Eine schöpferische Ohrfeige

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Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Eine schöpferische Ohrfeige
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 441–445
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine schöpferische Ohrfeige.


Die Ansbachschen Jungen von Anno 1806 ließen es sich natürlich nicht nehmen, offenen Mundes am Straßenrande den einziehenden Franzosen zuzusehen oder vielmehr den Marodeurbanden, welche dem Heerkörper voraufzogen. Es war dies ein nichtsnutziges Gesindel, und leider! es waren Deutsche! – Ein kleiner langaufgeschossener Kerl von etwa sechs Jahren, der Führer der Jungenschaar, der in dem damals gut preußischen Ansbach schon mit der Muttermilch echte nationale Gesinnung eingesogen hatte, theilte seinen Genossen in wenig respectvollen Worten seine Empfindungen beim Anblick dieser Horden mit. Da brannte aber auch rasch eine gewaltige Ohrfeige auf seine Wange. Einer der struppigen Söldnerschaar hatte sie dem Knaben verabreicht, und die schmerzhafte Thatsache belehrte den Kleinen, daß die Einziehenden Landsleute seien in des fremden Eroberers Solde.

Diesen Schlag in’s Gesicht hat der lebhafte Junge niemals vergessen. Er entzündete in des Knaben Seele eine Flamme des Hasses gegen die fremdländischen Eindringlinge, welche noch heute in dem Greise lebendig brennt, und tiefe Beschämung bemächtigte sich seiner bei der Entdeckung, daß Männer, welche des Knaben liebe Muttersprache redeten, sich hergaben zur Unterdrückung und Bekämpfung des eigenen Vaterlandes. Auf eigene Hand mit Hülfe einiger wagehalsiger Cameraden fing er schon damals an, den National-Feind zu bekämpfen. Steine und Hopfenstangen waren die Waffen der kleinen Helden, und als sie eines Tages

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Die Gartenlaube (1872) b 442.jpg

In der Geburtsstätte des Hermann-Denkmals.
Nach der Natur aufgenommen von Professor Oesterley in Hannover.

[444] die Gypsbüste des gewaltigen Napoleon auf offener Straße zur Zielscheibe ihrer Wurfgeschosse machten, bewahrte sie nur ihre Jugend vor der härtesten Strafe.

Jener muthige Knabe war Joseph Ernst von Bandel, der spätere Schöpfer des Hermannsdenkmals auf der Grotenburg im Teutoburgerwalde. Er war der zweite Sohn des damaligen preußischen Regierungsdirectors Ritter von Bandel zu Ansbach, der nach der Abtretung Ansbachs an Baiern daselbst als Appellations-Gerichts-Director sein Leben beschloß. Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahre blieb der kleine Bandel (geboren 17. Mai 1800) auf dem Gymnasium zu Ansbach, besuchte alsdann die höhere Realschule zu Nürnberg, welche damals unter Direction Heinrich von Schubert’s stand, und bezog 1816 die Akademie der bildenden Künste zu München, wo er unter die specielle Leitung C. von Vischer’s kam, des Erbauers des großen Münchener Hoftheaters.

Während der künstlerisch hochbegabte Knabe mit brennendem Eifer seinen Kunststudien folgte, vergaß er nicht mit hellem Enthusiasmus der sich vollziehenden Befreiung des deutschen Vaterlandes zu folgen. Selbst die Waffen zu tragen, erlaubte ihm seine zu große Jugend nicht, aber mit Wort und Griffel gab er schon damals Kunde von der Begeisterung, mit welcher ihn die nationalen Kriegsthaten erfüllten, und vorahnend träumte er von der dereinstigen hehren Größe des einigen großen Deutschland. Selbst in den Jahren des ärgsten Zerfalls der deutschen Staaten unter einander hat den Mann und Greis diese Hoffnung seiner Jugend nimmer verlassen. Gläubig harrte er des Moments, wo jener Traum sich verwirklichen werde, und Glaube und Hoffnung haben ihn nicht getäuscht. Das Jahr 1871 hat die Erfüllung gebracht, die Erfüllung, ehe noch das große Werk fertig war, das der Künstler seinem geliebten Vaterlande, seinem deutschen Volke als mächtigen Mahnruf hinstellen wollte: stark zu sein und einig, frei durch Einigkeit und Stärke, und so die erste und stolzeste Nation des Erdballs! –

Wer in den letzten anderthalb Jahren mit der Eisenbahn von Osten oder Süden in den Bahnhof zu Hannover einfuhr, sah unmittelbar vor der Einfahrt in demselben zur Rechten ein seltsames Gerüst sich erheben. Kraus und wirr strebten in einander geschobene Balken zu beträchtlicher Höhe empor, die Firsten der umliegenden großen Fabrikgebäude überragend. Gar Mancher hat nach Zweck und Bestimmung des seltsamen runden Baues gefragt, Wenige haben zutreffende Antworten erhalten, Niemand hat erfahren, daß dies Gerüst und eine vor mehr als einem halben Jahrhundert ertheilte Ohrfeige in inniger Beziehung zu einander stehen.

Der Schlag eines deutsch-französischen Söldners in das Gesicht eines Knaben war bestimmt, das ganze große künstlerische Schaffen eines Menschenlebens einer einzigen Idee zuzuwenden, einer Feuerseele die fast übermenschliche Kraft zu geben, unter einer Kette von Mißerfolgen und Täuschungen, unter gewaltigen Opfern von Arbeit und Geld ein ganzes reiches Leben der Verwirklichung eines Plans zu widmen, der die Wurzeln seiner Existenz in jener Ohrfeige hatte.

Das Gefühl der ihm, dem sechsjährigen Knaben, angethanen Schmach hat weder den Jüngling, noch den Mann, noch den Greis verlassen. Er wollte, daß nie wieder eines deutschen Knaben Wange von der Hand eines ausländischen Feindes entehrt werde, und deshalb wollte er durch ein gewaltiges Werk dem deutschen Volke die eigene Kraft vor Augen führen. Er wollte, wie er selbst in einer früher erschienenen Schrift sagt, „dem alle deutschen Herzen durchströmenden Freiheitsbewußtsein ein festes sichtbares Zeichen geben“ – er wollte „unser altes deutsches Schwert, das dem Feinde Schrecken und Verderben bringt, wieder aufpflanzen, damit es wieder und immer wieder am deutschen Himmel im herrlichen Glanze der Freiheit leuchte und sich als Haltepunkt unseres Seins bewähre, wenn es, von echt deutscher Faust erhoben, unsere Stämme in Treuinnigkeit um sich schaart“.

Der Jüngling half dem Meister Vischer in München als Architekt am Bau des Theaters unter Aufbietung seines ganzen Fleißes; er machte dann einen Cursus in der Malerei durch, um sich darauf gänzlich der Bildhauerkunst zuzuwenden, und pilgerte endlich wiederholt nach Italien – niemals aber, indem überall Entwürfe zu künstlerischen Werken des Meißels unter seiner Hand entstanden, verließ ihn die große Idee, dem deutschen Volke ein Denkmal seiner Macht, seiner Stärke zu geben.

Und als der Künstler sich zu voller Manneskraft gereift fühlte, als er das sechsunddreißigste Lebensjahr erreicht hatte, da warf er alles Andere von sich, um der Verwirklichung dieser einen großen Idee einzig und allein sein ganzes übriges Leben zu widmen. Bandel ging zunächst nach Berlin und fertigte dort ein Modell seiner Hermannsstatue an. Dann ging er nach Hannover, um einige Arbeiten, die ihm übertragen, auszuführen. Er nahm diese Aufträge hauptsächlich aus dem Grunde an, um dem Teutoburger Walde näher zu sein, diesem von ihm für sein Denkmal ausersehenen Standorte. Er durchwanderte das schöne Gebirge zu Fuß von einem Ende bis zum andern. Mühselig verschaffte er sich Blicke von allen Aussichtspunkten, und erkor endlich den tausendzweihundert Fuß hohen Gipfel des Teutberges, die sogenannte Grotenburg, zum Aufstellungsorte für seinen Hermann. Hier sollte sich der Unterbau für die Statue erheben, ein Zwanzigeck mit halbkreisförmiger Kuppel, auf ihr die Statue. „So stehe,“ sagt der Künstler selbst, „in jugendlicher Frische, im Siegesbewußtsein Hermann, das freie Schwert in kräftiger Faust hoch erhoben, zum gewaltigen Schlage bereit, das Sinnbild unserer ewig jungen Kraft, auf den Schild gestützt, die unter die Füße getretenen Zeichen des Sieges nicht achtend, hoch durch ein deutsches Bauwerk empor getragen über den Gipfel des schönsten Berges in der Mitte des Gaues, in dem Hermann’s gewaltige Schlachten geschlagen wurden, weit hinaus schauend in’s ‚freie Vaterland‘ und von weitester Ferne gesehen, ein Wegweiser zur Stätte unsers Ruhms und zur Erkenntniß unserer Macht und Herrlichkeit!“

Vom Jahre 1838 an begann dann diese wunderbare Odyssee von Ringen und Kämpfen, Erfolgen und Mißerfolgen, Gunst und Ungunst, welche wohl nur einmal in der Geschichte von einem Manne für die Verwirklichung einer ähnlichen Idee durchgemacht wurde. Dies Ringen und Kämpfen hat nun fast vierzig Jahre gedauert, und erst jetzt steht die endliche Vollendung des schönen Planes nahe bevor. Um den Unterbau auf der Grotenburg beginnen zu können, mußte Bandel erst den Platz säubern und zubereiten, einen Steinbruch entdecken, um das nöthige Baumaterial zu heben, die Wagen erfinden, um die Werkstücke transportiren zu können, die Gerüste construiren, welche den Bau thunlichst erleichterten, und schließlich sich selbst die nöthigen Arbeiter heranziehen und bilden, die für seine Zwecke und nach seinen Angaben arbeiten konnten. In Blockhäusern lebte er mit und unter seinen Arbeitern im Walde, auf dem Gipfel des Berges. Jede Entbehrung legte der willensstarke Mann sich auf, um zu seinem Ziele zu kommen, und am wenigsten bekümmerte es ihn, daß er sein Vermögen und mit diesem seine behaglichere Zukunft opferte. Zu Ende des Sommers 1846 endlich stand der fünfundneunzig Fuß hohe Unterbau zum Denkmal vollendet da und ragt, ein vielbesuchtes Reiseziel, hinaus in die Lande.

Wer, wie so mancher Reisende in den letzten Jahren, jenem obenbezeichneten wunderlichen Gerüste nachging, gelangte in einen ziemlich weiten, von kleinen, nicht gerade bequemen Werkstätten umgebenen Hof. In ihm, auf kuppelförmigem Rundbau, erhebt sich jenes Balkengewirr. Neben demselben liegen wunderliche, gewaltige Stücke der Rüstung eines Riesen. Es ist, als wäre eben einer jener gewaltigen Recken der nordischen Sage zu Hause angelangt und hätte sich seiner unbequemen Rüstungsstücke entledigt. Es sind die einzelnen in Kupfer getriebenen Theile der Hermannsfigur. Gerade aus winkt die offene Thür einer Werkstätte, und aus ihr tönt wuchtiger Hammerschlag. Dort ist die Arbeitsstätte des Künstlers. Wem es von den Besuchern just glückt, der begegnet sehr bald einem Manne von schlanken elastischen Formen, fast sechs Fuß groß, der raschen Schrittes dem Besucher entgegentritt. Neben ihm schreitet gemächlich ein schöner gewaltiger Leonberger, der Wächter der Stätte, während ein schönbehaarter, aber durch alterliche Fülle schwerfälliger Wachtelhund, eiligst watschelnd, vergeblich mit dem Herrn und Meister, dessen Liebling er ist, Schritt zu halten sucht. Es ist Meister Bandel selbst, der freilich ungern sich in seiner fleißigen Arbeit stören läßt, aber doch mit ungemeiner Freundlichkeit dem Fremden die Stätte seiner Arbeit und diese selbst, so weit es möglich ist, zeigt.

Bandel hat sich fast volle jugendliche Frische bewahrt, sein Wort klingt hell, seine Rede fließt frisch und energisch dahin. Das scharfgezeichnete künstlerisch schöne Profil ist vollständig umbuscht [445] von einem ergrauenden röthlich-blonden Barte. Unter den gleichfarbigen buschigen Augenbrauen blitzen die graublauen Augen scharf und lebendig hervor. Das kahl werdende Haupt deckt ein Sammetmützchen. So ist die äußere Erscheinung des Meisters.

Der künstlerische Genosse und Freund desselben, der weitbekannte und vielgenannte Historien- und Portraitmaler Professor Oesterley, giebt auf der trefflichen nebenstehenden Zeichnung ein ungemein ähnliches Bild Bandel’s, sowie eine ebenso reizvoll lebendige als wahre Darstellung seiner Umgebung. Und wo der Griffel unseres berühmten Landsmannes spricht, darf unsere schwache Feder getrost ruhen. Wir wollen zu dem Bilde selbst nur noch bemerken, daß der Künstler Alles genau im Verhältniß gezeichnet hat, so daß man sich eine völlig zutreffende Vorstellung voll der Größe der einzelnen Stücke machen kann. Das sonderbare Ding oben in der Ecke der Werkstatt ist das Modell des kunstvoll ersonnenen schmiedeeisernen Gerüstes, welches in die Figur kommt und diese zu tragen bestimmt ist. Es mag dabei noch hervorgehoben werden, daß Bandel alle diese Gerüste etc. selbst erfand und ausführte, wie er denn ein anerkannt genialer Constructeur ist.

Augenblicklich wird die Figur vollständig in dem Hofe der Bandel’schen Werkstatt zu Hannover aufgestellt. Jedes Niet, jede Schraube muß sorgfältig geprüft und eingepaßt werden. In einigen Wochen wird sich die herrliche Figur in voller Pracht dem Beschauer hier darbieten, um alsdann auf ihren luftigen Bestimmungsort befördert zu werden. Im Sommer 1873 hofft der Künstler, wenn sich dem Werke nicht neue ungeahnte Schwierigkeiten entgegenstellen, die Aufstellung des neunzig Fuß hohen Standbildes aus getriebenem Kupfer vollenden zu können. Möge es ihm vergönnt sein! –

Soll ich dem Leser der Gartenlaube noch von den Geldmitteln erzählen, welche das Werk verlangte, und von der Art, wie sie zusammenkamen? Ich vermeide es lieber. Manches davon ist ja weit und breit bekannt und es ist keine der erfreulichsten Erscheinungen, daß vierzig Millionen Deutsche in vierzig Jahren nicht vierzigtausend Thaler zusammenzubringen vermochten, um sich ein so hehres Nationaldenkmal errichten zu lassen. Erst in den letzten Jahren, als sich in Hannover ein thatkräftiger Verein für das Denkmal bildete, als dieser an die frische deutsche Jugend appellirte, da flossen von Schulen und Lehranstalten die Mittel reichlicher. Unsere Knaben und Jünglinge würden, falls es nöthig gewesen wäre, bald ebensoviel gegeben haben, als alle deutschen Männer nebst allen ihren Kaisern, Königen, Herzögen und Durchlauchten. Nach den jüngsten großen Ereignissen hat sich auch bekanntlich unsere Reichsvertretung des Denkmals angenommen und eine namhafte Summe für die Fertigstellung desselben bewilligt. Auch des Kaisers Majestät gab einen bedeutenden Beitrag.

So steht denn der wackere Künstler vor dem Schlusse seiner großen Arbeit. Die Zeit mit ihren großen Ereignissen der letzten Jahre hat seine ursprüngliche Idee vor ihrer gänzlichen Verwirklichung überholt. Eines „Mahnzeichens zur Auferstehung“ bedarf unser Volk nicht mehr. Und wenn der edle Künstler uns kürzlich schrieb:

„Ich wollte mithelfen zum großen Werke deutscher Einigkeit. Des Allmächtigen Fügungen haben in Erfüllung gebracht, was ich als sicher kommend voraussah. Mein großes Volk braucht kein Mahnzeichen mehr. Die Arminsäule ist ein Ruhmesmal geworden. Deutsches Volk hält sein Schwert frei und ruhmumstrahlt, wie Armin vor bald neunzehnhundert Jahren, hoch in starker Faust zum Schrecken seiner Feinde und zum Friedensvertrauen seiner Freunde.

Gott erhalt’s so!“

– dann wollen wir herzlich mit ihm einstimmen. Mitgeholfen aber hat er auch, wie nur einer unserer besten Männer, zum großen Ziele. Möge es die Nation ihm nicht vergessen!