Eine französische Poststation im deutschen Walde

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Autor: Albert Doering
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Titel: Eine französische Poststation im deutschen Walde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 10
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine französische Poststation im deutschen Walde.
Sinn bei Herborn (R.-B. Wiesbaden).

Es war ein denkwürdiger Tag, der 15. December 1870, für uns friedlich stille Dorfbewohner, und der Fang einer französischen Luftpost ein großes freudiges Ereigniß.

Auf den Ruf: „Ein Luftballon, ein Luftballon!“ war ich mit wenigen Sätzen im Freien, und wahrhaftig, da oben etwa dreihundert Fuß hoch schwebte das gespenstische Ding wie ein riesengroßer Raubvogel, in seinen Krallen die noch lebendige Beute.

Kein Luftzug war wahrnehmbar, und nur wenig schneller, als man laufen kann, flog der Ballon fast rechtwinkelig gegen den nahen an dreihundert Fuß hohen bewaldeten Mühlberg. Ohne Besinnen eilte ich in die nahen Werkstätten, wo schon meine schwarzen Maschinenbauer auf dem Sprunge standen, mich fragend ansehend.

„Lauft, was Ihr laufen könnt; den Ballon müssen wir haben mit Allem, was darin ist,“ war meine Antwort, und hinaus ging die wilde Jagd der Stelle zu, wo er sich eben niederzulassen schien. Wir konnten ihn schon beinahe greifen; die ersten flinken Jungen waren kaum zwanzig Schritte davon, da ging der Ballon sanft wieder in die Höhe; doch die Gondel mit den Insassen lag auf dem Platze umgestürzt, hier ein aufgerissener Sack mit Briefen, Briefe auf dem ganzen Boden herum, dort ein Handkoffer, da ein Brieftaubenkäfig und dazwischen allerlei Kleidungsstücke, Schwimmgürtel, Instrumente und sonstige Geräthe. Mitten in diesem Chaos die beiden Franzosen, deren äußere Verfassung nicht viel von der Arbeitskleidung meiner Leute abstach, so daß ich im ersten Momente gar nicht rasch herausfinden konnte, ob es zwei, drei oder vier Mann seien.

Die Luftschiffer, bei allem Unglück so glücklich, auf glattem Erdboden zwischen hohen Bäumen zu landen, standen sprachlos vor Schrecken, mit einer Armsündermiene, die mein herzliches Mitleid erweckte. Hörten sie doch von mir, daß sie sich in der Provinz Nassau in Preußen, etwas weit von dem gewünschten Ziele, befänden. Ich sorgte sofort für Sammlung der Beute. Aber da lagen auch Papierschnitzel, in die kleinsten Stückchen zerrissene Briefe. Ich ahnte gleich, was das bedeute, und der Vordermann unserer Sturmcolonne erklärte mir, daß im Augenblick des Aussteigens aus der Gondel der Eine, unter der Wahrnehmung, nicht in Frankreich zu sein, eine Anzahl Briefe in aller Hast zu tausend Fetzen zerrissen habe. Zu spät wurde mir dieser Bericht, denn Laub, Erde und Papierschnitzel waren von den etwa siebenzig Füßen, die sich darauf herumgetrieben, ganz gründlich vermischt worden und eine Analyse auf dem Platze kaum möglich. Doch wie es in Paris steht, das mußte ja aus den anderen Tausenden von Briefen noch deutlich genug hervorgehen; deshalb traten wir an, und im Triumph ging es mit unseren Gefangenen und ihren Habseligkeiten nach Hause.

„Wie weit sind wir von Paris? wie heißt die nächste Stadt?“ und andere kurze Fragen war Alles, was die Ersteren sprachen.

Wie ich die frohe Erwartung, wenigstens einen höheren Herrn der Pariser Regierung in Empfang nehmen zu können, bereits bei dem Anblick der beiden Gefangenen herabgestimmt sah, so ergab auch die amtliche Untersuchung, daß man es wahrscheinlich nur mit einem Luftschiffer und seinem Gehülfen zu thun hatte. Bei unserem Einzuge hatte uns bald der Bürgermeister des Dorfes erreicht und die Bagage der Luftschiffer, mit Ausnahme eines Körbchens, das der Aeltere liebevoll unter dem Arm trug und welches ihm wegen des unverfänglichen Inhaltes, bestehend aus einer Flasche Rothwein, einer Flasche Cognac, einem Brod und einem Stück Schinken, belassen wurde, mit Beschlag belegt; die Leute selbst nahm ich unter Bewachung mit nach Hause. Sie zitterten vor Frost und Aufregung, und ich konnte nicht umhin, sie mit einer Tasse Kaffee, die sie mit Dank annahmen und nach Pariser Sitte mit dem mitgebrachten Cognac würzten, ein wenig aufzuwärmen.

Die Ortsbehörde hatte sich inzwischen in Bereitschaft gesetzt, und nachdem unsere Gefangenen, vielleicht zum Danke, daß wir ihnen ihr armes Leben ließen, noch eine halbe Tasse Cognac auf meine Gesundheit getrunken, wurde der Weitermarsch in die nahe Stadt Herborn zum Zweck der Ablieferung an die höheren Behörden angetreten.

Nach ihrer Angabe waren die Luftschiffer Morgens um vier Uhr in Paris eingestiegen, um ein Uhr Mittags stiegen oder vielmehr fielen sie hier im deutschen Buchwalde auf das Land, um vier Uhr Nachmittags standen sie schon vor dem Untersuchungsrichter, um sechs Uhr saßen sie mit ihren sieben Sachen in Gesellschaft eines Gensd’armen hinter der Locomotive, die in rascher Eile, wie ich höre, die Gefangenen nach Ehrenbreitstein, die Briefe nach Versailles beförderte.

Nun noch einmal zurück zum Ballon. Früher fertigte man solche aus schwerem Seidenstoff. Zwanzigtausend Franken mindestens sollte einer kosten, und so that es uns leid, ihn über die Berge dahin fliegen zu sehen. Kaum zwei Stunden von hier fiel er jedoch wieder nieder, und die Bewohner des nächsten Dorfes schafften ihn nach Hause, nachdem vorher ein Bäuerlein hinaufgeklettert war und eine Klappe geöffnet hatte, um zu sehen, ob nicht noch Jemand darin säße. Einige Athemzüge des dort ausströmenden Gases genügten, daß das Bäuerlein bewußtlos herabrollte, um erst nach mehreren Stunden wieder gesund zu erwachen. Die Bauern theilten unter sich zunächst die kernhaften Stricke und waren drauf und dran, auch den Ballon zu theilen. Derselbe befindet sich jedoch jetzt in dem Hause des zur Zeit als Vereinslazareth für kranke Krieger eingerichteten Schlosses zu Herborn, und ist zu Zwecken des Lazarethes gegen ein kleines Eintrittsgeld zur Besichtigung ausgestellt.

Der Luftballon, in Form einer Birne, besteht aus ziemlich leichtem Baumwollenstoffe, der mit einem wachsartigen Firnisse getränkt ist. Seine Höhe ist vierundzwanzig, sein Umfang fünfzig Meter. Rundum geht ein Netz mit etwa ein Fuß weiten Maschen, darunter acht starke Stränge bis herab durch das Geflecht und um den Boden der aus starkem Weiden- und Rohrgeflecht bestehenden, etwas über ein Meter langen und breiten und neunzig Centimeter hohen Gondel. Die sämmtlichen Seile laufen überdies unterhalb des Ballons, oberhalb der Gondel zu den Haken eines starken hölzernen neunzig Centimeter weiten Ringes. In der Mitte dieses Ringes hing eine Davy’sche Sicherheitslampe. Die untere Spitze des Ballons hat eine unverschlossene gegen einen halben Meter weite Oeffnung. Von der Gondel durch die erwähnte Oeffnung geht ein Seil mitten durch den Ballon bis hinauf zu den beiden halbmondförmigen, sich nach innen öffnenden Klappen. In der Mitte, außerhalb der Klappen, ist noch ein kleines Gestell, über welches eine starke Gummischnur gespannt ist, deren Enden mit den Klappen verbunden sind. Die beiden Klappen und die ringförmige Platte mit den beiden sechszig Centimeter weiten Ventilöffnungen sind aus festem Eichen- oder Nußbaumholze sehr sauber gearbeitet und stark mit Oel getränkt. Zieht der Luftschiffer unten am Seile, so öffnen sich die Klappen nach innen, ein Theil des Gases strömt aus; läßt er das Seil nach, so zieht sich die Gummischnur unter Mithülfe des nach oben hin drückenden Gases wieder zu. Der Ballon wird mit den Seilen und Netzen auf fünfzehn bis zwanzig Centner geschätzt, die Gondel wog dreiundneunzig Pfund. Ein Anker war nicht vorhanden. Die Luftschiffer hatten angeblich drei Briefsäcke mitgenommen, jedoch schon zwei nebst mehreren mit Sand gefüllten Säcken zur Entlastung an anderen Orten herausgeworfen. Der hier noch vorgefundene Briefsack war von wasserdichter Leinwand und mußte mit den Briefen von vier Mann getragen werden. Die Briefe und Zeitungen waren vom dünnsten Papier, nach allen Weltgegenden bestimmt, trugen die gewöhnlichen Pariser Poststempel mit dem Datum des 13. December 1870 und die Aufschrift: „Par Ballon monté.“

A. Doering.