Germelshausen

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Textdaten
Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Germelshausen
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aus: Heimliche und unheimliche Geschichten. Gesammelte Erzählungen. Zweiter Band. S. 1–53
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Auflage:
Entstehungsdatum: wohl 1859
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Arnoldische Buchhandlung
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Erzählung über das fiktionale Dorf Germelshausen
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Germelshausen.

Im Herbst des Jahres 184– wanderte ein junger, lebensfrischer Bursch, den Tornister auf dem Rücken, den Stab in der Hand, langsam und behaglich den breiten Fahrweg entlang, der von Marisfeld hinauf nach Wichtelhausen führte.

Es war kein Handwerksbursch, der Arbeit suchend von Ort zu Ort ging, das sah man ihm auf den ersten Blick an, hätte ihn nicht schon die kleine, sauber gefertigte Ledermappe verrathen, die er auf den Tornister geschnallt trug. Den Künstler konnte er überhaupt nicht verleugnen. Der keck auf einer Seite sitzende schwarze breiträndige Hut, das lange blonde gelockte Haar, der weiche, noch ganz junge aber volle Bart – Alles sprach dafür, selbst der etwas abgetragene schwarze Sammetrock, der ihm jedoch bei dem warmen Morgen ein wenig zu heiß werden mochte. Er hatte ihn aufgeknöpft, und das weiße Hemd darunter – denn er trug keine Weste – wurde um den Hals von einem schwarzseidenen Tuche nur locker zusammengehalten.

Als er ein Viertelstündchen von Marisfeld sein mochte, läutete es dort zur Kirche, und er blieb stehen, stützte sich auf seinen Stecken und lauschte aufmerksam den vollen Glockentönen, die gar wundersam zu ihm herüberschallten.

Das Läuten war lange vorüber, und noch immer stand er dort und blickte träumerisch hinaus auf die Bergeshänge. Sein Geist war daheim bei den Seinen, in dem kleinen freundlichen Dorfe am Taunusgebirge – bei seiner Mutter, bei seinen Schwestern, und es schien fast, als ob sich eine Thräne in sein Auge drängen wolle. Sein leichtes fröhliches Herz aber ließ die trüben und schwermüthigen Gedanken nicht aufkommen. Nur den Hut nahm er ab und grüßte mit einem herzlichen Lächeln der Richtung zu, in der er die Heimath wußte, und dann fester seinen derben Stecken fassend, schritt er munter die Straße entlang, der begonnenen Bahn folgend.

Die Sonne brannte indessen ziemlich warm auf den breiten eintönigen Fahrweg nieder, auf dem der Staub in dicker Kruste lag, und unser Wanderer hatte sich schon eine Zeit lang nach rechts und links umgeschaut, ob er nicht irgend einen bequemeren Fußpfad entdecken könne. Rechts zweigte allerdings einmal ein Weg ab, der ihm aber keine Besserung versprach und auch zu weit aus seiner Richtung führte; er behielt also den alten noch eine Zeit lang bei, bis er endlich an ein klares Bergwasser kam, an dem er die Trümmer einer alten steinernen Brücke erkennen konnte. Drüben hin lief ein Rasenweg, der in den Grund hineinführte, und doch mit keinem bestimmten Ziel vor sich, da er ja nur dem schönen Werrathale zu zog, seine Studienmappe zu bereichern, sprang er auf einzelnen großen Steinen trockenen Fußes über den Bach zur kurz gemähten Wiese drüben und schritt hier, auf dem elastischen Rasen und im Schatten dichter Erlenbüsche, rasch und sehr zufrieden mit seinem Tausche vorwärts.

„Jetzt hab’ ich den Vortheil,“ lachte er dabei vor sich hin, „daß ich gar nicht weiß wohin ich komme. Hier steht kein langweiliger Wegweiser, der Einem immer schon Stunden vorher sagt, wie der nächste Ort heißt, und dann jedesmal mit der Entfernung Unrecht hat. Wie die Leute hier nur ihre Stunden messen, möcht ich wissen! Merkwürdig still ist’s aber hier im Grunde, – freilich am Sonntage haben die Bauern draußen Nichts zu thun, und wenn sie die ganze Woche hinter ihrem Pfluge oder neben dem Wagen herlaufen müssen, halten sie am Sonntag nicht viel vom Spazierengehen, schlafen Morgens erst in der Kirche tüchtig aus und strecken die Beine dann nach dem Mittagessen unter den Wirthstisch. – Wirthstisch – hm – ein Glas Bier wäre jetzt bei der Hitze gar nicht so übel – aber bis ich das bekommen kann, löscht auch die klare Fluth hier den Durst.“ – Und damit warf er Tornister und Hut ab, stieg zum Wasser nieder und trank nach Herzenslust.

Dadurch etwas abgekühlt, fiel sein Blick auf einen alten wunderlich verwachsenen Weidenbaum, den er rasch und mit geübter Hand skizzirte, und jetzt vollständig erfrischt und ausgeruht, nahm er seinen leichten Tornister wieder auf und setzte seinen Weg, unbekümmert wohin er ihn führe, fort.

Eine Stunde mochte er noch so gewandert sein, hier ein Felsstück, dort ein eigenthümliches Erlengebüsch, da wieder einen knorrigen Eichenast in seine Mappe sammelnd; die Sonne war dabei höher und höher gestiegen, und er nahm sich eben vor, nun rüstig auszuschreiten, um wenigstens im nächsten Dorfe das Mittagessen nicht zu versäumen, als er vor sich im Grunde, dicht am Bache und an einem alten Steine, auf dem früher vielleicht einmal ein Heiligenbild gestanden, eine Bäuerin sitzen sah, die den Weg, den er kam, herabschaute.

Von Erlen gedeckt hatte er sie früher sehen können wie sie ihn; dem Ufer des Baches aber folgend, trat er kaum über das Gebüsch hinaus, das ihn bis dahin ihren Blicken entzogen hatte, als sie aufsprang und mit einem Freudenschrei ihm entgegeneilte.

Arnold, wie der junge Maler hieß, blieb überrascht stehen und sah bald, daß es ein bildhübsches, kaum siebzehnjähriges Mädchen war, das in eine ganz eigenthümliche aber äußerst nette Bauerntracht gekleidet, die Arme gegen ihn ausgestreckt, auf ihn zuflog. Arnold wußte freilich, daß sie ihn jedenfalls für einen Andern hielt und dieses freudige Begegnen nicht ihm galt – das Mädchen erkannte ihn auch kaum, als sie erschrocken stehen blieb, erst blaß und dann über und über roth wurde, und endlich schüchtern und verlegen sagte:

„Nehmt’s nicht ungütig, fremder Herr – ich – ich glaubte“ –

„Daß es Dein Schatz wäre, mein liebes Kind, nicht wahr?“ lachte der junge Bursch, „und jetzt bist Du verdrießlich, daß Dir ein anderes, fremdes und gleichgültiges Menschenbild in den Weg läuft? Sei nicht böse, daß ich’s nicht bin.“

„Ach, wie könnt Ihr nur so reden,“ flüsterte die Maid ängstlich – „wie dürft’ ich böse sein – aber wenn Ihr wüßtet, wie sehr ich mich darauf gefreut hatte!“

„Dann verdient er’s aber auch nicht, daß Du noch länger auf ihn wartest,“ sagte Arnold, dem jetzt erst die wahrhaft wunderbare Anmuth des schlichten Bauernkindes auffiel. „Wär’ ich an seiner Stelle, Du hättest nicht eine einzige Minute vergebens meiner harren sollen.“

„Wie Ihr nur so wunderbar redet,“ sagte das Mädchen verschämt, „wenn er hätt’ kommen können, wär’ er gewiß schon da. Vielleicht ist er wohl krank oder – oder gar – todt,“ setzte sie langsam und recht aus vollem Herzen aufseufzend hinzu.

„Und hat er so lange nichts von sich hören lassen?“

„Gar sehr, sehr lange nicht.“

„Dann ist er wohl weit von hier daheim?“

„Weit? gewiß – schon eine recht lange Strecke von da,“ sagte das Mädchen, „in Bischofsroda.“

„Bischofsroda?“ rief Arnold, „da hab’ ich jetzt vier Wochen gehaust und kenne jedes Kind im ganzen Dorfe. Wie heißt er?“

„Heinrich – Heinrich Vollgut,“ sagte das Mädchen verschämt – „des Schulzen Sohn in Bischofsroda.“

„Hm,“ meinte Arnold, „bei dem Schulzen bin ich ein- und ausgegangen, der aber heißt, so viel ich weiß, Bäuerling, und den Namen Vollgut hab’ ich im ganzen Dorfe nicht gehört.“

„Ihr werdet wohl nicht alle Leut’ dort kennen,“ meinte das Mädchen, und durch den traurigen Zug, der über dem lieben Antlitze lag, stahl sich doch ein leises verschmitztes Lächeln, das ihr gar so gut, und noch viel besser wie die vorige Schwermuth stand.

„Aber von Bischofsroda,“ meinte der junge Maler, „kann man über die Berge recht gut in zwei Stunden, höchstens in dreien, herüberkommen.“

„Und doch ist er nicht da,“ sagte die Maid, wieder mit einem schweren Seufzer, „und doch hat er mir’s so fest versprochen.“

„Dann kommt er auch gewiß,“ versicherte Arnold treuherzig, „denn wenn man Dir einmal etwas versprochen hat, müßte man ja ein Herz von Stein haben, wenn man nicht Wort hielte – und das hat Dein Heinrich gewiß nicht.“

„Nein“ sagte die Maid treuherzig – „aber jetzt wart’ ich doch nicht länger auf ihn, denn zu Mittag muß ich daheim sein, sonst schilt der Vater.“

„Und wo bist Du daheim?“

„Dort gleich im Grunde drin – hört Ihr die Glocke? – eben wird der Gottesdienst ausgeläutet.“

Arnold horchte auf, und gar nicht weit entfernt konnte er das langsame Anschlagen einer Glocke hören; aber nicht voll und tief tönte es zu ihm herüber, sondern scharf und disharmonisch, und als er nach der Gegend dort hinschaute, war es fast, als ob ein dichter Höherauch über jenem Theile des Thales läge.

„Eure Glocke hat einen Sprung,“ lachte er, „die klingt bös.“

„Ja ich weiß wohl,“ erwiderte gleichmüthig das Mädchen, „hübsch klingt sie nicht, und wir hätten sie lange schon umgießen lassen, aber es fehlt immer an Geld und an Zeit dazu, denn hier herum sind keine Glockengießer. Doch was thuts; wir kennen sie einmal, und wissen was es bedeutet wenn es anschlägt, – da verrichtet’s auch die gesprungene.“

„Und wie heißt Dein Dorf?“

„Germelshausen.“

„Und kann ich von dort nach Wichtelhausen kommen?“

„Recht leicht – den Fußweg hinüber ist’s kaum ein halbes Stündchen – vielleicht nicht einmal so weit, wenn Ihr gut ausschreitet.“

„Dann geh’ ich mit durch Dein Dorf, Schatz, und wenn Ihr ein gut Wirthshaus im Orte habt, eß’ ich dort zu Mittag.“

„Das Wirthshaus ist nur zu gut,“ sagte das Mädchen seufzend, indem sie einen Blick zurück warf, ob der Erwartete denn noch nicht käme.

„Und kann ein Wirthshaus je zu gut sein?“

„Für den Bauer ja,“ sagte das Mädchen ernst, indem es jetzt an seiner Seite langsam im Grunde hinschritt, „der hat auch des Abends nach der Arbeit noch manches im Hause zu thun, was er versäumt, wenn er bis spät in die Nacht im Wirthshause sitzt.“

„Aber ich versäume heut’ nichts mehr.“

„Ja mit den Stadtherren ist es etwas anderes – die arbeiten doch nichts und versäumen deshalb auch nicht viel; muß doch der Bauer das Brod für sie verdienen.“

„Nun eigentlich doch nicht,“ lachte Arnold – „bauen wohl, aber verdienen müssen wir es selber, und manchmal sauer genug, denn was der Bauer thut, läßt er sich auch gut bezahlen.“

„Aber Ihr arbeitet doch nichts?“

„Und warum nicht?“

„Eure Hände sehen nicht danach aus.“

„Dann will ich Dir gleich einmal beweisen, wie und was ich arbeiten kann,“ lachte Arnold. „Setz’ Dich einmal da auf den flachen Stein unter den alten Fliederbusch“ –

„Aber was soll ich dort?“

„Setz’ Dich nur hin,“ rief der junge Maler, der rasch seinen Tornister abwarf und Mappe und Bleistift vornahm.

„Aber ich muß heim!“

„In fünf Minuten bin ich fertig – ich möchte auch gern eine Erinnerung an Dich mitnehmen in die Welt, gegen die selbst Dein Heinrich nichts wird einzuwenden haben.“

„Eine Erinnerung an mich? – wie Ihr gespaßig seid.“

„Ich will Dein Bild mitnehmen.“

„Ihr seid ein Maler?“

„Ja.“

„Das wär’ schon gut – dann könntet Ihr in Germelshausen gleich die Bilder in der Kirche wieder einmal frisch anmalen, die sehen so gar bös und mitgenommen aus.“

„Wie heißt Du?“ frug jetzt Arnold, der indessen schon seine Mappe geöffnet hatte und die lieblichen Züge des Mädchens rasch skizzirte.

„Gertrud.“

„Und was ist Dein Vater?“

„Der Schulze im Dorfe. – Wenn Ihr ein Maler seid, dürft Ihr auch nicht in’s Wirthshaus geh’n; da nehm’ ich Euch gleich mit zu Haus, und nach dem Essen könnt Ihr Alles mit dem Vater besprechen.“

„Ueber die Kirchenbilder?“ lachte Arnold.

„Ja gewiß,“ sagte ernsthaft das Mädchen, „und Ihr müßt dann bei uns bleiben, recht, recht lange Zeit – bis wieder unser Tag kömmt und die Bilder fertig sind.“

„Nun, davon sprechen wir nachher, Gertrud,“ sagte der junge Maler, fleißig dabei seinen Bleistift handhabend, – „aber wird Dein Heinrich nicht bös werden, wenn ich auch manchmal – oder recht oft bei Euch bin, und – recht viel mit Dir plaudere?“

„Der Heinrich?“ sagte das Mädchen, „der kommt jetzt nicht mehr.“

„Heut wohl nicht aber dann vielleicht morgen?“

„Nein,“ sagte Gertrud, vollkommen ruhig, „da er bis elf Uhr nicht da war, bleibt er aus, bis einmal wieder unser Tag ist.“

„Euer Tag? was meinst Du damit?“

Das Mädchen sah ihn groß und ernst an, aber sie antwortete nicht auf seine Frage, und während ihr Blick nach den hoch über ihnen hinziehenden Wolken schweifte, haftete er mit einem eigenen Ausdrucke von Schmerz und Wehmuth an ihnen.

Gertrud war in diesem Augenblick wirklich engelschön, und Arnold vergaß in dem Interesse, das er an der Vollendung des Portraits nahm, alles Andere. Es blieb ihm auch nicht mehr viel Zeit. Das junge Mädchen stand plötzlich auf, und ein Tuch über den Kopf werfend, sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen, sagte sie:

„Ich muß fort – der Tag ist so kurz und sie erwarten mich daheim.“

Arnold hatte aber sein kleines Bild auch fertig, und mit ein paar kecken Strichen den Faltenwurf der Kleidung angebend, sagte er, ihr das Blatt entgegen haltend:

„Hab’ ich Dich getroffen?“

„Das bin ich!“ rief Gertrud rasch und fast erschreckt.

„Nun wer denn sonst?“ lachte Arnold.

„Und das Bild wollt Ihr behalten und mit Euch nehmen?“ frug das Mädchen schüchtern, fast ängstlich.

„Gewiß will ich,“ rief der junge Mann, „und wenn ich dann weit, weit von hier bin, noch oft und fleißig an Dich denken.“

„Aber wird das mein Vater leiden?“

„Daß ich an Dich denke? – kann er mir das verwehren?“

„Nein – aber – daß Ihr das Bild da mit Euch – in die Welt hinaus nehmt?“

„Er kann es nicht hindern, mein Herz,“ sagte Arnold freundlich – „aber wäre es Dir selber unlieb, es in meinen Händen zu wissen?“

„Mir? – nein!“ erwiderte nach kurzem Ueberlegen das Mädchen, – „wenn – nur nicht – ich muß doch den Vater darum fragen.“

„Du bist ein närrisch Kind,“ lachte der junge Maler, „selbst eine Prinzessin hätte Nichts dagegen, daß ein Künstler ihre Züge für sich erwirbt. Dir geschieht kein Schade dadurch. Aber so lauf’ doch nur nicht so, Du wildes Ding; ich gehe ja mit – oder willst Du mich hier ohne Mittagessen zurücklassen? Hast Du die Kirchenbilder vergessen?“

„Ja die Bilder,“ sagte das Mädchen, stehen bleibend und auf ihn wartend; Arnold aber, der seine Mappe rasch wieder zusammengebunden, war auch schon im nächsten Augenblicke an ihrer Seite und weit schneller als vorher setzten sie ihren Weg, dem Dorfe zu, fort.

Dieses aber lag viel näher, als Arnold dem Klange der gesprungenen Glocke nach vermuthet hatte, denn das, was der junge Mann von weitem nur für ein Erlendickicht gehalten, zeigte sich, als sie näher kamen, als eine heckenumzogene Reihe von Obstbäumen, hinter denen dicht versteckt, aber im Norden und Nordosten von weiten Feldern umgeben, das alte Dorf mit seinem niedrigen Kirchthurme und seinen rauchgeschwärzten Häusern lag.

Hier auch betraten sie zuerst eine gut angelegte und feste Straße, an beiden Seiten mit Obstbäumen bepflanzt. Ueber dem Dorfe aber hing der düstere Höherauch, den Arnold schon von weitem gesehen, und brach das helle Sonnenlicht, das nur mit einem gelblich unheimlichen Scheine auf die alten grauen verwitterten Dächer fallen konnte. – Arnold aber hatte für das Alles kaum einen Blick, denn die an seiner Seite hinschreitende Gertrud faßte, als sie sich den ersten Häusern näherten, langsam seine Hand, und diese in der ihren haltend, schritt sie mit ihm in die nächste Straße ein.

Ein wunderbares Gefühl durchzuckte den jungen lebensfrischen Burschen bei der Berührung dieser warmen Hand, und unwillkürlich fast suchte sein Blick dem des jungen Mädchens zu begegnen. Aber Gertrud schaute nicht zu ihm hinüber; das Auge züchtig am Boden heftend, führte sie den Gast ihres Vaters Hause zu, und Arnolds Aufmerksamkeit wurde endlich auch auf die ihm begegnenden Dorfbewohner gelenkt, die Alle still an ihm vorüber gingen ohne ihn zu grüßen.

Das fiel ihm zuerst auf, denn in all den benachbarten Dörfern hätte man es fast für ein Vergehen gehalten, einem Fremden nicht wenigstens einen „Guten Tag“ oder ein „Grüß’ Gott“ zu bieten. Hier dachte Niemand daran, und wie in einer großen Stadt gingen die Leute entweder still und theilnahmslos vorbei, oder blieben auch hie und da stehen, und sahen ihnen nach – aber es redete sie Niemand an. Selbst das Mädchen grüßte Keiner von Allen.

Und wie wunderlich die alten Häuser mit ihren spitzen mit Schnitzwerk verzierten Giebeln und festen wettergrauen Strohdächern aussahen – und trotz dem Sonntag war kein Fenster blank und geputzt, und die runden in Blei gefaßten Scheiben sahen trüb und angelaufen aus und zeigten auf ihren matten Flächen den schillernden Regenbogenglanz. Hie und da öffnete sich aber ein Flügel, als sie vorüberschritten und freundliche Mädchengesichter oder alte würdige Matronen schauten heraus. Auch die seltsame Tracht der Leute fiel ihm auf, die sich wesentlich von der der Nachbardörfer unterschied. Dabei herrschte eine fast lautlose Stille überall, und Arnold, dem das Schweigen endlich peinlich wurde, sagte zu seiner Begleiterin:

„Haltet Ihr denn in Eurem Dorfe den Sonntag so streng, daß die Leute, wenn sie einander begegnen, nicht einmal einen Gruß haben? Hörte man nicht hie und da einen Hund bellen oder einen Hahn krähen, so könnte man den ganzen Ort für stumm und todt halten.“

„Es ist Mittagszeit,“ sagte Gertrud ruhig, „und da sind die Leute nicht zum Reden aufgelegt; heint Abend werdet Ihr sie desto lauter finden.“

„Gott sei Dank,“ rief Arnold, „da sind wenigstens Kinder, die auf der Straße spielen – mir fing es hier schon an ganz unheimlich zu werden; da feiern sie in Bischofsroda den Sonntag auf andere Art.“

„Dort ist auch meines Vaters Haus,“ sagte Gertrud leise.

„Dem aber“ lachte Arnold, „darf ich nicht so unversehens Mittags in die Schüssel fallen. Ich könnte ihm ungelegen kommen und habe beim Essen gern freundliche Gesichter um mich her. Zeig’ mir deshalb lieber das Wirthshaus, mein Kind, oder laß mich es selber finden, denn Germelshausen wird von andern Dörfern keine Ausnahme machen. Dicht neben der Kirche steht auch gewöhnlich die Schenke, und wenn man nur dem Thurme folgt, geht man nie fehl.“

„Da habt Ihr Recht; das ist bei uns gerade so,“ sagte Gertrud ruhig; „aber daheim erwarten sie uns schon, und Ihr braucht nicht zu fürchten, daß man Euch unfreundlich aufnimmt.“

„Erwarten sie uns? ah, Du meinst Dich und Deinen Heinrich? Ja, Gertrud, wenn Du mich heute an dessen Stelle nehmen wolltest, dann bliebe ich bei Dir – so lange – bis Du mich selber wieder fort gehen hießest.“

Er hatte die letzten Worte fast unwillkürlich mit herzlicher Stimme gesprochen und leise dabei die Hand gedrückt, die noch immer die seine gefaßt hielt, da blieb Gertrud plötzlich stehen, sah ihn voll und groß an und sagte:

„Wolltet Ihr das wirklich?“

„Mit tausend Freuden,“ rief der junge Maler, von der wunderbaren Schönheit des Mädchens ganz übermannt. Gertrud erwiderte aber Nichts weiter darauf, und ihren Weg fortsetzend, als ob sie sich die Worte ihres Begleiters überlege, blieb sie endlich vor einem hohen Hause stehen, zu dem eine mit Eisenstäben verwahrte, breite steinerne Treppe hinauf führte, und sagte ganz wieder mit ihrem früheren schüchternen und verschämten Wesen:

„Hier wohne ich, lieber Herr, und wenn’s Euch gefreut, so kommt mit hinauf zu meinem Vater, der stolz darauf sein wird, Euch an seinem Tische zu sehen.“

Ehe Arnold aber nur etwas darauf erwidern konnte, trat oben auf der Treppe schon der Schulze in die Thüre, und während ein Fenster geöffnet wurde, aus dem der freundliche Kopf einer alten Frau herausschaute und ihnen zunickte, rief der Bauer:

„Aber, Gertrud, heint bist Du lang ausgeblieben, und schau, schau, was sie sich für einen schmucken Gesellen mitgebracht hat!“

„Mein bester Herr –“

„Nur keine Umstände auf der Treppe – kommt herein, die Klöße sind fertig und werden sonst hart und kalt.“

„Das ist aber nicht der Heinrich,“ rief die alte Frau aus dem Fenster. „Hab’ ich’s denn nicht immer gesagt, daß der nicht wieder käme?“

„Schon gut, Mutter; schon gut!“ meinte der Schulze, „der thut’s auch,“ und dem Fremden die Hand entgegen streckend, fuhr er fort: „Schön Willkommen in Germelshausen, mein junger Herr, wo Euch das Mädel auch mag aufgelesen haben. Und jetzt kommt herein zum Essen und langt zu nach Herzenslust – alles Weitere können wir nachher besprechen.“

Er ließ dem jungen Maler auch wirklich keinen weiteren Raum zu irgend einer Entschuldigung, sondern derb seine Hand schüttelnd, die Gertrud losgelassen hatte, sobald er den Fuß auf die steinerne Treppe setzte, faßte er ihn zutraulich unter den Arm und führte ihn die breite und geräumige Wohnstube ein.

Im Hause selber herrschte eine dumpfe, erdige Luft, und so gut Arnold die Gewohnheit des deutschen Bauers kannte, der sich in seinem Zimmer am liebsten von jeder frischen Luft abschließt und selbst im Sommer nicht selten einheizt, um die ihm behagliche Brathitze zu erzeugen, so fiel es ihm doch auf. Der schmale Hausgang hatte dabei ebenfalls wenig Einladendes. Der Kalk war von den Wänden gefallen und schien eben nur flüchtig bei Seite gekehrt zu sein. Das einzige erblindete Fenster im hintern Theile desselben konnte kaum ein nothdürftiges Licht hereinwerfen, und die Treppe, die in das obere Stockwerk führte, sah alt und zerfallen aus.

Es blieb ihm aber nur wenig Zeit, das zu beobachten, denn im nächsten Augenblicke schon warf sein gastlicher Wirth die Thüre der Wohnstube auf und Arnold sah sich in einem nicht hohen aber breiten und geräumigen Zimmer, das frisch gelüftet, mit weißem Sand gestreut und mit dem großen, von schneeigen Linnen bedeckten Tisch in der Mitte, gar freundlich gegen die übrige etwas verwilderte innere Einrichtung des Hauses abstach.

Außer der alten Frau, die jetzt das Fenster geschlossen hatte und ihren Stuhl zum Tisch rückte, saßen noch ein paar rothbäckige Kinder in der Ecke, und eine rüstige Bauerfrau – aber auch in ganz anderer Tracht als die der Nachbardörfer – öffnete eben der mit einer großen Schüssel hereinkommenden Magd die Thüre. Und jetzt dampften die Klöße auf dem Tische, und Alles drängte an die Stühle der willkommenen Mahlzeit entgegen; Keines aber setzte sich, und die Kinder schauten mit, wie es Arnold vorkam, fast ängstlichen Blicken auf den Vater.

Dieser trat zu seinem Stuhle, lehnte sich mit dem Arm darauf und sah still und schweigend, ja finster vor sich nieder. – Betete er? Arnold sah, daß er die Lippen fest zusammengepreßt hielt, während seine rechte Hand zusammengeballt an der Seite niederhing – in diesen Zügen lag kein Gebet, nur starrer, und doch unschlüssiger Trotz.

Gertrud ging da leise auf ihn zu und legte ihre Hand auf seine Schultern, und die alte Frau stand ihm sprachlos gegenüber und sah ihn mit ängstlich bittenden Blicken an.

„Laßt uns essen!“ sagte da barsch der Mann – „es hilft doch Nichts!“ und seinen Stuhl bei Seite rückend und seinem Gaste zunickend, ließ er sich selber nieder, ergriff den großen Schöpflöffel und legte Allen vor.

Arnold kam das ganze Wesen des Mannes fast unheimlich vor, und in der gedrückten Stimmung der Uebrigen konnte er sich ebenfalls nicht behaglich fühlen. Der Schulze war aber nicht der Mann, der sein Mittagessen mit trüben Gedanken verzehrt hätte. Wie er auf den Tisch klopfte, trat die Magd wieder herein und brachte Flaschen und Gläser, und mit dem kostbaren alten Wein, den er jetzt einschenkte, kam bald ein ganz anderes, fröhlicheres Leben in alle Tischgenossen.

Durch Arnold’s Adern strömte das herrliche Getränk wie flüssiges Feuer – nie im Leben hatte er etwas Aehnliches gekostet – und auch Gertrud trank davon, und die alte Mutter, die sich nachher an ihr Spinnrad in die Ecke setzte und mit leiser Stimme ein kleines Lied von dem lustigen Leben in Germelshausen sang. Der Schulze selber aber war wie ausgewechselt. So ernst und schweigsam er vorher gewesen, so lustig und aufgeräumt wurde er jetzt, und Arnold selber konnte sich dem Einflusse dieses kostbaren Weines nicht entziehen. Ohne daß er eigentlich genau wußte wie es gekommen, hatte der Schulze eine Violine in die Hand genommen und spielte einen lustigen Tanz, und Arnold, die schöne Gertrud im Arm, wirbelte mit ihr in der Stube so toll herum, daß er das Spinnrad umwarf und die Stühle, und gegen die Magd anrannte, die das Geschirr hinaustragen wollte, und allerhand lustige Streiche trieb, daß sich die Uebrigen darüber vor Lachen ausschütten wollten.

Plötzlich ward Alles still in der Stube, und als sich Arnold erstaunt nach dem Schulzen umschaute, deutete dieser mit seinem Violinbogen nach dem Fenster und legte dann das Instrument wieder in den großen Holzkasten zurück, aus dem er es vorher genommen. Arnold aber sah, wie draußen auf der Straße ein Sarg vorbeigetragen wurde.

Sechs Männer, in weiße Hemden gekleidet, hatten ihn auf den Schultern, und hinter her ging ganz allein ein alter Mann mit einem kleinen blondhaarigen Mädchen an der Hand. Der Alte schritt wie in einandergebrochen auf der Straße hin; die Kleine aber, die kaum vier Jahre zählen mochte und wohl noch keine Ahnung hatte, wer da in dem dunklen Sarge lag, nickte überall freundlich hin, wo sie ein bekanntes Gesicht traf, und lachte hell auf, als sich ein paar Hunde vorüber hetzten und der eine gegen die Treppe des Schulhauses anrannte und sich überkugelte.

Nur aber so lange der Sarg in Sicht war, dauerte die Stille, und Gertrud trat zu dem jungen Maler heran und sagte:

„Jetzt gebt aber auf kurze Zeit eine Ruh’ – Ihr habt genug getollt, und der schwere Wein steigt Euch sonst immer mehr in den Kopf. Kommt, nehmt Euren Hut, und wir wollen einen kleinen Spaziergang zusammen machen. Bis wir zurückkommen wird es Zeit in die Schenke zu gehen, denn heute Abend ist Tanz.“

„Tanz? – das ist recht,“ rief Arnold vergnügt, „da bin ich grad zur guten Zeit gekommen; und Du giebst mir den ersten Tanz, Gertrud?“

„Gewiß, wenn Ihr wollt.“

Arnold hatte schon Hut und Mappe aufgegriffen.

„Was wollt Ihr mit dem Buche?“ frug der Schulze.

„Er zeichnet, Vater,“ sagte Gertrud – „er hat auch mich schon abgemalt. Seht Euch einmal das Bild an.“

Arnold öffnete die Mappe und hielt dem Manne das Bild entgegen.

Der Bauer betrachtete es still und schweigend eine Weile.

„Und das wollt Ihr mit nach Haus nehmen?“ sagte er endlich, „und vielleicht in einen Rahmen machen und in die Stube hängen?“

„Und warum nicht?“

„Darf er, Vater?“ frug Gertrud.

„Wenn er nicht bei uns bleibt“ lachte der Schulze, „hab’ ich Nichts dagegen – aber da hinten fehlt noch etwas.“

„Was?“

„Der Leichenzug von vorhin. – Malt den mit auf das Blatt, und Ihr mögt das Bild mitnehmen.“

„Aber der Leichenzug zu Gertrud?“

„Da ist noch Platz genug,“ sagte hartnäckig der Schulze, „der muß mit drauf sein, sonst leid ich nicht, daß Ihr meines Mädels Bild so ganz allein mit fortnehmt. In so ernster Gesellschaft kann aber Niemand etwas Uebles davon denken.“

Arnold schüttelte über den wunderlichen Vorschlag, dem hübschen Mädchen einen Leichenzug als Ehrenwache mitzugeben, lachend den Kopf. Der Alte schien aber einmal die fixe Idee zu haben, und um ihn zufrieden zu stellen, that er ihm den Willen. Später konnte er die traurige Beigabe schon leicht wieder entfernen.

Mit geübter Hand hatte er auch bald die eben vorbeigezogenen Gestalten, wenn auch nur aus der Erinnerung, auf das Papier gebracht, und die ganze Familie drängte sich dabei um ihn her und sah mit offenbarem Staunen die rasche Ausführung der Zeichnung.

„Hab ich’s so recht gemacht?“ rief Arnold endlich, als er von seinem Stuhle aufsprang und das Bild in Armeslänge vor sich hielt.

„Vortrefflich!“ nickte der Schulze, – „hätt’s nimmer gedacht, daß Ihr’s so schnell fertig brächtet. Jetzt mag’s sein, und nun geht mit dem Mädel hinaus und seht Euch das Dorf an – möchtet es doch sobald nicht wieder zu sehen bekommen. Bis um fünf Uhr seid aber fein wieder da – wir feiern ein Fest heint, und da müßt Ihr dabei sein!“

Arnold selber wurde es in der dumpfigen Stube, den Wein im Kopfe, eng und beklemmt zu Muthe. Er sehnte sich in’s Freie, und wenige Minuten später schritt er an der schönen Gertrud Seite die Straße entlang, die durch das Dorf führte.

Jetzt lag der Weg nicht mehr so still da wie vorhin; die Kinder spielten auf der Straße, die Alten saßen hie und da vor ihren Thüren und sahen ihnen zu, und der ganze Ort mit seinen alten wunderlichen Gebäuden hätte sicherlich sogar ein freundliches Ansehen gehabt, wäre die Sonne nur im Stande gewesen, durch den dichten bräunlichen Rauch zu dringen, der wie eine Wolke über den Dächern lag.

„Ist hier ein Moor- oder Waldbrand in der Nähe?“ frug er das Mädchen; „derselbe Rauch liegt über keinem anderen Dorfe und kann nicht von den Schornsteinen herrühren.“

„Es ist Erdrauch,“ sagte ruhig Gertrud – „aber habt Ihr nie von Germelshausen gehört?“

„Nie.“

„Das ist sonderbar, und das Dorf ist doch schon so alt – so alt.“

„Die Häuser sehen wenigstens darnach aus, und auch die Leute haben Alle ein so wunderliches Benehmen, und Euere Sprache klingt so ganz anders, wie in den Nachbarorten. Ihr kommt wohl wenig hinaus aus Euerem Orte?“

„Wenig,“ sagte Gertrud einsilbig.

„Und keine einzige Schwalbe ist mehr da? – die können doch noch nicht fortgezogen sein?“

„Schon lange“ – antwortete eintönig das Mädchen; – „in Germelshausen baut sich keine mehr ihr Nest. – Sie können vielleicht den Erdrauch nicht vertragen.“

„Aber den habt Ihr doch nicht immer?“

„Immer.“

„Dann ist der auch Schuld daran, daß Euere Obstbäume keine Früchte tragen, und noch in Marisfelde mußten sie dieses Jahr die Aeste stützen, so reich gesegnet ist das Jahr.“

Gertrud erwiderte kein Wort darauf und wanderte schweigend an seiner Seite, immer im Dorfe hin, bis sie das äußerste Ende desselben erreichten. Unterwegs nickte sie nur manchmal einem Kinde freundlich zu oder sprach mit einem der jungen Mädchen – vielleicht über den heutigen Tanz und Ballstaat – ein paar leise Worte. Und die Mädchen sahen dabei den jungen Maler mit recht mitleidsvollen Blicken an, daß es diesem, er wußte selber nicht recht warum, ganz warm und weh um’s Herz wurde – aber er getraute sich nicht Gertrud deshalb zu fragen.

Jetzt endlich hatten sie die äußersten Häuser erreicht, und so lebendig es im Dorfe selber auch gewesen, so still und einsam, ja so todtenähnlich wurde es hier. Die Gärten sahen aus als ob sie seit langen langen Jahren nicht betreten wären; in den Wegen wuchs Gras, und merkwürdig schien es besonders dem jungen Fremden, daß kein einziger Obstbaum auch nur eine Frucht trug.

Da begegneten ihnen Menschen, die von draußen hereinkamen, und Arnold erkannte augenblicklich den rückkehrenden Leichenzug. Die Leute zogen still an ihnen vorüber wieder in das Dorf hinein, und fast unwillkürlich lenkten sich Beider Schritte dem Friedhof zu.

Arnold suchte jetzt seine Begleiterin, die ihm gar zu ernst vorkam, aufzuheitern, erzählte ihr von anderen Orten, wo er gewesen, und wie es draußen in der Welt aussähe. Sie hatte noch nie eine Eisenbahn gesehen, ja nie davon gehört, und horchte aufmerksam und erstaunt seiner Erklärung. Auch von den Telegraphen hatte sie keine Ahnung, eben so wenig von all den neueren Erfindungen, und der junge Maler begriff nicht wie es möglich sei, daß noch Menschen in Deutschland so abgeschieden, so förmlich getrennt von der übrigen Welt und außer der geringsten Verbindung mit ihr leben konnten.

In diesen Gesprächen erreichten sie den Gottesacker, und hier fielen dem jungen Fremden gleich die alterthümlichen Steine und Denkmale auf, so einfach sie auch im Ganzen waren.

„Das ist ein alter, alter Stein,“ sagte er, als er sich zu dem nächsten niederbog und mit Mühe die Schnörkelschrift desselben entziffert hatte: „Anna Maria Berthold geborene Sieglitz geboren am 1. Dec. 1188 – gestorben den 2. Dec. 1224 –“

„Das ist meine Mutter,“ sagte Gertrud ernst, und ein paar große helle Thränen drängten sich in ihr Auge und fielen langsam auf ihr Mieder nieder.

„Deine Mutter, mein gutes Kind?“ sagte Arnold erstaunt, „Deine Ur-Ur-Eltermutter, ja, die könnte es gewesen sein.“

„Nein,“ sagte Gertrud, „meine rechte Mutter – der Vater hat nachher wieder gefreit, und die zu Haus ist meine Stiefmutter.“

„Aber steht da nicht gestorben 1224?“

„Was kümmert mich das Jahr,“ sagte Gertrud traurig, – „es thut gar weh, wenn man so von der Mutter getrennt wird, und doch“ – setzte sie leise und recht schmerzlich hinzu – „war es vielleicht gut – recht gut, daß sie vorher zu Gott eingehen durfte.“

Arnold bog sich kopfschüttelnd über den Stein, die Inschrift genauer zu erforschen, ob die erste 2 in der Jahreszahl vielleicht eine 8 sei, denn die alterthümliche Schrift machte das nicht unmöglich; aber die andere 2 glich der ersten auf ein Haar und 1884 schrieben sie noch lange nicht. Vielleicht hatte sich der Steinmetz geirrt, und das Mädchen war so in das Andenken an die Verstorbene vertieft, daß er sie nicht weiter durch vielleicht lästige Fragen stören mochte. Er ließ sie deshalb bei dem Steine, an dem sie niedergesunken war und leise betete, um einige andere Denkmäler zu untersuchen; aber alle ohne Ausnahme trugen Jahreszahlen viele hundert Jahre zurück, und kein neuerer Stein ließ sich auffinden, und doch wurden die Todten selbst jetzt noch hier beigesetzt, wie das letzte, ganz frische Grab bezeugte.

Von der niederen Kirchhofmauer aus hatte man aber auch einen trefflichen Ueberblick über das alte Dorf, und Arnold benutzte rasch die Gelegenheit, eine Skizze davon zu entwerfen. Aber auch über diesem Platze lag der wunderliche Höherauch, und weiter dem Walde zu konnte er doch die Sonne hell und klar auf die Berghänge niederfallen sehen.

Da schlug im Dorfe wieder die alte zersprungene Glocke an, und Gertrud, sich rasch emporrichtend und die Thränen aus den Augen schüttelnd, winkte freundlich dem jungen Manne, ihr zu folgen.

Arnold war rasch an ihrer Seite.

„Jetzt dürfen wir nicht mehr trauern,“ sagte sie lächelnd, „die Kirche läutet aus und nun geht es zu Tanze. Ihr habt bis jetzt wohl geglaubt, daß die Germelshauser lauter Kopfhänger wären; heut Abend sollt Ihr das Gegentheil gewahr werden.“

„Aber dort drüben ist doch die Kirchenthüre,“ sagte Arnold, „und ich sehe niemanden heraus kommen?“

„Das ist sehr natürlich,“ lachte das Mädchen, „weil niemand hinein geht, der Pfarrer selber nicht einmal. Nur der alte Sacristan gönnt sich keine Ruhe und läutet die Kirche aus und ein.“

„Und keins von Euch geht in die Kirche?“

„Nein – weder zur Messe – noch Beichte,“ sagte das Mädchen ruhig; „wir liegen in einem Streite mit dem Papste, der bei den Welschen wohnt, und der will es nicht leiden, bis wir ihm wieder gehorchen.“

„Aber davon hab’ ich im Leben nichts gehört.“

„Ja, ist auch schon lange her,“ sagte das Mädchen leicht hin, – „seht Ihr, da kommt der Sacristan ganz allein aus der Kirche und schließt die Thür zu; der geht auch nicht Abends in’s Wirthshaus, sondern sitzt still und allein daheim.“

„Und der Pfarrer kommt?“

„Das sollt’ ich meinen – und ist der lustigste von Allen. Er nimmt sich’s nicht zu Herzen.“

„Und weshalb ist das Alles geschehen?“ sagte Arnold, der sich fast weniger über die Thatsachen, als über des Mädchens Unbefangenheit wunderte.

„Das ist eine lange Geschichte,“ meinte aber Gertrud, „und der Pfarrer hat das Alles in ein großes dickes Buch aufgeschrieben. Wenn’s Euch Spaß macht und Ihr lateinisch versteht, mögt Ihr’s darin lesen. – Aber“ setzte sie warnend hinzu – „sprecht nicht davon wenn mein Vater dabei ist, denn er hat’s nicht gern. Seht Ihr – da kommen die Burschen und Mädchen schon aus den Häusern, jetzt muß ich machen, daß ich heim komme und mich auch anziehe, denn ich möchte nicht die letzte sein.“

„Und den ersten Tanz, Gertrud?“ –

„Tanze ich mit Euch, Ihr habt mein Versprechen.“

Rasch schritten die Beiden in das Dorf zurück, wo jetzt aber ein ganz anderes Leben herrschte, als am Morgen. Ueberall standen lachende Gruppen von jungen Leuten; die Mädchen waren zu der Festlichkeit geschmückt und die Burschen ebenfalls in ihrem besten Staate, und an dem Wirthshause, an dem sie vorbeigingen, hingen Blatt-Guirlanden von einem Fenster zum anderen und zogen über der Thüre einen weiten Triumphbogen.

Arnold mochte sich, da er Alles auf’s Beste herausgeputzt sah, nicht in seinen Reisekleidern zwischen die Festtägler mischen, schnallte deshalb in des Schulzen Hause seinen Tornister auf, nahm seinen guten Anzug heraus und war eben mit seiner Toilette fertig, als Gertrud an die Thür klopfte und ihn abrief. Und wie wunderbar schön sah das Mädchen jetzt in ihrem einfachen und doch so reichen Schmucke aus, und wie herzlich bat sie ihn, sie zu begleiten, da Vater und Mutter erst später nachfolgen würden!

„Die Sehnsucht nach ihrem Heinrich kann ihr das Herz nicht besonders abdrücken,“ dachte der junge Mann freilich, als er ihren Arm in den seinen zog und mit ihr durch die jetzt einbrechende Dämmerung dem Tanzsaale zuschritt; aber er hütete sich wohl, einem derartigen Gedanken Worte zu geben, denn ein eigenes, wunderliches Gefühl durchzuckte seine Brust, und sein Herz klopfte ihm selber ungestüm, als er das der Jungfrau an seinem Arme pochen fühlte.

„Und morgen muß ich wieder fort,“ seufzte er leise vor sich hin. Ohne daß er es selber wollte, waren aber die Worte zu dem Ohre seiner Begleiterin gedrungen, und sie sagte lächelnd:

„Sorgt Euch nicht um das – wir bleiben länger zusammen – länger vielleicht als Euch lieb ist.“

„Und würdest Du es gern sehen, Gertrud, wenn ich bei Euch bliebe?“ frug Arnold, und er fühlte dabei, wie ihm das Blut mit voller Gewalt in Stirn und Schläfe schoß.

„Gewiß,“ sagte das junge Mädchen unbefangen, „Ihr seid gut und freundlich – mein Vater hat Euch auch gern, ich weiß es, und – Heinrich ist doch nicht gekommen!“ setzte sie leise und wie zürnend hinzu.

„Und wenn er nun morgen käme?“

„Morgen?“ sagte Gertrud und sah ihn mit ihren großen dunklen Augen ernst an – „dazwischen liegt eine lange – lange Nacht. Morgen! Ihr werdet morgen begreifen, was das Wort bedeutet. Aber heint sprechen wir nicht davon,“ brach sie kurz und freundlich ab, „heint ist das frohe Fest, auf das wir uns so lange, so sehr sehr lange gefreut, und das wollen wir uns ja nicht durch trübe Gedanken verkümmern. Und hier sind wir auch am Orte – die Burschen werden nicht schlecht schauen, wenn ich mir einen neuen Tänzer mitbringe.“

Arnold wollte ihr etwas darauf erwidern, aber lärmende Musik, die von innen heraustönte, übertäubte seine Worte. Wunderliche Weisen spielten auch die Musikanten auf – er kannte keine einzige davon und ward durch den Glanz der vielen Lichter, die ihm entgegenfunkelten, im Anfang fast wie geblendet. Gertrud führte ihn jedoch mitten in den Saal hinein, wo eine Menge junger Bauernmädchen plaudernd zusammen standen, und dort erst ließ sie ihn los, daß er sich, bis der Tanz begann, ein wenig umsehen und mit den übrigen Burschen bekannt werden konnte.

Arnold fühlte sich im ersten Augenblicke zwischen den vielen fremden Menschen nicht behaglich; auch die wunderliche Tracht und Sprache der Leute stieß ihn ab, und so lieb diese harten ungewohnten Laute von Gertrud’s Lippen klangen, so rauh tönten sie von anderen an sein Ohr. Die jungen Burschen waren aber Alle freundlich gegen ihn, und Einer von ihnen kam auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und sagte:

„Das ist gescheut von Euch, Herr, daß Ihr bei uns bleiben wollt – führen auch ein lustiges Leben und die Zwischenzeit vergeht rasch genug.“

„Welche Zwischenzeit?“ frug Arnold, weniger erstaunt über den Ausdruck, als daß der Bursche so fest seine Ueberzeugung aussprach, daß er dieses Dorf zu seiner Heimath machen wollte. „Ihr meint, daß ich hierher zurückkehre?“

„Und Ihr wollt wieder fort?“ frug der junge Bauer rasch.

„Morgen – ja – oder übermorgen – aber ich komme wieder.“

„Morgen? – so?“ lachte der Bursch – „ja dann ist’s schon recht – na, morgen sprechen wir weiter darüber. Jetzt kommt, daß ich Euch unsere Vergnüglichkeit einmal zeige, denn wenn Ihr morgen schon wieder fort wollt, bekämet Ihr die am Ende nicht einmal zu sehen.“

Die Anderen lachten heimlich mit einander, der junge Bauer aber nahm Arnold an der Hand und führte ihn im ganzen Hause herum, das dicht gedrängt voll lustig schwärmender Gäste war. Erst kamen sie durch Zimmer, in denen Kartenspieler saßen und große Haufen Geldes vor sich liegen hatten, dann betraten sie eine Kegelbahn, die mit hellglänzenden Steinen ausgelegt war. In einem dritten Zimmer wurden Ringel- und andere Spiele gespielt, und die jungen Mädchen liefen lachend und singend aus und ein und neckten sich mit den jungen Burschen, bis auf einmal ein Tusch von den Musikanten, die bis dahin lustig fortgespielt, das Zeichen zum Beginn des Tanzes gab und Gertrud jetzt auch an Arnold’s Seite stand und seinen Arm faßte.

„Kommt, wir dürfen nicht die letzten sein,“ sagte das schöne Mädchen, „denn als des Schulzen Tochter muß ich den Tanz eröffnen.“

„Aber was für eine seltsame Melodie ist das?“ sagte Arnold, „ich finde mich gar nicht in den Takt.“

„Es wird schon gehen,“ lächelte Gertrud; „in den ersten fünf Minuten findet Ihr Euch hinein, und ich sage Euch wie.“

Laut jubelnd drängte jetzt Alles, nur die Kartenspieler ausgenommen, dem Tanzsaale zu, und Arnold vergaß in dem einen seligen Gefühle, das wunderbar schöne Mädchen in seinen Armen zu halten, bald alles Andere.

Wieder und wieder tanzte er mit Gertrud und kein Anderer schien ihm seine Tänzerin streitig machen zu wollen, wenn ihn die übrigen Mädchen im Vorbeifliegen auch manchmal neckten. Eines nur fiel ihm auf und störte ihn: dicht neben dem Wirthshause stand die alte Kirche und im Saale konnte man deutlich die grellen mißtönenden Schläge der zersprungenen Glocke hören. Bei dem ersten Schlage derselben aber war es, als ob der Stab eines Zauberers die Tanzenden berührt hätte. Die Musik hörte mitten im Takte auf zu spielen; die lustig durcheinander wogende Schaar stand, wie an ihre Plätze gebannt, still und regungslos, und Alles zählte schweigend die einzelnen langsamen Schläge. Sobald aber der letzte verhallt war, ging das Leben und Jauchzen von Neuem los. So war es um acht, so um neun, so um zehn Uhr, und wenn Arnold nach der Ursache so sonderbaren Betragens fragen wollte, legte Gertrud ihren Finger an die Lippen, und sah dabei so ernst und traurig aus, daß er sie nicht um die Welt hätte mehr betrüben mögen.

Um zehn Uhr wurde im Tanzen eine Pause gemacht, und das Musikchor, das eiserne Lungen haben mußte, schritt dem jungen Volke voran in den Eßsaal hinab. Dort ging es lustig her; der Wein floß nur so, und Arnold, der nicht gut hinter den Uebrigen zurückbleiben konnte, berechnete sich schon im Stillen, welchen Riß dieser verschwenderische Abend in seiner bescheidenen Kasse machen würde. Aber Gertrud saß neben ihm, trank mit ihm aus einem Glase, und wie hätte er da einer solchen Sorge Raum geben können! – Und wenn ihr Heinrich morgen kam?

Der erste Schlag der elften Stunde tönte, und wieder schwieg der laute Jubel der Zechenden, wieder dieses athemlose Lauschen den langsamen Schlägen. Ein eigenes Grauen überkam ihn: er wußte selber nicht weshalb, und der Gedanke an seine Mutter daheim zog ihm durch das Herz. Langsam hob er sein Glas und leerte es als Gruß den fernen Lieben.

Mit dem elften Schlage aber sprangen die Gäste von den Tischen auf; der Tanz sollte auf’s Neue beginnen und Alles eilte in den Saal zurück.

„Wem habt Ihr zuletzt zugetrunken?“ frug Gertrud, als sie ihren Arm wieder in den seinen gelegt hatte.

Arnold zögerte mit der Antwort. Lachte ihn Gertrud vielleicht aus, wenn er es ihr sagte? – Aber nein – so brünstig hatte sie ja noch an dem Nachmittage an ihrer eigenen Mutter Grabe gebetet, und mit leiser Stimme sagte er:

„Meiner Mutter.“

Gertrud erwiderte kein Wort und ging schweigend neben ihm die Treppe wieder hinauf – aber sie lachte auch nicht mehr, und ehe sie wieder zum Tanze antraten, frug sie ihn:

„Habt Ihr Euere Mutter so lieb?“

„Mehr als mein Leben.“

„Und sie Euch?“

„Liebt eine Mutter ihr Kind nicht?“

„Und wenn Ihr nicht wieder heim zu ihr kämet?“

„Arme Mutter“ sagte Arnold – „ihr Herz würde brechen.“

„Da beginnt der Tanz wieder,“ rief Gertrud rasch – „kommt, wir dürfen keinen Augenblick mehr versäumen!“

Und wilder als je begann der Tanz; die jungen Burschen, von dem starken Wein erhitzt, tobten und jubelten und kreischten, und ein Lärmen entstand, das die Musik zu übertäuben drohte. Arnold fühlte sich nicht mehr so wohl in dem Toben, und auch Gertrud war ernst und still dabei geworden. Nur bei den anderen Allen schien der Jubel zu wachsen, und in einer Pause kam der alte Schulze auf sie zu, schlug dem jungen Manne herzhaft auf die Schultern und sagte lachend:

„Das ist recht, Herr Maler, nur lustig die Beine geschwenkt, den Abend; wir haben Zeit genug, uns wieder auszuruhen. Na, Trudchen, weshalb schneidest denn Du so ein ernstes Gesicht – paßt das zu dem Tanze heint? Lustig – hei da geht’s wieder los! Jetzt muß ich meine Alte auch suchen, mit ihr den letzten Tanz zu machen. Stellt Euch an; die Musikanten blasen schon wieder die Backen auf,“ und mit einem Juchzer drängte er sich durch den Schwarm der lustigen Menschen.

Arnold umschlang wieder Gertrud zu neuem Tanze, als diese sich plötzlich von ihm losmachte, seinen Arm ergriff und leise flüsterte:

„Kommt.“

Arnold behielt keine Zeit sie zu fragen wohin, denn sie glitt ihm unter den Händen weg und der Saalthüre zu.

„Wohin, Trudchen?“ riefen ihr ein paar der Gespielinnen nach.

„Bin gleich wieder da,“ lautete die kurze Antwort, und wenige Secunden später stand sie mit Arnold draußen in der frischen Abendluft vor dem Hause.

„Wo willst Du hin, Gertrud?“

„Kommt!“ Wieder ergriff sie seinen Arm und führte ihn durch das Dorf, an ihres Vaters Hause vorbei, in das sie hineinsprang und mit einem kleinen Bündel zurückkehrte.

„Was hast Du vor?“ fragte Arnold erschreckt.

„Kommt!“ war das Einzige was sie erwiderte, und an den Häusern vorbei schritt sie mit ihm, bis sie die äußere Ringmauer des Dorfes hinter sich ließen. Sie waren bis jetzt der breiten, festen und hartgefahrenen Straße gefolgt; jetzt bog Gertrud links vom Wege ab und schritt einen kleinen flachen Hügel hinauf, von dem aus man gerade auf die hellerleuchteten Fenster und Thüren des Wirthshauses sehen konnte. Hier blieb sie stehen, reichte Arnold die Hand und sagte herzlich:

„Grüßt Euere Mutter von mir – lebt wohl!“

„Gertrud,“ rief Arnold so erstaunt wie bestürzt, – „jetzt mitten in der Nacht willst Du mich so von Dir schicken? Habe ich Dir mit irgend einem Worte weh gethan?“

„Nein, Arnold,“ sagte das Mädchen, ihn zum ersten Male bei seinem Vornamen nennend – „eben – eben weil ich Euch gern hab’, müßt Ihr fort.“

„Aber so laß ich Dich nicht von mir im Dunklen allein in das Dorf zurück“ – bat Arnold; „Mädchen, Du weißt nicht, wie lieb ich Dich habe, wie Du mir das Herz in wenigen Stunden fest und sicher gefaßt hast. Du weißt nicht“ –

„Sprecht nichts weiter,“ unterbrach ihn Gertrud rasch, „wir wollen keinen Abschied nehmen. Wenn die Glocke zwölf geschlagen hat – es kann kaum noch zehn Minuten dauern – so kommt wieder an die Thüre des Wirthshauses – dort werd’ ich Euch erwarten.“

„Und so lange“ –

„Bleibt Ihr hier auf dieser Stelle stehen. Versprecht mir, daß Ihr keinen Schritt zur Rechten oder zur Linken gehen wollt, bis die Glocke zwölf ausgeschlagen hat.“

„Ich verspreche es, Gertrud, – aber dann“ –

„Dann kommt“ sagte das Mädchen, reichte ihm die Hand zum Abschied und wollte fort.

„Gertrud!“ rief Arnold mit bittendem schmerzlichem Tone.

Gertrud blieb einen Augenblick wie zögernd stehen – dann plötzlich wandte sie sich gegen ihn um, warf ihre Arme um seinen Nacken, und Arnold fühlte die eiskalten Lippen des schönen Mädchens fest auf den seinen. Aber es war nur ein Moment, in der nächsten Secunde hatte sie sich losgerissen und floh dem Dorfe zu, und Arnold blieb bestürzt über ihr wunderliches Betragen, aber seines Versprechens eingedenk, an der Stelle stehen, wo sie ihn verlassen.

Jetzt erst sah er auch, wie sich das Wetter in den wenigen Stunden verändert hatte. Der Wind heulte durch die Bäume, der Himmel war mit dichten jagenden Wolken bedeckt, und einzelne große Regentropfen verriethen ein nahendes Gewitter.

Durch die dunkle Nacht glänzten hell die Lichter aus dem Wirthshause heraus, und wie der Wind dort herüber sauste, konnte er in einzelnen unterbrochenen Stößen den lärmenden Klang der Instrumente hören – aber nicht lange. Nur wenige Minuten hatte er auf seiner Stelle gestanden, da hob die alte Kirchthurmglocke zum Schlagen aus – in demselben Moment verstummte die Musik oder wurde von dem heulenden Sturm übertäubt, der so arg über den Hang tobte, daß Arnold sich zum Boden niederbiegen mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Vor sich auf der Erde fühlte er da das Packet, das Gertrud aus dem Hause geholt, seinen eigenen Tornister und seine Mappe, und erschreckt richtete er sich wieder empor. Die Uhr hatte ausgeschlagen, die Windsbraut heulte vorüber, aber nirgends im Dorfe entdeckte er mehr ein Licht. Die Hunde, die kurz vorher gebellt und geheult, waren still, und dichter feuchter Nebel quoll aus dem Grunde herauf.

„Die Zeit ist um,“ murmelte Arnold vor sich hin, indem er seinen Tornister auf den Rücken warf, „und ich muß Gertrud noch einmal sehen, denn so kann ich nicht von ihr scheiden. Der Tanz ist aus – die Tänzer werden jetzt zu Hause gehen, und wenn mich der Schulze auch nicht über Nacht behalten will, bleib ich im Wirthshause – in der Dunkelheit fänd’ ich überdies nicht meinen Weg durch den Wald.“

Vorsichtig stieg er den leisen Abhang wieder hinunter, den er mit Gertrud heraufgekommen, dort den breiten und weißen Weg zu treffen, der in das Dorf hineinführte, aber umsonst tappte er unten in den Büschen darnach herum. Der Grund war weich und sumpfig; mit seinen dünnen Stiefeln sank er bis tief über die Knöchel ein, und dichtes Erlengebüsch schoß überall dort empor, wo er den festen Weg vermuthet hatte. Gekreuzt konnte er ihn in der Dunkelheit auch nicht haben, er mußte ihn fühlen, wenn er darauf trat, und außerdem wußte er, daß die Ringmauer des Dorfes querüber lief – diese konnte er nicht verfehlen. Aber umsonst suchte er mit ängstlicher Hast darnach; der Boden wurde weicher und sumpfiger, je weiter er darin vordrang, das Gestrüpp dichter und überall von Dornen durchzogen, die seine Kleider zerrissen und seine Hände blutig ritzten.

War er rechts oder links abgekommen und an dem Dorfe vorbei? Er fürchtete, sich noch weiter zu verirren, und blieb auf einer ziemlich trockenen Stelle, dort zu erwarten, bis die alte Glocke eins schlagen würde. Aber es schlug nicht an, kein Hund bellte, kein menschlicher Laut tönte zu ihm herüber, und mit Mühe und Noth, durch und durch naß und vor Frost zitternd, arbeitete er sich wieder zu dem höher gelegenen Hügelhang zurück, an dem ihn Gertrud verlassen. Wohl versuchte er von hier aus noch ein paar Mal in das Dickicht einzudringen und das Dorf zu finden, aber vergebens; zum Tode erschöpft, von einem eigenthümlichen Grausen erfaßt, mied er zuletzt den tiefen, dunklen, unheimlichen Grund, und suchte einen schützenden Baum, die Nacht dort zu verbringen.

Und wie langsam zogen die Stunden an ihm vorüber, denn zitternd vor Frost war er nicht im Stande, der langen Nacht auch nur eine Secunde Schlaf abzustehlen. Immer wieder horchte er dabei in die Dunkelheit hinein, denn immer auf’s Neue glaubte er den rauhen Schlag der Glocke zu vernehmen, um immer auf’s Neue sich getäuscht zu sehen.

Endlich dämmerte der erste lichte Schein aus fernem Osten; die Wolken hatten sich verzogen, der Himmel war wieder rein und sternenhell, und die erwachenden Vögel zwitscherten leise in den dunklen Bäumen.

Und breiter wurde der goldene Himmelsgürtel und lichter – schon konnte er deutlich um sich her die Wipfel der Bäume erkennen – aber vergebens suchte sein Blick den alten braunen Kirchthurm und die wettergrauen Dächer. Nichts als ein altes Erlengestrüpp mit einzelnen verkrüppelten Weiden dazwischen dehnte sich vor ihm aus. Kein Weg war zu erkennen, der links oder rechts abführte, kein Zeichen einer menschlichen Wohnung in der Nähe.

Heller und heller brach der Tag an; die ersten Sonnenstrahlen fielen auf die weite grüne, vor ihm ausgebreitete Fläche, und Arnold, nicht im Stande sich dieses Räthsel zu erklären, wanderte ein ganzes Stück den Grund zurück. Er mußte sich in der Nacht, während er den Ort suchte, ohne daß er es wußte, verirrt und weiter davon entfernt haben, und war jetzt fest entschlossen ihn wieder aufzufinden.

Endlich erreichte er den Stein, an dem er Gertrud gezeichnet; den Platz hätte er unter tausenden wieder erkannt, denn der alte Fliederbusch mit seinen starren Aesten bezeichnete ihn zu genau. Er wußte jetzt genau, woher er gekommen war, und wo Germelshausen liegen mußte, und schritt rasch das Thal zurück, genau dieselbe Richtung beibehaltend, der er gestern mit Gertrud gefolgt war. Dort erkannte er auch die Biegung des Hanges, über dem der düstere Höherauch gelegen; nur das Erlengebüsch schied ihn noch von den ersten Häusern. Jetzt hatte er es erreicht – drängte sich hindurch und – befand sich wieder in dem nemlichen sumpfigen Moraste, in dem er in der letzten Nacht herumgewatet.

Vollständig rathlos und seinen eigenen Sinnen nicht trauend, wollte er die Passage hier erzwingen, aber das schmutzige Sumpfwasser zwang ihn endlich, das trockene Land wieder zu suchen, und vergebens wanderte er dort jetzt auf und ab. Das Dorf war und blieb verschwunden.

Mit diesen unnützen Versuchen mochten mehrere Stunden vergangen sein, und die müden Glieder versagten ihm zuletzt den Dienst. Er konnte nicht weiter und mußte sich erst ausruhen; was half ihm auch das nutzlose Suchen; von dem ersten Dorfe, das er erreichte, konnte er leicht einen Führer nach Germelshausen bekommen und dann den Weg nicht wieder verfehlen.

Todesmatt warf er sich unter einen Baum – und wie war sein bester Anzug zugerichtet! – Aber das kümmerte ihn jetzt nicht; seine Mappe nahm er vor, und aus der Mappe Gertruds Bild, und mit bitterem Schmerz hing sein Auge an den lieben, lieben Zügen des Mädchens, das, wie er zu seinem Schrecken fand, schon einen zu festen Halt an ihn gewonnen hatte.

Da hörte er hinter sich das Laub rascheln – ein Hund schlug an, und als er rasch emporsprang, stand ein alter Jäger nicht weit von ihm und betrachtete sich neugierig die wunderliche, so anständig gekleidete und so verwildert aussehende Gestalt.

„Grüß Gott!“ rief Arnold, seelensfroh, einem Menschen hier zu begegnen, indem er das Blatt rasch wieder in die Mappe schob. „Sie kommen mir hier wie gerufen, Herr Förster, denn ich glaube, ich habe mich verirrt.“

„Hm,“ sagte der Alte, „wenn Sie hier die ganze Nacht im Busche gelegen haben – und kaum eine halbe Stunde nach Dillstedt hinüber zu einem guten Wirthshause – so glaub’ ich das auch. Donnerwetter, wie sehen Sie aus, gerade als ob Sie eben Hals über Kopf aus Dornen und Sumpf kämen!“

„Sie sind hier im Walde genau bekannt?“ sagte da Arnold, der vor allen Dingen wissen wollte, wo er sich eigentlich befand.

„Ich sollt’ es denken,“ lachte der Jäger, indem er Feuer schlug und seine Pfeife wieder in Brand brachte.

„Wie heißt das nächste Dorf?“

„Dillstedt – gerad dort hinüber. Wenn Sie da drüben auf die kleine Anhöhe kommen, können Sie es gleich unter sich liegen sehen.“

„Und wie weit hab’ ich von hier nach Germelshausen?“

Wohin?“ rief der Jäger, und nahm erschreckt seine Pfeife aus dem Munde.

„Nach Germelshausen.“

„Gott sei mir gnädig,“ sagte da der Alte, während er einen scheuen Blick umherwarf – „den Wald kenn’ ich gut genug; wie viel Klaftern tief im Erdboden drinnen aber das „verwünschte Dorf“ liegt, das weiß nur Gott – und – geht unser Einen auch nichts an.“

„Das verwünschte Dorf?“ rief Arnold erstaunt.

„Germelshausen – ja –“ sagte der Jäger. „Gleich da drin im Sumpfe, wo jetzt die alten Weiden und Erlen stehen, soll es vor so und so vielen hundert Jahren gelegen haben, nachher ist’s weggesunken – Niemand weiß warum und wohin, und die Sage geht, daß es alle hundert Jahre an einem bestimmten Tage wieder an’s Licht gehoben würde – möchte aber keinem Christenmenschen wünschen, daß er zufällig dazu käme. – Aber zum Wetter noch einmal, das Nachtlager im Busche scheint Ihnen nicht gut zu bekommen. Sie sehen käseweiß aus. Da – nehmen Sie einmal einen Schluck aus der Flasche hier; der wird Ihnen gut thun – nur ordentlich!“

„Ich danke.“

„Ach was, das war nicht halb genug – einen ordentlichen, dreimal geknoteten Schluck – so – das ist der ächte Stoff, und nun machen Sie, daß Sie hinüber in’s Wirthshaus und in ein warmes Bett kommen!“

„Nach Dillstedt?“

„Nun ja, natürlich – näher haben wir keines.“

„Und Germelshausen?“

„Thun Sie mir den Gefallen und nennen Sie den Ort nicht wieder hier, gerade an der Stelle, wo wir stehen. Lassen wir die Todten ruhen, und besonders solche, die überhaupt keine Ruhe haben und immer wieder einmal unversehens zwischen uns auftauchen!“

„Aber gestern hat das Dorf noch hier gestanden,“ rief Arnold, seiner Sinne selber kaum mehr mächtig; – „ich war darinnen – ich habe darin gegessen, getrunken und getanzt.“

Der Jäger betrachtete sich die Gestalt des jungen Mannes ruhig von oben bis unten, dann sagte er lächelnd:

„Aber es hieß anders, nicht wahr? – wahrscheinlich kommen Sie gerade von Dillstedt herüber, dort war gestern Abend Tanz, und das starke Bier, das der Wirth jetzt braut, kann nicht ein Jeder vertragen.“

Arnold öffnete, statt aller Antwort, seine Mappe und nahm die Zeichnung heraus, die er vom Kirchhofe aus entworfen hatte.

„Kennen Sie das Dorf?“

„Nein!“ sagte der Jäger kopfschüttelnd – „solch ein flacher Turm ist hier in der ganzen Gegend nicht.“

Das ist Germelshausen,“ rief Arnold – „und tragen sich so die Bauernmädchen in der Nachbarschaft, wie das Mädchen hier?“

„Hm, – nein! – was ist denn das für ein wunderlicher Leichenzug, den Ihr da darauf habt?“

Arnold antwortete ihm nicht; er schob die Blätter wieder in seine Mappe zurück, und ein eigenes, wehes Gefühl durchbebte ihn.

„Den Weg nach Dillstedt können Sie nicht verfehlen,“ sagte der Jäger gutmüthig, denn ein dunkler Verdacht stieg jetzt in ihm auf, daß es im Kopfe des Fremden nicht so ganz richtig sein möchte, – „wenn Sie es aber wünschen, will ich Sie begleiten, bis wir den Ort liegen sehen; ich gehe mir so nicht viel aus dem Wege.“

„Ich danke Ihnen,“ wehrte aber Arnold ab. „Dort hinüber finde ich mich schon zurecht. Also alle hundert Jahre nur soll das Dorf nach oben kommen?“

„So erzählen die Leute,“ meinte der Jäger – „wer weiß aber, ob’s wahr ist.“

Arnold hatte seinen Tornister wieder aufgenommen.

„Grüß Gott!“ sagte er, dem Jäger die Hand entgegenstreckend.

„Schönen Dank!“ erwiderte der Forstmann – „wo gehn Sie jetzt hin?“

„Nach Dillstedt.“

„Das ist recht – dort oben über dem Hang kommen Sie auch wieder auf den breiten Fahrweg.“

Arnold wandte sich ab, und schritt langsam seine Bahn entlang. Erst auf dem Hange oben, von dem aus er den ganzen Grund übersehen konnte, blieb er noch einmal stehen und schaute zurück.

„Leb’ wohl, Gertrud!“ murmelte er leise, und als er über den Hang hinüberschritt, drängten sich ihm die großen hellen Thränen aus den Augen.