Freiburg im Breisgau (Gartenlaube)

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Textdaten
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Autor: nn
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Titel: Freiburg im Breisgau
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aus der Umgebung von Freiburg. Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.
Der Blick von der Loretto-Capelle bei Freiburg im Breisgau. Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.

[712] Freiburg im Breisgau. (Mit Abbildungen S. 708 u. 709). Ich war die ganze Nacht über die Bergstraße entlang von Frankfurt a. M. nach Freiburg im Breisgau gefahren; herbstliche Nebel lagen dichtgeballt auf den öden Feldern und machten die dunkle Nacht noch dunkler, noch undurchdringlicher. „Da drüben liegt Straßburg; am Tage, wenn das Wetter klar und hell ist, können Sie leicht den Münster sehen,“ sagte mein Reisegefährte, der mir gegenüber saß und nun in die Finsterniß hinaus deutete. Ich folgte mit dem Blicke seinem Winke, sah aber vor meinen Augen nichts als pechschwarze Nacht. Wir wickelten uns auf’s Neue in Mäntel und Plaids und schliefen weiter. Als wir in Freiburg ankamen, graute kaum der Morgen und ich fand es sehr erquicklich, im nahen „Zähringer Hof“ noch in aller Bequemlichkeit ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen. Bald stand ich frisch und munter wieder vor dem Thore des Gasthofes. Da drüben lagen in blauen Duft gehüllt die Vogesen, und dazwischen dehnte sich das Rheinthal, wogte der Rhein, jetzt und für immer Deutschlands Strom und nicht seine Grenze.

Als ich, in die Stadt zu wandern, um die Ecke des Hotels bog, stand ich überrascht still. Ich hatte den ersten Blick auf den Schwarzwald, und wie schön und prächtig lag er da, in tiefer, ganz eigenthümlich blauschwarzer Färbung, wie ich sie noch nie an einem deutschen Walde gesehen hatte und wie sie denn auch sein Name auf’s Beste und Treffendste bezeichnet. Mir wurde bei solchem Anblicke ernst und feierlich zu Muthe, und da tönte denn ganz im rechten Augenblicke von dem herrlichen Münsterthurme, der so kühn wie zierlich in die sonnige Luft ragte, das volle Geläute der Glocken – denn es war Sonntag und durch die Straßen wogte die festtäglich gekleidete Menge.

Wer von der Hauptstraße aus die Gassen und Gäßchen der Stadt durchforscht, findet bald, daß das Krumme und Winkelige auch hier allermeist das charakteristische Element ist, ich meinerseits gestehe gern, daß mir solche krumme und winkelige Straßen mit ihren vorspringenden Erkern, mit ihren alten, kunstvollen eisenbeschlagenen Thoren und mit ihrem geschnitzten altersbraunen Holzwerke lieber und interessanter sind, als gar manche breite Prachtstraße mit hochgethürmten, lang hingestreckten Palästen. Und dazu ergießt sich hier noch durch fast alle Straßen in hundert sorgfältig ausgemauerten Kanälen das klare rasch fließende Wasser der Dreisam, die Luft immer reinigend und erfrischend und am Ende, denke ich mir, nur dem nächtlichen Wanderer im Herbste gefährlich, wenn der Markgräfler Most seine losen Geister entfesselt hat, und nicht allein in den Fässern rumort, sondern auch in den Köpfen.

Nachmittags lag ich im Schatten der alten, prächtigen Linden bei der Loretto-Capelle auf dem Schlierberge. Man hat von der Stadt dorthin kaum eine halbe Stunde zu gehen. Aber die Aussicht von da ist entzückend schön. Schlicht und einfach liegt die Capelle zwischen den Bäumen, und durch die Stämme blickt man hinunter auf die blühende Landschaft und auf die Stadt, aus deren Häuserwirrwarr der Dom wie ein Riese zum Himmel ragt. Seine hoheitsvolle Pracht zu schildern, ist hier nicht meine Absicht. Aber wahrhaftig, man kommt, indem man die malerisch daliegende, aber doch verhältnißmäßig kleine Stadt übersieht, leicht genug zu der Frage: Wer hat diesen Riesen gesetzt zu jenen Zwergen?

Doch wie gesagt, die Aussicht ist überraschend schön und schien es mir gar wohl zu verdienen, daß ich sie für die Leser der Gartenlaube in meinem Malerbuche skizzirte. Die Loretto-Capelle selbst, von welcher aus ich das Bild entwarf, ist zum Gedächtniß eines blutigen Tages und seiner Opfer erbaut. Der österreichische General Merci vertheidigte die Verschanzungen hier gegen den anstürmenden General Turenne. Dieser trieb damals mit dem berühmt gewordenen „Encore mille!“ – noch Tausend! – immer neue Massen gegen ihn in den Kampf. Genau hundert Jahre später – 1744 – stand hier, Freiburg belagernd, Ludwig der Fünfzehnte von Frankreich, als eine Kanonenkugel, vom Schloßberge hierher gesandt, neben ihm einschlug, ohne ihn zu verletzen. Diese Kugel ist über der Capellenthür eingemauert.

Das Verlangen Frankreichs nach der rebenumblühten, fleißigen und gewerbthätigen Stadt ist wohl für immer gestillt, und der schwarzen Feinde im Innern wird die durchaus freisinnige und aufgeklärte Mehrheit der Bevölkerung wohl auch noch Herr werden. Die Gegensätze stehen schroff zu einander. Im Kaufhause, dem Münster gegenüber, haben erst jüngst die heimath- und vaterlandslosen Ultramontanen getagt und Gift und Haß gegen des deutschen Reiches Wiedererstehung gespieen, und auf dem Rottecksplatze steht das Denkmal des großen Freiheitskämpfers, der unerschrocken und muthvoll in erster Reihe für Deutschlands Größe und Wiedergeburt gegen Hof und Adel stritt und focht.

Damals ward Freiburg ein „Centralpunkt des revolutionären Geistes“ gescholten – möge es im Sinne Rotteck’s immer die Ehrenburg der deutschen Freiheit sein!