Einer wunderthätigen Nonne wird das Handwerk gelegt

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Textdaten
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Autor: Kasimir Walchner
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Titel: Einer wunderthätigen Nonne wird das Handwerk gelegt
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 55–56
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Quelle: Commons und Google
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Einer wunderthätigen Nonne wird das Handwerk gelegt.

Bereits in der letzten Hälfte des 14. Jahrhunderts war zu Ratolfszell ein Frauenkloster vom Orden des heiligen Franziskus entstanden. Kurze Zeit vor der Kirchenversammlung zu Constanz begab es sich, daß eine Nonne dieses Klosters großen Ruf beschaulichen Lebens und besonderer Wundergaben durch ihren heiligen Wandel erwarb. Wer da nicht wußte, ob hierin Gottes oder des Menschen Geist walte, der glaubte. Daher kamen viele Geistliche von Constanz und aus der Nachbarschaft, darunter selbst Leute von hohem Stande, nach Ratolfszell, um bei der frommen Nonne, wie sie rühmten, Trost und Hülfe in ihren Anliegen zu holen. Dieselbe wußte sich oft in einen Zustand von Verzückung zu versetzen und pflegte, wenn sie wieder daraus gleichsam erwachte, den Anwesenden Geheimnisse zu offenbaren, deren sie doch keine hatte. Einige schwachköpfige Priester aber glaubten dem Vorgeben des Weibes und hielten es für eine Heilige. Sie verkündeten demnach einstmals zu Constanz, daß die fromme Nonne an einem bestimmten Tage, welchen sie angaben, in dem Zustande ihrer heiligen Entzückungen die Wundmale des Heilands an ihren Händen, Füßen und Brüsten erhalten werde. Da ward ein gewaltiger Zulauf von Volk aus allen Ständen von Constanz nach Ratolphszell, um an dem festgesetzten Tage Zeugen des erwarteten Wunders zu seyn. Es waren auch einige Priester der Pseudoprophetin bestellt, welche die Ankommenden empfingen, die Kraft der Heiligen rühmten und die Leichtgläubigen zum Anschauen des Wunders vorbereiteten. Die Nonne lag aber unbeweglich, gleich einer in höhere Räume Verzückten, den ganzen Tag über da, bis endlich das Volk des langen Wartens müde und mit allmählig sich abkühlendem Glauben an die Wunderkraft der Nonne zu murren anfing. Da trat einer von den Priestern der neuen Prophetin hervor und rief mit lauter Stimme: „Habt nur noch ein wenig Geduld und paßt auf!“ Da legte sich das Gemurmel des Unwillens in etwas. Allein als es schon später Abend wurde, und noch immer kein Wunder geschah, da ging das Volk spottend und schimpfend auseinander, und die Leichtgläubigsten [56] schlichen beschämt davon! Bald darauf aber wurde die Wundernonne sammt einem ihrer vertrauten Priester, irriger Lehren bezüchtigt, vor den Offizial in Constanz geladen, wo sie beide, nach vorherigem Widerruf ihrer Irrthümer, mit verdienter Strafe belegt wurden.

(Vergl. K. Walchner’s „Geschichte der Stadt Ratolphszell.“ Freiburg, 1825.)