Entstehung der Arten/Siebentes Kapitel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Sechstes Kapitel Entstehung der Arten (1860)
von Charles Darwin, übersetzt von Heinrich Georg Bronn
Achtes Kapitel
[217]
Siebentes Kapitel.


Instinkt.


Instinkte vergleichbar mit Gewohnheiten, doch andern Ursprungs. — Abstufungen. — Blattläuse und Ameisen. — Instinkte veränderlich. — Instinkte gezähmter Thiere und deren Entstehung. — Natürliche Instinkte des Kuckucks, des Strausses und der parasitischen Bienen. — Sklaven-machende Ameisen. — Honigbienen und ihr Zellenbau-Instinkt. — Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher Züchtung in Bezug auf Instinkt. — Geschlechtlose oder unfruchtbare Insekten. — Zusammenfassung.

     Der Instinkt hätte wohl noch in den vorigen Kapiteln mit abgehandelt werden sollen; doch habe ich es für angemessener erachtet den Gegenstand abgesondert zu behandeln, zumal ein so wunderbarer Instinkt, wie der der Zellen-bauenden Bienen ist, wohl manchem Leser eine genügende Schwierigkeit geschienen haben mag, um meine Theorie über den Haufen zu werfen. Ich muss vorausschicken, dass ich nichts mit dem Ursprung der geistigen Grundkräfte noch mit dem des Lebens selbst zu schaffen habe. Wir haben es nur mit der Verschiedenheit des Instinktes und der übrigen geistigen Fähigkeiten der Thiere in einer und der nämlichen Klasse zu thun.

     Ich will keine Definition des Wortes zu geben versuchen. [218] Es würde leicht seyn zu zeigen, dass gewöhnlich ganz verschiedene geistige Fähigkeiten unter diesem Namen begriffen werden. Doch weiss jeder, was damit gemeint ist, wenn ich sage, der Instinkt veranlasse den Kuckuck zu wandern und seine Eier in fremde Nester zu legen. Wenn eine Handlung, zu deren Vollziehung selbst von unserer Seite Erfahrung vorausgesetzt wird, von Seiten eines Thieres und besonders eines sehr jungen Thieres noch ohne alle Erfahrung ausgeübt wird, und wenn sie auf gleiche Weise von vielen Thieren erfolgt, ohne dass diese ihren Zweck kennen, so wird sie gewöhnlich eine instinktive Handlung genannt. Ich könnte jedoch zeigen, dass keiner von diesen Charakteren des Instinkts allgemein ist. Eine kleine Dosis von Urtheil oder Verstand, wie Pierre Huber es ausdrückt, kommt oft mit in’s Spiel, selbst bei Thieren, welche sehr tief auf der Stufenleiter der Natur stehen.

     Friedrich Cuvier und verschiedene ältre Metaphysiker haben Instinkt mit Gewohnheit verglichen. Diese Vergleichung scheint mir eine sehr genaue Nachweisung von den Schranken des Geistes zu geben, innerhalb welcher die Handlung vollzogen wird, aber nicht von ihrem Ursprunge. Wie unbewusst werden manche unsrer Handlungen vollzogen, ja nicht selten in geradem Gegensatz mit unsrem bewussten Willen! Doch können sie durch den Willen oder Verstand abgeändert werden. Gewohnheiten verbinden sich leicht mit andern Gewohnheiten oder mit gewissen Zeit-Abschnitten und Zuständen des Körpers. Einmal angenommen erhalten sie sich oft lebenslänglich. Es liessen sich noch manche andre Ähnlichkeiten zwischen Instinkten und Gewohnheiten nachweisen. Wie bei Wiederholung eines wohlbekannten Gesanges, so folgt auch beim Instinkte eine Handlung auf die andre durch eine Art Rhythmus. Wenn Jemand beim Gesange oder bei Hersagung auswendig gelernter Worte unterbrochen worden, so ist er gewöhnlich genöthigt, wieder etwas zurückzugehen, um den Gedanken-Gang wieder zu finden. So sah es P. Huber auch bei einer Raupen-Art, wenn sie beschäftigt war, ihr sehr zusammengesetztes Gewebe zu fertigen; nahm er sie heraus, nachdem dieselbe z. B. das letzte Sechstel vollendet [219] hatte, und setzte er sie in ein andres nur bis zum dritten Sechstel vollendetes, so fertigte sie einfach den dritten, vierten und fünften Theil nochmals mit dem sechsten an. Nahm er sie aber aus einem z. B. bis zum dritten Theile vollendeten Gewebe und setzte sie in ein bis zum sechsten Theile fertiges, so dass sie ihre Arbeit schon grösstentheils gethan fand, so war sie sehr entfernt, diesen Vortheil zu fühlen und fing in grosser Befangenheit über diesen Stand der Sache die Arbeit nochmals vom dritten Stadium an, da wo sie solche in ihrem eignen Gewebe verlassen hatte, und suchte von da aus das schon fertige Werk zu Ende zu führen.

     Wenn sich nun, wie ich in einigen Fällen es zu können glaube, nachweisen liesse, dass eine durch Gewohnheit angenommene Handlungs-Weise auch auf die Nachkommen vererblich seye, so würde das, was ursprünglich Gewohnheit war, von Instinkt nicht mehr unterscheidbar seyn. Wenn Mozart statt in einem Alter von drei Jahren das Pianoforte mit wundervoller kleiner Fertigkeit zu spielen, ohne alle vorgängige Übung eine Melodie angestimmt hätte, so könnte man mit Wahrheit sagen, er habe Diess Instinkt-mässig gethan. Es würde aber ein sehr ernster Irrthum seyn anzunehmen, dass die Mehrzahl der Instinkte durch Gewohnheit schon während einer Generation erworben und dann auf die nachfolgenden Generationen vererbt worden seye. Es lässt sich genau nachweisen, dass die wunderbarsten Instinkte, die wir kennen, wie die der Korb-Bienen und vieler Ameisen, unmöglich in solcher Frist erworben worden seyn können.

     Man gibt allgemein zu, dass für das Gedeihen einer jeden Spezies in ihren jetzigen Existenz-Verhältnissen Instinkte eben so wichtig sind, als die Körper-Bildung. Ändern sich die Lebens-Bedingungen einer Spezies, so ist es wenigstens möglich, dass auch geringe Änderungen in ihrem Instinkte für sie nützlich seyn würden. Wenn sich nun nachweisen lässt, dass Instinkte wenn auch noch so wenig variiren, dann kann ich keine Schwierigkeit für die Annahme sehen, dass Natürliche Züchtung auch geringe Abänderungen des Instinktes erhalte und durch [220] beständige Häufung bis zu einem vortheilhaften Grade vermehre. So dürften, wie ich glaube, alle und auch die zusammengesetztesten und wunderbarsten Instinkte entstanden seyn. Wie Abänderungen[WS 1] im Körper-Bau durch Gebrauch und Gewohnheit veranlasst und verstärkt, dagegen durch Nichtgebrauch verringert und ganz eingebüsst werden können, so ist es zweifelsohne auch mit den Instinkten. Ich glaube aber, dass die Wirkungen der Gewohnheit von ganz untergeordneter Bedeutung sind gegenüber den Wirkungen Natürlicher Züchtung auf sogenannte zufällige Abänderungen des Instinktes, d. h. auf Abänderungen in Folge unbekannter Ursachen, welche geringe Abweichungen in der Körper-Bildung veranlassen.

     Kein zusammengesetzter Instinkt kann durch Natürliche Züchtung anders als durch langsame und stufenweise Häufung vieler geringen und nutzbaren Abänderungen hervorgebracht werden. Hier müssten wir, wie bei der Körper-Bildung, in der Natur zwar nicht die wirklichen Übergangs-Stufen, die der zusammengesetzte Instinkt bis zu seiner jetzigen Vollkommenheit durchlaufen hat und welche bei jeder Art nur in ihrem Vorgänger gerader Linie zu entdecken seyn würden, wohl aber einige Spuren solcher Abstufungen in den Seitenlinien von gleicher Abstammung finden, oder wenigstens nachweisen können, dass irgend welche Abstufungen möglich sind; und dazu sind wir gewiss im Stande. Obwohl indessen die Instinkte fast nur in Europa und Nord-Amerika lebender Thiere näher beobachtet worden und die der untergegangenen Thiere uns ganz unbekannt sind, so war ich doch erstaunt zu finden, wie ganz allgemein sich Abstufungen bis zu den Instinkten der zusammengesetztesten Art entdecken lassen. Instinkt-Änderungen mögen zuweilen dadurch erleichtert werden, dass eine und dieselbe Species verschiedene Instinkte in verschiedenen Lebens-Perioden oder Jahreszeiten besitzt, oder dass sie unter andre äussre Lebens-Bedingungen versetzt wird, in welchen Fällen dann wohl entweder nur der eine oder nur der andre durch Natürliche Züchtung erhalten werden wird. Beispiele von solcher Verschiedenheit des Instinktes lassen sich in der Natur nachweisen.

     Nun ist, wie bei der Körper-Bildung auch meiner Theorie [221] gemäss der Instinkt einer jeden Art nützlich für diese und, so viel wir wissen, niemals zum ausschliesslichen Nutzen andrer Arten vorhanden. Eines der triftigsten Beispiele, die ich kenne, von Thieren, welche anscheinend zum blossen Besten andrer etwas thun, liefern die Blattläuse, indem sie freiwillig den Ameisen ihre süssen Exkretionen überlassen. Dass sie Diess freiwillig thun, geht aus folgenden Thatsachen hervor. Ich entfernte alle Ameisen von einer Gruppe von etwa zwölf Aphiden auf einer Ampfer-Pflanze und hinderte ihr Zusammenkommen einige Stunden lang. Nach dieser Zeit nahm ich wahr, dass die Blattläuse das Bedürfniss der Exkretion hatten. Ich beobachtete sie eine Zeit lang durch eine Lupe: aber nicht eine gab eine Excretion von sich. Darauf streichelte und kitzelte ich sie mit einem Haare auf dieselbe Weise, wie es die Ameisen mit ihren Fühlern machen, aber keine Excretion erfolgte. Nun liess ich eine Ameise zu, und aus ihrem Widerstreben sich von den Blattläusen zurücktreiben zu lassen, schien hervorzugehen, dass sie augenblicklich erkannt hatte, welch’ ein reicher Genuss ihrer harre. Sie begann dann mit ihren Fühlern den Hinterleib erst einer und dann einer andren Blattlaus zu betasten, deren jede, so wie sie die Berührung des Fühlers empfand, sofort den Hinterleib in die Höhe richtete und einen klaren Tropfen süsser Flüssigkeit ausschied, der alsbald von der Ameise eingesogen wurde. Selbst ganz junge Blattläuse, auf diese Weise behandelt, zeigten, dass ihr Verhalten ein instinktives und nicht die Folge der Erfahrung war. Da aber die Aussonderung ausserordentlich klebrig ist, so ist es wahrscheinlich für die Aphiden von Nutzen, dass sie entfernt werde; und so ist es denn auch mit dieser Excretion wohl nicht auf den ausschliesslichen Vortheil der Ameisen abgesehen. Obwohl ich nicht glaube, dass irgend ein Thier in der Welt etwas zum ausschliesslichen Nutzen einer andern Art thue, so sucht doch jede Art Vortheil von den Instinkten anderer zu ziehen und hat Vortheil von der schwächeren Körper-Beschaffenheit andrer. So können dann auch in einigen wenigen Fällen gewisse Instinkte nicht als ganz vollkommen betrachtet werden; was ich aber bis ins Einzelne auseinanderzusetzen hier unterlassen muss. [222]

     Es sollten wohl möglich viele Beispiele angeführt werden, um zu zeigen, wie im Natur-Zustande ein gewisser Grad von Abänderung in den Instinkten und die Erblichkeit solcher Abänderungen zur Thätigkeit der Natürlichen Züchtung unerlässlich ist; aber Mangel an Raum hindert mich es zu thun. Ich kann bloss versichern, dass Instinkte gewiss variiren, wie z. B. der Wander-Instinkt nach Ausdehnung und Richtung variiren oder auch ganz aufhören kann. So ist es mit den Nestern der Vögel, welche theils je nach der dafür gewählten Stelle, nach den Natur- und Wärme-Verhältnissen der bewohnten Gegend, aber auch oft aus ganz unbekannten Ursachen abändern. So hat Audubon einige sehr merkwürdige Fälle von Verschiedenheiten in den Nestern derselben Vogel-Arten, je nachdem sie im Norden oder im Süden der Vereinten Staaten leben, mitgetheilt. Furcht vor irgend einem besondren Feinde ist gewiss eine instinktive Eigenschaft, wie man bei den noch im Neste sitzenden Vögeln zu erkennen Gelegenheit hat, obwoh sie durch Erfahrung und durch die Wahrnehmung von Furcht vor demselben Feinde bei anderen Thieren noch verstärkt wird. Thiere auf abgelegenen kleinen Eilanden fürchten sich nicht vor den Menschen und lernen, wie ich anderwärts gezeigt habe, ihn nur langsam fürchten; und so nehmen wir auch in England selbst wahr, dass die grossen Vögel, weil sie von Menschen mehr verfolgt werden, sich viel mehr vor ihm fürchten, als die kleinen. Wir können die stärkere Scheuheit grosser Vögel getrost dieser Ursache zuschreiben, denn auf von Menschen unbewohnten Inseln sind die grossen nicht scheuer als die kleinen; und die Elster, so furchtsam in England, ist in Norwegen eben so zahm als die Krähe (Corvus cornix) in Ägypten.

     Dass die Gemüthsart der Individuen einer Spezies im Allgemeinen, auch wenn sie in der freien Natur geboren sind, äusserst manchfaltig seye, kann mit vielen Thatsachen belegt werden. Auch liessen sich bei einigen Arten Beispiele von zufälligen und fremdartigen Gewohnheiten anführen, die, wenn sie der Art nützlich wären, durch Natürliche Züchtung zu ganz neuen Instinkten Veranlassung werden könnten. Ich weiss wohl, dass diese allgemeinen Behauptungen, ohne einzelne Thatsachen zum [223] Belege, nur einen schwachen Eindruck auf den Geist des Lesers machen werden, kann jedoch nur meine Versicherung wiederholen, dass ich nicht ohne gute Beweise so spreche.

     Die Möglichkeit oder sogar Wahrscheinlichkeit Abänderungen des Instinktes im Natur-Zustande zu vererben wird durch Betrachtung einiger Fälle bei gezähmten Thieren noch stärker hervortreten. Wir werden dadurch auch zu sehen in den Stand gesetzt, welchen vergleichungsweisen Einfluss Gewöhnung und die Züchtung sogenannter zufälliger Abweichungen auf die Abänderung der Geistes-Fähigkeiten unsrer Hausthiere ausgeübt haben. Es lässt sich eine Anzahl sonderbarer und verbürgter Beispiele anführen von der Vererblichkeit aller Abschattungen der Gemüthsart, des Geschmacks oder der Neigung zu den sonderbarsten Streichen in Verbindung mit Zeichen von Geist oder mit gewissen periodischen Bedingungen. Bekannte Belege dafür liefern uns die verschiedenen Hunde-Rassen. So unterliegt es keinem Zweifel (und ich habe selbst einen schlagenden Fall der Art gesehen), dass junge Vorstehehunde zuweilen vor andern Hunden anziehen, wenn sie das erstemal mit hinausgenommen werden. So ist das Aufstöbern der Feldhühner gewiss oft erblich bei Hunden der vorzugsweise dazu gebrauchten Rasse, wie junge Schäferhunde geneigt sind die Heerde zu umkreisen statt nebenher zu laufen. Ich kann nicht sehen, dass diese Handlungen wesentlich von denen des Instinktes verschieden sind; denn die jungen Hunde handeln ohne Erfahrung, einer fast wie der andre in derselben Rasse, und ohne den Zweck des Handelns zu kennen. Denn der junge Vorstehehund weiss noch eben so wenig, dass er durch sein Stehen den Absichten seines Herrn dient, als der Kohlschmetterling weiss, warum er seine Eier auf ein Kohl-Blatt legt. Wenn wir eine Art Wolf sähen, welcher noch jung und ohne Abrichtung bei Witterung seiner Beute bewegungslos wie eine Bildsäule stehen bliebe und dann mit eigenthümlicher Haltung langsam auf sie hinschliche, oder eine andre Art Wolf, welche, statt auf einen Rudel Hirsche zuzuspringen, dasselbe umkreiste und so nach einem entfernten Punkte triebe, so würden wir dieses Verhalten gewiss dem Instinkte zuschreiben. Zahme Instinkte, wie man sie nennen könnte, [224] sind gewiss viel weniger fest und unveränderlich als die natürlichen; denn sie sind durch viel minder strenge Züchtung ausgeprägt und eine bei weitem kürzere Zeit hindurch unter minder steten Lebens-Bedingungen vererbt worden.

     Wie streng diese »zahmen Instinkte«, Gewohnheiten und Neigungen vererbt werden und wie wundersam sie sich zuweilen mischen, zeigt sich ganz wohl, wenn verschiedene Hunde-Rassen miteinander gekreutzt werden. So ist eine Kreutzung mit Bullbeissern auf viele Generationen hinaus auf den Muth und die Beharrlichkeit des Windhundes von Einfluss gewesen; und eine Kreutzung mit dem Windhunde hat auf eine ganze Familie von Schäferhunden die Neigung übertragen Hasen zu verfolgen. Diese zahmen Instinkte, auf solche Art durch Kreutzung erprobt, gleichen natürlichen Instinkten, welche sich in ähnlicher Weise sonderbar mit einander verbinden, so dass sich auf lange Zeit hinaus Spuren des Instinktes beider Ältern erhalten. So beschreibt Le Roy einen Hund, dessen Grossvater ein Wolf war; dieser Hund verrieth die Spuren seiner wilden Abstammung nur auf eine Weise, indem er nämlich, wenn er von seinem Herrn gerufen wurde, nie in gerader Richtung auf ihn zukam.

     Zahme Instinkte werden zuweilen bezeichnet als Handlungen, welche bloss durch eine lang-fortgesetzte und erzwungene Gewohnheit erblich werden; ich glaube aber, dass Diess nicht richtig ist. Gewiss hat niemals jemand daran gedacht oder versucht, der Purzeltaube das Purzeln zu lehren, was meines Wissens auch schon junge Tauben thun, welche nie andere purzeln gesehen haben. Man kann sich denken, dass einmal eine einzelne Taube Neigung zu dieser sonderbaren Bewegungs-Weise gezeigt habe und dass dann in Folge sorgfältiger und lang-fortgesetzter Züchtung aus ihr die Purzler allmählich das geworden, was sie jetzt sind; und wie ich von Herrn Brent vernehme, gibt es bei Glasyow Haus-Purzler, welche nicht 18 Zolle weit fliegen können, ohne sich einmal kopfüber zu bewegen. Eben so ist es sehr zu bezweiflen, ob jemals irgend jemand daran gedacht habe, einen Hund zum Vorstehen abzurichten, hätte nicht etwa ein Individuum von selbst eine Neigung verrathen [225] es zu thun, und man weiss, dass Diess zuweilen vorkommt, wie ich selbst einmal an einem Dachshund beobachtete; das «Stehen« ist wohl, wie Manche gedacht haben, nur eine verstärkte Pause eines Thieres, das sich in Bereitschaft setzt, auf seine Beute einzuspringen. Hatte sich ein erster Anfang des Stehens einmal gezeigt, so mögen methodische Züchtung und die erbliche Wirkung zwangsweiser Abrichtung in jeder nachfolgenden Generation das Werk bald vollendet haben; und unbewusste Züchtung ist immer in Thätigkeit, da jedermann, wenn auch ohne die Absicht eine verbesserte Rasse zu bilden, sich gerne die Hunde verschafft, welche am besten vorstehen und jagen. Anderseits hat auch Gewohnheit in einigen Fällen genügt. Kein Thier ist schwerer zu zähmen als das Junge des wilden Kaninchens, und kein Thier zahmer als das Junge des zahmen Kaninchens; und doch glaube ich nicht, dass die Haus-Kaninchen jemals auf Zahmheit gezüchtet worden sind, sondern vermuthe vielmehr, dass wir die gesammte erbliche Veränderung von äusserster Wildheit bis zur äussersten Zahmheit einzig der Gewohnheit und lange fortgesetzten engen Gefangenschaft zuzuschreiben haben.

     Natürliche Instinkte gehen in der Gefangenschaft verloren; ein merkwürdiges Beispiel davon sieht man bei denjenigen Geflügel-Rassen, welche selten oder nie «brütig« werden[1], d. h. nie auf ihren Eiern zu sitzen verlangen. Die tägliche Gewöhnung daran allein verhindert uns zu sehen, in wie hohem Grade und wie allgemein die geistigen Fähigkeiten unsrer Hausthiere durch Zähmung verändert worden sind. Man kann kaum daran zweifeln, dass die Liebe des Menschen als Instinkt auf den Hund übergegangen ist. Alle Wölfe, Füchse, Schakals und Katzen-Arten sind, wenn man sie gezähmt hält, sehr begierig Geflügel, Schaafe und Schweine anzugreifen, und dieselbe Neigung hat sich unheilbar auch bei solchen Hunden gezeigt, welche man jung aus Gegenden zu uns gebracht hat, wo wie im Feuerlande und in Australien die Wilden jene Hausthiere nicht halten. Und wie selten ist es auf der andern Seite nöthig, unsren zivilisirten Hunden, selbst wenn sie noch [226] jung sind, die Angriffe auf jene Thiere abzugewöhnen. Allerdings machen sie manchmal einen solchen Angriff und werden dann geschlagen und, wenn Das nicht hilft, endlich weggeschafft, — so dass Gewohnheit und wahrscheinlich einige Züchtung zusammengewirkt haben, unsren Hunden ihre erbliche Zivilisation beizubringen. Andrerseits haben junge Hühnchen, ganz in Folge von Gewöhnung, die Furcht vor Hunden und Katzen verloren, welche sie zweifelsohne nach ihrem ursprünglichen Instinkte besessen, während sich dieser Instinkt noch so offenbar bei jungen Fasanen zeigt, selbst wenn sie von gewöhnlichen Hennen ausgebrütet sind. Und doch haben die Hühnchen keinesweges alle Furcht verloren, sondern nur die Furcht vor Hunden und Katzen; denn sobald die Henne ihnen durch Glucken eine Gefahr anmeldet, laufen alle (zumal junge Welschhühner), um sich unter ihren Schutz zu begeben, oder um sich im Grase und Dickicht umher zu verbergen, Letztes offenbar in der instinktiven Absicht, wie wir bei wilden Boden-Vögeln sehen, um ihrer Mutter möglich zu machen davon zu fliegen. Freilich ist dieser bei unseren jungen Hühnchen zurückgebliebene Instinkt im gezähmten Zustande ganz nutzlos, weil die Mutter-Henne das Flug-Vermögen durch Nichtgebrauch gewöhnlich eingebüsst hat.

     Daraus lässt sich schliessen, dass zahme Instinkte erworben worden und wilde Instinkte verloren gegangen sind, theils durch eigne Gewohnheit und theils durch die Einwirkung des Menschen, welcher viele aufeinander-folgende Generationen hindurch eigenthümliche geistige Neigungen und Fähigkeiten, die uns in unsrer Unwissenheit anfangs nur ein sogenannter Zufall geschienen, durch Züchtung gehäuft und gesteigert hat. In einigen Fällen hat erzwungene Gewöhnung genügt, um solche erbliche Veränderung geistiger Eigenschaften zu bewirken; in andern ist durch Zwangs-Zucht nichts ausgerichtet und Alles nur durch unbewusste oder methodische Züchtung bewirkt worden; in den meisten Fällen aber haben beide wahrscheinlich zusammengewirkt.

     Nähere Betrachtung einiger wenigen Beispiele wird vielleicht am besten geeignet seyn es begreiflich zu machen, wie Instinkte im Natur-Zustande durch Züchtung modifizirt worden sind. Ich [227] will aus der grossen Anzahl derjenigen, welche ich gesammelt und in meinem späteren Werke zu erörtern haben werde, nur drei Fälle hervorheben, nämlich den Instinkt, welcher den Kuckuck treibt seine Eier in fremde Nester zu legen, den Instinkt der Ameisen Sklaven zu machen, und den Zellenbau-Trieb der Honig-Bienen; die zwei zuletzt genannten sind von den Naturforschern wohl mit Recht als die zwei wunderbarsten aller bekannten Instinkte bezeichnet worden.

     Man nimmt jetzt gewöhnlich an, die unmittelbare und die Grund-Ursache für den Instinkt des Kuckucks seine Eier in fremde Nester zu legen beruhe darin, dass dieselben der Reihe nach nicht täglich, sondern erst jeden zweiten oder dritten Tag zur Reife kommen, so dass, wenn der Kuckuck sein eignes Nest zu bauen und auf seinen eignen Eiern zu sitzen hätte, die ersten Eier entweder eine Zeitlang unbebrütet bleiben oder Eier und junge Vögel von verschiedenem Alter im nämlichen Neste zusammen kommen müssten [2]. Wäre Diess so der Fall, so müssten allerdings die Prozesse des Legens und Ausschlüpfens unangemessen lang währen, und die zuerst ausgeschlüpften jungen Vögel wahrscheinlich vom Männchen allein aufgefüttert werden. Allein der Amerikanische Kuckuck findet sich in derselben Lage, und doch macht er sein eignes Nest und legt seine Eier nach-einander hinein, und seine Jungen schlüpfen gleichzeitig aus. Man hat zwar versichert, auch der Amerikanische Kuckuck lege zuweilen seine Eier in fremde Nester, aber nach Dr. Brewer's verlässiger Gewährschaft in diesen Dingen ist es ein Irrthum. Demungeachtet könnte ich noch mehre andre Beispiele von Vögeln anführen, die ihre Eier zuweilen in fremde Nester legen. Nehmen wir nun an, der Stamm-Vater unsres Europäischen Kuckucks habe die Gewohnheiten des Amerikanischen gehabt, doch zuweilen ein Ei in das Nest eines andren Vogels gelegt. Wenn der alte Vogel von diesem gelegentlichen [228] Brauche Vortheil hatte, oder der junge durch den fehlgreifenden Instinkt einer fremden Mutter kräftiger wurde, als er unter der Sorge seiner eignen Mutter geworden seyn würde, weil diese mit der gleichzeitigen Sorge für Eier und Junge von verschiedenem Alter überladen gewesen wäre: so gewann entweder der Alte oder das auf fremde Kosten gepflegte Junge dabei. Der Analogie nach möchte ich dann glauben, dass als Folge der Erblichkeit das so aufgeätzte Junge mehr geneigt seye, die zufällige und abweichende Handlungsweise seiner Mutter nachzuahmen, auch seine Eier in fremde Nester zu legen und so kräftigere Nachkommen zu erlangen. Durch einen fortgesetzten Prozess dieser Art könnte nach meiner Meinung der wunderliche Instinkt des Kuckucks entstanden seyn. Ich will jedoch noch beifügen, dass nach Dr. Gray u. e. a. Beobachtern der Europäische Kuckuck doch keinesweges alle mütterliche Liebe und Sorge für seine eignen Sprösslinge verloren hat.

     Der Brauch seine Eier gelegentlich in fremde Nester von derselben oder einer andern Spezies zu legen, ist unter den Hühner-artigen Vögeln nicht ganz ungewöhnlich; und Diess erklärt vielleicht die Entstehung eines eigenthümlichen Instinktes in der benachbarten Gruppe der Strauss-artigen Vögel. Denn mehre Strauss-Hennen wenigstens von der Amerikanischen Art vereinigen sich, um zuerst einige Eier in ein Nest und dann in ein andres zu legen; und diese werden von den Männchen ausgebrütet. Man wird zu Erklärung dieser Gewohnheit wahrscheinlich die Thatsache mit in Betracht ziehen, dass diese Hennen eine grosse Anzahl von Eiern und zwar in Zwischenräumen von zwei bis drei Tagen legen. Jedoch ist jene Gewohnheit beim Amerikanischen Strausse noch nicht sehr entwickelt; denn es liegt dort auch noch eine so erstaunliche Menge von Eiern über die Ebene zerstreut, dass ich auf der Jagd an einem Tage nicht weniger als 20 verlassener und verdorbener Eier aufzunehmen im Stand war.

     Manche Bienen schmarotzen und legen ihre Eier in Nester andrer Bienen-Arten. Diess ist noch merkwürdiger, als beim Kuckuck; denn diese Bienen haben nicht allein ihren Instinkt, [229] sondern auch ihren Bau in Übereinstimmung mit ihrer parasitischen Lebens-Weise geändert, indem sie nämlich nicht die Vorrichtung zur Einsammlung des Pollens besitzen, deren sie bedürften, wenn sie Nahrung für ihre eigne Brut vorräthig aufhäufen müssten. Einige Insekten-Arten schmarotzen nach der Weise der Sphegiden bei andern Arten, und Herr Fabre hat neulich guten Grund nachgewiesen zu glauben, dass, obwohl Tachytes nigra gewöhnlich ihre eigne Höhle macht und darin noch lebende aber gelähmte Beute zur Nahrung ihrer eignen Larve im Vorrath niederlegt, dieselbe doch, wenn sie eine schon fertige und mit Vorräthen versehene Höhle einer andern Sphex findet, davon Besitz ergreift und in Folge dieser Gelegenheit Parasit wird. In diesem Falle wie in dem angenommenen Beispiele von dem Kuckuck liegt kein Hinderniss für die Natürliche Züchtung vor, aus dem gelegentlichen Brauche einen beständigen zu machen, wenn er für die Art nützlich ist, und wenn nicht in Folge dessen die andre Insekten-Art, deren Nest und Futter-Vorräthe sie sich verrätherischer Weise aneignet, dadurch vertilgt wird.

     Instinkt Sklaven zu machen). Dieser Naturtrieb wurde zuerst bei Formica (Poliergus) rufescens von Peter Huber beobachtet, einem noch besseren Beobachter, als sein berühmter Vater gewesen. Diese Ameise ist unbedingt von ihren Sklaven abhängig, ohne deren Hülfe die Art schon in einem Jahre gänzlich zu Grund gehen müsste. Die Männchen und fruchtbaren Weibchen arbeiten nicht. Die arbeitenden oder unfruchtbaren Weibchen dagegen, obgleich sehr muthig und thatkräftig beim Sklaven-Fangen, thun nichts andres. Sie sind unfähig ihre eignen Nester zu machen oder ihre eignen Jungen zu füttern. Wenn das alte Nest unpassend befunden und eine Auswanderung nöthig wird, entscheiden die Sklaven darüber und schleppen dann ihre Meister zwischen den Kinnladen fort. Diese letzten sind so äusserst hülfelos, dass, als Huber deren dreissig ohne Sklaven aber mit einer reichlichen Menge des besten Futters und zugleich mit ihren Larven und Puppen, um sie zur Thätigkeit anzuspornen, zusammen-sperrte, sie nicht einmal sich selbst fütterten und grossentheils Hungers starben. Huber brachte dann einen einzigen [230] Sklaven (Formica fusca) dazu, der sich unverzüglich ans Werk begab und die noch überlebenden fütterte und rettete, einige Zellen machte, die Larven pflegte und Alles in Ordnung brachte. Was kann es Ausserordentlicheres geben, als diese wohl verbürgten Thatsachen? Hätte man nicht noch von einigen andern Sklaven-machenden Ameisen Kenntniss, so würde es ein Hoffnungs-loser Versuch gewesen seyn sich eine Vorstellung davon zu machen, wie ein so wunderbarer Instinkt zu solcher Vollkommenheit gedeihen könne.

     Eine andre Ameisen-Art, Formica sanguinea, wurde gleichfalls zuerst von Huber als Sklavenmacherin erkannt. Sie kömmt im südlichen Theile von England vor, wo ihre Gewohnheiten von H. F. Smith vom Britischen Museum beobachtet worden sind, dem ich für seine Mittheilungen über diesen und andre Gegenstände sehr verbunden bin. Wenn auch volles Vertrauen in die Versicherungen der zwei genannten Naturforscher setzend, vermochte ich doch nicht ohne einigen Zweifel an die Sache zu gehen, und es mag wohl zu entschuldigen seyn, wenn jemand an einen so ausserordentlichen und hässlichen Instinkt, wie der ist Sklaven zu machen, nicht unmittelbar glauben kann. Ich will daher dasjenige, was ich selbst beobachtet habe, mit einigen Einzelnheiten erzählen. Ich öffnete vierzehn Nest-Haufen der Formica sanguinea und fand in allen einige Sklaven. Männchen und fruchtbare Weibchen der Sklaven-Art (F. fusca) kommen nur in ihrer eignen Gemeinde vor und sind nie in den Haufen der F. sanguinea gefunden worden. Die Sklaven sind schwarz und von nicht mehr als der halben Grösse ihrer Herrn, so dass der Gegensatz in ihrer Erscheinung sogleich auffällt. Wird der Haufe nur leicht wenig gestört, so kommen die Sklaven zuweilen heraus und zeigen sich gleich ihren Meistern sehr beunruhigt und zur Vertheidigung bereit. Wird aber der Haufe so zerrüttet, dass Larven und Puppen frei zu liegen kommen, so sind die Sklaven mit ihren Meistern zugleich lebhaft bemüht, dieselben nach einem sichern Platze zu schleppen. Daraus ist klar, dass sich die Sklaven ganz heimisch fühlen. Während der Monate Juni und Juli habe ich in drei aufeinander-folgenden Jahren in [231] den Grafschaften Surrey und Sussex mehre solcher Ameisen-Haufen Stunden-lang beobachtet und nie einen Sklaven aus- oder ein-gehen sehen. Da während dieser Monate der Sklaven nur wenige sind, so dachte ich sie würden sich anders benehmen, wenn sie in grössrer Anzahl wären; aber auch Hr. Smith theilt mir mit, dass er die Nester zu verschiedenen Stunden während der Monate Mai, Juni und August in Surrey wie in Hampshire beobachtet und, obwohl die Sklaven im August zahlreich sind, nie einen derselben aus- oder ein-gehen gesehen hat. Er betrachtet sie daher lediglich als Haus-Sklaven. Dagegen sieht man ihre Herrn beständig Nestbau-Stoffe und Futter aller Art herbeischleppen. Im jetzigen Jahre jedoch kam ich im Juli zu einer Gemeinde mit einem ungewöhnlich starken Sklaven-Stande und sah einige wenige Sklaven unter ihre Meister gemengt das Nest verlassen und mit ihnen den nämlichen Weg zu einer Schottischen Kiefer, 25 Ellen entfernt, einschlagen und am Stamme hinauflaufen, wahrscheinlich um nach Blatt- oder Schild-Läusen zu suchen. Nach Huber, welcher reichliche Gelegenheit zur Beobachtung gehabt, arbeiten in der Sehweitz die Sklaven gewöhnlich mit ihren Herrn an der Aufführung des Nestes, und sie allein öffnen und schliessen die Thore in den Morgen- und Abend-Stunden; jedoch ist, wie Huber ausdrücklich versichert, ihr Hauptgeschäft nach Blattläusen zu suchen. Dieser Unterschied in den herrschenden Gewohnheiten von Herrn und Sklaven in zweierlei Gegenden mag lediglich davon abhängen, dass in der Schweitz die Sklaven zahlreicher einzufangen sind als in England.

     Eines Tages bemerkte ich glücklicher Weise eine Wanderung der F. sanguinea von einem Haufen zum andern, und es war ein sehr interessanter Anblick, wie die Herrn ihre Sklaven sorgfältig zwischen ihren Kinnladen davon schleppten, anstatt selbst von ihnen getragen zu werden, wie es bei F. rufescens der Fall ist. Eines andern Tages wurde meine Aufmerksamkeit von etwa zwei Dutzend Ameisen der Sklaven-machenden Art in Anspruch genommen, welche dieselbe Stelle besuchten, doch offenbar nicht des Futters wegen. Bei ihrer Annäherung wurden sie von einer unabhängigen Kolonie der Sklaven-gebenden Art, [232] F. fusca, zurückgetrieben, so dass zuweilen bis drei dieser letzten an den Beinen einer F. sanguinea hingen. Diese letzte tödtete ihre kleineren Gegner ohne Erbarmen und schleppte deren Leichen als Nahrung in ihr 29 Ellen entferntes Nest; aber sie wurde verhindert Puppen wegzunehmen, um sie zu Sklaven aufzuziehen. Ich entnahm dann aus einem andern Haufen der F. fusca eine geringe Anzahl Puppen und legte sie auf eine kahle Stelle nächst dem Kampfplatze nieder. Diese wurden begierig von den Tyrannen ergriffen und fortgetragen, die sich vielleicht einbildeten, doch endlich Sieger in dem letzten Kampfe gewesen zu seyn.

     Gleichzeitig legte ich an derselben Stelle eine Parthie Puppen der Formica flava mit einigen wenigen reifen Ameisen dieser gelben Art nieder, welche noch an Bruchstücken ihres Nestes hingen. Auch diese Art wird zuweilen, doch selten zu Sklaven gemacht, wie Hr. Smith beschrieben hat. Obwohl klein ist diese Art sehr muthig, und ich habe sie mit wildem Ungestüm andre Ameisen angreifen sehen. Einmal fand ich zu meinem Erstaunen unter einem Steine eine unabhängige Kolonie der Formica flava noch unterhalb einem Neste der Sklaven-machenden F. sanguinea; und da ich zufällig beide Nester gestört hatte, so griff die kleine Art ihre grosse Nachbarin mit erstaunlichem Muthe an. Ich war nun neugierig zu erfahren, ob F. sanguinea im Stande seye, die Puppen der F. fusca, welche sie gewöhnlich zur Sklaven-Zucht verwendet, von denen der kleinen wüthenden F. flava zu unterscheiden, welche sie nur selten in Gefangenschaft führt, und es ergab sich bald, dass sie dieses Unterscheidungs-Vermögen besass; denn ich sah sie begierig und augenblicklich über die Puppen der F. fusca herfallen, während sie sehr erschrocken schien, wenn sie auf die Puppen oder auch nur auf die Erde aus dem Neste der F. flava stiess, und rasch davonrannte. Aber nach einer Viertel-Stunde etwa, kurz nachdem alle kleinen gelben Ameisen die Stelle verlassen hatten, bekamen sie Muth und griffen auch diese Puppen auf.

     Eines Abends besuchte ich eine andre Gemeinde der F. sanguinea und fand eine Anzahl derselben auf dem Heimwege und [233] beim Eingang in ihr Nest, Leichen und viele Puppen der F. fusca mit sich schleppend, also nicht auf blosser Wanderung begriffen. Ich verfolgte eine 40 Ellen lange Reihe mit Beute beladener Ameisen bis zu einem dichten Haide-Gebüsch, wo ich das letzte Individuum der F. sanguinea mit einer Puppe belastet herauskommen sah; aber das zerstörte Nest konnte ich in der dichten Haide nicht finden, obwohl es nicht mehr ferne gewesen seyn kann, indem zwei oder drei Individuen der F. fusca in der grössten Aufregung umherrannten und eines bewegungslos an der Spitze eines Haide-Zweiges hing: alle mit ihren eignen Puppen im Maul, ein Bild der Verzweiflung über ihre zerstörte Heimath.

     Diess sind die Thatsachen, welche ich, obwohl sie meiner Bestätigung nicht erst bedurft hätten, über den wundersamen Sklavenmacher-Instinkt berichten kann. Zuerst ist der grosse Gegensatz zwischen den instinktiven Gewohnheiten der F. sanguinea und der kontinentalen F. rufescens zu bemerken. Diese letzte baut nicht selbst ihr Nest, bestimmt nicht ihre eignen Wanderungen, sammelt nicht das Futter für sich und ihre Brut und kann nicht einmal allein fressen; sie ist absolut abhängig von ihren zahlreichen Sklaven. Die F. sanguinea dagegen hält viel weniger und zumal im ersten Theile des Sommers sehr wenige Sklaven; die Herrn bestimmen, wann und wo ein neues Nest gebaut werden soll; und wann sie wandern, schleppen die Herrn die Sklaven. In der Schweitz wie in England scheinen die Sklaven ausschliesslich mit der Sorge für die Brut beauftragt zu seyn, und die Herrn allein gehen auf den Sklaven-Fang aus. In der Schweitz arbeiten Herrn und Sklaven miteinander um Nestbau-Materialien herbeizuschaffen; beide und doch vorzugsweise die Sklaven besuchen und melken, wie man es nennen könnte, ihre Aphiden, und beide sammeln Nahrung für die Gemeinschaft ein. In England verlassen die Herrn gewöhnlich allein das Nest, um Bau-Stoffe und Futter für sich, ihre Larven und Sklaven einzusammeln, so dass dieselben hier von ihren Sklaven viel weniger Dienste empfangen, als in der Schweitz.

     Ich will mich nicht vermessen zu errathen, auf welchem [234] Wege der Instinkt der F. sanguinea sich entwickelt hat. Da jedoch Ameisen, welche keine Sklavenmacher sind, wie wir gesehen haben, zufällig um ihr Nest zerstreute Puppen andrer Arten heimschleppen, vielleicht um sie als Nahrung zu verwenden, so können sich solche Puppen dort auch noch zuweilen entwickeln, und die auf solche Weise absichtslos im Haus erzognen Fremdlinge mögen dann ihren eignen Instinkten folgen und arbeiten, was sie können. Erweiset sich ihre Anwesenheit nützlich für die Art, welche sie aufgenommen hat, und sagt es dieser letzten mehr zu Arbeiter zu fangen als zu erziehen, so kann der ursprünglich zufällige Brauch fremde Puppen zur Nahrung einzusammeln durch Natürliche Züchtung verstärkt und endlich zu dem ganz verschiedenen Zwecke Sklaven zu erziehen bleibend befestigt werden. Wenn dieser Naturtrieb zur Zeit seines Ursprungs in einem noch viel minderen Grade als bei unsrer F. sanguinea entwickelt war, welche noch jetzt von ihren Sklaven weniger Hülfe in England als in der Schweitz empfängt, so finde ich kein Bedenken anzunehmen, Natürliche Züchtung habe dann diesen Instinkt verstärkt und, immer vorausgesetzt, dass jede Abänderung der Spezies nützlich gewesen, allmählich so weit abgeändert, dass endlich eine Ameisen-Art entstund in so verächtlicher Abhängigkeit von ihren eignen Sklaven, wie es F. rufescens ist.

     Zellen-bauender Instinkt der Korb-Bienen.) Ich beabsichtige nicht über diesen Gegenstand in kleine Einzelnheiten einzugehen, sondern will mich beschränken, eine Skizze von den Ergebnissen zu liefern, zu welchen ich gelangt bin. Es müsste ein beschränkter Mensch seyn, welcher bei Untersuchung des ausgezeichneten Baues einer Bienen-Wabe, die ihrem Zwecke so wundersam angepasst ist, nicht in begeisterte Verwunderung geriethe. Wir hören von Mathematikern, dass die Bienen praktisch ein schwieriges Problem gelöst und ihre Zellen in derjenigen Form, welche die grösst-mögliche Menge von Honig aufnehmen kann, mit dem geringst-möglichen Aufwande des kostspieligen Bau-Materiales, des Wachses nämlich, hergestellt haben. Man hat bemerkt, dass es einem geschickten Arbeiter mit passenden [235] Maassen und Werkzeugen sehr schwer fallen würde, regelmässig sechseckige Wachs-Zellen zu machen, obwohl Diess eine wimmelnde Menge von Bienen in dunklem Korbe mit grösster Genauigkeit vollführt. Was für einen Instinkt man auch annehmen mag, so scheint es doch anfangs ganz unbegreiflich, wie derselbe solle alle nöthigen Winkel und Flächen berechnen, oder auch nur beurtheilen können, ob sie richtig gemacht sind. Inzwischen ist doch die Schwierigkeit nicht so gross, wie sie Anfangs scheint; denn all’ diess schöne Werk lässt sich von einigen wenigen sehr einfachen Naturtrieben herleiten.

     Ich war diesen Gegenstand zu verfolgen durch Herrn Waterhouse veranlasst worden, welcher gezeigt hat, dass die Form der Zellen in enger Beziehung zur Anwesenheit von Nachbarzellen steht, und die folgende Ansicht ist vielleicht nur eine Modifikation seiner Theorie. Wenden wir uns zu dem grossen Abstufungs-Prinzipe und sehen wir zu, ob uns die Natur nicht ihre Methode zu wirken enthülle. Am einen Ende der kurzen Stufen-Reihe sehen wir die Hummel-Bienen, welche ihre alten Coccons zur Aufnahme von Honig verwendet, indem sie ihnen zuweilen kurze Wachs-Röhren anfügt und ebenso auch einzeln abgesonderte und sehr unregelmässig abgerundete Zellen von Wachs anfertigt. Am andern Ende der Reihe haben wir die Zellen der Korbbiene, eine doppelte Schicht bildend; jede Zelle ist bekanntlich ein sechsseitiges Prisma, deren Grundfläche durch eine stumpf-dreiseitige Pyramide aus drei Rautenflächen mit festen Winkeln ersetzt ist. Dieselben drei Rautenflächen, welche die pyramidale Basis einer Zelle in der einen Zellen-Schicht der Scheibe bilden, entsprechen je einer Rautenfläche in drei aneinanderstossenden Zellen der entgegengesetzten Schicht. Als Zwischenstufe zwischen der äussersten Vervollkommnung im Zellen-Bau der Korb-Biene und der äussersten Einfachheit in dem der Hummel-Biene haben wir dann die Zellen der Mexikanischen Melipona domestica, welche P. Huber gleichfalls sorgfältig beschrieben und abgebildet hat. Diese Biene selbst steht in ihrer Körper-Bildung zwischen unsrer Honig-Biene und der Hummel in der Mitte, doch der letzten näher, bildet einen fast regelmässigen wächsernen [236] Zellen-Kuchen mit walzigen Zellen, worin die Jungen gepflegt werden, und überdiess mit einigen grossen Zellen zur Aufnahme von Honig. Diese letzten sind von ihrer freien Seite gesehen fast kreisförmig und von nahezu gleicher Grösse, in eine unregelmässige Masse zusammengefügt; am wichtigsten aber ist daran zu bemerken, dass sie so nahe aneinander gerückt sind, dass alle kreisförmigen Wände, wenn sie auch da, wo die Zellen aneinander stossen, ihre Kreise fortsetzten, einander schneiden oder durchsetzen müssten; daher die Wände an den aneinander-liegenden Stellen eben abgeplattet sind. Jede dieser im Ganzen genommen kreisrunden Zellen hat mithin doch 2—3 oder mehr vollkommen ebene Seitenflächen, je nachdem sie an 2—3 oder mehr andre Zellen seitlich angrenzt. Kommt eine Zelle in Berührung mit drei andern Zellen, was, da alle von fast gleicher Grösse sind, nothwendig sehr oft geschieht, so vereinigen sich die drei ebenen Flächen zu einer dreiseitigen Pyramide, welche, nach Huber’s Bemerkung, offenbar der dreiseitigen Pyramide an der Basis der Zellen unsrer Korb-Biene zu vergleichen ist. Wie in den Zellen der Honigbiene, so nehmen auch hier die drei ebenen Flächen einer Zelle an der Zusammensetzung dreier andren anstossenden Zellen Theil. Es ist offenbar, dass die Melipona bei dieser Bildungs-Weise Wachs erspart; denn die Wände sind da, wo mehre solche Zellen aneinandergrenzen, nicht doppelt und nur von der Dicke wie die kreisförmigen Theile, und jedes flache Stück Zwischenwand nimmt an der Zusammensetzung zweier aneinanderstossenden Zellen Antheil.

     Indem ich über diesen Fall nachdachte, kam es mir vor, als ob, wenn die Melipona ihre walzigen Zellen von gleicher Grösse in einer gegebenen gleichen Entfernung von einander gefertigt und symmetrisch in eine doppelte Schicht geordnet hätte, der dadurch erzielte Bau so vollkommen als der der Korb-Biene geworden seyn würde. Demzufolge schrieb ich an Professor Miller in Cambridge, und dieser Geometer bezeichnet die folgende seiner Belehrung entnommene Darstellung als richtig

     Wenn eine Anzahl unter sich gleicher Kreise so beschrieben wird, dass ihre Mittelpunkte in zwei parallelen Ebenen liegen, [237] und das Centrum eines jeden Kreises um Radius ✕ √2 oder Radius ✕ 1.41421 (oder weniger) von den Mittelpunkten der sechs umgebenden Kreise in derselben Schicht, und eben so weit von den Centren der angrenzenden Kreise in der andren parallelen Schicht entfernt ist[3], und wenn alsdann Durchscheidungsflächen zwischen den verschiedenen Kreisen beider Schichten gebildet werden: — so muss sich eine doppelte Lage sechsseitiger Prismen ergeben, welche mit aus drei Rauten gebildeten dreiseitig-pyramidalen Basen aufeinanderstehen, und diese Rauten- sowie die Seiten-Flächen der sechsseitigen Prismen werden in allen Winkeln aufs Genaueste übereinstimmen, wie sie an den Wachsscheiben der Bienen nach den sorgfältigsten Messungen vorkommen. Wir können daher mit Verlässigkeit schliessen, dass, wenn wir die jetzigen noch nicht sehr ausgezeichneten Instinkte der Melipona etwas zu verbessern im Stande wären, diese einen Bau eben so wunderbar vollkommen zu liefern vermöchte, als die Korb-Biene. Stellen wir uns also vor, die Melipona mache ihre Zellen ganz kreisrund und gleich-gross, was nicht zum Verwundern seyn würde, da sie es schon in gewissem Grade thut und viele Insekten sich vollkommen walzenförmige Zellen in Holz aushöhlen, indem sie anscheinend sich um einen festen Punkt drehen. Stellen wir uns ferner vor, die Melipona ordne ihre Zellen in ebnen Lagen, wie sie es bereits mit ihren Walzen-Zellen thut. Nehmen wir ferner an (und Diess ist die grösste Schwierigkeit), sie vermöge irgend-wie genau zu beurtheilen, in [238] welchem Abstande von ihren gleichzeitig beschäftigten Mitarbeiterinnen sie ihre kreisrunden Zellen beginnen müsse; wir sahen sie ja bereits Entfernungen hinreichend bemessen, um alle ihre Kreise so zu beschreiben, dass sie einander stark schneiden, und sahen sie dann die Schneidungs-Punkte durch vollkommen ebene Wände mit einander verbinden. Unterstellen wir endlich, was keiner Schwierigkeit unterliegt, dass, wenn die sechsseitigen Prismen durch Schneidung in der nämlichen Schicht aneinanderliegender Kreise gebildet sind, sie deren Sechsecke bis zu genügender Ausdehnung verlängern könne, um den Honig-Vorrath aufzunehmen, wie die Hummel den runden Mündungen ihrer alten Coccons noch Wachs-Zylinder ansetzt. Diess sind die nicht sehr wunderbaren Modifikationen dieses Instinktes (wenigstens nicht wunderbarer als jene, die den Vogel bei seinem Nestbau leiten), durch welche, wie ich glaube, die Korb-Biene auf dem Wege Natürlicher Züchtung zu ihrer unnachahmlichen architektonischen Geschicklichkeit gelangt ist.

     Doch diese Theorie lässt sich durch Versuche bewähren. Nach Herrn Tegetmeier's Vorgange trennte ich zwei Bienen-Waben und fügte einen langen dicken viereckigen Streifen Wachs dazwischen. Die Bienen begannen sogleich kleine kreisrunde Grübchen darin auszuhöhlen, die sie immer mehr erweiterten je tiefer sie wurden, bis flache Becken daraus entstunden, die genau kreisrund und vom Durchmesser der gewöhnlichen Zellen waren. Es war sehr ansprechend für mich zu beobachten, dass überall, wo mehre Bienen zugleich neben einander solche Aushöhlungen zu machen begannen, sie genau die richtigen Entfernungen einhielten, dass jene Becken mit der Zeit vollkommen die erwähnte Weite einer gewöhnlichen Zelle erlangten, so dass, als sie den sechsten Theil des Durchmessers des Kreises, wovon sie einen Theil bildeten, erreicht hatten, sie einander schneiden mussten. Sobald diess der Fall war, hielten die Bienen mit der weiteren Austiefung ein und begannen auf den Schneidungs-Linien zwischen den Becken ebene Wände von Wachs senkrecht aufzuführen, so dass jede sechsseitige Zelle auf den unebenen Rand eines glatten Beckens statt auf die geraden Ränder einer [239] dreiseitigen Pyramide zu stehen kam, wie bei den gewöhnlichen Bienen-Zellen.

     Ich brachte dann statt eines dicken viereckigen Stückes Wachs einen schmalen und nur Messerrücken-dicken Wachs-Streifen, mit Cochenille gefärbt, in den Korb. Die Bienen begannen sogleich von zwei Seiten her kleine Becken nahe beieinander darin auszuhöhlen, wie zuvor: aber der Wachs-Streifen war so dünn, dass die Böden der Becken bei gleich-tiefer Aushöhlung wie vorhin von zwei entgegengesetzten Seiten her hätten ineinander brechen müssen. Dazu liessen es aber die Bienen nicht kommen, sondern hörten bei Zeiten mit der Vertiefung auf, so dass die Becken, so bald sie etwas vertieft waren, ebene Böden bekamen; und diese ebenen Böden, aus dünnen Plättchen des rothgefärbten Wachses bestehend, die nicht weiter ausgenagt wurden, kamen, so weit das Auge unterscheiden konnte, genau längs den eingebildeten Schneidungs-Ebenen zwischen den Becken der zwei entgegengesetzten Seiten des Wachs-Streifens zu liegen. Stellenweise waren kleine Anfänge, an anderen Stellen grössre Theile rhombischer Tafeln zwischen den einander entgegenstehenden Becken übrig geblieben; aber das Werk wurde in Folge der unnatürlichen Lage der Dinge nicht zierlich ausgeführt. Die Bienen müssen in ungefähr gleichem Verhältniss auf beiden Seiten des rothen Wachs-Streifens gearbeitet haben, als sie die kreisrunden Vertiefungen von beiden Seiten her ausnagten, um bei Einstellung der Arbeit die ebenen Boden-Plättchen auf der Zwischenwand übrig lassen zu können.

     Berücksichtigt man, wie biegsam dieses Wachs ist, so sehe ich keine Schwierigkeit für die Bienen ein, es von beiden Seiten her wahrzunehmen, wenn sie das Wachs bis zur angemessenen Dünne weggenagt haben, um dann ihre Arbeit einzustellen. In gewöhnlichen Bienenwaben schien mir, dass es den Bienen nicht immer gelinge, genau gleichen Schrittes von beiden Seiten her zu arbeiten. Denn ich habe halb-vollendete Rauten am Grunde einer eben begonnenen Zelle bemerkt, die an einer Seite etwas konkav waren, wo nach meiner Vermuthung die Bienen ein wenig zu rasch vorgedrungen waren, und auf der anderen Seite konvex [240] erschienen, wo sie träger in der Arbeit gewesen. In einem sehr ausgezeichneten Falle der Art brachte ich die Wabe in den Korb zurück, liess die Bienen kurze Zeit daran arbeiten, und nahm sie darauf wieder heraus, um die Zellen aufs Neue zu untersuchen. Ich fand dann die Rauten-förmigen Platten ergänzt und von beiden Seiten vollkommen eben. Es war aber bei der ausserordentlichen Dünne der rhombischen Plättchen unmöglich gewesen, Diess durch ein weitres Benagen von der konvexen Seite her zu bewirken, und ich vermuthe, dass die Bienen in solchen Fällen von den entgegengesetzten Zellen aus das biegsame und warme Wachs (was nach einem Versuche leicht geschehen kann) in die zukömmliche mittle Ebene gedrückt und gebogen haben, bis es flach wurde.

     Aus dem Versuche mit dem roth-gefärbten Streifen ist klar zu ersehen, dass, wenn die Bienen eine dünne Wachs-Wand zur Bearbeitung vor sich haben, sie ihre Zellen von angemessener Form machen können, indem sie sich in richtigen Entfernungen von einander halten, gleichen Schritts mit der Austiefung vorrücken, und gleiche runde Höhlen machen, ohne jedoch deren Zwischenwände zu durchbrechen. Nun machen die Bienen, wie man bei Untersuchung des Randes einer in umfänglicher Zunahme begriffenen Honigwabe deutlich erkennt, eine rauhe Einfassung oder Wand rund um die Wabe, und nagen darin von den entgegengesetzten Seiten her ihre Zellen aus, indem sie mit deren Vertiefung auch den kreisrunden Umfang erweitern. Sie machen nie die ganze dreiseitige Pyramide des Bodens einer Zelle auf einmal, sondern nur die eine der drei rhombischen Platten, welche dem äussersten in Zunahme begriffenen Rande entspricht, oder auch die zwei Platten, wie es die Lage mit sich bringt. Auch ergänzen sie nie die oberen Ränder der rhombischen Platten, als bis die sechsseitige Zellenwand angefangen wird. Einige dieser Angaben weichen von denen des mit Recht berühmten älteren Huber ab, aber ich bin überzeugt, dass sie richtig sind; und wenn es der Raum gestattete, so würde ich zeigen, dass sie so mit meiner Theorie in Einklang stehen.

     Huber's Behauptung, dass die allererste Zelle in einer nicht [241] vollkommen parallel-seitigen Wachs-Wand ausgehöhlt worden, ist, so viel ich gesehen, nicht ganz richtig: der erste Anfang war immer eine kleine Haube von Wachs; doch will ich in diese Einzelnheiten hier nicht eingehen. Wir sehen, was für einen wichtigen Antheil die Aushöhlung an der Zellen-Bildung hat; doch wäre es ein grosser Fehler anzunehmen, die Bienen könnten auf eine rauhe Wachs-Wand nicht in geeigneter Lage, d. h. längs der Durchschnitts-Ebene zwischen zwei aneinander-grenzenden Kreisen, bauen. Ich habe verschiedene Musterstücke, welche beweisen, dass sie Diess können. Selbst in dem rohen umfänglichen Wachs-Rande rund um eine in Zunahme begriffene Wabe beobachtet man zuweilen Krümmungen, welche ihrer Lage nach den Ebenen der rautenförmigen Grund-Platten künftiger Zellen entsprechen. Aber in allen Fällen muss die rauhe Wachs-Wand durch Wegnagung ansehnlicher Theile derselben von beiden Seiten her ausgearbeitet werden. Die Art, wie die Bienen bauen, ist sonderbar. Sie machen immer die erste rohe Wand zehn bis zwanzig mal dicker, als die äusserst feine Scheidewand, die zuletzt zwischen den Zellen übrig bleiben soll. Wir werden besser verstehen, wie sie zu Werke gehen, wenn wir uns denken, Maurer häuften zuerst einen breiten Zäment-Wall auf, begännen dann am Boden denselben von zwei Seiten her gleichen Schrittes, bis noch eine dünne Wand in der Mitte, wegzuhauen und häuften das Weggehauene mit neuem Zäment immer wieder auf dem Rücken des Walles an. Wir haben dann eine dünne stetig in die Höhe wachsende Wand, die aber stets noch überragt ist von einem dicken rohen Wall. Da alle Zellen, die erst angefangenen sowohl als die schon fertigen, auf diese Weise von einer starken Wachs-Masse gekrönt sind, so können sich die Bienen auf der Wabe zusammenhäufen und herumtummeln, ohne die zarten sechseckigen Zellen-Wände zu beschädigen, welche nur 1/400 Zoll dick sind; die Platten an der Grund-Pyramide sind doppelt so dick. Durch diese eigenthümliche Weise zu bauen erhält die Wabe fortwährend die erforderliche Stärke mit der grösst-möglichen Ersparung von Wachs.

     Anfangs scheint die Schwierigkeit, die Anfertigungs-Weise [242] der Zellen zu begreifen, noch dadurch vermehrt zu werden, dass eine Menge von Bienen gemeinsam arbeiten, indem jede, wenn sie eine Zeit lang an einer Zelle gearbeitet hat, an eine andre geht, so dass, wie Huber bemerkt, ein oder zwei Dutzend Individuen sogar am Anfang der ersten Zelle sich betheiligen. Es ist mir möglich gewesen, diese Thatsache zu bestätigen, indem ich die Ränder der sechsseitigen Wand einer einzelnen Zelle oder den äussersten Rand der Umfassungs-Wand einer im Wachsthum begriffenen Wabe mit einer äusserst dünnen Schicht flüssigen roth-gefärbten Wachses überzog und dann jedesmal fand, dass die Bienen diese Farbe auf die zarteste Weise, wie es kein Maler zarter mit seinem Pinsel vermocht hätte, vertheilten, indem sie Atome des gefärbten Wachses von ihrer Stelle entnahmen und ringsum in die zunehmenden Zellen-Ränder verarbeiteten. Diese Art zu bauen kömmt mir vor, wie ein Wetteifer zwischen vielen Bienen einander das Gleichgewicht zu halten, indem alle Instinkt-gemäss in gleichen Entfernungen von einander stehen, und alle gleiche Kreise um sich zu beschreiben suchen, dann aber die Durchschnitts-Ebenen zwischen diesen Kreisen entweder aufzubauen oder unbenagt zu lassen. Es war in der That eigenthümlich anzusehen, wie manchmal in schwierigen Fällen, wenn z. B. zwei Stücke einer Wabe unter irgend einem Winkel aneinanderstiessen, die Bienen dieselbe Zelle wieder niederrissen und in andrer Art herstellten, mitunter auch zu einer Form zurückkehrten, die sie schon einmal verworfen hatten.

     Wenn Bienen einen Platz haben, wo sie in zur Arbeit angemessener Haltung stehen können, — z. B. auf einem Holz-Stückchen gerade unter der Mitte einer abwärts wachsenden Wabe, so dass die Wabe über eine Seite des Holzes gebaut werden muss, — so können sie den Grund zu einer Wand eines neuen Sechsecks legen, so dass es genau am gehörigen Platze unter den andern fertigen Zellen vorragt. Es genügt, dass die Bienen im Stande sind in zukömmlicher Entfernung von einander und von den Wänden der zuletzt vollendeten Zellen zu stehen, und dann können sie, nach Maassgabe der eingebildeten Kreise, [243] eine Zwischenwand zwischen zwei benachbarten Zellen aufführen; aber, so viel ich gesehen, arbeiten sie niemals die Ecken einer Zelle scharf aus, als bis ein grosser Theil sowohl dieser als der anstossenden Zellen fertig ist. Dieses Vermögen der Bienen unter gewissen Verhältnissen an angemessener Stelle zwischen zwei soeben angefangnen Zellen eine rauhe Wand zu bilden ist wichtig, weil es eine Thatsache erklärt, welche anfänglich die vorangehende Theorie mit gänzlichem Umsturze bedrohete, nämlich dass die Zellen auf der äussersten Kante einer Bienen-Wabe zuweilen genau sechseckig sind; inzwischen habe ich hier nicht Raum auf diesen Gegenstand einzugehen. Dann scheint es mir auch keine grosse Schwierigkeit mehr darzubieten, dass ein einzelnes Insekt (wie es bei der Bienenkönigin z. B. der Fall ist) sechskantige Zellen baut, wenn es nämlich abwechselnd an der Aussen- und der Innen-Seite von zwei oder drei gleichzeitig angefangenen Zellen arbeitet und dabei immer in der angemessenen Entfernung von den Theilen der eben begonnenen Zellen steht, Kreise um sich beschreibt und in den Schneidungs-Ebenen Zwischenwände aufführt. Auch ist es zu begreifen, dass ein Insekt, indem es seinen Platz am Anfangs-Punkte einer Zelle einnimmt und sich von da auswärts zuerst nach einem und dann nach fünf andern Punkten in angemessenen Entfernungen von einander und vom Mittelpunkte wendet, der Richtung der Schneidungs-Ebenen folgt und so ein einzelnes Sechseck zuwegebringt; doch ist mir nicht bekannt, dass ein Fall dieser Art beobachtet worden wäre, wie denn auch aus der Erbauung einer einzeln-stehenden sechseckigen Zelle dem Insekt kein Vortheil entspränge, indem dieselbe mehr Bau-Material als ein Zylinder erheischen würde.

     Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung geringer Abweichungen des Baues oder Instinktes wirkt, welche alle dem Individuum in seinen Lebens-Verhältnissen nützlich sind, so mag man vernünftiger Weise fragen, welchen Nutzen eine lange und stufenweise Reihenfolge von Abänderungen des Bau-Triebes in der zu seiner jetzigen Vollkommenheit führenden Richtung der Stamm-Form unsrer Honigbienen habe bringen können? Ich [244] glaube, die Antwort ist nicht schwer. Es ist bekannt, dass Bienen oft in grosser Noth sind, genügenden Nektar aufzutreiben; und ich habe von Herrn Tegetmeier erfahren, dass er durch Versuche ermittelt habe, dass nicht weniger als 12-15 Pfund trocknen Zuckers zur Sekretion von jedem Pfund Wachs in einem Bienen-Korbe verbraucht werden, daher eine überschwängliche Menge flüssigen Honigs eingesammelt und von den Bienen eines Stockes verzehrt werden muss, um das zur Erbauung ihrer Waben nöthige Wachs zu erhalten. Überdiess muss eine grosse Anzahl Bienen während des Sekretions-Prozesses viele Tage lang unbeschäftigt bleiben. Ein grosser Honig-Vorrath ist ferner nöthig für den Unterhalt eines starken Stockes über Winter, und es ist bekannt, dass die Sicherheit desselben hauptsächlich gerade von seiner Stärke abhängt. Daher Ersparniss von Wachs eine grosse Ersparniss von Honig veranlasst und eine wesentliche Bedingniss des Gedeihens einer Bienen-Familie ist. Für gewöhnlich mag der Erfolg einer Bienen-Art von der Zahl ihrer Parasiten und andrer Feinde oder von ganz andern Ursachen bedingt und in soferne von der Menge des Honigs unabhängig seyn, welche die Bienen einsammeln können. Nehmen wir aber an, diess Letzte seye doch wirklich der Fall, wie in der That oft die Menge der Hummel-Bienen in einer Gegend davon bedingt ist, und nehmen wir ferner an (was in Wirklichkeit nicht so ist), ihre Gemeinde durchlebe den Winter und verlange mithin einen Honig-Vorrath, so wäre es in diesem Falle für unsre Hummel-Bienen gewiss ein Vortheil, wenn eine geringe Veränderung ihres Instinktes sie veranlasste, ihre Wachs-Zellen etwas näher an einander zu machen, so dass sich deren kreisrunden Wände etwas schnitten; denn eine jede zweien aneinander-stossenden Zellen gemeinsam dienende Zwischenwand müsste etwas Wachs ersparen. Es würde daher ein zunehmender Vortheil für unsre Hummeln seyn, wenn sie ihre Zellen immer regelmässiger machten, immer näher zusammenrückten und immer mehr zu einer Masse vereinigten, wie Melipona, weil alsdann ein grosser Theil der eine jede Zelle begrenzenden Wand auch andern Zellen zur Begrenzung dienen und viel Wachs erspart werden würde. Aus [245] gleichem Grunde würde es für die Melipona vortheilhaft seyn, wenn sie ihre walzenförmigen Zellen noch näher zusammenrückte und noch regelmässiger als jetzt machte, weil dann, wie wir gesehen haben, die kreisförmigen Wände gänzlich verschwinden und durch ebene Zwischen-Wände ersetzt werden müssten, wo dann die Melipona eine so vollkommene Wabe als die Honig-Biene liefern würde. Aber über diese Stufe hinaus kann Natürliche Züchtung den Bau-Trieb nicht mehr vervollkommnen, weil die Wabe der Honig-Biene, so viel wir einsehen können, hinsichtlich der Wachs-Ersparniss unbedingt vollkommen ist.

     So kann nach meiner Meinung der wunderbarste aller bekannten Instinkte, der der Honigbiene, durch die Annahme erklärt werden, Natürliche Züchtung habe allmählich eine Menge kleiner Abänderungen einfachrer Naturtriebe benützt; sie habe auf langsamen Stufen die Bienen geleitet, in einer doppelten Schicht gleiche Kreise in gegebenen Entfernungen von einander zu ziehen und das Wachs längs ihrer Durchschnitts-Ebenen aufzuschichten und auszuhöhlen, wenn auch die Bienen selbst von den bestimmten Abständen ihrer Kreise von einander eben so wenig als von den Winkeln ihrer Sechsecke und den Rautenflächen am Boden ein Bewusstseyn haben. Die treibende Ursache des Prozesses der Natürlichen Züchtung war Ersparniss an Wachs. Der einzelne Schwarm, welcher am wenigsten Honig zur Sekretion von Wachs bedurfte, gedieh am besten und vererbte seinen neu-erworbenen Ersparniss-Trieb auf spätre Schwärme, welche dann ihrerseits wieder die meiste Wahrscheinlichkeit des Erfolges in dem Kample um’s Daseyn hatten.

     Ohne Zweifel liessen sich noch viele schwer erklärbare Instinkte meiner Theorie Natürlicher Züchtung entgegenhalten: Fälle, wo sich die Veranlassung zur Entstehung eines Instinktes nicht einsehen lässt; Fälle, wo keine Zwischenstufen bekannt sind; Fälle von anscheinend so unwichtigen Instinkten, dass kaum abzusehen, wie sich die Natürliche Züchtung an ihnen betheiligt haben könne; Fälle von fast gleichen Instinkten bei Thieren, welche auf der Stufenleiter der Natur so weit auseinander stehen, dass sich deren Übereinstimmung nicht durch Ererbung von einer gemeinsamen [246] Stamm-Form erklären lässt, sondern voneinander unabhängigen Züchtungs-Thätigkeiten zugeschrieben werden muss. Ich will hier nicht auf diese mancherlei Fälle eingehen, sondern nur bei einer besondern Schwierigkeit stehen bleiben, welche mir anfangs unübersteiglich und meiner ganzen Theorie verderblich zu seyn schien. Ich will von den geschlechtlosen Individuen oder unfruchtbaren[WS 2] Weibchen der Insekten-Kolonien sprechen; denn diese Geschlechtlosen weichen sowohl von den Männchen als den fruchtbaren Weibchen in Bau und Instinkt oft sehr weit ab und können doch, weil sie steril sind, ihre eigenthümliche Beschaffenheit nicht selbst durch Fortpflanzung weiter übertragen.

     Dieser Gegenstand würde sich zu einer weitläufigen Erörterung eignen; doch will ich hier nur einen einzelnen Fall herausheben, die Arbeits-Ameisen. Anzugeben wie diese Arbeiter steril geworden sind, ist eine grosse Schwierigkeit, doch nicht grösser als bei andren auffälligen Abänderungen in der Organisation auch. Denn es lässt sich nachweisen, dass einige Sechsfüsser u. a. Kerbthiere im Natur-Zustande zuweilen unfruchtbar werden; und falls Diess nun bei gesellig lebenden Arten vorgekommen und es der Gemeinde vortheilhaft gewesen ist, dass jährlich eine Anzahl zur Arbeit geschickter aber zur Fortpflanzung untauglicher Individuen unter ihnen geboren werde, so dürfte keine grosse Schwierigkeit für die Natürliche Züchtung mehr stattgefunden haben, jenen Zufall zur weitern Entwickelung dieser Anlage zu benützen. Doch muss ich über dieses vorläufige Bedenken hinweggehen. Die Grösse der Schwierigkeit liegt darin, dass diese Arbeiter sowohl von den männlichen wie von den weiblichen Ameisen auch in ihrem übrigen Bau, in der Form des Bruststückes, in dem Mangel der Flügel und zuweilen der Augen, so wie in ihren Instinkten weit abweichen. Was den Instinkt allein betrifft, so hätte sich die wunderbare Verschiedenheit, welche in dieser Hinsicht zwischen den Arbeiterinnen und den fruchtbaren Weibchen ergibt, noch weit besser bei den Honig-Bienen [4] nachweisen [247] lassen. Wäre eine Arbeits-Ameise oder ein andres Geschlecht-loses Insekt ein Thier in seinem gewöhnlichen Zustande, so würde ich unbedenklich angenommen haben, dass alle seine Charaktere durch Natürliche Züchtung entwickelt worden seyen, und dass namentlich, wenn ein Individuum mit irgend einer kleinen Nutz-bringenden Abweichung des Baues geboren worden wäre, sich diese Abweichung auf dessen Nachkommen vererbt habe, welche dann ebenfalls variirten und bei weitrer Züchtung voranstunden. In der Arbeits-Ameise aber haben wir ein von seinen Ältern weit abweichendes Insekt, unbedingt unfruchtbar, welches daher zufällige Abänderungen des Baues nie ererbt haben noch auf eine Nachkommenschaft weiter vererben kann. Man muss daher fragen, wie es möglich seye, diesen Fall mit der Theorie Natürlicher Züchtung in Einklang zu bringen?

     Erstens können wir mit unzähligen Beispielen sowohl unter unsern kultivirten als unter den natürlichen Erzeugnissen belegen, dass Struktur-Verschiedenheiten aller Arten mit gewissen Altern oder mit nur einem der zwei Geschlechter in eine feste Wechselbeziehung getreten sind. Wir haben Abänderungen, die in solcher Wechselbeziehung nicht allein mit nur dem einen Geschlechte, sondern sogar mit bloss der kurzen Jahreszeit stehen, wo das Reproduktiv-System thätig ist, wie das hochzeitliche Kleid vieler Vögel und der Haken-förmige Unterkiefer des Salmen. Wir haben auch geringe Unterschiede in den Hörnern einiger Rinds-Rassen, welche mit einem künstlich unvollkommenen Zustande des männlichen Geschlechtes stehen; denn die Ochsen haben in manchen Rassen längre Hörner als in andern, in Vergleich zu denen ihrer Bullen oder Kühe. Ich finde daher keine wesentliche Schwierigkeit darin, dass ein Charakter mit dem unfruchtbaren Zustande gewisser Mitglieder von Insekten-Gemeinden in Correlation steht; die Schwierigkeit liegt nur darin zu begreifen, wie solche in Wechselbeziehung stehende Abänderungen des Baues durch Natürliche Züchtung langsam gehäuft werden konnten. [248]

     Diese anscheinend unüberwindliche Schwierigkeit wird aber bedeutend geringer oder verschwindet, wie ich glaube, gänzlich, wenn wir bedenken, dass Züchtung ebensowohl bei der Familie als bei den Individuen anwendbar ist und daher zum erwünschten Ziele führen kann. So wird eine wohl-schmeckende Gemüse-Sorte gekocht, und diess Individuum ist zerstört; aber der Gärtner säet Saamen vom nämlichen Stock und erwartet mit Zuversicht wieder nahezu dieselbe Varietät zu ärndten. Rindvieh-Züchter wünschen das Fleisch vom Fett gut durchwachsen. Das Thier ist geschlachtet worden, aber der Züchter wendet sich mit Vertrauen wieder zur nämlichen Familie. Ich habe solchen Glauben an die Macht der Züchtung, dass ich nicht bezweifle, dass eine Rinder-Rasse, welche stets Ochsen mit ausserordentlich langen Hörnern liefert, langsam gezüchtet werden könne durch sorgfältige Anwendung von solchen Bullen und Kühen, die, miteinander gepaart, Ochsen mit den längsten Hörnern geben, obwohl nie ein Ochse selbst diese Eigenschaft auf Nachkommen zu übertragen im Stande ist. So mag es wohl auch mit geselligen Insekten gewesen seyn; eine kleine Abänderung im Bau oder Instinkt, welche mit der unfruchtbaren Beschaffenheit gewisser Mitglieder der Gemeinde in Zusammenhang steht, hat sich für die Gemeinde nützlich erwiesen, in Folge dessen die fruchtbaren Männchen und Weibchen derselben besser gediehen und auf ihre fruchtbaren Nachkommen eine Neigung übertrugen unfruchtbare Glieder mit gleicher Abänderung hervorzubringen. Und ich glaube, dass dieser Vorgang oft genug wiederholt worden ist, bis diese Verschiedenheit zwischen den fruchtbaren und unfruchtbaren Weibchen einer Spezies zu der wunderbaren Höhe gedieh, wie wir sie jetzt bei vielen gesellig lebenden Insekten wahrnehmen.

     Aber die Schwierigkeit hat noch eine höhere Stufe, die wir noch nicht berührt haben, indem die Geschlechtlosen bei mehren Ameisen-Arten nicht allein von den fruchtbaren Männchen und Weibchen, sondern auch noch untereinander selbst in oft unglaublichem Grade abweichen und danach in 2—3 Kasten getheilt werden. Diese Kasten gehen in der Regel nicht in einanander [249] über, sondern sind vollkommen getrennt, so verschieden voneinander, wie es sonst zwei Arten einer Sippe oder zwei Sippen einer Familie zu seyn pflegen. So kommen bei Eciton arbeitende und kämpfende Individuen mit ausserordentlich verschiedenen Kinnladen und Instinkten vor; bei Cryptocerus tragen die Arbeiter der einen Kasten allein eine wunderbare Art von Schild an ihrem Kopfe, dessen Zweck ganz unbekannt ist. Bei den Mexikanischen Myrmecocystus verlassen die Arbeiter der einen Kaste niemals das Nest; sie werden durch die Arbeiter einer andern Kaste gefüttert und haben ein ungeheuer entwickeltes Abdomen, das eine Art Honig absondert, der die Stelle desjenigen vertritt, welchen unsre Ameisen durch das Melken der Blattläuse erlangen; die Mexikanischen gewinnen ihn von Individuen ihrer eignen Art, die sie als »Kühe« im Hause eingestellt halten.

     Man mag in der That denken, dass ich ein übermässiges Vertrauen in das Prinzip der Natürlichen Züchtung setze, wenn ich nicht zugebe, dass so wunderbare und wohl-begründete Thatsachen meine Theorie auf einmal gänzlich vernichten. In dem einfacheren Falle, wo Geschlecht-lose Ameisen nur von einer Kaste vorkommen, die nach meiner Meinung durch Natürliche Züchtung ganz leicht von den fruchtbaren Männchen und Weibchen abgetrennt worden seyn können, in diesem Falle dürfen wir aus der Analogie mit gewöhnlichen Abänderungen zuversichtlich schliessen, dass jede geringe nützliche spätre Abweichung nicht alsbald an allen Geschlecht-losen Individuen eines Nestes zugleich, sondern nur an einigen wenigen zum Vorschein kam, und dass erst in Folge lang-fortgesetzter Züchtung fruchtbarer Ältern, welche die meisten Geschlechtlosen mit der nutzbaren Abänderung erzeugen konnten, die Geschlechtlosen endlich alle diesen gewünschten Charakter erlangten. Nach dieser Ansicht müsste man auch im nämlichen Neste zuweilen noch Geschlecht-lose Individuen derselben Insekten-Art finden, welche Zwischenstufen der Körper-Bildung darstellen; und diese findet man in der That und zwar, wenn man berücksichtigt, wie selten in Europa diese Geschlechtlosen näher untersucht werden, oft genug. Herr F. Smith hat gezeigt, wie erstaunlich dieselben bei [250] den verschiedenen Englischen Ameisen-Arten in der Grösse und mitunter in der Form variiren, und dass selbst die äussersten Formen zuweilen vollständig durch aus demselben Neste entnommene Individuen untereinander verkettet werden können. Ich selbst habe vollkommene Stufenreihen dieser Art miteinander vergleichen können. Oft geschieht es, dass die grösseren oder die kleineren Arbeiter die zahlreicheren sind, oft auch sind beide gleich zahlreich mit einer mitteln Abstufung. Formica flava hat grössre und kleinere Arbeiter mit einigen von mittler Grösse; und bei dieser Art haben nach Herrn Smith's Beobachtung die grösseren Arbeiter einfache Augen (Ocelli), welche, wenn auch klein, doch deutlich zu beobachten sind, während die Ocellen der kleineren nur rudimentär erscheinen. Nachdem ich verschiedene Individuen dieser Arbeiter sorgfältig zerlegt habe, kann ich versichern, dass die Ocellen der letzten weit rudimentärer sind, als nach ihrer Grösse allein zu erwarten gewesen wäre, und ich glaube fest, wenn ich es auch nicht für gewiss zu behaupten wage, dass die Arbeiter von mittler Grösse auch Ocellen von mittlem Vollkommenheits-Grade besitzen. Es gibt daher zwei Gruppen steriler Arbeiter in einem Neste, welche nicht allein in der Grösse, sondern auch in den Gesichts-Organen von einander abweichen und durch einige wenige Glieder von mittler Beschaffenheit miteinander verbunden werden. Ich könnte nun noch weiter gehen und sagen, dass wenn die kleineren die nützlicheren für den Haushalt der Gemeinde gewesen wären und demzufolge immer diejenigen Männchen und Weibchen, welche die kleineren Arbeiter liefern, bei der Züchtung das Übergewicht gewonnen hätten, bis alle Arbeiter einerlei Beschaffenheit erlangten, wir eine Ameisen-Art haben müssten, deren Geschlecht-losen fast wie bei Myrmica beschaffen wären. Denn die Arbeiter von Myrmica haben nicht einmal Augen-Rudimente, obwohl deren Männchen und Weibchen wohl entwickelte Ocellen besitzen.

     Ich will noch ein andres Beispiel anführen. Ich erwartete so zuversichtlich, Abstufungen in wesentlichen Theilen des Körper-Baues zwischen den verschiedenen Kasten der Geschlecht-losen in einer nämlichen Art zu finden, dass ich mir gerne [251] Hrn. F. Smith's Anerbieten zahlreicher Exemplare der Treiber-Ameise (Anomma) aus West-Afrika zu Nutz’ machte. Der Leser wird vielleicht[WS 3] die Grösse des Unterschiedes zwischen deren Arbeitern am besten bemessen, wenn ich ihm nicht die wirklichen Ausmessungen, sondern eine streng genaue Vergleichung mittheile. Die Verschiedenheit ist eben so gross, als ob wir eine Reihe von Arbeitsleuten ein Haus bauen sähen, von welchen viele nur fünf Fuss vier Zoll hoch und viele andre bis sechszehn Fuss gross wären (1:3); dann müssten wir aber noch unterstellen, dass die grösseren vier- statt drei-mal so grosse Köpfe als die kleineren und fast fünfmal so grosse Kinnladen hätten. Überdiess ändern die Kinnladen dieser Arbeiter wunderbar in Form, in Grösse und in der Zahl der Zähne ab. Aber die für uns wichtigste Thatsache ist, dass, obwohl man diese Arbeiter in Kasten von verschiedener Grösse unterscheiden kann, sie doch unmerklich in einander übergehen, wie es auch mit der so weit auseinander weichenden Bildung ihrer Kinnladen der Fall ist. Ich kann mit Zuversicht über diesen letzten Punkt sprechen; da Hr. Lubbock Zeichnungen dieser Kinnladen mit der Camera lucida für mich angefertigt hat, welche ich von den Arbeitern verschiedener Grösse abgelöst hatte.

     Mit diesen Thatsachen vor mir glaube ich, dass Natürliche Züchtung auf die fruchtbaren Ältern wirkend Arten zu bilden im Stande ist, welche regelmässig auch ungeschlechtliche Individuen hervorbringen, die entweder alle eine ansehnliche Grösse und gleich-beschaffene Kinnladen haben, oder welche alle klein und mit Kinnladen von sehr veränderlicher Bildung versehen sind, oder welche endlich (und Diess ist die Hauptschwierigkeit) zwei Gruppen von verschiedener Beschaffenheit darstellen, wovon die eine von gleicher Grösse und Bildung und die andre in beiderlei Hinsicht veränderlich ist, beide aus einer anfänglichen Stufenreihe wie bei Anomma hervorgegangen, wovon aber die zwei äussersten Formen, soferne sie für die Gemeinde die nützlichsten sind, durch Natürliche Züchtung der sie erzeugenden Ältern immer zahlreicher überwiegend werden, bis die Zwischenstufen gänzlich verschwinden. [252]

     So ist nach meiner Meinung die wunderbare Erscheinung von zwei streng begrenzten Kasten unfruchtbarer Arbeiter in einerlei Nest zu erklären, welche beide weit voneinander und von ihren Ältern verschieden sind. Es lässt sich annehmen, dass ihre Hervorbringung für eine soziale Insekten-Gemeinde nach gleichem Prinzipe, wie die Theilung der Arbeit für die zivilisirten Menschen, nützlich gewesen seye. Da die Ameisen mit ererbten Instinkten und mit ererbten Organen und Werkzeugen und nicht mit erworbenen Kenntnissen und fabrizirtem Geräthe arbeiten, so liess sich eine vollständige Theilung der Arbeit unter denselben nur mittelst steriler Arbeiter erzielen; denn wären sie fruchtbar gewesen, so würden sie durch Kreutzung ihre Instinkte und Werkzeuge mit denen der andern gemischt und verdorben haben. Und die Natur hat, wie ich glaube, diese bewundernswürdige Arbeits-Theilung in den Ameisen-Gemeinden durch Züchtung bewirkt. Aber ich bin zu bekennen genöthigt, dass ich bei allem Vertrauen in dieses Prinzip doch, ohne die vorliegenden Thatsachen zu kennen, nie geahnt haben würde, dass Natürliche Züchtung sich in so hohem Grade wirksam erweisen könne. Ich habe desshalb auch diesen Gegenstand mit etwas grössrer, obwohl noch ganz ungenügender Ausführlichkeit abgehandelt, um daran die Macht Natürlicher Züchtung zu zeigen und weil er in der That die ernsteste spezielle Schwierigkeit für meine Theorie darbietet. Auch ist der Fall darum sehr interessant, weil er zeigt, dass sowohl bei Thieren als bei Pflanzen jeder Betrag von Abänderung in der Struktur durch Häufung vieler kleinen und anscheinend zufälligen Abweichungen von irgend welcher Nützlichkeit, ohne alle Unterstützung durch Übung und Gewohnheit, bewirkt werden kann. Denn keinerlei Grad von Übung, Gewohnheit und Willen in den gänzlich unfruchtbaren Gliedern einer Gemeinde vermöchte die Bildung oder Instinkte der fruchtbaren Glieder, welche allein die Nachkommenschaft liefern, zu beeinflussen. Ich bin erstaunt, dass noch Niemand den lehrreichen Fall der Geschlecht-losen Insekten der wohl-bekannten Theorie Lamarck’s entgegengesetzt hat. [253]

     Zusammenfassung.) Ich habe in diesem Kapitel versucht, kürzlich zu zeigen, dass die Geistes-Fähigkeiten unsrer Hausthiere abändern, und dass diese Abänderungen vererblich sind. Und in noch kürzrer Weise habe ich darzuthun gestrebt, dass Instinkte im Natur-Zustande etwas abändern. Niemand wird bestreiten, dass Instinkte von der höchsten Wichtigkeit für jedes Thier sind. Ich sehe daher keine Schwierigkeit, warum unter veränderten Lebens-Bedingungen Natürliche Züchtung nicht auch im Stande gewesen seyn sollte, kleine Abänderungen des Instinktes in einer nützlichen Richtung bis zu jedem Betrag zu häufen. In einigen Fällen haben Gewohnheit, Gebrauch und Nichtgebrauch wahrscheinlich mitgewirkt. Ich glaube nicht durch die in diesem Abschnitte mitgetheilten Thatsachen meine Theorie in irgend einer Weise zu stützen; doch ist nach meiner besten Überzeugung auch keine dieser Schwierigkeiten im Stande sie umzustossen. Auf der andern Seite aber eignen sich die Thatsachen, dass Instinkte nicht immer vollkommen und noch Missdeutungen unterworfen sind, — dass kein Instinkt zum ausschliesslichen Vortheil eines andern Thieres vorhanden ist, wenn auch jedes Thier von Instinkten andrer Nutzen zieht, — dass der naturhistorische Glaubenssatz »Natura non facit saltum« ebensowohl auf Instinkte als auf körperliche Bildungen anwendbar und aus den vorgetragenen Ansichten eben so erklärlich als auf andre Weise unerklärbar ist: alle diese Thatsachen eignen sich die Theorie der Natürlichen Züchtung zu befestigen.

     Diese Theorie wird noch durch einige andre Erscheinungen hinsichtlich der Instinkte bestärkt. So durch die gemeine Beobachtung, dass einander nahe verwandte aber sicherlich verschiedene Spezies, wenn sie von einander entfernte Welttheile bewohnen und unter beträchtlich verschiedenen Existenz-Bedingungen leben, doch oft fast dieselben Instinkte beibehalten. So z. B. lässt sich aus dem Erblichkeits-Prinzip erklären, wie es kommt, dass die Süd-Amerikanische Drossel ihr Nest mit Schlamm auskleidet ganz in derselben Weise, wie es unsre Europäische Drossel thut; — wie es kommt, dass die Männchen des [254] Ostindischen und des Afrikanischen[WS 4] Nashorn-Vogels, welche zu zwei verschiedenen Untersippen von Buceros gehören, beide dieselben eigenthümlichen Instinkte besitzen, ihre in Baumhöhlen brütenden Weibchen mit Sand so einzumauern, dass nur noch ein kleines Loch offen bleibt, durch welches sie das Weibchen und später auch die Jungen mit Nahrung versehen; — wie es kommt, dass das Männchen des Amerikanischen Zaunkönigs (Troglodytes) ein besondres Nest für sich baut, ganz wie das Männchen unsrer einheimischen Art: Alles Sitten, die bei andern Vögeln gar nicht vorkommen. Endlich mag es wohl keine logisch richtige Folgerung seyn, es entspricht aber meiner Vorstellungs-Art weit besser, solche Instinkte wie die des jungen Kuckucks, der seine Nährbrüder aus dem Neste stösst, — wie die der Ameisen, welche Sklaven machen, — oder die der Ichneumoniden, welche ihre Eier in lebende Raupen legen: nicht als eigenthümlich anerschaffne Instinkte, sondern nur als geringe Ausflüsse eines allgemeinen Gesetzes zu betrachten, welches allen organischen Wesen zum Vortheil gereicht, nämlich: Vermehrung und Abänderung macht die stärksten siegen und die schwächsten erliegen.


  1. „Brütig“ für broody; das Wort ist im Deutschen nicht üblich; doch gibt es in Nord-Deutschland dafür einen Provinzialismus „heckisch".      D. Übs.
  2. Diess kann kein Grund seyn; denn das Alter der Eier polygamischer Vögel, welche 10 — 20 und mehr Eier legen und eben so viele Tage dazu bedürfen, ist noch viel ungleicher, und doch kommen die Jungen gleichzeitig aus. Es fallen somit auch die Folgerungen weg.     D. Übs.
  3. Ich glaube die Aufgabe der Bienen ist eine einfachre, als dieser mathematischen Formel zu genügen! Eine Einzelbiene macht eine zylindrische Zelle. Stossen wir ihre Zellen möglichst dicht aneinander, so dass keine Zwischenräume bleiben, so können die Zellen nur sechs-, vier- oder dreieckige seyn, indem sie sich an den Aneinanderlagerungs-Seiten abplatten. Nun weichen sechseckige am wenigsten, dreieckige Zellen am meisten von den runden ab; jene bilden mithin die einfachste der möglichen Modifikationen. Diese einfachste Modifikation erheischt im Verhältniss zu ihrem Inhalte allerdings am wenigsten Wachs; — sie beengt aber auch, da ihre verschiedenen Queermesser am wenigsten ungleich sind, die darin nistende Made am wenigsten in ihrer Entwickelung und Bewegung; endlich gibt sie der Wabe am meisten Festigkeit, weil die Zwischenwände sich in drei und bei viereckigen nur in zwei Richtungen kreutzen.     D. Übrs.
  4. von Siebold hat bekanntlich im vorigen Jahre nachgewiesen, dass bei der Honigbiene (u. a. Insekten) das Geschlecht der Eier von der Befruchtung abhängig ist, welche im Willen der Bienenkönigin steht und nur in gewissen Zellen erfolgt, in andern unterbleibt.     D. Übs.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Im Original Abändernngen
  2. Im Original unfruchtharen
  3. Im Original vielleiht
  4. Im Original Afrikanische


Sechstes Kapitel Nach oben Achtes Kapitel
{{{ANMERKUNG}}}
  Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.