Französischer Witz (Die Gartenlaube 1855/33)

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Autor: Unbekannt
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Titel: Französischer Witz (Die Gartenlaube 1855/33)
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 442
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[442] Französischer Witz. Der große Diplomatenmeister Talleyrand hatte einen der amüsantesten Salons in Paris, in welchem sich die größten Staatskunst-Genies und ersten Lichter des Witzes zu treffen pflegten. Die Diplomatie war damals noch nicht so nüchtern und mysteriös nichtssagend und nichtskönnend, wie heut zu Tage. Damals hatte sie wirklich viel zu thun und bedurfte keiner leeren Wichtigthuerei und Geheimnißkrämerei, wie jetzt. Seit Erfindung der Eisenbahnen und Telegraphen giebt es kaum noch etwas Wichtiges, was sich Diplomaten durch diese beschwingten Boten zuflüstern könnten, hauptsächlich deshalb, weil sie nichts Wichtiges finden und leisten können. Der Salon Talleyrand’s enthielt in seinen spätern Jahren allen Geist und Witz, den Paris auftreiben konnte, gleichviel, ob die Inhaber des Witzes sonst Freunde oder Feinde waren. Seiner geistreichen Nichte, der Herzogin von Dino, die andern Gäste überlassend, zog er sich gern mit Collegen, fremden Gesandten und Staatskünstlern in ein besonderes Zimmer zurück, wo sie mit Witzen und Karten spielten, und in Karten ihr Intriguentalent übten, womit sie später auf dem Congresse zu Wien eine neue Landkarte Europa’s und die Gesetze des „ewigen Friedens“ und europäischen Gleichgewichts machten. Ihre kleinste Münze beim Spiel waren Napoleonsd’ors, so viel wie unsere Friedrichsd’ors und Louisd’ors unter Brüdern werth. Nach Beendigung eines solchen Spiels kroch eines Tages der englische Gesandte unterm Tisch und tappte auf der Decke im Dunkeln umher.

„Was suchen Ew. Excellenz?“ fragt Tayllerand.

„Einen Napoleon, der heruntergefallen,“ antwortete Se. Excellenz dumpf unterm Tische hervor.

„O, erlauben Sie,“ sagte Talleyrand mit einem sarkastischen Zwickern seiner grauen Augen, „Excellenz können ja nicht sehen.“ Und so zieht er recht augenfällig eine Tausendfranknote hervor, brennt sie an und leuchtet damit dem englischen Gesandten unter die Nase.

„Excellenz, Excellenz,“ schreit der Engländer erstaunt über diese Verwüstung und dieses Epigramm, „was machen Sie?“

„Ich leuchte Ihnen zu Ihren Forschungen.“

Jetzt geht dem Engländer ein Licht auf, er versteht und erhebt sich. Nächsten Morgen schickt ihm Talleyrand einen Hausknecht, der das Geldstück beim Auskehren gefunden, mit einem Complimente, daß sich Se. Excellenz sehr freuten, ihm seinen Verlust wieder gut machen zu können. Das verlorene Schaf habe sich gefunden. Der englische Gesandte war ob dieses Epigramms lange Zeit der Gegenstand des Gelächters.