Geschichte des Illuminaten-Ordens/Freiherr v. Knigge und sein Einfluss auf die Ordensentwickelung

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Das System des Illuminatenordens bis zum Jahre 1781 Geschichte des Illuminaten-Ordens (1906) von Leopold Engel
Freiherr v. Knigge und sein Einfluss auf die Ordensentwickelung
Die letzten Ordensgrade und der Austritt Philos


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Freiherr v. Knigge und sein Einfluss auf die Ordensentwickelung.
Adolf, Freiherr v. Knigge, geboren in Bredenbeck bei Hannover den 16. Oktober 1752, gestorben in Bremen den 6. Mai 1796, war als 28jähriger junger Mann im Juli 1780 von Constanzo geworben und in den Orden eingeführt worden. Knigge war seiner Zeit einer der beliebtesten Schriftsteller, sein Werk „Über den Umgang mit Menschen", hat noch heute Wert und ist allbekannt.
Adolf, Freiherr v. Knigge.
Er besass ausgebreitete Bekanntschaften unter den Freimaurern jener Zeit, verfügte über Überredungskunst und List, konnte mit Leichtigkeit über alles sprechen, unterstützt von einer ausgezeichneten Darstellungskunst, kurz, er war in jeder Beziehung der geeignete Weltmann, welcher imstande war, der Ausbreitung des Ordens wesentlich zu nützen. Er tat das auch in der ausgiebigsten Weise, nachdem er Einsicht in das System erhalten und dieses zusammen mit Weishaupt ausgearbeitet hatte. Viele Freimaurer wurden durch ihn angeworben, denn Knigge reiste von Stadt zu Stadt, von Loge zu Loge, von einem Freimaurer zum andern, überall das von ihm entdeckte neue System mit der ihm eigenen Gewandtheit empfehlend. — Bevor wir jedoch diese Tätigkeit seinerseits etwas beleuchten, ist es nötig, in der Zwackhschen Ordensgeschichte fortzufahren, um einen festen Untergrund für die sich allmählich jetzt zuspitzenden Ereignisse zu schaffen.

Zwackh sagt in seinem Manuskript über Knigge.

§ 10.

Kaum hatte dieser neue Mitstifter den Plan, die vorhandenen Minerval und kleinen Illuminaten Grade, die Materialien [115] zu den künftigen und die unter den areopagiten geführten Correspondenzen eingesehen, als er darüber seine Bemerkungen und neue Vorschläge das ganze zu ordnen seinen übrigen Kollegen zusandte, welche damit so zufrieden gewesen, dass sie ihm und W. ganz allein die Verfassung der weiteren Grade überliessen, und sich nur ihre Erinnerungen vorbehielten, wenn wider Verhoffen darin etwas gegen den allgemeinen Zweck vorkommen sollte. Knigge, wie schon erinnert worden, war ganz in allen Fächern der Massonerie bewandert, der Wilhelmsbader Kongress war eben ausgeschrieben, wo er zu erscheinen und eine der ersten Rollen zu bestellen hatte; er wusste, dass sich Tempelritter und Klerici mit ihren Ordensbeförderungen und Geheimnissen nicht mehr begnügten, dass die reforme einen andern Zweck und Gestalt erhalten sollte, dass viele Maurer mit andern unbekannten Verbrüderungen, die Neugierde erwecken und Anhänger finden würden, und dass diese Gelegenheit wohl am besten zu benützen wäre, wenn er aus dem bisshero unbedeutenden Minerval Orden ein neues Maurerisches System herzustellen trachten würde. Er brachte also diese Umschaffung des Ordens in Vorschlag und da die andern areopagiten sich wegen der daraus erscheinenden Vortheile leicht zu diesem Entschluss bereden liessen, so entwarf er mit W. den grösseren und den dirigirenden Illuminaten oder schottischen Rittergrad. Diesem letzteren gaben sie deswegen nun maurerische Zeremonien, um desto leichter damit Eingang zu finden.

§11.

Was für ein ganz andere Gestalt nunmehr der Illum. Orden erhalten hat, geben zwar die Beylagen C. u. C[1] das umständliche und verlässigen an Handen, allein um den Faden der Geschichte nicht abzubrechen, liefere ich hier einen Auszug davon. Der Ordenszweck blieb auch hier noch der nehmliche, welcher in dem Vertrag festgesetzt worden, aber die Grade, die Eintheilung derselben vorzüglich das Directionssystem wurde geändert, denn man nahm den Minervalgrad als eine Vorbereitungsklasse zu dem neuen Maurer System an, die zweyte Klasse sollen die allgemein ersten drey maurer Grade enthalten. Die dritte als das geheime Kapitel der Loge besteht aus grösseren, [116] und dirigirenden Illuminaten, die sich auf das Studium der Menschenkenntniss verlegen und alle Geschäfte der Minervalen und der Loge besorgten, doch aber ober sich noch Vorgesetzte annahmen, welchen alle Verfügungen monatlich einberichtet werden mussten, und deren Verordnungen an das geheime Kapitel und von diesen an die übrigen Mitglieder erlassen wurden. Diese Vorgesetzte sollten aber indessen die Provinzialen und der Nazional seyn, biss die weiteren Grade zu den Mysterien bearbeitet wären, welche einen vollständigen Unterricht in jeder Wissenschaft und Kunst, in den verschiedenen Systemen der Philosophie, in der Einsicht aller geheimen Verbindungen, und was man noch wichtiges mit der Zeit in dem Revier entdecken würde, geben sollten.

Der Nahme dieses besonderen Zweigs der Massonerie war Illuminaten Freymaurer. — — —

Die von Zwackh erwähnten zwei Beilagen gänzlich hier abzudrucken, würde nur ermüden, sie bestehen aus einem Brief des Zwackh im Auftrage aller Münchener Areopagiten, unterzeichnet mit Cato, datiert München vom 12. December 1782, adressiert an den Areopag, in dem er über den Inhalt des Neuen Ordensplanes, verfasst Ingolstadt, den 10. December 1782, sich auslässt und den umfänglichen Neuen Ordensplan, wie er von Knigge und Weishaupt ausgearbeitet wurde.

Der Brief beginnt mit den Worten:

Hier folgt der vom Areopagus uns mitgeteilte neuere Ordensplan wiederum zurück. Wir haben uns davon eine Abschrift genommen, und werden nichts ermangeln lassen, um ihn sobald als es möglich ist, ganz einzuführen, etc. — Das zweite Schriftstück ist deutlich mit „Neuer Plan" bezeichnet, trotzalledem erzählt Du Moulin Eckart, der in den Forschungen zur Kultur- und Litteraturgeschichte Bayerns unter Zugrundelegung eben dieser Papiere, die jetzt in meinem Besitze sind, über Zwackh im 3. Buche genannten Werkes schreibt, dass letzterer an dem Ausbau des Bundes hervorragend beteiligt gewesen und dass als Beweis die eigene Niederschrift Zwackhs, die er selbst unter dem Titel „Mein(!) Plan" angibt, gelten müsse. Es ist unverständlich, wie solcher Irrtum bei nur einigermassen genauem Durchlesen der Papiere unterlaufen kann. Wir sind jedoch genötigt, denselben festzunageln, damit nicht, wie leider schon früher von anderen geschehen, solche Fehler weitergeschleppt und als historisch nachgesprochen werden. [117] Zwackh hat an der Ausarbeitung des Ordenssystems gar keinen bedeutenden Anteil gehabt, wie die bisher bekannt gegebenen Schriften genügend beweisen, aber ein aufrichtiger Freund Weishaupts, der dessen Absichten getreulich unterstützte, war er jederzeit.

Der Orden bestand nun nach dem Neuen Ordensplan vom 10. December 1787 aus folgenden Klassen:

Erste Klasse.

Erster Grad. Minervalgrad oder Vorbereitungs Pflanz Schule.

Zweiter Grad. Der Kleinere Illuminat.

Zweite Klasse.

Dritter Grad. Die drei gewöhnlichen ersten Stufen der Mauerei, Lehrling, Gesell, Meister.

Vierter Grad. Der grössere Illuminat.

Fünfter Grad. Der dirigirende Illuminat, oder der Schottische Ritter.

Dritte Klasse.

In diese sollten die höheren Ordens-Geheimnisse kommen, sie war jedoch noch nicht bis zum 12. Dec. 1782 ausgearbeitet. Erst später kamen der Priester- und Regentengrad hinzu; wir werden auf beide noch zurückkommen.

Der besagte Brief Zwackhs an den Areopag enthält zum Schluss eine besondere Stelle, die uns interessiert. Diese lautet:

„Zu den Decorationen einer (Loge), welche in Eleusis (Ingolstadt) sollte errichtet werden, können wir aus eigener provinzial Kasse dermalen nichts beytragen. Die Rechnungen der Quaestoren und des Schatzmeisters zeigen, dass wir mit der grössten Mühe die hiesigen Verzierungen, die Correspondenz Auslagen, die Almosen vor reisende Maurer, und die monatlichen Beiträge vor unsere arme, studierende Jugend bestreiten können, Marius muss öfters von seinem eigenen Vorschuss machen. Mehr als die Hälfte unserer Mitglieder zahlt gar nichts, und die andern so saumselig, dass man am Ende Nachlässe bewilligen muss." — —

Es geht aus diesen Worten hervor, dass Ende Dezember 1782 in Eleusis, d. i. Ingolstadt eine Loge eingerichtet wurde, die zu ihrer Dekoration besonderer Mittel bedarf. Damit ist festgelegt, zu welcher Zeit der noch in Ingolstadt befindliche [118] Illuminatensaal entstand, der in den Jahren 1903 und 1904 von dem heutigen Orden wiederhergestellt wurde. Der Saal ist wegen seiner künstlerischen Barockdecke von kunsthistorischer Bedeutung, ganz abgesehen von den historischen Szenen, die sich in seinem Raume abgespielt haben.

In der Altbayrischen Monatsschrift, herausgegeben vom historischen Verein von Oberbayern, gibt im 2. und 3. Heft, Jahrgang 1900, Professor Joseph Hartmann folgende Beschreibung von der Örtlichkeit[2] des Illuminatensaales.

Der häusliche Raum, in welchem die Illuminaten zu Ingolstadt ihre Zusammenkünfte abzuhalten pflegten, existiert noch heute und heisst gemeinhin der Illuminatensaal. Er findet sich in einem kleinen Rückgebäude des Hauses No. 23 in der Theresienstrasse, welches früher als Nummer 298 am Weinmarkt im Besitze von Universitätsprofessoren war. So besass es um 1719 Professor Dr. Joh. Adam Morasch, um 1762 Professor Georg Christoph Emanuel Härtel. Um 1777, also zur Zeit Weishaupts, war es bereits Eigentum eines Bürgers Franz Riedmaier, des sog. Augsburger Boten.

Zu diesem Illuminatensaal konnte man von zwei Seiten; sowohl vom Weinmarkt, als auch von der Schulgasse aus gelangen, so dass man nicht gerade da, wo man hineingekommen war, wieder hinauszugehen brauchte. Ohne Zweifel hat man es hier mit einem ehemaligen Privathörsaale zu tun, zu welchem Auskunftsmittel sich irgend ein Universitätsprofessor gleich manchem Kollegen gezwungen sah, weil in dem eigentlichen Universitätsgebäude nicht genügend Raum vorhanden war." —

Dieser Saal eignete sich zur Abhaltung von Logenversammlungen und zu Aufnahmen ganz vortrefflich, denn er liegt abseits der Strasse, die Fenster nach dem Hofe gerichtet, man konnte von zwei Strassen aus denselben erreichen, kurz die Versammlungen konnten möglichst unbeobachtet abgehalten werden.

Zur Dekoration wurde hauptsächlich die in Stuck reich ausgestattete Decke ausgeführt, die vier grössere und vier kleinere Medaillons in Stuck und ein 3 Meter langes, nahezu 2 Meter breites Mittelgemälde aufweist (s. S. 120/21). In derber Manier jenes Zeitalters zeigt ein Medaillon die Bestrafung der Neugierde, [119] darüber die Gans, als Symbol der Dummheit. Diesem gegenüber stellt der Priester im Medaillon einen höheren Illuminaten vor, die drei Hunde bedeuten Treue, Gehorsam, Wachsamkeit. Über ihm schwebt ein Adler, die göttliche Begeisterung darstellend. Die beiden grösseren seitlichen Medaillons bezeichnen den Frühling, als Zeit der Aussaat und den Herbst als solche der Ernte. Die kleineren Medaillons bezeichnen Symbole der Sicherheit, Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.

Ausserdem enthält die Decke noch eine ganze Anzahl kleinere Figuren, die alle eine besondere Bedeutung besitzen.

Bemerkenswert ist das künstlerische Arrangement der Verzierungen. Jeder einzelne Teil ist anders und dennoch wirkt das Ganze ausserordentlich harmonisch. Man vergleiche die Abbildung.

Der Saal war jedenfalls noch mit einem grösseren Wandgemälde geschmückt, darauf lässt eine Fuge an einer Mauerseite schliessen, die wahrscheinlich zur Stütze des Rahmens diente. Wer dieses Kunstwerk, das in der Stukkatur noch unverändert vorhanden ist, einstens herstellte, ist unbekannt, jedenfalls kann es kein Laie gewesen sein. Das Mittelgemälde, umgeben von den Stuckverzierungen, war vor der Restauration nur noch in schwachen, doch genügenden Tönen erkennbar, um es dem Kunstmaler Oskar Rothe in Dresden zu ermöglichen, dasselbe wieder gänzlich herzustellen. Genanntem Künstler hat der Orden auch die vorzüglich gelungene, gänzliche Herstellung der Decke zu verdanken, sowie des ganzen Raumes. Es sei ihm daher an dieser Stelle der besondere Dank dafür ausgesprochen.

Als der Orden 1785 aufgehoben und die Logen geschlossen werden mussten, kam dieser Raum bald in Vergessenheit. Er verfiel, und diente den profansten Zwecken: als Speicher, Druckerei und schliesslich als Schusterwerkstätte. Die Tünche und der Schmutz von 118 Jahren mussten erst entfernt werden, damit die klaren Linien der Stuckarbeit wieder zum Vorschein kommen konnten, die jetzt das Auge erfreuen. Der Saal wird fremden Besuchern von Ingolstadt gezeigt, eine Tafel zeigt an, wohin man sich zu wenden hat.

Nach dieser Abschweifung kommen wir nunmehr auf die Tätigkeit Knigges zurück. Dieselbe wird am klarsten, wenn in chronologischer Reihenfolge Auszüge aus Briefen Weishaupts und Knigges gegeben werden. Es wird sodann auch ersichtlich. [120] dass es wegen der Verschiedenheit der Charaktere beider unbedingt zum Bruche zwischen ihnen kommen musste, umsomehr da Weishaupt, wie wir gesehen haben, zäh und konsequent an dem ursprünglichen Ordensplan bisher festhielt und nur bezüglich der äusseren Form des Ordens sich nachgiebig zeigte.

Die hier zu sichtende Korrespondenz beginnt bereits 1780 als Knigge dem Orden nähertrat, und befindet sich meistens in den s. Zt. auf kurfürstliehen Befehl gedruckten Originalschriften, sowie im Nachtrag zu den Originalschriften. Diese s. Zt. als Beweis für die Verwerflichkeit des Ordens veröffentlichten Schriften sind heute eine unumstössliche Fundgrube für die historischen Vorgänge und — der im Grunde eigentlich recht harmlosen Tatsachen.

Weishaupt schreibt,am 11. November 1780.[3]

Philo hat an mich geschrieben, sehr obligeant, er verspricht alles zu thun. Hat nebst dem von ihm in seinem Primo überreichten Billet 5 neue Candidaten vorgeschlagen, worunter der M(eister) v. St. (vom Stuhl) der stricten Observanz in Edessa ist. Dieses Primo muss in Athen sein. Ich habe es aber noch nicht erhalten, eben so wenig, als ich noch Nachricht habe, ob der Illuminaten-Grad, den ich an Marius gesandt, eingetroffen sey. — — — Und wegen den Primo des Philo bitte ich zu bedenken, dass, wenn ich mit Philo correspondieren soll, und sie nicht fleissig mit mir conferieren, es leicht geschehen könne, dass der eine schwarz und der andere weiss schreibt. —

Philo an Cato (Knigge an Zwackh) ohne Datum.[4]

Ich schätze mich gewiss sehr glücklich, mit so würdigen und einsichtsvollen Männern in engere Verbindung gekommen zu seyn, und werde es mir, von nun an, das süsseste Geschäft seyn lassen, mich dieser Ehre werther zu machen. Wenigstens sollen sie finden, dass es mir nicht an gutem Willen, Eifer und Thätigkeit fehlt, und dass, um für die gute Sache alles zu wagen, ich weder Gefahr noch Schwierigkeit scheue.

Nun zu Beantwortung ihres Auftrages! Ich muss bekennen, dass, wenn ich in ihrer Stelle wäre, ich mich um keine (Loge) [121] in der Welt bekümmern, niemand nichts bezahlen, niemand fragen, von niemand abhängig werden, sondern die jetzige crisis nützen würde, um gänzlich frey zu arbeiten und andere Logen zu constituiren. Wer würde es ihnen verbiethen können, da jetzt ohnehin niemand weiss, wer recht hat? Die grosse, englische Nationalloge erkennt nicht einmal die Gerechtsame von Royal-York, aber wer will sie absetzen? — Doch das geht mich nichts an. Also zur Sache!

Wenn sie von London aus eine Provincial-Constitution haben wollen, so wird das weder schwer halten, noch viel kosten. Etwas muss für das Diplom bezahlt, und ein Mann vorgeschlagen werden, auf dessen Namen es gestellt wird (doch ist auch letzteres kaum nöthig). An jährlichen Abgaben wird von keiner von England aus constituirten Loge das geringste bezahlt, ausser etwa alle 3—4 Jahre ein freywilliges kleines Geschenk von etwa 3 Carolinen zu der Charité, (doch ist auch diess willkürlich und geschieht nicht immer.)

Wollen Sie nun einen Aufsatz an die grosse Nationalloge in französischer oder besser in englischer Sprache machen, sich darinn hauptsächlich über das Constitutions widrige Gelderpressen der Royal-York beschweren, und um ein Provincial-Diplom für einen gewissen Niemand eingeräumten District bitten, diesen Aufsatz auch allenfalls nur als einen Brief an den Gross-Secretaire abfassen, und mir sodann einschicken; so will ich sorgen und dafür einstehen, dass Gogel und Aristippus ihn kräftig unterstützen sollen. —


Diese Anregungen Knigges fielen bei Weishaupt auf fruchtbaren Boden und der Gedanke, seinen Orden von der Freimaurerei unabhängig und diese möglichst dem Orden dienstbar zu machen, spricht sich in folgendem Briefe an die Münchner Areopagiten aus. Sp. A. A. S. d.[5]

Hier folgt Philos Antwort auf die Anfrage wegen der Maurerey nebst dem, was er in dieser Sache an mich geschrieben, welches ich mir zurückerbitte. Ich bin mit ihm ganz verstanden und nun erwarte ich von Celsus (Dr. Baader), Cato (Zwackh), Scipio (v. Berger) und Marius (Hertel), von jedem ein besonderes Gutachten über folgende Fragen:

[122] Wie ist diese Losreissung im geheimen Kapitel zu Athen durchzusetzen, so und dergestalt, dass sich das ganze geheime Kapitel unserm Orden unterwirft, solchem alles überlasse, und nur von diesem allein die weitern Grade erwarte?

Wie wäre es, wenn in dem geheimen Kapitel ein derley Ordensbefehl verlesen würde? Von welchem Innhalte müsste er seyn? welche anlockende Beweggründe mussten darinn enthalten seyn?

Was wäre zu thun, wenn sich die Capitularen zu dieser Trennung und Unterwerfung nicht verstehen wollten? In Summa, wie ist diese Losmachung von Berlin zu benutzen, dass nicht nur allein die Loge St. Theodor, sondern auch das geheime Kapitel selbst sich dem Orden unterwerfe?

Ich erwarte darüber, sobald möglich, ihre Meynungen und Entwürfe; und mir wäre es sehr lieb, wenn sie Celsus zum Director unsers ganzen Maurer-Systems ernennen wollten. Anbey aber, so wie es in den andern Provinzen geschieht, die Verwaltung der Provinz in Ordens-Sachen zur Erhaltung der Einheit und Ordnung an Cato überliessen. Marius und Scipio werde ich ein eigenes Departement anweisen, das sie ebenfalls unabhängig von den übrigen verwalten.

Philo schreibt mir auch unter andern:

Nun habe ich in Cassel den besten Mann gefunden, zu dem ich uns nicht genug Glück wünschen kann: es ist Mauvillon, Meister vom Stuhl einer von Royal York aus constituirten Loge. Also haben wir mit ihm auch gewiss die ganze Loge in unsern Händen. Er hat auch von dort aus alle ihre elenden Grade.

Spartacus.

Nachdem nun Anfang 1781 Weishaupt eingesehen hatte, dass die bisherigen Münchner Areopagiten seinen Zwecken wenig taugten, war er entschlossen (s. S. 367/70 d. Originalschriften) einen Weg einzuschlagen, der die ihm unbrauchbar scheinenden Mitglieder entfernen solle; in dem Brief an Zwackh rät er deswegen, diese machen zu lassen was sie wollen. In diesem Zustande des Ordens lag der Grund Knigge als Retter anzusehen und ihm später die Ordnung desselben anzuvertrauen, sowie die Ausarbeitung und Einführung der Grade ihm neben Weishaupt zu übertragen, wie Zwackh in seiner Geschichte berichtet. Bis es jedoch dazu kam, waren bereits Meinungsverschiedenheiten [123] aufgetaucht und kommt infolgedessen bereits sehr früh die Unzufriedenheit Weishaupts zum Vorschein. Er schreibt daher an Zwackh nach vorhergegangenen Klagen über die Areopagiten am 26. Mai 1781:

„Den Grad, den Philo zur Probe entworfen, und auf die Maurerey appliciert, hat auch Mahomet entworfen. Aber die Wahrheit zu gestehen, keiner davon gefällt mir: es ist alles so trocken, so mager, hat so wenig Einfluss auf Herz und Leidenschaften, auf Änderung der Gemüther, dass man es aus allen Ideen sieht, dass es denen selbst nicht Ernst war, die solchen entworfen. O! das ist ganz was anders, aus dem Kopf und aus dem Herzen zu schreiben. Keine Ermunterung, keine Aufforderung des Muths! alles trocken oder wässericht ohne Feuer. Philos Briefe sind noch am meisten von empfundenen Innhalt; aber sein Grad ist es nicht, wenigstens erreicht er mein Ideal nicht. Das hat mich genöthigt, mich selbst über die Arbeit zu machen. Ich denke, wenn sie es lesen, sie sollen den Unterschied merken, wem dabey am meisten Ernst war, und wie sehr man unrecht hat, wenn man mich in meinem System irre macht. — — Ich halte diesen Grad für ein gutes Stück Arbeit, für einen Fundamental-Grad, und doch war er nicht in unserm Plan. Alles Planmachen ist dermalen umsonst, alle Entwürfe vom Ordens-System sind vergebene Arbeit, sie werden es noch selbst finden. Man sollte die Grade nach dem einrichten, was die Umstände erfordern. Die Zeit und der Erfolg sollte zeigen, was man zu ändern hat. Ich selbst lerne täglich, und sehe ein, dass ich das, was ich vor einem Jahr gemacht, dieses Jahr ungleich besser machen würde. Warum wollen wir eilen, Grad über Grad entwerfen, die vielleicht alle unnütz sind, wenn die Zeit kömmt, wo sie sollen eingeführt werden. Ich will mein System auf die Natur der Menschen bauen. Lassen Sie mich also erst beobachten, was gut thut, was nicht, wo man zu helfen braucht, und wo sie von selbst thuen, was man haben will."

Weishaupt war tatsächlich der einzige im Orden, der streng darauf achtete, sein System der Notwendigkeit unterzuordnen, wohl wissend, dass dadurch allein der Bestand des Ordens gesichert würde. Phantastische Grade entwerfen, ohne eine Spur der Notwendigkeit, dass durch diese der Zweck der Vereinigung [124] sicherer erreicht werde, dann die Mitglieder in die Äusserlichkeit dieser Form einpressen und einschnüren, ist leider ein vielfach

Weishaupts Handschrift.
Original unter Zwackhs Nachlass im Besitz des Autors.

noch jetzt angewandtes, unbrauchbares Rezept, dem auch Knigge huldigte. Letzterem war es ebenso wie vielen Areopagiten nur darum zu tun, viele Mitglieder zu haben, um dadurch [125] Eindruck zu erzielen, die geistige Qualität stand in zweiter Linie. Weishaupt hatte allerdings auch manche Missgriffe in der Wahl der Ordensangehörigen getan, war jedoch gewitzigt und vorsichtiger geworden, wollte daher frühere Fehler nicht wiederholen und predigte stets, diese zu vermeiden. Zum Beweise nachfolgende Stellen aus seinem Briefwechsel an Zwackh:

Auch[6] müssen diese Grade nicht mit blossen Zahlen und Lückenfüllern angefüllt seyn, es sollten lauter zweckmässige Leute sein, die auch zweckmässig arbeiten. Es soll eine Mauerey seyn, die sich durch die Reinheit und Ehrwürdigkeit der Mitglieder, durch ihre subordination, Bildung von allen bisherigen unterscheidet. Ich wollte also nicht rathen jeden Schüler, wenn er auch übrigens nicht taugt, aufzunehmen. Sie sollten auch hier nach und nach in der Auswahl und Bildung der Mitglieder so streng als bey den übrigen seyn; denn die Maurerey ist nunmehr mit dem Orden ein und derselbe Körper.


Ich[7] gestehe es gern ein, dass im Orden ungleich bessere und grössere Gelehrte sind, als ich: aber das getraue ich mir zu behaupten, dass Keiner von allen, auch nicht einmal Philo, so sehr die Kunst verstehe, die kleinsten Umstände zu nützen, und die Mängel und Gebrechen einer derley künstlichen Maschine zu übersehen.


Philo[8] sagt freylich, dass er mir 500 Menschen geliefert: aber 1.) sind es nicht so viele, 2.) sind seine Provinzen in einer Verwirrung, dass ich mir nicht zu helfen weiss. Nachdem er sich mit allen Leuten abgeworfen, sein Credit und Vertrauen verlohren, so soll ich nun wieder so die Sache in Gang bringen. Philo ist gut zum Anwerben, aber er hat die Geduld nicht, um Leute zu erhalten, prüft sie nicht genau: daher muss ich von all den Leuten wohl die Hälfte laufen lassen, und zum grössten Unglücke sind die Obern sehr partheisch, ohne alle Menschenkenntniss gewählt: das allein macht mir Mühe und Denken.


Mit[9] nächstem Bothen erhalten sie eine etlich und 20 Bogen lange deduction des Minos, welche sie bei ihrem Ordens-Archiv [126] behalten können. Lesen sie solche aufmerksam, und urtheilen sie als Jurist: sie werden finden, dass mir Philo zum Inspectorn von Niedersachsen, einen Erzrosenkreutzer, einen mystischen Narrn gestellt, der noch dazu mit W ... (Wöllner) in correspondenz steht: der gar keine Anhänglichkeit hat: der Bericht auf 6 Zeilen erstattet. — — — Es ist wahr, ich kann keinen Fehler ausstehen, und muss ihn sogleich bereden: aber fordert das nicht das Wohl der Sache? Wäre meine Nachsicht nicht offenbarer Schaden? — — Dermalen steht noch alles auf Schrauben; lassen sie 5 oder 6 active Männer weichen, oder degoutirt werden, so ist alles verlohren. Und wie leicht werden diese Leute durch unkluge Streiche des Philo, den sie als einen Obern kennen, abgeschreckt. An Oberen sind die kleinsten Mängel entsetzliche Fehler, weil die Leute von Obern eines solchen instituts auch hohen Begriff haben. — — Dieses ist warum ich lärme, weil ich die Folgen vorhersehe, die ihr, meine Herren, erst erwarten wollt. Ich sehe, dass beynahe noch kein einziger Areopagit meinen Plan ganz versteht: sie hangen noch allzusehr an der äussern Form, in das Innere, und Feinste dringt beynahe gar keiner ein. Doch hoffe ich, soll auch das noch gehen, wenn die Sache nicht zu frühe gänzlich verdorben wird.

Hier folgt ein insolenter Brief von Philo; lesen sie wie er gross spricht, und alle Welt trotzen kann. Das konnte doch Cäsar und Alexander nicht.


  1. Beide sind im Original im Besitze des Autors vorhanden.
    Vergl. Aus den Papieren eines Illuminaten. Seite 191, und 234 die Quellennachweise.
  2. Im Artikel: Professor Adam Weishaupt zu Ingolstadt und sein Illuminatismus.
  3. S. 355/56 Originalschriften.
  4. S. 357 Originalschriften.
  5. S. 359/60 Originalschriften.
  6. Nachtrag v. weit. Originalschriften, S. 29, 30.
  7. Nachtrag S. 33/34.
  8. Ebenda S. 69.
  9. Ebenda S. 88 u. 90/91.
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