adler schien ein wahnsinniges Hohngelächter aufzuschlagen.

Ich hörte auf zu schreien, warf mein Gewehr zur Erde und mich daneben. Ich habe einmal lange in einem düstern Kerker gesessen, ich bin einmal einem Banditen begegnet, der mir die gespannte Pistole vor die Stirn hielt, Niemand wird dies angenehme Situationen nennen, auch waren sie’s für mich nicht. Ich habe mich einmal in einer Prairie von Tejas verloren, auf dem unendlichen Meere festen Landes mit mannshohem Grase, ohne die geringste Spur von Baum, Gegenstand, Stern oder sonst einem möglichen Leiter. Das war noch schlimmer. Man sieht sich ringsum die Augen aus; man sieht nichts, man hört nichts, man ist allein mit Gott und zittert vor seiner Gegenwart. Alle Sinne verschwimmen, das Gehirn dreht sich im Kreise und wir mit ihm, man fürchtet sich vor sich selbst, man erschrickt, daß man denken kann. Von Allen verlassen, fürchtest Du, daß Dich Dein eigner Geist verlasse. Das ist schrecklich, unsäglich furchtbar, aber man kann’s ertragen, denn ich habe es ertragen und würde es lieber noch zwanzigmal durchmachen, statt nur eine Minute der ersten Stunde meiner jetzigen Lage wieder zu erleben. Dein Gefängniß ist dunkel und schweigend, aber Du weißt, daß Du Mitgefangene hast und der Schließer kommen und Dir ein menschliches Gesicht zeigen wird, sei es noch so häßlich und barbarisch. [311] Verloren in der Prairie bist Du allein, aber Du bist frei. Auf meiner Insel war ich allein und gefangen, gebunden, mehr als gebunden. Die Schrecken des Gefängnisses und der Prairie stürzten sich mit gleicher Gewalt auf mich. Dazu kamen zahllose Massen von häßlichen Ungeheuern. – Endlich verlor ich das Bewußtsein, wie als zum Schlafen. Ich hatte mich den ganzen heißen, tropischen Tag abgearbeitet, ohne etwas zu mir zu nehmen. Ich war zermalmt und dachte schon halb unbewußt mit einer Art Gleichgültigkeit an ein elendes Verderben. So mußte ich viele Stunden zugebracht haben; denn als ich die Augen wieder aufschlug, war die Sonne schon im Sinken. Ein schauderhafter Umstand brachte mich wieder zu mir selbst und auf die Beine. Ich sah und fühlte mich von dunkeln, scheußlichen Gegenständen umgeben. Sie waren lange vor meinen Augen gewesen, aber ich hatte sie in meinem traumartigen Halbbewußtsein nicht gesehen. Ich dachte wohl in meiner Ohnmacht daran, aber ohne Kraft, mich davor zu fürchten. Endlich hörte ich sie: ein ewig unvergeßliches, gräßliches Blasen und Brausen, Röcheln und Schnarchen, zuweilen ein dunkles, tiefes Zischen, endlich wie das rasende Gebrüll eines wüthenden Bullen. Jetzt riß das Entsetzen meine Augen auf: riesige Eidechsen – Alligators rund um mich und über mich herkriegen. Sie krochen und rochen und schnaubten und brüllten dicht über die ganze Insel hinweg und schienen offenbar in Zweifel, was mit mir anzufangen sei, da ihnen ein solcher Leckerbissen zum ersten Male vorkam. Ihre riesigen weiten Rachen öffneten sich gegen mich und ihre scheußlichen, bleiernen Augen starrten mich an.

Im furchtbarsten Entsetzen sprang ich auf und die riesigen Ungeheuer krochen und stürzten durch und über einander nach allen Seiten in’s Wasser. Sie hatten noch keinen Menschen gesehen, geschweige gegessen. Die scheußlichsten Thiere erkennen in ihrer Riesenkraft die Herrschaft des Menschen an, so lange dieser sie nicht durch Verfolgung und Mord demoralisirt hat. Die Krokodile Indiens und Aegyptens stürzen sich mit Wuth und Heißhunger auf jeden Menschen; diese „unschuldigen“ hier flohen mit großem Entsetzen vor dem „Herrn der Schöpfung“. Dies Gefühl brachte mich wieder zu mir selbst. Ich beschloß nun mit allem Scharfsinne, Alles zu versuchen und zu durchdenken, was möglicherweise zu meiner Rettung führen könnte. Ich untersuchte jeden Zoll der Insel, sondirte jede Tiefe ringsum durch tollkühnes Hineinwaten, wobei ich jedesmal mit dem dritten, vierten Schritte bis an den Hals versank. Die Ungeheuer umschnarchten mich hier unverschämter, so daß ich bald erschreckt an’s Ufer sprang und mit triefenden Kleidern die Insel auf’s Neue durchforschte. Von allen Seiten dieselbe hohle Antwort: keine Rettung.

So trieb das Entsetzen mich immer wieder über den öden kahlen Schmutzhaufen von Insel hin und her, bis Nacht und Verzweiflung und matter Heißhunger mich wie ein neues Heer von Todtfeinden packten und den Angstschweiß aus jeder Pore trieben. Das Heer schwoll zu einer furchtbaren Masse an. Die uncivilisirte Urnatur gab sich ein Abend-Concert: Das Qua-Qua des Nachtreihers, das Skrietschen der Sumpfeule, der Verzweiflungsschrei der Rohrdommel, das Schluchzen der großen Wasserkröte, das Geklirr des Glocken-Frosches und das heisere Zirpen der Savannah-Grille stürzten von allen Seiten unaufhörlich in steigenden und sinkenden und wieder steigenden Schwellungen an mein Ohr und begleiteten das nahe Schnarchen und Brüllen und Planschen der Alligators. Erst mit Beginn der Nacht bekam hier die Natur, die ungezähmte, ihr erhabenstes, entsetzlichstes Leben. Ich wollte nicht schlafen, aber ich fiel zusammen und meine Augen zu, als könnte ich sie nie wieder aufschlagen. Aber das Kriechen, Schnarchen, Brusten und Zischen um mich herum und endlich die Berührung eines feuchten, kalten Ungeheuers, das über mich gebogen eben seinen Schlag mit dem Schweife appliciren zu wollen schien (ich kannte ihre Manier), gaben mir eine plötzliche Kraft, mit der ich auf und zur Seite sprang.

Fast in demselben Augenblicke peitschte das Ungeheuer den Boden, wo ich gelegen, daß Sand und Schmutz weit umherstoben. Meine Oberherrschaft war bald gebrochen, der Respect vor mir war dahin. Ich nahm mein Gewehr und schoß auf das größte der Ungeheuer, ohne es zu tödten. Doch stürzten alle davon. Sie sind kugelfest und haben ihre Achillesferse blos im Auge oder unter der Vorderkralle.

Ich schlief nun, wenigstens wachte ich später auf oder wurde vielmehr durch die schleimige, kalte Berührung von einem dieser Ungeheuer aufgeschreckt. Ich sprang wieder auf und schoß eins in’s Auge. Es peitschte mit furchtbaren Schlägen den weichen Sandboden und brüllte ein paarmal auf; dann lag es langgestreckt. Die Andern waren wieder geflohen, kehrten aber zum Teil fast augenblicklich zurück und bildeten eine Art von Cirkel um mich. Ich schrie und schwang mein Gewehr und schoß zuweilen, doch mit immer weniger Erfolg, so daß ich, obgleich körperlich und geistig zerbrochen, doch nicht wieder an’s Schlafen denken konnte. Endlich kam der Morgen heiß und feucht und beleuchtete mit neuen Farben mein furchtbares Schicksal. Woher Frühstück nehmen, nachdem ich, den Tag vorher ohne Mittag- und Abenbrod, diese Nacht durchlebt hatte? Ich trank gierig das scheußliche Wasser, ohne den Durst löschen zu können. Und wie den Hunger?

Was konnte ich essen? Den Ibis. Aber wie ihn kochen? Womit Feuer machen? Mit Sand und Schlamm und Wasser? Doch wozu kochen? Kochen ist eine moderne Erfindung, ein Luxus für verweichlichte Gaumen. Ich befreite den Ibis von seinem prächtigen Gefieder und aß ihn auf. Nein ich war ökonomisch und hob mir einen Theil für die Zukunft auf. Er mochte mit Knochen 3 Pfund wiegen, doch mußte ich ihn zur zweiten Mahlzeit – einem déjeuner sans fourchette – schon bis auf die Knochen abnagen. Ich verfluchte die Stunde, in der ich Geschmack an solchen Mahlzeiten gefunden, und meine Naturwissenschaft wünschte ich mit sammt Audubon, Buffon und Cuvier in diese Urmoräste bis an den Hals.

Was nun nach dem Ibis? Todthungern? Noch nicht. Da liegt mein riesiger Nachbar: das todte Krokodil. [312] Sind in England Ochsenschwänze eine Delikatesse, kann ein Alligator-Schwanz immer noch gut genug sein, den Hungertod hinauszuschieben. Freilich ich hungerte noch einen Tag und eine Nacht, ehe ich an meine Fleischkammer ging, und dann verbreitete das Aas einen so entsetzlichen Geruch, daß ich, zumal da keine Spur von Wind ging, genöthigt war, es mit ungeheurer Anstrengung in’s Wasser zu bringen. Aber ich schoß einen andern und schnitt mir ein derbes Stück aus dessen Schweife.

Du schauderst, Leser? Schaudere nicht, sondern denke in Demuth daran, was der Mensch sei in seinem Hunger. Im Hunger und im Tode sind alle Menschen gleich, glaub’ ich. Hast Du einmal gehört, christlicher Leser, von jenen Matrosen, die sich im stillen Ocean von ihrem untergehenden Schiffe auf ein Boot gerettet und auf einer Fahrt von 6 Wochen drei von ihren Unglücksgefährten, die das Loos traf, aufgegessen und ihren Durst von deren Blute gestillt hatten? – Ich verlange von keinem Menschen, daß er seinen Nächsten (ohne Grund) liebe, vielweniger seine Feinde; aber wer einen Menschen mit Bewußtsein hungern ließe, den möcht’ ich in’s Auge schießen, wie einen Alligator.

Nachdem ich meinen frischen Alligatorschwanz „in Gottes freier Natur“ verzehrt hatte, fühlte ich mit Wollust eine Art von anglo-sächsischem Phlegma und Comfort wiederkehren. Ich fühlte sogar das Bedürfniß, meine Zähne zu stochern, aber freilich weder Natur noch Kunst boten hier diesen Artikel feil. So sah ich ruhig in’s Weite über meinen Fleischvorrath hinweg (selig ist der Besitzende) und bemerkte, wie sich ein dunkler Körper träge auf der Oberfläche des Wassers umhertrieb. Freilich sah ich bald, daß es nur der verwesende Alligator war, den ich in’s Wasser gebalgt hatte; aber ich sah mehr. Ich sah den Grund, warum das Aas schwimme. Es ist geschwollen, es haben sich in dem Processe der Verwesung Gase entwickelt – um aus dieser Verwesungsluft mein Leben zu holen. Ja so kamst du, Kind der Noth, die schon Größeres im Leben schuf und erfand, als die Rettung eines Menschenlebens.

Ich dachte an den schwimmenden Alligator, an seine geschwollenen Eingeweide, an die Eingeweide in dem vor mir liegenden. – Wie ein Blitz schoß ich auf ihn zu, schnitt ihn auf, riß die Eingeweide heraus, reinigte sie, blies sie mit einer Feder vom Ibis auf, verband sie und wickelte sie mir um den Leib. Nun konnte ich schwimmen. Mit meiner geladenen Flinte ging ich keck in’s Wasser. Es trug mich so schön, daß ich gleichsam in demselben stand und ging in möglichster Nachahmung der Wasservögel. Mein Gewehr hielt ich tapfer über Wasser, um es gegen Alligatoren zu gebrauchen und mich nicht ohne Gegenwehr verschlingen zu lassen. Zu meiner Freude wurde ich gar nicht attakirt: Alles schlief den tropischen schweren Schlaf unter der Mittagssonne. Ich hatte sogar auch die rechte Zeit zu meiner Rettung getroffen. Nachdem ich etwa eine halbe Stunde Wasser getreten hatte, näherte ich mich dem Ausgange der Bucht. Wer beschreibt meine Seligkeit, als ich hier mein Boot entdeckte? Es hatte sich in einem Winkel des Morastes festgefahren. Mit Riesenkraft schwang ich mich – ja ich hatte nach dreitägiger Pein der unsäglichsten Art jetzt doch wieder Riesenkraft – in mein Boot und zwang es mit gewaltigen Ruderschlägen, pfeilschnell durch die träge Wassermasse zu schießen.

Dabei dachte ich daran, den Krokodilen einen Tempel zu erbauen oder eine ungeheure Ode auf diese Lebensretter zu dichten.

Doch ich wurde zu bald in diesen Gedanken gestört und auf bessere gebracht. Wie ich so durch den „Urschlamm“ Amerika’s dahinruderte, sah ich unweit ein herrenloses Boot treiben. Mein erster Wunsch bei diesem Anblicke war: Gebe Gott, daß etwas Brod oder wenigstens Käse darin sei! Aber es war mehr darin.

Ich rudere heran und sehe zu meinem Erstaunen die schöne Creolin aus meinem Hotel, wo ich die letzten 6 Monate logirt hatte, wie todt im Kahne liegen. Aber sie schlief blos. Sie schlug die Augen wirr auf und stürzte sich dann mit einem Freudengeschrei an meinen Hals, wobei wir beinahe Beide in’s Wasser gefallen wären. Hernach bat sie gleich erröthend um Entschuldigung: Ich habe ihr von meinem Vorhaben erzählt, daß ich in dieser Richtung auf die Ibis-Jagd gehen und Abends wahrscheinlich wieder da sein werde. Nun sei ich in Ewigkeit nicht gekommen. Da habe es ihr keine Ruhe gelassen u. s. w. –

Lieber Gott, was blieb mir nun übrig, als sie zu heirathen? Ich hätte es wahrscheinlich auch ohnedies gethan, denn ich liebte sie längst, wie ich die „gute Gesellschaft“ meines Vaterlandes haßte, die blos Stand mit Stand, Pfunde mit Pfunden und Farbe mit Farbe verheirathet, um der Welt kein Aergerniß zu geben. Ich aber gebe mit Freuden der ganzen Welt Aergerniß, wenn ich damit nur meiner feurigen, schönen Blume, die mich immer wie personificirtes Morgenroth anlächelt, einen Genuß mehr verschaffen kann. So weiße Zähne und so rosige Laune sind in der ganzen Welt nicht zum zweiten Male da. Ebenso hat kein Museum der Welt solch ein Wunder in Spiritus, als ich, nicht solche merkwürdige Krokodils-Kaldaunen. Ich nehme das herrlichste Weib aus dieser Geschichte mit und damit der Leser auch nicht ganz leer ausgehe, geb’ ich ihm den guten Rath: das Boot allemal, ehe er aussteigt, festzubinden. Wer nicht am Wasser wohnt, kann sich unter Boot jedes beliebige und beliebte andere Ding vorstellen oder auch sagen: Ein Sperling in der Hand ist besser, als eine Taube auf dem Dache.

Uebrigens braucht sich aber der Leser nicht einzubilden, daß ich rohen Ibis und Krokodilenschwanz gegessen, um ihm zuletzt eine solche ausgekochte Moral aufzutischen.

Es passirte mir wirklich Alles so auf meiner Ibis-Jagd. Daß ich mir doch noch einen von der schönen, rothen Species geschossen, ohne ihn aufzuessen, gereicht wahrscheinlich mir mehr zur Freude, als dem Leser. Meine Frau befand sich nach den pflichtschuldigen 9 Monaten „den Umständen nach“ ganz wohl. Aber der kleine Bengel schreit manchmal so anhaltend, als wollte er später davon leben, wie von einer Profession. Um [313] diese früh entwickelten natürlichen Anlagen nicht zu stören, gehe ich immer auf die Jagd. Will ich ihm gar einmal auf’s Leder, zeigt mir seine schöne Mutter ihre schönen Augen und weißen Zähne. Was bleibt da einem rechtschaffenen Vater mit so vielem Gelde übrig, als den Kerl schreien zu lassen und wilde Enten zu schießen? Sonst bin ich jetzt der glücklichste Mensch. Aber zuweilen wach’ ich doch noch in Angstschweiß gebadet aus meinem Schlafe auf und habe dann immer von meiner insularen Lage geträumt. Und dann ist es erst eine Seligkeit, auf die blühenden Wangen eines Kindes und eines selbst im Schlafe lächelnden schönen Weibes zu blicken.