Französische Kammermusik

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Autor: Paul Bekker
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Titel: Französische Kammermusik
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 42 (22.01.1934), S. 4
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Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Französische Kammermusik


Das Bild der Konzertstadt Paris gleicht dem anderer Städte von internationaler Bedeutung. Musikalische Veranstaltungen unterschiedlicher Art werden angepriesen, zum erheblichen Teil unter Einsetzung weltbekannter Namen, wie der Betrieb es so mit sich bringt. Bei den Berühmtheiten handelt es sich um das „make money“, bei den anderen um die empfehlende Kritik. In früherer Zeit war Berlin das europäische Zentrum dieser Unternehmungen. Sie haben schon in den letzten Jahren aus wirtschaftlichen Gründen nachgelassen, heut sind sie in Deutschland erledigt, in der übrigen Welt erheblich eingeschränkt. Aber sie geben in Paris noch immer ein lebhaftes Bild. Der Tagesanzeiger verzeichnet im Durchschnitt 4 bis 6 musikalische Veranstaltungen ausserhalb der Musikbühnen. Unter ihnen fehlt nicht, was auf internationale Beachtung Anspruch erheben darf.

Naturgemäss aber fehlt diesen Unternehmungen selbst der innere Zusammenhang. Der Reiz der Mannigfaltigkeit tritt an die Stelle der geistigen Einheit. Für sie sorgen in Paris eine Reihe anderer Veranstaltungen: Orchester-, Kammer- und Kirchenkonzerte, zyklisch angelegt und von ausgesprochen populärem Zuschnitt. Versuchen wir, sie allmählich abzuschreiten, um französisches Wesen von dieser Seite her kennen zu lernen. Es ist nicht so einfach zu überblicken, wie man denkt. Im allgemeinen gilt der musikalische Franzose zunächst als Opernbesucher. Das ist richtig, namentlich soweit das gesellschaftliche Moment mit in Betracht kommt. Daneben aber gibt es eine ganz andere Schicht von Musikfreunden. Sie haben nicht das Bedürfnis zu sehen und gesehen zu werden. Sie suchen Anregung. Das geistig emotionelle Element der Musik steht ihnen näher als das sensitive. Dieses Publikum ist weniger primitiv, als das der deutschen Volkskonzerte. Es sind zum erheblichen Teil Leute, die in der Musikliteratur als Kenner Bescheid wissen: gutes, intellektuell solides Bürgertum, das die geräuschvollen Veranstaltungen und Toilettenrevuen meidet und sich an einer musikalischen Feierstunde unterhalten will.

Ich greife auf gut Glück irgendeine dieser Veranstaltungen auf: ein Kammermusik-Konzert. Es findet nachmittags statt, in einem kleinen Saal der Rue Pigalle, er mag etwa 200 Menschen fassen. Jedes Plätzchen ist besetzt, es ist ein Abonnementszyklus von 22 Konzerten, er soll die Geschichte der Kammermusik und des Liedes darstellen. Aufgeführt werden Werke von Fauré, von Debussy, Chausson, auch ein paar gutgemeinte Novitäten. Das Publikum ist stets aufmerksam und dankbar, man spürt die Aufnahmebereitschaft jenseits zünftiger Fachkritik. In der Pause können die Besucher im Vorraum den Tee nehmen und sich mit den Künstlern unterhalten. Man kennt sich, aber es ist doch keine störende Familienhaftigkeit, mehr ein freundschaftlicher Kontakt. Die Künstler – ein Streichquartett, dazu eine Pianistin, die das Ganze organisiert – sind meist jüngere Leute. Sie spielen mit ernsthaftem Eifer, wenn auch ein wenig zaghaft – aber sie spielen nicht, um sich, sondern um ein Werk zu zeigen. Also ist man es zufrieden und freut sich des Gelungenen.

Hier ist der Untergrund dessen, was man französische Kammermusik nennt. Es braucht nicht gerade dieses Milieu zu sein, es kann geistigeres Profil, es kann in jeder Beziehung stärkere Potenz haben. Aber es zeigt die Bodenbeschaffenheit, aus der diese Gattung wächst. Früher nannte man das Salon, nur hat das Wort für uns einen fatalen, irreführenden Beiklang. Bezeichnen soll es die mittlere Sphäre zwischen häuslichen und öffentlichen Konzerten. In Deutschland haben wir nur das eine oder das andere, und beide haben gewiss reiche Ernte gebracht. Die französische Kammermusik ist ein Mittelding. Wird man nach führenden Meistern der Gattung gefragt, so gerät man in Verlegenheit. Viele haben wohl einige Werke dafür geschrieben, aber keiner ist so ganz aus ihrem Wesen herausgewachsen, wie bei uns etwa Schumann und Brahms, die eigentlich immer Kammermusik schrieben, auch wenn sie für Orchester gesetzt ist und Symphonie heisst.

Das macht: wir haben den Unterschied zwischen monumental und intim in der Musik, den der Franzose nicht kennt. Französische Symphonik – ausser Berlioz und César Franck wird sie nur beiläufig kultiviert – ist nicht monumental, französische Kammermusik nicht intim. Der Begriff des Formates spielt keine Rolle, auch nicht als Konzeptionsidee. Für den Franzosen ergibt sich die Entscheidung bei der Formenwahl aus dem Bedürfnis der stärkeren Farbigkeit oder dynamisch eindringlicheren Akzentuierung. Dazu kommt der spielerische Reiz, der in der Kammermusik die solistische Qualität des Virtuosen oder auch den aparten Klang eines Instrumentes zu besonderer Geltung bringen will. So erklärt sich die Vorliebe für die Einbeziehung von Bläsern in die französische Kammermusik, die häufige Verwendung des Klavieres, die Seltenheit des reinen Streichquartetts. Es überwiegt der Wille zum Konzertieren, die Freude an der Eleganz und feinen Sinnlichkeit des Musizierens, Kultur des Klanges bleibt stets oberstes Gesetz. Die deutsche Gründlichkeit der thematischen Durchführung und abstrakten Gedankenverfädelung findet wenig Anklang.

Das ist auch die Signatur der neuesten französischen Kammermusik. Wie fern liegt heut bereits die Zeit, da noch Gabriel Fauré sein rauschendes Klavierquartett schrieb. Es war die rein europäische Periode der französischen Musik. Tristan-Enharmonik wurde in französischen Kammerstil übertragen, eine Scheinthematik zu brillanter Spielwirkung gebracht, häufige Unisono-Führung der Instrumente ersetzt die Stimmhaftigkeit. Auch Debussy hat ein Streichquartett geschrieben, in den drei Vordersätzen ein merkwürdig nachdenkliches, phantasiestarkes und packendes Werk, das im Finale plötzlich abbricht – als sei auf diesem Wege kein Ausgang zu finden. Die Zeit danach hat das beachtet. Heut ist in der französischen Kammermusik der Wille zur kleinen Gemeinschaft im ursprünglichen Sinne des „Kammer“-Begriffes wieder überall lebendig. Die satztechnischen und spekulativen Elemente der deutschen Musikergruppe bleiben fern, erstrebt wird aphoristische Zusammendrängung der Form wie des Klangapparates.

Es ist ein sehr eigenes, in sich abgeschlossenes Gebiet französischen Geistes. Man sieht seine Verschiedenheit vom deutschen Musikwesen, man spürt auch gelegentlich die Wechselwirkungen – aber sofort gehen die Linien wieder auseinander. Haltung und Ziel zeigen die Eigenheiten beider, im Sinne gegensätzlicher Individualitäten, und erst der von ihnen erfasste Gesamtraum kennzeichnet die Grenzen und das Wesen der europäischen Kammermusik.