Erinnerungen aus dem heiligen Kriege/9. Aus den Aufzeichnungen einer Pflegerin

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Autor: F. K.
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Titel: Erinnerungen aus dem heiligen Kriege/9. Aus den Aufzeichnungen einer Pflegerin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, 34, S. 488–491, 573–575
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[488]
Erinnerungen aus dem heiligen Kriege.
Nr. 8. Aus den Aufzeichnungen einer Pflegerin.[1] I.


Achtundfünfzig Stunden hatte ich nun schon mit siebenzehn anderen Pflegerinnen, die gleich mir in T. die Weisung erhalten hatten, sich schleunigst in die Nähe von Saarbrücken zu begeben, wo die Kämpfer von Speichern mit zerschossenen Gliedern der Hülfe harrten, auf den harten Bänken der Eisenbahnwaggons zugebracht, als wir am Abend eines der ersten Augusttage ermüdet und ausgehungert endlich im St. Johanner Bahnhofe ankamen, wo uns der Befehl ward, weitere Aufträge abzuwarten. Noch während wir den von den Franzosen zerschossenen südwestlichen Flügel des Bahnhofes mit seinem zerstörten Damensalon und ausgebrannten Speisesaal in Augenschein nahmen, brachte jeder ankommende Zug ganze Schaaren von freiwilligen Pflegerinnen. Da hatten die Bonner, die Kölner, die Mainzer etc. ihre jungen Mädchen in’s Feld gesandt, leider, wie sich später herausstellte, ohne Auswahl, ohne die so nothwendige Prüfung der Kräfte und der Sittlichkeit. Wer sich meldete, wurde unbedenklich angenommen, und nur in Folge dessen ist später die freiwillige Krankenpflege so stark und, leider muß ich bekennen, so sehr mit Recht geschmäht worden. Wie sehr schon hier in Saarbrücken das rothe Kreuz verpönt war, lernten wir bald erkennen, so daß wir uns später scheuten, mit der einst so stolz zur Schau getragenen Binde das Haus zu verlassen.

Tief erschüttert verließen wir das Schlachtfeld, das wir am zweiten Tage unseres unfreiwilligen Aufenthalts besuchten. Drunten im Thale ragt ein großes Kreuz zum Himmel. Zwei rohe Balken mit Stricken verbunden bezeichnen die Stätte, wo General François mit seinem Sohne schläft. Ohne Sarg ruhen die Beiden in kühler Erde, um sie her die Tapferen von Speichern, die in den Hospitälern ihren Wunden erlegen.

„Hundertvierundfünfzig Mann, sechszehn Officiere liegen bereits hier,“ spricht einer der Todtengräber, in seiner Arbeit innehaltend, als wir uns nähern. „Seit der furchtbaren Schlacht schaufeln wir Tag für Tag und können nicht genug Hände finden, die Todten zu begraben. Sehen Sie, dort werden schon wieder welche herbeigebracht.“

Von der Landstraße ab lenkt in vollen Lauf ein mit zwei Pferden bespannter Wagen auf uns zu. Zwischen dem dünnen Stroh liegen, in Leintücher gehüllt, vier stille Gestalten. Der Wagen hält vor der Verwesung aushauchenden Grube. – Die starre Hülle eines Preußen sinkt hinab. Eine Hand voll Stroh, eine Schaufel Erde darüber und ein Franzose mit von geronnenem Blute überzogenem Antlitz wird auf ihn gebettet. Wieder Stroh und wieder Erde: ein Franzose mit einem Bein, ein Anderer mit durchschossener Brust folgen nach. Kalk und Sand rollen über die Todten hinab, – die Männer schaufeln weiter an dem Riesengrab, und fort eilt der Wagen, der gähnenden Gruft weitere Opfer zuzuführen. –

Am 15. August durchläuft ein dumpfes Gerücht von einer blutigen Schlacht bei Metz die Stadt. Der Abend bringt die Nachricht des Sieges bei Pange. Voll Ungeduld erwarten wir den Befehl zur Abreise nach dem Schlachtfelde. Unsere Hoffnung ist vergeblich. Schon hat der 16. August Tausende dahingerafft, und noch immer müssen wir unbeschäftigt in Saarbrücken bleiben. Einige von uns sind bereits entschlossen, den Rückweg anzutreten, als endlich am 17. August der Befehl kommt, in einer Stunde uns am Bahnhofe einzufinden, um in der Nähe der blutigen Wahlstatt den Verwundeten die nöthige Hülfe zu bringen. Eilig nehmen wir Abschied von unseren freundlichen Wirthen; diejenigen, welche das Glück haben, ihr Gepäck noch zu besitzen, raffen das Nothwendigste an Kleidern und Wäsche in leichten Reisetaschen zusammen und so stürmen wir zum Bahnhofe. Welch ein Gedränge! Alle Städte scheinen freiwillige Pfleger gesandt, alle Klöster ihre Bewohner ausgespieen zu haben. Unsere staunenden Blicke begegnen außer Militär aller Waffengattungen nur Trägern des rothen Kreuzes, die Alle, gleich uns, auf das Zeichen der Abfahrt harren. Wie das wogt und tost und durcheinander eilt!

Ein schlanker braunlockiger junger Mann mit siegesgewisser Haltung, in untadelhaftem Schlachtenbummlercostüm schreitet vornehm grüßend an uns vorüber. Verblüfft schaut eine unserer Begleiterinnen, eine blonde Pfarrerstochter, ihm nach.

„Es ist wahrhaftig meines Bruders Barbier,“ ruft sie endlich lachend aus, „und der Dicke neben ihm unser Tapezierer; was wollen die im Felde?“

Ja, was wollen sie Alle im Felde, die duftenden und wohlfrisirten Herrchen in hellen Glacés und die jungen Damen in coquettem Pflegercostüm? Wie wenig sie an die Erfüllung ihrer schweren Pflichten denken, zeigt schon jetzt das laute Lachen, die herausfordernden Blicke und das ganze tactlose Benehmen dieser Pflegerschaar. Mein Held vom Kräuseleisen mag indessen ein ganz vorzüglicher Krankenträger sein, trotz der gebrannten Locken und dem gewichsten Schnurrbart. Ich kenne ihn nicht; ich tadle nur Diejenigen, die, wie bereits gesagt, ohne Auswahl Jedweden in’s Feld schickten, der sich zur Pflege anbot, mochte er nun eine interessante, billige Vergnügungstour dabei im Auge, oder wirklich den festen Willen zu helfen gehabt haben.

Nachdem wir eine ganze Nacht und einen ganzen Tag theils frierend, theils hungernd gefahren, erreichten wir endlich Abends unsern Bestimmungsort Remilly. Schon vorher war uns Zug um Zug mit Verwundeten von den schrecklichen Tagen bei Metz begegnet. Hier in Remilly aber bedeckte Mann an Mann auf nothdürftiges Stroh gebettet den Perron und den eilig errichteten Verbandplatz, erschöpft von Blutverlust, halb verschmachtet von Hunger und Durst – Vielen ist volle drei Tage lang kein Bissen Brod, kein Trunk Wasser über die bleichen Lippen gekommen. Hier thut Hülfe noth und wir Alle greifen bis in die tiefe Nacht hinein zu, wo und wie wir können. Endlich denken auch wir daran, eine Lagerstätte für unsere müden Glieder aufzusuchen; keine leichte Aufgabe in dem von Truppen überfüllten Flecken. Es muß einst ein herrliches Stückchen Erde gewesen sein, ehe der blutige Krieg dasselbe überzog. Jetzt sind die reizenden Schlößchen von ihren Bewohnern verlassen und theilweise zerstört, die wohlgepflegten Parks verwüstet, die niedlichen Landhäuser von tapfern, aber nicht eben schonungsvollen Kriegern überfüllt. In einem solchen Landhause finden auch wir ein Obdach.

Um sieben Uhr Morgens brechen wir zum Verbandplatz auf. Es ist der 19. August und Tags vorher die furchtbare Schlacht bei Gravelotte geschlagen worden. Noch sind die Schlachtfelder vom 14. und 16. August nicht geräumt und schon liegen abermals Tausende auf der blutgetränkten Erde und verlangen schleunige Hülfe. Was transportirt werden kann, wird in Eisenbahnwaggons und Leiterwagen weiter gesandt und macht Halt in Remilly, um sich verbinden und speisen zu lassen. Hier stehen Waggon an Waggon, Wagen an Wagen mit Verwundeten, hier ist das Hauptdepôt [489] der Johanniter, und Vorräthe genug, die Ausgehungerten zu sättigen. Welch ein Uebermaß von Jammer und Leid begegnet dem Auge!

„Einen Bissen Brod, seit sechsunddreißig Stunden sind wir ohne Nahrung,“ bittet ein bleicher Krieger, wie ich eben mit gefülltem Korbe zum Verbandplatz eile. Ich reiche ihm schnell ein wohlbelegtes Butterbrod hin, aber keine Hand streckt sich aus dem staubbedeckten Mantel, es in Empfang zu nehmen.

„Meine beiden Arme sind zerschmettert,“ entgegnet er traurig meinem fragenden Blick und sinkt seufzend auf sein Lager. Ich beuge mich herab, ihn zu füttern, aber es dauert gar zu lange, bis er gesättigt ist, endlich erbietet sich ein mitleidiger Camerad mit zerschossenem Unterschenkel, der neben ihm im Stroh liegt, mein Amt zu übernehmen, denn immer neue Verwundete treffen ein und nehmen Hülfe in Anspruch.

Eine Jammergestalt schwankt heran. In dem weitgeöffneten Munde liegt schwarz und aufgedunsen die Zunge; noch stecken die Zähne darin, die eine in die Backe gedrungene Kugel aus den Kiefern gerissen. Den Armen hungert furchtbar, und doch kann er Nichts essen. Der Versuch, ein rohes Ei ihm einzuflößen, mißlingt; erst müssen die Zähne heraus, alsdann probiren wir’s mit Bouillon. Ein Feldkessel wird heimlich annectirt, und während das Wasser kocht, werden die Zähne aus der Zunge entfernt. Jetzt geht’s, und gierig schlürft er die von Fleischextract bereitete Suppe.

Horch, welch ein gräßlicher Schrei! – Ein Unglücklicher windet sich unter den Händen der Aerzte, die ihm mit raschen Schnitten die Kugel aus dem Unterleibe trennen.

Heiß brennt die Mittagssonne herab, doch den, der dort auf dürftigem Stroh liegt, erwärmt ihr Strahl nie mehr, todt hob man ihn vom Wagen herab. –

Keuchend und schweißtriefend eilen wir unter den Verstümmelten umher; keine Müdigkeit wird empfunden, Hunger und Durst mit einem Stückchen Brod, einem Glase Rothwein befriedigt.

„Milch! um Gotteswillen, eine Tasse heiße Milch!“ stürzt athemlos ein Trainsoldat heran.

„Was ist geschehen?“

„Man hat einen Soldaten vergiftet, ein französisches Weib soll die Mörderin sein.“

„Herr Gott, wo ist die Furie?“

„Ja, wo ist das olle Weibsbild?“

„Bereits festgenommen!“

„Hurrah! hat ihm schon, das französische Racker.“

„Ohne Gnade muß sie erschossen werden!“

„Nein, gehangen, eine Kugel ist zu gut für die Megäre.“

„Die muß ich baumeln sehn!“

„Ich auch!“

„Ich ebenfalls!“

So tobt die forteilende Menge in wildem Durcheinander und stürzt nach allen Seiten, Opfer und Mörderin zu suchen, ohne an Hülfe zu denken. – Im Hauptdepôt ist condensirte Milch, heißes Wasser findet sich glücklicherweise auch vor; – indessen jeder Beistand kommt bei dem Unglücklichen zu spät, in einer Stunde ist Alles vorüber.

„Was war’s, was man dem Armen gereicht?“

„Unverdünnte Carbolsäure hat der Unvorsichtige getrunken,“ entgegnete der Arzt. „Ein Nachlässiger hat die beim Verband gebrauchte Säure im Stroh liegen lassen. Der durstige Soldat trinkt in der Meinung, die Flasche sei mit rothem Wein gefüllt, und merkt erst seinen Irrthum, nachdem es zu spät ist.“

„So hat ihn keine Französin vergiftet?“ fragen die Umstehenden enttäuscht. Sie haben sich vergeblich auf eine interessante Hinrichtung gefreut.

Zwischen den Leiterwagen mit ihrer blutigen Last halten die Marketender. Sie machen glänzende Geschäfte. Körbe voll Butterbrod mit und ohne Schinken stehen auf dem vordersten Sitz, rother Wein lockt die Durstigen herbei. Ich staune über die Vorräthe und die merkwürdige große Aehnlichkeit, welche sie mit den im kleinen Depôt fabricirten Butterbroden haben.

„Das ist kein Wunder,“ lacht ein junger Mann, den ich darauf aufmerksam mache, „soeben noch war ich ungesehen Zeuge, wie eine niedliche Pflegerin ihren Korb voll Brod um geringen Preis einem Marketender verkaufte, statt ihn den Verwundeten auszutheilen. Es war nicht die Erste, die es that, und wird auch nicht die Letzte sein, so wenig wie jener elegante Krankenträger der Einzige ist, der die Weinflaschen aus dem Depôt escamotirt, um sie mit seinen Cameraden zu trinken oder für wenig Geld hier zu verhandeln.“ –

Ein Gewitter ist heraufgezogen, der Donner brüllt, die Blitze zucken und dunkle Wolken zucken mit strömendem Regen. Den ganzen Tag sind Arbeiter beschäftigt gewesen, ein Bretterdach über den mit Verwundeten angefüllten Perron zu schlagen, aber nicht die Hälfte kann dort geborgen werden. Auch auf dem Verbandplatz liegen weitaus die Meisten unter freiem Himmel, trotzdem mehrere Hunderte Raum in der dort aufgeschlagenen Baracke finden. Schon fallen einzelne Tropfen. Ob verbunden oder nicht, gesättigt oder hungernd, die Verwundeten müssen schleunigst in die Waggons geladen werden. Ab und zu eilen die Krankenträger mit ihren Bahren. Auf den verschlungenen Händen tragen die Gesunden ihre verwundeten Cameraden, auf ihren Krücken und Stöcken schleppen die Anderen sich herbei; dort stützt ein Stöhnender mit zerschossenem Fuß sich auf die Schulter eines starken Wehrmannes, dem eine Kugel das rechte Auge verletzte, – Blinder und Lahmer sich gegenseitig unterstützend. –

Schon fließt der Regen in Strömen, ehe sie Alle untergebracht sind. Bis auf die Haut durchnäßt eile ich bei einem der harrenden Züge von Waggon zu Waggon mit Körben voll Brod und Kannen Wein oder Limonade. Trotz der oft fürchterlichen Wunden sind die meisten Kranken guten Muthes; geht es doch nun der lieben Heimath zu, wo sorgfältige Pflege sie bald wieder herstellen wird. Wie Wenige ahnen, daß die liebevollsten Bemühungen sie nicht mehr dem Tode entreißen können! – Langsam setzt sich endlich der Zug in Bewegung, fort, der Heimath zu, und ich eile nach unserer Wohnung, eine warme Hülle über die durchnäßten Kleider zu werfen, denn das Gewitter hat die Luft bedeutend abgekühlt. Aber schon kommt die Hauptstraße herab Wagen auf Wagen mit den Opfern von Gravelotte, durchnäßt, zitternd vor Kälte, gequält von Hunger und Durst und stöhnend vor Schmerz bei jedem Stoß des schwerfälligen Fuhrwerks. Ueber diesem Elend vergißt man die eigenen Unbequemlichkeiten. Wieder geht’s hinab in’s kleine Depôt und zurück zu den überfüllten Wagen. Der ganze Marktplatz ist mittlerweile von Fuhrwerken angefüllt. Zwischen Rädern, unter Pferdebäuchen hindurch, über Steine und glimmende Wachtfeuer eilen wir mit gefüllten Körben zu den Jammernden. – Die Nacht sinkt kalt und sternlos herab; dicht werden die Unglücklichen in den Baracken gebettet, dicht auf dem feuchten Stroh unter freiem Himmel und dicht auf der kalten nackten Erde, und noch immer rasseln die schrecklichen Wagen heran.

Hinter den Baracken des Verbandplatzes, in einem einst sorgfältig angelegten Garten, lodern riesige Feuer zum düstern Himmel empor. Tag und Nacht dampfen die Kessel über demselben, Tag und Nacht sind Soldaten zum Kaffeekochen dorthin commandirt. Ein Unterofficier leitet die Arbeit und prüft das Fabrikat. Gemeine schleppen Holz, Wasser und Kaffee herbei und zerstoßen ihn in großen eisernen Mörsern. Krankenträger und Pflegerinnen schöpfen in Eimer, Gießkannen, Milchtöpfe, Flaschen und Krüge und selbst in kostbare, aus den Schlössern genommene Vasen den wärmenden Trank, und wo die dampfenden Gefäße erscheinen, bildet sich ein dichter Kreis und hundert braune Hände strecken sich mit Bechern, Tassen, Näpfchen, Feldkesseldeckeln aus; selbst aus Mützen und Mantelzipfeln wird der heiße Labetrunk geschlürft. Zwanzig bis dreißig Schritte vom Verbandplatz brodelt in ungeheurem Kessel die Zwiebacksuppe. Dorthin werden die geleitet, die durch den Mund geschossen keine consistente Nahrung zu sich nehmen können. Mit Wein, Ei und Zucker gewürzt ist dies das erste Stärkende, was die Armen seit mehreren Tagen genießen können. Wie dankbar sind sie, wie geduldig tragen sie ihr Leid, zufrieden, ihre nassen Kleider trocknen, ihre erstarrten Glieder am Feuer wärmen zu können.

Wie die Nacht vorrückt, hellt sich der Himmel auf und der Vollmond gießt sein bläuliches Licht über die nächtliche Scene. Auf dem Markte ist es stiller geworden. Noch füllen die Wagen, welche die blutige Ernte des Krieges herbeigebracht, den düstern Platz; aber sie stehen nun leer und schlafend liegen die Fuhrleute zwischen den todmüden Pferden. Unter den dunkeln Kastanienbäumen in der Mitte des Marktes ruhen an den verglimmenden [490] Feuern die Obdachlosen in ihre Mäntel gehüllt. Zum Tode erschöpft von ihrer blutigen Arbeit gleitet eine Dame mit feinen Zügen von einem Verwundeten zum andern; sie will nicht rasten, bis Alle verbunden und der kommende Tag die Leidenden nach den deutschen Lazarethen entführt. Mit festem Willen besiegt sie jede Anwandlung von Schwäche und erfüllt heldenmüthig ihre Pflicht. Durch die thürartigen Ausschnitte der Baracken sieht man die lodernden Feuer der Kaffeeküche und die sie umgebenden Gruppen, Soldaten, Leichtverwundete und Pflegerinnen der untern Stände. Sie haben das Elend um sich her vergessen; frivole Redensarten beleidigen das Ohr, rohes Gelächter erschallt, und erschrocken wendet sich das Auge von Scenen, welche die Gemeinheit dieser fühllosen Naturen bekunden.

Je mehr die Nacht dem Morgen sich nähert, je kälter wird die Luft. Kaum können meine erstarrten Hände noch die Vorräthe halten. Wie im Nebel sehe ich das grelle Roth der Fackeln, die durcheinander eilenden dunkeln Gestalten, die ganze bewegte Scene, über welche der Mond sein silbernes Licht vom klaren Himmel herabgießt. Halb bewußtlos schreite ich über die am Boden Liegenden; ihre Bitte um eine warme Decke, einen Mantel, nur eine Handvoll Stroh, schlagen dumpf an mein Ohr; unter Wagen und Pferden hindurchkriechend, erreiche ich unser Quartier und sinke erschöpft auf das harte Lager.

Die überstandene Anstrengung hält mich auch den ganzen nächsten Tag auf dem Lager; ich bin krank. Aber ich muß gesund werden und zwar ohne Arzt; denn keiner von all’ den Gerufenen kommt. Die Einen sind bei den Verwundeten und die Anderen müssen ihre ärztliche Hülfe den Port- und Xeresweinen in der kleinen Stube des großen Johanniterdepôts angedeihen lassen. Wie gesagt, ich wurde trotzdem wieder gesund und begab mich sofort am zweiten Tage zur Nachtwache im Ruhr- und Typhuslazareth, dessen schrecklicher Dienst alle Nerven anspannte und einen kaum glaublichen Grad von Selbstüberwindung erforderte.

Den folgenden Tag, es war am 23. August, strömte der Regen unaufhaltsam nieder, die Straßen sind eine fortlaufende Kothlache, Stroh und Matratzen durchnäßt, auf denen die unausgesetzt ankommenden Verwundeten untergebracht werden sollen. Es sind meist Franzosen, oft schauderhaft verstümmelt.

Bei der feuchtkalten Witterung ist das Erneuern der Verbände an den Wunden unzulässig. Nur nach Speise und Trank verlangen die Eintreffenden und im Depôt sind nicht Hände genug, Alles zu liefern.

Einem schlanken jungen Mann ist die oberste Leitung desselben übertragen, eine Wittwe aus Köln hat die Aufsicht über die Vertheilung der Vorräthe und nennt sich mit Stolz „Directorin“. Die Stube, aus welcher fortwährend ungeheure Vorräthe gebracht und an die Hungernden vertheilt werden, war das Schlaf- und Wohnzimmer des frühern französischen Bahnwärters. Jetzt haben sich die Leute in den obern Theil des kleinen Häuschens zurückgezogen, den untern, Küche und Wohnstube, den Johannitern überlassen. Noch stehen die zwei breiten Betten in dem Raum, jetzt die Behältern aller möglichen Sachen. Zuckerhüte, Citronen, Cigarrenkisten, Schweizerkäse, Cognacflaschen, Kasten etc. füllen in wirrem Durcheinander das eine; auf dem Rande des andern sitzen vor einer großen Kiste Tag und Nacht zwei Soldaten und schneiden in dieselbe Stücke Brod von dem am Boden aufgethürmten Vorrath ab. Fünfhundert Brode sind so an einem Tage verschnitten und auf dem am Fenster stehenden Tisch mit Butter bestrichen, mit Schinken belegt worden, und doch reichte dies nicht aus, Alle zu sättigen. Neben der Thür steht die Limonade in großen Kübeln, den Raum zwischen den Betten nimmt ein mit einer Mischung von Rothwein, Zucker und Wasser gefülltes Faß ein, und jede Ecke ist mit Körben voll Eier, Schinken, Buttertöpfen und Weinflaschen vollgepfropft.

„Ach, Gott sei Dank, hier giebt’s was zu essen!“ mit diesem Ausruf stürzt eine Schaar junger Männer in das enge Gemach.

„Ja wohl, aber nur für Verwundete,“ tritt ihnen die Wittwe mit Directormiene entgegen. „Drüben im Hauptdepôt konnen Sie vielleicht Etwas bekommen.“

„Da waren wir schon und man hat uns hierher gewiesen,“ entgegnet einer der rothbekreuzten Jünglinge.

„Ja, sehen Sie, meine Herren,“ beginnt die Wittwe mit Würde, „ich bin hier als Directorin angestellt und darf –“

„Ach was, hier, essen Sie nur,“ falle ich der würdigen Dame in die Rede und theile schnell aus, was eben vorhanden. „Ein Glas Rothwein sollen Sie auch haben unter der Bedingung, daß einige von ihnen sich des Brod- und Schinkenschneidens annehmen, unsere Mädchen haben bereits die Hände voll Blasen und unsere soldatische Hülfe ist eben abgerufen.“

Ein kurzer, dicker Sohn Hamburgs meldet sich zum Schinken; da sein Vater Hôtelbesitzer sei, verstehe er das Tranchiren. Ein junger Oekonom aus der Nähe der Hansestadt setzt sich an den Brodkasten, ein Kaufmannssohn folgt ihm und unter ihren starken Händen füllen die Stücke rasch den Behälter.

„Das hätten wir Hamburger Krankenträger nicht erwartet, zu solcher Arbeit commandirt zu werden,“ flacht der junge Kaufmann und besieht seine zarte Hand, deren innere Fläche dunkel geröthet ist.

„Auch nicht, daß wir einmal gründlich das Hungern lernen müßten,“ entgegnet sein Nebenmann; „aber sieh nur dort, wie schrecklich!“ unterbricht er sich und deutet nach der Thür.

Langsam schreitet ein Verwundeter herein mit schlotternden Knieen, gänzlich entkräftet, das Haupt mit blutigen Tüchern umwunden, das Antlitz gedunsen und furchtbar entstellt. Noch hängt auf der Backe das rechte Auge, das eine Kugel ihm herausgerissen, und gewährt einen scheußlichen Anblick. Kaum verständlich bittet der arme Hannoveraner um etwas Nahrung. Brod vermag sein verschwollener Mund nicht hinunter zu bringen, ein rohes Ei und etwas Suppe ist das Einzige, was er genießen kann. Glücklicherweise ist dieses schnell herbeigebracht, denn seit das kühle Wetter eingetreten, dampft der Suppenkessel beständig über dem Feuer.

„Haben Sie nicht etwas warme Nahrung für zwei kleine Ausreißer?“ fragt herzutretend ein Unterofficier. „Die armen Kerle sind halbverhungert.“

Ich fülle einen herrenlosen Feldkessel mit Suppe und folge in das kleine Bahnhofgebäude. Auf der Bank im Hintergrunde des frühern Gepäckzimmers – ich glaube jetzt Etappenbureaus – sitzen zwei Knaben von vierzehn bis fünfzehn Jahren, zerrissen, schmutzig, hohläugig, mit halb trotzigen, halb weinerlichen Gesichtern. Es sind die kleinen „Ausreißer“, Knaben aus guter Familie, die heimlich das elterliche Haus verlassen hatten, um mit den Soldaten in den Krieg zu ziehen. In der Nähe des Schlachtfeldes von Gravelotte fand man die zu früh flügge gewordenen Vögel, die offenbar jetzt froh waren, wieder in das elterliche Nest zurückgebracht zu werden. Neben diesen verlorenen Söhnen sitzt ein Mann in blauer Blouse, kothbedeckt, zerzaust, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit mit Beulen, Schmutz und Blutflecken bedeckt; die blutunterlaufenen Augen blicken scheu umher und haften zuletzt begehrlich auf der dampfenden Suppe. Der augenscheinlich vom Hunger gequälte Mensch jammert mich; eben will ich forteilen, auch ihm etwas Speise zu bringen, als der hereintretende Officier mit den Worten auf ihn deutet:

„Also dies ist der Leichenräuber?“

„Zu Befehl, Herr Hauptmann, man hat einen Sack unter seinem Marketenderwagen gefunden, voll von Werthsachen, Uhren, Ketten, Ringe, in deren zwei noch die abgeschnittenen Finger steckten. Sie sehen, unsere Leute haben ihn gerade nicht sanft bei der Entdeckung behandelt.“

Der Officier blickte finster im das von Mißhandlungen entstellte Gesicht, und scheu rücken die Knaben von dem Elenden zur Seite, der auf solche Weise den deutschen Namen schändete. –

Auf dem Perron werden die mit Speise und Trank erquickten Verwundeten in die Waggons geladen. Freiwillige Krankenträger aus allen Ständen, aus allen Theilen unseres deutschen Vaterlandes betten ihre stöhnende Last in die mit Stroh belegten Packwagen. Wer gehen, ja wer nur mühsam an Stöcken fortkriechen kann, schleppt sich vom Verbandplatz herauf. Ein schrecklicher Zug von Jammer und Elend, diese bleichen hohläugigen Gestalten in den bunten, jetzt zerrissenen und schmutzbedeckten französischen Uniformen. Aber so viel ihrer auch eingeladen werden, leer wird es nicht auf dem Platze drunten, immer Neue werden herbeigefahren. Schon strecken sich wieder hundert Hände nach Nahrung aus, und die angestrengteste Thätigkeit weiß kaum sie alle zu füllen. Die „Directorin“ ist knurrig, denn die Hungernden stürmen förmlich das kleine Häuschen, und die Krankenträger und Pflegerinnen schleppen solche Massen von Vorräthen heraus, daß der Verdacht entsteht, ein Theil derselben verkaufe das Brod an die Marketender oder verschenke Cigarren, Eier etc. an ihre besonderen Freunde.

[491] Aber kaum sehen die Verdächtigen die begehrten Vorräthe sich auf solche Weise verweigert, so erbeben sie einen furchtbaren Tumult und schreiend und ihre Unschuld betheuernd stürmen sie in dem engen Raume umher. Unsere wieder eingerückten militärischen Brod- und Schinkenschneider drängen sie bald zur Thür hinaus und schließen ab. Eine junge üppige Blondine, in elegantem Pflegercostüm, mit Hut und Schleier, die sich für die Wittwe eines 1866 gefallenen schlesischen Barons ausgiebt und unter dem besondern Schutze einiger Johanniter steht, schleudert noch eine Fluth der gemeinsten Schimpfreden im reinsten Berliner Straßenjargon durch die zerbrochene Scheibe der Stubenthür und bekundet dadurch eine Abstammung, die wenig der „Baronin“ einspricht. –

„Nur herein, meine jungen Freunde, immer mir nach, hier werden Sie schon was zu essen finden,“ schnarrt eine verrostete Stimme im kleinen Hausflur, und ein gedunsenes Gesicht mit dunkelgefärbter Porternase starrt durch die Scheiben der geschlossenen Thür. Die „Directorin“ sieht finster drein, sie kennt den Oberst, der stets hungrig und durstig hundert Mal des Tages mit jungen oder alten Freunden erscheint, sich gerirt, als wäre das ganze Depôt sein Eigenthum, und dieses opferfreudig den Freunden zur Verfügung stellt, dabei das Beste aber mit überlegener Klugheit sich selbst aneignend.

„So, nehmen Sie Platz, machen Sie sich’s bequem, meine Herren,“ wendet er sich zu den ihm folgenden jungen Officieren, sobald die Thür geöffnet ist, und zieht rücksichtslos den beschäftigten Pflegerinnen die Stühle fort. „Befehlen Sie Cognac, Rum, Xeres oder alten Portwein? Sie haben doch alten Portwein, meine Liebe?“

Die Wittwe bejaht mit sauersüßem Lächeln.

„So würde ich Ihnen diesen edeln Spanier empfehlen, nehmen Sie Portwein, ganz vortrefflich,“ und er schnalzt mit der Zunge und gießt ein Glas des feurigen Tranks auf einen Zug hinunter. „Hier sind Butterbrode, meine Herren, wünschen Sie Schinken oder feinen Schweizerkäse? Geniren Sie sich nicht, denken Sie, Sie seien zu Hause,“ ruft er mit Gönnermiene, während unglaubliche Quantitäten Käse, Portwein und selbst Cognac hinter seinem struppigen Schnurrbart verschwinden. Endlich scheint der Oberst gesättigt und zieht mit seinen Pflegebefohlenen ab, aber nur um in kurzer Zeit mit anderen Freunden wiederzukommen und dasselbe Manöver von Neuem zu beginnen. – –
F. K.
[573]
Nr. 9. Aus den Aufzeichnungen einer Pflegerin. II.


Auf einem freien Platze voll großer Bäume in Ars sur Moselle stand das zum Lazareth eingerichtete Schulhaus, ein so schönes großes Gebäude, wie ich in einem deutschen Dorfe kein ähnliches gefunden. Deutsche Hülfe mangelte noch; man war genöthigt, von der Gemeinde bezahlte französische Wärter und Wärterinnen anzustellen, letztere zum großen Theil die Demoralisirtesten unter der demoralisirten Fabrikbevölkerung. Wie schlecht die Kranken, besonders die Deutschen, in solchen Händen gepflegt, welche schmutzigen Scenen vorgekommen, ist leicht begreiflich, ebenso wie die Freude des Doctors, endlich deutsche Pflegerinnen für seine Patienten zu erhalten. Jede von uns erhielt einen der vier Säle angewiesen. Der weibliche Doctor bat sich sofort die Schwerverwundeten und Amputirten aus und erhielt den Parterresaal des linken Flügels, wo sie alsbald begann, Wärter und Wärterinnen umherzujagen und sie mit allen möglichen Aufträgen in geziertem Französisch zu überschütten. Nie habe ich ein größeres Talent in Ausnutzung ihrer Umgebung gesehen als in diesem Frauenzimmer. Froh, auf einige Zeit von ihr befreit zu sein, folgten wir dem Stabsarzt in die übrigen Säle. Saal Vier in der Beletage des rechten Flügels ward mir zugewiesen. Vor allen Dingen mußten die beiden Wärterinnen entfernt werden, sollten die Kranken die ihnen nöthige Ruhe haben. Die Aeltere der Beiden, eine Person mit dreistem Wesen, falschem Chignon auf dem sorgfältig frisirten Haupte und zerrissenen Schuhen an den Füßen, wurde auf ihre Bitten einstweilen beibehalten, mußte indeß nach einigen Tagen in Folge obscöner Vorfälle entlassen werden. Die Jüngere, kaum sechszehn Jahre alt, indessen weit gemeiner und dreister noch als ihre Gefährtin, sprang bei unserer Ankunft laut auflachend mit nägelbeschlagenen Schuhen durch den Saal, daß die Dielen zitterten und die Schwerkranken aufstöhnten, als ginge jeder Tritt über ihren zerschossenen Körper. Sie mußte noch denselben Abend mit Strenge hinausgewiesen werden, da sie sich durchaus nicht gutwillig fügen wollte und einige übermüthige reconvalescente Franzosen ihre Partei ergriffen.

In den anderen Sälen mag es ähnlich gewesen sein; es blieben nur drei ältere Frauen zum Aufspülen und zum Aufwaschen der Säle zurück. Außerdem hatten acht französische Wärter die schmutzigen Arbeiten zu verrichten, je zwei in jedem Saale, Einer zum Tagesdienst, der Andere für die Nacht. Ein Lazarethgehülfe in jedem Flügel ging dem Arzte zur Hand und schaffte die Medicamente herbei. Bonner Studenten der Medicin, die sonst keine Beschäftigung gefunden, sollten uns beim Verbandanlegen hülfreiche Hand leisten; ich erinnere mich jedoch nicht, sie je zu diesem Zwecke in meinem Saale gesehen zu haben. Bald hörten ihre Besuche im Lazarethe auch auf. Der Stabsarzt liebte sie ohnehin nicht allzu zärtlich, und als sie sich weigerten, die Nachtwachen zu übernehmen, setzte er ihre Entfernung durch. Später erhielten die beiden oberen Säle zwei freiwillige Pfleger, die fleißig halfen, Saal Drei einen jungen Kaufmann aus Hof an der Saale, Saal Vier einen jungen Mann aus der Nähe von Bonn. In den unteren Sälen verbanden die Lazarethgehülfen. Der Stabsarzt und später ein ihm beigegebener Assistenzarzt hatten die Kranken täglich zwei Mal zu besuchen. Oberstabsarzt W. sprach einige Male die Woche vor, später größtentheils in Begleitung des Generalarztes, Geheimraths Dr. Busch, dessen gütiges Gesicht den Kranken Allen willkommen war, wennschon sein Erscheinen meistens die schrecklichsten Operationen nach sich zog.

Von den Verwundeten nahmen die beiden Deutschen in meinem Saale anfänglich, als die am schwersten Getroffenen, meine ganze Sorge in Anspruch. Der Eine, ein junger schöner Mann, bereits verheirathet und Vater von vier Kindern, lag unbeweglich mit zerschmettertem linken Unterschenkel in Gypsverband. Der 14. August hatte ihn auf’s Schmerzenslager geworfen, von dem er, wenn Alles gut ging, erst nach Monaten, vielleicht in Jahresfrist, erstehen konnte. Wohl kannte er die lange Zeit, die seine Heilung erheischte, aber keine Klage wurde laut. Stets freundlich und dankbar für die geringste Hülfe, konnte ihn nur der Gedanke an Frau und Kind, die sich daheim in Wesel um ihn grämten, traurig stimmen. Sein Name ist mir entfallen, die Nummer des Regiments, zu dem er gehörte, habe ich nie gewußt, aber die „liebe Gypsfigur“, wie wir ihn nannten, wird stets in meinem Gedächtnisse bleiben. Ebenso liebenswürdig war mein „guter Lipper“, eine prächtige Figur aus der Nähe von Detmold, dessen linker Unterschenkel, gleichfalls zerschmettert, leider keinen so guten Verlauf genommen hatte wie die Verwundung seines Nebenmannes. Furchtbar war der Anblick des bereits brandig gewordenen Beines und noch furchtbarer die Schmerzen, die der Arme litt. Zweimal vierundzwanzig Stunden hatte kein Schlaf seine Qualen gemildert, keine Speise ihn erquickt, ohne daß ein Schmerzenslaut über seine Lippen gegangen. Als ich ihn das erste Mal sah, versuchten seine vor Schmerz zuckenden Lippen mir zuzulächeln, während in seinen blauen Augen Thränen standen.

„In zwei Tagen wollen sie mir mein Bein abschneiden, liebe Schwester,“ sagte er traurig, „und so viel Schmerzen es mir auch verursacht, ich verliere es doch nicht gern. Auch werde ich nun meinen armen Vater nicht länger ernähren können; er ist schon alt und meine Schwestern sind Beide kränklich. Die eine hütet seit Jahren das Bett, die andere hat schon monatelang die Stube nicht verlassen können. Als Bierbrauer hatte ich in Lippe einen schönen Verdienst, aber das ist nun für immer vorüber; wer will einen Krüppel in seine Dienste nehmen?“

Ich tröstete ihn, so gut ich es vermochte, und bedauerte aufrichtig, einen so sanften Kranken verlieren zu müssen, denn alle neu Amputirten wurden, so lange es noch heiß war, in die unweit gelegene Markthalle gebracht, da der Geruch des eiternden Stumpfes in geschlossenen Räumen die Luft zu sehr verpestet hätte.

Als der Aermste zwei Tage später auf seine Bahre gehoben und durch den Saal getragen wurde, da war gewiß Niemand, der nicht tiefes Bedauern für den freundlichen blonden Deutschen gehabt, so sehr die Kranken auch gegen die Leiden ihrer Mitbrüder abgestumpft waren.

„Adieu, liebe Schwester! Meinen Dank für Ihre Güte! Mit Gottes Hülfe wird Alles gut vorübergehen; ich hoffe auch, daß die Aerzte mir mein Knie noch lassen werden. Glauben Sie nicht auch, daß ich nur den Unterschenkel verlieren werde?“

Ich wagte nicht Nein zu sagen, obgleich ich wußte, daß durch die Verzögerung der Amputation der Brand um sich gegriffen hatte und der Mann nur durch Verlust des ganzen Beines gerettet werden konnte. Wie sehr freute er sich aber, mich am Nachmittage neben seinem Lager in der Markthalle zu sehen!

„Es ist ganz gut abgelaufen,“ war die Antwort auf meine besorgten Fragen, „und ich habe lange keine so starken Schmerzen mehr als vor der Operation. Aber wie weit man mir mein Bein abgeschnitten, weiß ich nicht; nachzusehen ist mir verboten, und ich habe immer das Gefühl, als besäße ich noch das ganze Glied. Glauben Sie wohl, daß ich Schmerzen in der großen Zehe und in der Hacke verspüre, gerade so, als läge letztere zu fest auf – und doch habe ich weder Hacke noch Zehe dort,“ setzte er traurig hinzu. „Ich darf indessen nicht klagen, ich glaube, ich bin noch am besten dran von Allen, die hier liegen.“

Fast mußte ich ihm beipflichten, sah ich in die bleichen, schmerzverzogenen Züge, die uns umgaben. In dem großen Schuppen, an dessen Vorderwand ausgespannte Tücher die Kranken nothdürftig gegen Sonne und Regen schützen, liegen dreiundsechszig zum Tode verwundete Krieger in harten Betten, ja, selbst auf den schmalen Tischen, die in der Mitte des Raumes aneinandergereiht sind. Den Meisten hat der Tod bereits sein Siegel aufgedrückt, und der pestartige Geruch, den sie verbreiten, ist ein sicheres Zeichen, daß sie bald von ihren Leiden erlöst sein werden. Kein Wunder, daß der gute Lipper sich in das Lazareth der großen Schule sehnt; auch ich bin froh wieder dorthin zurückkehren zu können, habe ich doch in der kurzen Zeit meines Hierseins die armen Kranken bereits herzlich liebgewonnen und danke Gott, daß einstweilen unter ihnen kein Todescandidat ist.

Drüben im Saal Drei sieht es schlimmer aus. Hart an der Thür ruht still und bleich ein junger Mann, fast noch ein Knabe, mit feinen geistreichen Zügen und großen dunkeln Augen. Sohn eines angesehenen Pariser Advocaten, war er freiwillig mit ausgezogen, sein bedrohtes Vaterland zu retten und die verhaßten [574] Deutschen zu vernichten. Bei Gorze traf ihn die feindliche Kugel. Mit zerschossenem Haupt, aus welchem das Hirn hervorquoll, hatten die Preußen den Jüngling gefunden und nach Ars gebracht, wo er trotz der sorgfältigsten Pflege langsam dem Tode entgegenging. War sein Ende still und schmerzlos, so litt sein Camerad an der andern Seite des Saales desto furchtbarer. In die Seite geschossen, war der Kinnbackenkrampf hinzugetreten, ein Zustand so qualvoll, wie er kaum gedacht werden kann. Brüllend und um sich schlagend wälzte er sich auf seinem Lager umher, nicht im Stande Trank oder Speise zu sich zu nehmen, und unser einziger Wunsch war, nur seine Leiden bald geendigt zu sehen. Fünf Tage und Nächte dauerte seine Qual und schrecklich war sein Tod. Vierundzwanzig Stunden lang wehrte er sich verzweiflungsvoll, und als der französische Priester die Sterbegebete über ihn sprach, stöhnte er laut auf und heiße Thränen entstürzten seinen Augen. Wohl mochten ihn feste Bande an das Leben fesseln; das einzige Wort, welches seine vom Krampfe gefesselten Lippen zu bilden vermochte: „Marie!“ rief er in allen Tönen der Verzweiflung.

Einen grellen Gegensatz zu der geduldigen Ergebung und dem Heldenmuth, womit die Kranken unseres Lazareths meist ihre Leiden trugen, bildete ein Officier, an dessen Krankenlager ich acht Tage nach meiner Ankunft die Nachtwache übernommen. Ein Schuß durch die Schulter, der den Knochen zerschmettert und die Nerven zerrissen, hatte bei Mars la Tour seinem tapfern Vordringen ein Ziel gesetzt. Wie die meisten verwundeten Officiere der Privatpflege der Einwohner von Ars übergeben, lag er in einem Hause desselben Hofes, den wir bewohnten. Leider trug er nicht dazu bei, das Urtheil der Franzosen über die Eindringlinge milder zu stimmen. Nicht nur daß er mit seinen Hausleuten in beständigem Hader lebte, auch seinem treuen Burschen war er ein tyrannischer Herr und suchte selbst seinen Befehlen mit der blanke Waffe Nachdruck zu verschaffen. Die jungen Mediciner, die abwechselnd bei ihm die Wache übernommen, behandelte er wie seine Sclaven, und als er gar dem Einen dieser freiwilligen Pfleger eine Ohrfeige angeboten, weigerten sich sämmtliche Studenten, noch ferner seine Stube zu betreten. Auf sein Verlangen nach weiblicher Pflege mußte ich hinüber, und nachdem mein Tagewerk im Lazareth beendet und das frugale Abendessen eingenommen war, trat ich den sauern Gang an. Beim Eintritt in das verpestete Gemach, dessen Fenster nur selten geöffnet werden durften, ruhte der Kranke in Decken und Shawls eingehüllt in einem bequemen Fauteuil am Fußende des Bettes. Mein „guten Abend“ wurde nicht erwidert, mein Erscheinen überhaupt nicht beachtet, er hatte zu viel zu thun, seinen Burschen in Athem zu erhalten. Endlich wurde er es müde, den geduldigen Menschen zu quälen, und er rief nach der „barmherzigen Schwester“. Mit harter befehlender Stimme verlangte er einen neuen Verband um seine Schulter, aber kaum angelegt, riß er ihn wieder los und befahl in sein Bett gebracht zu werden. Es geschah mit Hülfe des Burschen, und dieser bat demüthig um Erlaubniß, zur Ruhe gehen zu dürfen. Nachdem der bis zum Umsinken Ermüdete eine halbe Stunde auf Antwort gewartet, wurde ihm die Erlaubniß, sich zu entfernen. Behaglich war es mir eben nicht, allein zu sein bei dem Manne mit den starren Augen und dem heftigen Wesen. Keine Secunde konnte er ruhen, warf die furchtbar beschmutzten übelriechenden Kissen umher, stieß die Decken zurück und sprang wieder auf, das an der Erde bereitete Lager aufzusuchen. Aber auch hier keine Ruhe, kein Schlaf. Bald waren die Polster zu weich, bald zu hart, bald zu hoch, bald zu niedrig gelegt; nein, er mußte abermals in’s Bett, um gleich darauf wieder aufzuspringen. So ging es die ganze Nacht hindurch; nur in sehr langen Zwischenräumen drückte ein fieberhafter Schlummer die starren Augen zu, und ich benutzte die wenigen Augenblicke der Ruhe, das Fenster zu öffnen und die kalte reine Nachtluft einzuathmen, da der schauderhafte Geruch im Gemach mich fast erstickte. Auch der arme Diener hatte keine Ruhe.

„Rufen Sie den Burschen!“ herrschte er wenigstens zehn Mal während der Nacht, und der Todtmüde, dessen Lager die nackte Erde in einer dunkeln feuchten Kammer war, erhob sich seufzend, des strengen Herrn Befehle entgegen zu nehmen.

Niemals begrüßte ich den Morgen freudiger als nach dieser Nachtwache. Nachdem ich mit anbrechendem Morgen das Gemach in Ordnung gebracht, das unsaubere Lager neu gedeckt und dem ungeduldigen Patienten das Frühstück gereicht hatte, eilte ich aufathmend hinüber in unser Quartier, wo ich mich gegen neun Uhr ganz erschöpft von der vierundzwanzigstündigen Arbeit auf’s Lager warf.

Als ich nach einigen Stunden der Ruhe in das Lazareth zurückkehrte, traf ich nur noch fünf von meinen Patienten an, alle Reconvalescenten waren plötzlich evacuirt worden. Außer der lieben „Gypsfigur“ theilten nur vier Franzosen das Gemach. Charakteristisch an allen unseren französischen Patienten war das Verlangen nach warmer Kopfbedeckung, selbst während der heißesten August- und Septembertage. Da es an Nachtmützen fehlte, so mußten große bunte Tücher dem Mangel abhelfen. Seltsam sahen sie aus, diese dunkeln bärtigen Gesichter mit dem bunten Kopfputz und dem weißen oder blauen Schleier, den man ihnen zum Schutz gegen die Unzahl der ekelhaften Fliegen gegeben.

Zwei von diesen Franzosen waren Männer, die weder lesen noch schreiben konnten, wie denn die größte Zahl meiner französischen Kranken nicht die geringste Schulbildung besaß. Eine Kugel hatte dem Einen das linke Fußgelenk zerschmettert, eine andere, als er bereits am Boden lag, den rechten Unterschenkel verwundet; ein außergewöhnlich heftiges Wundfieber schien seinem Leben ein Ziel zu setzen. Zwei Wochen kam keine Speise über seine Lippen.

Niemand war über diesen Mangel an Appetit froher als meine „Drücker“, Leute, die, ohne wirklich krank zu sein, sich aus einem Lazareth in’s andre drücken, um von den Kämpfen und Strapazen verschont zu bleiben. Natürlich leiden alle „Drücker“ angeblich an Rheumatismus, ein Uebel, dessen Nichtvorhandensein kein Arzt beweisen kann, selbst wenn er davon überzeugt ist, und natürlich haben die „Drücker“ einen immer regen Appetit, dem die Krankenkost keineswegs genügt. Alle Speisen, welche die Kranken unberührt bei Seite setzen, verfallen dem „Drücker“, alle übriggebliebenen Stücke Brod weiß er sich anzueignen. Ueberzeugt, daß meine beiden „Drücker“ nicht allzu heftig von ihren rheumatischen Schmerzen gequält würden, trotz der gebeugten Haltung und dem schleppenden Gange, der sich einstellte, so oft der Arzt hereintrat, konnte ich mich doch nicht entschließen, diese Ueberzeugung laut werden zu lassen; denn die beiden armen Schelme mit ihrer Angst vor feindlichen Kugeln und ihrer Sehnsucht nach Weib und Kind dauerten mich. Hatte doch der Aeltere, ein rheinischer Jäger, vier Kinderchen daheimgelassen, der Jüngere sich voll Schmerz von drei kleinen Krausköpfen losgerissen. Uebrigens waren meine „Drücker“ dankbar für die Schonung, die ihnen gewährt wurde, und halfen wo sie konnten, bald als Mundschenken bei den Verwundeten, bald beim Ordnen des Verbandzeuges – und eben heute bei den Vorbereitungen zum Empfang neuer Kranken, die bereits angesagt waren. Gegen Abend hielten die mit Stroh gefüllten Leiterwagen auf dem freien Platze vor dem Lazareth, freiwillige Krankenträger hoben die Stöhnenden herab und trugen sie in die von den Reconvalescenten geräumten Säle. Bald waren alle frischgedeckten Betten gefüllt.

Eben war ich mit der Waschoperation der Einzelnen beschäftigt, als mit den Worten: „Ach Gott, Schwester, kommen Sie doch mit in die kleine evangelische Schule!“ der getreue Eckart in den Saal stürzt. – Getreuer Eckart war der Spitzname eines freiwilligen Krankenpflegers aus Baiern, der, ohne im Lazareth eine bestimmte Anstellung zu haben, für alle Säle herbeischafft, was eben nöthig, sei es eine Badewanne, eine Scheuerfrau, Eis zu Umschlägen oder dergleichen. – „Gott, Schwester, welch ein Elend! Heute Morgen hat man siebzehn Verwundete in die kleine Schule gebracht, auf etwas Stroh gelegt und dort vergessen. Sie liegen dort halbverschmachtet, wir müssen hin und Hülfe schaffen!“

„Aber lieber Eckart, meine armen Kranken sind seit gestern nicht gewaschen und zudem ist es Zeit zum Verbinden, ich kann wirklich nicht abkommen.“

„Sie müssen, Schwester, Sie müssen, wir können die Armen bis morgen nicht ohne Hülfe liegen lassen.“

Ich gebe zuletzt seinem Drängen nach und folge ihm in die am andern Ende des Fleckens gelegene evangelische Schule. Welches Elend in diesem durch eine niedrige Holzwand in zwei Theile geschiedene Raume! Im vordersten liegen sie dicht beisammen in ihren staubigen mit Schmutz und Blut bedeckten Uniformen, die mühsam über die zerschossenen Glieder gezwängt sind. Hier lehnt Einer halb aufrecht an der Holzbekleidung; die starren Augen und schweren Athemzüge lassen errathen, daß seine Brust durchbohrt [575] und eine Besserung wohl kaum zu hoffen ist. Neben ihm ruht bleich und todesmatt ein französischer Corporal, dessen zerschossener Unterkiefer es ihm unmöglich macht, sich der ihm zur Seite knieenden Landsmännin verständlich zu machen. Sein Nachbar, ein Unterofficier mit verwundetem Fuß, läßt sich die Suppe trefflich schmecken, die ihm ein armes französisches Weib reicht, welche, als sie von den vergessenen Verwundeten gehört, sammt ihren Nachbarinnen herbeigeeilt war, um mit einem Theil ihres eben bereiteten Diners die Hungernden zu sättigen. Auch die Cameraden, welche die Armen zuerst gefunden, schleppen herbei, was eben aufzutreiben ist, und freuen sich, wenn ihr eigenes Abendbrod den Leidenden mundet.

„Hier, oller Junge, iß und laß Dir de Bulljong gut bekommen,“ tönt eine tiefe Baßstimme hinter der Holzwand hervor, „wirst och woll Hunger haben, he?“

„Ja, den habe ich, aber die Augen brennen mir so und ich kann auch nicht alleine essen,“ antwortet eine weinerliche Stimme.

„Der arme Kerl ist durch beide Augen geschossen,“ flüstert mir ein junger siebzehnjähriger Elsässer, mit zerschossener Hüfte, zu. „Auch sein Verstand scheint gelitten zu haben, er muß gefüttert werden, wie ein kleines Kind.“

Rasch eile ich zu dem Unglücklichen im zweiten Raum, in welchem acht Verwundete liegen. Ein schmächtiger, blutjunger Mensch sitzt mit verhülltem Haupt auf dem Strohlager; sein starker, bärtiger Camerad sucht, über ihn gebeugt, den armen Geblendeten zu füttern, aber so gut der Wille, so groß ist seine Ungeschicklichkeit.

„O, wäre doch die Schwester da!“ jammert der Arme und läßt trostlos das Haupt auf die Brust sinken.

„Hier ist eine Schwester,“ tröste ich und kniee an seinem Lager nieder.

„Eine Schwester, ach Gott, eine Schwester!“ jubelt er auf und greift nach meinem Kleid welches er krampfhaft festhält. „Ach, Schwester, Sie dürfen mich nicht verlassen, auch in St. Marie hatten wir eine Schwester und sie war mir so gut, o, so gut, ich habe geweint, als man mich von ihr fortgenommen.“

Geweint! als ob die armen ausgeschossenen Augen noch Thränen hätten. Aber er kannte sein Unglück noch nicht; stets sprach er von der Zeit, in welcher er wieder sehen könnte, und seine Cameraden wagten nicht, ihm seine Hoffnung zu rauben.

„Ja, Camerad, wenn Du sehen kannst, dann kommen wir Alle zu Dir uf Deinen Hof in der Mark und trinken wollen mer alsdann, daß die Haide wackelt,“ bestätigt sein bärtiger Freund.

„Daß die Haide wackelt,“ nickt der Arme, und ein Strahl der Freude fliegt über das junge Gesicht.

Nachdem er gefüttert, seine Wunden verbunden und mit Eis gekühlt sind, muß ich den Armen, so leid er mir thut, verlassen. Am liebsten hätte ich ihn mitgenommen, wäre nicht die Furcht gewesen, der Stabsarzt möchte ihn rauh zurückweisen. – Es dunkelte schon, als ich zu meinen Patienten zurückkehrte. Im Hausflur traf ich Dr. Freitag und bat ihn, sich der Unglücklichen anzunehmen bis zu deren Evacuirung, was er jedenfalls auch gethan haben wird. Mir selbst war es unmöglich, den folgenden Tag nach ihnen zu sehen, auch glaube ich, daß sie Ars schon am nächsten Morgen verlassen hatten.

Leider sollte ich mich überzeugen, daß die Siebenzehn in der evangelischen Schule nicht die Einzigen waren, die man vergessen, oder richtiger gesagt, vernachlässigt hatte. Zwei Tage nach dem Besuch der evangelischen Schule brachten um die Mittagszeit freiwillige Krankenträger einen Franzosen in meinen Saal, der im heftigsten Delirium lag, wild um sich schlug und mit lauter Stimme französische Lieder sang. Auf meine Frage, was dem Armen fehle, wurde mir zur Antwort, daß er, in’s Kreuz geschossen, den Abend vorher mit einer Anzahl Verwundeter von St. Privat gebracht worden sei und wegen Ueberfüllung der Lazarethe die Nacht im offenen Leiterwagen habe zubringen müssen. „Ueberfüllung der Lazarethe“ – und in dem unsrigen, dem besten in Ars, waren wenigstens zehn Betten frei! Die empfindliche Kälte, die während der Nacht geherrscht, und die Sonnenhitze des folgenden Tages, der der Verwundete schutzlos ausgesetzt, hatten dem ohnehin Schwerkranken eine Gehirnentzündung zugezogen, der er nach dreitägigen schrecklichen Kämpfen erlag, ohne auch nur einen Augenblick seine Besinnung wieder erlangt zu haben.




  1. Wir entnehmen die obige Skizze den interessanten Aufzeichnungen einer Dame, welche während des Krieges als Pflegerin gedient und die gemachten Erfahrungen und Beobachtungen nunmehr zu einem Ganzen gesammelt hat, das demnächst bei C. Troschel in Trier erscheinen wird.
    Die Redaction.