Eine neue Warnung für Auswanderer

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Textdaten
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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Eine neue Warnung für Auswanderer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 361–364
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[361]
Eine neue Warnung für Auswanderer.
Von Friedrich Gerstäcker.[1]

Wieder und wieder hat man die Auswanderungslustigen gewarnt, sich bei einer Uebersiedelung nach fernen Welttheilen vor hier in Deutschland abgeschlossenen Privatcontracten zu hüten, deren Tragweite sie gar nicht übersehen können, weil ihnen eben die Verhältnisse jener fernen Länder so vollkommen unbekannt sind.

Wir haben es aber da wieder mit dem ewigen Jammer in Deutschland zu thun, daß der Ungebildete nichts liest, als was ihm in die Hand gestopft wird, und wie damals sämmtliche nach Peru angeworbene Emigranten fortzogen und nicht einen Artikel von all den hunderten gelesen hatten, in denen sie vor einer derartigen Uebersiedelung gewarnt waren, so ist mir neulich erst wieder ein ganz ähnlicher und noch mehr schlagender Beweis vor Augen gekommen, wie vollkommen willen- und rathlos der Bauer und Arbeiter auf dem Lande den Verlockungen zur Auswanderung gegenüber steht, trotz Allem, was dagegen gesagt und geschrieben ist.

Ich will den Fall hier einfach erzählen und bitte besonders alle kleinen Localblätter, diesen Artikel abzudrucken und zu verbreiten, um die Leute doch wenigstens in etwas auf die Gefahren aufmerksam zu machen, denen sie sich aussetzen, wenn sie eben toll und blind in die Welt hinein rennen. Zufällig durch eine Verwandte Eines der Auswanderungslustigen, die zu mir kam, um sich in der Sache Rath zu holen, erfuhr ich, daß in Wasungen, im Meiningischen, eine Anzahl von Familien einen Contract mit einem Agenten abgeschlossen habe, um auf irgend eine Plantage in der Provinz San Paulo in Brasilien befördert zu werden. Die meiningische Regierung hatte die ganze Verhandlung erst erfahren, als schon Alles abgemacht war – und was kann überhaupt irgend eine Regierung Privatcontracten gegenüber thun? Dennoch sollte doch wenigstens noch Alles geschehen, um den gewagten Schritt, den diese Menschen thaten, so wenig gefahrvoll als möglich für sie zu machen. Ich hatte Gelegenheit, nach Wasungen hinüber zu fahren und nicht allein mit den Leuten selber dort zu sprechen, sondern auch den Contract zu sehen, auf den allein hin sie ihr Vaterland verlassen wollten.

Wenn man dieses Schriftstück liest, so ist es in der That unglaublich, daß irgend ein mit Vernunft begabtes Wesen blödsinnig genug sein könnte, in einem solchen Wisch eine Garantie zu erblicken. Das aber ist die Geschichte aller in solcher Weise beförderter Auswanderer, daß sie sich toll und blind in das Geschirr legen, und wie ein Stier mit einem rothen Lappen gereizt und gelockt werden kann, so genügt für derartige Menschen ein beschriebenes Stück Papier – besonders wenn noch ein Siegel darauf klebt. Was darauf geschrieben ist, bleibt sich vollständig gleich. – Es ist nöthig, das Schriftstück hier abzudrucken. Es lautet:

„Verpflichtung

des Landarbeiters:

mit Familie, nämlich:

gegen Herrn Theodor Wille in Hamburg.

Der Endesunterzeichnete, der die Passage für sich und die obenstehenden Familienglieder, nach unten stehender Specification mit ............. vorgeschossen erhielt, verpflichtet sich, nicht nur Herrn Theodor Wille hierselbst Vollmacht zu ertheilen, vermittelst seines Hauses in Santos, für sich und seine Familie mit einem brasilianischen Plantagenbesitzer Contract abzuschließen, zur Verdingung seiner und seiner Familie Arbeitskräfte aus eine Colonie der Provinz San Paulo, sondern macht sich auch durch Unterzeichnung dieses Contractes (!!!) für sich und seine sämmtlichen Familienglieder anheischig, durch den Theilertrag ihrer Arbeit die vorgeschossene Passage und sonstige Kostenvorschüsse abzuverdienen, dergestalt daß, da nach der Bestimmung derartiger Arbeitsverträge der Ertrag der Arbeit zwischen Arbeiter und Brodherrn getheilt wird, von der ihm als Arbeiter zufallenden Hälfte des Ertrages der Arbeit in usancemäßiger Abtragung zu ersetzen.

Indem ........... durch seine Namensunterschrift solidarisch mit seinen Familiengliedern zur getreuen Erfüllung der contractlich eingegangenen Verpflichtung sich verbindlich macht, verpflichtet er sich ferner für sich und seine Familienglieder den gesetzlichen Befehlen seiner Brodherren oder deren bevollmächtigten Vertreter getreulich nachzukommen, und während der Dauer [362] des Contractes seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit dem ihm übertragenen Dienste zu widmen.

Hamburg, den ...ten 18...

Passagegeld bis Santos

für Erwachsene ........

"     Kinder unter 10 Jahren à .......

hier bezahlt.“


Sollte man nun glauben, daß irgend ein Mensch, der nur einfach lesen und denken kann, einen solchen „Contract“ unterschreiben würde? – Aber derartige Leute können auch nicht denken, und Thatsache ist, daß sich sämmtliche Familien auf das allein hin, was ihnen in diesem Papier geboten wurde, entschlossen auszuwandern und ihr Gepäck voraus in die Welt hineinschickten. In diesem „Contract“ verpflichteten sie sich zu Allem, und ihnen selbst wurde auch nicht einmal das Nothdürftigste garantirt. Wer z. B. steht solchen Auswanderern dafür, die sich leichtsinniger Weise verpflichten, ihre ihnen geschenkte Ueberfahrt auf Theil abzuarbeiten, daß sie nicht einem Herrn überantwortet werden, der eben im Begriff ist, eine neue Plantage anzulegen? Geschähe das, so könnten sie Jahre lang Bäume und Büsche ausroden und dann Kaffeebäume pflanzen und nach fünf bis sechs Jahren furchtbarer Arbeit erst darauf rechnen, wirklich zu verdienen, denn daß sie für ihre Arbeit bezahlt werden sollen, steht nicht in dem Contract, nur ein Antheil an dem Verdienst ist ihre, und wenn nichts verdient wird, geht ihre Arbeit, nutzlos für sie selber, fort.

Selbst der peruanische Sclave – denn trotzdem daß in Peru die Sclaverei aufgehoben ist, existirt sie noch hie und da unter einer etwas veränderten Form – hat nur vier Tage in der Woche für seinen Herrn zu arbeiten, und drei sind für ihn selber. Diese armen Deutschen machen sich verbindlich, „während der Dauer des Contractes ihre ganze Zeit und Aufmerksamkeit dem ihnen überwiesenen Dienst zu widmen.“ – Also kein Tag in der Woche gehört ihnen, nicht einmal der Sonntag, wenn ihr „Herr“ nicht will.

Aber wie lange dauert ein solcher Contract? Das ist eine Frage, die ihnen kein Mensch beantworten kann und die ganz von der Ehrlichkeit ihres Herrn abhängt. Will er sie aber hinhalten – wie das oft und oft geschehen ist – so kann er zehn und zwanzig Jahre und noch länger dauern, und Vater und Mutter und Kinder können darüber zu Grunde gehen.

Die gewaltsam aus einem Procerie-Vertrag befreiten Menschen, die ich in Brasilien sprach, waren zehn volle Jahre bei ihrem Herrn als Sclaven gewesen und, seinen Büchern nach, ihm noch bis über die Ohren verschuldet. Es hatte sich aber zufällig herausgestellt, daß er seine Bücher falsch geführt, daß er nicht den halben Preis eingetragen, den er für seinen Kaffee bekommen, daß er ihnen, was die Unglücklichen nun einmal zum Leben nothwendig brauchten, zu unverschämten Preisen berechnete, und anderes mehr, und den Gerichten wurden solche Beweise gegeben, daß sie zuletzt nicht mehr umhin konnten, die nur für ihre Passage zehn Jahr in Sclaverei gehaltenen Menschen zu befreien.

Diese Colonieen liegen meist alle weit im Inneren – selbst die, wohin die Wasunger Auswanderer geschafft werden sollten, lag nach Aussage des Agenten selbst vierzehn Tagereisen weit von der Küste entfernt. Dorthinein muß also Alles auf Maulthieren befördert werden, was selbst die einfachsten Bedürfnisse enorm vertheuert. Kleider, Branntwein, Tabak, Schuhwerk etc. muß der Arbeiter aber von seinem Herrn in der Zeit, in welcher er für ihn arbeitet, entnehmen, und wer will den Pflanzer controliren, wenn er dem armen Teufel fünfzehn oder zwanzig Thaler für ein paar Hosen ansetzt?

Ich sage nicht, daß das immer geschieht, aber es kann geschehen, und der Deutsche, der überhaupt im Ausland vollkommen schutzlos dasteht, ist nach Unterzeichnung eines solchen Contractes vollständig und rettungslos in der Gewalt seines Herrn und hat später Niemanden weiter anzuklagen, als seine eigene Dummheit, die ihn blind und toll in ein solches Dienstverhältniß hineinspringen ließ.

Außerdem weiß er noch nicht einmal, wie tief er in Schulden sinkt, bis er nur an Ort und Stelle kommt, denn die Transportkosten werden ihm gewissenhaft annotirt. Die Seereise läßt sich leicht berechnen, aber von dem Moment an, wo er den fremden Boden betritt, ist es vollständig unmöglich auch nur eine annähernde Berechnung fortzuführen. In dem Hafen angekommen, bleibt es nämlich total ungewiß, ja sogar sehr unwahrscheinlich, daß die nöthigen Maulthiere sogleich bei der Hand sind, eine solche Anzahl von deutschen Auswanderern mit ihren unpraktischen riesenhaften Koffern und Kisten zu befördern. Vielleicht hat außerdem die Regenzeit gerade eingesetzt, und die Wege sind grundlos.

Wochen, ja Monate lang liegen die Auswanderer solcher Art dann oft in einem ungesunden Hafenort, ehe sie befördert werden können, und zehren indessen auf ihre eigenen Kosten, denn was sie brauchen, gehört natürlich Alles mit zur Reise und wird ihnen allerdings gegeben, aber auch berechnet und vermehrt von Tag zu Tag ihre Schuldenlast. In diesem speciellen Fall that die meiningische Regierung wirklich Alles, was ihr noch zu thun übrig blieb, ja mehr, als wohl noch irgend eine Regierung gethan hat, denn gewaltsam zurückhalten konnte sie die Auswanderer nicht. Sie sandte aber auf eigene Kosten einen Beamten nach Hamburg, um sich dort mit den Behörden in Vernehmen zu setzen und den armen Teufeln wenigstens jede Sicherstellung zu geben, die bei einem solchen Privatcontracte möglich war. Dort stellte es sich auch heraus, daß es die Auswanderer in diesem Fall, wie es schien, mit ordentlichen Leuten zu thun hatten, und auch der Expedient, Aug. Bolten, ein Mann sei, der sich von allen nicht reellen Geschäften fern halte. Es wurde mir geschrieben, daß seine Betheiligung an diesem Unternehmen schon eine Gewähr dafür gebe, daß man es nicht mit einem der schmutzigen Geschäfte zu thun habe, die mit Recht in der letzten Zeit die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hätten.

Was aber wußten die Auswanderer in Wasungen davon, mit wem sie es dort zu thun bekamen, wem sie in die Hände geliefert wurden, als sie ihr Gepäck nach Hamburg schickten und ihm selber folgten und sich dadurch den Rückweg in die Heimath vollständig abschnitten? Eben so leichtsinnig werden aber noch in jedem Monat, in jeder Woche fast in Deutschland ähnliche Contracte abgeschlossen, ähnliche Trupps von Unglücklichen auf’s Gerathewohl in die Welt hinausgeschickt, nur zu oft dem Elend preisgegeben, und nicht eher wird dem ein Ende gemacht werden, bis man nicht daheim die Auswanderungsagenten selber durch Cautionen zwingt, für Alles das, was sie den Auswanderern versprochen, auch mit ihrem eigenen Vermögen einzustehen. Daß dann die meisten dieser Herren zu Grunde gehen würden, ist vorauszusehen, aber einem großen Krebsschaden unserer socialen Verhältnisse wäre jedenfalls damit abgeholfen.

Die Sendung der meiningischen Regierung hatte aber auch noch außerdem einen directen Erfolg für die Auswanderer, denn während dieselben, diesem Contract nach, nach irgend einem Punkt der Provinz San Paulo geworfen, irgend einem der dortigen Pflanzen- oder Sclavenhalter überliefert werden konnten, erwirkte der Bevollmächtigte für sie die Uebersiedelung nach der Plantage eines Mannes, auf der sich schon Verwandte von ihnen befanden, die sich, ihren Briefen nach, wohl befanden, und machte es ausdrücklich zur Bedingung, daß die ihnen etwa erwachsenden Kosten einer unverschuldeten Verzögerung im Hafenplatz nicht angerechnet werden durften.

Ganz unmöglich ist es, von hier aus durch einen Contract die Stellung der Arbeiter zu ihren Brodherrn zu regeln, denn die anscheinend klarsten und einfachsten Aufstellungen lassen sich, wenn der Wille dazu da ist, leicht umgehen oder gerade in das Gegentheil verkehren. Ich habe ein ähnliches Beispiel schon früher in der Gartenlaube erwähnt, wo den Arbeitern von einem dortigen Pflanzer ein Stück Land zu eigener Bearbeitung zugesichert war, das sie im Urwald angewiesen bekamen, und das sie, als sie es urbar gemacht und zwei Jahre benutzt hatten, wieder hergeben mußten, um auf’s Neue, angeblich für sich, in Wirklichkeit aber für ihren Herrn, eine neue Strecke auszuroden. Es soll übrigens jetzt von der brasilianischen Regierung ein Gesetz erlassen sein, das diese Arbeiterverhältnisse regelt, und sobald ich es bekommen kann, werde ich es Ihnen mittheilen.

Meiningen ist noch außerdem den anderen Regierungen darin mit einem guten Beispiel vorangegangen, daß allen Agenten bei Vermeidung der Concessionsentziehung untersagt ist, Auswanderer auf derartige Procerieverträge zu befördern, und das ist vor der Hand das einzige Mittel, diesem Unwesen zu steuern, so lange nicht von einer deutschen Centralgewalt deutsche Auswanderer geschützt [363] werden können. Das Unding des deutschen Bundes kann dabei natürlich nicht in Betracht kommen.

Ich will gar nicht leugnen, daß solche Procerieverträge in sehr vielen Fällen zum Segen und Gedeihen des Auswanderers ausschlagen können, und daß er, wenn er es mit einem rechtlichen Brodherrn zu thun bekommt, selbst vollständig mittellos sein Vaterland verlassen und sich in einem anderen Welttheile eine gesicherte Existenz gründen kann. Aber wer bietet ihm hier die Sicherheit, daß er es mit einem redlichen Manne zu thun bekommt? wer kann ihm in einem solchem Fall, wo er auf eigene Hand einen Privatcontract abschließt, garantiren, daß er nicht auf Schritt und Tritt betrogen wird, während er durch seine Familie schon an den Fleck gebunden und machtlos der Willkür seines Brodherrn preisgegeben ist?

Er darf sich auch die Verhältnisse des dortigen Landes selbst nicht einmal nur annähernd so denken wie die unsrigen. Er weiß noch nicht, was es heißt, vierzehn Tagereisen weit im Inneren eines wilden Landes zu sitzen, dessen Sprache er nicht einmal spricht, dessen Regierung ihn nicht schützen kann, sobald er selber freiwillig einen Privatcontract unterzeichnet hat, selbst wenn die dortigen Richter und Pflanzer nicht eigene Interessen hätten und eng befreundet wären und einander, eines deutschen Sclaven wegen, wahrlich Nichts zu Leide thäten.

Die Versprechungen hier klingen allerdings verlockend genug. Es liegt schon darin ein eigener Reiz für den armen Mann, daß er sich dort Kaffee und Zucker – hier oft unerreichbare Luxusgegenstände für ihn – selber bauen kann. Andere Lockmittel kommen dazu, Vieh und Hühner, ein eigen Hans und eigen Land, und mit dem Ziel vor Augen hält er alles Andere für Kinderspiel. – Er kann das auch in der That in fremden Welttheilen Alles erreichen, aber er muß es nur vernünftig anfangen und sich von vorn herein nicht selber die Hände binden, sonst darf er sich nachher auch nicht beklagen, wenn er sich und seine Familie dem Unglück preisgiebt.

Vor Allem möchte ich aber auch die deutschen Regierungen besonders darauf aufmerksam machen, daß sie das Verfahren nicht dulden, das durch die Agenten gegen die armen unwissenden Auswanderer angewandt wird, hinsichtlich der Unterzeichnung eines solchen Contracts.

Man läßt sie nämlich nicht etwa in ihrer eigenen Heimath einen solchen Contract unterschreiben, wo es ihnen noch möglich wäre zurückzutreten, wenn ihnen die einzelnen Bedingungen nicht gefallen. – Nein, das geschieht erst in der Hafenstadt. Der Auswanderer[WS 1] muß daheim erst sein geringes Besitzthum, was er vielleicht noch hatte, sein weniges Hausgeräth verkauft und seine übrigen Sachen verpackt und nach dem Hafen geschickt, wie mit dem letzten zusammengerafften Geld seine eigene Passage dorthin bezahlt haben – dann erst wird ihm der Contract dort vorgelegt, und er muß ihn jetzt unterschreiben, was ihm auch darin zugemuthet wird, denn er kann nicht mehr zurück. Die Brücke ist hinter ihm abgebrochen und er rettungslos den Händen derer überantwortet, die seine Beförderung übernommen haben.

Viel Unheil könnte von den deutschen Auswanderern auch abgewandt werden, wenn sich die deutschen Regierungen nur wenigstens dahin vereinigen wollten, in den Haupt-Hafenplätzen einen einzigen, von ihnen gemeinsam besoldeten und unabhängig gestellten Mann zu halten, der die Auswanderung überwachte und besonders diese Contracte controlirte. Die Regierungen fremder und überseeischer Länder könnten dann auch leicht dahin vermocht werden, mit diesen einzelnen Generalbevollmächtigten in Verbindung zu treten und sie mit allen den auf die dortige Einwanderung bezüglichen Gesetzen und Verordnungen, Erleichterungen und Begünstigungen bekannt zu machen.

Fremde Regierungen haben nämlich stets ein wirkliches Interesse an der deutschen Einwanderung und wünschen selber, daß es den deutschen Einwanderern in ihrem Lande gut gehe, damit sie mehr und mehr von ihren Verwandten und Freunden nachziehen mögen. Uebervortheilungen und Betrügereien gehen nie von den Regierungen aus – mir ist wenigstens kein einziges Beispiel bekannt – sondern immer nur von Privatpersonen und Agenten, die den Auswanderer als Werkzeug betrachten, um sich selber zu bereichern. Gegen solche Privatspeculationen brauchen derartige Leute deshalb auch nur geschützt zu werden, und man kann sie ihrem Schicksal und eigenen Fleiß dann ziemlich ruhig überlassen.

In den meisten Hafenstädten, besonders in Hamburg und Bremen, ist indessen ein Nachweisungsbureau der Auswanderer-Behörde errichtet worden, worin den Auswanderern unentgeltliche Auskunft über Alles ertheilt wird, was sie in Betreff der Auswanderung selber zu wissen wünschen. Für Hamburg befindet sich dies Nachweisungsbureau auf dem Bahnhof der Berlin-Hamburger-Eisenbahn und an der Landungsbrücke der Harburger Dampfschiffe, und in Bremen, wenn ich nicht irre, ebenfalls auf dem Bahnhofe.

Dort sind Beamte zum Schutz und Rath der Auswanderer den ganzen Tag stationirt; die ewige Klage aber ist, daß sie so wenig in Anspruch genommen werden, und entweder wissen die Auswanderer nicht, daß sie dort Leute treffen, die sich ihrer uneigennützig annehmen, oder – sie sind auch wohl von anderer Seite, aus leicht zu errathenden Gründen, vor solchen Bureaux gewarnt worden.

Im Interesse der Auswanderer liegt es nun ganz besonders, sie auf diese Nachweisungsbureaux in den deutschen Hafenstädten aufmerksam zu machen und ihnen wieder und wieder zuzurufen, derartige Plätze aufzusuchen. Sie erfahren dort nicht allein, wo sie am besten und billigsten logiren können und zu welchem Preis, sondern auch was die Bedürfnisse kosten, die sie auf der Seereise brauchen, was sie für den Transport ihres Gepäcks zu zahlen haben etc. etc. Außerdem werden den Auswanderern nicht allein gedruckte Rathschläge für ihr Verhalten bei der Ankunft an überseeischen Landungsplätzen gegeben, sondern die Beamten sind ihnen auch zur raschen Erledigung etwaiger Beschwerden behülflich. Wünschenswerth wäre es, wenn sich unsere deutschen „Gerichtsschreiber“ und andere Unterbeamte, die es besonders auf dem Land und in kleinen Städten mit den Auswanderern zu thun haben, der Sache ein wenig annähmen und die Abreisenden auf diese Nachweisungsbureaux ernstlich aufmerksam machten. Es ist ja doch das Einzige, was sie ihren bisherigen Landeskindern mitgeben können: einen wirklich guten Rath.

Ganz genau das Gegenstück zu diesen Procerieverträgen bilden in neuerer Zeit einige Ankündigungen in kleinen Städten, die zur Auswanderung nach Australien mit vollkommen freier Passage und ohne weitere Verbindlichkeit einer irgend zu leistenden Arbeit auffordern. Mit der „vollkommen freien Passage“ ist es nun allerdings nicht so ganz richtig, denn 5 Thaler Handgeld für den Agenten und andere Spesen fallen allerdings noch davon ab, wie außerdem die Reise bis zum Hafenplatz und die Einrichtung an Bord, was sich, der Angabe nach, auf circa 25 Dollars per Person beläuft, aber selbst damit bleibt die Verlockung noch eine große für den armen Mann, der sich hier in Sorgen und Noth herumquält und der plötzlich eine Gelegenheit geboten bekommt, verhältnismäßig sehr billig nach einem fernen Welttheil auszuwandern und damit der Sorgen daheim frei und ledig zu werden. Und doch möchte ich allen denen, die hier auch nur noch die Möglichkeit haben, sich zu erhalten, abrathen, selbst unter solchen Bedingungen nach Australien zu gehen.

Ich will ihnen einfach sagen weshalb. Australien ist seit der Entdeckung des Goldes das Ziel von Tausenden von Auswanderern gewesen, und noch jetzt suchen es Viele auf und befinden sich wohl dort. Weshalb aber bietet man da noch deutschen Arbeitern freie Passage? – Weil die Stationshalter dort an einzelnen abgelegenen Stellen in Busch und Wildniß keine Arbeiter freiwillig bekommen können, und nun zu diesem Mittel ihre Zuflucht nehmen. Der Einwanderer hat, dort angekommen, keine Verpflichtung weiter, als sich selber am Leben zu erhalten, aber um das zu thun, muß er Arbeit suchen, und an der Stelle, wo er gelandet wird, findet er die nur bei den dortigen Stationshaltern. Fort von da kann er nicht wieder ohne Mittel. Eine Fußwanderung in jenem Welttheil, aus einem District in den andern liegt außer jeder Möglichkeit, die Schiffe nehmen ihn nicht wieder mit fort, und er muß also dort gerade aushalten und Schäfer oder Hüttenwächter werden.

Oft und oft habe ich schon das elende Leben dieser Art Leute geschildert, zu denen der Deutsche nun einmal vor allen anderen Nationen gar nicht paßt, und bringt er gar Familie mit, so möchte die Frau im einsamen „Busch“ drinnen mit den Kindern gar verzweifeln. Aber es bleibt ihm, wie gesagt, nichts Anderes übrig, und er ist gezwungen, eine solche Stellung für sich und die Seinen anzunehmen und darin auszuhalten, bis er sich selber nach Jahren genug verdient hat, von dort wieder fortzukommen und in [364] bevölkerten Districten ein neues Leben zu beginnen. Er ist dort allerdings nicht der Gefahr ausgesetzt, von betrügerischen Pflanzern hintergangen und übervortheilt zu werden. Der englische Stationshalter giebt ihm den festen bestimmten Preis für seine Arbeit – etwa 24 Pfund Sterling jährlich und seine Ration an Mehl, Thee und Zucker, aber er wird sich trotzdem elend und unglücklich fühlen und die Stunde segnen, wo er jenen Ort wieder verlassen kann.

Australien ist auch kein Ziel für unsere deutschen Auswanderer, denen besonders daran liegt, sich mit geringen Mitteln ein kleines eigenes Besitzthum zu gründen. Das billigste Land dort, das von der Regierung abgegeben wird, kostet 1 Pfund Sterling, nicht ganz 7 Thlr. der Acker, und für den Preis sind nur große Strecken zu haben. Wo das Land irgend etwas werth ist, wird es auf das Vier-, Sechs- und Zehnfache hinaufgeschraubt, und der Deutsche bezahlt dort für ein paar Acker sehr mittelmäßigen und wasserarmen Boden den nämlichen Preis, wofür er in irgend einem Theil des südlichen Amerikas eine schöne fruchtbare Besitzung kaufen könnte – das noch gar nicht gerechnet, daß er in Australien am anderen Ende der Welt sitzt und wenigstens fünf Monate gebraucht, nur um an Ort und Stelle zu kommen.

Wer auswandern will, mag sich irgend einen Staat im südlichen Theil von Südamerika aussuchen, Chile, La Plata, Uruguay, Süd-Brasilien, ja selbst die Hochebenen um Ibarra und Quito in Ecuador würde ich für meine Person Australien vorziehen. Aber zehn und zwanzig Mal mögen es sich Alle überlegen, ehe sie hier in Deutschland einen Contract unterzeichnen, der sie irgend einem Pflanzer in Brasilien als Arbeiter überliefert.


  1. Die Redaction ertheilt auf Wunsch des Herrn Gerstäcker ausdrückliche Erlaubniß zum Nachdruck.          D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Auswandererer