Eine Stunde im Sitzungs-Lokale der Parlaments-Krim-Untersuchungs-Commission zu London

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Autor: B.
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Titel: Eine Stunde im Sitzungs-Lokale der Parlaments-Krim-Untersuchungs-Commission zu London
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 197–198
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[197]
Eine Stunde im Sitzungs-Lokale der Parlaments-Krim-Untersuchungs-Commission
zu London.

Deutschland hat seine historischen Erinnerungen an fünfzig- und hundertfache Staats- und Hochverraths-Riesen-Prozesse, wo es sich um Leben und Tod allgemein bekannter, hervorragender Persönlichkeiten handelte; die ältesten Leute in England können sich solcher Erinnerungen nicht rühmen. Die Zeiten, als die Bastille des englischen Absolutismus, der Tower, Minister und Prinzen und Prinzessinnen, Könige und Königinnen verschwinden ließ, die Schrecken des Staatsgerichtshofes, der Stern-Kammer, gehören der verwesten Vergangenheit an. Wie mußte es daher das gegenwärtige Geschlecht aufregen und anziehen, eine öffentliche Untersuchung der Krim- und Kriegsverwaltungs-Helden im Unterhause glänzend siegen und verwirklicht zu sehen und nun aus dem Munde von Generalen, Herzögen, Lords und höchsten Offizieren, von Autoritäten und Augenzeugen das ganze entsetzliche Drama, welches 50,000 Soldaten und 50 Millionen Pfund Sterling, alle englischen, stolzen Hoffnungen, allen nationalen, althistorischen Heiligenschein in Schmutz und Tod hinabtrat, Punkt für Punkt, Schuld für Schuld enthüllt zu sehen und zu hören! –

Die Untersuchung gewann noch an besonderer Wichtigkeit, da es sich um eine Entscheidung zwischen dem Ministerium Aberdeen und der Presse handelte. Ersteres behauptete aus offizieller Untrüglichkeit, letztere habe übertrieben, ja gelogen. Es sei Alles in Ordnung. Gleich von vorn herein ergab sich nun, daß die Presse bereits Alles haarklein und genau erfahren und veröffentlicht habe, was die Autoritäten und Augenzeugen nun vor dem Parlamente wiederholen und bekräftigen. Die bis jetzt (den 25. März) gestellten und beantworteten 9000 Fragen enthalten daher im Wesentlichen nichts Neues, nur daß hier und da eine Anekdote, ein im Winkel versteckt gewesenes kleines Ungethüm von Thatsache das Entsetzliche noch furchtbarer, den Blödsinn zu Wahnsinn, das Lächerliche noch lächerlicher, das Unglaubliche noch wahrer und wirklicher macht. Hospitäler, vollgepropft mit entstellten, zerrissenen, sterbenden, todten, vor Schmerz, vor Hunger, vor Ungeziefer, vor Gestank aufschreiender Soldaten – eine mitleidige Seele, die 200 Pfund bietet, um ein solches Hospital reinigen zu lassen, nachdem man sich damit entschuldigt, daß kein Geld zum Reinigen da sei. Der betreffende Offizier verweigert die Annahme des Geldes, weil er fürchtet, man könne es von ihm zurückverlangen. Die Soldaten laufen tausendweise barfuß und mit erfrornen und verwundeten Füßen durch Schnee und Eis, und sterben hundertweise. Lord Raglan sieht das eine Zeit lang mit an. Endlich schickt er einen Bevollmächtigten nach Constantinopel, Schuhe zu kaufen. Der Bevollmächtigte ist so glücklich, grade ein nach Konstantinopel abgehendes Schiff zu treffen. Er theilt dem Kapitain des Schiffes unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, daß er alle Schuhe in Constantinopel für die Armee aufkaufen solle. Der Kapitain schlägt die Hände über dem Kopfe zusammen und sagt, daß er drei Wochen lang im Hafen von Balaklava versucht habe, sein mit Schuhen für die Armee ganz beladenes Schiff an den Mann zu bringen, und seine Ladung los zu werden. Von allen Seiten habe man die Annahme verweigert, da er keinen gehörig formulirten Frachtbrief vorzuzeigen im Stande gewesen. Jetzt gehe er eben zurück nach Constantinopel. Nach dieser Entdeckung läßt denn der Schuh-Gesandte den Schnabel des Schiffes wieder gen Balaklava richten. Nun werden die Schuhe sofort angenommen, da sie der Schuh-Bevollmächtigte bringt. Doch schlimmer ging’s einem Kartoffel-Gesandten. Er brachte, wie ihm befohlen war, ein Schiff voll Kartoffeln nach dem Hafen. Wochen lang versuchte er und Andere, den Mächtigen auszukundschaften, der allein berechtigt war, die Kartoffeln in Empfang zu nehmen. Vergebens. Da ergrimmt endlich der Kapitain und ruft sich Griechen, Tartaren, Armenier, Juden und Schacherer, Familien und Privatpersonen heran mit der Bitte, sie möchten so viel Kartoffeln nehmen, als sie nur immer fortbringen könnten. So bekommt er sein Schiff bald leer, und die englischen Soldaten, die nach Balaklava kommen, um sich aus ihrer Tasche Proviant zu kaufen, triumphiren nun mit vollen Kartoffelsäcken in’s Lager zurück. Zuletzt wurden sie, das Stück zu 1 Schilling – 10 Sgr. – eine Kartoffel – an die reichsten englischen Offiziere verkauft.

Mitten im massenhaften Hinsterben der Soldaten an Unverdaulichkeit und Durchfall kam eine medicinische Autorität auf den Gedanken, die Soldaten müßten Vegetabilien, Gemüse haben. Nach vielen Wochen ist ein Schiff mit Mohrrüben, Kohl, Rüben u. s. w. im Hafen und wird ausgeladen. Aber auch jetzt kann der Mann, welcher sie zu verkaufen, zu vertheilen hat, trotz unendlichen Suchens nicht ermittelt werden. Der Gemüsehaufen wird breit, in Schnee und Schmutz getreten und fängt an zu faulen und den Schmutz noch unerträglicher zu machen. Die Garde-Division unterm Herzog von Cambridge fällt vor Hunger vom Pferde, die Pferde fallen aus demselben Grunde, nachdem sie versucht haben, sich gegenseitig die Schwänze abzufressen. – Die Ordre des Herzogs von Cambridge um Futter und Lebensmittel hat deshalb große Eile und ist ohnehin im höchsten Grimme geschrieben. Im höchsten Grimme hat der Herzog seinen Namen auf eine Stelle der Ordre gesetzt, wo sie nach der „Routine“ nicht hingehört. Er bekommt also sein Schreiben mit der höflichen Bitte zurück, den Namen gefälligst ein Paar Zoll tiefer zu setzen. Ordnung muß sein, obgleich sie in diesem Falle direkt das Leben von ein Paar Dutzend Pferden kostete. Also kein Wunder, daß die englische Cavallerie, so weit davon noch die Rede sein konnte, besonders daran zu erkennen war, daß Niemand auf einem Pferde saß.

Letztere Geschichte hörte ich am 13. März aus dem Munde des Herzogs von Cambridge selbst. An diesem Tage war ich zum ersten Male in dem Untersuchungslokale. Als ich in den Irrgängen des neuen Parlamentsgebäudes endlich auf den rechten Weg und vor die rechte Thür, einem Seiten-Saale der Sitzungs-Halle des Unterhauses gekommen war, fiel mir zuerst das dünne Kommen und Gehen von Neugierigen auf. Ich hatte mich auf stundenlanges Warten und rippenzerbrechendes Gedränge gefaßt gemacht. Man weiß ja schon Alles, dacht’ ich. Man liest es bequemer in den Zeitungen. Jeder hat sein Geschäft von 12 bis 4 Uhr, grade während der drängendsten Arbeitszeit, während welcher die Commission [198] Fragen thut und Antworten zu einem Aktenstücke sammelt, dessen Umfang das beste Mittel sein wird, es gegen Leser zu schützen. Und am Ende glaubt auch der höhere Engländer nicht an den Ernst, an den Erfolg dieser Posse. Posse? Ja, so erschien sie mir. Sind die Herren Richter? Haben sie Gewalt über Schuld und Unschuld, Leben und Tod? Nein, die schwärzesten Schuldigen, bis jetzt besonders Kapitain Christie[WS 1] und Admiral Boxer (der in Constantinopel vierzehn Tage lang ein mit Proviant für die Verhungernden beladenes Schiff erst anstreichen und trocknen ließ) begnügen sich mit der Strafe der „öffentlichen Meinung“. Als Posse, als Humbug erschien mir die Untersuchung, weil sich’s die Herren gar zu bequem machten und fragend und antwortend über die Schuld an 50,000 Todten und 50 Millionen Pfund Sterling gelegentlich kaueten und schluckten. Neben dem Haupthelden der Inquirenten – Mr. Layard – saß ein Mitglied der Commission, welches einen halben Sandwich (belegtes Butterbrot) im Munde, eine Frage that, dann einen derben Schluck Sherry nahm und wieder fragte. Der Herzog von Cambridge wartete wenigstens, bis er seine Aussage beendet hatte. Erst dann rief er nach einem Kellner, bestellte sich Sandwichs und Sherry, fragte ziemlich laut „How much?“ (wie viel?), bezahlte, stellte seine gekreuzten Beine auf das Tischgestell unten, aß und trank und hörte den weitern Fragen und Antworten zu.

Seine Aussagen hatten übrigens, im Vergleich zu andern, nichts besonders Interessantes. Um so imponirender ist seine Persönlichkeit. Ein riesiger Mann, bärtig, stolz, breitbrustig, kahlköpfig, so saß er dem kleinen, kränklichen, dünnstimmigen Präsidenten der Commision – Mr. Roebuck – gegenüber. Das volle, energische Gesicht neben Roebuck gehört dem berühmten Layard, dem Niniveh-Ausgraber, jetzt Mitgliede des Ministeriums, dem Premier einer bessern oder schlimmern Zeit – denn er ist der einzige Mann, von dem man sicher eine energische, hohe Zukunft erwartet. – Die Namen der andern Mitglieder habe ich zum Theil vergessen, zum Theil wurden sie doch nur genannt, um sofort wieder vergessen zu werden. Photographie, Stenographie, Malerei, Typographie – alle diese Künste der Oeffentlichkeit umgaben den Halbmond des grünen Tisches in großer Fülle und ohne die geringste Beschränkung. Die hieroglyphischen Blätter der Stenographen wanderten unaufhörlich über die Schultern der eifrig das lebendige Wort Auffangenden hinaus in Vorzimmer, wo eine Menge Uebersetzer aus dem Stenographischen in Currentschrift den Boten in die Hände arbeiteten, welche unten in Droschken nach den Druckereilokalen der Zeitungen eilten. Weiter hinten in der Ecke wartete ein Photograph auf malerische, stille Momente und zog dann seine Klappe auf, so daß die dunkele Oeffnung des photographischen Apparates wie eine Kanonenmündung herab drohte, sich aber nach ein paar Secunden immer wieder schloß. Hier machte sich ein Zuhörer Bemerkungen mit dem Bleistifte, dort versuchte ein Maler die Züge des bärtigen Riesen im Hintergrunde (ich glaube des von Birmingham gewählten Parlaments-Mitgliedes Muntz) zu stehlen und Geld daraus zu schlagen.

Ein schäbig-gentiles Subject schälte sich eine Apfelsine, biß hinein und verfolgte die Verhandlung mit großen Augen, bald Zeichen des Beifalls, bald grunzende Töne der Unzufriedenheit durch die gekauete Apfelsine von sich stoßend. Crethi und Plethi lahtschte aus und ein, darunter manch’ düsteres, sorgenverzerrtes Gesicht „ohne Geburt und Connexionen,“ feine Damen und breitschulterige Weiber von der Straße – fast alle im tiefsten Schwarz und mit gespannten Zügen horchend, ob diese oder jene Aussage einen Schluß auf den hingeopferten Sohn, Bruder, Bräutigam oder Ehemann zulasse, auch nicht wenige nichtssagende Gesichter, die blos aus Langeweile gekommen zu sein schienen, „um sich zu amüsiren,“ da sie immer am Lautesten hear! hear! (hört! hört!) riefen und lachten, wenn eine pikante Bemerkung fiel oder ein unglaublicher Unsinn speciell erörtert ward.

Die Zeugen traten alle in die Mitte des Tisch-Halbmondes, um welche die zehn Mitglieder der Commission sitzen, wenn sie alle da sind, was selten der Fall zu sein schien. Die Hinterwand des Saales, dem Publikum gegenüber, enthält eichene Schränke, deren jedes Mitglied einen für seinen ausschließlichen Gebrauch benutzt. Die beiden Thüren öffnen sich nach Corridoren, die unmittelbar in den Sitzungssaal des Unterhauses führen, von wo denn auch fortwährend bekannte Persönlichkeiten, wie man im Publikum deutlich bemerkt, erscheinen, um bald nach kürzerer, bald nach längerer Zeit wieder zu verschwinden und Andern Platz zu machen.

Ich sagte, die Zeugen treten in die Mitte des Tisch-Halbmondes, obwohl der Herzog von Cambridge ganz bequem mitten unter den Mitgliedern der Commission selbst sitzt. Mit ihm machte man dieselbe Ausnahme, wie mit einigen andern Personen höchsten Ranges. In der That nahm er sich ohne Weiteres die Freiheit, sich mitten unter die Herren zu setzen und sie mehr zu belehren, als sich fragen zu lassen. Er sah auch gar nicht darnach aus, sich vom berüchtigten General „Routine,“ der an allem Unheil Schuld ist, etwas vorschreiben zu lassen. Wie leicht hätte er seinen dicken Rohrstock mit dem goldenen Haken nehmen können, um seinen Kopf durchzusetzen? Warum war er überhaupt hier und nicht Chef-Commandeur der Garde-Division geblieben? Die Leute munkeln schreckliche Geschichten, die man durch eine andere Munkelei, nämlich daß er Spuren von Geisteskrankheit (allerdings erblich öfter in seiner Familie hervorgetreten) zu vertuschen sucht. Er soll einem höhern Offizier, der sich gar zu bornirt nach dem General „Routine“ richtete, etwas versetzt und selbst Lord Raglan bedroht haben. So viel Wahrscheinliches dies auch in einem energischen Kopfe, gerade weil er nicht an der allgemeinen ausgebrochenen Geisteskrankheit des englischen Regierungsunwesens litt, haben mag, wollen wir es doch blos als ganz dunkele Munkelei beiläufig mit erwähnt haben.

Das Auftreten des Herzogs hatte eine allgemeine Spannung hervorgerufen. Man sah überall den Ausdruck der Enttäuschung, als er geendet. Was er sprach, klang sehr einfach, sah verständig, schonend und doch auch derb und ehrlich. Vieles war technisch und strategisch, wie es für die zuhörenden Laien kaum verständlich war. Nachdem er seine Mittheilungen geendet, erhoben sich alle Mitglieder der Commission, und Roebuck dankte ihm im Namen derselben und des Parlaments. Sie schienen ihn damit entlassen zu wollen.

„O, bitte, erlauben Sie mir, daß ich noch etwas bleibe,“ unterbrach er den Redner. „Ich gehe noch nicht, werde mir aber –“ und damit winkte er dem Kellner und ließ sich einen Teller von Sandwichs und ein Glas Sherry bringen, wie ein deutscher Baron vom Rittergute in einem öffentlichen Trinklokale.

Mit dem Typus eines höhern, deutschen Landedelmanns hat er auch viel Ähnlichkeit. Sein Bart wäre vor fünf bis sechs Jahren noch der Skandal des ganzen Landes, rein unmöglich gewesen. Jetzt giebt’s Parlamentsmitglieder, deren Gesicht man vor Bart nicht sehen kann, so daß sie aussehen, wie zurückgekehrte Krim-Soldaten. Der freie Bartwuchs ist in England von ganz neuem Datum und wurzelt in der großen Völkerausstellung, der Freundschaft mit den Franzosen, der Krim und dem Kriege und auch in einem neuen Volksgefühle, in einem Hasse gegen die Vergangenheit, die sich in England nirgends anders als sorgfältig rasirt und mit starrendem Backenbarte zeigen konnte. Der Backenbart, der war der Stolz, die National-Kokarde Englands. Später sprach ein Blatt das berühmte Wort aus: „Englishman, the whiskered slave of money-making“ („Engländer, backenbärtiger Sclave der Geldmacherei“). Seit dieser Zeit fingen Haare an, auf den Zähnen zu wachsen. Es folgte eine seit Jahren komisch behandelte Agitation für den Bart, den Schnauz- und Kinnbart. Sie sproßt jetzt überall. Sie kehrt in Wäldern von der Krim zurück. Und so mag vielleicht dieses äußere Zeichen rückkehrenden Männlichkeitsgefühls auch einen innern Boden haben. Und je mehr sich die Krim-Untersuchung als Posse entwickeln sollte, desto ernster dürfte die Befürchtung werden, daß ernste, düstere, bartumwaldete Männer eine Tragödie sehen wollen, die erschüttert, erhebt und reinigt. Doch soll dies keine Prophezeiung sein, sondern blos Schluß meiner Stunde in der Krim-Untersuchungs-Commission.
B. 

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Peter Christie (1796–1855), Vorlage: Christin