Felicitas

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
<<< >>>
Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Felicitas
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45-48, S. 609-612, 625-628, 637-640, 653-658
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[609]

Felicitas.

Eine Erzählung vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“

I.
Das Todtenansagen.

Es war dunkler Abend geworden; der Herbstwind schlug den Regen an die Fenster des einsamen Fährhauses. Die Wellen des von dem Regen angeschwollenen Stromes drängten sich laut, prallten an die Ufer, peitschten die rauschenden Weiden, die von den Ufern her in das Wasser hinunterragten, und schüttelten dröhnend die Fährnachen, die in der Nähe des Fährhauses angekettet lagen, gegen einander.

Von dem Fährhause entfernte sich ein dunkler Zug. Es waren wenige Menschen, sieben oder acht Männer; sie trugen eine Todtenbahre. Es war ein Leichenzug. Er bewegte sich langsam und still an dem Ufer des Stromes hinunter. Die langsamen Schritte verhallten in dem Unwetter. Die dunklen Gestalten verschwanden in der Finsterniß des Abends.

Man hörte rings umher nur das Rauschen des Windes und des Wassers und der Weiden, die an dem Wasser standen, und das Geräusch der Kähne, die aneinander schlugen. Man sah nur den dunklen Abend; am Himmel keinen Stern, auf der Erde kein Licht, so weit das Auge reichte.

Auch in dem Fährhause war es dunkel und still. In der Stube waren nur drei Personen; ein alter Mann lag im Bette, er mußte krank sein. Ein kleines Kind lag auf einer Bank, gleichfalls gebettet; auch das Kind war krank. Ein erwachsenes Mädchen saß neben dem Kinde auf der Bank am Fenster.

Man konnte in der Finsterniß die Personen nicht näher unterscheiden. Es war in der Stube stiller, wie draußen. Man hörte den Wind und den Regen durch das Fenster.

Und weiter hörte man nichts?

Doch! Durch die Stille vernahm man ein leises Weinen.

Das Mädchen, das am Fenster saß, weinte. Das kranke Kind in den Kissen neben ihr suchte mit seinem Händchen ihre Hand.

„Warum weinst Du denn, Muhme Felicitas? Du hast mir ja gesagt, die Mutter komme zum lieben Gott und zu den Engeln.“

„Ja, mein Kind, sie ist beim lieben Gott und bei den Engeln.“

„Oben im Himmel?“ fragte das Kind.

„Ja, oben im Himmel. Fort von uns!“

Das Kind schien nachzudenken.

„Und da kommt sie wohl nicht wieder zu uns?“

„Nie, nie!“

Ein lauter, heftiger Thränenstrom stürzte aus den Augen des Mädchens. Das kranke Kind weinte jetzt still.

„Sie war so gut, die liebe Mutter!“

„So unendlich gut, so sanft, so ergeben,“ klagte das Mädchen.

„In all’ ihrem Unglücke, in allen ihren Leiden.“

Der alte Mann im Bette war unruhig geworden. Thränen hatten seine alten Augen wohl nicht mehr; aber seine Brust hatte noch tiefe, schwere, schmerzliche Seufzer, und seine Stimme hatte noch Klagen, wenn auch nur die tröstende Klage des Alters, das nur auf Eins hofft, aber auf dieses Eine so sehnlich, so gottvertrauend, auf den Himmel.

„Das unglückliche Kind hat viel gelitten,“ klagte der alte Mann. „Sie hatte nur saure und bittere Tage. Aber der Himmel hat sie ja erhört, und sie ist mit Vertrauen auf ihren Erlöser gestorben. Und nun, Felicitas,“ fuhr er nach einer Weile fort, und seine Stimme war nicht mehr klagend, „nun besorge, was zu besorgen ist. Zuerst das Wasser und dann das Ansagen.“

Wie nahe grenzen Glaube und Aberglaube an einander!

In der ganzen Gegend war es der Gebrauch der Leute, wenn eine Leiche aus dem Hause getragen war, ein Gefäß mit Wasser vor der Thür, durch welche man die Leiche getragen hatte, in’s Kreuz auszugießen. Es mußte geschehen, bevor nach dem Leichenzuge Jemand das Haus verlassen hatte. Geschah es nicht, so hatte der Todte keine Ruhe im Grabe.

In dem kleinen Dorfe bestand von uralten Zeiten her ein besonderer zweiter Gebrauch. Nachdem die Leiche aus dem Hause getragen und das Wasser vor der Thür in’s Kreuz ausgegossen war, mußte, noch ehe die Mitternacht den neuen Tag brachte, der Tod und die Beerdigung dem nächsten Nachbar im Dorfe angesagt werden, und dieser mußte sie weiter seinem nächstes Nachbar ansagen, und das so fort, bis es an den letzten Mann im Dorfe kam. Dieser letzte mußte zu dem nächsten Eichenbaum gehen, und es diesem mit lauter Stimme ansagen. Versäumte Einer etwas darin, so hatte er in demselben Jahre noch eine Leiche im Hause. –

Das Mädchen stand auf, ging in die Küche, füllte ein Gesäß mit Wasser und trat damit vor die Hausthür.

Still, ohne ein Wort zu sprechen, wie es geschehen mußte, goß sie das Wasser in’s Kreuz vor der Thüre aus. Dann blieb sie stehen, und blickte und horchte in die Gegend hinaus, nach welcher man die Todte fortgetragen hatte. Es war dunkel und still dort. Es war der Weg zum Kirchhofe!

Sie mußte bitterlich weinen, doch sie trocknete ihre Thränen und wollte in das Haus zurückkehren, das Wassergefäß wegsetzen und dann dem Nachbar die Todte ansagen.

[610] Da schlug ein Laut an ihr Ohr. Es war ein so sonderbarer Laut, ein leises Wimmern, ein unterdrückter Hülferuf. Er kam vom Wasser her; aber nicht aus dem Wasser. Er tam aus den Weiden, die am Wasser standen, dort, dicht, unmittelbar am Wege, auf welchem die Leiche zum Kirchhofe getragen war.

Was war das?

Es hatte nur ein paar Secunden gedauert, da war es wieder still geworden. Sie horchte. Sie hörte nur wieder den Wind, der an die Fenster schlug und durch die Bäume strich, und die Wellen, die durch die Weiden rauschten und die Kähne, die gegen einander sich schüttelten. Es wurde ihr graulich.

Jetzt, in diesem Augenblicke, hatte der Leichenzug den Kirchhof erreicht, wurde der Sarg in die Erde gesenkt.

Wer klagte dort? Wer rief um Hülfe? Konnte die Todte nicht von ihren Lieben scheiden? Von ihrem Kinde? Von dem alten Vater, dem sie so vielen Kummer gemacht hatte? Sie hatte doch das Wasser ausgegossen, früh genug, völlig nach dem Brauche!

O, wenn alte Bräuche die Ruhe dem Todten geben könnten, der gefehlt oder gelitten hat, der seine Lieben zurücklassen muß!

Sie wollte in das Haus zurückeilen. Da noch einmal der Laut. Leises Klagen, unterdrücktes Rufen nach Hülfe.

Aber war das nicht eine männliche Stimme? Konnte es nicht ein Unglücklicher sein, der ihrer Hülfe bedurfte? Ein Verirrter, der in der Dunkelheit des Abends, in dem Sturm des Herbstwetters in das Wasser gerathen war?

„Wer ruft da?“ rief sie laut.

Sie bekam keine Antwort.

„Hat dort Jemand gerufen?“ rief sie noch einmal lauter.

Es war ihr, als ob sie in der Ferne Schritte höre, weit fort von der Gegend, wo sie die jammernde Stimme vernommen hatte.

Eine Antwort erhielt sie nicht.

Was war das wieder?

Sie horchte noch eine Weile; hörte aber nichts mehr, als den Wind und den Regen und das Rauschen der Wellen. Auch die Schritte waren nicht mehr zu hören.

Sie kehrte in das Haus zurück. Aber sie war erschrocken, und konnte nicht sogleich weiter gehen, die Todte anzusagen. Sie kehrte in die Stube zurück.

„Du warst schon bei dem Nachbar?“ fragte der alte Mann im Bette.

„Nein, Vater, ich werde gleich gehen.“

„Ich hörte Dich draußen sprechen.“

„Ich glaubte ein Wimmern vernommen zu haben, und da rief ich, ob Jemand Hülfe bedürfe.“

Der alte Mann war aufmerksam geworden.

„Wo hörtest Du das?“

„Es war mir, als ob es aus den Weiden am Strome käme.“

„Unterhalb oder oberhalb?“

„Unterhalb, dort, wo sie –“ Sie stockte.

„Wo sie die Leiche vorbeigetragen haben?“ ergänzte der alte Mann.

„Ja,“ sagte leise das Mädchen.

„Sollte sie schon jetzt keine Ruhe haben?“ fragte der alte Mann, und warf sich unruhig in seinem Bette umher.

„Muhme Felicitas!“ rief leise das Kind.

Das Mädchen nahete sich dem Kinde.

„Muhme, im Himmel ist die Mutter?“

„Ja, mein Kind.“

„Aber warum haben sie sie denn auf den Kirchhof getragen?“

„Ihre Seele kommt in den Himmel.“

„Und was haben sie auf den Kirchhof gebracht?“

„Ihren Leib, mein Kind.“

„Und der bleibt da?“

„Er schlummert dort im Grabe.“

„Ganz allein, liebe Muhme?“ fragte daö Kind. „Ganz allein die arme Mutter? Da hinten in dem dunklen Kirchhofe? In der finsteren Nacht? In dem häßlichen Wetter? Mich friert, Muhme!“

Das Kind schüttelte sich.

„Beruhige Dich, meine gute Anna, Deine Mutter ist nicht allein, die Engelchen sind bei ihr, gute, freundliche Engel; die wärmen sie.“

Aber das Kind weinte schmerzlich.

„Muhme Felicitas, ich fürchte mich. Die arme Mutter!“

Das Mädchen zündete eine Lampe an, dem Kinde die Furcht zu benehmen. Dann wollte sie gehen, die Todte anzusagen. Die Lampe beschien die drei Personen, die in der Stube des Fährhauses waren. Der alte Mann im Bette war ein hinfälliger Greis. Sein Gesicht war so geisterbleich, so hohl. Lag der Tod schon bei ihm im Bette? Seine stechenden Augen blickten gespensterhaft. Das Kind auf der Bank war ein blasses, abgezehrtes Mädchen von vielleicht sechs Jahren. Seine großen, schwarzen Augen glänzten so matt und so unheimlich. War der Tod bei ihm schon näher, als bei dem hinfälligen Greise?

Zwischen ihnen stand ein in der Jugend und in der Schönheit von achtzehn Jahren blühendes Mädchen. Ihr Gesicht zeigte tiefe Trauer. Das Kiud beruhigte sich, als es das Gesicht sah.

Draußen wurde ein anderer Ton laut, als der des Wetters und des Wassers. Pferde sprengten in wildem Galopp heran.

Das Mädchen erbebte. Sie warf einen schmerzlichen Blick auf den Greis und das Kind.

Wollte da Jemand auf die andere Seite des Wassers übergesetzt werden, so mußte sie es besorgen; sie war mit den Beiden allein zu Hause. Der Bursch, der ihr sonst half, oder allein den Fährmann machte, wenn sie nicht da war, war mit der Leiche gegangen. Es war ein blödsinniger, stiller Mensch, der schon seit zwanzig Jahren an der Fähre war.

Mußte sie jetzt übersetzen bei dem heftigen Winde, dem wild treibenden Wasser, auf wie lange Zeit mußte sie die hülflosen Kranken allein lassen! Von dem Todtenansagen beim Nachbar wäre sie doch in einer Viertelstunde zurückgekommen.

Die Thür der Stube wurde geöffnet, schnell, aber nicht laut, nicht heftig.

Ein junger Bauer trat eilig in die Stube. Er strich sich die nassen Haare aus dem hochgerötheten Gesichte. Er hatte eine eilige Frage auf der Zunge; aber er unterdrückte sie, als er in der Stube sich umgesehen hatte.

„Ist die Leiche schon lange fort?“ fragte er im Tone der Theilnahme.

„Seit einer Stunde,“ antwortete ihm der Greis im Bette.

„Verzeihct mir, Vater Rose, ich konnte sie nicht begleiten, ich hatte dringende Abhaltung.“

„Es that mir leid, Dich nicht dabei zu sehen, Ferdinand.“

„Auch mir that es leid. Ich habe sie so oft hier leiden sehen. Ich hätte sie so gern zu ihrer Ruhe begleitet; sie hat ja jetzt Ruhe.“

„Ja, sie ruhet aus von schwerem Elende.“

„Fünf Jahre lag sie hier.“

„Beinahe sechs. – Welche Abhaltung hattest Du?“

Der junge Mensch antwortete nicht. Er wandte sich an das Mädchen.

„Felicitas, hast Du Niemanden übergesetzt?“

„Seit zwei Stunden keinen Menschen.“

„Und woher?“

„Ein paar Landleute, die von drüben kamen und in’s nächste Dorf wollten.“

„Und Niemanden von dieser Seite nach drüben?“

„Seit heute früh nicht. Bei dem schlechten Wetter bleiben die Leute zu Hause.“

„Wer war es heute früh?“

„Eine Frau aus unserem Dorfe. – Suchst Du Jemanden, Ferdinand?“

„Wißt Ihr denn hier noch nichts von den Franzosen?“

„Was sprichst Du von den Franzosen?“ fragte der Greis.

„Ihr wißt es also noch nicht?“

„Kein Wort.“

„Alter Vater Rose, hätte das die Todte noch erlebt! Hört. Bei Leipzig sind die Franzosen geschlagen. Mit ihrem Regimente bei uns, in ganz Deutschland, ist es vorbei.“

Der hinfällige Greis hatte in seinem Bette sich hoch aufgerichtet. Eine Röthe konnte in dieses geisterbleiche Gesicht nicht mehr aufsteigen. Aber die gespenstischen Augen leuchteten hell in ihren dunklen weiten Höhlen, wie glühende Kohlen aus einem Todtenschädel.

„Wir sind frei, sagtest Du? Frei?“

„Wir sind frei, Vater. Es ist aus mit ihnen. Die ganze französische Armee ist vernichtet. Der Kaiser ist über den Rhein entflohen. Was ihm folgen kann, folgt ihm. Sie hatten hier überall, so lange sie konnten, die Nachricht vor den Leuten zurückgehalten. Gestern Abend kam sie in die Stadt. Flüchtige Soldaten kamen zerrissen und verhungert an. Gensd’armen folgten. [611] Der Präfect, der kaiserliche Procureur, die Steuerrecepteure, die Douanen, Alle liefen zusammen. Die ganze Nacht wurde gepackt. Am frühen Morgen waren sie fort, all das fremde Gesindel. Eine Stunde nachher waren Kosaken da. Die alten Beamten und treu gebliebenen Anhänger des Königs haben sofort im Namen des Königs das Regiment wieder übernommen. Nach allen Seiten haben sie in das Land geschickt, um es den Leuten zu wissen zu thun. Und überall sind auf der Stelle die Patrioten aufgestanden und zusammengetreten, das französische Gesindel zu verfolgen. Kein Franzose darf lebendig aus dem Lande. Gegen Abend kamen sie in unser Dorf. Mit meinen Cameraden bin ich hierher aufgebrochen. Man hatte einen Trupp flüchtiger französischer Soldaten sich nach dem Flusse ziehen sehen. Wir suchen sie.“

Der Greis saß mit gefalteten Händen im Bette.

„Nach sieben Jahren! Endlich! Es waren schwere sieben Jahre. Für Alle! Und für die Arme, für mein armes Kind! Hätte sie nicht diesen Tag noch erleben können? Aber es ist wohl besser so. Es war vorbei mit ihr. Leben konnte sie nicht mehr, und hätte sie nicht wieder leben wollen? Aber ich sterbe jetzt in Frieden.“

Er sah betend zum Himmel auf, betend, daß sein Haß, seine Rache befriedigt waren. Das war sein Friede! Und er war ein braver Mensch, der in seinem Leben keinem Menschen Unrecht gethan, aber so viel Unrecht und Elend erlitten hatte! Der beste Mensch ist kein Engel.

Der junge Bauer schickte sich an, wieder zu gehen.

„Leuchtetst Du mir wohl hinaus, Felicitas?“ sagte er zu dem Mädchen.

Sie zündete die Laterne an, die neben der Lampe auf dem Tische stand, und verließ mit ihm die Stube. Sie ging in einiger Befangenheit mit ihm. Gleichwohl waren Gesicht und Wesen des hübschen, kräftigen jungen Menschen so unbefangen, offen und Zutrauen erweckend.

„Felicitas, drei Worte,“ sagte der junge Bauer, als sie draußen allein waren.

„Was willst Du, Ferdinand?“

„Dein Vater ist sehr elend.“

„Das ist er.“

„Ich fürchte, er folgt bald Deiner armen Schwester.“

„Auch ich fürchte es.“

„Dann bist Du ganz allein, nur mit dem kranken Kinde.“

„Das Kind wird noch eher sterben, als der Vater.“

„Du hättest dann gar nichts mehr.“

Das Mädchen mußte sich Gewalt anthun, um nicht zu weinen.

„Ich wollte Dich nicht traurig machen, Felicitas, ich wollte Dich aufrichten.“

„Du bist gut, Ferdinand.“

Der junge Bauer nahm die Hand des Mädchens.

„Felicitas, ziehst Du dann mit mir?“

Die Laterne zitterte in der Hand des Mädchens.

„Laß uns heute nicht davon sprechen, Ferdinand.“

„Gerade heute. So oft bisher, wenn ich Dir den nämlichen Antrag machte, hast Du mir geantwortet, Du könntest Deinen Vater und Deine Schwester mit dem Kinde nicht verlassen, und wenn ich Dir dann sagte, daß sie mit ausziehen sollten, dann erwidertest Du mir, es habe ja noch Zeit, Du könntest noch nicht recht klar mit Dir selbst werden.“

„Ich kann es auch heute noch nicht.“

„Doch, doch, Felicitas. Wenn man einen lieben Angehörigen zu seiner letzten Ruhe gebracht hat, dann fragt man sich selber: Wo wirst Du denn zuletzt Deine Ruhe finden? Was soll aus Dir werden? Du mußt über Dich nachgedacht haben.“

„Ja, ich habe es, Ferdinand.“

„Und was?“

Das Mädchen konnte ihre Thränen nicht mehr zurückhalten. Sie setzte die Lampe zur Erde, um mit beiden Händen ihre Augen zu trocknen.

Er legte auf die beiden Hände weich die seinigen.

„Nun, Felicitas?“

Die Thränen des Mädchens flossen durch die vereinigten Hände.

„Ja, Ferdinand, ich muß mir ein Herz fassen und Dir Alles sagen. Ich habe so nachgedacht, wie Du sagtest, und es ist klar in mir geworden. Es wurde Alles klar in mir. Ich soll kein Glück auf der Welt haben, Ferdinand. Warum nicht, ich weiß es nicht. Aber zuerst sah ich die kleine Anna sterben, dann den Vater und ihm folge ich, bald, sehr bald. Ich glaube, sie tragen mich mit ihm zusammen zum Kirchhofe.“

„Felicitas,“ sagte der junge Mann, und er wurde so blaß, wie das traurige Mädchen. „Welchen häßlichen Traum hast Du da gehabt?“

„Es war kein Traum. So wird es kommen.“

„So wird es nicht kommen, mein braves Mädchen. Du warst angegriffen. Du bist es noch. Es ist auch kein Wunder. Was hast Du in den letzten Tagen ausgestanden! – Morgen komme ich wieder. Du wirst Dich erholt haben. Heute wollen wir nicht weiter sprechen. Schlage Dir nur die traurigen Gedanken aus dem Kopfe. Bis morgen, Felicitas. Gott tröste Dich.“

Er drückte noch einmal ihre Hände. Er ließ sie sanft los.

„Tröste Dich Gott, Felicitas!“

Er sprang fort. Er sprang auf sein Pferd, das er an der Thür angebunden hatte, und sprengte seinen Gefährten nach, den Weg zum Dorfe hin. Sie sah ihm lange gedankenvoll und still weinend nach. Dann trocknete sie ihre Thränen, nahm die Laterne von der Erde auf, löschte sie aus und kehrte in die Stube zurück.

Das Kind war eingeschlafen. Der Vater saß noch aufrecht und aufgeregt im Bette.

„Wir sind frei, Felicitas! Sie sind fort, verjagt, verfolgt. Jetzt kommt es an sie. Sieben Jahre lang haben sie uns mißhandelt. Unser Land, uns Alle. Mich; das arme Kind, das jetzt auf dem Kirchhofe liegt. Gerade heute! Das hat Gott gefügt. – Jetzt büßen sie. Würden sie doch Alle gefangen! Käme Keiner lebendig aus dem Lande!“

„Vater, wie sprecht Ihr so?“

„Was willst Du?“

„Ihr sagt, Ihr wolltet in Frieden sterben, und Ihr habt nur Haß und Zorn im Herzen.“

„Sollte ihnen nicht vergolten werden? Ist denn der Himmel nicht gerecht? Heißt es denn nicht, mit welchem Maße Du ausmissest, mit dem soll Dir zugemessen werden?“

„Vater, der liebe Gott liebt alle Menschen und kein Mensch soll den andern verdammen.“

„Nein, nein. Sie haben mich mißhandelt, sie haben mich verspottet, verhöhnt. Ein schändlicher Bösewicht unter ihnen hat mein Kind verführt und unglücklich gemacht und frühzeitig unter die Erde gebracht. Sie müssen ihren Lohn haben; Keiner von ihnen darf verschont werden. Man muß sie verfolgen, sie müssen niedergestoßen, sie müssen gequält und dann getödtet, zu Tode gequält werden, wie sie uns mißhandelt haben. Sie, ihre Brut, Alle.“

Die Augen des geisterhaften Greises stachen und glühten, wie im Wahnwitze.

„Vater, das Kind, das hier schläft – gehört sein Vater nicht auch zu ihnen?“

„Auch er!“ rief der Greis.

„Versündigt Euch nicht. Wenn er, der Vater des armen Kindes, nun auf einmal hier ankäme, flüchtig, verwundet, krank, verhungert, um Hülfe, um Obdach gegen das Unwetter, um ein Stück Brod gegen den Hunger bäte, würdet Ihr ihn zurückweisen, würdet Ihr ihn seinen Verfolgern ausliefern?“

„Er müßte sterben. Er hat mein Kind verführt. Er hat mich verhöhnt –“

„Und wenn er sich auf das Bettchen seines Kindes flüchtete, in seine Aermchen –“

„Er hat mein Kind unter die Erde gebracht!“ rief der wahnwitzige Greis.

Das Mädchen erschrak von Neuem.

„O Gott, und er war auf der Verfolgung, und ich habe nicht daran gedacht, ihn um Mitleid für die Armen zu bitten. – Aber er ist so gut. Auch der Vater! Es ist ja nur der Irrsinn, der so aus ihm redet. – Ich gehe jetzt, dem Nachbar die Todte anzusagen.“

„Geh,“ sagte der alte Mann noch heftig.

Sie nahm ein Tuch und wickelte sich hinein gegen das Unwetter. Dann ging sie. Die Laterne durfte sie nicht mitnehmen. Nach dem Brauche mußte sie im Dunkel gehen.

Nach einer halben Minute kehrte sie zurück. Der Greis hatte [612] sich im Bette wieder niedergelegt. Der Aufregung war die Abspannung gefolgt. Sie nahm die Laterne und zündete sie an der Lampe an.

„Was willst Du mit der Laterne?“ rief der alte Mann aus dem Bette, beinahe wieder heftig.

„Es rief von der andern Seite. Es will Jemand übergesetzt sein.“

„In dem Wetter? Und so spät noch?“

„Bei solchem Wetter kommt es immer.“

„Ist der Wilhelm noch nicht zurück?“

Er meinte den blödsinnigen Fährgehülfen, der mit der Leiche gezogen war.

„Noch nicht. Ich muß selbst herüberholen.“

„Vergiß nur das Ansagen nicht.“

„Nachher, wenn ich zurückkomme.“

Sie verließ mit der Laterne die Stube.

„Hol’ über!“ rief vom jenseitigen Ufer eine Mannesstimme.

Sie hatte schon vorhin gerufen. Sie hatte auch von dem Mädchen Antwort erhalten, daß sie gehört sei. Sie rief bei dem Erscheinen der Laterne vor dem Fährhause noch einmal, wohl nur, um sich zu vergewissern, man vergesse sie nicht.

Das Mädchen hob die Laterne hoch, zum Zeichen, daß sie komme.

Sie ging zum Ufer.

Eö lagen dort drei Nachen zum Uebersetzen. Ein größerer Prahm für Pferde, selbst kleine Wagen; ein mittlerer für mehrere Menschen; ein kleinerer für weniger Personen. Die Nachen, Eigenthum des Staats, lagen angeschlossen. Sie löste den kleineren von seiner Stange ab und stieg hinein.

Das Wetter war noch naß und ungestüm, wie vorher. Der Wind strich kalt über den Strom und über den Nachen. Er jagte in dicken Tropfen den Regen in das Gesicht des Mädchens.

Sie befestigte die Laterne an den Vordertheil des Nachens. Am Hintertheil befanden sich zwei Ruder. Sie nahm sie und ruderte in das dunkle Wasser hinein.

Nachdem die Stimme drüben nicht mehr gerufen, war es ringsumher wieder völlig still, bis auf das Geräusch, das Wind, Strom und Regen machten.

Das Mädchen warf unwillkürlich ihre Blicke nach der Gegend, wo sie vorhin das Wehklagen und unterdrückte Hülferufen gehört hatte. Oder hatte sie nur gemeint, es zu hören? War es eine Einbildung ihrer aufgeregten Phantasie gewesen?

Sie glaubte mit ihrer Gegend an Gespenstergeschichten, an Vorgeschichten, Ahnungen, an die heilsame Kraft alter Gebräuche, an die nachtheiligen Folgen ihrer Nichtbeachtung. Aber nie hatte sie Furcht empfunden. Wie oft hatte sie, gleich heute, in dunkler Nacht, selbst Mitternacht, durch Wind und Wetter in ihrem Nachen allein über den Strom fahren müssen, allein hinaus oder allein zurück. Nie hatte auch nur ein leises Schauern oder Frösteln der Furcht sie ergriffen. Freilich hatte sie auch nie etwas von einem Gespenste gehört oder gesehen, und nichts war ihr begegnet, was sie als Vorgeschichte hätte ausdeuten können.

Warum heute dieses unheimliche Gefühl, mit dem sie nach jener Gegend blicken mußte? Sie hatte dort jene sonderbaren Töne vernommen. Aber hatte sie sie in der That vernommen? Sie wollte sich auch wohl einreden, daß sie nichts gehört habe. Aber immer kehrte die Erinnerung zurück, und mit der Erinnerung das unheimliche Gefühl und die Ahnung, wie eines schweren Unglücks.

Sie mußte wieder und wieder nach jener Stelle in den Weiden zurückblicken. Sie mußte immer wieder hinhorchen. Sie sah nichts, sie hörte nichts.

Als sie die Mitte des Stromes erreicht hatte, hörte sie auf einmal etwas. Aber es kam nicht aus jener Gegend. Es kam aus weiterer Ferne. Es klang, wie wildes Geschrei; man konnte glauben, gar Schüsse fallen zu hören. Das Brausen des Windes und der Wellen nahm aber die Töne wieder fort, bevor das Ohr sie deutlich hatte aufnehmen können.

Sie legte an dem jenseitigen Ufer an.

Ein einzelner Mann wartete auf das Uebersetzen. Es war ein Handelsmann aus der Gegend, der schon vor einigen Tagen den Strom passirt hatte. Das Mädchen nahm ihn ein und ruderte mit ihm zurück. Er sagte, daß er noch so spät nach Hause eile, weil es auf der Seite, von der er komme, überall unruhig sei.

„Morgen kann man da seines Lebens nicht mehr sicher sein. Das ist eine schlimme Zeit jetzt im Lande.“

„Was gibt es?“ fragte das Mädchen.

„Ist es denn bei Euch noch ruhig? Von Eurer Seite kommt es ja.“

„Wir haben noch von nichts gehört. Man sagt nur, daß die Franzosen überall aus dem Lande laufen.“

„Wo sie weglaufen können, da mögen sie es gewiß thun. Aber wohl die wenigsten kommen fort.“

„Die armen Menschen!“

„Habt Ihr auch noch nichts von der großen Schlacht bei Leipzig gehört?“

„Die Franzosen sollen sie verloren haben.“

„Sollen nur? Vernichtet sind sie. Das war eine Völkerschlacht. Sechsmalhunderttausend Menschen standen gegeneinander im Kampfe. Drei Tage stritten sie gegen einander. Ueber hunderttausend sind gefallen. Am dritten Tage hatten die Unsrigen den Sieg erfochten, und während unser König und die Kaiser von Oesterreich und Rußland ihre Häupter entblößten und auf der nassen Erde niedcrknieten, um Gott zu danken für die Befreiung des Vaterlandes, für die Niederwerfung des hochmüthigen Erzfeindes, unterdeß lief schon der Bonaparte schmählich dem Rheine zu und alle seine Franzosen, die laufen konnten, liefen mit ihm. Aber sie sind dennoch nicht Alle ihrem Schicksale entlaufen. Sie hatten weit vom Sachsenlande bis an den Rhein, und die Sieger setzten ihnen nach. Und mit den siegenden Soldaten hat sich überall das Volk im Lande verbunden, um Rache zu nehmen für all das Unglück und Wehe, das dieses freche Franzosenvolk sieben Jahre lang über unser armes Land gebracht hat. Das ist eine wahre Hetzjagd im ganzen Lande gegen Alles, was Franzosen heißt. Mit Sensen und mit Mistgabeln, mit Aexten und mit Knitteln haben die Leute sich bewaffnet, selbst Weiber und Kinder. So ziehen sie einher, in großen Haufen, wo die flüchtigen Franzosen sich haufenweise zeigen. Einzeln verfolgen sie den Einzelnen. Und Keiner findet Gnade vor den Verfolgern. Es ist eine Wuth in den Leuten, sie stoßen den Verwundeten nieder, sie erschlagen den Kranken.“

„Das ist ja entsetzlich,“ sagte das Mädchen. „Das ist abscheulich, niederträchtig.“

„Was wollt Ihr?“ sagte der Handelsmann. „Sieben Jahre lang ist unser Volk von den Franzosen gedrückt und geknechtet und mit Füßen getreten. Was wir erwarben, mußten wir ihnen an Abgaben zahlen; unsere Söhne schleppten sie fort nach allen Weltgegenden in den Tod. Unsere Frauen und unsere Ehre verhöhnten sie. Kein freies Wort durfte gesprochen werden. Wer es wagte, wurde erschossen. Mußte da nicht die Wuth, der Ingrimm des Volkes gegen seine Unterdrücker immer höher und höher steigen? Und was wollt Ihr? Wenn der Strom, so viele Jahre eingedämmt und zurückgehalten, endlich seinen Damm durchbricht, soll er dann gleich still und glatt und ruhig dahin fließen? Muß er nicht im ersten Augenblicke zerreißen und zerstören, waö ihm im Wege steht?“

„Aber entsetzlich ist es!“ rief das Mädchen.

„Entsetzlich, aber durch wessen Schuld? Aber nicht niederträchtig.“

Sie hatten das Ufer erreicht. Der Handelsmann verließ den Kahn, bezahlte sein Fährgeld, sagte gute Nacht und schlug den Weg landeinwärts zu seiner Heimath ein.

Das Mädchen schloß den Kahn wieder an und wollte in das Haus zurückkehren. Wieder mußte sie nach den Weiden blicken und lauschen, in denen sie die Klagetöne vernommen hatte. Es waren vielleicht zwei Stunden seitdem vergangen und sie hatte unterdeß nichts weiter gehört. Aber die Erzählung des Handelsmannes hatte sie von Neuem aufgeregt.

Sie horchte lange; sie vernahm nichts. Sie kam in’s Träumen. Die Vergangenheit ging an ihr vorüber. Es war so viel mehr Leid als Freude darin. Sie ging schnell an ihr vorüber, wie alles Leid in der Erinnerung. Die Zukunft stand vor ihr. Versprach sie ihr mehr Freude? Was sollte aus ihr werden? Sie hatte wohl an der Leiche der Schwester darüber nachgedacht. Aber der brave junge Bauer hatte die Frage wieder angeregt.

[625] Sie war arm, sie hatte nichts. Ihrem Vater, einem alten preußischen Invaliden, hatte die Regierung die Fähre zum lebenslänglichen Genuß umsonst übergeben. Zu jener Zeit war sie viel benutzt und einträglich gewesen. Nachher war die Franzosenzeit gekommen. Man hatte den alten Invaliden in seinem Besitzthume gelassen. Aber es waren rechts und links neue Chausseen und über den Fluß neue Brücken angelegt, so daß die Fähre mehr und mehr vereinsamte und zuletzt nur noch den Bewohnern der nächsten Dörfer hüben und drüben zu ihrem beschränkten Verkehr diente. Der alte Rose hatte seitdem mit seiner Familie, wenn auch nicht gedarbt, doch nur ein sehr spärliches Auskommen gehabt. Er war älter und hinfälliger geworden. Die letzten Tage, der nach so langen Leiden erfolgte Tod der ältesten Tochter, hatten ihn ungewöhnlich angegriffen. Er konnte nach aller Voraussicht nur noch kurze Zeit leben. Was sollte dann aus ihr werden? Sie stand dann allein in der Welt; allein mit dem Kinde ihrer Schwester, wenn das Kind den Großvater überlebte. Sie hatte keine nähern Verwandten. Ihr einziger Bruder hatte französischer Soldat werden müssen, war mit der großen Armee nach Rußland marschirt, aber mit den traurigen Ueberbleibseln dieser Armee nicht zurückgekehrt. Der junge Bauer warb um sie. Er war ein braver Mensch; er hatte sein gutes Auskommen, sogar sein sehr gutes. Er liebte sie.

Sie war ihm von Herzen gut. Aber lieben, wieder lieben konnte sie ihn nicht. Sie sprach das Wort lieben wohl nicht aus, auch nicht in ihren Gedanken. Es war ihr vielleicht noch nicht einmal klar, worin der Unterschied bestehe, Jemandem herzlich gut sein und ihn lieben. Aber wenn sie dann dachte, daß sie ihn heirathen müsse, daß sie ihm ganz und gar angehören solle, dann wurde es ihr so ganz besonders leer und weh im Herzen, und darauf wieder so schwer auf der Brust, als wenn sie allein in der Mitternacht über eine weite, weite graue Heide gehen müsse, an deren Ende ein tiefes, einsames Grab sei, in das sie sich hineinlegen solle. Vor dem Wasser fürchtete sie sich nicht, nicht allein, nicht in dunkler Mitternacht, wenn der Wind heulte und der Strom brauste. Aber auf der weiten, dürren Heide! Und warum war ihr so, wenn sie an den braven und liebenswürdigen jungen Menschen dachte? Sie wußte es nicht. Sie konnte es sich nicht sagen. Sie hatte nichts an ihm auszusetzen. „Aber es kann nicht sein, ich soll kein Glück haben,“ sagte sie mit einer wehen, in die unendliche Ferne schweifenden Sehnsucht. Dann mußte sie weinen, aber wenn ihr die Thränen kamen, fand sie keine Erleichterung; es wurde ihr schwerer um das Herz und sie mußte doch zuletzt immer wieder an die weite, graue Heide und an das einsame Grab am Ende der Heide denken.

Sie träumte oft so, am liebsten, wenn sie einsam in ihrem Nachen auf dem Wasser fuhr, am meisten, wenn sie in stürmischer Nacht so fuhr. Der Sturm war ihr Liebling geworden.

Sie träumte auch jetzt so. Sie fühlte den Regen nicht, der sie durchnäßte, den Wind nicht, der sie durchkältete. Der Sturm und der Regen, sie waren ja ihr Liebling, und die tiefe Dunkelheit. Und auch dunkel war es um sie her. Nur die Laterne vor ihr leuchtete und die Lampe in dem Fährhause ihr gegenüber warf einen schwachen Schein durch das kleine Fenster. Sonst überall Finsterniß. Der Himmel war von dicken, undurchdringlichen Nebelwolken überzogen. Das Dorf, an dessen äußerstem Ende, vom nächsten Nachbar eine halbe Viertelstunde entfernt, die Fähre lag, war durch die Weiden an dem sich krümmenden Flusse bedeckt; kein Lichtschimmer konnte von dort herüber dringen. Jenseits des Wassers war eine weite Ebene mit einer kleinen, unbebauten Anhöhe, und die Weiden, die auch am anderen Ufer standen, ragten wieder hech empor und ließen nur den mit Wolken bedeckten Himmel sehen, wenn er in der Finsterniß zu sehen war. Dort oben, von woher der Strom kam, lag auf einem anmuthigen Berge wohl ein großes, schönes, glänzendes Fürstenschloß, das bei hellem Tage mit seinen weißen Mauern, hellen Fenstern, hohen Thürmen und blanken Kuppeln stolz und weit in das Land hineinblickte. Aber auch von ihm sah man jetzt nichts. Im finstern Sturme erbleicht auch der hellste Glanz des stolzesten Fürstenschlosses. Das Schloß war längst unbewohnt. Sein Besitzer war ausgewandert nach Rußland, um sich vor dem stolzen Emporkömmling, der außer England und Rußland die Welt beherrschte, nicht noch beugen zu müssen.

„Muß ich denn so früh dahinsterben?“ rief das Mädchen schmerzlich aus.

Auf einmal drang ein heller Lichtschein in ihr Auge. Auf der höchsten Kuppel des fürstlichen Schlosses loderte ein Feuer empor. Die zurückgebliebenen Diener des Fürsten feierten wohl die Befreiung des Vaterlandes.

„Gott im Himmel, gibst Du mir ein Zeichen? Soll ich doch leben, glücklich werden?“

Aber der wilde Sturm hatte das Licht auf der Höhe des Fürstenschlosses ausgelöscht, wie sie kaum diese Worte gesprochen hatte.

[626] „Nein!“

Da vernahm sie wieder einen Klagelaut, ein leises Jammern, ein unterdrücktes Rufen um Hülfe, in den Weiden, die da unten am Wasser standen. Sie hörte es deutlich.

„Das ist nicht der Geist der Schwester. Das ist eine menschliche Stimme. Da ist Hülfe nöthig. Der arme Mensch! Schon vor zwei Stunden rief er.“

Sie nahm die Laterne und sprang aus dem Kahn. Das muthige Mädchen ging furchtlos zu den Weiden. Ein leises Wimmern leitete sie. Sie hörte es pausenweise, immer leiser. Als dort, woher es kam, ihr Schritt gehört, der Schein ihrer Laterne gewahrt werden konnte, verstummte es ganz. Aber die Stelle, von der es kam, hatte sie sich fest gemerkt. Sie öffnete die Zweige eines weiten dichten Weidenstrauches. Sie leuchtete mit ihrer Laterne hinein. Sie wollte entsetzt zurückfliegen. Sie wich einen Schritt zurück, aber trat schnell wieder vor.

„Erbarmen,“ sagte eine Stimme.

Der Schein der Laterne fiel auf einen Mann in der Uniform eines französischen Grenadiers, ein zum Entsetzen bleiches, abgezehrtes Gesicht. Der linke Arm, mit blutigen Tüchern umwunden, lag in einer Binde. Der ganze Körper lag erschöpft, zusammengekauert in den nassen Zweigen der Weide, an der nassen, kalten Erde; zusammengekauert vor Frost, vor Hunger, Durst, Schmerz.

„Erbarmen,“ sagte noch einmal der Mann, als er das Mädchen vor sich sah. „Erbarmen! Ich sterbe vor Durst und Hunger!“

„Ich komme wieder; seid ruhig,“ sagte das Mädchen. „Ich komme gleich wieder.“

Sie eilte in das Haus. In der Küche hatte sie Milch, in einem Schranke in der Stube Brod. Sie ging in die Stube, das Brod zu holen. Das Kind war wach, es rief sie zu sich.

„Muhme Felicitas, ich fürchte mich. Der Großvater ist so eigen.“

„Schlafe, mein Kind. Dir wird er nichts thun. Er liebt Dich und Du bist brav.“

„Er verlangt immer nach seinem Degen. Er will alle Leute umbringen.“

„Sei Du nur ruhig. Er wird Dir nichts thun.“

Der alte Mann lag noch im Bette. Er hatte es in seiner Hinfälligkeit schon seit Wochen nicht verlassen können. Er hatte das Mädchen kommen hören.

„Da ist der Kerl,“ rief er laut, mit einer kreischenden, wüthenden Stimme, „der mir mein Kind verführt, der mich angespuckt hat. Ja, ja, jetzt bist Du elend. Jetzt bist Du es. Jetzt bittest Du nur Erbarmen, um das Leben. Aber Du mußt sterben, Hund! Ihr Alle müßt daran, Ihr Franzosengesindel. Meinen Säbel, meinen Säbel! Der Hund muß sterben, von meinen Händen.“

Das Mädchen schauderte. Sie ging an das Bett, ihn zu beruhigen.

„Es ist ja kein Mensch hier, Vater, Ihr träumt. Beruhigt Euch.“

Der alte Mann wurde wüthender.

„Kein Pardon, Du Schurke! Ihr habt auch uns keinen Pardon gegeben. Meinen Säbel!“

Er wollte aus dem Bette springen. Der kranke, hinfällige Greis fiel kraftlos zurück. Er wurde ruhig. Aber er war völlig wahnwitzig. Und hatte er in seinem irren Geiste den Armen gesehen, dem sie jetzt Hülfe, Labung, das Leben bringen wollte? Das Mädchen schauderte noch einmal. Aber sie mußte fort. Sie mußte den Wahnsinnigen verlassen. Sie mußte das hülflose Kind mit ihm allein lassen, mußte einem andern Hülslosen das Leben retten. Sie nahm Brod aus dem Schranke, Milch aus der Küche und flog zu der Weide am Wasser zurück.

„Hier, hier, stärkt Euch!“

Der Verwundete langte sehnsüchtig nach der Milch. Er trank sie in langen Zügen. Wie labte sie ihn! Er langte nach dem Brode. Wie erquickte es ihn! Die Laterne beschien wieder voll sein Gesicht. Die wahnwitzige Rede hatte einen entsetzlichen Gedanken in dem Mädchen geweckt. Sie blickte scheu in das Gesicht, dessen tödtliche Blässe sie vorhin nur gesehen hatte. Nein, dieses feine, jugendliche Gesicht, mit den großen, schwarzen Augen, die sich wieder belebten, konnte keinem Bösewicht, keinem herzlosen Verführer angehören. Das sagte ihr Herz ihr. Und ihr Herz sagte ihr auf einmal noch mehr. Was? Konnte sie es deutlich verstehen unter seinem plötzlichen, ungestümen Klopfen? Aber klar stand das helle Licht vor ihr, das auf der Kuppel des Fürstenschlosses aufgeflammt hatte, und sie sah es jetzt fort und fort brennen, und es verlöschte nicht wieder vom plötzlichen Sturme, und in dem hellen, glänzenden Lichte glänzte das bleiche Gesicht des verwundeten jungen Franzosen immer frischer und lebendiger. Und auch der junge, brave Bauer erschien darin, aber er verschwamm und verschwand immer mehr in dem leuchtenden Glanze des Anderen, der immer strahlender wurde. So träumte sie. – Die Liebe zum Leben ist groß. Das Leben ist süß. Der verwundete Franzose hatte sich erquickt, gelabt. Er versuchte sich zu erheben. Es gelang ihm mühsam. Er konnte aufrecht stehen, aber nur gestützt auf einen Stab, den er bei sich trug. Waffen führte er nicht mehr. Er sah sehnsüchtig hinüber nach der andern Seite des breiten, reißenden Stroms.

„Jenseits erst ist der Rhein! Noch so weit!“

„Ihr wollt über den Strom?“ fragte ihn das Mädchen.

„Dort liegt meine Heimath!“

„Aber Ihr kommt nicht weiter. Ihr seid zu schwach.“

„Jenseits fände ich vielleicht Cameraden, die mich unterstützten.“

„Und wenn Ihr sie nicht fändet?“ fragte das Mädchen.

„O, ich stürbe doch immer näher meiner geliebten Heimath.“

„Ja, Ihr würdet sterben. Wißt Ihr, daß überall das Volk Jagd macht auf verwundete Franzosen?“

„Ich weiß es. Wir sind gehetzt bis hier. Meine Cameraden kamen weiter. Mich mußten sie hier zurücklassen.“

In das Gesicht des Mädchens stieg eine Zornesgluth.

„Thun Sie ihnen kein Unrecht,“ rief rasch der Franzose. „Mit Gefahr ihres Lebens hatten sie mich hundert Meilen weit geführt, getragen, für mich gehungert. Hier konnte ich nicht weiter. Die Verfolger waren hinter uns. Sie wollten mich nicht verlassen. Ich beschwor sie vergebens. Ich zwang sie. Sie mußten. Ich wollte sterben. Aber das Leben ist süß, Mademoiselle, Sie haben mich gestärkt. Und auch das Vaterland ist süß. Was ist das Leben ohne das Vaterland? O, Mademoiselle, meine Kräfte sind zu schwach, den Fluß zu durchwaten; mit diesem zerschossenen Arm kann ich ihn nicht durchschwimmen. Könnten Sie mich hinüberschaffen?“

Wie süß ist das Vaterland! Die Worte hatten dem Mädchen einen tiefen Stich in das Herz gegeben. Sie sah den blassen Mann an, der, um sich nur aufrecht halten zu können, der Stütze seines Stocks bedurfte. Sie dachte an den Vater, der in seinem Wahnwitz jeden Franzosen erschlagen wollte. Sie dachte an die verführte, heute zum Grabe getragene Schwester. Sie sah wieder das schöne, weiße Gesicht des verwundeten, schwachen fremden Kriegers und wollte weinen. Aber sie war ein starkes, kräftiges und ein reines, edles Herz.

„Nein, Ihr kommt nicht fort. Ihr müßtet vor Hunger umkommen, oder sie würden Euch erschlagen.“

„Ich werde mitleidige Herzen finden.“

„Jetzt nicht. Jetzt sind sie Alle in Zorn, in Wuth. Sie tragen nur Rachsucht im Gemüthe. Ich bringe Euch nicht hinüber. Ich will Euch nicht in den Tod führen. Bleibt hier, ich habe einen Platz für Euch, einen sichern Platz. Dort stärkt Ihr Euch ganz, dort wartet Ihr, bis die Menschen wieder ruhiger und friedfertiger geworden sind. Dann will ich Euch hinüber bringen, zu Eurer Heimath, Eurem Vaterlande.“

„Das Leben ist süß.“

Der Franzose nahm die Hand des Mädchens und drückte sie an sein Herz.

„Das willst Du, Mädchen? Du bist mein Engel, ich folge Dir.“

„Wartet hier fünf Minuten; dann bin ich zurück bei Euch und hole Euch ab.“

Sie kehrte zum Hause zurück. Das Fährhaus war kein großes, geräumiges Gebäude. Es hatte eine Stube, ein paar Kammern, eine Küche, einen Stall. Das Alles lag unmittelbar an einander, und was in dem einen Raume geschah, konnte in dem andern gehört werden. In keine konnte sie den Verwundeten bringen. Der Fährknecht Wilhelm, der trotz, vielleicht gerade wegen seines Blödsinns leicht zum Verräther werden konnte, war zwar nicht im Hause, sondern hielt sich in einer Fährhütte auf, die, näher der Fähre zu, dem Hause gegenüber lag. Dort schlief er auch, und er kam nur des Mittags zum Essen in das Haus. Aber ihr Vater hatte ein scharfes Gehör, und das Alter und die [627] Krankheit haben keinen Schlaf. Das Haus hatte indessen einen geräumigen Boden, auf den man vermittelst einer Leiter hinaufstieg. Die Leiter stand lose; sie konnte fortgenommen werden; sie lag gewöhnlich, Dritten nicht wahrnehmbar, im Stalle. Auf dem Boden war der Verwundete sicher. Es lag Heu dort oben. In das Heu trug das Mädchen das Bette, auf dem ihre Schwester gestorben war. Milch und Brod stellte sie in eine Ecke. Dann kehrte sie zu dem Ufer zurück.

„Folgt mir.“

Sie nahm die Hand des Franzosen und führte ihn in das Haus zu der Leiter, die Leiter hinauf, auf den Boden, zu dem weichen, wärmenden Bette.

„Dort. Schlaft ruhig. In der Ecke findet Ihr Milch und Brod. Morgen früh komme ich wieder. Gott sei mit Euch.“

„Mädchen, mein Engel,“ rief der Franzose, und er suchte ihre Hand und sie ließ ihn sie finden.

Sie ließ sie ihm. Seine Lippen drückten einen heißen Kuß darauf. Sie brannten schon. So schnell kehrt Leben und Feuer in den jugendlichen Körper, in’s jugendliche Herz zurück. Sie floh verwirrt von dem Boden. Sie vergaß beinahe, die Leiter hinter sich fortzunehmen, und in den Stall zurückzutragen. Seine Lippen brannten noch auf ihrer Hand. Es war später Abend geworden. In dem Hause herrschte vollkommene Ruhe. Der Fährknecht Wilhelm war von der Leiche zurückgekehrt und hatte sich sofort in seiner Hütte zur Ruhe begeben. In der Stube schliefen der Greis und das Kind, – das kranke Kind unruhig, der Greis ruhig nach der Aufregung durch die Ereignisse des Abends.

Das Mädchen setzte sich vor ihr Bette, sann und träumte wieder, und saß, bis die Schwarzwälder Uhr an der Wand Mitternacht schlug. Sie erschrak. Sie hatte das Ansagen der Todten vergessen. Von dem Schlage der Uhr erwachte der Greis.

„Hast Du die Todte angesagt?“ rief er heftig dem Mädchen zu.

Sie erschrak, noch mehr, und zitterte vor seinen Vorwürfen.

„Nein,“ sagte sie ehrlich. Auch nicht, um ihn zu beruhigen, wollte sie eine Unwahrheit sagen.

Die wirren Augen des Greises blitzten in wüthender Freude auf.

„Gott sei Dank, es muß noch eine Leiche aus dem Hause. Er ist hier; er muß sterben!“ Auf einmal heftete sein Blick sich durchbohrend auf das Mädchen. „Du hast ihn verborgen! Du willst ihn mir entreißen! Gib ihn heraus; ich fluche Dir, wenn Du ihn nicht herausgibst, Du stirbst mit ihm!“

Das Mädchen schauderte.




II.
Der Gang zu dem Liebhaber.

Acht Tage waren vergangen. Es war des Nachmittags. Der alte Fährmann Rose schlief. Der hinfällige Greis war seit dem Tode seiner Tochter nicht mehr aus dem Bette gekommen. In heftigeren Anfällen seines Irrsinnes, der ihn nicht wieder verlassen, hatte er hinausspringen wollen; seine Kräfte hatten nicht ausgereicht. Jene Anfälle hatten sich indeß nur in den ersten Tagen wiederholt. In der letzteren Zeit war er ruhiger geworden.

Die kleine Anna saß aufrecht auf der Bank, auf einem weichen Kissen, das die Muhme ihr hingelegt hatte. Sie spielte mit einer Puppe von Holz, die der blödsinnige Wilhelm ihr geschnitzt hatte. Sie war seit einigen Tagen wohler. Der blödsinnige Fährknecht war in seine Hütte gegangen. Dort pflegte er, wenn er nicht zu arbeiten hatte, und er hatte wenig zu arbeiten, auch bei Tage zu schlafen. Sein Schlaf war des Nachts, wenn er zum Uebersetzen heraus mußte, um desto leiser.

Felicitas Rose stand in der Stube nachdenklich am Fenster. Ihr Blick schweifte in die weite, unbestimmte Ferne, doch bald wandte sie ihn in die Stube zurück, auf den Vater, der in seinem Bette ruhig schlief. Nur selten wurde der Athem schneller, heftiger, als wenn er ein Zucken oder Leiden des kranken Gehirns anzeige. Auch auf das Kind blickte sie, das mit seiner Puppe still spielte; aber nur still in dem blassen Gesichte; die mageren Händchen mit ihren krankhaft aufgereizten Nerven flogen an dem Spielzeuge rasch und zuckend hin und her. Felicitas sah sinnend auf den Vater und das Kind.

„Anna,“ sagte sie zu dem Kinde, „ich muß Dich auf ein Viertelstündchen allein lassen.“

„Wohin gehst Du, Muhme?“

„Ich habe etwas Dringendes zu besorgen.“

Das Kind sah mit einem forschenden Blicke zu ihr auf.

„Ich weiß, wohin Du gehst, Muhme.“

Felicitas erröthete vor dem Blicke, vor den Worten. Aber sie that, als wenn sie Beides nicht wahrgenommen habe.

„Du bleibst doch recht still, bis ich wiederkomme, und weckst den Großvater nicht?“

„Du hast einen Liebhaber, Muhme Felicitas.“

Das Mädchen erblaßte.

„Zu dem gehst Du.“

„Um Gotteswillen, Kind, wer hat Dir solches Zeug in den Kopf gesetzt?“

„Ich weiß es. Der Wilhelm hat es mir gesagt.“

„Der Blödsinnige –!“

„Ihr nennt ihn den Blödsinnigen, den Unklugen; aber er ist nicht unklug; er hat mir schon Manches gesagt.“

„Und was hätte er Dir gesagt?“

„Daß meine Mutter hätte sterben müssen, weil ich ihr Kind sei, und daß ich auch sterben müsse, weil ich nicht so ihr echtes Kind sei. Es sei so was Fremdes an mir und alles Fremde müsse aus dem Lande heraus.“

„Aber, Anna, was für dumme Sachen sind das! Hast Du denn ein Wort davon verstanden?“

„So ganz wohl nicht; aber seine Augcn sahen so klug, so eigen dabei aus.“

„Aber die Worte waren so unvernünftig.“

„Er hat mir auch noch mehr gesagt.“

„Und was war das?“

„Das war gar nicht unvernünftig; das habe ich ganz wohl verstanden.“

„Theile es mir mit.“

„Dein Liebhaber sei auch ein Fremder, und darum müssest Du auch sterben, das habe auch der Großvater gesagt; und dann sei er hier so ganz allein auf der Fähre. Er weinte dabei, der arme Mensch.“

„Er weinte?“

„Recht traurig. Er ist gut, der unkluge Wilhelm.“

Der Blödsinnige hatte immer nur ein gutes Herz gezeigt, freilich zugleich jenes stille Mißtrauen und jene eigensinnige, hartnäckige Heimlichkeit auch der gemüthlichsten Blödsinnigen, aber nie einen Zug eines bösen oder nur übelwollenden Herzens. Und wie leicht kann selbst ein verständiges, gutmüthiges Herz von fremder Bosheit oder Leidenschaft mißbraucht werden! Das Mädchen beruhigte sich nur halb über den Blödsinnigen. Und über das Kind? Wenn es gegen den wahnwitzigen Vater plauderte!

„Anna,“ sagte sie zu dem Kinde. „Du bist ein kluges, verständiges Mädchen. Du kannst schweigen.“

„Du weißt es, Muhme.“

„Komm mit mir; Du sollst sehen, wohin ich gehe.“

„Du gehst nicht zu Deinem Liebhaber?“

„Ich habe keinen Liebhaber. Aber zu einem kranken, elenden Mann gehe ich, der sterben müßte, wenn ich ihn nicht pflegte, und den die bösen Menschen todtschlagen, ermorden würden, wenn sie wüßten, daß er hier ist. Du wirst kein Wort von ihm sagen?“

„Kein Sterbenswörtchen, Muhme.“

„Auch zu dem Großvater und Lein Wilhelm nicht?“

„Zu keinem Menschen, Muhme.“

Das Kind war noch keine vollen sechs Jahre alt; aber es war klug, wie ein Kind von zehn Jahren. Der Verstand kränklicher Kinder reift schnell. Sie nahm das abgemagerte, federleichte Kind anf den Arm und verließ mit ihm die Stube. Auf der Decke, wo sich die Luke befand, die auf den Boden führte, ließ sie es nieder. Nebenan war der Stall, in welchem die Leiter zu der Luke lag. Sie holte sie, setzte sie an, stieg hinan und hob die Luke in die Höhe, die niedergelassen war. Dann kam sie wieder herunter, das Kind zu holen. Mit ihm stieg sie wieder die Leiter hinauf und durch die geöffnete Luke auf den Boden.

„Sei ganz still, Aennchen. Er könnte schlafen und dem Kranken thut der Schlaf so wohl.“

Das Kind hielt fast den Athem an. Auch Felicitas. Sie schritt leise, das Kind auf dem Arme, nach der hinteren Seite des Bodens, wo das Heu lag. In dem Heu lag seitwärts das Bett. Es war ein weiches, warmes Bett. Die Mutter des Kindes hatte [628] das warme Leben darin ausgehaucht, das ihr so kalt, so hart gewesen war. Der verwundete Fremdling lag darin. Er hatte das warme, frische Leben darin gewonnen. Er war noch blaß, aber die Züge zeigten nicht mehr die Erschlaffung jenes Abends, als das Mädchen ihn in den Weiden am Flusse gefunden hatte. Sie hatten wieder Spannkraft gewonnen.

Noch in derselben Nacht, als das Mädchen ihn aufgenommen, hatte eine heftige Krankheit ihn befallen. Als sie am Morgen wieder zu ihm kam, fand sie ihn in einem schweren hitzigen Fieber. Auf dem Lande, in der Einsamkeit des Fährhauses hatte sie allerlei Hausmittel gegen Krankheiten kennen gelernt. Wie oft hatte sie ihre einfache und vielleicht desto wirksamere und wohlthätigere Kunst bei der kranken Schwester ausüben müssen! Sie bereitete ihm kühlende, lindernde Tränke gegen die Hitze des Fiebers. Sie reichte ihm stärkende Mittel, als das Fieber nachgelassen hatte. Es war bald verschwunden. Die ursprünglich kräftige Soldatennatur hatte trotz aller Erschöpfung durch die Wunde, durch Anstrengungen, Entbehrungen und Leiden so vieler Art, die Krankheit schnell besiegt. Die Hülfe des Mädchens war ihm wunderbar entgegen gekommen. Seit zwei Tagen war er auf dem Wege der Genesung. Er lag in dem Bette mit geschlossenen Augen.

„Er schläft!“ flüsterte Felicitas dem Kinde zu. „Wir wollen uns setzen, bis er aufwacht. Dann muß er seinen Trank haben.“

„Den Du ihm bereitet hast, Muhme?“

„Ja.“

Dem Bette des Kranken gegenüber war zu einem bequemen Sitze ein Haufen Heu aufgeschichtet. Das Mädchen hatte manche Stunde in ihrer Sorge um den Kranken dort gesessen und gewacht. Sie ließ sich jetzt mit dem Kinde dicht vor dem Kranken, dem Genesenden, auf dem Heu nieder und konnte jeden Zug seines Gesichtes sehen, jeden Zug seines Athems hören. Der Athem war sanft und ruhig; man glaubte es ihm anzuhören, wie erquickend, stärkend der Schlaf sein müsse. Das Gesicht war noch bleich, noch ohne jeglichen Tropfen Blutes, aber es zeigte jene neu erwachte Spannkraft, das Zeichen der wieder erwachten Gesundheit. Und es war so schön. Felicitas mußte dem Athem lauschen, in das schöne blasse Gesicht schauen.

Das Kind auf ihrem Schooße lauschte und schaute mit ihr in einer stillen Andacht, um den Schlaf nicht zu stören, der dem Kranken so wohl that, wie die Muhme gesagt hatte. Felicitas wurde unruhiger. Ihr fielen anf einmal die Worte wieder ein, die der Blödsinnige zu dem Kinde gesprochen hatte. Das schöne Gesicht, das so ruhig schlummernd, um zu neuem, kräftigerem Leben zu erwachen, vor ihr lag, war ein fremdes Gesicht. Es war mehr, es war das Gesicht eines Feindes, der mit geholfen hatte, ihr Vaterland zu unterdrücken, so viele Tausende braver deutscher Herzen unglücklich zu machen. Der allgemeine Haß des deutschen Volkes, so lange ohnmächtig in der kochenden Brust verschlossen, verfolgte ihn jetzt dafür, blutig, mörderisch.

Wohl wußte das einfache Mädchen in dem einsamen Fährhause, was Vaterland, was Druck und Unglück des deutschen Volkes war. Von ihrem Vater, dem alten preußischen Invaliden, hatte sie oft genug die Klagen über das arme Vaterland und das unterdrückte Volk vernommen. Und sie? Sie hatte den Fremdling, den Feind dem Leben wiedergegeben. Sie hatte ihn nicht hassen können. Sie konnte ihn auch jetzt nicht hassen. Und wenn sie auch sterben sollte, wie der Vater und der Blödsinnige gesagt hatten? Nein, nein, sie konnte ihn nicht hassen. Wie hing ihr Auge an dem schönen Gesichte! Er war ihr Liebhaber, hatte schon der Blödsinnige gesagt. Liebte sie ihn wirklich? War er es, dem sie nur mit ihrem ganzen Herzen, mit ihrem ganzen Leben angehören konnte? Von dem sie dann aber auch, wenn sie ihn einmal gefunden hatte, nicht wieder loslassen konnte? Nie, nie? Von dem Fremden, dem Feinde nicht? Und gerade sie, deren Schwester von einem dieser fremden Feinde so unglücklich gemacht, so früh in das Grab gebracht war?

Aber war er denn der Verführer gewesen? Hatte er zur Unterdrückung ihres Vaterlandes beigetragen? Der Verführer war er nicht. Und wenn er gegen Deutsche gekämpft hatte, war er nicht einem Zwange gefolgt, dem der Einzelne nicht widerstehen konnte und der ihn außer Verantwortlichkeit setzen mußte? Er hatte bei Leipzig gefochten, das wußte sie. Er war vielleicht mit in Rußland gewesen. Aber hatte nicht ihr eigener Bruder, der Sohn des alten preußischen Soldaten, mit nach Rußland ziehen müssen und hatte er nicht vielleicht ebenfalls bei Leipzig gekämpft, gar der Deutsche gegen den Deutschen? Und dennoch. Er war ein Fremdling, er war ein Feind, den der ungetheilte Haß, die bitterste Rache des Volkes, ihres Volkes verfolgte. Und sie sollte ihn lieben? Er sei ein Fremder und darum müsse sie sterben, hatte der Blödsinnige gesagt. Sterben? Sie schauderte. Aber, indem es ihr eiskalt über den Körper lief, konnte sie den Blick, den innigen, den sehnsüchtig träumenden Blick von dem Gesichte des Schlummernden nicht wegwenden.

Der Genesende schlief ruhig und fest.

„Hast Du Dir den Mann angesehen, Anna?“ fragte Felicitas leise das Kind.

„Er sieht so krank aus, Muhme,“ flüsterte das Kind zurück.

„Er war krank auf den Tod. Ich habe ihn gepflegt. Jetzt hat er wieder den Schlaf des Gesunden.“

„Und zu ihm bist Du immer gegangen?“

„Zu ihm.“

„Ist er denn wirklich Dein Liebhaber, wie der Wilhelm sagt?“

„Mein Kind, der liebe Gott hat befohlen, daß alle Menschen einander lieb haben sollen.“

„Aber warum hast Du ihn denn so heimlich hier auf den Boden gebracht?“

„Hast Du gehört, welche Worte in der letzten Zeit der Großvater sprach?“

„Er wollte alle Franzosen todten, die jetzt aus dem Lande liefen.“

„So sprach er! Es war sein Ernst wohl nicht; er redet nur so, weil er krank ist.“

„Und er kann auch nicht einmal aufstehen,“ sagte das Kind.

„Aber die meisten Leute sprechen jetzt so, und weun sie einen armen kranken Franzosen finden, da fallen sie über ihn her.“

„Die Franzosen haben uns aber auch viel Böses gethan, Muhme Felicitas.“

Das Kind des Franzosen mußte so sprechen! Sie hatte es so oft gehört von dem kranken Großvater und dem blödsinnigen Wilhelm.

„Auch unsere Feinde sollen wir lieben, hat der Herr Jesus gesagt.“

„Aber sie haben es an uns verdient, Muhme,“ plauderte das Kind den irrsinnigen Männern nach, „an dem Großvater und an meiner Mutter. Der Großvater selbst hat es gesagt.“

Felicitas seufzte, auch mit einem traurigen Blick auf das Kind.

„Anna, vorgestern – ein Mann, den ich heute über das Wasser fuhr, erzählte es mir – vorgestern hat eine Bauersfrau jenseits des Stromes in ihrem Kartoffelfelde einen verwundeten französischen Soldaten gefunden, der vor den verfolgenden Bauern sich dort verborgen hatte. Der arme Mensch war vor Hunger und Müdigkeit halb todt. Er bat die Frau um ein Stück Brod und um Barmherzigkeit. Was that das Weib? Bei dem Kartoffelfelde war ein Graben. Sie allein konnte den Menschen nicht hineinwerfen. Sie lief in das Haus, wo ihre Tochter war, die rief sie herbei, und die Beiden warfen den hülflofen Menschen in den Graben, daß er sterben mußte. Hättest Du mir geholfen, Anna, wenn ich Dich so gerufen hätte?“

Das Kind schüttelte sich vor Entsetzen. Es drückte sich fest an den Busen des Mädchens.

„Nein, Muhme.“

„Und das dauert nun schon über acht Tage in der Gegend fort. Eine schreckliche Wuth ist in die Leute gefahren. Und die Menschen sind doch alle Brüder, alle die Kinder des lieben Gottes im Himmel.“

„Die armen Franzosen!“ sagte das zitternde Kind.

„Und sieh, Anna, so wäre auch das Loos des kranken Mannes gewesen, der jetzt hier wieder so gesund schlafen kann. Sie hatten auch ihn verfolgt, als ich ihn fand. Er war am Sterben.“

„Da brachtest Du ihn hierher?“

„Und pflegte ihn und sorgte für ihn. Und kein Anderer weiß von ihm, als Du und ich, und kein Anderer darf auch von ihm wissen, wenn er nicht noch sterben soll.“

„Kein Mensch soll es erfahren, Muhme.“

„Ich weiß, wie verschwiegen Du bist, mein liebes Aennchen. Darum nahm ich Dich mit hierher.“

[637] Der Athem des Schlafenden war einmal unruhig geworden. Seim Lippen und seine Hände hatten einige leise Bewegungen gemacht. Felicitas hatte aufgehört mit Sprechen. Aber gleich nachher war er wieder ruhig geworden und mit einem milden Lächeln auf den blassen Lippen hatte er ruhig fortgeschlummert. Er mußte geträumt haben und noch träumen. Felicitas und das Kind hatten ihr Gespräch fortgesetzt.

Es stockte. Felicitas hatte wieder die sinnenden Augen auf den sanft Schlummernden und in ihr unruhig schlagendes Herz gerichtet. Es war völlig still auf dem halbdunklen Boden. Dem Kinde wurde die Zeit lang, es hatte sein Spielzeug nicht mitgenommen.

„Muhme Felicitas, erzähle mir etwas,“ bat sie flüsternd.

Felicitas erwachte aus ihrem Sinnen. Worüber hatte sie nachgesonnen?

„Wovon soll ich Dir erzählen, mein Kind?“

„Erzähle mir die Geschichte von dem braven Freunde, den sie um den Freund hinrichteten, der seinen Freund so sehr geliebt hatte. Der Großvater hat uns die Geschichte erzählt; er hat sie aus dem Pommerlande mitgebracht, als er dort gewesen ist; sie ist schön.“

„Sie ist schön!“ rief Felicitas, wie erschüttert.

Aber sie erzählte sie.

„In der Stadt Colberg in Pommern lebten vor alten Zeiten zwei edle Geschlechter, die Schlieffen und die Adebare. Deren waren vor vielen Jahren – es sind wohl mehr als vierhundert Jahre her – zwei junge Edelleute, Benedictus Adebar und Nicolas Schlieff, die waren Freunde und hielten sich wie Brüder unter einander. Da begab es sich einmal, daß sie sammt einander in Gesellschaft einen Abend gezecht hatten und Schlieff zu guter Zeit heim ging und sich zu Bette legte und ungefähr eine Stunde hernach Adebar ihm folgte und an seine Thür klopfte. Als Schlieff hörte, daß er es war, stand er auf im Hemde und wollte ihn einlassen. Wie Adebar nun hörte, daß er kam, stach er im Scherze mit seinem Schwerte durch die Thür, um ihn zu erschrecken, und da Nicolas Schlieff im Finstern zulief, daß er die Thür aufmache, lief er in das Schwert und wurde auf den Tod verwundet und konnte nur noch kaum die Thür öffnen, den Freund einzulassen. Da erschrak Benedict Adebar sehr und verstopfte ihm die Wunde und entschuldigte sich gegen ihn, daß er es aus keinem bösen Gemüthe, sondern nur aus Vorwitz gethan, und lief zu einem Arzte, daß der ihn verbinde. Schlieff aber befand sich sehr schlecht und merkte, daß er sterben müsse, und er bat den Adebar, daß er fliehen möchte; denn wenn er nicht lebendig bliebe und seine Freundschaft, die Schlieffen, ihn ergriffen, so werde er wieder sterben müssen, was er ihm nicht gönnen möge. Adebar aber verließ sich darauf, daß er wider seinen Willen seinen lieben Freund und Gesellen in die Todesgefahr gebracht habe, und klagte, wie leid es ihm that. Der Nicolas Schlieff mußte aber bald hernach sterben und seine Freundschaft suchte nun nach Benedict Adebar, der nicht mehr aus der Stadt konnte, und fand ihn und setzte ihn in’s Gefängniß. Adebars Freundschaft gab darauf viele Bitten und Mühe um ihn, daß man ihn auf gebührlichen Ablag loslassen möge. Das wollte jedoch Schlieffens Freundschaft nicht thun, sondern ließ Adebar vor Gericht bringen und zum Tode verurtheilen. Und als er nun verurtheilt war, da wollte Schlieffens Freundschaft ihn losgeben, damit man sagen sollte, daß sie ihm das Leben geschenkt hätten. Das aber wollte Adebar und seine Freundschaft nicht annehmen, denn sie dachten und sprachen, ein zum Tode verurtheilter Mann wäre des Lebens weiter nicht werth. Darum sagte Adebar freien Muthes zu ihnen, er wolle viel lieber bei seinem lieben Freunde und Gesellen und Bruder, dem todten Schlieffen sein, als länger leben. Und dabei verblieb er und wollte sterben. Aber damit er nicht wie ein gemeiner Missethäter geführt würde, durften der Nachrichter und seine Knechte ihn nicht anrühren, sondern er ging von selbst und gutwillig zu seiner Hinrichtung, und der Rath und die ganze Stadt begleiteten ihn und betrübten sich seinethalben. Adebar hatte eine Schwester, die war Aebtissin in dem Kloster zu Colberg; die nahm ein Crucifix und trat damit vor ihn und tröstete ihn und sagte zu ihm, er solle auf Gott vertrauen und im Glauben an den Erlöser sterben. So kam er hinaus vor die Stadt, und da wurde ihm vergönnt, daß er nicht auf den Richtplatz ging, sondern auf den Kirchhof. Daselbst wurde er gerichtet.“

Während Felicitas erzählte, hatte der Schlummernde sich wieder bewegt, aber kaum merklich, und gleich war er wieder ruhig gewesen, und so war er geblieben, ohne die Augen aufzuschlagen. Wohl meinte das Mädchen manchmal, er schlafe nicht mehr und lausche in stillem Ruhen ihren Worten. Sie konnte sich aber auch irren und sie hatte ihre Erzählung nicht unterbrochen, die dem Kinde Freude machte. Als sie geendet hatte, schlug der Kranke die Augen auf. Er schlug sie hell und klar auf, nicht wie ein Kranker, sondern wie ein Genesender, ein Genesener, der das frische Leben wieder durch seine Adern strömen fühlt. So [638] und mit einem dankbaren Blicke sah er das Mädchen an und mit einem freundlichen das Kind, das auf ihrem Schooße saß.

„Du liebst schöne Geschichten?“ sagte er zu dem Kinde.

Felicitas erschrak.

„Sie haben uns behorcht?“

„Ja, mein gutes Mädchen, ich habe Euch behorcht. Oder nein, ich habe nicht gehorcht, ich habe Alles gehört, was Ihr Beide gesprochen habt. Aber ich habe es gehört, wie man im Schlafe die Stimmen der Engel hört, unter deren leisem und süßem Geflüster man nicht schläft und nicht wacht und nur immer süß lauschen muß. Ich habe Alles gehört, was Ihr spracht, Du, Felicitas, und das Kind. Und laß auch mich dem Kinde eine andere schöne Geschichte erzählen. Sie ist auch aus einem fernen Lande da hinten an der Ostsee und ich selbst habe sie von daher mitgebracht.

„Dort, an der Grenze von Rußland, liegt das Land Litthauen. Darin gibt es Städte, in welchen Litthauer wohnen, die alten Einwohner, denen früher das Land gehörte, zusammen mit den Deutschen, die nachher als Herrscher zu jenen in das Land eingedrungen sind. Sie lieben einander nicht sonderlich und haben daher Vieles nicht mit einander gemein. So auch haben die Deutschen ihre besondere Kirche und die Litthauer wieder ihre eigene, und auch ihre Kirchhöfe haben sie jede getrennt für sich. Nun begibt es sich, daß Manche unter ihnen im Leben sich gegenseitig befreundet waren, Deutsche mit Litthauern und Litthauer mit Deutschen. Deren Seelen möchten denn auch nach dem Tode mit einander verkehren und sich sagen, wie lieb sie sich noch immer haben. Aber nun liegen die Gräber der Deutschen hier auf dem Kirchhofe und die der Litthauer dort weit von einander und sie können nicht Grab zu Grab zusammen reden und sich Freundes- und Liebesworte sagen. Da besuchen sie sich denn gegenseitig auf ihren Kirchhöfen, und des Nachts, besonders wenn es stürmisches Wetter ist, fliegen sie in der Luft von einem Kirchhofe zu dem anderen. Sehen kann man sie nicht; aber sie können auf ihren Wegen kein Hinderniß leiden, und so sieht man zwischen den beiden Kirchhöfen kein Haus und keine Hecke und keinen Zaun, und es gedeihet daselbst kein Baum und kein Strauch.

„Die Volker können sich hassen, die Menschen lieben sich,“ schloß der Franzose, nicht zu dem Kinde gewandt, seine Geschichte.

Das Kind hatte ihn aufmerksam angehört, Felicitas träumerisch. Sie träumte weiter.

„Felicitas,“ sagte der Genesende freundlich, „wenn ich erwachte, sollte ich meinen Trank haben.“

Sie erröthete; er hatte Alles gehört, was sie mit dem Kinde gesprochen hatte. Sie reichte ihm den Trank, der neben ihr stand. Sie konnte ihn nur mit zitternden Händen ihm reichen. Er drückte die Hände; er küßte die eine, die seinen Lippen nahe kommen mußte. Sie zog sie erschrocken zurück. Allein als er den stärkenden, erfrischenden Labetrank genossen hatte und sie die Hand ihm wieder nahe bringen mußte, um ihm das Gefäß abzunehmen, da nahm er diese wieder und drückte sie zärtlich an sein Herz, und sie konnte sie diesmal nicht zurückziehen, sie mußte sie ihm lassen und konnte nur weinen.

Er aber richtete sich auf in seinem Bette, sah sie mit seinen dunklen Augen voll Liebe an und sagte zu ihr, indem er ihre Hand fester hielt:

„Felicitas, Dir danke ich mein Leben. Du hast mich mitleidig aufgenommen und mich gepflegt und noch gerettet, Du den Mann, der Dein Volk haßt und hassen muß, den zu hassen, wie dieses Kind vor wenigen Minuten in seiner glücklichen Unwissenheit ausplauderte, Du und die Deinigen noch besondere Ursache haben. Du mußt wissen, wem Du das Leben gerettet, wen Du zu einer ewigen Dankbarkeit Dir verpflichtet hast. Darf ich Dir von mir erzählen?“

Sie nickte schweigend mit dem Kopfe, und er erzählte ihr sein Leben, wie er, gebürtig aus Bordeaux, wo sein Vater, Namens Beaufort, ein wohlhabender Kaufmann war, sich gleichfalls der Handlung gewidmet und schon früh auf ein Comptoir nach Hamburg gekommen sei, wo er auch die deutsche Sprache gelernt und das deutsche Volk, seine Sitten und sein Leben lieb gewonnen; wie er darauf in seine Heimath zurückgekehrt sei und glücklich in dem elterlichen Hause mit seinen Geschwistern gelebt, aber immer eine Sehnsucht nach dem deutschen Lande behalten habe; wie darauf, als der Kaiser Napoleon sich zu dem russischen Kriege gerüstet und so viele Soldaten gebraucht habe, sein glückliches Familienleben zerstört worden, auch er habe Soldat werden und nach Rußland ziehen müssen. Er erzählte seine Leiden in diesem fürchterlichen Feldzuge; wie er darauf in Deutschland habe gegen Deutsche kämpfen müssen, zuletzt in der Schlacht bei Leipzig; wie hier nach furchtbarem Kampfe endlich die französische Armee geschlagen, auseinandergesprengt, in wilder Flucht aufgelöst sei. Er ward von der allgemeinen Flucht mit fortgerissen. Allein in der Schlacht, durch einen Schuß verwundet, der ihm die linke Hand zerschmettert, hatte er, geschwächt durch den Blutverlust, entkräftet durch den Schmerz, durch Anstrengungen und durch Entbehrungen, schon nach wenigen Tagen der Flucht kaum mehr folgen können. Mitleidige Cameraden hatten sich seiner angenommen, hatten ihn getragen, geschleppt, für seine Nahrung gesorgt, und stets unter den größten Gefahren, mit Hintansetzung des eigenen Lebens. Nicht von Soldaten waren sie verfolgt, nicht kriegsmaßige Behandlung, nicht Gefangenschaft hatten sie zu befürchten, wenn sie ergriffen wurden: das Volk verfolgte sie. Männer, Greise, Weiber, Kinder hatten mit allerlei Waffe, mit offener Gewalt, mit heimlichem Verrath überall eine große, allgemeine Hetzjagd gegen sie angestellt, gegen die armen, versprengten, verwundeten, kranken, verhungernden Flüchtlinge, eine Hetzjagd auf den Tod. Wie viele seiner Cameraden hatten den Tod gefunden! Zwei mitleidige Gefährten waren ihm treu geblieben; sie hatten glücklich mit ihm durch einsame Heide und unwegsames Gebirge sich hindurch gekämpft und geschlichen. So waren sie bis in diese Gegend gekommen. Eine Stunde weit vom Fährhause hatten Frauen sie gesehen, waren in das Dorf geeilt und hatten die Männer herbeigerufen. Eine wilde Jagd hatte begonnen, durch Bäche, über Zäune, durch Wald, durch Gebirge. Der hereinbrechende Abend hatte sie gerettet. Die Verfolger hatten ihre Spur verloren; aber die Armen konnten hören, wie fast rund um sie her diese Spur wieder aufgesucht wurde. So kamen sie an den Strom, aber auch an das Fährhaus. Der Strom, breit, tief, reißend, hinderte, zumal in der finsteren Nacht, in dem stürmischen Unwetter, die weitere Flucht. Die Kähne an den Fährstellen gaben neue Hoffnung, aber sie lagen fest an Ketten angeschlossen und die Schlösser konnten nicht ohne großes Geräusch erbrochen werden. Das Geräusch hätte Leute aus dem Fährhause herbeigezogen. Zudem waren in der Nähe des Fährhauses fast fortwährend Menschen. Die Verfolgten waren in Verzweiflung; die Gefahr der Entdeckung wuchs mit jedem Augenblicke; es gab nur noch ein Mittel des Entrinnens; der Strom mußte durchwatet, durchschwommen werden. Die beiden Gefährten des Verwundeten konnten das; sie waren nicht verwundet, sie waren kräftiger geblieben; für ihn, mit dem verstümmelten Arme, mit dem schon fast zum Tode entkräfteten Körper, war es eine Unmöglichkeit. Die letzte Hetzjagd hatte ihn völlig erschöpft; Nahrung hatte er den ganzen Tag nicht zu sich genommen; er lag kraftlos am Ufer und konnte sich nicht mehr erheben; der Frost schüttelte ihn, das Fieber drohte ihm die Sinne zu verwirren. Die Cameraden standen rathlos neben ihm; sie hätten ihn weiter, auch durch den Strom, mit sich ziehen und schleppen können, aber sie hätten an das jenseitige Ufer nur eine erstarrte Leiche gebracht, darüber war kein Zweifel. Die treuen Krieger wollten ihn nicht verlassen; sie wollten mit ihm sterben, erschlagen werden oder verhungern. Er bat, er beschwor sie, ihn allein zu lassen und sich zu retten. Sie waren junge Männer, gepreßt zu dem Kriegsdienste, wie er. Aber – jene Zeit war eine sonderbare Zeit der Begeisterung. Wie der Deutsche, der Greis und der Knabe, der Mann und das Weib, entflammt, wurde für die Abschüttelung der Knechtschaft, des Joches des fremden Unterdrückers, so war in dem französischen Kriegsheere kein Mann, der nicht mit Freude, mit einer zauberhaften, fast wüthenden Freude sein Leben, sein Alles hingegeben hätte für den großen und vor Allem für den jetzt so unglücklichen Kaiser. Man vergaß das Fortreisen von den Lieben, man dachte nicht an die Heimath, an Weib und Kind, an Geliebte, Eltern und Geschwister, nicht an Leiden, Strapazen und Entbehrungen, man dachte nur an den Ruhm, an die Größe, an das Unglück des Kaisers.

Es ist etwas Großes um ein begeistertes Volk. Das Größte ist ein Volk, begeistert für seine Freiheit.

Der Verwundete beschwor zuletzt seine Cameraden bei ihrer Pflicht gegen den Kaiser, und sie gingen. Sie legten ihn am [639] Ufer in die Weiden, sie küßten ihn. Zurückgelassen hatten sie ihm nichts, nicht einmal eine Kruste Brod, nur ihre Thränen, die auf sein bleiches, sterbendes Antlitz fielen. – „Gott gebe Dir einen sanften Tod, Bruder!“ – Sie stürzten sich in das Wasser. Die Sinne schwanden ihm; als er erwachte, erschrak er; er hatte im Erwachen noch unwillkürlich laut gejammert; gewiß aber auch im unruhigen Schlummer des Fiebers. Aber er konnte nicht lange darüber nachdenken; das Fieber warf ihn in den bewußlosen Zustand zurück. Er erwachte wieder mit lautem Klagen; der Hunger, der Durst, der Schmerz hatten sie ihm wider seinen Willen ausgepreßt. Er vernahm Schritte, er sah einen Lichtschimmer. Schritte und Licht naheten sich ihm. Er glaubte, es sei um ihn geschehen, er hielt sich für verloren. Da öffnete sich die Weide, in der er lag, und er sah einen Engel, der sich über ihn beugte.

„Ja, Felicitas, einen Engel, meinen Engel!“

Er zog den Engel sanft an seine Brust. Das Mädchen konnte nur weinen. Er küßte die Thränen aus ihren Augen.

„Und nun, Felicitas, erzähle mir von Dir. Engel haben die schönsten Geschichten.“

Was sollte sie ihm erzählen? Die Geschichten der Engel sind die schönsten, denn sie sind die Geschichten der Liebe und der Unschuld; aber sie sind auch die einfachsten.

Sie war in dem einsamen Fährhause geboren und groß geworden, unterrichtet von ihrem Vater, der früher Unterofficier gewesen, und von ihrer Mutter, einer nicht ganz ungebildeten Lehrerstochter. Sie hatte leider die Mutter früh verloren. Der Vater war darauf von einem schweren Leid betroffen, er war kränklich geworden; durch den Bau neuer Wege, sowie neuer Brücken über den Strom war er in seiner Einnahme zurückgekommen. So hatte sie stets in dem väterlichen Hause bleiben müssen, den alten Vater nicht verlassen dürfen. Das erzählte sie ihm einfach, wie es war.

„Und welches war das schwere Leid, das Deinen Vater betroffen hatte?“

Das Mädchen schwieg erröthend.

„Das Kind dort hat es mir angedeutet. Du hast es verschwiegen, um mich nicht zu kränken, Du edle Seele. Aber ich muß es wissen; erzähle es mir.“

Sie erzählte ihm auch das. Es war wieder eine einfache Geschichte; aber keine von jenen, in denen gebrochene Herzen vorkommen. Ihre ältere Schwester, ein bildschönes Mädchen, war in einer benachbarten größeren Stadt bei einer Dame als Kammerjungfer in Dienst getreten. Ein junger französischer Officier hatte dort sich in ihr Herz zu schleichen gewußt und sie verführt. Verführt, entehrt, von der Dame aus dem Hause gestoßen, ohne Muth, dem strengen Vater unter die Augen zu treten, war sie mit ihrem Kinde in Elend gerathen. Ein Zufall hatte dem Vater ihre Schande, ihr Elend entdeckt. Er war zu der Stadt gereist, hatte den Verführer aufgesucht, zur Rede gestellt und zu seiner Pflicht anhalten wollen, hatte aber nur Hohn gefunden. Er hatte den Elenden in Gesellschaft von Cameraden angetroffen, die den Greis verspotteten, mißhandelten, übermüthig verspotteten, gemein mißhandelten; nur die Tochter mit ihrem Kinde und ihrer Schande und der Beschimpfung hatte er nach Hause bringen können.

„Und ein Franzose war es, Felicitas, der Deine Schwester entehrt, Deinen Vater beschimpft, Euch Alle unglücklich gemacht hat?“

„Es war ein Franzose.“

„Felicitas, Du hassest darum nicht alle Franzosen?“

„Wäre es nicht gegen das göttliche Gebot?“

„Nicht auch gegen das Gebot Deines eigenen Herzens?“

Er sah ihr tief forschend in das Auge. Sie mußte verwirrt das Auge niederschlagen.

„Aber, wie kann ich fragen? Du hast ja einem Landsmanne jenes Elenden das Leben gerettet. – Felicitas, ich verdanke Dir das Leben; laß mich noch mehr Dir verdanken, das Glück meines Lebens.“

Er hatte mit seiner gesunden rechten Hand ihre beiden Hände gefaßt; er drückte sie gegen den Stumpf seiner linken Hand, dann gegen sein laut klopfendes Herz. Sie zitterte heftig und konnte es ihm nicht wehren.

„Antworte mir, Felicitas, kannst Du mich lieben?“

Sie konnte nicht antworten.

„Sieh mich an und laß mich die Antwort in Deinen Augen lesen.“

Die Augen konnte sie zu ihm erheben. Er sah die helle Liebe des Mädchens darin. Er drückte sie an sein Herz. Sie legte sich leise und weich selbst daran. „Du liebst mich, Felicitas?“

„Ueber Alles.“

„Aber nicht mehr, als ich Dich. Als Du an jenenn Abende zu mir tratst, da meinte ich, der Tod nahe mir, und das Leben, das Glück, die Liebe waren zu mir getreten. Ich fühlte es mitten in den Schauern des Fiebers, das mich auf diesem Lager schüttelte, wenn die heißbrennenden Augen sich mir öffneten und ich Deine Engelsgestalt vor mir sah. Ich erkannte es, als die Krankheit mich zu verlassen begann, und mein Geist wieder hell wurde. Ich liebte nicht mehr das Leben, ich liebte nur Dich, Dein mildes, Dein treues, aufopferndes, Dein edles Herz. Und eins wußte ich nicht einmal, mußte ich erst von den Lippen dieses Kindes erfahren. Wie viele Ursache hattest Du, mich zu hassen, und Du hattest doch nur Liebe in Deinem Herzen! – Sie soll Dir vergolten werden, Deine Liebe; was meine Landsleute an den Deinigen verbrochen, ich werde es an Dir wieder gut machen. Felicitas ist Dein schöner Name, ja, Dein Leben soll fruchtbar werden an Glück.“

Er küßte sie und sie küßte ihn wieder, sie kosten glücklich miteinander, bis das Kind erwachte und der Abend in den verschwiegenen Raum hineindämmerte.

Dann nahnn sie das Kind auf den Arm und verließ den Boden, stieg die Leiter hinunter und verbarg sie wieder. Das kluge Kind aber sagte: „Du bist doch bei Deinem Liebhaber gewesen, Muhme Felicitas. Aber ich werde es keinem Menschen sagen.“




III.
Die Trennung.

Wieder waren acht Tage vergangen. Es war Abend; der Herbst war rauher geworden, der Winter nahete, der Wind war schneidend und in den Regen mischten sich schon Schneeflocken.

So strich der Wind, beinahe stürmend, um das einsame Fährhaus; so schlug der Regen an die Mauern und Fenster. Draußen war es dunkel. Kein Stern leuchtete durch die dicken schwarzen Wolken, die am Himmel hingen. Die weißen Schneeflocken, die durch den Regen flogen, man fühlte sie, aber das Auge konnte sie nicht sehen.

Auch in der Stube des Fährhauses war es dunkel und man konnte nur hören, daß sich Menschen darin befanden. In dem Bette schlief der Greis unruhig; in seinen Kissen auf der Bank hörte man den sanfteren Athem des Kindes; neben dem Kinde hörte man leise, lang angehaltene Seufzer einer weiblichen Brust.

Felicitas saß dort am Fenster. Sie blickte träumend in das stürmische Wetter hinein. Ihre Träume waren glückliche, das zeigten die selbst in der Dunkelheit glänzenden Augen; auch jene leise heraufzitternden, lang angehaltenen Seufzer waren die Verräther ihres glücklichen Herzens.

Ihr glückliches Träumen wurde unterbrochen. Sie hatte schon seit einer Weile gehört, wie draußen unter dem Fenster ein Mensch hin und her ging. Sehen konnte sie ihn in der Finsterniß nicht, hatte ihn aber, trotz dieser Finsterniß, an seinem Gange erkannt, an einem manchmal wiederholten Räuspern; es war der blödsinnige Fährknecht Wilhelm.

Warum ging der schwachsinnige Mensch, der sonst um diese Zeit ruhig zu schlafen pflegte, in dem Unwetter dort umher und, wie es schien, absichtlich leise, als wenn er nicht bemerkt werden wolle? Das Mädchen wußte es nicht; sie bekümmerte sich auch nicht darum. Der Blödsinnige hatte zuweilen unruhigere Tage, ohne daß man einen äußeren Grund dafür auffinden konnte.

Aber zu dem Schritte des Schwachsinnigen hatte sich ein anderer Schritt gesellt; er war frei und laut vom Dorfe her näher gekommen, und der Blödsinnige hatte ihn angehalten.

„Ferdinand, bist Du es?“

„Ja.“

„He, he, Du willst zum Liebchen! Armer Ferdinand! Bleib’ hier, ich habe Dir etwas zu sagen.“

„Was willst Du, Bursch?“

„Laß uns leiser sprechen.“

Er sprach leiser; das Mädchen konnte aber dennoch seine Worte vernehmen.

[640] „Dein Liebchen hat einen andern Schatz, bei dem sitzt sie; wenn Du sie finden willst, dann gehe nach oben auf den Boden, da sitzen sie beisammen.“

„Bursch, Du bist ein Narr, laß mich.“

„Ja, ja, ich bin ein Narr, aber ich weiß, was ich weiß. Da oben sitzen sie beisammen. Und ein Franzose ist es. Und es ist eine Sünde und Schande, daß sie bei ihm sitzt. Und auch der Alte weiß es, und er will ihm den Kopf spalten, dem Franzosen, der ihm schon das eine Kind unter die Erde gebracht hat; er kann nur nicht aus dem Bette, der alte Mann. Du weißt, vor vierzehn Tagen haben wir sie begraben; gerade an dem Tage! Ja, ja, ich bin wohl ein Narr; aber der Narr ist ja so dumm nicht und er kann sehen, auch im Finstern. Und eine Schande ist es, und ich leide es nicht mehr. Höre, Ferdinand, Du thust mir den Gefallen und schlägst den Franzosenhund da oben todt. Der Alte kann nicht aus dem Bette und ich fürchte mich. Und Dich geht es mit an, sie ist ja Dein Schatz. Nicht wahr, Ferdinand, Du thust mir den Gefallen? Du hast starke Arme, und der Franzose ist krank und kann sich nicht wehren.“

So sprach der Blödsinnige, mehr und mehr in Eifer gerathend, und so immer rascher, lauter. Den jungen Bauer hielt er dabei mit beiden Händen fest.

„Geh nun zu Bette,“ sagte dieser ernst und streng zu ihm; „und unterstehe Dich nicht, zu einem Anderen solch’ unsinniges Zeug zu reden.“

Aber den Schwachsinnigen beherrschte der ganze zähe Eigensinn seines krankhaften Zustandes.

„Du willst nicht? Du fürchtest Dich auch? Ich weiß Leute, die sich nicht fürchten. Und alle Beide sollen sie sterben.“

Er ließ den Bauer los und rannte in demselben Augenblicke fort, dem Dorfe zu.

Der junge Bauer trat rasch in das Fährhaus und in die dunkle Stube. „Felicitas, bist Du hier?“

„Ja, Ferdinand.“

„Komm heraus, ich habe mit Dir zu sprechen.“

„Du kannst hier reden; der Vater schläft.“

„Felicitas, ich sprach eben den Wilhelm; der blödsinnige Mensch führt verwunderliche Reden.“

„Ich habe hier Alles gehört, was er mit Dir gesprochen hat.“

Der junge Mann schien zu erschrecken.

„Wie? Und was sagst Du dazu?“

„Ferdinand, Du bist ein braver Mensch. Du wirst Niemanden unglücklich machen.“

„Mit Wissen und Willen nicht.“

„Ich weiß es. Der Blödsinnige hat Dir die Wahrheit gesagt; ich verberge hier einen kranken, verwundeten Franzosen.“

„Und –? Und Du liebst ihn, Felicitas?“

„Und liebe ihn.“

Sie sprach es mit freiem, muthigem, fast stolzem Herzen; aber dennoch konnte sie es nur mit leiser, zitternder Stimme hervorbringen. Der junge Mann hörte nur die zitternde Stimme.

„Felicitas,“ sagte er ernst, aber nicht streng, sondern mild, traurig, „erinnerst Du Dich des Traumes, den Du mir erzähltest? Du solltest kein Glück mehr auf der Welt haben, sie trugen Dich mit Deinem Vater zusammen zum Kirchhofe!“

Das Mädchen erschrak bei der plötzlichen Erinnerung.

„Es war ein böser Traum.“

„Auch Deine Schwester hatte kein Glück mehr auf der Welt, und sie haben sie vor dem Vater zum Kirchhofe getragen!“

Da sah das Mädchen ihn klar und frei an, und sie sprach auch mit freier, muthiger, stolzer Stimme:

„Nun, Ferdinand, darauf kann ich Dir hell in die Augen sehen. Ich liebe ihn, daß ich nicht von ihm lassen kann; aber ich liebe ihn mit dem reinsten Herzen.“

„Gott sei Dank! Und nun laß uns ruhig sprechen, was Du zu beginnen hast. Wo ist der Fremde?“

„Oben auf dem Boden.“

„Er muß fort.“

„Er muß? – Ja er muß! Er muß!“

Wie mochte das Mädchen erblassen, als ihr plötzlich der Gedanke klar wurde, daß er fort müsse, der Mann, den sie so liebte, daß sie nicht von ihm lassen konnte!

„Ist er noch schwer krank?“ fragte der junge Mann.

„Er ist beinahe genesen.“

„Kann er noch heute Abend von hier fort?“

„Er kann,“ sagte fast lautlos das Mädchen.

„So bringe ihn sogleich fort. Der blödsinnige Mensch ist zum Dorfe gerannt; er wird dort Alles aufbringen. Noch immer ist das Volk wüthend in seinem Hasse gegen die Franzosen.“

Das Mädchen weinte.

„Er muß fort, Felicitas, fasse Dir ein Herz. Fehlt Euch noch etwas zu seinem Fortgehen? Sage es mir, ich gebe Dir es.“

Felicitas konnte sich nicht mehr halten; sie fiel dem edlen Bauer an das Herz.

„Ferdinand, Ferdinand, wie bist Du so bnav!“

„Eile, mein gutes Mädchcn. Bedürft Ihr noch etwas?“

„Nichts.“

„So beeile Dich. Ich gehe zum Dorfe, um die Leute aufzuhalten, wenn sie kommen. – Noch eins, Felicitas. Ich komme wieder hierher, nicht so oft wie bis jetzt, aber so oft ich denke, daß Du meine Hülfe nöthig hast. Ich bleibe Dein treuer Freund.“

[653] Der junge Bauer eilte fort. Felicitas mußte ihm nachstürzen; nicht, um ihn aufzuhalten, aber um laut, laut aufzuweinen und drinnen in der Stube die Schlafenden nicht zu wecken. Aber sie hatte nicht einmal Zeit, sich auszuweinen; die Gefahr war nahe und drohend.

Der junge Bauer hatte Recht. Noch immer herrschte, besonders auf dem Lande, jener unbegreifliche tödtliche und tödtende Ingrimm gegen den „Erzfeind.“ Freilich waren nur wenige Wochen verflossen, und der Druck und die Mißhandlung hatten so viele Jahre gedauert.

Sie ging in eine Kammer nebenan. Es war die Kammer, in der ihr Bruder geschlafen hatte, der den Franzosen nach Rußland hatte folgen müssen, der von da nicht zurückgekommen war. In einem Schranke in der Kammer waren noch die Kleider des Bruders. Sie nahm sie heraus, denn sie sollten dem Geliebten zur Rettung dienen. Die Kleider des von dem Franzosen geopferten Deutschen dem Franzosen! Das deutsche Mädchen gab sie ihm! Die Völker können sich hassen, die Menschen lieben sich.

Sie stieg auf den Boden.

„Bist Du da, Felicitas?“

„Ich bin es.“

„Wie lange habe ich auf Dich gewartet! Wie langweilig vergehen mir die Stunden, wenn Du nicht bei mir bist! Aber wie wird dieser dunkle Dachboden mir zum Paradiese, wenn ich Dich in meinen Armen halte!“

Er umschloß sie mit seinen Armen.

„Aber Du sagst mir nichts, mein Mädchen? Du hast kein süßes Liebeswort für mich?“

Sie hatte kein süßes Liebeswort für ihn, nur das Wort der bittern Trennung. Ihr Herz mußte nach der Kraft suchen, es auszusprechen.

„Aber, Felicitas, meine Liebe, meine Blicke finden Thränen in Deinen Augen? Was hast Du? Was ist Dir?“

Das bittere Wort mußte ausgesprochen werden.

„Wir müssen uns trennen, Alphons! Du mußt schon in dieser Stunde, o, schon in dieser Minute fort!“

Trennen! Scheiden! Auch den jungen Mann erfüllte das Wort mit Schrecken.

„Was gibt es, Felicitas?“ fragte er.

„Der Blödsinnige, der Deine Spur schon längst errathen hatte, ist in einem Anfalle von Wuth in das Dorf geeilt, um Leute zu holen, die Dich fangen sollen. Der Haß des Volkes gegen Deine Landsleute dauert noch fort; sie können jeden Augenblick kommen.“

„Ja, ich muß fort, Felicitas.“

„Du mußt, Du mußt!“ rief nun das laut aufweinende Mädchen, indem sie fest den Geliebten umklammerte.

„Hätte ich nicht schon längst gemußt? Schon vor fünf Tagen waren meine Kräfte wieder hergestellt, und nur mein Herz war zu schwach, von Dir zu scheiden.“

„Nein, nein, ich hielt Dich; ich meinte ja, ich müßte sterben, wenn Du fort gingest.“

„Und auch ich! Ich dachte nicht an die Heimath, nicht an meine Eltern, nicht an die Geschwister; ich konnte nur an Dich denken?“

Der Schmerz gab ihnen die süßen Liebesworte wieder.

„Und,“ fuhr er fort, „je früher ich scheide, desto eher komme ich wieder und hole Dich.“

„Wirst Du wiederkommen, Alphons?“

„Felicitas, wie oft habe ich es Dir geschworen! Wie oft haben wir davon geträumt! Kennt mein Herz einen anderen Gedanken?“

„Ja, Du wirst; ich fühle es hier in meinem Herzen, und was in meinem Herzen steht, das steht auch in Deinem.“

„Sie gehören einander für immer; nur der Tod kann uns trennen.“

„Nur der Tod. Aber, laß uns eilen; hier, ich habe Dir Kleider mitgebracht, denn Deine französische Uniform würde Dich verrathen; kleide Dich um, ich komme gleich zurück.“

Sie verließ ihn, um ihr Tuch zu holen, mit dem sie sich des Nachts gegen das Unwetter schützte, wenn sie im Herbst oder Winter über den Strom setzen mußte. Dann kehrte sie zu ihm zurück; er hatte sich umgekleidet und war bereit, ihr zu folgen.

„Noch eins,“ sagte das Mädchen; „sie dürfen hier auch keine Spur von Dir finden, sonst würden sie Dich verfolgen.“

Sie packte die Bettstücke zusammen, die ihm zur Ruhestätte gedient hatten, und warf sie durch die offene Bodenluke hinunter.

Dann schüttelte sie das Heu durcheinander, daß man nicht ahnen konnte, es habe Jemandem zum Lager gedient.

„Und nun Deine Uniform, wo hast Du sie?“

Auch der junge Franzose war vorsichtig gewesen. Seine Uniform, das Kleid des großen Kaisers, der großen Armee, war sein Stolz; er hatte an sie, an seine Sicherheit hatte er aber nicht gedacht.

[654] „Sie liegt in der Ecke dort; Du wirst sie mir verwahren, ich hole sie wieder mit Dir.“

„Man würde sie dort finden; sie würde Dich verrathen und muß deshalb vernichtet werden.“

„Vernichtet?“ rief der Franzose schmerzlich.

Das Mädchen besann sich.

„Ich hebe sie Dir auf. Du holst sie wieder, mit mir.“

Sie ging in die Ecke und belud sich mit den zusammengelegten Uniformstücken. Beide stiegen die Leiter hinunter; sie ließen sie stehen, denn sie konnte nun nichts mehr verrathen, nichts mehr entdecken. Unten trug das Mädchen die Uniform des Franzosen in den Schrank, in welchem die Kleider ihres Bruders gewesen waren.

„Dort wird Niemand sie suchen.“

Dann trug sie das Bette, in welchem der Franzose geruhet hatte, wieder zu der Stelle, an welcher ihre Schwester darin gestorben war. Bruder und Schwester hatte sie verloren; sollte sie auch den Geliebten verlieren? Sollte sie es, so starb sie mit ihm, denn das hatte ihr Vater und auch der Blödsinnige ihr gesagt. Aber der Vater hatte ihr auch geflucht, wenn sie ihm den Franzosen nicht ausliefere! Wie kam ihr auf einmal der Gedanke! Jetzt? In diesem Augenblicke? Es war der Fluch des Wahnsinns! Aber wäre es auch der Fluch des klaren Gedankens gewesen, sie konnte nicht anders – sie liebte!

Sie kehrte zu dem Geliebten zurück, sie nahm seine Hand.

„Jetzt folge mir.“

Sie verließen still das Haus. Hand in Hand traten sie in das ungestüme Wetter und horchten ängstlich. Es war still; sie hörten nur den heulenden Novemberwind, das Rauschen des Wassers, das Schwirren der Weiden, das Aneinanderschlagen der Nachen; es war, wie vor vierzehn Tagen, als sie sich gefunden hatten.

Schon vierzehn Tage waren seitdem vergangen. Die Zeit des Glückes vergeht schnell.

„Nun noch eine Bitte, Felicitas, bevor wir in den Nachen steigen.“

„Welche?“

„Führe mich zu der Weide, in der Du mich fandest.“

Sie führte ihn dahin. Sie schlug die Zweige der Weide auseinander und trat mit ihm an die Stelle, an der er gelegen hatte, den Tod erwartend, das Leben, das Glück findend. Auch sie hatte das Glück gefunden.

Hatte sie?

Sie küßten sich still; dann gingen sie zu den Fährnachen. Sie öffnete das Schloß, mit dem der kleine Nachen angeschlossen war.

„Steige ein, mein Geliebter.“

Er stieg an ihrer Hand ein. Sie stieß darauf den Nachen vom Ufer ab und setzte sich auf die Ruderbank.

„Setze Dich neben mich, Alphons, hier an meine linke Seite, damit ich den rechten Arm frei habe, den Nachen zu regieren. Wir lassen so uns langsam hinuntergleiten, wir bleiben dann länger beisammen; im Hause schlafen sie, und Deine Verfolger können in der Finsterniß uns nicht sehen und in dem Unwetter uns nicht hören.“

Er setzte sich dicht an ihre Seite, mit seinem gesunden, rechten Arme ihren schlanken Leib umfassend. Sie lehnte sich an ihn. Mit ihrem rechten Arme führte sie das Ruder und den Kahn; mit ihrer linken Hand hatte sie den Stumpf seiner in der Leipziger Schlacht zerschossenen linken Hand umfaßt.

So saßen sie auf der Ruderbank, in dem schmalen Nachen, auf dem brausenden Strome, in der finstern, stürmenden Nacht. Der Nachen glitt langsam dahin; die rollenden Wellen hatten ihn wohl rasch fortgerissen, weit stromabwärts; aber die geübte und gewandte Schifferin regierte mit leichter Mühe ihn so geschickt, daß er halb die Wellen durchschnitt und sie ihn nur halb mit sich ziehen konnten.

Sie wechselten Worte der Liebe, der Hoffnung, des Wiedersehens, des Glückes. So suchten die liebenden Herzen sich selbst und eins dem andern den Schmerz der Trennung zu vertreiben.

„In drei Monaten bin ich wieder bei Dir, Felicitas.“

„Es ist eine lange Zeit, Alphons; aber in dem Gedanken an Dich wird sie mir nicht lang werden.“

„Dann komme ich an das Ufer dort, dem wir jetzt zurudern, und rufe: Hol’ über! Ich habe das Wort so oft auf dem einsamen Dachboden gehört.“

„Und ich komme in diesem Nachen, in diesem nämlichen Nachen, und hole Dich ab; wie werden meine Hände vor Freude zittern!“

„Und dann trennen wir uns nie mehr; so lange Dein Vater lebt, bleiben wir in Deutschland; ich richte mir in der Nähe eine Handlung ein. Ruft der Himmel ihn ab, so ziehen wir nach meiner schönen Heimath, an die reizenden Ufer der Garonne, an die warmen Gestade des atlantischen Meeres; wie glücklich werden wir dort sein!“

„Ganz, ganz glücklich, mein Alphons!“

Sie umfaßten sich inniger. Sie lenkte das Ruder langsamer und der Nachen glitt rascher mit den Wellen hinunter; er durchschnitt langsamer den Strom und so blieben sie länger beisammen. Es waren nur Minuten; aber Minuten des Glückes.

Die Liebenden vergaßen Alles um sich her, selbst die nahe Minute, die sie auseinander reißen sollte, selbst den Schmerz der Trennung. Sie waren längst an dem Dorfe vorbeigekommen, in welchem in diesem Augenblicke der Blödsinnige den Haß und die Rache gegen den Mann des allgemeinen Hasses, der allgemeinen Rache aufgestachelt hatte, den Mann, der so süß im Arme der Liebe ruhete, den der Arm der Liebe so fest umschlungen hielt; sie fühlten nur Liebe.

Sie kamen an dem Kirchhofe vorbei, auf dem die todte Schwester so allein schlief. „In der finstern Nacht, in dem häßlichen Wetter!“ hatte das Kind gesagt, und es hatte sich vor Frost geschüttelt.

Der Kirchhof lag dicht an dem Wasser. Der Wind, als sie vorbei kamen, heulte über die Gräber dahin; er sauste durch die schwarzen hölzernen Kreuze, die auf den Gräbern standen; er warf die Kränze von vertrockneten Herbstblumen durcheinander, die auf den Kreuzen hingen.

Da rieselte der Frost durch die Brust des Mädchens; er stieg bis an ihr Herz heran. Sie hatte die Todte nicht angesagt! Die Liebe ist stark; auch der Glaube, auch der Aberglaube ist es; sie sind stark eben in der Liebe. Sie drückte sich zitternd an den Geliebten.

„Kommst Du wirklich wieder?“ rief sie laut. „Verläßt Du mich nicht? Kommst Du wieder? Sprich. Es wäre mein Tod!“

„Felicitas, kann ich von meinem Leben lassen?“

„Du kommst? Du kommst? O, sage es mir! Sage es mir noch einmal! Schwöre es mir!“

„Felicitas, so wahr –“

„Nein, schwöre es nicht, ich war eine Wahnsinnige; mich faßte es auf einmal, wie ein Schwindel. Du kommst wieder! Nicht wahr, Du kommst wieder?“

„Ich komme wieder, so wahr ein Gott im Himmel lebt, so wahr Du mir das Leben gerettet hast.“

Sie hatte sich wieder beruhigt.

„Verzeihe mir, Alphons, ich war närrisch. Wie konnte ich zweifeln? – Sieh, sieh, dort ist ja auch das Wahrzeichen.“

Hinten am Horizonte, dort woher der Strom kam, erhob sich ein heller Schein; die Kuppel des fürstlichen Schlosses wurde wieder erleuchtet. Der Fürst war nach langer Abwesenheit in seine Besitzungen zurückgekehrt und hielt seinen Einzug in sein Schloß; es war fürstlich erleuchtet.

Der Schein des Feuers fiel auf die Liebenden. Sie hatten in dem tiefen Dunkel der Nacht einander nicht sehen können, nicht einmal die Sterne ihrer Augen, wie hellglänzend von Thränen und von Glück sie sich auch zulächelten. Sie sahen jetzt ihre lieben Züge; sie sahen trunken von Liebe, von Glück, von Schmerz hinein. Nur noch wenige Augenblicke, und sie sollten sich trennen; trennen auf so lange Zeit. Für immer?

Sie sahen noch einmal in die theuern Züge; sie wollten sie sich einprägen für immer. Da erloscb das Feuer auf der Kuppel des fürstlichen Schlosses, rasch, plötzlich, wie vor vierzehn Tagen. Der Frost schüttelte das Mädchen wieder und erstarrte ihr Herz. Der Kahn hatte das Ufer erreicht.

Schon? Und sie waren auf dem Wasser dahin geglitten, eine Minute in ihrem Glücke und Unglücke der Liebe, des Abschiedes. Sie sprangen aus dem Nachen. Beide.

„Nicht auf dem schwankenden, trügerischen Wasser wollen wir uns Lebewohl sagen; auf der festen treuen Erde.“

[655] Sie hielten sich lange und fest in den Armen und küßten sich so innig, so herzlich, so treu.

„In drei Monaten bin ich wieder bei Dir.“

„In drei Monaten!“

„Früher, früher! Ich werde es können!“

„Du würdest mich todt finden, wenn Du später kämst.“

„Lebe wohl!“

„Lebe wohl!“

Er ließ sie los; er eilte fort, auf der Landstraße, an der sie ausgestiegen waren, und die von dort sich in das Land hinein zog. Sie stand unbeweglich; sie sah ihm nach, sie lauschte. Er war in dem Dunkel der Nacht, in dem Regen und Schnee verschwunden; sein Schritt war verhallt in dem Rauschen des Sturmes und des Wassers.

„Ade – Felicitas!“ rief hinten im Wege seine Stimme noch zum letzten Abschiedsgruße.

„Alphons, Alphons!“ rief sie ihm grüßend nach.

Dann hörten sie Beide nichts mehr von einander.

Sie stand noch lange unbeweglich und sah hinein in die Finsterniß, und horchte hinaus in den Sturm; aber sie sah nichts als das undurchdringliche Dunkel; sie hörte nichts, als das Heulen des Windes und das Brausen des Wetters. Er war fort und sie war allein. Aber sie mußte noch immer blicken und lauschen. Sie ging in den Kahn zurück; sie stieß ihn von dem Ufer ab und blickte und horchte noch einmal in die Gegend, in der er verschwunden war; aber dann nicht mehr.

Sie fiel in dem Nachen auf der Ruderbank nieder; ihre Kraft war dahin; sie war getrennt von ihm; nicht einmal die Erde verband sie mehr mit ihm; er war drüben und sie allein auf dem Wasser.

Sie war allein, er war fort; die ganze Gewalt des Schmerzes der Trennung fiel auf sie. Laut mußte sie weinen, laut und bitter in die dunkle Nacht.

„Wird er wiederkommen? Es wäre mein Tod, wenn er nicht wiederkäme! Ich kann nicht von ihm lassen. Und der Vater und der Blödsinnige fluchten ihm! Er gehört zu den Feinden unseres Volkes, zu denen, die uns soviel Böses gethan haben! Ich muß ihn dennoch lieben, mein Herz kann nicht von ihm lassen. Was geht mich ihr Hader, was geht mich ihr Haß an? Aber der Vater fluchte auch mir!“

Sie sank nieder in den Kahn, auf ihre Kniee, die Hände gefaltet. Sie nahm in ihrer Herzensangst ihre Zuflucht zu dem Urquell alles Trostes für das fromme, reine, gläubige Gemüth; sie betete in jener edlen, großen und doch so einfachen, natürlichen Weise.

„O, Du Vater im Himmel, wenn es geschehen kann nach Deinem unerforschlichen Rathschlusse, dann laß ihn wiederkommen und uns glücklich werden!“

Das wahrhaft reine und fromme Gemüth wird durch das Gebet beruhigt; es sucht dann nach keiner Ahnung, nach keinem Zeichen des Versprechens, des Gewährens mehr; es hat sich seinem Gott nahen, es hat ihm seine Bitte sagen können, es vertraut, daß der Gott der Liebe und der Gnade nach seiner Weisheit Alles am besten ordnen und fügen werde, wie es nicht anders sein kann – es ist beruhigt.

Sie setzte sich auf die Ruderbank, nahm die Ruder und lenkte mit sicherem, kräftigem Arme das Fahrzeug durch die brausenden Wellen, durch den tobenden Sturm, durch Regen und die Dunkelheit der Nacht dem Fährhause zu.

Ihr Herz war so gottergeben!




IV.
Liebe, Glaube, Hoffnung.

Ihr Herz war so gottergeben! Alle ihre Gedanken waren nur auf den Geliebten gerichtet; aber mit dem ergebensten und dem ruhigsten Herzen. Sie liebte ihn so innig, so treu; sie hatte kein anderes Gefühl, als die Liebe zu ihm, keine andere Hoffnung, als seine Rückkehr; sie konnte nicht leben ohne ihn. Auch er konnte kein anderes Gefühl, keine andere Hoffnung, kein Leben ohne sie haben; so wartete sie seiner Rückkehr.

Träumend saß sie schon in der nämlichen Nacht, als sie ihn über den Strom gebracht hatte und nach Hause zurückgekehrt war, an dem Fenster der Stube, das auf den Fluß führte. Ihr Blick war nach dem jenseitigen Ufer gerichtet, ihr Ohr lauschte dorthin, nach der Stelle, wo die, welche herübergesetzt sein wollten, ihr „Hol’ über!“ riefen und warteten, bis der Fährnachen kam und sie hinüberholte. Sie träumte von der glücklichen Stunde, da sie auf einmal sein „Hol’ über“ hören, in den Nachen fliegen, wie mit Flügeln des Vogels die Wellen durchschneiden, in seinen Armen liegen, umfaßt von ihm ihn herüberholen werde. Kein Anderer holte ihn, nur sie, in dem nämlichen Nachen, in dem sie ihn hinübergebracht hatte; sie hatte es ihm versprochen.

Träumend saß sie so am andern Morgen, und alle Tage, alle Morgen, alle Abende, bis tief in die Nacht hinein. Wenn das Wetter hell war und sie stromabwärts das jenseitige Ufer sehen konnte, dann schweifte ihr Blick weiter, von der Landungsstelle bis dort hinunter, wo sie von ihm Abschied genommen, wo sie zum letzten Male seine Hand, seinen Kuß, das Schlagen seines Herzens gefühlt hatte; immer träumte sie glücklich, von ihm glücklich.

Mitte November war er fortgegangen und Mitte Februar waren die drei Monate um; wenn der Winter abging, mußte er wiederkommen.

Noch vor Neujahr starb die kleine Anna; noch vor dem Vater, wie jener Traum es dem Mädchen vorher gesagt hatte. Der Lebenskeim des in Unglück und Gram geborenen, von der Milch einer kranken Brust genährten Kindes war fast schon in seiner Geburt zerstört gewesen.

Der Tod des Kindes ergriff die Muhme, die das Kind so sehr geliebt, die an ihm die einzige Vertraute gehabt hatte. Aber so sehr war ihr Herz von der Liebe zu dem Geliebten erfüllt, daß sie mitten unter ihren Thränen nur an ihn und an seine Rückkehr denken konnte.

Sie sagte den Tod des Kindes gewissenhaft dem Nachbar an; ihr Vater lebte ja noch. Aber wie sie den Strom entlang ging und an der Stelle vorbei kam, wo sie den Geliebten so elend gefunden, mußte sie doch erst in die Weide treten, und als sie weiter ging, konnten ihre Augen nur wieder die Stelle am jenseitigen Ufer suchen, wo sie Abschied von ihm genommen hatte.

Gegen Ende Januar starb auch ihr Vater. Auch dieser Tod war ein Glück für den Sterbenden, eine milde Erlösung des alten, an Körper und Geist kranken Mannes von langen Leiden. Felicitas mit aller ihrer Liebe, mit aller ihrer Zärtlichkeit und ihren Sorgen, die sie so viele Jahre treu und unverdrossen dem Vater gewidmet hatte, konnte seine Leiche zum Grabe geleiten nur unter dem Gedanken an die Rückkehr des Geliebten.

Auch seinen Tod hatte sie gewissenhaft angesagt. Sie selbst zwar konnte nicht mehr in dem Hause bleiben. Andere, fremde Fährleute mußten hineinkommen; aber auch den fremden Leuten wollte sie den Tod fern halten.

Sie mußte das Haus verlassen. Wo einem „zwölf Jahre gedienten Unterofficier“ eine „Civilversorgung“ gegeben werden kann, da sind die Behörden und die Unterofficiere schnell bei der Hand. Der alte Fährmann Rose lag kaum in Ruhe auf dem Kirchhofe, als schon sein Nachfolger eintraf.

Felicitas mußte das Haus verlassen, in dem sie geboren war, in dem sie das Leben, das Glück und die Leiden des Lebens, in dem sie die Liebe kennen gelernt hatte. Sie wollte auch bei den fremden Leuten in dem Hause nicht bleiben. Sie konnte es ruhig; ohne Gram verlassen. Der junge Bauer Ferdinand bot ihr ein Unterkommen an, bei seiner Schwester, seiner Mutter, die sie liebten. Sie schlug es aus.

Konnte sie auch in dem Fährhause nicht bleiben, die Fähre hätte sie nicht verlassen können, ihr Geliebter kam dahin zurück. Sie mußte da sein, wenn er kam. Sie zuerst mußte sein „Hol’ über“ hören; sie zuerst mußte ihn sehen; sie selbst mußte ihn von drüben herüberholen.

Sie bat den neuen Fährmann, bleiben und mit dem Blödsinnigen tauschen zu dürfen. Er genehmigte es. Der Blödsinnige wurde in das Haus genommen; sie bezog seine Hütte am Wasser, und versah den Dienst des Uebersetzens nach wie vor.

Der Januar ging vorbei, der Februar kam. Jetzt konnte er bald kommen. Sie sah nur nach der Landungsstelle am jenseitigen Ufer hinüber. Sie horchte bis Mitternacht an dem schmalen, niedrigen Fenster der Fährhutte nach seinem „Hol’ über.“ Wenn eine Stimme rief, so zuckte sie bei dem ersten Laute, der [656] ihr Ohr traf, heftig zusammen. Der zweite Laut sagte ihr, daß es eine fremde Stimme war.

Die Kälte des Winters ließ nach; die Luft wurde milder.

Die Mitte des Februar rückte heran. Jetzt mußte er jeden Tag kommen.

Sie hatte keine Nachricht von ihm erhalten, nicht die geringste. Sie hatte auch keine erwartet, denn er hatte nicht gesagt, daß er schreiben werde; er hatte auch nicht verlangt, daß sie ihm schreiben solle. Er wollte wiederkommen, ehe das Vierteljahr um war, und sie wußte, daß er wiederkommen werde.

Sie kam bei Tage nicht von dem Ufer des Stromes; sie hatte bei Nacht keinen Schlaf.

Der fünfzehnte Februar war da. Es war der letzte Tag. Heute mußte er kommen. Der Tag brachte wieder rauheres Wetter. Sie saß schon, bevor er graute, am Ufer, Auge und Ohr nur nach jenseits gerichtet, nach der Stelle, an der er erscheinen, an der er dem Nachen zum Herüberholen rufen mußte. Sie saß unverwandt so. Sie fühlte keine Kälte, keinen Hunger, keinen Durst.

„Hol’ über!“ rief es wohl manches Mal von drüben. Aber eine andere Stimme hatte es gerufen, eine andere Gestalt zeigte sich, um übergesetzt zu werden.

Der Abend kam, kälter, dunkel. Sie saß noch immer. Sie saß unbeweglich, wie ein Bild von Stein.

Sie sei erfroren, meinten die Leute.

Der Fährmann wollte sie in’s Haus nehmen, damit sie aufthaue und Nahrung zu sich nehme.

„Laßt mich,“ sagte sie, „ich muß hier bleiben.“

Der Blödsinnige kam zu ihr. Er hatte nie wieder mit ihr über den Franzosen gesprochen; auch mit andern Leuten nicht. Außer ihm und Ferdinand, der gleichfalls verschwiegen gewesen war, wie das Grab, wußte daher Niemand von ihrer Liebe.

„Du wartest noch immer auf ihn?“ fragte der schwachsinnige Mensch.

„Ja.“

„Er wird nicht kommen.“

Es war die Rede eines Irrsinnigen. Aber die Worte durchfuhren sie doch, sie mußte zu ihm aufblicken.

„Er kommt nicht!“ wiederholte der Blödsinnige, und das irre Auge sah sie so geisterhaft, so prophetisch an.

Aber in ihrem Herzen sagte es: „Er wird kommen, er kommt.“

Sie blieb sitzen, den Blick und das Ohr wieder unverwandt nach drüben.

Er hatte es ja versprochen. Er konnte sie nicht betrügen. Hätte sie ihn betrügen können?

Sie saß bis Mitternacht. Der Wind führte ihr die Schläge der Glocke auf dem benachbarten Dorfthurme zu. Sie brauchte sie nicht zu zählen. Sie hatte, seit es dunkel geworden war, jede Stunde gezählt. Sie zählte dennoch. Mit dem letzten, zwölften Schlage blickte sie noch einmal nach dem jenseitigen Ufer, wo sie schon lange nichts mehr sehen konnte, horchte sie noch einmal nach der Landungsstelle, wo sie schon lange nichts mehr gehört hatte. Sie sah, sie hörte nichts.

Der Tag, das Vierteljahr war vorüber! Er war nicht gekommen.

„Er ist krank geworden! Es ist ihm ein Unfall begegnet, ein Hinderniß. Wie leicht ist das möglich in dieser Jahreszeit!“

Betrügen konnte er sie nicht!

Sie ging in ihre Hütte. Sie saß noch lange an dem schmalen Fenster und schaute vergebens in die Dunkelheit und horchte vergebens in die Nacht hinein.

Das glückliche Herz mit seinem Hoffen hatte sie früher nicht schlafen lassen. Das schwere Herz verscheuchte jetzt den Schlaf von ihr. Aber die Hoffnung blieb ihr. Die Hoffnung führte sie schon vor Anbruch des andern Tages wieder an das Ufer.

„Er kommt nicht,“ sagte der Blödsinnige. „Er ist ein Feind, und Dein Vater hat ihn verflucht und Dich mit ihm.“

„Er kommt!“ sagte es in ihrem Herzen.

Sie setzte sich in den Nachen, in denselben Nachen, in dem sie ihn auf das jenseitige Ufer gebracht, in dem ihn wieder abzuholen sie ihm versprochen hatte. Sie fuhr auf das Wasser hinaus zu der Landungsstelle, an der er erscheinen, an der er einsteigen mußte. Hier wartete sie, still träumend, den Blick unverwandt auf den Pfad gerichtet, in den er hinter den Weiden am Ufer her hineintreten mußte. Sie wartete, bis es Abend wurde. Er kam nicht. Sie fuhr zu der Fährstelle zurück. Dort wartete sie wieder, bis rings um sie her kein Leben mehr war, bis im Fährhause Alles schlief, bis kein Licht durch die Nacht mehr zu ihr herüber leuchtete. Dann ging sie in ihre Hütte. Aber auch hier saß sie noch am Fenster, bis die Uhr auf dem Thurme des Dorfes Mitternacht schlug.

Der zweite Tag war vorüber.

„Er ist verhindert worden; aber er kommt gewiß!“

Es kam der dritte Tag. Sie wartete am Wasser.

„Er kommt nicht! Dein Vater hat Dir und ihm geflucht!“ sagte der Blödsinnige.

„Er kommt!“ sagte ihr Herz.

Sie stieg wieder in den Nachen, sie fuhr wieder auf das Wasser hinaus. Sie wartete an der Landungsstelle. Sie wartete wieder an dem Fenster ihrer Hütte, bis die Glocke des Dorfes Mitternacht geschlagen hatte. Er kam nicht.

„Er kommt doch!“ sagte sie.

So verging der vierte, der fünfte Tag, so vergingen die folgenden Tage, bis der Märzmonat kam, bis der warme Frühling erschien. Sie fuhr jeden Tag hinaus auf das Wasser; sie wartete jeden Tag an dem Landungsplatze. Sie sagte täglich:

„Er kommt doch! Er kommt!“

Er kam nicht.

Sie sprach nur diese Worte. Sie sprach sie nur zu sich. Mit keinem anderen Menschen redete sie ein Wort. Ihr Gesicht blieb immer ruhig, freundlich, freundlich träumend. In ihrem Herzen wohnte ja nur Liebe und Glaube und Hoffnung.

Aber bleich, sehr bleich war das schöne Gesicht geworden, und ihr Körper sehr mager.

Der junge Bauer kam zu ihr.

„Felicitas, Du gehst hier zu Grunde. Willst Du nicht mit mir ziehen zu meiner Mutter?“

„Nein, Ferdinand, ich muß hier bleiben.“

„Erwartest Du ihn nicht vergebens? Wenn er Wort halten wollte, müßte er nicht schon längst da sein?“

„Er ist verhindert worden.“

„Hätte er dann nicht geschrieben, armes Mädchen?“

„Er kommt, Ferdinand, er kommt.“

„So schreibe Du einmal an ihn.“

„Würde ihm das nicht Mißtrauen zeigen? Und müßte ihn das nicht kränken, wie es mich kränken würde, wenn er mir schriebe, ob ich ihm treu geblieben sei?“

Der junge Bauer verließ sie fast weinend. Sie war so still, so verfallen und so – gläubig.

Er hatte sich von ihr den Namen und Wohnort des Franzosen sagen lassen. Er schrieb selbst nach Bordeaux, wie das Mädchen warte und zu Grunde gehe. Er erhielt keine Antwort.

Er schrieb zum zweiten Male. Wiederum vergebens.

Er ging zu dem Mädchen zurück.

„Felicitas, ich habe an ihn geschrieben, zweimal, ich habe keine Antwort bekommen. Er lebt nicht mehr, oder er hat Dich vergessen.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Er kommt, Ferdinand!“

Er glaubte, ein still verborgener Wahnsinn habe sich ihrer bemächtigt; aber ihr Auge war klar und ihre Antworten waren vernünftig. Sie liebte und sie glaubte nur beides, unerschütterlich.

War das nicht Wahnsinn? Es war wenigstens eine tiefe, schwere, unheilbare Krankheit.

Eines Tages sah man sie wieder in ihrem Nachen auf das Wasser fahren.

Auch der Sommer war vorüber, und die letzte, rauhe Hälfte des Herbstes nahete.

Ihr Gesicht war so weiß geworden, wie frisch gefallener Schnee im Winter. Ihr Körper war abgemagert, daß man sie ohne Erbarmen nicht ansehen konnte.

Sie war zu der Landungsstelle am jenseitigen Ufer gefahren, wie gewöhnlich. Sie hatte dort lange gewartet, auf der Ruderbank, auf der sie mit ihm gesessen, still, das Auge nach der Stelle gewandt, an der er hinter den Weiden hervorkommen mußte.

Nach einer Stunde hatte sie den Kahn den Strom hinuntergleiten lassen, weit, weit fort, an dem Dorfe vorbei, an dem Kirchhofe vorüber. Wie sie an dem Kirchhofe vorüber fuhr, wandte [657] sie ihr Auge nach dessen Seite, zu den schwarzen, mit vertrockneten Blumen behängten Kreuzen auf den Gräbern ihrer Mutter, ihrer Schwester, der kleinen Anna, ihres Vaters. Man sah sie lange dahin blicken, lange und still; daß sie die Augen trocknen mußte, sah man nicht. Sie ließ den Kahn weiter gleiten, bis dahin, wo am andern Ufer die Bergstraße vom Wasser abbog und sich in das Land hineinzog. Dort legte sie an.

Sie befestigte den Nachen an dem Stamme einer Weide. Dann stieg sie an’s Land, und ging wenige Schritte vorwärts auf die Landstraße. Sie schien etwas an der Erde zu suchen. Sie blieb stehen, und sah still sinnend zur Erde nieder, dicht vor sich.

Hatte sie dort den letzten Abschied von ihm genommen? Hatte sie dort zum letzten Male seine Hand, seine Lippen, das Schlagen seines Herzens gefühlt?

Sie ging weiter, in den Weg hinein. Nach einer Weile stand sie wieder. Dort mußte er zum letzten Male Felicitas gerufen haben.

„Felicitas! Glück, Segen!“ hatte er so oft scherzend zu ihr gesagt.

Sie ging noch weiter in den Weg hinein. Er führte eine Anhöhe hinauf. Dort oben sah man ein unabsehbares Thal jenseits. Sie erstieg die Höhe, und sah in das unabsehbare Thal hinab. Dort ganz hinten am Horizonte mußte der Rhein fließen. Und über ihm und weit, weit über ihn und den Horizont hinaus waren die Ufer der Garonne und das Gestade des atlantischen Meeres. Und dort ging die Sonne unter. Eben verschwanden ihre letzten Strahlen.

Sie kehrte zurück; zurück zum Ufer, wo der Nachen lag. Aber sie kam nicht bis zu dem Nachen.

An der Stelle, wo sie vorhin still sinnend zur Erde niedergeblickt hatte, sah man sie den langsamen Schritt anhalten. An derselben Stelle. Sie senkte wieder das Auge. So stand sie lange unbeweglich, bis man sie leise niedersinken sah. Sie stand nicht wieder auf.

Leute, die unterhalb des Dorfes arbeiten, hatten sie so gesehen. Sie gaben Nachricht zur Fähre hinauf.

[658] Noch ehe man vom Fährhause auf jener Seite des Flusses anlegte, hatte in einem andern Nachen der junge Bauer Ferdinand hinübergesetzt. Er fand sie todt.

Hatte sie auch noch im Tode gesagt: „Er kommt, er kommt doch!“? Hatte sie ausgelitten, oder hatte das arme, aber an Liebe und Glauben und Hoffnung so unendlich reiche Herz bis zum letzten Augenblicke glücklich geschlagen?

Geht die Entzweiung der Völker die Herzen der Menschen an? Und tödtet der Fluch des Wahnsinns die Liebe und die Unschuld? Und warum müssen Liebe, Reinheit und Unschuld zu Grunde gehen?

Wer will Antwort geben auf diese Fragen?

Aber die Geschichte der Engel, wenn sie auch immer eine einfache ist, sie ist nicht immer eine Geschichte des Glücks.