Erinnerungen aus dem heiligen Kriege/3. Kriegerische Abenteuer einer friedfertigen Primadonna

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Autor: Albert Hopf
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Titel: Erinnerungen aus dem heiligen Kriege - 3. Kriegerische Abenteuer einer friedfertigen Primadonna
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17–19, S. 285–290, 301–306, 316–319
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[285]
Erinnerungen aus dem heiligen Kriege.
Nr. 3. Kriegerische Abenteuer einer friedfertigen Primadonna.[1]


Am achtzehnten August des vergangenen Jahres strömten die Berliner in Sturmschritten wieder einmal den Litfaßsäulen zu, um Einsicht von der eben angeschlagenen Siegesdepesche zu nehmen.

Wohl an fünfzig Menschen, junge und alte, beiderlei Geschlechts und aus den verschiedensten Ständen, umdrängten eine Säule nahe der Victoriastraße; natürlich konnten die entfernt Stehenden von der Schrift der auf orangefarbenem Papier gedruckten Depesche nichts erkennen.

„Laut vorlesen!“ erschallte eine Stimme aus dem Hintergrunde.

„Ja, ja, vorlesen!“ rief es im Chorus durcheinander.

„Drängeln Sie doch nicht so, liebe Frau! Was interessirt Ihnen denn das?“ rief ein breitspuriger Bezirksvorsteher einer jungen Frau zu, die, mit einem Kinde auf dem Arme, sich mit Hülfe ihrer Ellenbogen durchzuarbeiten suchte.

„Was mir das interessirt?“ erwiderte die Repermandirte, [286] den Frager mit herausfordernden Blicken messend. „Mein Mann ist bei der Landwehr und steht mit vor Metze; da dächte ich wohl –“

„Platz der Landwehrfrau!“ tönte es von allen Seiten, und sofort bildete sich eine Gasse, damit die Frau mit ihrem Kinde bequem zu der Depesche gelangen könne.

Ein wohlbeleibter Herr mit spärlichem Haupthaar, eine goldene Brille auf der sanft geplatteten Nase, erbat Ruhe, und als diese eingetreten war, las er mit lauter, volltönender Stimme die Depesche vor, die, von Pont à Mousson datirt, die Mittheilung brachte, daß der Feind am sechszehnten einen Ausfall aus Metz gemacht, aber trotz bedeutender Ueberlegenheit nach zwölfstündigem heißem Kampfe in die Festung zurückgeworfen sei. „Verluste aller Waffen auf beiden Seiten sehr bedeutend,“ lautete der Dämpfer auf die frohe Siegesbotschaft.

„Es lebe die Armee! Hoch Prinz Friedrich Karl!“ jubelte die Menge unter fröhlichem Hüteschwenken.

Der Knäuel war eben daran, sich zu entwirren, als eine offene Equipage daher gefahren kam. Die darinsitzende, sehr geschmackvoll gekleidete Dame befahl dem Kutscher, dicht bei der Säule zu halten, und beauftragte danach den schnell vom Bock springenden Jäger, ihr den Inhalt der neuesten Depesche zu berichten.

„Diese Mühe kann Ihr Jäger sparen, gnädige Frau,“ sagte der Vorleser von vorhin, indem er an den Wagenschlag trat und die Dame höflich begrüßte.

„Ah, guten Tag, lieber Doctor!“ rief die Dame sichtlich erfreut; „hab’ Sie lange nicht gesehen. Bitte schnell mir zu sagen, wo wir wieder gesiegt haben!“

Der Angeredete gab lachend zurück: „Daß wir gesiegt haben, davon sind Sie im Voraus überzeugt; es handelt sich bei Ihnen nur um die Frage: wo? Nun denn: eine entscheidende Schlacht ist geschlagen worden in der Nähe von Metz, die Franzosen sind in die Festung zurückgeworfen; aber blutige Köpfe hat es auf beiden Seiten viel gegeben.“

„Maria und Joseph!“ rief die Dame mit einem unverkennbaren Anklang an den österreichischen Dialect; „da steht ja die Armee Seiner Hoheit des Prinzen Friedrich Karl, bei der mein Mann engagirt ist. Jesses, wenn meinem Adolph nur nichts passirt ist! Mir fehlt jede Nachricht von ihm. Sind in der Depesche keine speciellen Namen von Todten und Verwundeten angegeben?“

„General von Döring und von Wedel sind gefallen, von Rauch und von Grüter verwundet,“ berichtete der Doctor.

„Steht nichts vom Lieutenant von Rhaden dabei?“ fragte die Dame mit ängstlichem Tone weiter.

„Ihres Herrn Gemahls ist in der Depesche nicht Erwähnung gethan,“ antwortete der Gefragte lächelnd ob der naiven Frage.

„Da muß ich gleich telegraphisch anfragen. Wollen Sie mir das Telegramm besorgen, Herr Doctor? Mir läßt’s keine Ruh’, bevor ich erfahren hab’, daß mein Mann wohlauf ist. Wir sind ja dicht am Haus’. Bitte, stehen Sie mir in meiner Verlassenheit bei!“

Der also Gebetene sagte bereitwillig zu und folgte dem Wagen, der vor dem Hause Victoriastraße Nr. 30 anhielt.

„Wer war die interessante Dame?“ fragte ein Herr, der sich durch verschiedene Reise-Effecten als Fremder documentirte, den Bezirksvorsteher.

„Sie sind wohl nicht von hier?“ fragte der städtische Beamte zurück.

„Nein, ich bin aus Danzig.“

„Also ein Fremder? Konnt’ ich mir lebhaft denken; sonst müßten Sie ‚unsere Pauline‘ kennen.“ Sprach’s und schritt fürbaß, ohne den Fremden einer weiteren Erklärung zu würdigen.

Verblüfft sah ihm der Danziger nach und wandte sich dann zum Weitergehen. Ein elegant gekleideter Herr, der die Frage des Danzigers gehört hatte, trat jetzt zu ihm mit den Worten: „Die kleine Dame mit dem geistvollen Gesicht und den lebhaften Augen ist die Hofkammersängerin und Primadonna der großen Oper, Frau Pauline Lucca, die Gemahlin des Baron v. Rhaden, der jetzt im Felde steht. Die Sängerin genießt in der Residenz einer großen Popularität und wird von Hoch und Niedrig gewöhnlich nur ‚unsere Pauline‘ genannt.“

Der Fremde dankte in höflichen Worten für diese Erläuterung und setzte dann seinen Weg fort.

Frau Lucca war kaum in’s Haus getreten, als der Portier meldete: „Gnädige Frau, so eben ist diese Depesche für Sie abgegeben.“

Hastig erbrach sie das Couvert und las: „Lieutenant von Rhaden verwundet, jedoch nicht lebensgefährlich.“

„Hab’ ich’s doch geahnt!“ rief die Depeschen-Empfängerin mit schmerzlichem Ausdruck. „Mir hat drei Nächte hintereinander von Schlangen geträumt! Verwundet ist er, nicht lebensgefährlich, steht zwar in der Depesche, aber doch der Pflege bedürftig, und ich bin hundert Meilen von ihm entfernt!“ In großer Erregung fuhr sie fort, wie mit sich selbst redend: „Nein, nein! Ich kenne meine Pflicht und werde sie erfüllen. Johann soll nicht abschirren; ich fahre gleich weiter. Wo ist meine Kammerjungfer? Sie kommen g’rad’ recht, Editha. Machen Sie schnell Alles bereit – wir reisen. In den kleinen Koffer thun Sie nur die nöthige Wäsche, ein Kleiderwechsel ist nicht nöthig; zur Cour werden wir dort nicht geladen; und hier haben Sie Geld, kaufen Sie ein, was mein kranker Mann zur Stärkung braucht: Tauben, junge Hühner in Blechbüchsen verschlossen, Fleischextract, Eingemachtes; wenn es schon Caviar giebt, bringen Sie ein Tönnchen von dem Russen in der Charlottenstraße mit. Vergessen Sie auch nicht feinste Cigarren, und nehmen Sie ein Dutzend Flaschen vom besten Wein aus meinem Keller. Einen Paß muß ich aber auch haben; zunächst also zum Minister des Innern, dem Grafen Eulenburg. Nur schnell, Editha! Lasten Sie Alles in eine Kiste packen und nach der Anhaltischen Eisenbahn befördern. Wenn Sie damit fertig sind, reisen wir!“

„Und wohin,“ fiel jetzt der Docter ein, „wenn ich mir die Frage erlauben darf, wollen die Gnädige reisen?“

„Wohin? In’s feindliche Land. Ich will mir meinen Mann selbst holen, um ihn hier besser pflegen zu können.“

„In der Depesche ist aber nicht angegeben, an welchem Orte Ihr Herr Gemahl sich im Augenblicke befindet, das werden Sie in der großen Verwirrung, die jetzt vor Metz herrschen muß, auch nicht so leicht erfahren.“

„Ich such’ das ganze Elsaß und Lothringen ab, bis ich ihn gefunden.“

„Ihre Kammerjungfer soll Geflügel einkaufen; Fleischspeisen wird der Kranke vorläufig aber nicht genießen dürfen.“

„Er muß doch essen?“

„Allerdings, aber nur die ihm vorgeschriebene Lazarethkost.“

„Was ist das? Spitalsuppen? Laufgrabenbouillon? Daran ist mein Adolph nicht gewöhnt, der muß was Kräftiges haben.“

„Sie machen sich unnütze Mühe und Kosten,“ versicherte der Doctor. „Wenn Sie Etwas mitnehmen wollen, so sei es comprimirtes Gemüse, consistente Milch, Liebig’sches Fleischextract, Kaffee, Thee, Zucker, von solchen Sachen dürfen Kranke genießen. Wenn es Ihnen recht ist, werde ich die nöthigen Einkäufe besorgen.“

„Himmlischer Doctor, ich möcht’ Sie umarmen!“

„Bitte, sans gêne!“

Nachdem die Krankenverpflegungs-Proviantangelegenheit geordnet war, setzte sich Frau Lucca wieder in ihren Wagen und fuhr zu Minister Eulenburg, den sie in eindringlichen Worten um einen Paß nach dem Kriegsschauplatz für sich und ihre Kammerjungfer bat.

Der Minister war nicht wenig erstaunt über dieses Verlangen und suchte durch die triftigsten Gründe die Sängerin von der Reise zurückzuhalten. Namentlich hob er hervor, daß die Eisenbahnen für Militärzüge fast ganz in Beschlag genommen und auch Privatfuhrwerk fast gar nicht mehr aufzutreiben sei.

„Excellenz,“ erwiderte die Bittstellerin, „ich steh’ vor keinem Wagniß zurück und weiß Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn’s keine Eisenbahnen, keine Wagen und keine Pferd’ für mich giebt, so suche ich eine andere Reisegelegenheit. Fort muß ich und sollt’ ich mir eine Kuh satteln lassen.“[2]

„Wenn Sie mit solcher Energie auf Ihrem Vorsatze bestehen,“ sagte lächelnd der Minister, „dann muß ich Ihnen schon zu Willen sein. Ich werde Ihnen den Paß in deutscher und französischer Sprache ausfertigen lassen, und alle Behörden darin ersuchen, Ihren Wünschen überall möglichst entgegenzukommen.“

„Excellenz, ich dank’ Ihnen in meinem und meines Mannes [287] Namen. Ich werd’ gewiß den besten Gebrauch von dem Paß machen. Aber, bitt’ schön, machen Sie es den Behörden etwa eindringlich, daß sie mir Hülfe leisten, wie ich es verlange, es wird Noth thun, besonders im feindlichen Lande.“




Am einundzwanzigsten August finden wir Frau Lucca mit ihrer Kammerjungfer auf dem Anhaltischen Bahnhofe und bald braust der Zug mit ihnen dahin – die beiden Damen in der ersten Wagenclasse, den Koffer mit Wäsche und die vom Doctor mit comprimirtem Gemüse, Apfelsinen, Wein und dergleichen mehr gefüllte Kiste im Gepäckraum.

Drei Stunden ungefähr ging der Zug vorwärts ohne Unterbrechung, und Frau Lucca sprach ihre Freude darüber gegen ihre Kammerjungfer unverhohlen aus.

„Sehn Sie, Editha, wie schnell das geht! Der Doctor und auch der Herr Minister wollten mich durch ihre ausgesprochenen Befürchtungen nur von der Reise zurückhalten.“

„Wir sind noch nicht am Ziele, gnädige Frau,“ unglücksunkte die moderne Kassandra.

Ein lang gezogener greller Pfiff ertönte von der Locomotive, der Zug bewegte sich langsamer und hielt endlich an einer kleinen Zwischenstation. Die Thüren der Waggons wurden geräuschvoll geöffnet und überall hörte man die Schaffner rufen: „Herrschaften, gefälligst aussteigen! Gepäck in Empfang nehmen!“

Die Thür zum Coupé der Lucca öffnete der Bahnhofsinspector selbst, mit den Worten:

„Gnädige Frau, wollen Sie die Güte haben auszusteigen!“

„Aber warum denn aussteigen? Ich hab’ mir’s hier so hübsch bequem gemacht.“

„Da thut mir’s um so mehr leid, Ihnen unbequem werden zu müssen. Eine eben eingetroffene Depesche von Saarbrücken befiehlt hier anzuhalten und den Frankfurter Zug abzuwarten; von dem Letzteren haben wir Gefangene aufzunehmen und mit diesen nach Berlin zurückzudampfen.“

„Und wann kommt der Zug, mit dem wir weiter fahren?“

Der Inspector zog die Achseln bis zu den Ohrläppchen: „Das läßt sich mit Bestimmtheit noch gar nicht angeben.“

„Aussteigen! Aussteigen!“ tönte das Commando der Bahnhofsbeamten.

Der Inspector half der Gnädigen mit echt weltmännischer Galanterie aus dem Wagen und suchte sie nach Kräften zu trösten, daß sie voraussichtlich ein paar Stunden lang verurtheilt war, auf dem kleinen, mit Soldaten, Telegraphisten, Marketendern und allerhand zum Krieg gehörenden Volk angefüllten Bahnhof auf den Berliner Zug zu warten.

Frau Lucca mit Editha auf den Koffern sitzend suchte sich über das Peinliche der Lage mit Biscuitessen hinwegzuhelfen, als auch schon, früher als man hoffen durfte, die Stimme eines Schaffners rief:

„Da kommt der Berliner Zug!“ Die Glocke schlug an, ein heiserer Pfiff von der Locomotive und langsam rollte eine unendlich lange Wagenreihe heran und hielt. Aufspringen und dem Zuge zueilen war für Frau Lucca das Werk eines Augenblicks, während Editha als Kistenwache zurückblieb.

„Wo ist der Herr Inspector? ich muß ihn sprechen!“ rief die Sängerin mit Hast.

„Ich bin der Inspector. Was steht zu Diensten, Madame?“

„Ich hab’ zwei Personen-Billets zur ersten Classe, für mich und meine Kammerjungfer, man hat uns hier abgesetzt und auf den nächstkommenden Zug verwiesen. Wollen Sie uns gefälligst Plätze anweisen?“

„Verehrte Frau,“ erwiderte der Inspector achselzuckend, „muß sehr bedauern nicht dienen zu können. Der ganze Zug ist vollgestopft mit Pferden, Soldaten, Kanonen, Proviant und Fourage; wie Sie sehen, wird auch alles Kriegsvolk, was hier im Hause war, noch nachgeschoben, so daß selbst kein Mäuschen Raum für ein Unterkommen mehr finden würde.“

„Aber mein Herr, ich muß weiter!“ drängte Frau Lucca fast weinend.

„Wir dürfen keine Civilpersonen in diesem Zuge mitnehmen,“ beschied sie der Inspector, zwar sehr höflich, aber bestimmt. „Ueberdies habe ich nicht eine Secunde Zeit. Der Zug geht sogleich weiter.“

Er gab das Zeichen und der Zugführer ließ seine schrille Pfeife ertönen. In dieser höchsten Noth vertrat Frau Lucca dem Inspector den Weg und rief ihm zu:

„Werden Sie auch diesen Paß nicht respectiren?“

Der Inspector blickte flüchtig in den ihm dargereichten Paß, dann aber las er aufmerksam und sagte endlich, sich tief verbeugend:

„Ah! Frau Lieutenant von Rhaden? Sie wollen zu ihrem verwundeten Mann, das ist allerdings etwas Anderes; da muß Rath geschafft werden; wie und wo ich aber noch zwei Damen placiren soll, das mögen die Götter wissen!“

„Wer sitzt in jenem Wagen?“ fragte sie, auf ein Gefährt erster Classe deutend.

„Das sind die Officier-Coupés.“

„Kriegs-Cameraden meines Mannes? Die werden, wenn ich sie bitt’, schon ein Bischen zusammenrücken.“

Damit trat sie rasch an den bezeichneten Wagen und sprach in das offene Fenster:

„Meine Herren, haben Sie nicht noch Raum für zwei schiffbrüchige Damen? Wir wollen uns recht klein machen.“

„Das ist ja unsere Lucca!“ tönte es wie aus einem Munde.

„Ja, ich bin’s, die unglückselige, die man wieder zurücklassen will,“ declamirte sie mit komischem Pathos, denn ihre frohe Laune war bereits zurückgekehrt.

„Wir sind unser zehn in diesem Coupé,“ sagte ein junger Lieutenant, „aber um ihnen, der pflichttreuen Gattin, Platz zu machen, setze ich mich auf den Schoß des Cameraden v. S.“

„Und ich,“ fiel rasch ein Zweiter ein, „nehme den Cameraden v. L. auf die Kniee, damit Ihre Kammerjungfer Raum findet.“

„Dadurch wird die Gesellschaft aufgeräumt,“ setzte ein Dritter lachend hinzu.

Die Thaten waren schnell den Worten gefolgt, wodurch zwei Plätze disponibel wurden. Frau Lucca stieg mit der Kammerjungfer rasch ein, Kiste und Koffer wurden den gutmüthigen Officieren zwischen die Beine geschoben und fort ging es wieder, in munterem Gespräch und durchaus zwangloser Unterhaltung.

Es vergingen Stunden und kaum war in dem heitern Hin- und Wiederreden eine Pause eingetreten. Da fuhr der Zug langsamer.

„Fahren wir noch nicht in Frankfurt ein?“ fragte schon etwas ungeduldig Paulinchen.

„Nein, gnädige Frau, wir sind noch mehrere Meilen von der ci-devant freien Reichsstadt entfernt,“ belehrte sie der Rittmeister.

„Hier sind wohl nur fünf Minuten Aufenthalt, dann geht es sogleich weiter,“ vermuthete v. P.; aber es kam anders. Der Zug hielt an keinem Stationsorte, sondern mitten im Felde, nur ein Wärterhaus befand sich in der Nähe. Der Hauptmann beugte sich zum Waggonfenster hinaus und fragte den Inspector, der geschäftig dahergegangen kam:

„Ist Etwas in Unordnung am Zuge?“

„Nein,“ war die Antwort, „der Bahnbeamte hat das Zeichen zum Halten gegeben und der Herr Oberst fand eine Depesche vor, mit der Weisung, hier zu warten, bis der Sanitätszug von Saarbrücken kommen wird, mit dem ihm neue Befehle zugehen werden.“

„Schöne Aussicht!“ seufzte der Fähndrich und sprang aus dem Wagen, die Cameraden folgten ihm und halfen dann den Damen beim Aussteigen.

„Wie lange kann es dauern, bis der Sanitätszug kommt?“ fragte Frau Lucca.

„Kann’s nicht sagen,“ antwortete der Inspector und schlug sich seitwärts in die Büsche.

Der Fähndrich schrie: „Seit heute Morgen nichts genossen! O! Ein Königreich für’n Pferd – aber es muß rindern und gebraten sein!“

„Meine Herren!“ fuhr hier die Lucca ermunternd dazwischen, „auch ich werde ein Opfer bringen für Deutschlands Größe. Sie sollen in einer halben Stunde etwas Warmes haben.“

Etwas Warmes?“ fragten Alle zugleich.

„Ja,“ replicirte sie lachend, „Kaffee, veritablen Mokka, ich habe zwei Pfund in der Reisetasche. Editha, gehen Sie schnell zum Bahnwärter, leihen Sie ein möglichst großes Kochgefäß, füllen Sie das mit Wasser – dort steht ja ein Brunnen – und tragen Sie mir es auf jenen Rasenplatz. Aber, wie steht’s mit der Feuerung? Für Holz müssen die Herren Officiere sorgen.“

[290] „Ganzes Bataillon zum Holzen!“ commandirte der Hauptmann, und in wenigen Minuten lagen die zusammengebrochenen Beine einer alten Gartenbank der „Kaffeeköchin für Deutschlands Größe“ zu Füßen.

„Da ist Holz vom Fichtenstamme!“ declamirte Lieutenant v. K.

Editha brachte einen Dreifuß und einen blankpolirten Messingkessel mit Wasser gefüllt, der Fähndrich steckte eine Handvoll Liebesbriefe unter die alten Bankbeine und lustig züngelten die Flammen um den von der Lucca, ihrer Kammerjungfer und den Officieren erwartungsvoll umstandenen Kaffeekessel.

„Es zischt! – Es braust! – Es siedet! – Hurrah, es kocht!“ riefen die Officiere, einer hinter dem anderen.

Da ein Kaffeetrichter nicht zur Hand war, so schüttete Frau Lucca den Inhalt ihrer Blechbüchse in das siedende Wasser und bald war die Luft weithin erfüllt vom Arom des duftigen Mokka.

„Jetzt Tassen, Tassen, meine Herren!“ rief die gütige Fee aus Mekka.

Der Wärter besaß nur zwei derartige Luxusartikel, die von den Officieren für die Damen bestimmt wurden; im Uebrigen wurden Gläser, Töpfe, ein Trinkhorn, eine sogenannte Wasserfüllkelle, lederne Trinkbecher und ähnliche zur Aufnahme von Flüssigkeiten geeignete Geschirre herbeigeholt und von Frau Lucca vermittelst eines Punschlöffels gastlich gefüllt.

Der Kaffee war noch sehr heiß, die Behälter desselben wurden zu einiger Abkühlung erst auf den Rasen gestellt. Da erschien plötzlich wie Zieten aus dem Busch, mit langgezogenem Pfiff, der Sanitätszug.

Ein Major, der den Zug begleitete, sprang aus dem Wagen und näherte sich, der Witterung folgend, der noch immer aus der Mokkafluth schöpfenden Hebe, mit der Bitte, den Verwundeten, die seit acht Stunden jedes Labsals entbehrt hatten, etwas Kaffee verabreichen zu wollen.

„Meine Herren Officiere,“ mit diesen Worten wandte sich die Kochkünstlerin an ihre Reisegefährten, „geben Sie gefälligst alle den Kaffee wieder her!“

„Wir werden ihn, mit Ihrer Erlaubniß, selbst zu den Kranken tragen,“ sagte v. P. und in der nächsten Secunde liefen die Officiere den Wagen zu, jeder einen Verwundeten wählend, um ihn durch Mokka zu erquicken.

„Ich danke Ihnen, Madame, im Namen meiner Kranken!“ sagte der Major. „Ihnen persönlich empfehle ich einen Schwerverwundeten in dem Waggon Nr. 245. Es ist ein einjährig Freiwilliger, der einzige Sohn sehr vermögender Eltern, im Civilstand Referendar und verlobt mit einer jungen und sehr reichen Banquierstochter. Dieser ist vor allen Anderen einer Stärkung bedürftig.“

Frau Lucca eilte mit ihrer Tasse dem bezeichneten Coupé zu. Da lag in einer Hängematte ein schöner junger Mann mit bleichen Zügen, bis unter’s Kinn in eine Decke gehüllt.

„Ich bringe Ihnen etwas Kaffee, mein Herr,“ redete ihn die Lucca mit ihrer sonoren Stimme an. Der Kranke richtete die Blicke starr auf sie, ohne zu antworten oder sich zu bewegen.

„Darf ich Sie aufrichten?“ fragte sie weiter und schob ihre kleine Hand unter sein lockiges Haupt.

„Nein, nein! Wo ist mein Diener?“ rief in fliegender Angst der Kranke.

„Es ist kein Diener hier, lieber Herr; vergönnen Sie mir doch, als barmherzige Schwester bei Ihnen den Opferdienst zu thun; ich will mich darin üben,“ bat die Lucca mit ihrem bezaubernden Lächeln.

Der Kranke schüttelte heftig den Kopf und sah sich wieder ängstlich um, als suche er Jemand.

„Sie sind,“ begann Frau Lucca wieder, „wie mir der Herr Major mittheilt, schwer verwundet, aber auch glücklicher Bräutigam. Hoffentlich ist die Zeit nicht fern, wo Sie, geheilt, Ihre holde Braut mit liebenden Armen wieder umschließen werden.“

Hier stürzte ein Thränenstrom aus den Augen des Verwundeten, und er schrie mit convulsivischem Schluchzen: „Ich habe ja keine Arme mehr!“

Frau Lucca wurde durch diese Worte bis in’s tiefste Herz erschüttert, auch ihren Augen entstürzte eine Thränenfluth, und sie mußte sich anhalten, um nicht umzusinken.

„Armer, armer Herr!“ schluchzte sie. „Sie bringen dem Vaterlande das schwerste Opfer!“ Tiefes Mitgefühl gewann ihr das Herz des Unglücklichen und er duldete nun, daß sie ihm den Kopf erhob, um seinem schmachtenden Munde etwas Kaffee einzuflößen.

Dem Unglücklichen waren, wie die Sängerin vom Major nachher erfuhr, beide Arme durch eine Granate bis an die Achseln vom Körper gerissen.

Nachdem der Oberst seine neuen Befehle, die uns unbekannt geblieben sind, von dem Führer des Sanitätszuges empfangen hatte, setzte sich der Train mit der Lucca und der jovialen Officiergesellschaft wieder in Bewegung. Auf der Tour vom Wärterhause bis Frankfurt und von da bis Saarbrücken ist der Primadonna Besonderes, oder besser, für die Nachwelt Aufbewahrungswürdiges nicht passirt.

Ihre Erzählung von dem jugendlichen Helden ohne Arme, dessen ganze sich so rosig gestaltende Zukunft durch eine Granate vernichtet worden, hatte die Gesellschaft sichtlich ernst gestimmt und die lebenslustigen Officiere zum Nachdenken über ihr eigenes nahe bevorstehendes Schicksal geneigt gemacht, so daß auf der Weiterfahrt nur wenig Worte gewechselt wurden.

Bei der Ankunft in Saarbrücken war es bereits tief Abend. Frau Lucca und ihre Kammerjungfer stiegen aus, die Officiere verabschiedeten sich höflich von den Damen, wünschten der Frau „Cameradin“ v. Rhaden Glück zur baldigen Auffindung ihres Gemahls und suchten dann eiligst die ihnen angewiesenen Quartiere auf.

Frau Lucca fragte einen Schaffner, wo man in Saarbrücken am besten logiren könne.

„Logiren?“ wiederholte der Schaffner, die Fragende mit erstaunten Blicken musternd. „Von Logements ist in Saarbrücken keine Rede; Alles mit Soldaten belegt.“

„Und ich bin so ermüdet!“ seufzte die arme Frau. „Wissen Sie uns nicht ein Unterkommen für die Nacht aufzufinden? Wenn es noch so beschränkt wäre, ich würde Sie königlich dafür belohnen.“

Der Schaffner rückte die Mütze und besann sich einige Minuten dann sagte er: „Ich war eben bei meinem Vetter in der Schäferhütte.“

„Lassen Sie uns zu ihm eilen,“ drängte die Lucca.

„Nee, da liegen zwölf Mann und ’n Gefreiter, auch die Kirche ist angefüllt mit französischen Gefangenen. Das einzige Local, was merkwürdiger Weise noch nicht belegt ist –“ er stockte.

„Nun, welches Local ist noch frei?“

„Das Spritzenhaus, mit Respect zu sagen, da könnte ich Ihnen ein schönes Lager bereiten aus reinlichem Stroh oder duftigem Heu, wenn Ihnen das Local nicht gar zu despectirlich wäre.“

„Warum despectirlich?“

„Weil wir in Friedenszeiten die Spitzbuben da drin einsperren.“

„Lieber Freund, das würde mich weniger tangiren; aber liegen auf blankem Stroh, ohne Decken?“

„O nein,“ fiel hier der Schaffner ein; „an weichen wollenen Decken, ganz neuen sogar, ist kein Mangel, die bekomme ich von den Herren Officieren schon geliehen, wenn ich sage, daß ich sie den Damen bringen will.“

„Hier haben Sie einen Louisd’or, lieber Freund! Eilen Sie, daß uns nicht auch noch dieses letzte Asyl für Obdachlose durch militärische Requisition verloren geht.“

„Ah! Madame sind nobel. Bitte mir zu folgen,“ sagte der Schaffner, schnell voranschreitend. Die Damen wollten folgen.

„He! Sie da! Frölens!“ rief ihnen ein Gepäckträger nach. „Hier steht noch eine Kiste und ein Koffer. Gehören die Sachen Ihnen?“

„Schaffen Sie das Gepäck nach dem Spritzenhause!“ befahl Editha und folgte mit ihrer Gebieterin dem improvisirten Herbergsvater.

„In’s Spritzenhaus?“ brummte der Gepäckträger. „Es ist doch nicht etwa unrechtes Gut? Der Koffer ist nur leicht – aber die Kiste, der Tausend, die hat Gewicht!“ Darnach that er, wie ihm befohlen.

[301] Der Schaffner war ein Mann von Wort. Schnell hatte er in dem kleinen und dunklen Raume einige Bund reines Stroh ausgebreitet, dann ging er fort und kam nach ungefähr fünfzehn Minuten mit Decken belastet wieder, so daß das aus solchem Material bereitete Lager ein ganz erträgliches wurde.

„So, meine Damen,“ sagte der Bettenfabrikant, sich vergnügt die Hände reibend, „nun werde ich Ihnen auch noch eine Laterne anzünden, das Wachslicht hierzu hat mir der Herr Oberst gegeben und hat mir befohlen, ein schönes Compliment zu machen, und es thäte ihm leid, daß er die Damen nicht besser quartieren könnte, namentlich solche, wie die Madame Lucca!“

„Kennt er mich denn?“ fragte die Sängerin überrascht.

„Ja. Als ich ihn um Decken für die Damen bat, trat ein Herr Lieutenant zu ihm und nannte Ihren Namen, hat auch erzählt, daß Sie für die Verwundeten auf freiem Felde Kaffee gekocht haben. Da hat der Herr Oberst ausgerufen: ‚Brave Frau! Ich werde wenigstens eine Wache vor’s Spritzenhaus schicken, damit sie in der Nacht nicht gestohlen wird.‘“

„Wie?“

„Nee, ‚damit ihr in der Nacht nichts gestohlen wird?‘ Nun schlafen Sie wohl, Madamchen, und lassen Sie sich recht was Angenehmes träumen. Gute Nacht!“

„Noch einen Augenblick, lieber Mann!“ rief die Lucca in bittendem Tone. „Ist die Thür zu diesem Gemach nicht zu verschließen?“

„Nein; das Thürschloß hat der letzte Spitzbube gewaltsam abgerissen und ist damit durchgebrannt. Deshalb kriegen Sie ja eine Wache! Legen Sie sich nur ruhig auf Ihr kleines Ohr!“

Mit dieser galanten Empfehlung verschwand der Schaffner und die beiden Frauen waren allein.

„Editha,“ flüsterte die Herrin, „wir dürfen Beide zugleich nicht schlafen. Bis Mitternacht werde ich wachen, dann lösen Sie mich ab.“

„Warum denn, gnädige Frau?“

„Die Thür ist, wie Sie gehört haben, unverschließbar. Wer kann wissen, was uns bevorsteht? – Die Nacht ist überhaupt keines Menschen Freund.“

„Ich habe ein Schutzmittel gefunden, Frau Baronin!“ rief Editha erfreut.

„Nun, und worin besteht das?“

„Ich schiebe die Kiste mit dem Gemüse hier innen vor die Thür und stelle die Koffer darauf; das bildet gewissermaßen eine kleine Barricade. So, sehen Sie! Das war schnell vollbracht!“

„Ein schwaches Bollwerk bei ernstlichem Angriff!“ lächelte wehmüthig die Primadonna; danach legten sich beide Dulderinnen auf ihr gemeinschaftliches Bett von ausgedroschenen Daunen und hüllten sich ganz in die Decken voll Weichheit und milder Wolle.

Morpheus hatte bereits beide Damen fein säuberlich in seine molligen Arme genommen, als plötzlich von außen erst leise, dann stärker an die Thür gepocht wurde.

„Barmherziger Himmel, erbarme dich! Verloren, verloren, wer rettet mich?“ schrie die Kammerjungfer und war mit einem Satze an der Thür, um das Gewicht der Gemüsebarricade durch das ihrer nicht ganz leichten Person zu verstärken. „Wer da?“ fragte sie nun, durch mehr Sicherheit beherzter geworden, und eine männliche Stimme flüsterte:

„Ich bin’s, Lieutenant v. L., Ihr Reisegefährte.“

„Aber, mein Herr, was wollen Sie bei nachtschlafender Zeit am Spritzenhaus?“ ließ sich nun Paulinchen im Zorn vernehmen.

„Ich will nichts weiter, als den Damen durch die Thürfuge melden, daß sie sich ohne Furcht der Ruhe hingeben können, da ich, auf Befehl des Herrn Obersten, eine Wache vor’s Spritzenhaus gestellt habe.“ Danach sang er, aus dem „Barbier von Sevilla“ den Almaviva imitirend: „Wünsche Ihnen wohl zu schlafen!“ und verschwand heimlich lachend.

„Sonderbarer Schwärmer!“ grollte Editha, und Herrin wie [302] Dienerin suchten nun, durch die Wache beruhigt, ihr Lager wieder auf. Die Ermüdung beider Damen war so groß, daß sie bis gegen vier Uhr Morgens fest schliefen.

Da wurde draußen plötzlich getrommelt und geblasen, barsche Commandos erschallten, man hörte Kanonen und schweres Fuhrwerk rasseln, überhaupt Kriegslärm ertönen. Es mußte etwas Außerordentliches in Saarbrücken vorgehen. Schnell war die Barricade von der Thür entfernt und Frau Lucca trat in’s Freie.

Lieutenant v. L. kam auf einem feurigen Fuchs gesprengt und rapportirte hastig: „Wir sind alarmirt, Madame. Die Franzosen halten’s nicht länger aus, sie wollen Prügel haben. Ist Alles schon voraus, ich bin nur zurückgeblieben, um Ihnen Rapport zu erstatten. Auf Wiedersehen! Doch halt, beinahe hätte ich vergessen, Ihnen zu berichten, daß Ihr Gemahl im Lazareth zu Pont à Mousson sich befindet.“

„Wie weit ist das von hier?“

„Mindestens zehn Meilen. – Man winkt mir. Verzeihen Sie! – Der Ritter muß zum blut’gen Kampf hinaus! A revoir!“

Und dahin sprengte er mit der Schnelligkeit einer Chassepotkugel.

Nach dem Abzuge der Truppen von Saarbrücken war der Ort wie ausgefegt. Einen alten Mann, der des Weges kam, rief die Sängerin an: „Alter Herr, ist hier kein Wagen zu bekommen?“

„Nicht ’n Rad!“ brummte der Alte und wollte weiter gehen.

„Nur noch eine Frage,“ bat sie den Alten. „Wer ist von unserm Militär noch hier?“

„Nur noch der Großherzog von Oldenburg. Da kommt er eben mit seinem Stabe die Straße hierzu geritten. Bon jour!“ und fort war er.

„Schnell, Editha! Da kommt unsere letzte Hoffnung!“ rief hastig Frau Lucca, und beide Damen stellten sich, Front machend, an der Straße auf.

Der Großherzog von Oldenburg kam im eifrigen Gespräch mit einem höhern Officier langsam herangeritten, die Officiere seines Stabes folgten.

„Guten Morgen, Durchlaucht!“ grüßte die Sängerin mit lauter Stimme.

Der Großherzog hielt überrascht sein Pferd an, und auf die Grüßende blickend, sprach er: „Irre ich mich? Nein; Sie sind doch die Berliner Primadonna, Frau Lucca! Ich hatte einige Male das große Vergnügen, Sie in der Oper zu hören.“

„Durchlaucht, es freut mich, daß Sie die Gnade haben, sich meiner unbedeutenden Person zu erinnern. Sr. Durchlaucht dem Großherzog von Mecklenburg wurde ich bei Hofe vorgestellt; hier thu’ ich’s selber, auf offenem Markt. Hab’ die Ehr’ – Pauline Lucca!“

„Sehr erfreut! “ erwiderte der Großherzog, an die Mütze fassend. „Aber was führt Sie hierher in die Wirren des bösen Krieges?“

„Ich will meinen Mann nach Hause haben, der verwundet in Pont à Mousson liegt. Bis Saarbrücken bin ich gekommen; aber hier hat die Weltgeschicht’ ein End’.“

„Was heißt das?“ fragte lächelnd der Großherzog.

„Ich liege hier fest und kann keinen Wagen bekommen; da richte ich an Ew. Durchlaucht die dringende Bitte, mir zu helfen.“

„Das, schöne Frau, ist mir beim besten Willen nicht möglich,“ sagte bedauernd der Großherzog. „Mir steht augenblicklich kein andres Gefährt zur Verfügung, als der meinem Zuge folgende Planwagen, auf dem sich meine Diener und allerhand Reise-Utensilien befinden.“

„Durchlaucht,“ erwiderte rasch die Sängerin, „Ihre Diener scheinen mir sehr gesunde Beine zu haben. Könnten nicht ein paar von diesen die Partie nach Pont à Mousson zu Fuß machen? Da würde Platz für mich und meine Kammerjungfer nebst kleinen Gepäck!“

„Ich kann doch einer so berühmten Sängerin keinen Sitz im Planwagen anbieten!“

„Durchlauchtigster Großherzog! Schlecht fahren ist besser als gut laufen. Haben Sie in Betreff des Planwagens weiter keine Bedenken?“

„Nein, das sind die einzigen.“

„Dann bitte ich, drei Mann vom Planwagen abzucommandiren, damit ich aufsteigen kann.“

Der Großherzog gab dem Wunsche mit Lachen nach, reichte darauf der Sängerin mit der freundlichsten Miene die Hand, lud sie ein, nach beendetem Krieg seinen Hof zu besuchen, entschuldigte sich mit Eile und ritt dann mit seinen Officieren im Trabe weiter.

Drei Diener waren bereits vom Wagen gestiegen und Kiste und Koffer schnell aufgeladen, danach bestieg auch die Lucca mit ihrer Kammerjungfer die „Equipage des Planes“ und fort rollte dieser in der Richtung von Pont à Mousson.

Sie sollten diese Stadt erst in den Spätstunden des folgenden Tages erreichen, nachdem sie nahezu sechsunddreißig Stunden ununterbrochen im Planwagen zugebracht und selbst darin geschlafen hatten, nachdem sie manche Fährlichkeit und manches Abenteuer überstanden hatten, dessen Aufzählung im Einzelnen uns hier zu weit führen würde.

Wo nun aber den Kranken finden? Ganz Pont à Mousson war in ein großes Lazareth umgewandelt; fast an jedem Hause wehte eine der trübseligen Fahnen mit dem Genfer Kreuz. Frau Lucca fragte unverdrossen rechts und links in den Häusern nach, und im fünfzehnten erhielt sie endlich die Nachricht: „Lieutenant von Rhaden, schwer verwundet, im ersten Geschoß, Zimmer Nr. 9.“

Bei dieser Nachricht schwand ihr bisheriger Muth.

„Also schwer verwundet?“ rief sie, und eine böse Ahnung beengte ihre Brust.

„Wir hoffen, ihn dennoch durchzubringen,“ sagte in beruhigendem Tone der Arzt. „Fassen Sie sich, Madame, es wird noch Alles gut werden.“

„Wird es ihm nicht schaden, wenn er mich plötzlich vor sich hintreten sieht?“ fragte die bekümmerte Gattin.

„Fast fürcht’ ich es,“ erwiderte der Arzt. „Bei klarem Verstande und in Fieberphantasien nannte er unaufhörlich Ihren Namen. Folgen Sie mir gefälligst die Treppe hinauf; aber erst, wenn ich den Kranken vorbereitet habe, werde ich mir erlauben, Sie in’s Krankenzimmer zu rufen.“

Sie folgte und wartete auf dem Corridor einige Minuten; da öffnete der Arzt die Thür und flüsterte: „Er schläft; bitte leise einzutreten!“

Die Sängerin trat ein, ihre Blicke suchten den geliebten Mann; aber welch ein Bild des Jammers bot sich ihren Augen dar! In einem kleinen dumpfigen Raume stand ein Bett, der Größe nach für ein Kind berechnet; darauf ruhte eine männliche Gestalt von mindestens sechs Fuß, die Beine über die untere Bettwand herabhängend, Kopf und Gesicht fast ganz verhüllt durch Verbände und Bandagen, Mund und Nase dick aufgeschwollen und bleifarbig.

„Das ist mein Mann?“ fragte die Sängerin mit unsicherer Stimme.

„Herr Lieutenant von Rhaden, ja.“

Sie sank auf einen Stuhl und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

„Madame,“ sagte der Arzt mit leisem Vorwurf, „ich würde Sie hier nicht eingeführt haben, hätte mir Ihr Gemahl nicht oft erzählt, daß Sie eine Frau von besonderer geistiger Stärke wären.“

Die Sängerin stand auf, ihr Gesicht war bleich, aber ihre Miene gefaßt.

„Mein Mann soll sich in mir nicht geirrt haben,“ sagte sie mit sicherer Stimme und trat an das Bett. „Adolph,“ flüsterte sie, „Deine Pauline ist hier!“

„Er schläft noch,“ bemerkte der Arzt.

„Er hat ja aber die Augen weit geöffnet,“ entgegnete sie.

„Nur das linke; die Sehnen dieses Auges sind durch den Schuß zerrissen, er kann es nicht mehr schließen, ebensowenig die Wimper bewegen; auf dem linken Ohre ist er taub; auch über die linke Partie seines Mundes, wie über die linke Seite seines Gesichts überhaupt ist er völlig machtlos.“

„Und wird das so bleiben?“ fragte die Gattin angstvoll.

Der Arzt zuckte die Achseln „Wir wollen das Beste hoffen.“

„Pauline!“ hauchte der Kranke mit schwerer, vom Schuß lädirter Zunge.

„Bitte, Madame, hinter das Kopfende des Bettes zu treten,“ sagte rasch und leise der Arzt. „Ihr Herr Gemahl ist nahe dem Erwachen, und Ihr plötzlicher Anblick würde ihn zu sehr erschüttern.“

Der Kranke bewegte sich, der Arzt setzte sich an’s Bett und befühlte den Puls des Patienten.

[303] „Sie haben lange geschlafen, Herr Baron; fühlen Sie sich etwas erleichtert?“

„Ein wenig,“ lispelte der Patient, „ich habe wieder angenehm geträumt.“

„Von Ihrer Frau? Sie nannten deren Namen!“

„Von meiner Pauline, ja. Ich sah sie leibhaftig an mein Bett treten, sie weinte und flüsterte: ‚Adolph!‘“

„Wenn dieser Traum nun zur Wahrheit würde?“ fragte forschend der Arzt.

„Eher würde ich glauben,“ erwiderte der Kranke mit schmerzlichem Lächeln, „daß ein Engel vom hohen Himmel zu mir herniederstiege!“

Länger hielt sich die tief ergriffene Gattin nicht. „Adolph!“ rief sie mit vor Thränen erstickter Stimme und sank vor seinem Bett auf die Kniee.

Wir wollen die Scene des Wiedersehens hier nicht weiter ausmalen. Der Arzt hatte zu wehren, zu trösten und zu beruhigen; es gelang ihm namentlich durch das Argument, daß der Krieg noch viele Tausend Unglücklichere gemacht, die Ruhe und selbst die Heiterkeit bei der jungen Frau wieder herzustellen.

„Darf denn mein Mann etwas genießen?“ fragte sie den Arzt. „Ich habe eine Kiste mit comprimirtem Gemüse mitgebracht.“ Sie seufzte unwillkürlich bei Erwähnung dieser ominösen Vegetarianerkost.

„Jetzt nur Kaffee!“ lallte der Kranke. „Kaffee! Kaffee! nichts weiter!“

„O, in diesem Artikel bin ich Meisterin!“ rief sie, jetzt wieder ganz heiter geworden. „Du sollst so duftigen Mokka haben, wie Du ihn jemals gemeinschaftlich mit mir bei Hiller getrunken hast!“

Der Arzt ließ sogleich eine Kaffeemaschine kommen, und in einer Viertelstunde dampfte der Mokka aus den Tassen. Der Kranke hat von diesem Kaffee – wie Frau Lucca mit großer Genugthuung selbst erzählt – fünf Tassen von ihr sich einflößen lassen; so groß war das Bedürfniß seines Magens nach Nahrung.

Ihre nächste Sorge war die Beschaffung einiger luftiger Zimmer und weicher Betten, sowohl für den Kranken als für sich und ihr Kammermädchen. Der Arzt sagte ihr, daß in ganz Pont à Mousson nur noch ein Haus bekannt sei, wo Zimmer und Betten vorhanden wären; der Besitzer desselben, ein französischer Beamter, behaupte aber, es sei bei ihm selber Alles krank und er halte sein Hans vor Jedermann verschlossen.

Hier erhob sich die Lucca mit ihrer alten Energie. „Was?“ rief sie, der Franzos’ will’s besser haben als mein Mann. Da müßte ich keinen Paß vom Grafen Eulenburg besitzen!“ Und nach Schirm und Hut greifend, wandte sie sich der Thür zu.

„Adolph, Du sollst bald besser quartiert werden; mit dem Franzosen werd’ ich a mal ein gutes Wort Deutsch reden. Verlaß Dich auf mich!“

Danach stürmte sie hinaus, dem bezeichneten Hause zu. Nach langem heftigem Läuten wurde ihr endlich geöffnet. Ein dürrer Mann in einem großgeblümten Schlafrocke und eine Zipfelmütze auf dem Kopfe trat ihr entgegen.

„Monsieur,“ redete sie ihn sofort an, „ich verlange von ihnen zwei luftige Zimmer und drei reinliche und möglichst weiche Betten! … Ah! Sie verstehen nicht deutsch! Bon! très bien! da werde ich ihnen zeigen, daß ich mein Schulgeld für den französischen Unterricht aach nicht vernascht habe.“ Darauf machte sie ihm im reinsten Französisch, nach dem leicht faßlichen System von Toussaint-Langenscheidt, begreiflich, daß sie für Zimmer und Betten bezahlen werde, ganz nach seinem Verlangen; sollte er, der Franzose, jedoch sich auch ihr gegenüber „dickköpfig“ zu verhalten gesonnen sein, so werde sie ihn mit seiner ganzen französisch parlirenden Mischpoche an die frische Luft auf das Schleunigste befördern lassen. Zum Beweise, welche Macht ihr gegeben, zeigte sie dem Buntbeblümten mit der Zipfelmütze die französische Seite ihres vom Minister Grafen Eulenburg erhaltenen Passes. Das wirkte drastisch. Der Franzose zog sofort die straffen Segel ein und stellte zwei der schönsten Zimmer nebst drei sauber überzogenen und gut gestopften Daunenbetten der gefährlichen Dame zur Verfügung. Er verlangte dafür allerdings eine enorme Summe, sie wurde ihm aber von der Frau Lucca, ohne Feilschen, in blinkenden Friedrichsd’or gleich baar ausgezahlt, was ihm zu imponiren schien.

Der Umzug des Kranken, wie der Einzug seiner sehr gesunden Frau mit ihrer Kammerjungfer und dem comprimirten Gemüse fand noch an demselben Abend statt.

„Siehst Du, Adolph,“ sagte die Gattin zu ihrem im weichen Bette aufrecht sitzenden Gemahl mit einem gewissen Stolze, „diese Wohlthat wäre Dir vielleicht nicht zu Theil geworden, wenn ich nicht ein Bischen Französisch verstanden hätte.“

Zehn volle Tage pflegte sie den Kranken mit treuer Hingebung; trotz der schrecklichen, durch das Eitern der Wunde hervorgerufenen Miasmen wich sie nicht von seinem Bett.

Die Kammerjungfer kochte und dämpfte jeden Tag eine vom Arzt bestimmte Portion des comprimirten Gemüses, das aber nur in sehr flüssigem Zustande von dem Patienten genossen werden konnte, dabei besserte sich sein Zustand mit jedem Tage.

Frau Lucca hatte ihren Gatten in einer ruhigen Stunde um die näheren Umstände seiner Verwundung gefragt; doch da ihm das Sprechen sauer wurde, verwies er sie an einen Unterofficier, Namens Walter, der ihm in der Schlacht vor Metz zur Seite gestanden und die Details seiner (von Rhaden’s) Verwundungsgeschichte genauer kennen müsse, als der Verwundete selbst. Dieser Unterofficier lag, am Bein verwundet, in dem von Rhaden verlassenen Lazareth.

Als der Kranke eines Tages eingeschlummert war, ließ Frau Lucca den Unterofficier Walter, der mit Hülfe eines Stockes schon wieder gehen konnte, zu sich bitten, und der wackere Krieger kam dieser Bitte auch bereitwilligst nach.

Wir geben die Geschichte der Verwundung des Lieutenant v. Rhaden, wie sie der Unterofficier Walter der Frau Lucca persönlich mitgetheilt hat.

„Am fünfzehnten August,“ so begann er seine Erzählung, „brachen die Franzosen von Metz auf, um auf der Straße nach Verdün durchzukommen; den Kaiser und seinen hoffnungsvollen Erben hatten sie wohlverpackt in der Mitte. Es wollte aber mit dem Vormarsch der Franzosen nicht so rasch gehen, wie sie wohl gedacht hatten, weil die Deutschen sie von allen Seiten bedrohten. Der Kaiser mußte auch zu seiner Escorte kein rechtes Vertrauen haben, denn er machte sich am Sechszehnten früh, auf einem Umwege nach Chalons, schleunigst auf die Strümpfe. Das war auch sein Glück, denn gegen Mittag desselben Tages brachten wir die Bazaine’schen bei Mars la Tour zum Stehen. Die feindliche Armee hatte zwei Dörfer, ein Vorwerk und die daran gelegenen Höhen besetzt.

‚Jagt die Kerls von den Höhen hinunter!‘ schrie der General von Stülpnagel. Das gelang nach schwerem Kampfe. Die Franzosen wurden von den Höhen und auch aus den Dörfern Vionville und Flavigny vertrieben und die Unseren setzten sich darin fest. Um ein Uhr hatte aber der Feind mit Infanterie und Artillerie das Gehölz St. Arnould besetzt und richtete von da aus ein mörderisches Feuer auf die Brandenburger, daß diese fielen, wie die Mücken im Rauch. Um drei ein halb Uhr erschien der Prinz Friedrich Karl auf dem Kampfplatze und ritt unsere Reihen entlang; die Granaten und Chassepotkugeln schlugen um ihn und seine Suite ein, so daß viele Mannschaften in seiner Nähe verwundet wurden. Der Prinz übernahm bei seinem Erscheinen den Oberbefehl. Bis vier Uhr währte der Artilleriekampf, nun aber hieß es: ‚Bajonnete zur Attaque! – Marsch! Marsch!‘ – Darauf hatten wir nur gewartet. ‚Hurrah!‘ schrie es aus tausend und aber tausend Kehlen, und mit gefälltem Bajonnet ging es los auf die unverschämten Rothhosen. Ach, gnädige Frau, war das ein Schießen, Schlagen und Stechen! Da konnte man wohl mit Schiller sagen: ‚Ein Schlachten war’s, nicht eine Schlacht zu nennen‘.

Der Lieutenant von Rhaden, ihr Herr Gemahl, war mit hochgeschwungenem Degen, nicht achtend der Kugeln, die, wie Schloßen in einem Hagelsturm auf uns niederfielen, in erster Reihe zu sehen, immer feuerte er uns an: ‚Nicht weichen, meine Braven! Das Gehölz müssen wir vor Dunkelwerden haben!‘ Ich hatte so recht meine Freude an der imposanten Heldengestalt; da plötzlich hält der Herr Lieutenant, mitten im Vordringen, ein, die Hand mit dem Degen senkt sich, er blickt starr nach einer Richtung und scheint das mörderische Treiben rings um sich her gar nicht mehr zu bemerken. Mir ahnte gleich nichts Gutes. Rasch eilte ich zu ihm und sah nun, wie ihm das Blut unter’m linken Auge über die Wange floß.

[304] ‚Herr Lieutenant,‘ rief ich und berührte seinen Arm, ‚Sie haben einen Schuß in’s Gesicht.‘ Aber er hörte mich nicht. Wie angewurzelt stand er da, die Blicke in’s Blaue gerichtet, den Degen krampfhaft festhaltend, fertig wie zum Hiebe, wie Einer, der durch Hexerei mitten in einer Action gebannt ist. Ich umfaßte ihn sanft, da ich glaubte, er müsse jeden Augenblick zusammenbrechen, und schrie mit dem Kanonendonner um die Wette: ‚Herr Lieutenant, Sie sind verwundet!‘ [306] mich über ihn beuge, fährt mir, klaps! eine verfl – verspätete Chassepotkugel in’s Bein, und so unglücklich, daß ich gleich niederstürze und besinnungslos zu Füßen meines vermeintlich todten Lieutenants liegen blieb.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich unter ärztlicher Pflege hier im Lazareth zu Pont à Mousson und hörte zu meiner Freude, daß auch der Herr v. Rhaden außer Lebensgefahr sich mit mir unter einem Dache befinde. Viele Zeitungen hatten bereits die Nachricht von seinem Tode gebracht.

Acht Stunden hat ihr Herr Gemahl auf dem Schlachtfelde unter Leichen und Verwundeten gelegen, und ich halte es noch heut für ein Wunder, daß die Krankenträger den schwer Getroffenen noch athmend gefunden haben.“

Hier schloß der Unterofficier seine Erzählung, die Frau Lucca in athemloser Spannung angehört hatte. Sie fürchtete für ihren Mann immer noch das Schlimmste.

[316] Der eben eintretende Arzt beruhigte Frau Lucca jedoch mit der festen Versicherung, daß wenigstens für das Leben ihres Gatten keine Gefahr mehr vorhanden sei, und daß er unter ihrer liebevollen Pflege daheim bald wieder seine volle Kraft zurückerlangen werde.

Als Walter sich entfernt hatte, fragte Frau Lucca den Arzt: „Ist mein Mann schon erwacht?“

„Nein,“ erwiderte dieser, „er liegt noch in festem Schlaf und ich habe dem Heilgehülfen, der die Wache bei ihm hat, Befehl gegeben, Niemand zu ihm zu lassen, da ungestörte Ruhe mehr zu seiner Heilung beitragen wird, als alle Medicamente. Auch Sie, gnädige Frau, muß ich bitten, in den ersten drei bis vier Stunden dem Krankenzimmer Ihres Gemahls fern zu bleiben und ihn ganz meiner Leitung zu überlassen.“

„Ich will mich ja gern Ihren Anordnungen fügen, Herr Doctor,“ versicherte die Gnädige, „aber wissen Sie, ganz ohne Beschäftigung find’ ich’s doch sehr langweilig auf dem Kriegsschauplatze. Haben Sie mir nichts Neues mitzutheilen?“

„O doch,“ erwiderte der Arzt. „Eine Meile von hier hat gestern ein blutiges Reitergefecht stattgefunden, die Franzosen sind aber, wie immer, mit Verlust zurückgeschlagen worden.“

„Kann ich mir das Schlachtfeld nicht a Bissel anschauen? Ich hab’ keine so schwachen Nerven, wie Sie vielleicht glauben mögen.“

„Das möchte nicht gut angehen,“ lächelte der Arzt. „Erstlich läßt man da keine Frauen zu –“

„Ei, sind denn die barmherzigen Schwestern keine Frauen?“

„Das wohl, allein diese sind in ihrem Berufe als Krankenpflegerinnen thätig. Zur bloßen Befriedigung Ihrer Neugierde würden Sie schwerlich Erlaubniß bekommen.“

„Ach, lieber Herr Doctor,“ sprach jetzt Frau Lucca mit einem tiefen Seufzer, „Sie glauben gar nicht, was für ein heißes Verlangen ich hab’, mir so ein Schlachtfeld in der Nähe zu betrachten. Ich hab’ außerdem eine Wuth auf diese Franzosen, daß ich, so oft ich meinen Mann stöhnen höre, mit flammendem Schwerte mich auf sie stürzen und rufen möcht’: ‚Rache für Pont à Mousson!‘. Es sieht aber doch wohl grauslich aus auf solchem Schlachtfelde?“

„So grauslich, daß die bloße Beschreibung Sie erzittern machen wird. Todte, Verwundete und Pferdeleichen überall, zerschmetterte Waffen, Helme und Käppis säumen die Chaussee und bedecken die Felder zu beiden Seiten, die Sprengstücke unserer Granaten, wild umhergestreut, zeugen von der verheerenden Wirksamkeit unserer Batterien.“

„Etwas von dem, was Sie da erzählen, habe ich auf der Herreise gesehen,“ sagte Frau Lucca, sich ein wenig schüttelnd. „Wo gingen Sie denn aber heute Morgen mit den Soldaten hin?“

„Ich war mit den die äußersten Vorposten beziehenden Truppen hinaus auf die Höhen. Alles dort zeugte gestern noch von der Wuth des Kampfes, der hier ausgefochten wurde. Jetzt sind all die blutigen Spuren von dort entfernt. Von unseren deutschen Vorposten stehen die französischen nur ungefähr achthundert Schritte entfernt, so daß man durch einen guten Krimstecher ihre Käppis erkennen kann.“

„Ich hab’ einen Krimstecher mitgebracht von Petitpierre aus Berlin,“ fiel rasch die Lucca ein, „der hat die anerkannt besten im ganzen Reiche. Durch dieses Glas möcht’ ich mir die französischen Vorposten anschauen. Wissen Sie nicht, Herr Doctor, wo ich mir die Erlaubniß dazu holen kann?“

[318] „Die Erlaubniß zum Besuch der Vorposten kann Ihnen nur der Ulanen-Rittmeister St…, der hier das Etappen-Commando führt, ertheilen.“

„Ist das der Geheime Commerzienrath St…, dem die großen Eisen- und Kohlenwerke bei Saarbrücken gehören?“

„Derselbe.“

„Das ist ja ein doppelter Millionär!“

„Im Frieden, ganz recht; im Kriege ist er einfacher Ulanen-Rittmeister und gegenwärtig zugleich Etappen-Commandant.“

„Wo ist sein Quartier?“ fragte sie dringend weiter.

„In dem Hause auf dem Hügel hat er sein Hauptquartier aufgeschlagen.“

„Herr Doctor, tragen Sie freundlichst Sorgfalt für meinen Mann; bevor er aufwacht, habe ich mir von unseren Vorposten aus die Franzosen-Käppis besehen. Meine Kammerjungfer mag hier bleiben, die hat ein furchtsames Gemüth. Also dort auf dem Hügel ist das Quartier des Herrn Rittmeisters? Den bitte ich, daß er mir einen Passirschein und vielleicht auch Bedeckung mitgiebt.“

„Ich bezweifle,“ fiel der Doctor ein.

„Ach, ich werd’ ihn schon herumkriegen. Auf Wiedersehen, Doctorchen! Sagen Sie nichts meinem Mann, damit er sich nicht ängstigt. Zum Kaffee bin ich wieder zurück, die Kammerjungfer soll ihn fertig halten. Sie werden mir dann auf eine Tasse Gesellschaft leisten. Addio, Signore Dottore!“

Und mit der Behendigkeit eines flüchtigen Rehes eilte sie hinaus, dem vorher erwähnten Quartier des Rittmeisters zu. Der Arzt sah ihr kopfschüttelnd nach, und sprach lächelnd vor sich hin: „Ein wahrhaft kindliches Gemüth, aber zugleich ein kleiner Trotzkopf.“

Der Rittmeister hatte eben von einer Ulanen-Patrouille den Rapport entgegengenommen, dem gemäß eine Schlacht rings um Sedan in Vorbereitung war. Ein Adjutant hatte ihm den Befehl überbracht, die Höhen bei Pont à Mousson durch Vorposten scharf beobachten zu lassen, und das Sammeln der versprengten Franzosen an diesem Puncte so viel als möglich zu hindern.

Da trat eine Ordonnanz ein und meldete: „Herr Rittmeister, eine Dame aus Berlin wünscht Sie zu sprechen.“

„Damenbesuch?“ fragte der Rittmeister verwundert, „in dieser verpulverten Gegend? Hat die Dame nicht ihren Namen genannt?“

„Frau v. Rhaden, auch bekannt, wie sie sagt, unter dem einfacheren Namen ‚Pauline‘.“

„Die Lucca!“ rief der Rittmeister, schnell aufspringend, um die Thür selbst zu öffnen.

„Madame,“ begrüßte er die Eintretende, „ich bin erstaunt und zugleich erfreut, Sie in meinem Hauptquartier empfangen zu dürfen. Gemeldet wurde mir schon vor mehreren Tagen, daß Sie von Berlin gekommen seien in der löblichen Absicht, Ihren schwerverwundeten Herrn Gemahl nach Hause zu holen; leider hatte ich noch nicht Zeit, Ihnen meine Aufwartung zu machen.“ Mit diesen Worten präsentirte der Rittmeister einen Stuhl.

„Wenn der Berg nicht zu mir kommt, geh’ ich zu dem Berge, hat Muhamed g’sagt, und so mache ich’s auch einmal türkisch,“ erwiderte heiter die Sängerin, dabei sich setzend.

„Vor allen Dingen, wie befindet sich Ihr Herr Gemahl?“

„Dank der gütigen Nachfrage, er besserst sich mit jedem Tage; doch ist er noch nicht so weit hergestellt, daß er die Reise nach Haus ertragen könnt’, das wird aber nach dem Ausspruch des Arztes in wenigen Tagen der Fall sein, und dann fahr’ ich mit ihm ab.“

„Madame – doch zuvor erlaube ich mir die Frage, wie darf ich Sie nach Ihrer Vermählung tituliren? Frau v. Rhaden? Frau Lieutenant? Frau Baronin oder gnädige Frau?“

„Nennen Sie mich,“ erwiderte sie mit komischer Grandezza, „einfach und kurzweg ‚gnädige Frau‘. Das klingt gut und ’s liegt auch was drin. Auf dem Theaterzettel bleibt’s bei der Frau Lucca.“

„Wie Sie befehlen, meine Gnädige! Was machen denn die lieben Berliner?“

„Die trinken Kaffee, dinnen, soupiren und schlafen vor den Litfaß-Säulen, um die Secunde nicht zu versäumen, wo eine neue Siegesdepesche angeschlagen wird. Um Sie aber nicht lange aufzuhalten, Herr Rittmeister, erfahren Sie gleich, daß ich mit einer Bitte zu Ihnen komme.“

„Wenn die Erfüllung derselben in meiner Macht steht, so ist sie gewährt. Darf ich also fragen?“

„Ich möcht’ nur die Vorposten ein Bischen besuchen und mir von da die Franzosen grad’über betrachten.“

Der Rittmeister glaubte nicht recht gehört zu haben.

„Zu den Vorposten wollen Sie?“ fragte er mit gespannter Miene.

„Ja blos auf so lang’, wie mein Mann der nöthigen Ruh’ genießt.“

„Gnädige Frau, das kann Ihr Ernst nicht sein. Das Kriegstheater ist wesentlich verschieden von einem Operntheater.“

„Weiß ich wohl! Auf dem Kriegstheater singen die Chassepotkugeln den Sopran, die Mitrailleusen gurgeln Bariton, und die Bomben brummen den Baß dazu. So ein Concert möcht’ ich gern einmal hören, Beethoven’sche Symphonien kann ich halt z’ Haus alle Tage haben.“

„Und wenn eine Kugel Sie träfe?“

„Ei, das thut sie nicht, dazu sind die französischen Kugeln zu galant. Bitt’ schön, Herr Rittmeister, geben S’ mir einen Passirschein und ’n paar Ulanen mit. Wollt’ ich den Kriegsschauplatz verlassen, ohne des Feind’s ansichtig geworden zu sein, da wär’ ich, wie Einer, der in Rom gewesen ist und den Papst nicht gesehen hat. – Bitte, bitte! Ich hab’ nicht lange Zeit, um vier Uhr werde ich zum Kaffee erwartet, und dann wird auch mein Mann nach mir fragen.“

„Gnädige Frau, so leid es mir thut, diese Bitte kann ich nicht erfüllen. Nimmermehr werde ich die Verantwortung für einen so gefährlichen Schritt Ihrerseits übernehmen.“

„Wenn’s weiter nix ist! – Ich werd’s Ihnen schriftlich geben, daß ich jede Verantwortung auf mein eigenes Haupt nehme.“

Und ohne weiter zu fragen, ergriff sie ein auf dem Tische liegendes Blatt Papier und schrieb, wie sie verheißen, dann reichte sie die Schrift dem Rittmeister mit den Worten:

„Hier haben S’ einen Ablaßzettel, und wenn Ihnen das noch nicht genügt, so ist hier auch mein Paß, worin der Herr Minister alle Behörden ersucht, meinen Wünschen möglichst nachzukommen.“

„Auch ich werde diesem Ersuchen gern Folge leisten, im Uebrigen weiche ich mehr der Gewalt –“

„Der Gewalt?“

„Ihrer Liebenswürdigkeit.“

„Bitte, hat nichts zu sagen. Ziehen wir denn auf Feldwache!“

Nachdem der Rittmeister der Sängerin einen Passirschein durch die Vorposten überreicht, beorderte er einen Wachtmeister mit zehn Ulanen als Bedeckung für die Primadonna, worauf sich die Karawane in Bewegung setzte, den Höhen zu, wo die Vorposten standen.

Es war am dreißigsten August, die Sonne sandte der Erde ihre feurigsten Strahlen; Frau Lucca, den En-tout-cas in der rechten, den Krimstecher in der linken Hand, schritt rüstig voran, vor sich hin die Arie aus „Figaro’s Hochzeit“ trällernd:

„Dort vergiß leises Flehn, süßes Wimmern,
Da wo Lanzen und Schwerter dir schimmern.“

Die Ulanen trabten munter hinterdrein, und so gelangte der Zug nach ohngefähr einer halben Stunde, durch Gräben und Hecken zur ersten Vorpostenlinie, wo die Feldwachen sich wie Maulwürfe in die Erde eingegraben hatten, um gegen die feindlichen Kugeln einigermaßen geschützt zu sein.

In der ersten Erdhöhle, in deren Nähe der „Vergnügungszug“ Halt machte, waren Sachsen postirt. Einer derselben betrachtete die feine Dame, die nach seiner Meinung ihren Sonnenschirm für einen Kugelfang halten mußte, mit großer Neugierde, dann brach er in die dithyrambischen Worte aus:

„Gott Strambach! Wenn die Weibsen in Breißen so couragirt sein, da ist’s kee Wunder nich, wenn die Franzosen von den Männern dieser Amazonen immerfurt Keile besähn.“

Die Sängerin antwortete im reinsten Wienerisch:

„Ihr habt’s nit recht g’troffen, Held aus Berne, i bin ka Preußin nit, i bin halt a g’borne Oest’reicherin, aus Neigung allerdings auch Preußin, Alles in Allem aber eine echte und rechte Deutsche.“

Schon auf dem Wege hierher waren einzelne Kugeln „von [319] drüben herüber“ geflogen gekommen, die aber alle hoch über den Köpfen weggegangen waren. Jetzt, wo das Häuflein stehen blieb, schienen die Franzosen einen festeren Zielpunkt gewonnen zu haben, denn die Kugeln kamen zahlreicher und dichter, und eines der Ulanenfähnlein wurde sogar von der Lanze weggeputzt. Die Pferde der Reiter fingen an unruhig zu werden.

„Was geht denn vor?“ fragte die Lucca.

Der Wachtmeister sprengte heran, grüßte militärisch und rapportirte:

„Frau Baronin, wenn ich mit meinen Ulanen noch ein Viertelstündchen hier halte, bringe ich keinen Mann gesund nach Hause. Alles können die Franzosen ruhig mit ansehen, nur kein Ulanenfähnchen, wo sich ein solches zeigt, entwickeln sie eine riesenhafte Munitionsverschwendung.“

Hier bäumte sich sein Fuchs, denn eine Kugel war ihm dicht beim Ohr vorbeigepfiffen.

„Um Gotteswillen!“ rief die Sängerin[3] erschrocken, „nur kein Menschenleben meinetwegen in Gefahr bringen. Machen Sie Kehrt, meine Herren, und reiten Sie im Galopp nach Haus. Ich lasse mich beim Herrn Rittmeister schönstens bedanken.“

Sie hatte nicht nöthig ihr Commando zu wiederholen. Die Ulanen, die vom Rittmeister Befehl erhalten hatten, der Dame in Allem zu gehorchen, stoben davon wie Windsbräute und waren bald Aller Blicken entschwunden. Nach ihrer Entfernung hörte auch bald das Schießen auf.

Frau Lucca flanirte nun, sich nach rechts und links umschauend, furchtlos weiter und gelangte bald zu einer der äußersten Feldwachen. Hier sah sie einen vereinsamten, von Kugeln zerrissenen Baumstumpf, den sie, etwas ermüdet, als Fauteuil benutzte. Von hier aus konnte sie durch ihr Glas wirklich das Blitzen der französischen Bajonnete in nicht allzugroßer Entfernung sehen. Das Terrain zwischen den deutschen und französischen Vorposten war vollständig rasirt.

Ein hier stationirter Achtundvierziger, echtes Berliner Vollblut, hatte schon mehrere Minuten in großer Verwunderung die Einsame betrachtet, ohne sich „einen Vers“ auf ihre Erscheinung machen zu können. Jetzt verließ er den ihn schützenden Erdwall und trat der nur mit dem Fernglas Bewaffneten näher.

„Madamchen,“ begann er seine Anrede, „wat wollen Sie denn hier?“

„Ich möcht’ das Kriegshandwerk einmal in der Nähe kennen lernen,“ antwortete sie ohne die geringste Verlegenheit.

„Hm,“ brummte der Soldat und sprach dann weiter: „Betrachten Sie ’mal den Boomstamm, auf dem Sie sitzen.“

„Hab’ ich bereits gethan, ehe ich mich setzte.“

„Wovon denken Sie, daß der so zerrissen ist?“

„Ich denk’ mir, das wird von den feindlichen Kugeln sein,“ gab sie ganz unbefangen zur Antwort.

„Und Sie haben sich dennoch darauf gesetzt?“

„Wenn ein Sopha zur Hand gewesen, hätte ich es vorgezogen.“

Das imponirte dem Achtundvierziger.

„Wenn Sie so couragirt sind,“ sagte er in kräftigstem Soldatentone, „denn sollen Sie ooch Pflaumen haben!“

Bei diesen Worten griff er in seinen frisch gewaschenen Brodbeutel und holte eine Hand voll der schönsten gelben Pflaumen daraus hervor, die er der Sängerin in den Schooß schüttete.

„Dank’ schön!“ sagte lachend die Beschenkte und wollte eben eine der Pflaumen versuchen, als der Soldat schrie:

„Bombe! – Bücken!“

Statt sich aber zu bücken, blickte die Gewarnte in die Luft und fragte neugierig: „Wo denn?“

In dem Augenblick crepirte eine Granate vielleicht hundert Schritte vor ihrem Sitze.

„Jetzt würde ich Ihnen aber doch rathen,“ sagte der Soldat in nachdrücklichem Tone, „sich schleunigst von hier fortzumachen; die Franzosen scheinen mit Ihnen Fühlung zu suchen, wahrscheinlich um Revanche zu nehmen für die von unseren Husaren molestirten Honneurdamen des Herzogs von Magenta.“

Während er dies sprach, zog er sich schleunigst wieder hinter seinen Erdwall zurück und auf seine eindringliche Bitte folgte ihm Frau Lucca, wenn auch zögernd, dorthin. Sie wartete eine Viertelstunde, es erfolgte aber kein Schuß weiter.

„Die Parlewus haben sich, wie es scheint, wieder beruhigt,“ sagte der Soldat; „Sie würden aber doch gut thun, Madamchen, die Zeit der Beruhigung wahrzunehmen und sich rückwärts zu concentriren, denn in die Bouquets, die uns die von da drüben schicken, sind keene Kaffeenelken und keene Theerosen.“

„Ich habe auch genug vom Kriegshandwerk kennen gelernt und will zurück nach dem Dorfe,“ erwiderte die Sängerin; „aber eine Bitte müssen Sie mir noch zuvor erfüllen.“

„Und worin besteht diese Bitte?“

„Ich möcht’ ein paar Splitter von der Granate haben, die in meiner Nähe geplatzt ist, um sie als Andenken an diese Stunde mit nach Hause zu nehmen.“

„Granatsplitter? Die sollen Sie haben!“ sagte der Achtundvierziger und wirklich brachte er nach kaum zehn Minuten einige vorsichtig zusammengesuchte Granatsplitter, die er der harrenden Dame in einer Bonbondüte mit ritterlichem Anstande präsentirte und die Frau Lucca auch dem Schreiber dieser Zeilen mit triumphirender Miene zeigte.

Auf ihrem Rückzuge nach Pont à Mousson hörte sie einen Soldaten halblaut sagen: „Die ist kugelfest! das ist ’ne Hexe!“

Ihr inzwischen erwachter Gemahl hatte sie mit fieberhafter Angst erwartet.

„Bist Du schon munter, Männchen?“ fragte sie ihn bei ihrem Eintritt mit kindlicher Unbefangenheit.

„Aber Pauline,“ begann der Kranke seinen Sermon; sie unterbrach ihn jedoch schnell:

„Lieber Adolph, Deine Zunge lallt noch immer, Du sollst sie ja schonen, hat der Doctor g’sagt, nicht wahr, Herr Doctor?“

„Ja, ja,“ erwiderte dieser lächelnd. „Bedenken Sie aber, Madame, welcher Jubel in Paris ausbrechen würde, wenn eine Depesche erschiene, des Inhalts: Die deutschen Barbaren haben keine Lucca und die Berliner emballeurs de meubles keine ‚Pauline‘ mehr; wir haben sie ihnen aus Rache todtgeschossen!“ –

„Ja, Linchen,“ setzte von Rhaden hinzu –

Sie fiel ihm wieder rasch in’s Wort: „Du wirst Zahnschmerzen bekommen, Adolph, schone Dich! – Die Jungfer soll gleich den Kaffee bringen. Editha, den Mokka!“ rief sie hinaus und der Kranke machte keine Versuche weiter seine Epistel fortzusetzen, umsomehr als er im Voraus wußte, doch nur in den Wind zu reden, denn was „Paulinchen“ sich einmal vorgenommen hat, das setzt sie durch, und wenn Kopf und Kragen dabei auf dem Spiele ständen.

Einige Tage nach der Schlacht von Sedan finden wir den Lieutenant von Rhaden wohl eingehüllt und sorgfältig verbunden nebst seiner Frau und deren Kammerjungfer auf der Rückreise nach Berlin begriffen. Das comprimirte Gemüse war glücklich in Pont à Mousson verbraucht und die Kiste, welche es enthalten, zu Asche verbrannt.

Ein Berliner Banquier, der Frau Lucca in Neundorf bei Mannheim fragte, was sie in so gefahrvoller Zeit hierher geführt, erhielt von ihr zur Antwort:

„Ich hab’ mir mein’n Alten selber vom Kriegsschauplatze g’holt, um ihn z’ Haus als barmherzige Schwester schneller g’sund machen zu helfen.“ – –

Vier Monate nach der hier mitgetheilten Begebenheit war Frau Lucca die glückliche Mutter eines lieblichen Töchterleins, das nach den wenn auch nur passiv mit durchlebten Kriegsabenteuern wohl etwas von dem Charakter einer Kriegsgöttin mit auf die Welt gebracht haben wird.
A. Hopf.
  1. Den Mittheilungen der Sängerin getreu nacherzählt.
  2. Wörtlich.
  3. Vorlage: „Sangerin“