Flußübergang

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Flußübergang
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 387-390
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[387]
Flußübergang.[1]

Wenn ein Fluß in der Nähe des Feindes mit Hülfe einer Kriegsbrücke übergangen werden soll, so kommt es vor allen Dingen darauf an, jenen über den Punkt zu täuschen, wo man übergehen will. Allarmirungen und Demonstrationen an der ganzen oder einem Theile der Flußlinie, wie es auch die Oesterreicher vor ihrem Einmarsche in Piemont und bei ihrem weiteren Vorgehen machten, sowie Anstalten zum Brückenbau an Stellen, wo man nicht überzugehen gedenkt, die so getroffen werden, daß sie der Feind bemerken muß, sind hierzu die besten Mittel.

Wenn der Feldherr im Allgemeinen den Ort bezeichnet, wo er übergehen will, dann haben die Officiere des Generalstabes und die der Pontoniere auf das Genaueste den Fluß und seine Ufer da zu untersuchen, um den Punkt des Ueberganges selbst zu bestimmen. Eine nach der Seite des Flusses hingehende Biegung, von der man auf das andere Ufer übergehen will, wo zugleich das diesseitige Ufer das jenseitige, feindliche überragt, ist hierzu am günstigsten, damit man theils Batterieen daselbst auffahren kann, theils aber auch den übergegangenen Truppen Gelegenheit gibt, ihre beiden Flügel an den Fluß anzulehnen. Die Pontonierofficiere untersuchen die Stromschnelle, Tiefe, Breite und den Grund des Flusses, sowie die Ufer, ob dieselben fest oder sumpfig sind, und bestimmen, wo die Haquets (Pontonwagen) ausgeladen werden sollen. Wir können hier nicht auf die verschiedenen Arten des Schlagens von Kriegsbrücken eingehen, sondern wollen nur davon sprechen, wie dies gegenwärtig durch die Oesterreicher in Italien geschieht.

Eine genaue Recognoscirung muß ergeben, daß der Feind den [388] wahren Uebergangspunkt nicht kennt. Dorthin wird nunmehr der Brückentrain gezogen und möglichst verdeckt aufgestellt, die einzelnen Pontontheile, deren drei ein vollständiges Ganze bilden, jeder Theil aber auch als Kahn benutzt werden kann, vom Wagen genommen und bei einbrechender Dunkelheit von den Pontonieren unmittelbar an das Ufer getragen. Eine Abtheilung Jäger wird in diesen sofort an das gegenüberliegende Ufer geschafft, sie haben dieses auf das Sorgfältigste abzupatrouilliren, zu erforschen, wo der Feind steht, dabei aber zu vermeiden, von diesem gesehen zu werden oder sich gar mit ihm in ein Gefecht einzulassen; einzelne leichte Reiter, welche den Fluß durchschwommen haben, unterstützen sie bei diesem Bestreben, So rasch als möglich muß nun zurückgemeldet werden, wo der Feind steht, – ist er sehr schwach, oder zu entfernt, um etwas vom Brückenbau bemerken zu können, so wird zu diesem geschritten.

Zweierlei Arten von Brücken sind es, deren man sich im Felde wesentlich als Kriegsbrücken bedient, die Bock- und Pontonbrücken. Beide zu vereinigen, gelang dem österreichischen General Pirago in höchst überraschender, glücklicher Weise, und die „Pirago’schen Brückentrains“ sind in der kaiserlich-königlichen Armee allgemein eingeführt. Faß-, Faschinen-, Schanzkorb- und Wagenbrücken können nur als Mittel in der Noth, keineswegs aber als „regelmäßige Kriegsbrücken“ bezeichnet werden, wenn man sich auch derselben mitunter bedient.

In der Finsterniß der Nacht beginnen gewöhnlich die Pontoniere möglichst geräuschlos ihr Werk. Wagen an Wagen, mit Böcken und Handwerkszeug beladen, fahren nach dem Ufer und werden der Reihe nach abgeladen, die Pontons näher an das Wasser, theilweise in dasselbe gebracht, um theils mehr Infanterie überzuschaffen, die am jenseitigen Ufer Posto faßt und den vorangegangenen Jägern als Unterstützung dient, theils um beim Brückenbau so lange zu helfen, bis sie selbst zu demselben verwendet werden. Nun wird der erste Bock zusammengestellt und in das Wasser eingesetzt. Seine Füße werden durch die Tragebalken getrieben und in hölzerne, mit Eisen beschlagene Schuhe eingepaßt, welche das zu tiefe Einsinken in den weichen Boden des Flusses verhindern. Mit dem Lande steht er durch Streckbalken in Verbindung, welche, mit Belegdielen überdeckt, die Abfahrt zur Brücke bilden, sie sind es auch, die ihn festhalten, denn jeder Bock hat nur zwei Beine. Bock nach Bock wird eingesetzt und durch eben solche Balken mit den bereits stehenden verbunden, der so entstehende Brückenpfad aber auch sofort gedielt. Wird die Tiefe des Flusses zu beträchtlich, um ferner die Böcke einsetzen zu können, so müssen die Pontons ihre Stelle ersetzen. In gleicher Höhe und Linie werden sie mit dem bereits stehenden Stücke der Brücke entweder einzeln oder maschinenweise in Verbindung gebracht und gegen Wind und Strom verankert. Das Letztere ist das Bessere, denn es beschleunigt den Bau der Brücke, indem nahe am Ufer, während die Böcke eingesetzt werden, zwei bis vier Pontons mir Streckbalken zu einem Ganzen, „Maschine“ genannt, verbunden und dann mit einem Male nach der Brücke gefahren und an sie angesetzt werden. Bald nimmt die Tiefe des Wassers und mit ihr die Tragfähigkeit desselben wieder ab; man nähert sich dem jenseitigen Ufer und baut nunmehr mit Böcken, wie die oben beschriebenen, weiter. Das geht jetzt rasch, denn schon ist der ganze bis jetzt stehende Theil der Brücke gedielt, und mit Leichtigkeit können die Pontoniere die Böcke auf ihr vortragen und einsetzen.

So gelangt man nach und nach an das andere Ufer. Schon graut der Morgen, und nicht lange mehr kann dem aufmerksamen Feinde der Bau verborgen bleiben, denn mit Anbruch des Tages sendet er seine Patrouillen aus, – bereits fallen einzelne Schüsse, und es gilt, sich zu beeilen, die Brücke zu vollenden. In den meisten Fällen haben die in Kähnen übergesetzten Pioniere bereits eine Auffahrt gegraben, um, ohne Schwierigkeiten von der Brücke auf den Rand des jenseitigen Ufers gelangen zu können, vielleicht auch zum Schutze derselben eine leichte Brustwehr für Infanterie aufgeworfen; mehr wird bei der Kürze der Zeit in den meisten Fällen nicht möglich sein.

Jetzt ist die Brücke fertig. Einzelne Schüsse der von uns ausgeschickten Patrouillen zeigen an, daß sie vom Feinde bemerkt worden sind, daß er sie angreift und sie sich zurückziehen müssen; zu gleicher Zeit hört man aber auch das Rasseln der Geschütze auf den Wegen, welche von unserer Seite nach der Brücke führen. Bei dem Scheine der Morgensonne sieht man die Batterieen rechts und links auf den Höhen hinter der Brücke auffahren, während sich Infanterie und Reiterei in Colonnen neben und hinter derselben aufstellen. – Der Weg selbst muß frei bleiben, damit die Truppen in der bestimmten Reihenfolge ungehindert auf die Brücke gelangen können. Da erscheint der Feldherr mit seinem Stabe und besichtigt die Brücke. Die Infanterie beginnt den Uebergang, ohne Schritt zu halten, denn der Gleichtritt erschüttert das leichte Bauwerk mehr, als selbst das Passiren von schwerem Geschütz. Die Infanterie besetzt die Schulterwehr und die vorliegenden Terrainabschnitte, welche die Pioniere möglichst verstärken, damit dem angreifenden Feinde Widerstand geleistet werden kann, und eine Abtheilung Reiterei hat die Punkte, wo der Feind mit Vortheil Batterieen auffahren könnte, um die Brücke zu beschießen, so lange zu besetzen, bis es möglich ist, selbst dorthin Batterieen zu dirigiren. Das kann aber nicht eher geschehen, als bis man am jenseitigen Ufer stark genug ist, diese auch zu schützen.

Die Pontoniere stehen während des Ueberganges an den Brückenböcken und in den Pontons, um jeden Schaden, der entstehen sollte, rasch wieder auszubessern. Strömung, Wind und das Passiren der Truppen selbst können hierzu leicht die Veranlassung geben.

Hat der Feind die Brücke entdeckt, so wird er alles Mögliche thun, um nicht nur den Uebergang der Truppen zu hindern, sondern auch die Brücke selbst zu zerstören. Es entspinnt sich meist ein harter Kampf, den in der Regel das feindliche Artilleriefeuer beginnt. Die diesseitigen, auf den Höhen hinter der Brücke stehenden Batterieen haben dasselbe in schärfster Weise zu erwidern, theils um die feindlichen Geschütze zu demontiren, theils aber auch, um den Feind vom Zugange zur Brücke möglichst fern zu halten. Hier nun bewährt es sich, welchen Vortheil uns der nach unserer Seite einspringende Winkel des Flusses mit seinem dominirenden Ufer gewährt. Dringt der Gegner nach der Brücke vor, so kommt er in das Kreuzfeuer jener Batterieen, und je weiter er vorgeht, desto weniger Kräfte kann er entwickeln, da sich das nach der Brücke zulaufende Terrain verengt und der Fluß eine Ausbreitung nicht gestattet. Indessen würde das Alles den angreifenden Feind nicht abhalten, und deshalb muß der Uebergang möglichst rasch erfolgen. Wir sagen möglichst rasch, und doch geschieht es den gespannten Erwartungen immer viel zu langsam, denn nur im Schritt kann eine derartige Brücke passirt werden. Die Reiter, sowie die Fahrer der Artillerie müssen absitzen, auch darf ein Geschütz nicht dicht hinter dem andern fahren, sondern in größern Distanzen, um die Schwankung und die Belastung der Brücke zu vermeiden. Die bereits am anderen Ufer angelangten Truppen sind beordert, dem mit Uebermacht andrängenden Feinde sofort einen energischen Widerstand zu leisten und wo möglich die Punkte streitig zu machen, wo Batterieen zur Beschießung der Brücke errichtet werden könnten. Denn in diesem gefährlichen Falle würde das Uebergehen der Truppen nicht blos gehemmt werden, indem Verwirrung und Stockungen herbeigeführt würden, sondern die Brücke würde durch das feindliche Feuer auch beschädigt, bald ein Bock, bald ein Ponton getroffen werden, und das dadurch nothwendig werdende Einsetzen neuer Stücke eine Pause im Uebergange der Truppen selbst verursachen.

Alle Truppen, welche die Brücke überschritten haben, haben sich sofort und mit möglichster Eile in Gefechtstellung zu setzen, und langsam, aber unaufhaltsam vorzudringen, um den nachrückenden Regimentern Platz zu verschaffen. Während dieses Gefechtes erheischt aber die Erhaltung der Brücke noch andere Vorsichtsmaßregeln, denn ein intelligenter Feind wird sie auf jede Weise zu zerstören suchen, wenn er keine Aussicht mehr hat, sie zu nehmen. Gelingt ihm dies nicht durch Geschützfeuer, so wird er seine Absicht durch Bäume, Flöße, Brander oder Höllenmaschinen zu erreichen suchen, welche er stromabwärts gegen die Brücke treiben läßt. Deshalb sind Beobachtungsposten aufzustellen, um dies zeitig genug zu entdecken, Pontoniere in Kähnen müssen oberhalb der Brücke dergleichen Gegenstände aufzuhalten und unschädlich zu machen suchen, denn nur so ist die schwankende Straße, welche zwei Ufer verbindet und von deren Erhaltung oft die ganzer Armeecorps abhängt, im brauchbaren Stande zu erhalten.

Erlaubt es das vorhandene Material und sein Verhältniß zur Breite des zu überschreitenden Flusses, so errichtet man in der Regel eine zweite Brücke, um einestheils rascher übergehen zu können, anderntheils mit dem Unbrauchbarwerden einer Brücke nicht seine ganze Verbindung unterbrochen zu sehen.

Sowohl bei dem Vormarsche nach Piemont, als auch bei dem

[389]
Die Gartenlaube (1859) b 389.jpg

Flußübergang, ausgeführt von österreichischen Truppen.
Pontontrains mit Infanteriebedeckung. Pionier-Officiere. General-Adjutant. Feldzeugmeister. Feldmarschall. Cürassier-Officier. Husaren-Officier.

[390] gegenwärtigen Rückzüge kamen die Oesterreicher oft in die Lage, Flüsse auf Pirago’schen Kriegsbrücken zu überschreiten, wie wir sie eben schilderten, und immer bewährten sich diese als höchst praktisch. In diesem Heere hat man dem für Kriegsoperationen so wichtigen Brückenbau die größte Aufmerksamkeit zugewendet, ebenso was die Zahl, als was die Construction der Brücken betrifft, denn es hat 36 bespannte Brückentrains nach jenem so vorzüglichen Systeme zur Verfügung.

Aus dem Gesagten mag hervorgehen, wie schwierig es ist, erstens dem Feinde den wahren Uebergangspunkt zu verbergen und alle Vorbereitungen so zu treffen, daß man die Brücke möglichst rasch schlagen kann; zweitens den Uebergang zu erzwingen wenn der Feind nur irgend wachsam und auf seiner Hut ist und Widerstand leistet; drittens aber auch die große Unwahrscheinlichkeit des Gelingens, wenn der Feind während des Baues selbst die Brücke angreifen und beschießen kann.

Wir erwähnten, daß gleichzeitig mit dem Brückenbau auch eine Verschanzung am gegenüberliegenden Ufer zum Schutze der Brücke angelegt werden müsse; gewinnt diese eine größere Ausdehnung, so nennt man sie Brückenkopf. Von seiner tapferen Vertheidigung hängt bei einem Flußübergange unendlich viel ab, und die Schlacht von Magenta hätte wohl einen andern, als den so betrübenden Ausgang genommen, hätten die Oesterreicher nicht den Tag vorher den Brückenkopf daselbst als „unhaltbar“ aufgegeben.

Vortrefflich verstanden es die Oesterreicher, den Feind über ihren wahren Uebergangspunkt zu täuschen; das zeigt ihr Uebergang über den Po, den Tessin und die Sesia und die fortwährenden Allarmirungen, um den Feind unsicher zu machen. Ihre Kriegsbrücken sind, wie wir sagten, gut, dauerhaft und leicht zu handhaben; das zeigt die Raschheit, mit welcher sie dieselben schlugen. Nebenbei sind sie auch sehr sicher; das beweist, daß bei deren Benutzung auch nicht ein Unfall von einiger Bedeutung vorkam.

Oesterreich hat aber auch in seinen Truppen ganz vorzügliche Elemente, um derartige Unternehmen auszuführen: einmal sind es die Jäger und Husaren, die in beinahe unübertroffener Weise den leichten Dienst versehen und jenen Vorhang bilden, hinter welchen der Feind nicht blicken kann, um zu sehen, was vorgeht, anderntheils sind die Pontoniere aus den Küstenländern und von den Ufern der Donau kräftige, starke, sehr gut in ihrem Dienste geübte Soldaten, welche mit dem Wasser vertraut sind, denn sonst wäre es kaum möglich gewesen, obengenannte Flüsse, welche durch den schmelzenden Schnee der Alpen und die fortwährenden Regengüsse angeschwollen waren, mit solcher Sicherheit zu überbrücken und die Brücken zu erhalten. Denn abgesehen von der vermehrten Strömung, kommt der Fall nur zu leicht vor, daß Schiffbrücken durch ein rasches Sinken oder bedeutendes Steigen des Wassers sehr gefährdet, ja gesprengt werden.





  1. Wir glauben, durch Mittheilung des obigen Artikels, der von einem unserer bekanntesten militairischen Schriftsteller herrührt, den Dank unserer Leser zu verdienen. Bei der demnächst auf dem Kriegsschauplatze in den Vordergrund tretenden Mincio-Linie werden Flußübergänge in Menge versucht, ausgeführt und abgeschlagen werden, und es dürfte deshalb von Interesse sein, die Manipulationen eines solchen militairischen Actes kennen zu lernen.      D. Redact.