Eine That der Mutterliebe

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Titel: Eine That der Mutterliebe
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 784
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[773]
Die Gartenlaube (1878) b 773.jpg

Der Raubritter in der Klemme.
Originalzeichnung von Fedor Flinzer in Leipzig.

[784] Eine That der Mutterliebe. (Zu dem Bilde S. 773.) Es giebt in der Vogelwelt unserer deutschen Heimath keinen gefürchteteren und verhaßteren Räuber, als den Habicht (Falco palumbarius). Scheu und ungesellig, unruhigen, hastigen Fluges, durchstreift er mit nimmersatter Gefräßigkeit und Mordlust sein Revier, und diese letzteren Eigenschaften sind um so gefährlicher, als sie mit einer seltenen Schlauheit gepaart erscheinen. Graf Wodzicki (bei Brehm) erzählt einen Fall, wo ein Habicht den zu äußerster Vorsicht eingeschüchterten Taubenschlag dadurch düpirte, daß er sich mit gesträubten Federn auf einem Strohdache zum Schein versteckte, unverkennbar eine Eule nachahmend; die Tauben wagten sich denn auch bald ohne Furcht in die Nähe des ruhig Dasitzenden, bis derselbe mit rauschendem Stoß sein Opfer ergriff und schlauer Weise zwischen den Wohnungen verzehrte, wo erfahrungsgemäß der Feuergefährlichkeit halber kein Gewehr abgefeuert wurde. „Seine Jagd gilt sämmtlichem Geflügel von dem Trappen oder Auerhuhne an bis zu dem kleinen Finken herab, und allen Säugethieren, welche er bewältigen zu können glaubt. Er stößt auf den Hasen, um ihn umzubringen, erhebt das bissige Wiesel vom Boden, wie er das Eichhörnchen vom Neste wegnimmt, raubt im Fliegen wie im Sitzen, den schwimmenden Vogel wie das laufende Säugethier, zieht seine Beute selbst aus ihren Versteckplätzen hervor.“ (Brehm). Im Käfig frißt sogar der stärkere Habicht den schwächeren; es ist ein Fall verbürgt, daß ein Förster vierzehn Habichte in einem Käfige bewahrte, welche sich bis auf zwei auffraßen! – Nach alledem wird die Echtheit eines Erlebnisses, wie das von Künstlerhand in unserem Bilde dargestellte, nicht angezweifelt werden können. Die Geschichte trug sich folgendermaßen zu:

Schreiber dieses stand als Knabe um die Mittagszeit eines Herbsttages am Fenster des elterlichen Hauses und ergötzte sich an dem drolligen Spiel einer jungen Katze, der einzigen von einem Wurf, welche der Alten zur Aufzucht überlassen geblieben war. Plötzlich streifte eine schattenhaft dunkle flatternde Masse fast das Fenster, und gleich nachher stieß das Kätzchen ein durchdringendes Geschrei aus: ein mächtiger Habicht, mit den aufgeschlagenen Fittichen balancirend, hielt das Thierchen in der einen Klaue, während die andere in den Boden griff, um sich festzuklammern. Ein paar Augenblicke lähmte mich die Ueberraschung, dann war ich im Begriff zu Hülfe zu eilen, als mich ein Anblick wieder an das Fenster fesselte, der mir unvergeßlich bleiben wird. Die alte Katze, welche in der Nähe gewesen sein mußte, war mit ein paar Sätzen auf dem Schauplatze erschienen und hatte nach einem glückliche Biß die Halspartie des Raubjunkers unter den Zähnen. Nun eine Scene voll des wildesten dramatischen Lebens, die ich athemlos mit den Augen verfolgte. Die Katze hielt in unbeschreiblicher Wuth fest, von den heftigen Bewegungen des nicht minder wüthenden Vogels umhergeschleudert; Federn stoben; in verworrenem Knäuel wälzten sich die beiden Kämpfer auf dem Boden; dann und wann flatterten die ziemlich dunklen Flügel des Habichts auf. Dem Kätzchen war es endlich gelungen, freizukommen; es schleppte sich ein Stückchen bei Seite und blieb wie erstarrt liegen. Ich hegte keinen Zweifel, daß der Vogel dem Biß der Katze erliegen müsse, aber ich irrte mich, der dicke Federkragen mochte die Rolle des Schutzengels spielen – in einem Moment flogen Vogel und Katze auseinander, und der Habicht erhob sich mit rasch duckendem Aufschwung auf einen benachbarten Apfelbaum, während die Katze nach einem vergeblichen Satz auf dem Boden verblieb. Ich eilte jetzt aus dem Zimmer; als ich auf dem Schauplatz des Ereignisses anlangte, sah ich den Habicht über die Häuser hinstreichen, die Katze vom Stamm des Apfelbaums niederspringen und zu dem Jungen eilen, welches unter ihren zärtliche Bemühungen wieder Leben bekam. Die Fänge des Vogels mußten nicht tief eingedrungen sein, denn es gelang unserer sorgfältigen Pflege, welche die Alte übrigens eine Zeit lang abzuwehren Miene machte, das „Habicht-Anni“, wie wir das Thierchen nach dem bekannten schweizerischen „Lämmergeier-Anni“ unserer Schulbücher tauften, am Leben zu erhalten.

G.