Eine verbannte Königin

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Textdaten
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Autor: Walter Schwarz
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Titel: Eine verbannte Königin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 611–612
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Eine verbannte Königin.


Erinnerungsblatt von Walter Schwarz.


Im Mai dieses Jahres hat in Stille und Zurückgezogenheit, von der Welt schon halb vergessen eine Frau die Augen zugethan, die ich auf ihrer Lebenshöhe, in Glanz und Anmuth, eine Krone auf dem Haupte, gekannt. Ich meine die Königin Amalie von Griechenland, geborene Prinzessin von Oldenburg, eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen. Durch ihr Wesen ging ein Zug von Kraft und Größe, der ihr hell aus den Augen blitzte, um die stolzen Lippen spielte, ihrer Schönheit ein königliches Etwas hinzufügend. Sie war für den Thron geboren, vornehmlich für den Thron der Griechen.

Bei einem Besuche im Schlosse zu Athen sah ich auf König Otto’s Schreibtisch ein Aquarellbild stehen, das seine Gemahlin als Braut darstellte, im Reize der ersten Jugend, schlank, ätherisch und doch besonders in ihrer Eigenart – eine wahrhaft bezaubernde Erscheinung. Aber die griechische Sonne hatte die Farben dieser zarten Arbeit schon gedämpft, und fast erschien das Ganze wie ein Traumbild, das man noch einmal rasch erfassen möchte, ehe es ganz entschwindet. Im Schlosse zu Athen wohnt jetzt eine andere Herrscherfamilie; König Otto ist todt – wer weiß, wo das damals schon verblichene Bildchen hingekommen sein mag. Mich dünkt, Königin Amaliens Erinnerung könnte in weiteren Kreisen bald, ihm gleich, dem Schicksal des Erblassens und Vergessenwerdens verfallen; deshalb möchte ich ein Wort von ihr sagen, so lange die Farben noch haften und das Bild der königlichen Frau wenigstens im Herzen derer, die sie persönlich gekannt, noch in voller Frische lebt.

Sie war, als ich im Winter des Jahres 1853 auf 54 nach Athen kam, nicht mehr ganz jung, aber noch sehr schön. Auf den Hofbällen tanzte sie vom ersten Geigenstriche bis zum Schlusse des Abends, ohne einen Tanz zu überschlagen, und je öfter sie im Cotillon geholt wurde, vom kleinsten Lieutenant und vom jüngsten Mädchen, desto mehr Freude machte es ihr. Sie sah es auch nicht gern, wenn Andere still saßen. Es mußte sich volles Leben um sie herum bewegen. Ihre Toiletten waren die große Frage des Abends. Die Damen besonders flüsterten sich, schon ehe sie erschien, voll Spannung zu: „Welches Kleid wird die Königin heute tragen?“ In den damals noch sehr primitiven Zuständen der neugriechischen Gesellschaft stand Königin Amalie als einziger Stern am Firmamente, und man beschäftigte sich mit ihr viel eingehender, als mit den Damen anderer Höfe, wo es von Prinzessinnen wimmelt und eine Größe die andere vergessen macht. Sie trug sich sehr vornehm, aber immer einfach. Noch glaube ich sie vor mir zu sehen in silberdurchwirkter Robe, einen Aehrenkranz von Brillanten um die edle Stirn gelegt, oder ganz in Rosa – was ihr besonders gut stand – die Blumen im Haare mit blitzenden Steinen übersäet.

Ein Hofball in Athen bot damals ein fast märchenhaft buntes, malerisches Bild. Unter elegante Pariser Toiletten mischte sich der faltige Rock, das mit Tüchern fest umsteckte Antlitz der Hydriotin. Die Hofdamen der Königin trugen zum knapp anliegenden Sammetjäckchen das rothe Fez mit schwer herunter hängender, goldener Quaste. Die weiße Fustanella der Männer, der Yatagan mit blitzendem Griffe, das rothe Geschnür und Gefranse ihrer Gamaschen und Schürzen erschien neben bairischen Uniformen und dem nüchternen schwarzen Fracke. Vornehme Diplomaten und graubärtige Hirtengesichter aus Albaniens einsamen Bergen bewegten sich gleichberechtigt in jenem edel schönen Raume, dessen Wände weißer Marmor bedeckte. In den Vorzimmern liefen bequeme Divans an den Wänden entlang, und die Sage ging: alte Griechen zögen sich während des Tanzes dahin zurück, um sich ein Weilchen die Stiefel auszuziehen; denn, wenn auch hoffähig, waren diese Leute doch nicht alle an eine feste Fußbekleidung gewöhnt. Damit hatte es auch hier und da bei den Damen seine eigene Bewandniß. Zur Morgen-Audienz bei der Königin war auch das Schuhwerk genau vorgeschrieben, weil es sich schon ereignet hatte, daß Griechinnen, ob auch in Seide rauschend, doch, um es kühler zu haben, ohne Strümpfe gekommen waren.

Der Hofball pflegte bis drei, vier Uhr des Morgens zu dauern. Und dann war es etwas Eigenes, aus seinem Lichterglanze, seiner Gestaltenfülle hinauszutreten auf die breite, marmorne Freitreppe des Schlosses und die laue Nachtluft an der Stirn zu fühlen, die Sterne über sich funkeln zu sehen, von deren Größe und Klarheit ein nordisches Firmament uns keine Vorstellung giebt. Dunkel zeichneten sich die Palmen im Garten der Königin gegen den strahlenden Himmel ab; stolz stieg die Akropolis empor, und weithin schimmerte das Meer, ein Duftstreifen, vom Mondlichte überhaucht.

Das griechische Costüm pflegte Königin Amalie nur bei nationalen Festen, im Tedeum am Neujahrsmorgen, am Tage der Befreiung Griechenlands, in der Osternacht etc. zu tragen. Letztere besonders wird in Athen mit einer schönen Feier begangen. Vor der Hauptkirche in der Hermesstraße ist auf offenem Platze ein Altar aus Myrthen und grünen Zweigen errichtet. Erwartungsvoll umdrängt dort eine lautlose Menge die Geistlichkeit, die im großen Ornate erscheint. Alle Fenster der umliegenden Häuser sind geöffnet und dicht mit Zuschauern besetzt, von denen Jeder eine unangezündete Kerze in der Hand trägt. Kurz vor Mitternacht kommen König und Königin mit zahlreichem Gefolge, zu Fuß, die Straße herunter und nehmen vor dem Altare Platz, auf dem nur zwei Kerzen brennen. Bei ihrem Scheine liest der Priester das Evangelium vor. Unbeschreiblich feierlich ist es, wenn über dem tiefen Schweigen der zahllos hier Harrenden die einzelne Menschenstimme schwebt, in schlichten Worten ein ewiges Heil verkündend. Jetzt schlägt es Zwölf – und alle Glocken beginnen zu läuten. Im Nu sind auf der Straße und in den Häusern sämmtliche Kerzen angezündet. Ein Jubelruf „Christus ist auferstanden; Christus lebt“ bricht mit Freudenschüssen durch die Luft. Tausend und aber tausend flimmernde Lichter breiten Tageshelle über den eben noch dunkeln Platz. Man reicht sich die Hände; man küßt und umarmt sich, Einer dem Andern die Freudenbotschaft wiederholend. Und mitten in dem jauchzenden Gewühle stand die schöne Königin, im stoffenen Gewande, darüber pelzverbrämt den sammetnen Spencer, dessen lange geschlitzte Aermel bis zu den Knieen herabfielen, das rothe Fez auf dem glänzenden Haare – auch, ihm gleich gekleidet, ihrem Volke die Hand hinreichend zum Freudengruße, in lauer Frühlingsnacht, unter Griechenlands Sternenhimmel.

Mochte Ball, Fest, oder was sonst auch gewesen sein – zur bestimmten Mittagsstunde hielten die gesattelten Pferde unter dem Schloßportale und die Königin trat heraus, in schlichter, dunkler Amazone, den Hut voll wallender Federn, um in weiten, oft kühnen Ritten die Umgegend von Athen zu durchmessen. Eine bessere Reiterin als Königin Amalie hat es wohl selten gegeben. Ermüdung kannte sie nicht. Hitze und Wetter galten ihr gleich. Hoch zu Roß, die attische Ebene durchfliegend, hinauf in die Waldungen um Kesserjani, zu den pentelischen Marmorbrüchen, dann wieder an’s Meer, an die blaue Bucht des Phalereus, hinüberblickend nach Salamis’ Felsengestad, bei versunkenen Denkmälern rastend – so sah die Königin ihr Land, dessen Schönheit sie mit besonderer Wärme fühlte und verstand, das sie mit jener Inbrunst liebte, wie wir sie vielleicht nur einer selbsterkorenen Heimath entgegentragen. Sie kannte jeden Pfad in diesen Bergen, jeden Oelbaum, der an sonnenverbrannter Straße [612] Schatten spendet. Bäume zu pflanzen, Wege anzulegen, wüstes Land urbar zu machen, war ihre Lust, und sie hat darin viel für Griechenland geleistet. Es ebnet sich jetzt manche Straße, die sie angelegt hat; mancher Baum breitet seine Aeste zu segensreichem Schatten aus, den sie gesäet hat.

Ihre schönste Schöpfung auf diesem Felde war der Garten am königlichen Schloß. Da sproßte es in saftigem Grün; da rieselten Quellen; da wiegten und bogen sich schlanke Palmen im Morgenwinde, und der Besuchende athmete – was ihm sonst um Athen herum versagt war – eine Pflanzenatmosphäre voll Arom und Frische. Der Palmenwald, hieß es, sei entstanden, indem die Königin, Nachmittags ihre Datteln im Freien verspeisend, die Kerne von sich geworfen, die, auf fruchtbaren Boden fallend, rasch zu großen, schönen Bäumen herangewachsen. Mag hier und da wohl ein oder die andere Saat so aufgegangen sein, für das Ganze ist die Kunst doch wohl wahrscheinlich thätiger gewesen. Mächtig entwickelnd freilich wirkt die Sonne auf diesem Boden. Königin Amalie hatte nordische Obstsorten kommen lassen, um sie in Griechenland einzubürgern. Aber aus den Erdbeerpflanzen wurde hohes Gebüsch, dessen Früchte, groß wie Aepfel, sich als ungenießbar erwiesen. Nicht besser ging es mit anderen Versuchen, und man beschränkte sich endlich auf südliche Anpflanzungen. Nach Angabe der Königin angelegt, sorgsam gepflegt, ward aus diesem Garten ein Paradies, dem auch die weitere Umgebung einen Hintergrund lieh, wie er sich bedeutender vielleicht nicht zum zweiten Male auf Erden findet. Hier umrahmte, an schlanken Stämmen emporkletternd, Rankengewächs die Umrisse des Parthenons, wie sie sich goldbraun auf den krystallreinen Himmel zeichneten. Dort schien das weiße Marmorschloß sich gegen die aufsteigende Felsmasse des Lykabettos zu lehnen. Der blaue Meeresstreifen begrenzte die weit sich hinstreckende, rosig schimmernde Ebene, während jener breite Gang endlich sich nach den Säulen des Jupitertempels hin öffnete, die, gleich heldenhaft übrig gebliebenen Riesen, immer noch aufrecht stehen, die letzten Zeugen seiner längst versunkenen Herrlichkeit.

Die Gemächer der Königin blickten auf diesen Garten, diese Landschaft hinaus. Ob in seinen Anlagen wandelnd und schaffend, ob vom Fenster aus die Weite mit dem Blicke umfassend, immer hatte Königin Amalie dieses Schönheitsbild vor Augen, ihre Liebe für Griechenland an ihm zu nähren und zu befestigen. So beweglich sie im Lande selber war, so selten verließ sie dasselbe. Und geschah es ja einmal, um Verwandte zu besuchen, vaterländische Stätten wieder zu sehen, so litt es sie nicht lange draußen. Heimweh nach Hellas’ blauem Himmel zog sie immer bald wieder zurück. Was sie im Auslande sah und kennen lernte, interessirte sie nur insofern, als es für Griechenland zur Hebung seiner Cultur verwendbar war. Auch gestaltete sich ihre Rückkehr jedes Mal zu einem Feste, dem sie und ihr Volk entgegen jubelten. Und diese Königin mußte im Exil sterben! –

Das Schicksal hat zweierlei an ihr verfehlt: entweder es mußte ihr einen Erben in die Arme legen, sie dauernd auf einem Throne zu befestigen, für den sie Blut und Leben hingegeben hätte; oder – sie hätte selber der Herrscher sein müssen, ihn mit Manneskraft zu vertheidigen. Geist, Leben und Energie genug besaß sie dazu. Aber als Frau war ihr Wirken beschränkt, und wie sie auch – echt weiblich – für Griechenland gesorgt, es geliebt und gepflegt hatte, Dank sollte sie nicht dafür ernten. Nachdem sie ihre Jugend, ihre besten Jahre und Kräfte, all’ ihre Liebe dem Lande hingegeben, dessen glorreiche Auferweckung der Traum ihres Lebens gewesen war, hieß man sie gehen. Rohe Hände verwüsteten den Garten, der, ihr Lieblingskind, unter ihren Augen ausgewachsen war, und ein flüchtiges Schiff trug das heimathlose Herrscherpaar über’s Meer. Königin Amalie hat Griechenland nicht wieder gesehen.

Aber wie hart im Allgemeinen auch an ihr gehandelt worden, im Einzelnen hat auch sie Treue erfahren. Ihre Oberhofmeisterin, Baronin von Plüskow, geborene von Witzleben, schreckte, obgleich schon hochbetagt, im entscheidenden Moment nicht vor der äußersten Lebensgefahr zurück, um ihrer Herrin zu retten, was noch zu retten war. – Als die verbannte Königin, Hellas verlassend, bereits an Bord ihres Schiffes gegangen war, sprang im letzten Moment ihr griechisches Hoffräulein, den Verlobten, Eltern und Vaterland darangebend, in ein Boot, ihr nach und begleitete sie nach Deutschland. Griechische Damen und Dienerinnen haben sie umgeben bis an ihr Ende.

König Otto hat seine Verbannung nicht lange überlebt. Er brachte eine zerrüttete Gesundheit schon aus Griechenland mit, dessen Klima sich ihm nie günstig erwiesen hatte. Die Königin, aus festerem Stoffe gebildet, widerstand dem Ungemach länger. In der Oeffentlichkeit hörte man wenig mehr von ihr, seitdem sie in Bamberg und Brückenau ihren Wittwensitz aufgeschlagen. Ob sie schwer an dem Schicksale der Entthronten getragen, ob Glanz und Macht ihrer früheren Stellung sie mit Bitterkeit auf ein jetzt viel bescheidneres Dasein blicken ließen, oder ob sie, groß und ergeben, sich in eine Lebenswendung zu finden gewußt, die auch Andere mit ihr theilten – wir wissen es nicht. Das aber ist uns persönlich bekannt, daß sie Hellas’ blauen Himmel nicht verschmerzen konnte, daß tiefstes Heimweh nach dem „Lande der Griechen“ in ihr lebendig blieb. Und wenn es gestattet ist, in einem uns stark beherrschenden Seelenzustande den Grund auch zu körperlichem Kranken und Vergehen zu suchen, so läßt sich von dieser Königin wohl sagen, daß sie an Sehnsucht gestorben ist.