Eine naturgeschichtliche Erinnerung

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Textdaten
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Autor: Heinrich Leutemann
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Titel: Eine naturgeschichtliche Erinnerung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 188–189
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[188]
Eine naturgeschichtliche Erinnerung.

Wenn jetzt die Besucher des Dresdener zoologischen Gartens sich an dem schönen Schauspiel einer Löwin mit ihren vier prächtig gedeihenden Jungen erfreuen, so denkt vielleicht Mancher zurück an den jungen Löwen, der im vorigen Jahre unter sehr anderen Verhältnissen seine kurze Lebenszeit dort verbrachte. Denn wenn auch die jetzigen jungen Löwen des Gartens durch ihre Zahl, ihr munteres Wesen und durch das Zusammenleben mit ihrer Mutter dem Beschauer die größte Freude verursachen, so vereinigte sich hinwiederum bei jenem Thiere Alles, um ihm eine viel größere Theilnahme zuzuwenden.

Die Gartenlaube (1865) b 188.jpg

Die junge Löwin und ihre Pflegemutter.
Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.

Die Eltern des Thieres waren die ersten Löwen, die nach dem Garten kamen, und aus einer Sammlung afrikanischer Thiere, welche der Thierhändler Casanova direct aus Afrika gebracht hatte, ausgewählt worden. Die ersten Jungen, welche die Löwin dieses Paares in Dresden warf, starben leider an den Mißhandlungen ihrer Eltern, und auch bei dem zweiten Wurfe (Januar 1864) gelang es nur durch sofortiges Wegnehmen des überlebenden letzten Jungen, dasselbe zu retten, da ihm die alte Löwin bereits die Schwanzspitze abgebissen und eine Wunde in der Seite beigebracht hatte. Die Aufgabe war jetzt, den jungen Löwen ohne Muttermilch aufzuziehen; aber obgleich man schon anderswo junge Schweinchen, denen die Alte gestorben war, mit der Milchflasche aufgezogen hat, so verzichtete man hier darauf und es galt daher eine säugende Hündin aufzutreiben. Obgleich dies nun mitten im [189] Winter keine leichte Aufgabe war, so wurden doch die Bemühungen des Inspectors Schöpff mit Erfolg gekrönt und endlich ein Affenpinscher mit Jungen gefunden. Diese nahm man ihm sämmtlich weg, und nach einiger Mühe gelang es wirklich, den jungen Löwen zum Saugen an der neuen Pflegmutter zu bringen.

Der Inspector hatte die mühevolle Aufgabe übernommen, den jungen Löwen mit seiner Amme zunächst in seiner eignen Wohnung aufzuziehen, und noch heute muß ich die Gefälligkeit bewundern, mit welcher dabei die unablässigen Besuche des Publicums aufgenommen wurden, da ohnedies das junge Thier seinen Pflegern Mühe genug verursachte. Auch ich war (im April) unter diesen Besuchern, und der junge Löwe, ein Weibchen, lief damals munter im Zimmer herum, fraß bereits Fleisch, sprang auf Sopha, Tisch und Stühle und schlief wohl auch manchmal mit im Bett des Inspectors. Als ich später im Juni den jungen Löwen wieder sah, war er nebst seiner Amme in einen Käfig des Raubthierhauses gebracht worden, litt aber bereits sehr an der Knochenerweichung, welcher er später erlag. Das Bewegen der vordern Glieder wurde ihm schwer und er zog es vor meist zu ruhen. Man hatte immer gehofft, daß mit Eintritt der schönen Jahreszeit die Bewegung im freien, welche man ihm gewähren wollte, seine Glieder kräftigen würde; bekanntlich stand aber im vorigen Jahre der Sommer Deutschlands nur im Kalender verzeichnet, und so war das kleine Thier fast immer zum Aufenthalt im Käfig verurtheilt. Da fand ich es denn mit seiner treuen Amme, welche ihm jetzt nur noch Gesellschafterin war.

Mein sehnlicher Wunsch, die kleine Betty, so hieß die junge Löwin, einmal im Freien zu sehen, sollte endlich in Erfüllung gehen, als die Sonne die Güte hatte, sich auf einige Stunden zu zeigen, und der Wind sich genöthigt sah, einmal Athem zu schöpfen. Man ließ die beiden Thiere heraus. Ich lagerte mich mit dem Inspector in’s Gras, um das Schauspiel zu genießen, das in der That reizend war. Als gäben die frische Luft und der Sonnenschein dem kranken Thiere neue Kräfte, so freudig tummelte es sich im Grase herum. Zwar konnte es dem Hunde nicht so schnell folgen, wenn dieser den Mäusen nachjagte, die auf der Wiese massenhaft wohnten; kehrte aber dann „Bussel“ zeitweilig zurück, so war die Freude seines Pflegekindes um so größer; es kollerte sich auf dem Rücken herum und streckte spielend die Pfoten nach dem Hunde aus. Dann suchte es sich wohl auch im Gebüsch zu verkriechen, und es war ein eigenthümlicher Anblick, den Kopf der kleinen Löwin plötzlich aus den grünen Zweigen Hervorschauen zu sehen. Nachdem es sich so im Freien vergnügt hatte und wenn ihm bei der ungewohnten Bewegung die Kräfte vielleicht versagten, wandte das Thier seine Schritte nach – der Inspectorwohnung, wo es in den ersten Monaten gepflegt worden war, die es also nicht vergessen hatte.

Leider waren, wie gesagt, die schönen Tage des vorigen Sommers so selten, daß das arme kranke Thier nur ausnahmsweise diesen Genuß der freien Luft und des warmen Sonnenscheins haben konnte. Es siechte immer mehr und starb endlich im achten Monat. Bei der Sektion fand sich, daß die Knochen biegsam waren wie starkes Leder.

Noch jetzt hält sich Bussel, welcher im Garten verblieben ist, am liebsten unter dem Käfig auf, in dem er mit seinem Pflegekind

gewohnt hat.
L.