Erinnerungen aus dem heiligen Kriege/1. In der Gefangenschaft

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Autor: Wilhelm Clement
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Titel: Erinnerungen aus dem heiligen Kriege - 1. In der Gefangenschaft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 248–251
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[248]
Erinnerungen aus dem heiligen Kriege.[1]
Nr. 1. In der Gefangenschaft.


Am 11. November vorigen Jahres, wie ich Euch von Nantes aus in der höchsten Eile geschrieben, wurde ein Zug meiner Escadron beordert, einen Patrouillenritt nach Bonneval zu unternehmen. Meinen schriftlichen Gruß an Euch, den vielleicht letzten für dieses Leben, hatte ich in die Hände eines meiner Cameraden gegeben, denn ein Patrouillenritt ist ein Ritt auf Tod und Leben. Vor Bonneval Morgens elf Uhr angekommen, beorderte mich mein Zugführer in das freundlich gelegene, von zwei Chausséen rechtwinklig durchschnittene Städtchen, indem er mir zwei Husaren zur Begleitung gab. Er wies mich an, von links her in die Stadt zu reiten, er selbst wollte mit dem Rest des Zuges geradeaus gehen und mit mir auf dem Marktplatze wieder zusammentreffen.

Hätte ich doch beachten wollen und mit Rücksicht auf den mir gewordenen Auftrag meines Zugführers beachten dürfen die freundliche Warnung einer Dame, die, aus Bonneval kommend, den guten Preußen zur schleunigen Umkehr rieth, da Chasseurs und Franctireurs die Stadt besetzt hielten, ich hätte mir viel Noth und Schmerz erspart! Aber den Befehlen meines Vorgesetzten gehorchend, führte ich meinen Auftrag aus, nahm unterwegs von einem Bauer, der uns wiederholt mit „bon Prussien“ begrüßte und unseren Pferden liebkosend den Hals streichelte, ein Glas Madeira dankend an, erfuhr von ihm, daß weit und breit keine Seele von seinen bewaffneten Landsleuten zu finden sei, fand auch wirklich keine Spur derselben und ritt mit meinen Begleitern wohlgemuth nach dem Kreuzungspunkt der Chausséen. Mein Officier war noch nicht angekommen, was mich befremdete, da er den kürzeren Weg reiten wollte. Jetzt ahnete mir nichts Gutes und nachdem ich etwa fünf Minuten gewartet hatte, beschloß ich, meinem Lieutenant entgegen zu reiten. Kaum hatte ich hundert Schritt zurückgelegt, als ich im Stande war, die Straße bis zum freien Felde zu übersehen, aber auch mit Schrecken gewahr wurde, daß drei Züge Chasseurs aus einem Hinterhalte hervorbrachen und gestreckten Laufes meinen Cameraden auf den Fersen waren. Dies sehen, Kehrt machen und im Galopp den Weg, den ich gekommen, wieder zurückreiten, war das Werk weniger Augenblicke. Ich wußte den Weg frei und einmal im freien Felde hätten die schwerfälligen Chasseurpferde Mühe gehabt, uns behende Husaren einzuholen. Aber meine Rechnung war falsch. Wir waren noch fünfzig Schritte vom Thore entfernt, als, wie aus der Erde gewachsen, zwei Compagnien Franctireurs uns den Weg versperrten und eine volle Salve auf uns abgaben. Einer meiner Cameraden fiel vom Pferde von fünf Kugeln im Kopf getroffen, wie ich später sah. Wir wollten abermals Kehrt machen, aber unsere Pferde standen vor Schreck wie versteinert. Wir stießen ihnen die Sporen tief in die Seiten, aber sie rückten und rührten sich nicht! Eine zweite Salve streckte meinen zweiten Cameraden nieder, indeß mein Pferd durch den Hals geschossen wurde. Kurz darauf stürzte mein Pferd, an dessen Steigbügel sich mein Camerad angeklammert hatte, und ehe ich meinen Säbel fest fassen konnte, um mein Leben so theuer wie möglich zu verkaufen, war ich fast erdrückt von Franctireurs.

[249] Im Umsehen war mir meine Baarschaft von sechsunddreißig Thalern geraubt, meine schöne goldene Uhr, mein Album, das ich für Euch zum Andenken bestimmt hatte, und das mit Ansichten hervorragender Gebäude aller der Städte geschmückt war, die ich in diesem Feldzuge gesehen, und was mich am meisten schmerzte, das prachtvolle goldene Bandelier, das mir mein Regiments-Commandeur als Andenken an Artenay auf dem Schlachtfelde geschenkt hatte. Als in meinen Taschen nichts mehr zu finden war, riß man mir die Kleider vom Leibe, bis ich buchstäblich im bloßen Hemde dastand. In diesem Aufzuge führte man mich barfuß durch die Stadt, der Pöbel bewarf mich mit Steinen und Unrath aller Art, und unter wahnsinnigem Geschrei „Prussien caput“ wurde ich außerhalb der Stadt an einen Pfahl gebunden. Man schlang mir einen Strick um den Hals, umwickelte meine Arme und Beine mit Binden, und die Rotte schritt dazu, ihrer Grausamkeit ein Ende zu machen. Sechs Mann stellten sich mir gegen über auf und unter betäubendem Geheule der entmenschten Zuschauer legten sie ihre Gewehre an. Da, in dem Augenblicke, als ich meine Seele Gott empfahl und Euer, wie ich glaubte, mit inniger Liebe zum letzten Male gedachte, Euch von Herzen beklagte, daß nun auch Euer zweiter Sohn sein Leben lassen müsse für seinen König, da sprang ein Officier herbei, der seitwärts hinter einer Hecke gestanden hatte, stellte sich vor mich hin, und soviel ich aus seiner schnell gesprochenen Anrede verstand, protestirte er energisch gegen meinen Tod, den ich als Kriegsgefangener nicht verdient hätte. Wie ich später erfuhr, war dieser edle Mann ein preußischer Pole, der 1848 sein Vaterland verlassen hatte und in französische Dienste getreten war. Seinen Namen habe ich leider nicht behalten können, doch das Andenken an ihn werde ich hoch und heilig halten. Mein Retter hatte nicht umsonst gesprochen. Man band mich vom Pfahl los, warf mir ein Paar alte leinene Hosen zu, gab mir ein Paar Holzschuhe und führte mich nach der Stadt zurück, wo man mir einen tiefen, stockfinstern Keller zum Aufenthalt anwies. Nach einer halben Stunde kamen zwei Männer zu mir, die mir beide Hände mit eisernen Fesseln zusammenbanden und mich wieder meinem Schicksal überließen. In dieser Einsamkeit brachte ich schreckliche Stunden zu. Ich habe dem Tode oft in’s Auge gesehen, er hat mich in der Schlacht nicht geschreckt, aber unter der Erde in trostloser Oede sterben zu sollen, das war mehr, als ich mit Gleichmuth ertragen konnte. Endlich nach wohl fünf bis sechs Stunden, die ich ohne Wasser und Brod, vor Kälte zitternd, in der Eisesluft des Kellers zugebracht hatte, that sich wieder die Thür auf und ich blieb nicht mehr allein.

Ein Camerad vom sechsten Kürassierregiment, Klauck mit Namen, theilte mein Schicksal. Ehe wieder eine Stunde verflossen war, wurden wir an das Tageslicht geholt. Man legte uns eiserne Klammern um den Arm, die mit einer etwa acht Zoll langen Kette verbunden waren, und so aneinander gefesselt, ohne weitere Kleider in kalter, nasser Witterung wurden wir nach Chateaudun getrieben, wo wir ebenfalls einen Keller als Nachtlager angewiesen erhielten.

Die Ketten nahm man uns nicht ab, nicht einen Augenblick, hier nicht, wie auf dem ganzen langen Marsch, der uns noch bevorstand. Nicht lange waren wir in diesem Nachtlager angekommen, als man uns herauszukommen befahl, da General Garibaldi uns verhören wolle. Wir wurden vor einen Mann geführt, der über dem linken Auge einen schwarzen Flor trug und ziemlich gut deutsch sprach. Er befragte uns über die Zahl und Stärke der ihm gegenüberstehenden Armee, Fragen, die wir nur sehr unvollständig beantworteten, und wollte namentlich bestimmte Auskunft von uns darüber haben, ob die Armee des Prinzen Friedrich Karl zu unseren Truppen gestoßen sei. Diese Frage beantworteten wir mit aller Bestimmtheit bejahend, er bezweifelte aber immer noch und erklärte uns mit dem allergemüthlichsten Tone, daß wir erschossen werden würden, wenn wir gelogen haben sollten. Einer seiner Begleiter, der mir als Sohn Garibaldis bezeichnet wurde, sagte mir, er habe mit unseren Officieren in Alençon Billard gespielt, ohne erkannt worden zu sein, worauf er sich viel zu Gute zu thun schien. Der alte Herr, ob Garibaldi oder nicht, das weiß ich nicht, war trotz seiner Kürze und Entschiedenheit nicht unfreundlich; das gab mir Muth, mich über die mir widerfahrene Behandlung zu beklagen und ihn zu bitten, dafür zu sorgen, daß ich meine Kleider und mein Eigenthum wieder erhalte.

Garibaldi, so will ich den alten Herrn nennen, antwortete nicht gleich, dagegen ergriff ein anderer seiner Begleiter das Wort und erklärte kurz und bündig, mein Eigenthum sei rechtmäßige Beute der Franctireurs. Ich glaubte auf diese Aeußerung eine unwillige Miene an Garibaldi zu bemerken, der bald darauf mir sagte, er werde sehen, was sich meiner Kleider wegen thun ließe.

Nicht lange nachher konnte ich meinen Attila wieder anziehen, die Mütze aufsetzen und mich in meinen Mantel hüllen. Gott segne es dem alten Herrn. Meine Werthsachen blieben in den Händen der Räuber. Man führte uns wieder in den Keller zurück, wo wir bis zum andern Morgen ruhten. Schlaf kam nicht in unsere Augen; wir hatten beständig an unserem Armringe hin und her zu drehen, weil wir nur dadurch unsere unsäglichen Schmerzen lindern konnten.

Am andern Tage führte man uns nach Vendôme und sperrte uns, Abends 9 Uhr dort angekommen, natürlich immer an einander gekettet, in einen Verschlag, der sich in nichts von einem Schweinestall unterschied, aber doch nicht so wohnlich eingerichtet war, da er uns statt der Streu nur die blanke Diele als Lager bot. Wir erhielten Reis in warmem Wasser und ein winziges Stück Fleisch; unterwegs hat man uns nur Brod gereicht. Von Vendôme ging unser Weg nach Tours, wo wir gegen 6 Uhr Nachmittags vor der Präfectur anlangten. Nachdem unser National aufgenommen worden war, wurden wir in das Gefängniß geführt, um wenigstens auf einer Matratze unsere müden, zerschlagenen Glieder ausstrecken zu können. Ich sage „zerschlagen“: denn mit Wunden, die uns mit Steinen, Stöcken und Messern zugefügt worden waren, von Koth starrend, mit dem uns hoher und niederer Pöbel aller Orten beworfen hatte, glichen wir kaum noch menschlichen Wesen. Dazu der ewige Druck des Armringes, das uns als Cavalleristen ungewohnte angestrengte Marschiren in plumpen Holzschuhen, die Aussicht, fort und fort Mißhandlungen ausgesetzt zu sein, Hunger leidend und Durst, es war fast zum Verzweifeln! Aber ganz so trostlos sollte unsere Lage doch nicht bleiben.

Ein Officier der päpstlichen Leibgarde, Franzose von Geburt, besuchte uns, schenkte jedem von uns einen Frank und ließ eine Flasche Wein holen, die er mit uns austrank. Mit freundlichen Worten schied er von uns, uns von Herzen beklagend, der brutalsten Behandlung ausgesetzt gewesen zu sein.

Am andern Morgen wurden wir früh aus dem Gefängniß geholt und zwei Minuten später saßen wir in Begleitung eines Gensdarmen auf einem Wagen, der uns nach Nantes brachte. Die Mißhandlungen seitens des Pöbels wollten kein Ende nehmen. Mit Furcht und Zagen sahen wir jedem Dorfe entgegen. Ich habe nur einmal gezittert, vor dem ersten Gefecht, später nicht mehr. Aber geschlossen in Eisen, wehrlos einem wüthenden Menschenhaufen gegenüber, gefoltert von unerhörten Schmerzen in meinem, wie Ihr wißt, sehr umfangreichen Arm, für den französisches Maß zu klein war, habe ich gebebt vor Furcht und Schmerz und Zorn und gern hätte ich in jedem Dorfe mein Leben hingegeben für einen guten Säbel und eine Minute Freiheit! In Nantes endlich war die Stunde der schwersten Prüfung überstanden. Wir wurden im Gefängniß abgeliefert, bekamen etwas Essen und wurden vom evangelischen Prediger besucht, der in freundlicher Weise uns Schreibmaterial anbot und uns versprach, unsere Briefe getreulich zu besorgen. Er hat Wort gehalten, der brave Mann, wie ich aus Eurem lieben Schreiben ersehen konnte. In Nantes trafen wir zahlreiche Gesellschaft. Zwei Züge vom vierten Ulanen-Regiment waren in der Nacht gefangen eingebracht worden. Sie hatten alle ihre Werthsachen bei sich, da sie in die Hände von regulären Truppen gefallen waren, aber ihre Freude darüber sollte nur von kurzer Dauer sein. Vor ihrem Weitertransport wurden sie untersucht, alles dessen beraubt, was aus Frankreich zu stammen schien, und wie sich von selbst versteht, wurde Alles, was sie bei sich trugen, unzweifelhaft als französisches Eigenthum anerkannt. Arm wie Hiob gingen auch sie aus Nantes, aber sie hatten doch Stiefeln und sahen stattlich aus gegen uns Reiter mit Holzschuhen.

Nach abermals einer bösen Nacht ging es auf der Eisenbahn nach Vannes. Beim Anhalten des Zuges wurden ich und mein unzertrennlicher Gefährte aus dem Wagen herausgerufen, drei Gensdarmen nahmen uns in Empfang und zurück ging es wieder nach Tours. Unsere Begleiter kannten nicht den Zweck unserer Rückreise, wir aber wußten, daß wir wieder einmal dicht beim Galgen vorbei laufen sollten. Garibaldi hatte uns holen lassen, um uns zu sagen, daß wir ihm hinsichtlich des Anmarsches der Metzer Armee die Wahrheit mitgetheilt [250] hätten und daß uns nunmehr das Leben geschenkt sei. Die Audienz war in einer Minute abgemacht. Mag Garibaldi auch von allen meinen Landsleuten ein Narr gescholten werden, dieser wenigstens war ein offener, freundlicher und ehrlicher Mann und ein gutes Herz hat er auch. Wie viele Heerführer in seiner Lage hätten noch nach drei bis vier Tagen der zwei armseligen Gefangenen gedacht, die er mit dem Tode bedroht hatte und von denen er glaubte, sie seien besorgt um ihr elendes Leben? Diese Sorge wollte er uns nehmen, denn nicht anders konnte ich mir unsere Rückbeförderung erklären. – Mit dem nächsten Zuge wurden wir nach Vannes zurückgeschafft und andern Tages waren wir am Ziele unserer Reise. In Lorient verließen wir die Eisenbahn und traten unseren Marsch nach dem Hafen durch die Stadt an. Steinwürfe, faule Eier und alter mögliche Unrath flogen uns in üblicher Weise um die Köpfe. Die Rufe: „da kommen die Kindermörder!“ „schlagt sie todt, die preußischen Hunde!“ wollten gar kein Ende nehmen, doch in Gesellschaft von vierundfünfzig Mann tragen sich solche Angriffe schon leichter, als wenn sie auf den Schultern von zwei Personen ruhen, und so trat ich mit einem Anflug von Behagen auf das Schiff, das uns in zwanzig Minuten quer über den Hafen nach Fort Louis und aus dem Bereiche der Tollhäusler brachte.

Fort Louis öffnete uns seine ungastlichen Räume; aber o Wonne! die Kette fiel und ich und mein Gefährte waren wieder unabhängige Herren unserer Körper, wenngleich mein linker und sein rechter Arm uns für lange Zeit noch die Dienste versagten. Es wurde uns Quartier angewiesen auf dem Boden eines Speichers, der sein spärliches Licht durch eine schmale Ritze im Dache empfing. Von Tischen, Bänken und sonstigen bei civilisirten Völkern eingeführten Luxusbedürfnissen bot sich unseren umherspähenden Augen keine Spur. Wir glaubten anfänglich uns über den gänzlichen Mangel der nothwendigsten Utensilien zu täuschen; aber als sich auch unsere Augen allmählich an die Dunkelheit gewöhnt hatten und die tastende Hand auch im fernen Winkel nichts finden konnte, sank uns der Muth gar sehr. Essen bekamen wir nicht, es war so schon sechs Uhr Abends; aber Trinkwasser wenigstens konnten uns unsere Peiniger nicht entziehen. Es war eine böse Nacht, die über uns hereinbrach. Müde, zerschlagen, hungrig, vor Frost klappernd, ohne Stroh, ohne Decke, ohne Erhöhung unter dem Kopfe, so lagen wir nebeneinander, das Vieh in den Ställen um seine Bequemlichkeit beneidend. Andern Tages wurde uns um zehn Uhr Vormittags eine Schüssel mit Reis in Wasser gekocht, Nachmittags ebenfalls dies Gericht mit drei Loth Fleisch pro Mann gegeben und zwar allemal für zehn Mann in Einer Schüssel. Dies Gefäß setzte unser Wächter auf die Diele; wir knieten herum und sättigten uns mit Hülfe von Löffeln, die wir von unserer Löhnung bezahlen mußten. Auch empfingen wir drei Pfund Stroh pro Kopf, um uns daraus ein Lager zu bereiten, gerade so viel, um den Mangel an Stroh erst recht fühlbar werden zu lassen. Und dies Stroh wurde nur einmal in viertehalb Monaten erneuert! Ich glaube, daß diese Sparsamkeit eine raffinirte Grausamkeit der Regierung gewesen ist.

War es ein Wunder, daß sich bald ungebetene Gäste einstellten, deren wir bei der Unmöglichkeit, uns gründlich reinigen zu können, nicht Herr werden und vor deren Angriffen wir zuletzt Tag und Nacht nicht Ruhe finden konnten?

In meinem Elende habe ich viel gelitten, nicht am wenigsten dadurch, daß es den französischen Weibern bei strenger Strafe verboten worden war, für uns zu waschen. In Fort Louis fanden wir ungefähr hundert deutsche Schiffer vor, die mit Frau und Kind gefangen waren, und allmählich stieg die Zahl unserer Leidensgefährten auf fünfhundertsechszig. Unter ihnen befand sich auch der Sergeant Frankenfeld vom dreizehnten Husarenregiment, der bei Ablis gefangen worden war. Dem armen Manne hatte man die Kinnlade am Oberkiefer abgerissen und ihn an seinem Backenbarte so lange geschleift, bis das Fleisch von den Knochen abgerissen war. Er litt entsetzliche Schmerzen. In den ersten Tagen unserer Gefangenschaft durften wir keinen Schritt vor die Thür thun. Bajonnete drängten uns zurück; später erlaubte man uns, innerhalb der Citadelle umherzugehen, und endlich erhielten wir Erlaubniß, zwei Stunden täglich am Strande zu promeniren, auch die dicht bei der Citadelle liegende kleine Stadt Fort Louis zu besuchen, natürlich mit angemessenem militärischen Gefolge. Am Strande brachte ich meine schönste Zeit zu. Ich konnte mich nach Möglichkeit waschen und reinigen, suchte Muscheln, die ich Euch als Andenken mitbringen wollte, und einige Male war ich so glücklich, während der Ebbe mich an selbstgebrochenen handgroßen Austern laben zu können. Einförmig löste ein Tag den andern ab, Nachrichten drangen spärlich zu uns, Briefe aus der Heimath selten und alle vorsichtig abgefaßt. Nur einmal wurde unsere Stille durch einen überlauten Jubel unterbrochen, der aus Lorient zu uns herüberdrang. Es war dort die Kunde von Bourbaki’s glänzenden Erfolgen bekannt geworden; ja die Klügsten wollten sogar wissen, er stände bereits mit fünfundzwanzigtausend Mann vor Berlin. Wir lachten im Stillen über die unvergleichliche Leichtgläubigkeit der Franzosen, und nicht Einer war unter uns, der nicht gegen diese Nachricht sein Leben gewettet hätte.

Ein Sonnenstrahl fiel in unsere freudeleeren Zustände, als uns der englische und amerikanische Consul ihren Besuch machten und uns Wäsche, Stiefeln und Decken, Bedürfnisse, die für uns die dringendsten waren, schenken. Sie wünschten auch unsere Wohnungen in Augenschein nehmen zu dürfen, diese Bitte wurde ihnen aber vom Commandanten mit der Bemerkung abgeschlagen, wenn sie uns sehen und sprechen wollten, würden wir herunter geholt werden. Und so geschah es auch, aber die drei Pfund Stroh blieben nach wie vor und von Bänken und Stühlen, Waschdecken und Zubehör erzählten wir uns nur noch wie von einer Sage. Die Langeweile nahm überhand. Wir wurden vom Commandanten aufgefordert, beim Wegebau Hand anzulegen. Gern hätten wir die Zeit mit Karre und Schippe todtgeschlagen, aber wir wurden auch störrisch und weigerten uns entschieden, da wir als Kriegsgefangene zur Arbeit nicht verpflichtet zu sein glaubten. Darauf wurden fünfundsiebenzig der Unsrigen eingesteckt. Entsetzlicher Scandal, Ruf nach dem Commandanten, der auch endlich erschien, immer enger werdende Umzingelung desselben und endlich Freilassung der Arrestanten. Mit wahrer Freude und mit Stolz gedenke ich hier eines Landsmanns, des Marketenders Lehnik aus Königsberg i. Pr., der mit größter Unerschrockenheit dem Commandanten zu Leibe ging und ihn zwang, sich unserem Willen zu fügen. Ich komme später noch einmal auf diesen Mann zurück.

War es bei unserer jammervollen Verpflegung ein Wunder, daß Krankheiten ausbrachen? Viele meiner guten Cameraden werden ihre Heimath nicht wiedersehen, sie deckt französische Erde. Begraben haben wir unsere Todten selbst, man wies uns für sie einen Platz an und überließ es uns, wann und wie wir sie bestatten wollten. Von Begleitung eines Geistlichen oder Erweisung militärischer Ehren war niemals die Rede. Einmal besuchten wir die katholische Kirche in Fort Louis, kurz nach der Zeit, als sich die Einnahme von Berlin nicht bestätigt hatte. Als wir nach beendetem Gottesdienst in’s Freie traten, hatte sich vor der Kirche ein zahlreicher Pöbel versammelt in der menschenfreundlichen Absicht, uns todtzuschlagen. Nur dem energischen Dazwischentreten der uns begleitenden Gensd’armen, die uns in die Kirche zurückdrängten, hatten wir die Rettung unseres Lebens zu verdanken. Festtage waren es für uns, wenn Briefe aus der Heimath kamen.

Viele meiner Cameraden haben weder Geld noch Briefe erhalten, anderen sind Briefe zugekommen, aus denen das Geld verschwunden war. Auf ihre Beschwerden bei der Regierung in Tours erhielten sie die beruhigende Versicherung, daß in Frankreich nicht gestohlen würde. Für diesen herrlichen Trost konnten sie sich aber nichts kaufen und nach wie vor fuhren wir fort, zu theilen, so lange noch etwas zu theilen da war.

Unsere Peiniger wurden allmählich unruhiger und höflicher. Es mußte etwas in der Luft liegen, und bald erfuhren wir denn auch, daß uns unsere Landsleute näher rückten und bereits bei Le Mans ständen. Große Freude und der Beschluß, auszubrechen und uns durchzuschlagen. Die fünfzig Mann Besatzung würden uns ein Kinderspiel gewesen sein, und einmal erst in Freiheit, hätten wir uns Alle lieber todtschlagen als noch einmal zurückbringen lassen. Aber wie bestimmte Nachricht einziehen? Da half unser Marketender wieder aus. Er hatte als Civilist größere Freiheit als wir und war der richtige Mann, uns als Kundschafter zu dienen.

Nach einigen Tagen schon brachte er uns die Nachricht zurück, wir hätten etwa sechszehn Meilen zu marschiren und würden dann auf deutsche Vorposten stoßen, die er bereits gesehen und gesprochen haben wollte. Unser Plan wurde nun in sorgfältige Erwägung gezogen, ehe er aber zur Reife gedieh, erhielten wir eines Morgens Befehl,

[251] vorzutreten und uns reisefertig zu machen. Wir jubelten schon im Stillen, denn wohin sollte es anders gehen, als zu den Unsrigen, dahin, wo wir acht Tage früher thränenden Auges unsere Schiffer hatten ziehen sehen? Also leichten Herzens ging’s nach Lorient zur Eisenbahn, auf der wir alsbald dahinfuhren. Es verging Stunde auf Stunde, Deutsche sahen wir nicht. Sollte uns unser Marketender etwas vorgeschwindelt haben? Die sechszehn Meilen hatten eine bedenkliche Länge, weiter ging es und weiter, es verging ein Tag und eine Nacht, es vergingen fünf Tage und fünf Nächte. Die Sonne schien wärmer als sonst, aber statt preußischer Helmspitzen sahen wir ein Meer vor uns – wir waren in Marseille. Dort angekommen, wurden wir sogleich auf ein Schiff gesetzt und nach fünf Tagen angenehmer Reise landeten wir in Algier. Auf dieser gegen zehn Tage dauernden Fahrt speiste man uns mit Brod und Suppe und ließ uns das doppelte Tractament zukommen, das heißt also, man gab uns statt fünf Pfennige deren zehn pr. Tag. Was übrigens sich ein junger Soldatenmagen in Frankreich für zehn Pfennige auf einem Eisenbahnhofe kaufen soll, das ist mir auf der ganzen Fahrt nicht recht klar geworden und wird mir immer ein Räthsel bleiben. In Algier wurden wir von keinem Pöbel empfangen, alle Welt benahm sich anständig und es schien uns beinahe etwas zu fehlen, als die französische Begrüßungsformel ausblieb. Diese Behandlung blieb sich gleich; wir wurden zwar in der Citadelle einquartiert, es wurde uns aber ohne Schwierigkeiten erlaubt, die Straßen der Stadt, natürlich unter Begleitung, zu durchwandern, und niemals wurde uns ein böses Wort zu Theil. Bei der herrlichen warmen Sommerluft fühlte ich mich in meinen leinenen Hosen ordentlich wohl, aber ein Bad in der See nehmen zu dürfen, wurde uns zur Freude unserer Kleidergäste nicht verstattet.

Elf Tage blieben wir in Algier, da lud man uns wieder in ein Schiff, nach einer sieben Tage dauernden, stürmischen Ueberfahrt fanden wir uns wieder in Marseille, und fünf Tage später öffnete unsere Zwingburg, Fort Louis, abermals ihre Pforten. Wir fanden unsere Wohnungen in demselben Zustande, wie wir sie verlassen, und ihre zurückgebliebenen Bewohner ließen ihre Wuth an unseren müden Gliedern in verdoppeltem Grade aus! Leider muß ich noch erwähnen, daß uns bei unserer Abreise von Algier alle die Liebesgaben, die wir durch den englischen und amerikanischen Consul erhalten hatten, abgenommen und uns nur die ursprünglichen Kleidungsstücke gelassen worden waren. Auf unsere Vorstellung, daß man diese Sachen uns geschenkt habe, wurde einfach entgegnet, daß wir im Irrthum seien und die Sachen nur als geliehen zu betrachten hätten. Selbst meine Muschelsammlung, die doch nur allein für mich einen Werth haben konnte und für die mir kein Mensch einen Sou gegeben hätte, verschwand, und trauriger und ärmer, als ich ausgegangen, kam ich in Fort Louis wieder an. Endlich am 1. März hieß es, nur würden nach zwei bis drei Tagen ausgewechselt werden. Unsere Freude war unbeschreiblich und sie war diesmal nicht vergebens.

Am 4. März Nachmittags vier Uhr schaffte man uns nach Lorient. Wir bestiegen die Eisenbahn, fuhren die Nacht hindurch und langten um zehn Uhr Vormittags etwa zwei Meilen vor Le Mans an. Unser Kundschafter Lehnik hatte uns recht berichtet, die Preußen waren da. Auf dem Bahnhofe sahen wir die heiß ersehnten Pickelhauben, sie bedeuteten für uns die goldene Freiheit, nach der wir seit Monaten geschmachtet hatten. Aber auch unsere Begleiter, etwa hundertsechszig gut ausgerüstete französische Soldaten, hatten die zehn Pickelhauben bemerkt. Sie sehen, die Thüren der Waggons aufreißen, aus den Wagen springen, ehe der Zug zum Stehen gekommen war, sich rückwärts concentriren weit draußen im Felde aus dem Bereich der Zündnadel, war das Werk weniger Minuten.

Ein schallendes Gelächter unsererseits folgte den davonlaufenden Franzosen, die Helden der großen Nation ließen sich dadurch nicht stören.

„So seid Ihr schon bei Spichern und Wörth gelaufen“, rief ihnen einer unserer Cameraden nach, „und so lauft Ihr auch heute noch.“

Der Officier allein hatte Stand gehalten und vollzog durch unsere Uebergabe seine Pflicht. Durch unsere Uebergabe! Wie warm schüttelten wir den harrenden Cameraden die Hände, wie ging das Erzählen herüber und hinüber, und wie frisch athmete die Brust, wie fröhlich schlug das Herz im Bewußtsein der Freiheit, des Friedens! In diesem Augenblick auch, im Moment ihres Abschlusses, ließ ich mich durch die erlittene Trübsal zum letzten Mal bekümmern und warf das Traurige und Herbe der Erinnerung von mir, wie eine drückende, unwürdige Last. In die Zukunft, in den hoffentlich noch reichlich zugemessenen Theil meines Lebens will ich nur die Erinnerung an die großen und herrlichen Momente des glorreichsten aller Kriege mit hinübernehmen.

Wilhelm Clement.
  1. Wir beginnen mit der heutigen Nummer die Reihenfolge der angekündigten „Erinnerungen aus dem heiligen Kriege“ und bitten, obwohl Material in umfassendster Weise bereits vorliegt, doch alle Freunde der Gartenlaube, namentlich Jene, welche selbst die Waffen getragen und den Sieg haben miterringen helfen, uns in unserer Aufgabe zu unterstützen. Interessante persönliche Erlebnisse und anregende Episoden aus den Erzählungen der heimgekehrten Freunde und Cameraden sind uns in hohem Grade willkommen.
    Die Redaction.