Geschichte des dreyßigjährigen Kriegs/Fünftes Buch

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« Viertes Buch Friedrich Schiller
Geschichte des dreyßigjährigen Kriegs
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[415] Wallensteins Tod machte einen neuen Generalissimus nothwendig, und der Kaiser gab nun endlich dem Zureden der Spanier nach, seinen Sohn Ferdinand, König von Ungarn, zu dieser Würde zu erheben. Unter ihm führte der Graf von Gallas das Kommando, der die Funktionen des Feldherrn ausübt, während daß der Prinz diesen Posten eigentlich nur mit seinem Namen und Ansehen schmückt. Bald sammelt sich eine beträchtliche Macht unter Ferdinands Fahnen, der Herzog von Lothringen führt ihm in Person Hülfsvölker zu, und aus Italien erscheint der Kardinal Infant mit zehntausend Mann, seine Armee zu verstärken. Um den Feind von der Donau zu vertreiben, unternimmt der neue Feldherr, was man von seinem Vorgänger nicht hatte erhalten können, die Belagerung der Stadt Regensburg. Umsonst dringt Herzog Bernhard von Weimar in das Innerste von Bayern, um den Feind von dieser Stadt wegzulocken; Ferdinand betreibt die Belagerung mit standhaftem Ernst, und die Reichsstadt öffnet ihm, nach der hartnäckigsten Gegenwehr, die Thore. Donauwerth betrifft bald darauf ein ähnliches Schicksal, und nun wird Nördlingen in Schwaben belagert. Der Verlust so vieler Reichsstädte mußte der Schwedischen Partey um so empfindlicher fallen, da die Freundschaft dieser Städte für das Glück ihrer Waffen bis jetzt so entscheidend war, also Gleichgültigkeit gegen das Schicksal derselben um so weniger verantwortet werden konnte. Es gereichte ihnen zur unauslöschlichen Schande, ihre Bundesgenossen in der Noth zu verlassen, und der Rachsucht eines unversöhnlichen Siegers preis zu [416] geben. Durch diese Gründe bewogen, setzt sich die Schwedische Armee, unter der Anführung Horns und Bernhards von Weimar, nach Nördlingen in Bewegung, entschlossen, auch wenn es eine Schlacht kosten sollte, diese Stadt zu entsetzen.

Das Unternehmen war mißlich, da die Macht des Feindes der Schwedischen merklich überlegen war, und die Klugheit rieth um so mehr an, unter diesen Umständen nicht zu schlagen, da die feindliche Macht sich in kurzer Zeit trennen mußte, und die Bestimmung der Italienischen Truppen sie nach den Niederlanden rief. Man konnte indessen eine solche Stellung erwählen, daß Nördlingen gedeckt und dem Feinde die Zufuhr genommen wurde. Alle diese Gründe machte Gustav Horn in dem Schwedischen Kriegsrathe geltend; aber seine Vorstellungen fanden keinen Eingang bey Gemüthern, die, von einem langen Kriegsglücke trunken, in den Rathschlägen der Klugheit nur die Stimme der Furcht zu vernehmen glaubten. Von dem höhern Ansehen Herzog Bernhards überstimmt, mußte sich Gustav Horn wider Willen zu einer Schlacht entschliessen, deren unglücklichen Ausgang ihm eine schwarze Ahndung vorher schon verkündigte.

Das ganze Schicksal des Treffens schien von Besetzung einer Anhöhe abzuhängen, die das kaiserliche Lager beherrschte. Der Versuch, dieselbe noch in der Nacht zu ersteigen, war mißlungen, weil der mühsame Transport des Geschützes durch Hohlwege und Gehölze den Marsch der Truppen verzögerte. Als man gegen die Mitternachtsstunde davor erschien, hatte der Feind die Anhöhe schon besetzt, und durch starke Schanzen vertheidigt. Man erwartete also den Anbruch des Tags, um sie im Sturme zu ersteigen. Die ungestüme Tapferkeit der Schweden machte sich durch alle Hindernisse Bahn, die mondförmigen Schanzen werden von jeder der dazu kommandirten Brigaden [417] glücklich erstiegen; aber da beyde zu gleicher Zeit von entgegengesetzten Seiten in die Verschanzungen dringen, so treffen sie gegen einander und verwirren sich. In diesem unglücklichen Augenblick geschieht es, daß ein Pulverfaß in die Luft fliegt, und unter den Schwedischen Völkern die größte Unordnung anrichtet. Die kaiserliche Reiterey bricht in die zerrissenen Glieder, und die Flucht wird allgemein. Kein Zureden ihres Generals kann die Fliehenden bewegen, den Angriff zu erneuern.

Er entschließt sich also, um diesen wichtigen Posten zu behaupten, frische Völker dagegen anzuführen; aber indessen haben einige Spanische Regimenter ihn besetzt, und jeder Versuch ihn zu erobern, wird durch die heldenmüthige Tapferkeit dieser Truppen vereitelt. Ein von Bernhard herbeygeschicktes Regiment setzt siebenmal an, und siebenmal wird es zurück getrieben. Bald empfindet man den Nachtheil, sich dieses Postens nicht bemächtigt zu haben. Das Feuer des feindlichen Geschützes von der Anhöhe richtet auf dem angrenzenden Flügel der Schweden eine fürchterliche Niederlage an, daß Gustav Horn der ihn anführt, sich zum Rückzug entschließen muß. Anstatt diesen Rückzug seines Gehülfen dekken, und den nachsetzenden Feind aufhalten zu können, wird Herzog Bernhard selbst von der überlegenen Macht des Feindes in die Ebene herabgetrieben, wo seine flüchtige Reiterey die Hornischen Völker mit in Verwirrung bringt, und Niederlage und Flucht allgemein macht. Beynahe die ganze Infanterie wird gefangen oder niedergehauen; mehr als zwölftausend Mann bleiben todt auf dem Wahlplatze; achtzig Kanonen, gegen viertausend Wägen und dreyhundert Standarten und Fahnen fallen in kaiserliche Hände. Gustav Horn selbst geräth nebst drey andern Generalen in die Gefangenschaft. Herzog Bernhard rettet mit Mühe einige schwache [418] Trümmer der Armee, die sich erst zu Frankfurt wieder unter seine Fahnen versammeln.

Die Nördlinger Niederlage kostete dem Reichskanzler die zweyte schlaflose Nacht in Deutschland. Unübersehbar groß war der Verlust, den sie nach sich zog. Die Ueberlegenheit im Felde war nun auf einmal für die Schweden verloren, und mit ihr das Vertrauen aller Bundsgenossen, die man ohnehin nur dem bisherigen Kriegsglücke verdankte. Eine gefährliche Trennung drohte dem ganzen protestantischen Bunde den Untergang. Furcht und Schrecken ergriffen die ganze Partey, und die katholische erhob sich mit übermüthigem Triumph aus ihrem tiefen Verfalle. Schwaben und die nächsten Kreise empfanden die ersten Folgen der Nördlinger Niederlage, und Wirtemberg besonders wurde von der siegenden Armee überschwemmt. Alle Mitglieder des Heilbronnischen Bundes zitterten vor der Rache des Kaisers; was fliehen konnte, rettete sich nach Straßburg, und die hülflosen Reichsstädte erwarteten mit Bangigkeit ihr Schicksal. Etwas mehr Mäßigung gegen die Besiegten würde alle diese schwächern Stände unter die Herrschaft des Kaisers zurückgeführt haben. Aber die Härte, die man auch gegen diejenigen bewies, welche sich freywillig unterwarfen, brachte die übrigen zur Verzweiflung, und ermunterte sie zu dem thätigsten Widerstande.

Alles suchte in dieser Verlegenheit Rath und Hülfe bey Oxenstierna; Oxenstierna suchte sie bey den Deutschen Ständen. Es fehlte an Armeen; es fehlte an Geld, neue aufzurichten und den alten die ungestüm geforderten Rückstände zu bezahlen. Oxenstierna wendet sich an den Churfürsten von Sachsen, der ihn schimpflich im Stiche läßt, um mit dem Kaiser zu Pirna über den Frieden zu traktiren. Er spricht die Niedersächsischen Stände um Beystand an; diese, schon längst der Schwedischen Geldfoderungen und Ansprüche müde, sorgen [419] jetzt bloß für sich selbst, und Herzog Georg von Lüneburg, anstatt dem obern Deutschland zu Hülfe zu eilen, belagert Minden, um es für sich selbst zu behalten. Von seinen Deutschen Alliirten hülflos gelassen, bemüht sich der Kanzler um den Beystand auswärtiger Mächte. England, Holland, Venedig werden um Geld, um Truppen angesprochen, und von der äußersten Noth getrieben, entschließt er sich endlich zu dem lange vermiedenen sauern Schritt, sich Frankreich in die Arme zu werfen.

Endlich war der Zeitpunkt erschienen, welchem Richelieu mit ungeduldiger Sehnsucht entgegen blickte. Nur die völlige Unmöglichkeit, sich auf einem andern Wege zu retten, konnte die protestantischen Stände Deutschlands vermögen, die Ansprüche Frankreichs auf das Elsaß zu unterstützen. Dieser äusserste Nothfall war jetzt vorhanden: Frankreich war unentbehrlich, und es ließ sich den lebhaften Antheil, den es von jetzt an an dem Deutschen Kriege nahm, mit einem theuern Preise bezahlen. Voll Glanz und Ehre betrat es jetzt den politischen Schauplatz. Schon hatte Oxenstierna, dem es wenig kostete Deutschlands Rechte und Besitzungen zu verschenken, die Reichsfestung Philippsburg und die noch übrigen verlangten Plätze an Richelieu abgetreten; jetzt schicken die Oberdeutschen Protestanten auch in ihrem Namen eine eigne Gesandtschaft ab, das Elsaß, die Festung Breysach (die erst erobert werden sollte) und alle Plätze am Oberrhein, die der Schlüssel zu Deutschland waren, unter Französischen Schutz zu geben. Was der Französische Schutz bedeute, hatte man an den Bisthümern Metz, Tull und Verdün gesehen, welche Frankreich schon seit Jahrhunderten selbst gegen ihre rechtmäßigen Eigenthümer beschützte. Das Trierische Gebiet hatte schon Französische Besatzungen; Lothringen war so gut als erobert, da es jeden Augenblick mit einer Armee überschwemmt [420] werden, und seinem furchtbaren Nachbar durch eigne Kraft nicht widerstehen konnte. Jetzt war die wahrscheinlichste Hoffnung für Frankreich vorhanden, auch das Elsaß zu seinen weitläuftigen Besitzungen zu schlagen, und, da man sich bald darauf mit den Holländern in die Spanischen Niederlande theilte, den Rhein zu seiner natürlichen Grenze gegen Deutschland zu machen. So schimpflich wurden Deutschlands Rechte von Deutschen Ständen an diese treulose habsüchtige Macht verkauft, die, unter der Larve einer uneigennützigen Freundschaft, nur nach Vergrösserung strebte, und, indem sie mit frecher Stirne die ehrenvolle Benennung einer Beschützerin annahm, bloß darauf bedacht war, ihr Netz auszuspannen, und in der allgemeinen Verwirrung sich selbst zu versorgen.

Für diese wichtigen Cessionen machte Frankreich sich anheischig, den Schwedischen Waffen durch Bekriegung der Spanier eine Diversion zu machen, und, wenn es mit dem Kaiser selbst zu einem öffentlichen Bruch kommen sollte, dießseits des Rheins eine Armee von zwölftausend Mann zu unterhalten, die dann in Vereinigung mit den Schweden und Deutschen gegen Oesterreich agiren würde. Zu dem Kriege mit den Spaniern wurde von diesen selbst die erwünschte Veranlassung gegeben. Sie überfielen von den Niederlanden aus die Stadt Trier, hieben die Französische Besatzung, die in derselben befindlich war, nieder, bemächtigten sich, gegen alle Rechte der Völker, der Person des Churfürsten, der sich unter Französischen Schutz begeben hatte, und führten ihn gefangen nach Flandern. Als der Kardinalinfant, als Statthalter der Spanischen Niederlande, dem König von Frankreich die geforderte Genugthuung abschlug, und sich weigerte, den gefangenen Fürsten in Freyheit zu setzen, kündigte ihm Richelieu, nach altem Brauche durch einen Wappenherold, zu Brüssel [421] förmlich den Krieg an, der auch wirklich von drey verschiedenen Armeen, in Mailand, in dem Veltlin und in Flandern, eröffnet wurde. Weniger Ernst schien es dem Französischen Minister mit dem Kriege gegen den Kaiser zu seyn, wobey weniger Vortheile zu ärnten und größere Schwierigkeiten zu besiegen waren. Dennoch wurde unter der Anführung des Kardinals von la Valette eine vierte Armee über den Rhein nach Deutschland gesendet, die in Vereinigung mit Herzog Bernhard, ohne vorhergegangene Kriegserklärung, gegen den Kaiser zu Felde zog.

Ein weit empfindlicherer Schlag, als selbst die Nördlinger Niederlage, war für die Schweden die Aussöhnung des Churfürsten von Sachsen mit dem Kaiser, welche, nach wiederholten wechselseitigen Versuchen, sie zu hindern und zu befördern, endlich im Jahr 1634 zu Pirna erfolgte, und im May des darauf folgenden Jahres zu Prag in einem förmlichen Frieden befestigt wurde. Nie hatte der Churfürst von Sachsen die Anmassungen der Schweden in Deutschland verschmerzen können, und seine Abneigung gegen diese ausländische Macht, die in dem Deutschen Reiche Gesetze gab, war mit jeder neuen Foderung, welche Oxenstierna an die Deutschen Reichsstände machte, gestiegen. Diese üble Stimmung gegen Schweden unterstützte aufs kräftigste die Bemühungen des Spanischen Hofs, einen Frieden zwischen Sachsen und dem Kaiser zu stiften. Ermüdet von den Unfällen eines so langen und verwüstenden Krieges, der die Sächsischen Länder vor allen andern zu seinem traurigen Schauplatze machte, gerührt von dem allgemeinen und schrecklichen Elende, das Freund und Feind ohne Unterschied über seine Unterthanen häuften, und die verführerischen Anträge des Hauses Oesterreich bestochen, ließ endlich der schwachsinnige Churfürst die gemeine Sache im Stich, und gleichgültig gegen die Wohlfahrt des Reiches, gegen das Loos [422] seiner Mitstände, gegen Religion und Deutsche Freyheit, dachte er bloß darauf, seine eigenen Vortheile, wär’s auch auf Unkosten des Ganzen, zu besorgen.

Und wirklich war das Elend in Deutschland zu einem so ausschweifenden Grade gestiegen, daß das Gebet um Frieden von tausendmal tausend Zungen ertönte, und auch der nachtheiligste noch immer für eine Wohlthat des Himmels galt. Wüsten lagen da, wo sonst tausend frohe und fleißige Menschen wimmelten, wo die Natur ihren herrlichsten Segen ergossen und Wohlleben und Ueberfluß geherrscht hatte; die Felder von der fleißigen Hand des Pflügers verlassen, lagen ungebaut und verwildert, und wo eine junge Saat aufschoß, oder eine lachende Aernte winkte, da zerstörte ein einziger Durchmarsch den Fleiß eines ganzen Jahres, die letzte Hoffnung des verschmachtenden Volkes. Verbrannte Schlösser, verwüstete Felder, eingeäscherte Dörfer lagen meilenweit herum in grauenvoller Zerstörung, während daß ihre verarmten Bewohner hingingen, die Zahl jener Mordbrennerheere zu vermehren, und, was sie selbst erlitten hatten, ihren verschonten Mitbürgern schrecklich zu erstatten. Kein Schutz gegen Unterdrückung, als selbst unterdrücken zu helfen. Die Städte seufzten unter der Geißel zügelloser und räuberischer Garnisonen, die das Eigenthum des Bürgers verschlangen, und die Freyheiten des Krieges, die Licenz ihres Standes, und die Vorrechte der Noth mit dem grausamsten Muthwillen geltend machten. Wenn schon unter dem kurzen Durchzug einer Armee ganze Landstrecken zur Einöde wurden, wenn andre durch Winterquartiere verarmten, oder durch Brandschatzungen ausgesogen wurden, so litten sie doch nur vorübergehende Plagen, und der Fleiß eines Jahres konnte die Drangsale einiger Monate vergessen machen. Aber keine Erholung wurde denjenigen zu Theil, die eine Besatzung [423] in ihren Mauern oder in ihrer Nachbarschaft hatten, und ihr unglückliches Schicksal konnte selbst der Wechsel des Glücks nicht verbessern, da der Sieger an den Platz und in die Fußstapfen des Besiegten trat, und Freund und Feind gleich wenig Schonung bewiesen. Die Vernachlässigung der Felder, die Zerstörung der Saaten, und die Vervielfältigung der Armeen, die über die ausgesogenen Länder daher stürmten, hatten Hunger und Theurung zur unausbleiblichen Folge, und in den letzten Jahren vollendete noch Mißwachs das Elend[1]. Die Anhäufung der Menschen in Lägern und Quartieren, Mangel auf der einen Seite und Völlerey auf der andern brachten pestartige Seuchen hervor, die mehr als Schwert und Feuer die Länder verödeten. Alle Bande der Ordnung lösten in dieser langen Zerrüttung sich auf, die Achtung für Menschenrechte, die Furcht vor Gesetzen, die Reinheit der Sitten verlor sich, Treu und Glaube verfiel, indem die Stärke allein mit eisernem Scepter herrschte; üppig schossen unter dem Schirme der Anarchie und der Straflosigkeit alle Laster auf, und die Menschen verwilderten mit den Ländern. Kein Stand war dem Muthwillen zu ehrwürdig, kein fremdes Eigenthum der Noth und der Raubsucht heilig. Der Soldat (um das Elend jener Zeit in ein einziges Wort zu pressen) der Soldat herrschte, und dieser brutalste der Despoten ließ seine eignen Führer nicht selten seine Obermacht fühlen. Der Befehlshaber einer Armee war eine wichtigere Person in [424] dem Lande, worin er sich sehen ließ, als der rechtmäßige Regent, der oft dahin gebracht war, sich vor ihm in seinen Schlössern zu verkriechen. Ganz Deutschland wimmelte von solchen kleinen Tyrannen, und die Länder litten gleich hart von dem Feinde und von ihren Vertheidigern. Alle diese Wunden schmerzten um so mehr, wenn man sich erinnerte, daß es fremde Mächte waren, welche Deutschland ihrer Habsucht aufopferten, und die Drangsale des Krieges vorsetzlich verlängerten, um ihre eigennützigen Zwecke zu erreichen. Damit Schweden sich bereichern und Eroberungen machen konnte, mußte Deutschland unter der Geißel des Krieges bluten; damit Richelieu in Frankreich nothwendig blieb, durfte die Fackel der Zwietracht im Deutschen Reiche nicht erlöschen.

Aber es waren nicht lauter eigennützige Stimmen, die sich gegen den Frieden erklärten, und wenn sowohl Schweden als Deutsche Reichsstände die Fortdauer des Kriegs aus unreiner Absicht wünschten, so sprach eine gesunde Staatskunst für sie. Konnte man nach der Nördlinger Niederlage einen billigen Frieden von dem Kaiser erwarten? Und wenn man dieß nicht konnte, sollte man siebzehn Jahre lang alles Ungemach des Krieges erduldet, alle seine Kräfte verschwendet haben, um am Ende nichts gewonnen, oder gar noch verloren zu haben? Wofür so viel Blut vergossen, wenn alles blieb, wie es gewesen, wenn man in seinen Rechten und Ansprüchen um gar nichts gebessert war? wenn man alles, was so sauer errungen worden, in einem Frieden wieder herausgeben mußte? War es nicht wünschenswerther, die lange getragene Last noch zwey oder drey Jahre länger zu tragen, um für zwanzigjährige Leiden endlich doch einen Ersatz einzuärnten? Und an einem vortheilhaften Frieden war nicht zu zweifeln, sobald nur Schweden und Deutsche Protestanten, im Felde wie im Kabinet, standhaft zusammen hielten, [425] und ihr gemeinschaftliches Interesse mit wechselseitigem Antheil, mit vereinigtem Eifer besorgten. Ihre Trennung allein machte den Feind mächtig, und entfernte die Hoffnung eines dauerhaften und allgemein beglückenden Friedens. Und dieses größte aller Uebel fügte der Churfürst von Sachsen der protestantischen Sache zu, indem er sich durch einen Separatvergleich mit Oesterreich versöhnte.

Schon vor der Nördlinger Schlacht hatte er die Unterhandlungen mit dem Kaiser eröffnet; aber der unglückliche Ausgang der erstern beschleunigte die Abschließung des Vergleichs. Das Vertrauen auf Schwedischen Beystand war gefallen, und man zweifelte, ob sie sich von diesem harten Schlage je wieder aufrichten würden. Die Trennung unter ihren eigenen Anführern, die schlechte Subordination der Armee, und die Entkräftung des Schwedischen Reichs ließ keine grossen Thaten mehr von ihnen erwarten. Um so mehr glaubte man eilen zu müssen, sich die Großmuth des Kaisers zu Nutze zu machen, der seine Anerbietungen auch nach dem Nördlinger Siege nicht zurücknahm. Oxenstierna, der die Stände in Frankfurt versammelte, foderte; der Kaiser hingegen gab: und so bedurfte es keiner langen Ueberlegung, welchem von beyden man Gehör geben sollte.

Indessen wollte man doch den Schein vermeiden, als ob man die gemeine Sache hintansetzte und bloß auf seinen eigenen Nutzen bedacht wäre. Alle Deutschen Reichsstände, selbst die Schweden, waren eingeladen worden, zu diesem Frieden mitzuwirken und Theil daran zu nehmen, obgleich Chursachsen und der Kaiser die einzigen Mächte waren, die ihn schlossen, und sich eigenmächtig zu Gesetzgebern über Deutschland aufwarfen. Die Beschwerden der protestantischen Stände kamen in demselben zur Sprache, ihre Verhältnisse und Rechte wurden vor diesem willkührlichen Tribunale [426] entschieden, und selbst das Schicksal der Religionen ohne Zuziehung der dabey so sehr interessirten Glieder bestimmt. Es sollte ein allgemeiner Friede, ein Reichsgesetz seyn, als ein solches bekannt gemacht, und durch ein Reichsexekutionsheer, wie ein förmlicher Reichsschluß, vollzogen werden. Wer sich dagegen auflehnte, war ein Feind des Reiches, und so mußte er, allen ständischen Rechten zuwider, ein Gesetz anerkennen, das er nicht selbst mit gegeben hatte. Der Pragische Friede war also, schon seiner Form nach, ein Werk der Willkühr; und er war es nicht weniger durch seinen Inhalt.

Das Restitutionsedikt hatte den Bruch zwischen Chursachsen und dem Kaiser vorzüglich veranlaßt; also mußte man auch bey der Wiederaussöhnung zuerst darauf Rücksicht nehmen. Ohne es ausdrücklich und förmlich aufzuheben, setzte man in dem Pragischen Frieden fest, daß alle unmittelbaren Stifter, und unter den mittelbaren diejenigen, welche nach dem Passauischen Vertrage von den Protestanten eingezogen und besessen worden, noch vierzig Jahre, jedoch ohne Reichstagsstimme, in demjenigen Stande bleiben sollten, in welchem das Restitutionsedikt sie gefunden habe. Vor Ablauf dieser vierzig Jahre sollte dann eine Kommission von beyderley Religionsverwandten gleicher Anzahl friedlich und gesetzmäßig darüber verfügen, und wenn es auch dann zu keinem Endurtheil käme, jeder Theil in den Besitz aller Rechte zurücktreten, die er vor Erscheinung des Restitutionsedikts ausgeübt habe. Diese Auskunft also, weit entfernt den Samen der Zwietracht zu ersticken, suspendirte nur auf eine Zeit lang seine verderblichen Wirkungen, und der Zunder eines neuen Krieges lag schon in diesem Artikel des Pragischen Friedens.

Das Erzstift Magdeburg bleibt dem Prinzen August von Sachsen, und Halberstadt dem Erzherzog Leopold Wilhelm. Von dem Magdeburgischen Gebiet werden vier Aemter abgerissen und [427] Chursachsen verschenkt; der Administrator von Magdeburg, Christian Wilhelm von Brandenburg, wird auf andere Art abgefunden. Die Herzoge von Mecklenburg empfangen, wenn sie diesem Frieden beytreten, ihr Land zurück, das sie glücklicher Weise längst schon durch Gustav Adolphs Großmuth besitzen; Donauwerth erlangt seine Reichsfreyheit wieder. Die wichtige Foderung der Pfälzischen Erben bleibt, wie wichtig es auch dem protestantischen Reichstheile war, diese Churstimme nicht zu verlieren, gänzlich unberührt, weil – ein Lutherischer Fürst einem reformirten keine Gerechtigkeit schuldig ist. Alles, was die protestantischen Stände, die Ligue und der Kaiser in dem Kriege von einander erobert haben, wird zurück gegeben; alles, was die auswärtigen Mächte, Schweden und Frankreich, sich zugeeignet, wird ihnen mit gesammter Hand wieder abgenommen. Die Kriegsvölker aller kontrahirenden Theile werden in eine einzige Reichsmacht vereinigt, welche, vom Reiche unterhalten und bezahlt, diesen Frieden mit gewaffneter Hand zu vollstrecken hat.

Da der Pragische Friede als ein allgemeines Reichsgesetz gelten sollte, so wurden diejenigen Punkte, welche mit dem Reiche nichts zu thun hatten, in einem Nebenvertrage beygefügt. In diesem wurde dem Churfürsten von Sachsen die Lausitz als ein Böhmisches Lehen zuerkannt, und über die Religionsfreyheit dieses Landes und Schlesiens noch besonders gehandelt.

Alle evangelischen Stände waren zu Annahme des Pragischen Friedens eingeladen, und unter dieser Bedingung der Amnestie theilhaftig gemacht; bloß die Fürsten von Wirtemberg und Baden – deren Länder man inne hatte, und nicht geneigt war so ganz unbedingt wieder herzugeben – die eigenen Unterthanen Oesterreichs, welche die Waffen gegen ihren Landesherrn geführt, und diejenigen Stände, die unter Oxenstierna's Direktion den [428] Rath der Oberdeutschen Kreise ausmachten, schloß man aus; nicht sowohl um den Krieg gegen sie fortzusetzen, als vielmehr um ihnen den nothwendig gewordenen Frieden desto theurer zu verkaufen. Man behielt ihre Lande als ein Unterpfand, bis die völlige Annahme des Friedens erfolgt, bis alles herausgegeben, und alles in seinen vorigen Stand zurückgestellt seyn würde. Eine gleiche Gerechtigkeit gegen alle hätte vielleicht das wechselseitige Zutrauen zwischen Haupt und Gliedern, zwischen Protestanten und Papisten, zwischen Reformirten und Lutheranern zurückgeführt, und, verlassen von allen ihren Bundesgenossen, hätten die Schweden einen schimpflichen Abschied aus dem Reiche nehmen müssen. Jetzt bestärkte die ungleiche Behandlung der Protestanten die härter gehaltenen Stände in ihrem Mißtrauen und Widersetzungsgeist, und erleichterte es den Schweden, das Feuer des Kriegs zu nähren, und einen Anhang in Deutschland zu behalten.

Der Prager Friede fand, wie vorher zu erwarten gewesen war, eine sehr ungleiche Aufnahme in Deutschland. Ueber dem Bestreben, beyde Parteyen einander zu nähern, hatte man sich von beyden Vorwürfe zugezogen. Die Protestanten klagten über die Einschränkungen, die sie in diesem Frieden erleiden sollten; die Katholiken fanden diese verwerfliche Sekte, auf Kosten der wahren Kirche, viel zu günstig behandelt. Nach diesen hatte man der Kirche von ihren unveräußerlichen Rechten vergeben, indem man den Evangelischen den vierzigjährigen Genuß der geistlichen Güter bewilligte; nach jenen hatte man eine Verrätherey an der protestantischen Kirche begangen, weil man seinen Glaubensbrüdern in den Oesterreichischen Ländern die Religionsfreyheit nicht errungen hatte. Aber niemand wurde bittrer getadelt, als der Churfürst von Sachsen, den man als einen treulosen Ueberläufer, als einen Verräther der Religion und Reichsfreyheit, und als einen Mitverschwornen [429] des Kaisers in öffentlichen Schriften darzustellen suchte.

Indessen tröstete er sich mit dem Triumph, daß ein grosser Theil der evangelischen Stände seinen Frieden annahm. Der Churfürst von Brandenburg, Herzog Wilhelm von Weimar, die Fürsten von Anhalt, die Herzoge von Mecklenburg, die Herzoge von Braunschweig-Lüneburg, die Hansestädte und die mehresten Reichsstädte traten demselben bey. Landgraf Wilhelm von Hessen, schien eine Zeitlang unschlüssig, oder stellte sich vielleicht nur es zu seyn, um Zeit zu gewinnen und seine Maßregeln nach dem Erfolg einzurichten. Er hatte mit dem Schwert in der Hand schöne Länder in Westphalen errungen, aus denen er seine besten Kräfte zu Führung des Krieges zog, und welche alle er nun, dem Frieden gemäß, zurück geben sollte. Herzog Bernhard von Weimar, dessen Staaten noch bloß auf dem Papier existirten, kam nicht als kriegführende Macht, desto mehr aber als kriegführender General in Betrachtung, und in beyderley Rücksicht konnte er den Prager Frieden nicht anders als mit Abscheu verwerfen. Sein ganzer Reichthum war seine Tapferkeit, und in seinem Degen lagen alle seine Länder. Nur der Krieg machte ihn groß und bedeutend; nur der Krieg konnte die Entwürfe seines Ehrgeitzes zur Zeitigung bringen.

Aber unter allen, welche ihre Stimme gegen den Pragischen Frieden erhoben, erklärten sich die Schweden am heftigsten dagegen, und niemand hatte auch mehr Ursache dazu. Von den Deutschen selbst in Deutschland hereingerufen, Retter der protestantischen Kirche und der ständischen Freyheit, die sie mit so vielem Blute, mit dem heiligen Leben ihres Königs erkauften, sahen sie sich jetzt auf einmal schimpflich im Stiche gelassen, auf einmal in allen ihren Planen getäuscht, ohne Lohn, ohne Dankbarkeit aus dem Reiche gewiesen, für welches sie bluteten, und von den nemlichen Fürsten, die [430] ihnen alles verdankten, dem Hohngelächter des Feindes preis gegeben. An eine Genugthuung für sie, an einen Ersatz ihrer aufgewandten Kosten, an ein Aequivalent für die Eroberungen, welche sie im Stiche lassen sollten, war in dem Prager Frieden mit keiner Silbe gedacht worden. Nackter als sie gekommen waren, sollten sie nun entlassen, und, wenn sie sich dagegen sträubten, durch dieselben Hände, welche sie hereingerufen, aus Deutschland hinausgejagt werden. Endlich ließ zwar der Churfürst von Sachsen ein Wort von einer Genugthuung fallen, die in Geld bestehen, und die kleine Summe von drittehalb Millionen Gulden betragen sollte. Aber die Schweden hatten weit mehr von ihrem Eigenen zugesetzt; eine so schimpfliche Abfindung mit Geld mußte ihren Eigennutz kränken und ihren Stolz empören. „Die Churfürsten von Bayern und Sachsen,“ antwortete Oxenstierna, „liessen sich den Beystand, den sie dem Kaiser leisteten, und als Vasallen ihm schuldig waren, mit wichtigen Provinzen bezahlen; und uns Schweden, uns, die wir unsern König für Deutschland dahingegeben, will man mit der armseligen Summe von drittehalb Millionen Gulden nach Hause weisen?“ Die getäuschte Hoffnung schmerzte um so mehr, je gewisser man darauf gerechnet hatte, sich mit dem Herzogthum Pommern, dessen gegenwärtiger Besitzer alt und ohne Succession war, bezahlt zu machen. Aber die Anwartschaft auf dieses Land wurde in dem Prager Frieden dem Churfürsten von Brandenburg zugesichert, und gegen die Festsetzung der Schweden in diesen Grenzen des Reichs empörten sich alle benachbarten Mächte.

Nie in dem ganzen Kriege hatte es schlimmer um die Schweden gestanden, als in diesem 1635sten Jahre, unmittelbar nach Bekanntmachung des Pragischen Friedens. Viele ihrer Alliirten, unter den Reichsstädten besonders, verließen ihre Parthey, um der Wohlthat des Friedens theilhaftig zu werden; [431] andere wurden durch die siegreichen Waffen des Kaisers dazu gezwungen. Augsburg, durch Hunger besiegt, unterwarf sich unter harten Bedingungen; Würzburg und Koburg gingen an die Oesterreicher verloren. Der Heilbronnische Bund wurde förmlich getrennt. Beynahe ganz Oberdeutschland, der Hauptsitz der Schwedischen Macht, erkannte die Herrschaft des Kaisers. Sachsen, auf den Pragischen Frieden sich stützend, verlangte die Räumung Thüringens, Halberstadts, Magdeburgs. Philippsburg, der Waffenplatz der Franzosen, war mit allen Vorräthen, die darin niedergelegt waren, von den Oesterreichern überrumpelt worden, und dieser grosse Verlust hatte die Thätigkeit Frankreichs geschwächt. Um die Bedrängnisse der Schweden vollkommen zu machen, mußte gerade jetzt der Stillstand mit Pohlen sich seinem Ende nähern. Mit Pohlen und mit dem Deutschen Reiche zugleich Krieg zu führen, überstieg bey weitem die Kräfte des Schwedischen Staats, und man hatte die Wahl, welches von diesen beyden Feinden man sich entledigen sollte. Stolz und Ehrgeitz entschieden für die Fortsetzung des Deutschen Kriegs, welch ein hartes Opfer es auch gegen Pohlen kosten möchte; doch eine Armee kostete es immer, um sich bey den Pohlen in Achtung zu setzen, und bey den Unterhandlungen um einen Stillstand oder Frieden seine Freyheit nicht ganz und gar zu verlieren.

Allen diesen Unfällen, welche zu gleicher Zeit über Schweden hereinstürmten, setzte sich der standhafte, an Hülfsmitteln unerschöpfliche Geist Oxenstierna’s entgegen, und sein durchdringender Verstand lehrte ihn, selbst die Widerwärtigkeiten, die ihn trafen, zu seinem Vortheile kehren. Der Abfall so vieler Deutschen Reichsstände von der Schwedischen Parthey beraubte ihn zwar eines grossen Theils seiner bisherigen Bundsgenossen, aber er überhob ihn auch zugleich aller Schonung gegen sie; und je grösser die Zahl seiner Feinde wurde, [432] über desto mehr Länder konnten sich seine Armeen verbreiten, desto mehr Magazine öffneten sich ihm. Die schreyende Undankbarkeit der Stände, und die stolze Verachtung, mit der ihm von dem Kaiser begegnet wurde, (der ihn nicht einmal würdigte, unmittelbar mit ihm über den Frieden zu traktiren,) entzündete in ihm den Muth der Verzweiflung, und einen edlen Trotz, es bis aufs äußerste zu treiben. Ein noch so unglücklich geführter Krieg konnte die Sache der Schweden nicht schlimmer machen, als sie war; und wenn man das Deutsche Reich räumen sollte, so war es wenigstens anständiger und rühmlicher, es mit dem Schwerd in der Hand zu thun, und der Macht, nicht der Furcht zu unterliegen.

In der grossen Extremität, worinn die Schweden sich durch die Desertion ihrer Alliirten befanden, warfen sie ihre Blicke zuerst auf Frankreich, welches ihnen mit den ermunterndsten Anträgen entgegen eilte. Das Interesse beyder Kronen war aufs engste an einander gekettet, und Frankreich handelte gegen sich selbst, wenn es die Macht der Schweden in Deutschland gänzlich verfallen ließ. Die durchaus hülflose Lage der Schweden war vielmehr eine Aufforderung für dasselbe, sich fester mit ihnen zu verbinden, und einen thätigern Antheil an dem Kriege in Deutschland zu nehmen. Schon seit Abschliessung des Allianztraktats mit den Schweden zu Beerwalde im Jahr 1632, hatte Frankreich den Kaiser durch die Waffen Gustav Adolphs befehdet, ohne einen öffentlichen und förmlichen Bruch, bloß durch die Geldhülfe, die es den Gegnern desselben leistete, und durch seine Geschäftigkeit, die Zahl der letztern zu vermehren. Aber, beunruhigt von dem unerwartet schnellen und ausserordentlichen Glück der Schwedischen Waffen, schien es seinen ersten Zweck eine Zeit lang aus den Augen zu verlieren, um das Gleichgewicht der Macht wieder herzustellen, das durch die Ueberlegenheit der Schweden gelitten hatte. Es suchte die katholischen Reichsfürsten [433] durch Neutralitätsverträge gegen den Schwedischen Eroberer zu schützen, und war schon im Begriff, da diese Versuche mißlangen, sich gegen ihn selbst zu bewaffnen. Nicht sobald aber hatte Gustav Adolphs Tod und die Hülflosigkeit der Schweden diese Furcht zerstreut, als es mit frischem Eifer zu seinem ersten Entwurf zurückkehrte, und den Unglücklichen in vollem Maße den Schutz angedeihen ließ, den es den Glücklichen entzogen hatte. Befreyt von dem Widerstande, den Gustav Adolphs Ehrgeitz und Wachsamkeit seinen Vergrößerungsentwürfen entgegen setzten, ergreift es den günstigsten Augenblick, den das Nördlinger Unglück ihm darbietet, sich die Herrschaft des Kriegs zuzueignen, und denen, die seines mächtigen Schutzes bedürftig sind, Gesetze vorzuschreiben. Der Zeitpunkt begünstigt seine kühnsten Entwürfe, und was vorher nur eine schöne Schimäre war, läßt sich von jetzt an als ein überlegter, durch die Umstände gerechtfertigter Zweck verfolgen. Jetzt also widmet es dem Deutschen Kriege seine ganze Aufmerksamkeit, und sobald es durch seinen Traktat mit den Deutschen seine Privatzwecke sicher gestellt sieht, erscheint es als handelnde und herrschende Macht auf der politischen Bühne. Während daß sich die kriegführenden Mächte in einem langwierigen Kampf erschöpften, hatte es seine Kräfte geschont, und zehen Jahre lang den Krieg bloß mit seinem Gelde geführt; jetzt, da die Zeitumstände es zur Thätigkeit rufen, greift es zum Schwert, und strengt sich zu Unternehmungen an, die ganz Europa in Verwunderung setzen. Es läßt zu gleicher Zeit zwey Flotten im Meere kreuzen, und schickt sechs verschiedene Heere aus, während daß es mit seinem Gelde noch eine Krone und mehrere Deutsche Fürsten besoldet. Belebt durch die Hoffnung seines mächtigen Schutzes, raffen sich die Schweden und Deutschen aus ihrem tiefen Verfall empor, und getrauen sich, mit dem Schwert in der Hand einen rühmlichern Frieden [434] als den Pragischen zu erfechten. Von ihren Mitständen verlassen, die sich mit dem Kaiser versöhnen, schliessen sie sich nur desto enger an Frankreich an, das mit der wachsenden Noth seinen Beystand verdoppelt, an dem Deutschen Krieg immer größern, wiewohl noch immer versteckten Antheil nimmt, bis es zuletzt ganz seine Maske abwirft, und den Kaiser unmittelbar unter seinem eignen Namen befehdet.

Um den Schweden vollkommen freye Hand gegen Oesterreich zu geben, machte Frankreich den Anfang damit, es von dem Pohlnischen Kriege zu befreyen. Durch den Grafen von Avaux, seinen Gesandten, brachte es beyde Theile dahin, daß zu Stummsdorf in Preußen der Waffenstillstand auf sechs und zwanzig Jahre verlängert wurde, wiewohl nicht ohne grossen Verlust für die Schweden, welche beynahe das ganze Pohlnische Preußen, Gustav Adolphs theuer erkämpfte Eroberung, durch einen einzigen Federzug einbüßten. Der Beerwalder Traktat wurde mit einigen Veränderungen, welche die Umstände nöthig machten, anfangs zu Compiegne, dann zu Wismar und Hamburg auf entferntere Zeiten erneuert. Mit Spanien hatte man schon im May des Jahrs 1635 gebrochen, und durch den lebhaften Angriff dieser Macht dem Kaiser seinen wichtigsten Beystand aus den Niederlanden entzogen; jetzt verschaffte man, durch Unterstützung des Landgrafen Wilhelms von Kassel und Herzog Bernhards von Weimar, den Schwedischen Waffen an der Elbe und Donau eine grössere Freyheit, und nöthigte den Kaiser durch eine starke Diversion am Rhein, seine Macht zu theilen.

Heftiger entzündete sich also der Krieg, und der Kaiser hatte durch den Pragischen Frieden zwar seine Gegner im Deutschen Reiche vermindert, aber zugleich auch den Eifer und die Thätigkeit seiner auswärtigen Feinde vermehrt. Er hatte sich in Deutschland einen unumschränkten Einfluß erworben, [435] und sich, mit Ausnahme weniger Stände, zum Herrn des ganzen Reichskörpers und der Kräfte desselben gemacht, daß er von jetzt an wieder als Kaiser und Herr handeln konnte. Die erste Wirkung davon war die Erhebung seines Sohnes Ferdinands III. zur Römischen Königswürde, die, ungeachtet des Widerspruchs von Seiten Triers und der Pfälzischen Erben, durch eine entscheidende Stimmenmehrheit zu Stande kam. Aber die Schweden hatte er zu einer verzweifelten Gegenwehr gereitzt, die ganze Macht Frankreichs gegen sich bewaffnet und in die innersten Angelegenheiten Deutschlands gezogen. Beyde Kronen bilden von jetzt an mit ihren Deutschen Alliirten eine eigene fest geschlossene Macht, der Kaiser mit den ihm anhängenden Deutschen Staaten die andre. Die Schweden beweisen von jetzt an keine Schonung mehr, weil sie nicht mehr für Deutschland, sondern für ihr eigenes Daseyn fechten. Sie handeln rascher, unumschränkter und kühner, weil sie es überhoben sind, bey ihren Deutschen Alliirten herum zu fragen, und Rechenschaft von ihren Entwürfen zu geben. Die Schlachten werden hartnäckiger und blutiger, aber weniger entscheidend. Größere Thaten der Tapferkeit und der Kriegskunst geschehen; aber es sind einzelne Handlungen, die, von keinem übereinstimmenden Plane geleitet, von keinem alles lenkenden Geiste benutzt, für die ganze Partey schwache Folgen haben; und an dem Laufe des Kriegs nur wenig verändern.

Sachsen hatte sich in dem Pragischen Frieden verbindlich gemacht, die Schweden aus Deutschland zu verjagen; von jetzt an also vereinigen sich die Sächsischen Fahnen mit den kaiserlichen, und zwey Bundsgenossen haben sich in zwey unversöhnliche Feinde verwandelt. Das Erzstift Magdeburg, welches der Pragische Friede dem Sächsischen Prinzen zusprach, war noch in Schwedischen Händen, und alle Versuche, sie auf einem friedlichen Wege zu Abtrettung desselben zu bewegen, waren ohne Wirkung geblieben. [436] Die Feindseligkeiten fangen also an, und der Churfürst von Sachsen eröffnet sie damit, durch sogenannte Avokatorien alle Sächsische Unterthanen von der Bannerischen Armee abzurufen, die an der Elbe gelagert steht. Die Offiziere, längst schon wegen des rückständigen Soldes schwürig, geben dieser Aufforderung Gehör, und räumen ein Quartier nach dem andern. Da die Sachsen zugleich eine Bewegung gegen Mecklenburg machten, um Dömitz wegzunehmen, und den Feind von Pommern und von der Ostsee abzuschneiden, so zog sich Banner eilfertig dahin, entsetzte Dömitz und schlug den Sächsischen General Baudissin mit siebentausend Mann aufs Haupt, daß gegen tausend blieben und eben so viel gefangen wurden. Verstärkt durch die Truppen und Artillerie, welche bisher in Pohlnisch Preußen gestanden, nunmehr aber durch den Vertrag zu Stummsdorf in diesem Lande entbehrlich wurden, brach dieser tapfre und ungestüme Krieger am folgenden 1636sten Jahr in das Churfürstenthum Sachsen ein, wo er seinem alten Hasse gegen die Sachsen die blutigsten Opfer brachte. Durch vieljährige Beleidigungen aufgebracht, welche er und seine Schweden während ihrer gemeinschaftlichen Feldzüge von dem Uebermuth der Sachsen hatten erleiden müssen, und jetzt durch den Abfall des Churfürsten aufs äusserste gereitzt, liessen sie die unglücklichen Unterthanen desselben ihre Rachsucht und Erbitterung fühlen. Gegen Oesterreicher und Bayern hatte der Schwedische Soldat mehr aus Pflicht gefochten; gegen die Sachsen kämpfte er aus Privathaß und mit persönlicher Wuth, weil er sie als Abtrünnige und Verräther verabscheute, weil der Haß zwischen zerfallenen Freunden gewöhnlich der grimmigste und unversöhnlichste ist. Die nachdrückliche Diversion, welche dem Kaiser unterdessen von dem Herzog von Weimar und dem Landgrafen von Hessen am Rhein und in Westphalen gemacht wurde, hinderte ihn, den Sachsen eine hinlängliche Unterstützung zu leisten, und so mußte das ganze Churfürstenthum von Banners [437] streifenden Horden die schrecklichste Behandlung erleiden. Endlich zog der Churfürst den kaiserlichen General von Hatzfeld an sich, und rückte vor Magdeburg, welches der herbey eilende Banner umsonst zu entsetzen strebte. Nun verbreitete sich die vereinigte Armee der Kaiserlichen und Sachsen durch die Mark Brandenburg, entriß den Schweden viele Städte, und war im Begriff, sie bis an die Ostsee zu treiben. Aber gegen alle Erwartungen, griff der schon verloren gegebene Banner die alliirte Armee am 24sten Sept 1636 bey Wittstock an, und eine grosse Schlacht wurde geliefert. Der Angriff war fürchterlich, und die ganze Macht des Feindes fiel auf den rechten Flügel der Schweden, den Banner selbst anführte. Lange Zeit kämpfte man auf beyden Seiten mit gleicher Hartnäckigkeit und Erbitterung, und unter den Schweden war keine Schwadron, die nicht zehnmal angerückt und zehnmal geschlagen worden wäre. Als endlich Banner der Uebermacht der Feinde zu weichen genöthigt war, setzte sein linker Flügel das Treffen bis zum Einbruch der Nacht fort, und das Schwedische Hintertreffen, welches noch gar nicht gefochten hatte, war bereit, am folgenden Morgen die Schlacht zu erneuern. Aber diesen zweyten Angriff wollte der Churfürst von Sachsen nicht abwarten. Seine Armee war durch das Treffen des vorhergehenden Tages erschöpft, und die Knechte hatten sich mit allen Pferden davon gemacht, daß die Artillerie nicht gebraucht werden konnte. Er ergriff also mit dem Grafen von Hatzfeld noch in derselben Nacht die Flucht, und überließ das Schlachtfeld den Schweden. Gegen fünftausend von den Alliirten waren auf der Wahlstatt geblieben, diejenigen nicht gerechnet, welche von den nachsetzenden Schweden erschlagen wurden, oder dem ergrimmten Landmann in die Hände fielen. Hundert und funfzig Standarten und Fahnen, drey und zwanzig Kanonen, die ganze Bagage, das Silbergeschirr des Churfürsten mit gerechnet, [438] wurden erbeutet, und noch außerdem gegen zweytausend Gefangene gemacht. Dieser glänzende Sieg, über einen weit überlegenen und vortheilhaft postirten Feind erfochten, setzte die Schweden auf einmal wieder in Achtung; ihre Feinde zagten, ihre Freunde fingen an frischen Muth zu schöpfen. Banner benutzte das Glück, das sich so entschieden für ihn erklärt hatte, eilte über die Elbe, und verjagte die Kaiserlichen durch Thüringen und Hessen bis nach Westphalen. Dann kehrte er zurück, und bezog die Winterquartiere auf Sächsischem Boden.

Aber ohne die Erleichterung, welche ihm durch die Thätigkeit Herzog Bernhards und der Franzosen am Rhein verschafft wurde, würde es ihm schwer geworden seyn, diese herrlichen Viktorien zu erfechten. Herzog Bernhard hatte nach der Nördlinger Schlacht die Trümmer der zerschlagenen Armee in der Wetterau versammelt; aber verlassen von dem Heilbronnischen Bunde, dem der Prager Friede bald darauf ein völliges Ende machte, und von den Schweden zu wenig unterstützt, sah er sich ausser Stand gesetzt, die Armee zu unterhalten, und grosse Thaten an ihrer Spitze zu thun. Die Nördlinger Niederlage hatte sein Herzogthum Franken verschlungen, und die Ohnmacht der Schweden raubte ihm alle Hoffnung, sein Glück durch diese Krone zu machen. Zugleich auch des Zwanges müde, den ihm das gebieterische Betragen des Schwedischen Reichskanzlers auferlegte, richtete er seine Augen auf Frankreich, welches ihm mit Geld, dem einzigen, was er brauchte, aushelfen konnte, und sich bereitwillig dazu finden ließ. Richelieu wünschte nichts so sehr, als den Einfluß der Schweden auf den Deutschen Krieg zu vermindern, und sich selbst unter fremdem Namen die Führung desselben in die Hände zu spielen. Zu Erreichung dieses Zweckes konnte er kein besseres Mittel erwählen, als daß er den Schweden ihren tapfersten Feldherrn abtrünnig machte, ihn aufs genaueste in Frankreichs Interesse zog, und sich, zu [439] Ausführung seiner Entwürfe, seines Armes versicherte. Von einem Fürsten wie Bernhard, der sich ohne den Beystand einer fremden Macht nicht behaupten konnte, hatte Frankreich nichts zu besorgen, da auch der glücklichste Erfolg nicht hinreichte, ihn außer Abhängigkeit von dieser Krone zu setzen. Bernhard kam selbst nach Frankreich, und schloß im Oktober 1635 zu St. Germain en Laye, nicht mehr als Schwedischer General, sondern in eigenem Namen, einen Vergleich mit dieser Krone, worin ihm eine jährliche Pension von anderthalb Millionen Livres für ihn selbst, und vier Millionen zu Unterhaltung einer Armee, die er unter königlichen Befehlen kommandiren sollte, bewilligt wurde. Um seinen Eifer desto lebhafter anzufeuern, und die Eroberung von Elsaß durch ihn zu beschleunigen, trug man kein Bedenken, ihm in einem geheimen Artikel diese Provinz zur Belohnung anzubieten; eine Großmuth, von der man sehr weit entfernt war, und welche der Herzog selbst nach Würden zu schätzen wußte. Aber Bernhard vertraute seinem Glück und seinem Arme, und setzte der Verstellung Verstellung entgegen. War er einmal mächtig genug, das Elsaß dem Feinde zu entreißen, so verzweifelte er nicht daran, es ebenfalls auch gegen einen Freund behaupten zu können. Jetzt also schuf er sich mit Französischem Gelde eine eigene Armee, die er zwar unter Französischer Hoheit, aber doch so gut als unumschränkt, kommandirte, ohne jedoch seine Verbindung mit den Schweden ganz und gar aufzuheben. Er eröffnete seine Operationen am Rheinstrom, wo eine andre Französische Armee unter dem Kardinal la Valette die Feindseligkeiten gegen den Kaiser schon im Jahre 1635 eröffnet hatte.

Gegen diese hatte sich das Oesterreichische Hauptheer, welches den großen Sieg bey Nördlingen erfochten hatte, nach Unterwerfung Schwabens und Frankens unter der Anführung des Gallas gewendet, und sie auch glücklich bis Metz zurück gescheucht, [440] den Rheinstrom befreyt, und die von den Schweden besetzten Städte, Mainz und Frankenthal, erobert. Aber die Hauptabsicht dieses Generals, die Winterquartiere in Frankreich zu beziehen, wurde durch den thätigen Widerstand der Franzosen vereitelt, und er sah sich genöthigt, seine Truppen in das erschöpfte Elsaß und Schwaben zurück zu führen. Bey Eröffnung des Feldzugs im folgenden Jahre passirte er zwar bey Breysach den Rhein, und rüstete sich, den Krieg in das Innre Frankreichs zu spielen. Er fiel wirklich in die Grafschaft Burgund ein, während daß die Spanier von den Niederlanden aus in der Picardie glückliche Fortschritte machten, und Johann von Werth, ein gefürchteter General der Ligue und berühmter Parteygänger, tief in Champagne streifte, und Paris selbst mit seiner drohenden Ankunft erschreckte. Aber die Tapferkeit der Kaiserlichen scheiterte vor einer einzigen unbeträchtlichen Festung in Franche Comté, und zum zweytenmal mußten sie ihre Entwürfe aufgeben.

Dem thätigen Geiste Herzog Bernhards hatte die Abhängigkeit von einem Französischen General, der seinem Priesterrock mehr als seinem Kommandostab Ehre machte, bisher zu enge Fesseln angelegt, und ob er gleich in Verbindung mit demselben Elsaß-Zabern eroberte, so hatte er sich doch in den Jahren 1636 und 37 am Rhein nicht behaupten können. Der schlechte Fortgang der Französischen Waffen in den Niederlanden hatte die Thätigkeit der Operationen im Elsaß und Breisgau gehemmt; aber im Jahre 1638 nahm der Krieg in diesen Gegenden eine desto glänzendere Wendung. Seiner bisherigen Fesseln entledigt, und jetzt vollkommener Herr seiner Truppen, verließ Herzog Bernhard schon am Anfang des Februars die Ruhe der Winterquartiere, die er im Bisthum Basel genommen hatte, und erschien gegen alle Erwartung am Rhein, wo man in dieser rauhen Jahrszeit [441] nichts weniger als einen Angriff vermuthete. Die Waldstädte Laufenburg, Waldshut und Seckingen, werden durch Ueberfall weggenommen, und Rheinfelden belagert. Der dort kommandirende kaiserliche General, Herzog von Savelli, eilt mit beschleunigten Märschen diesem wichtigen Ort zu Hülfe, entsetzt ihn auch wirklich, und treibt den Herzog von Weimar nicht ohne großen Verlust zurück. Aber gegen aller Menschen Vermuthen erscheint dieser am dritten Tage (den 21. Februar 1638) wieder im Gesichte der Kaiserlichen, die in voller Sicherheit über den erhaltenen Sieg bey Rheinfelden ausruhen, und schlägt sie in einer grossen Schlacht, worin die vier kaiserlichen Generale, Savelli, Johann von Werth, Enkeford und Sperreuter, nebst zweytausend Mann zu Gefangenen gemacht werden. Zwey derselben, von Werth und von Enkeford, ließ Richelieu in der Folge nach Frankreich abführen, um der Eitelkeit des Französischen Volks durch den Anblick so berühmter Gefangenen zu schmeicheln, und das öffentliche Elend durch das Schaugepränge der erfochtenen Siege zu hintergehen. Auch die eroberten Standarten und Fahnen wurden in dieser Absicht unter einer feierlichen Procession in die Kirche de notre Dame gebracht, dreymal vor dem Altare geschwungen, und dem Heiligthum in Verwahrung gegeben.

Die Einnahme von Rheinfelden, Röteln und Freyburg, war die nächste Folge des durch Bernhard erfochtenen Sieges. Sein Heer wuchs beträchtlich, und so wie das Glück sich für ihn erklärte, erweiterten sich seine Entwürfe. Die Festung Breysach am Oberrhein wurde als die Beherrscherin dieses Stroms und als der Schlüssel zum Elsaß betrachtet. Kein Ort war dem Kaiser in diesen Gegenden wichtiger, auf keinen hatte man so große Sorgfalt verwendet. Breysach zu behaupten, war die vornehmste Bestimmung der Italienischen Armee unter Feria gewesen; die Festigkeit seiner Werke [442] und der Vortheil seiner Lage boten jedem gewaltsamen Angriffe Trotz, und die kaiserlichen Generale, welche in diesen Gegenden kommandirten, hatten Befehl, alles für die Rettung dieses Platzes zu wagen. Aber Bernhard vertraute seinem Glück und beschloß den Angriff auf diese Festung. Unbezwingbar durch Gewalt, konnte sie nur durch Hunger besiegt werden; und die Sorglosigkeit ihres Kommendanten, der, keines Angriffs gewärtig, seinen aufgehäuften Getreidevorrath zu Gelde gemacht hatte, beschleunigte dieses Schicksal. Da sie unter diesen Umständen nicht vermögend war, eine lange Belagerung auszuhalten, so mußte man eilen, sie zu entsetzen, oder mit Proviant zu versorgen. Der kaiserliche General von Götz, näherte sich daher aufs eilfertigste an der Spitze von zwölftausend Mann, von dreytausend Proviantwagen begleitet, die er in die Stadt werfen wollte. Aber von Herzog Bernhard bey Witteweyer angegriffen, verlor er sein ganzes Corps bis auf dreytausend Mann, und die ganze Fracht, die er mit sich führte. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr auf dem Ochsenfeld bey Thann dem Herzog von Lothringen, der mit fünf bis sechstausend Mann zum Entsatz der Festung heranrückte. Nachdem auch ein dritter Versuch des Generals von Götz zu Breysachs Rettung mißlungen war, ergab sich diese Festung, von der schrecklichsten Hungersnoth geängstigt, nach einer viermonatlichen Belagerung, am 17ten December 1638 ihrem eben so menschlichen als beharrlichen Sieger.

Breysachs Eroberung eröffnete dem Ehrgeitz des Herzogs von Weimar ein grenzenloses Feld, und jetzt fängt der Roman seiner Hoffnungen an, sich der Wahrheit zu nähern. Weit entfernt, sich der Früchte seines Schwerdts zu Frankreichs Vortheil zu begeben, bestimmt er Breysach für sich selbst, und kündigt diesen Entschluß schon in der Huldigung an, die er, ohne einer andern Macht [443] zu erwähnen, in seinem eigenen Namen von den Ueberwundenen fodert. Durch die bisherigen glänzenden Erfolge berauscht und zu den stolzesten Hoffnungen hingerissen, glaubt er von jetzt an sich selbst genug zu seyn, und die gemachten Eroberungen, selbst gegen Frankreichs Willen, behaupten zu können. Zu einer Zeit, wo alles um Tapferkeit feil war, wo persönliche Kraft noch etwas galt, und Heere und Heerführer höher als Länder geachtet wurden, war es einem Helden wie Bernhard erlaubt, sich selbst etwas zuzutrauen, und an der Spitze einer trefflichen Armee, die sich unter seiner Anführung unüberwindlich fühlte, an keiner Unternehmung zu verzagen. Um sich unter der Menge von Feinden, denen er jetzt entgegen ging, an einen Freund anzuschließen, warf er seine Augen auf die Landgräfin Amalia von Hessen, die Witwe des kürzlich verstorbenen Landgrafen Wilhelms, eine Dame von eben so viel Geist als Entschlossenheit, die eine streitbare Armee, schöne Eroberungen und ein beträchtliches Fürstenthum mit ihrer Hand zu verschenken hatte. Die Eroberungen der Hessen mit seinen eignen am Rhein in einen einzigen Staat, und ihre beyderseitigen Armeen in Eine militärische Macht verbunden, konnten eine bedeutende Macht und vielleicht gar eine dritte Partey in Deutschland bilden, die den Ausschlag des Krieges in ihren Händen hielt. Aber diesem vielversprechenden Entwurf machte der Tod ein frühzeitiges Ende.

„Herz gefaßt, Pater Joseph, Breysach ist unser,“ schrie Richelieu dem Kapuziner in die Ohren, der sich schon zur Reise in jene Welt anschickte; so sehr hatte ihn diese Freudenpost berauscht. Schon verschlang er in Gedanken das Elsaß, das Breisgau und alle Oesterreichische Vorlande, ohne sich der Zusage zu erinnern, die er dem Herzog Bernhard gethan hatte. Der ernstliche Entschluß des letztern, Breysach für sich zu behalten, den er [444] auf eine sehr unzweydeutige Art zu erkennen gab, stürzte den Kardinal in nicht geringe Verlegenheit, und alles wurde hervorgesucht, den siegreichen Bernhard im Französischen Interesse zu erhalten. Man lud ihn nach Hof, um Zeuge der Ehre zu seyn, womit man dort das Andenken seiner Triumphe begienge; Bernhard erkannte und floh die Schlinge der Verführung. Man that ihm die Ehre an, ihm eine Nichte des Kardinals zur Gemahlin anzubieten; der stolze Reichsfürst schlug sie aus, um das Sächsische Blut durch keine Mißheirath zu entehren. Jetzt fing man an, ihn als einen gefährlichen Feind zu betrachten, und auch als solchen zu behandeln. Man entzog ihm die Subsidiengelder; man bestach den Gouverneur von Breysach und seine vornehmsten Offiziere, um wenigstens nach dem Tode des Herzogs sich in den Besitz seiner Eroberungen und seiner Truppen zu setzen. Dem letztern blieben diese Ränke kein Geheimniß, und die Vorkehrungen, die er in den eroberten Plätzen traf, bewiesen sein Mißtrauen gegen Frankreich. Aber diese Irrungen mit dem Französischen Hofe hatten den nachtheiligsten Einfluß auf seine künftigen Unternehmungen. Die Anstalten, welche er machen mußte, um seine Eroberungen gegen einen Angriff von Französischer Seite zu behaupten, nöthigten ihn seine Kriegsmacht zu theilen, und das Ausbleiben der Subsidiengelder verzögerte seine Erscheinung im Felde. Seine Absicht war gewesen, über den Rhein zu gehen, den Schweden Luft zu machen, und an den Ufern der Donau gegen den Kaiser und Bayern zu agiren. Schon hatte er Bannern, der im Begriff war, den Krieg in die Oesterreichischen Lande zu wälzen, seinen Operationsplan entdeckt, und versprochen ihn abzulösen – als der Tod ihn zu Neuburg am Rhein (im Julius 1639), im sechs und dreyßigsten Jahre seines Alters, mitten in seinem Heldenlauf überraschte.

Er starb an einer pestartigen Krankheit, welche [445] binnen zwey Tagen gegen vierhundert Menschen im Lager dahingerafft hatte. Die schwarzen Flecken, die an seinem Leichnam hervorbrachen, die eignen Aeußerungen des Sterbenden, und die Vortheile, welche Frankreich von seinem plötzlichen Hintritt ärntete, erweckten den Verdacht, daß er durch Französisches Gift sey hingerafft worden, der aber durch die Art seiner Krankheit hinlänglich widerlegt wird. In ihm verloren die Alliirten den größten Feldherrn, den sie nach Gustav Adolph besassen, Frankreich einen gefürchteten Nebenbuhler um das Elsaß, der Kaiser seinen gefährlichsten Feind. In der Schule Gustav Adolphs zum Helden und Feldherrn gebildet, ahmte er diesem erhabenen Muster nach, und nur ein längeres Leben fehlte ihm, um es zu erreichen, wo nicht gar zu übertreffen. Mit der Tapferkeit des Soldaten verband er den kalten und ruhigen Blick des Feldherrn, mit dem ausdauernden Muth des Mannes die rasche Entschlossenheit des Jünglings, mit dem wilden Feuer des Kriegers die Würde des Fürsten, die Mäßigung des Weisen, und die Gewissenhaftigkeit des Mannes von Ehre. Von keinem Unfall gebeugt, erhob er sich schnell und kraftvoll nach dem härtesten Schlage, kein Hinderniß konnte seine Kühnheit beschränken, kein Fehlschlag seinen unbezwinglichen Muth besiegen. Sein Geist strebte nach einem grossen, vielleicht nie erreichbaren Ziele; aber Männer seiner Art stehen unter andern Klugheitsgesetzen, als diejenigen sind, wonach wir den großen Haufen zu messen pflegen; fähig, mehr als andere zu vollbringen, durfte er auch verwegnere Plane entwerfen. Bernhard steht in der neuern Geschichte als ein schönes Bild jener kraftvollen Zeiten da, wo persönliche Größe noch etwas ausrichtete, Tapferkeit Länder errang, und Heldentugend einen Deutschen Ritter selbst auf den Kaiserthron führte.

Das beste Stück aus der Hinterlassenschaft des Herzogs war seine Armee, die er, nebst dem Elsaß, [446] seinem Bruder Wilhelm vermachte. Aber an eben dieser Armee, glaubten Schweden und Frankreich gegründete Rechte zu haben: jenes, weil sie im Namen dieser Krone geworben war, und ihr gehuldigt hatte; dieses, weil sie von seinem Geld unterhalten worden. Auch der Churprinz von der Pfalz trachtete nach dem Besitz derselben, um sich ihrer zu Wiedereroberung seiner Staaten zu bedienen, und versuchte Anfangs durch seine Agenten, und endlich in eigner Person, sie in sein Interesse zu ziehen. Selbst von kaiserlicher Seite geschah ein Versuch, diese Armee zu gewinnen; und dieß darf uns zu einer Zeit nicht wundern, wo nicht die Gerechtigkeit der Sache, nur der Preis der geleisteten Dienste in Betrachtung kam, und die Tapferkeit, wie jede andere Waare, dem Meistbietenden feil war. Aber Frankreich, vermögender und entschlossener, überbot alle Mitbewerber. Es erkaufte den General von Erlach, den Befehlshaber Breysachs, und die übrigen Oberhäupter, die ihm Breysach und die ganze Armee in die Hände spielten. Der junge Pfalzgraf Karl Ludwig, der schon in den vorhergehenden Jahren einen unglücklichen Feldzug gegen den Kaiser gethan hatte, sah auch hier seinen Anschlag scheitern. Im Begriff, Frankreich einen so schlimmen Dienst zu erzeigen, nahm er unbesonnener Weise seinen Weg durch dieses Reich, und hatte den unglücklichen Einfall, seinen Namen zu verschweigen. Dem Kardinal, der die gerechte Sache des Pfalzgrafen fürchtete, war jeder Vorwand willkommen, seinen Anschlag zu vereiteln. Er ließ ihn also zu Moulin gegen alles Völkerrecht anhalten, und gab ihm seine Freyheit nicht eher wieder, als bis der Ankauf der Weimarischen Truppen berichtigt war. So sahe sich Frankreich nun im Besitz einer beträchtlichen Kriegsmacht in Deutschland, und jetzt fing es eigentlich erst an, den Kaiser unter seinem eigenen Namen zu bekriegen.

[447] Aber es war nicht mehr Ferdinand der Zweyte, gegen den es jetzt als ein offenbarer Feind aufstand; diesen hatte schon im Februar 1637 im neun und funfzigsten Jahre seines Alters der Tod von dem Schauplatz abgerufen. Der Krieg, den seine Herrschsucht entzündet hatte, überlebte ihn; nie hatte er während seiner achtzehenjährigen Regierung das Schwert aus der Hand gelegt; nie, so lang er das Reichszepter führte, die Wohlthat des Friedens geschmeckt. Mit den Talenten des guten Herrschers geboren, mit vielen Tugenden geschmückt, die das Glück der Völker begründen, sanft und menschlich von Natur, sehen wir ihn, aus einem übel verstandenen Begriff von Monarchenpflicht, das Werkzeug zugleich und das Opfer fremder Leidenschaften, seine wohlthätige Bestimmung verfehlen, und den Freund der Gerechtigkeit in einen Unterdrücker der Menschheit, in einen Feind des Friedens, in eine Geißel seiner Völker ausarten. In seinem Privatleben liebenswürdig, in seinem Regentenamt achtungswerth, nur in seiner Politik schlimm berichtet, vereinigte er auf seinem Haupte den Segen seiner katholischen Unterthanen und die Flüche der protestantischen Welt. Die Geschichte stellt mehr und schlimmere Despoten auf, als Ferdinand der Zweyte gewesen, und doch hat nur Einer einen dreyßigjährigen Krieg entzündet; aber der Ehrgeitz dieses Einzigen mußte unglücklicher Weise gerade mit einem solchen Jahrhundert, mit solchen Vorbereitungen, mit solchen Keimen der Zwietracht zusammentreffen, wenn er von so verderblichen Folgen begleitet seyn sollte. In einer friedlichern Zeitepoche hätte dieser Funke keine Nahrung gefunden, und die Ruhe des Jahrhunderts hätte den Ehrgeitz des Einzelnen erstickt: jetzt fiel der unglückliche Strahl in ein hoch aufgethürmtes, lange gesammeltes Brenngeräthe, und Europa entzündete sich.

Sein Sohn, Ferdinand der Dritte, wenige [448] Monate vor seines Vaters Hintritt zur Würde eines Römischen Königs erhoben, erbte seine Throne, seine Grundsätze und seinen Krieg. Aber Ferdinand der Dritte hatte den Jammer der Völker, und die Verwüstung der Länder in der Nähe gesehen, und das Bedürfniß des Friedens näher und feuriger gefühlt. Weniger abhängig von den Jesuiten und Spaniern, und billiger gegen fremde Religionen, konnte er leichter als sein Vater die Stimme der Mäßigung hören. Er hörte sie, und schenkte Europa den Frieden; aber erst nach einem eilfjährigen Kampfe mit dem Schwert und der Feder, und nicht eher als bis aller Widerstand fruchtlos war, und die zwingende Noth ihm ihr hartes Gesetz diktirte.

Das Glück begünstigte den Antritt seiner Regierung, und seine Waffen waren siegreich gegen die Schweden. Diese hatten unter Banners kraftvoller Anführung nach dem Siege bey Wittstock Sachsen mit Winterquartieren belastet, und den Feldzug des 1637sten Jahrs mit der Belagerung Leipzigs eröffnet. Der tapfre Widerstand der Besatzung und die Annäherung der churfürstlich-kaiserlichen Völker retteten diese Stadt, und Banner, um nicht von der Elbe abgeschnitten zu werden, mußte sich nach Torgau zurück ziehen. Aber die Ueberlegenheit der Kaiserlichen verscheuchte ihn auch von hier, und umringt von feindlichen Schwärmen, aufgehalten von Strömen und vom Hunger verfolgt, mußte er einen höchst gefährlichen Rükzug nach Pommern nehmen, dessen Kühnheit und glücklicher Erfolg ans Romanhafte grenzt. Die ganze Armee durchwatete an einer seichten Stelle die Oder bey Fürstenberg, und der Soldat, dem das Wasser bis an den Hals trat, schleppte selbst die Kanonen fort, weil die Pferde nicht mehr ziehen wollten. Banner hatte darauf gerechnet, jenseits der Oder seinen in Pommern stehenden Untergeneral Wrangel zu finden, und, durch diesen [449] Zuwachs verstärkt, dem Feind alsdann die Spitze zu bieten. Wrangel erschien nicht, und an seiner Statt hatte sich ein kaiserliches Heer bey Landsberg postirt, den fliehenden Schweden den Weg zu verlegen. Banner entdeckte nun, daß er in eine verderbliche Schlinge gefallen, woraus kein Entkommen war. Hinter sich ein ausgehungertes Land, die Kaiserlichen und die Oder, die Oder zur Linken, die, von einem kaiserlichen General Bucheim bewacht, keinen Uebergang gestattete, vor sich Landsberg, Küstrin, die Warta und ein feindliches Heer, zur Rechten Pohlen, dem man, des Stillstands ungeachtet, nicht wohl vertrauen konnte, sah er sich ohne ein Wunder verloren, und schon triumphirten die Kaiserlichen über seinen unvermeidlichen Fall. Banners gerechte Empfindlichkeit klagte die Franzosen als die Urheber dieses Unglücks an. Sie hatten die versprochene Diversion am Rhein unterlassen, und ihre Unthätigkeit erlaubte dem Kaiser, seine ganze Macht gegen die Schweden zu gebrauchen. „Sollten wir einst,“ brach der aufgebrachte General gegen den Französischen Residenten aus, der dem Schwedischen Lager folgte, „sollten wir und die Deutschen einmal in Gesellschaft gegen Frankreich fechten, so werden wir nicht so viel Umstände machen, ehe wir den Rheinstrom passiren.“ Aber Vorwürfe waren jetzt vergeblich verschwendet, Entschluß und That foderte die dringende Noth. Um den Feind vielleicht durch eine falsche Spur von der Oder hinweg zu locken, stellte sich Banner, als ob er durch Pohlen entkommen wollte, schickte auch wirklich den größten Theil der Bagage auf diesem Weg voran, und ließ seine Gemahlin sammt den übrigen Offiziersfrauen dieser Marschroute folgen. Sogleich brechen die Kaiserlichen gegen die Pohlnische Grenze auf, ihm diesen Paß zu versperren, auch Bucheim verläßt seinen Standort, und die Oder wird entblößt. Rasch wendet sich Banner in der Dunkelheit [450] der Nacht gegen diesen Strom zurück, und setzt seine Truppen, sammt Bagage und Geschütz, eine Meile oberhalb Küstrin, ohne Brücken, ohne Schiffe, wie vorher bey Fürstenberg, über. Ohne Verlust erreichte er Pommern, in dessen Vertheidigung er und Herrmann Wrangel sich theilen.

Aber die Kaiserlichen, von Gallas angeführt, dringen bey Ribses in dieses Herzogthum, und überschwemmen es mit ihrer überlegenen Macht. Usedom und Wolgast werden mit Sturm, Demmin mit Accord erobert, und die Schweden bis tief in Hinterpommern zurück gedrückt. Und jetzt gerade kam es mehr als jemals darauf an, sich in diesem Lande zu behaupten, da Herzog Bogisla der Vierzehnte in eben diesem Jahre stirbt, und das Schwedische Reich seine Ansprüche auf Pommern geltend machen soll. Um den Churfürsten von Brandenburg zu verhindern, seine auf eine Erbverbrüderung und auf den Pragischen Frieden gegründeten Rechte an dieses Herzogthum geltend zu machen, strengt es jetzt alle seine Kräfte an, und unterstützt seine Generale aufs nachdrücklichste mit Geld und Soldaten. Auch in andern Gegenden des Reichs gewinnen die Angelegenheiten Schwedens ein günstigeres Ansehen, und sie fangen an, sich von dem tiefen Verfalle zu erheben, worein sie durch die Unthätigkeit Frankreichs und durch den Abfall ihrer Alliirten versunken waren. Denn nach ihrem eilfertigen Rückzuge nach Pommern hatten sie einen Platz nach dem andern in Obersachsen verloren; die Mecklenburgischen Fürsten, von den kaiserlichen Waffen bedrängt, fingen an sich auf die Oesterreichische Seite zu neigen, und selbst Herzog Georg von Lüneburg erklärte sich feindlich gegen sie. Ehrenbreitstein, durch Hunger besiegt, öffnete dem Bayrischen General von Werth seine Thore, und die Oesterreicher bemächtigten sich aller am Rheinstrom aufgeworfenen Schanzen. Frankreich hatte gegen die [451] Spanier eingebüßt, und der Erfolg entsprach den prahlerischen Anstalten nicht, womit man den Krieg gegen diese Krone eröffnet hatte. Verloren war alles, was die Schweden im innern Deutschland besaßen, und nur die Hauptplätze in Pommern behaupteten sich noch. Ein einziger Feldzug reißt sie aus dieser tiefen Erniedrigung, und durch die mächtige Diversion, welche der siegende Bernhard den kaiserlichen Waffen an den Ufern des Rheins macht, wird der ganzen Lage des Kriegs ein schneller Umschwung gegeben.

Die Irrungen zwischen Frankreich und Schweden waren endlich beygelegt, und der alte Traktat zwischen beyden Kronen zu Hamburg mit neuen Vortheilen für die Schweden bestätigt worden. In Hessen übernahm die staatskluge Landgräfin Amalia mit Bewilligung der Stände, nach dem Absterben Wilhelms, ihres Gemahls, die Regierung, und behauptete mit vieler Entschlossenheit gegen den Widerspruch des Kaisers und der Darmstädtischen Linie ihre Rechte. Der Schwedischprotestantischen Partey schon allein aus Religionsgrundsätzen eifrig ergeben, erwartete sie bloß die Gunst der Gelegenheit, um sich laut und thätig dafür zu erklären. Unterdessen gelang es ihr durch eine kluge Zurückhaltung und listig angesponnene Traktaten den Kaiser in Unthätigkeit zu erhalten, bis ihr geheimes Bündniß mit Frankreich geschlossen war, und Bernhards Siege den Angelegenheiten der Protestanten eine günstige Wendung gaben. Da warf sie auf einmal die Maske ab, und erneuerte die alte Freundschaft mit der Schwedischen Krone. Auch den Churprinzen von der Pfalz ermunterten Herzog Bernhards Triumphe, sein Glück gegen den gemeinschaftlichen Feind zu versuchen. Mit Englischem Gelde warb er Völker in Holland, errichtete zu Meppen ein Magazin, und vereinigte sich in Westphalen mit Schwedischen Truppen. Sein Magazin ging zwar verloren, seine [452] Armee wurde von dem Grafen Hatzfeld bey Flotha geschlagen; aber seine Unternehmung hatte doch den Feind eine Zeit lang beschäftigt, und den Schweden in andern Gegenden ihre Operationen erleichtert. Noch manche ihrer andern Freunde lebten auf, wie das Glück sich zu ihrem Vortheil erklärte, und es war schon Gewinn genug für sie, daß die Niedersächsischen Stände die Neutralität ergriffen.

Von diesen wichtigen Vortheilen begünstigt, und durch vierzehntausend Mann frischer Truppen aus Schweden und Liefland verstärkt, eröffnete Banner voll guter Hoffnungen im Jahr 1638 den Feldzug. Die Kaiserlichen, welche Vorpommern und Mecklenburg inne hatten, verließen größtentheils ihren Posten, oder liefen schaarenweise den Schwedischen Fahnen zu, um dem Hunger, ihrem grimmigsten Feind in diesen ausgeplünderten und verarmten Gegenden, zu entfliehen. So schrecklich hatten die bisherigen Durchzüge und Quartiere das ganze Land zwischen der Elbe und Oder verödet, daß Banner, um in Sachsen und Böhmen einbrechen zu können, und auf dem Wege dahin nicht mit seiner ganzen Armee zu verhungern, von Hinterpommern aus einen Umweg nach Niedersachsen nahm, und dann erst durch das Halberstädtische Gebiet in Chursachsen einrückte. Die Ungeduld der Niedersächsischen Staaten, einen so hungrigen Gast wieder los zu werden, versorgte ihn mit dem nöthigen Proviant, daß er für seine Armee in Magdeburg Brod hatte, – in einem Lande, wo der Hunger schon den Ekel an Menschenfleisch überwunden hatte. Er erschreckte Sachsen mit seiner verwüstenden Ankunft; aber nicht auf dieses erschöpfte Land, auf die kaiserlichen Erbländer war seine Absicht gerichtet. Bernhards Siege erhoben seinen Muth, und die wohlhabenden Provinzen des Hauses Oesterreich lockten seine Raubsucht. Nachdem er den kaiserlichen General [453] von Salis bey Elsterburg geschlagen, die Sächsische Armee bey Schemnitz zu Grunde gerichtet, und Pirna erobert hatte, drang er in Böhmen mit unwiderstehlicher Macht ein, setzte über die Elbe, bedrohte Prag, eroberte Brandeis und Leutmeritz, schlug den General von Hofkirchen mit zehn Regimentern, und verbreitete Schrecken und Verwüstung durch das ganze unvertheidigte Königreich. Beute war alles, was sich fortschaffen ließ, und zerstört wurde, was nicht genossen und nicht geraubt werden konnte. Um desto mehr Korn fortzuschleppen, schnitt man die Aehren von den Halmen, und verderbte den Ueberrest. Ueber tausend Schlösser, Flecken und Dörfer wurden in die Asche gelegt, und oft sah man ihrer hundert in einer einzigen Nacht auflodern. Von Böhmen aus that er Streifzüge nach Schlesien, und selbst Mähren und Oesterreich sollten seine Raubsucht empfinden. Dieß zu verhindern, mußte Graf Hatzfeld aus Westphalen und Piccolomini aus den Niederlanden herbey eilen. Erzherzog Leopold, ein Bruder des Kaisers, erhält den Kommandostab, um die Ungeschicklichkeit seines Vorgängers, Gallas, wieder gut zu machen, und die Armee aus ihrem tiefen Verfalle zu erheben.

Der Ausgang rechtfertigte die getroffene Veränderung, und der Feldzug des 1640sten Jahres schien für die Schweden eine sehr nachtheilige Wendung zu nehmen. Sie werden aus einem Quartier nach dem andern in Böhmen vertrieben, und nur bemüht, ihren Raub in Sicherheit zu bringen, ziehen sie sich eilfertig über das Meißnische Gebirge. Aber auch durch Sachsen von dem nacheilenden Feinde verfolgt, und bey Plauen geschlagen, müssen sie nach Thüringen ihre Zuflucht nehmen. Durch einen einzigen Sommer zu Meistern des Feldes gemacht, stürzen sie eben so schnell wieder zu der tiefsten Schwäche herab, um sich aufs neue zu erheben, und so mit beständigem raschem [454] Wechsel von einem Aeußersten zum andern zu eilen. Banners geschwächte Macht, im Lager bey Erfurt ihrem gänzlichen Untergang nahe, erhebt sich auf einmal wieder. Die Herzoge von Lüneburg verlassen den Pragischen Frieden, und führen ihm jetzt die nehmlichen Truppen zu, die sie wenige Jahre vorher gegen ihn fechten ließen. Hessen schickt Hülfe, und der Herzog von Longueville stößt mit der nachgelassenen Armee Herzog Bernhards zu seinen Fahnen. Den Kaiserlichen aufs neue an Macht überlegen, bietet ihnen Banner bey Saalfeld ein Treffen an; aber ihr Anführer Piccolomini vermeidet es klüglich, und hat eine zu gute Stellung gewählt, um dazu gezwungen zu werden. Als endlich die Bayern sich von den Kaiserlichen trennen, und ihren Marsch gegen Franken richten, versucht Banner auf dieses getrennte Corps einen Angriff, den aber die Klugheit des Bayrischen Anführers, von Mercy, und die schnelle Annäherung der kaiserlichen Hauptmacht vereitelt. Beyde Armeen ziehen sich nunmehr in das ausgehungerte Hessen, wo sie sich, nicht weit von einander, in ein festes Lager einschließen, bis endlich Mangel und rauhe Jahrszeit sie aus diesem verarmten Landstrich verscheuchen. Piccolomini erwählt sich die fetten Ufer der Weser zu Winterquartieren; aber überflügelt von Bannern muß er sie den Schweden einräumen, und die Fränkischen Bisthümer mit seinem Besuche belästigen.

Um eben diese Zeit wurde zu Regensburg ein Reichstag gehalten, wo die Klagen der Stände gehört, an der Beruhigung des Reiches gearbeitet, und über Krieg und Frieden ein Schluß gefaßt werden sollte. Die Gegenwart des Kaisers, der im Fürstenkollegium präsidirte, die Mehrheit der katholischen Stimmen im Churfürstenrathe, die überlegene Anzahl der Bischöfe und der Abgang von mehrern evangelischen Stimmen leitete die [455] Verhandlungen zum Vortheil des Kaisers und es fehlte viel, daß auf diesem Reichstage das Reich repräsentirt worden wäre. Nicht ganz mit Unrecht betrachteten ihn die Protestanten als eine Zusammenverschwörung Oesterreichs und seiner Kreaturen gegen den protestantischen Theil, und in ihren Augen konnte es Verdienst scheinen, diesen Reichstag zu stören oder auseinander zu scheuchen.

Banner entwarf diesen verwegenen Anschlag. Der Ruhm seiner Waffen hatte bey dem letzten Rückzug aus Böhmen gelitten, und es bedurfte einer unternehmenden That, um seinen vorigen Glanz wieder herzustellen. Ohne jemand zum Vertrauten seines Anschlags zu machen, verließ er in der strengsten Kälte des Winters im Jahre 1641 seine Quartiere in Lüneburg, sobald die Wege und Ströme gefroren waren. Begleitet von dem Marschall von Guebriant, der die Französische und Weimarische Armee kommandirte, richtete er durch Thüringen und das Vogtland seinen Marsch nach der Donau, und stand Regensburg gegenüber, ehe der Reichstag vor seiner verderblichen Ankunft gewarnt werden konnte. Unbeschreiblich groß war die Bestürzung der versammelten Stände, und in der ersten Angst schickten sich alle Gesandten zur Flucht an. Nur der Kaiser erklärte, daß er die Stadt nicht verlassen würde, und stärkte durch sein Beyspiel die andern. Zum Unglück der Schweden fiel Thauwetter ein, daß die Donau aufging, und weder trocknen Fußes, noch wegen des starken Eisgangs zu Schiffe passirt werden konnte. Um doch etwas gethan zu haben, und den Stolz des Deutschen Kaisers zu kränken, beging Banner die Unhöflichkeit, die Stadt mit fünfhundert Kanonenschüssen zu begrüßen, die aber wenig Schaden anrichteten. In dieser Unternehmung getäuscht, beschloß er nunmehr, tiefer in Bayern und in das unvertheidigte Mähren zu dringen, wo eine reiche Beute und [456] bequemere Quartiere seine bedürftigen Truppen erwarteten. Aber nichts konnte den Französischen General bewegen, ihm bis dahin zu folgen. Guebriant fürchtete, daß die Absicht der Schweden sey, die Weimarische Armee immer weiter vom Rhein zu entfernen, und von aller Gemeinschaft mit Frankreich abzuschneiden, bis man sie entweder gänzlich auf seine Seite gebracht oder doch ausser Stand gesetzt habe, etwas Eignes zu unternehmen. Er trennte sich also von Bannern, um nach dem Mainstrom zurück zu kehren, und dieser sahe sich auf einmal der ganzen kaiserlichen Macht bloß gestellt, die, zwischen Regensburg und Ingolstadt in aller Stille versammelt, gegen ihn anrückte. Jetzt galt es, auf einen schnellen Rückzug zu denken, der im Angesicht eines an Reiterey überlegenen Heeres, zwischen Strömen und Wäldern, in einem weit und breit feindlichen Lande, kaum anders als durch ein Wunder möglich schien. Eilfertig zog er sich nach dem Wald, um durch Böhmen nach Sachsen zu entkommen; aber drey Regimenter mußte er bey Neuburg im Stiche lassen. Diese hielten durch eine Spartanische Gegenwehr hinter einer schlechten Mauer die feindliche Macht vier ganze Tage auf, daß Banner den Vorsprung gewinnen konnte. Er entkam über Eger nach Annaberg; Piccolomini setzte ihm auf einem nähern Weg über Schlakkenwald nach, und es kam bloß auf den Vortheil einer kleinen halben Stunde an, daß ihm der kaiserliche General nicht bey dem Passe zu Prisnitz zuvor kam, und die ganze Schwedische Macht vertilgte. Zu Zwickau vereinigte sich Guebriant wieder mit dem Bannerischen Heer, und beyde richteten ihren Marsch nach Halberstadt, nachdem sie umsonst versucht hatten, die Saale zu vertheidigen, und den Oesterreichern den Uebergang zu verwehren.

Zu Halberstadt fand endlich Banner (im May 1641) das Ziel seiner Thaten, durch kein andres [457] als das Gift der Unmäßigkeit und des Verdrusses getödtet. Mit großem Ruhme, obgleich mit abwechselndem Glück, behauptete er das Ansehen der Schwedischen Waffen in Deutschland, und zeigte sich durch eine Kette von Siegesthaten seines großen Lehrers in der Kriegeskunst werth. Er war reich an Anschlägen, die er geheimnißvoll bewahrte und rasch vollstreckte, besonnen in Gefahren, in der Widerwärtigkeit größer als im Glück, und nie mehr furchtbar, als wenn man ihn am Rande des Verderbens glaubte. Aber die Tugenden des Kriegshelden waren in ihm mit allen Unarten und Lastern gepaart, die das Waffenhandwerk erzeugt, oder doch in Schutz nimmt. Eben so gebieterisch im Umgang als vor der Fronte seines Heers, rauh wie sein Gewerbe, und stolz wie ein Eroberer, drückte er die Deutschen Fürsten nicht weniger durch seinen Uebermuth, als durch seine Erpressungen ihre Länder. Für die Beschwerden des Kriegs entschädigte er sich durch die Freuden der Tafel und in den Armen der Wollust, die er bis zum Uebermaße trieb, und endlich mit einem frühen Tod büßen mußte. Aber üppig wie ein Alexander und Mahomed der zweyte, stürzte er sich mit gleicher Leichtigkeit aus den Armen der Wollust in die härteste Arbeit des Kriegs, und in seiner ganzen Feldherrngröße stand er da, als die Armee über den Weichling murrte. Gegen achtzigtausend Mann fielen in den zahlreichen Schlachten, die er lieferte, und gegen sechshundert feindliche Standarten und Fahnen, die er nach Stockholm sandte, beurkundeten seine Siege. Der Verlust dieses großen Führers wurde von den Schweden bald aufs empfindlichste gefühlt, und man fürchtete, daß er nicht zu ersetzen seyn würde. Der Geist der Empörung und Zügellosigkeit, durch das überwiegende Ansehen dieses gefürchteten Generals in Schranken gehalten, erwachte, sobald er dahin war. Die Offiziere fodern mit furchtbarer Einstimmigkeit [458] ihre Rückstände, und keiner der vier Generale, die sich nach Bannern in das Kommando theilen, besitzt Ansehen genug, diesen ungestümen Mahnern Genüge zu leisten oder Stillschweigen zu gebieten. Die Kriegszucht erschlafft; der zunehmende Mangel und die kaiserlichen Abrufungsschreiben vermindern mit jedem Tage die Armee; die Französisch-Weimarischen Völker beweisen wenig Eifer; die Lüneburger verlassen die Schwedischen Fahnen, da die Fürsten des Hauses Braunschweig nach dem Tode Herzog Georgs sich mit dem Kaiser vergleichen; und endlich sondern sich auch die Hessen von ihnen ab, um in Westphalen beßre Quartiere zu suchen. Der Feind benutzt dieses verderbliche Zwischenreich, und, obgleich in zwey Actionen aufs Haupt geschlagen, gelingt es ihm, beträchtliche Fortschritte in Niedersachsen zu machen.

Endlich erschien der neu ernannte Schwedische Generalissimus mit frischem Geld und Soldaten. Bernhard Torstensohn war es, ein Zögling Gustav Adolphs, und der glücklichste Nachfolger dieses Helden, dem er schon in dem Pohlnischen Kriege als Page zur Seite stand. Von dem Podagra gelähmt und an die Sänfte geschmiedet, besiegte er alle seine Gegner durch Schnelligkeit, und seine Unternehmungen hatten Flügel, während daß sein Körper die schrecklichste aller Fesseln trug. Unter ihm verändert sich der Schauplatz des Krieges, und neue Maximen herrschen, die die Noth gebietet und der Erfolg rechtfertigt. Erschöpft sind alle Länder, um die man bisher gestritten hatte, und in seinen hintersten Landen unangefochten, fühlt das Haus Oesterreich den Jammer des Krieges nicht, unter welchem ganz Deutschland blutet. Torstensohn verschafft ihm zuerst diese bittre Erfahrung, sättigt seine Schweden an dem fetten Tisch Oesterreichs, und wirft den Feuerbrand bis an den Thron des Kaisers.

In Schlesien hatte der Feind beträchtliche Vortheile [459] über den Schwedischen Anführer Stalhantsch erfochten, und ihn nach der Neumark gejagt. Torstensohn, der sich im Lüneburgischen mit der Schwedischen Hauptmacht vereinigt hatte, zog ihn an sich, und brach im Jahr 1642 durch Brandenburg, das unter dem großen Churfürsten angefangen hatte eine gewaffnete Neutralität zu beobachten, plötzlich in Schlesien ein. Glogau wird ohne Approche, ohne Bresche, mit dem Degen in der Faust erstiegen, der Herzog Franz Albrecht von Lauenburg bey Schweidnitz geschlagen und selbst erschossen, Schweidnitz, wie fast das ganze diesseits der Oder gelegene Schlesien erobert. Nun drang er mit unaufhaltsamer Gewalt bis in das Innerste von Mähren, wohin noch kein Feind des Hauses Oesterreich gekommen war, bemeisterte sich der Stadt Olmütz, und machte selbst die Kaiserstadt beben. Unterdessen hatten Piccolomini und Erzherzog Leopold eine überlegene Macht versammelt, die den Schwedischen Eroberer aus Mähren, und bald auch, nach einem vergeblichen Versuch auf Brieg, aus Schlesien verscheuchte. Durch Wrangeln verstärkt, wagte er sich zwar aufs neue dem überlegnen Feind entgegen, und entsetzte Großglogau; aber er konnte weder den Feind zum Schlagen bringen, noch seine Absicht auf Böhmen ausführen. Er überschwemmte nun die Lausitz, wo er im Angesichte des Feindes Zittau wegnahm, und nach einem kurzen Aufenthalt seinen Marsch durch Meißen an die Elbe richtete, die er bey Torgau passirte. Jetzt bedrohte er Leipzig mit einer Belagerung, und machte sich Hoffnung, in dieser wohlhabenden, seit zehn Jahren verschont gebliebenen Stadt einen reichlichen Vorrath an Lebensmitteln und starke Brandschatzungen zu erheben.

Sogleich eilen die Kaiserlichen unter Leopold und Piccolomini über Dresden zum Entsatz herbey, und Torstensohn, um nicht zwischen der Armee und der Stadt eingeschlossen zu werden, rückt [460] ihnen beherzt und in voller Schlachtordnung entgegen. Durch einen wunderbaren Kreislauf der Dinge traf man jetzt wieder auf dem nehmlichen Boden zusammen, den Gustav Adolph eilf Jahre vorher durch einen entscheidenden Sieg merkwürdig gemacht hatte, und der Vorfahren Heldentugend erhitzte ihre Nachfolger zu einem edlen Wettstreit auf dieser heiligen Erde. Die Schwedischen Generale Stalhantsch und Willenberg werfen sich auf den noch nicht ganz in Ordnung gestellten linken Flügel der Oesterreicher mit solchem Ungestüm, daß die ganze ihn bedeckende Reiterey über den Haufen gerannt und zum Treffen unbrauchbar gemacht wird. Aber auch dem Linken der Schweden drohte schon ein ähnliches Schicksal, als ihm der siegende Rechte zu Hülfe kam, dem Feind in den Rücken und in die Flanken fiel, und seine Linien trennte. Die Infanterie beyder Theile stand einer Mauer gleich, und wehrte sich, nachdem alles Pulver verschossen war, mit umgekehrten Musketen, bis endlich die Kaiserlichen, von allen Seiten umringt, nach einem dreystündigen Gefechte das Feld räumen mußten. Die Anführer beyder Armeen hatten ihr Aeußerstes gethan, ihre fliehenden Völker aufzuhalten, und Erzherzog Leopold war mit seinem Regimente der erste beym Angriff und der letzte auf der Flucht. Ueber dreytausend Mann und zwey ihrer besten Generale, Schlangen und Lilienhoek, kostete den Schweden dieser blutige Sieg. Von den Kaiserlichen blieben fünftausend auf dem Platze, und beynahe eben so viele wurden zu Gefangenen gemacht. Ihre ganze Artillerie von sechs und vierzig Kanonen, das Silbergeschirr und die Kanzley des Erzherzogs, die ganze Bagage der Armee fiel in der Sieger Hände. Torstensohn, zu sehr geschwächt durch seinen Sieg, um den Feind verfolgen zu können, rückte vor Leipzig; die geschlagene Armee nach Böhmen, wo die flüchtigen Regimenter sich [461] wieder sammelten. Erzherzog Leopold konnte diese verlorne Schlacht nicht verschmerzen, und das Kavallerie Regiment, das durch seine frühe Flucht dazu Anlaß gegeben, erfuhr die Wirkungen seines Grimms. Zu Rackonitz in Böhmen erklärte er es im Angesicht der übrigen Truppen für ehrlos, beraubte es aller seiner Pferde, Waffen und Insignien, ließ seine Standarten zerreißen, mehrere seiner Offiziere und von den Gemeinen den zehenten Mann zum Tode verurtheilen.

Leipzig selbst, welches drey Wochen nach dem Treffen bezwungen wurde, war die schönste Beute des Siegers. Die Stadt mußte das ganze Schwedische Heer neu bekleiden, und sich mit drey Tonnen Goldes, wozu auch die fremden Handlungshäuser, die ihre Waarenlager darin hatten, mit Taxen beschwert wurden, von der Plünderung los kaufen. Torstensohn rückte noch im Winter vor Freyberg, trotzte vor dieser Stadt mehrere Wochen lang dem Grimm der Witterung, und hoffte durch seine Beharrlichkeit den Muth der Belagerten zu ermüden. Aber er opferte nur seine Truppen auf, und die Annäherung des kaiserlichen Generals Piccolomini nöthigte ihn endlich, mit seiner geschwächten Armee sich zurück zu ziehen. Doch achtete er es schon für Gewinn, daß auch der Feind die Ruhe der Winterquartiere, deren er sich freywillig beraubte, zu entbehren genöthigt ward, und in diesem ungünstigen Winterfeldzug über dreytausend Pferde einbüßte. Er machte nun eine Bewegung gegen die Oder, um sich durch die Garnisonen aus Pommern und Schlesien zu verstärken; aber mit Blitzesschnelligkeit stand er wieder an der Böhmischen Grenze, durchflog dieses Königreich, und – entsetzte Olmütz in Mähren, das von den Kaiserlichen hart geängstiget wurde. Aus seinem Lager bey Dobitschau, zwey Meilen von Olmütz, beherrschte er ganz Mähren, drückte es mit schweren Erpressungen, und ließ bis an die Brücken von Wien seine Schaaren streifen. [462] Umsonst bemühte sich der Kaiser, zu Vertheidigung dieser Provinz den Ungarischen Adel zu bewaffnen; dieser berief sich auf seine Privilegien, und wollte außerhalb seinem Vaterlande nicht dienen. Ueber dieser fruchtlosen Unterhandlung verlor man die Zeit für einen thätigen Widerstand, und ließ die ganze Provinz Mähren den Schweden zum Raube werden.

Während daß Bernhard Torstensohn durch seine Märsche und Siege Freund und Feind in Erstaunen setzte, hatten sich die Armeen der Alliirten in andern Theilen des Reichs nicht unthätig verhalten. Die Hessen und Weimarischen unter dem Grafen von Eberstein und dem Marschall von Guebriant waren in das Erzstift Kölln eingefallen, um dort ihre Winterquartiere zu beziehen. Um sich dieser räuberischen Gäste zu erwehren, rief der Churfürst den kaiserlichen General von Hatzfeld herbey, und versammelte seine eignen Truppen unter dem General Lamboy. Diesen griffen die Alliirten (im Jänner 1642) bey Kempen an, und schlugen ihn in einer großen Schlacht, daß zweytausend blieben und noch einmal so viel zu Gefangenen gemacht wurden. Dieser wichtige Sieg öffnete ihnen das ganze Churfürstenthum und die angrenzenden Lande, daß sie nicht nur ihre Quartiere darin behaupteten, sondern auch große Verstärkungen an Soldaten und Pferden daraus zogen.

Guebriant überließ den Hessischen Völkern, ihre Eroberungen am Niederrhein gegen den Grafen von Hatzfeld zu vertheidigen, und näherte sich Thüringen, um Torstensohns Unternehmungen in Sachsen zu unterstützen. Aber anstatt seine Macht mit der Schwedischen zu vereinigen, eilte er zurück nach dem Main- und Rheinstrom, von dem er sich schon weiter als er sollte entfernt hatte. Da ihm die Bayern unter Mercy und Johann von Werth in der Markgrafschaft Baden zuvorgekommen waren, so irrte er viele Wochen lang, dem Grimm der Witterung preis gegeben, ohne Obdach umher, [463] und mußte gewöhnlich auf dem Schnee kampiren, bis er im Breisgau endlich ein kümmerliches Unterkommen fand. Zwar zeigte er sich im folgenden Sommer wieder im Felde, und beschäftigte in Schwaben das Bayrische Heer, daß es die Stadt Thionville in den Niederlanden, welche Condé belagerte, nicht entsetzen sollte. Aber bald ward er von dem überlegenen Feind in das Elsaß zurück gedrückt, wo er eine Verstärkung erwartete.

Der Tod des Kardinals Richelieu, der im November des Jahrs 1642 erfolgt war, und der Thron- und Ministerwechsel, den das Absterben Ludwigs XIII. im May 1643 nach sich zog, hatte die Aufmerksamkeit Frankreichs eine Zeit lang von dem Deutschen Krieg abgezogen, und diese Unthätigkeit im Felde bewirkt. Aber Mazarin, der Erbe von Richelieus Macht, Grundsätzen und Entwürfen, verfolgte den Plan seines Vorgängers mit erneuertem Eifer, wie theuer auch der Französische Unterthan diese politische Größe Frankreichs bezahlte. Wenn Richelieu die Hauptstärke der Armeen gegen Spanien gebrauchte, so kehrte sie Mazarin gegen den Kaiser, und machte durch die Sorgfalt, die er dem Kriege in Deutschland widmete, seinen Ausspruch wahr, daß die Deutsche Armee der rechte Arm seines Königs und der Wall der Französischen Staaten sey. Er schickte dem Feldmarschall Guebriant, gleich nach der Einnahme von Thionville, eine beträchtliche Verstärkung ins Elsaß; und damit diese Truppen sich den Mühseligkeiten des Deutschen Kriegs desto williger unterziehen möchten, mußte der berühmte Sieger bey Rocroy, Herzog von Enguien, nachheriger Prinz von Condé, sie in eigner Person dahin führen. Jetzt fühlte sich Guebriant stark genug, um in Deutschland wieder mit Ehren auftreten zu können. Er eilte über den Rhein zurück, um sich in Schwaben bessere Winterquartiere zu suchen, und machte sich auch wirklich Meister von Rothweil, wo ihm ein Bayrisches Magazin [464] in die Hände fiel. Aber dieser Platz wurde theurer bezahlt, als er werth war, und schneller, als er gewonnen worden, wieder verloren. Guebriant erhielt eine Wunde im Arm, welche die ungeschickte Hand seines Wundarztes tödtlich machte, und die Größe seines Verlustes wurde noch selbst an dem Tage seines Todes kund.

Die Französische Armee, durch die Expedition in einer so rauhen Jahreszeit merklich vermindert, hatte sich nach der Einnahme von Rothweil in die Gegend von Duttlingen gezogen, wo sie, ohne alle Ahndung eines feindlichen Besuchs, in tiefer Sicherheit rastet. Unterdessen versammelt der Feind eine große Macht, die bedenkliche Festsezung der Franzosen jenseits des Rheins, und in einer so grossen Nähe von Bayern zu hindern, und diese Gegend von ihren Erpressungen zu befreyen. Die Kaiserlichen, von Hatzfeld angeführt, verbinden sich mit der Bayrischen Macht, welche Mercy befehligt; und auch der Herzog von Lothringen, den man in diesem ganzen Krieg überall, nur nicht in seinem Herzogthum, findet, stößt mit seinen Truppen zu ihren vereinigten Fahnen. Der Anschlag wird gefaßt, die Quartiere der Franzosen in Duttlingen und den angrenzenden Dörfern aufzuschlagen, d. i. sie unvermuthet zu überfallen; eine in diesem Kriege sehr beliebte Art von Expeditionen, die, weil sie immer und nothwendig mit Verwirrung verknüpft war, gewöhnlich mehr Blut kostete, als geordnete Schlachten. Hier war sie um so mehr an ihrem Platze, da der Französische Soldat, in dergleichen Unternehmungen unerfahren, von einem Deutschen Winter ganz andre Begriffe hegte, und durch die Strenge der Jahrszeit sich gegen jede Ueberraschung für hinlänglich gesichert hielt. Johann von Werth, ein Meister in dieser Art Krieg zu führen, der seit einiger Zeit gegen Gustav Horn war ausgewechselt worden, führte die Unternehmung [465] an, und brachte sie auch über alle Erwartung glücklich zu Stande.

Man that den Angriff von einer Seite, wo er der vielen engen Pässe und Waldungen wegen am wenigsten erwartet werden konnte, und ein starker Schnee, der an eben diesem Tage (den 24sten des Novembers 1643) fiel, verbarg die Annäherung des Vortrabs, bis er im Angesichte von Duttlingen Halt machte. Die ganze außerhalb des Orts verlassen stehende Artillerie wird, so wie das nahe liegende Schloß Hemburg, ohne Widerstand erobert, ganz Duttlingen von der nach und nach eintreffenden Armee umzingelt, und aller Zusammenhang der in den Dörfern umher zerstreuten feindlichen Quartiere still und plötzlich gehemmt. Die Franzosen waren also schon besiegt, ehe man eine Kanone abbrannte. Die Reiterey dankte ihre Rettung der Schnelligkeit ihrer Pferde und den wenigen Minuten, welche sie vor dem nachsetzenden Feinde voraus hatte. Das Fußvolk ward zusammen gehauen, oder streckte freywillig das Gewehr. Gegen zweytausend bleiben, siebentausend geben sich mit fünf und zwanzig Stabsoffizieren und neunzig Kapitäns gefangen. Dieß war wohl in diesem ganzen Kriege die einzige Schlacht, welche auf die verlierende und die gewinnende Partey ohngefähr den nehmlichen Eindruck machte; beyde waren Deutsche, und die Franzosen hatten sich beschimpft. Das Andenken dieses unholden Tages, der hundert Jahre später bey Roßbach erneuert ward, wurde in der Folge zwar durch die Heldenthaten eines Türenne und Conde wieder ausgelöscht; aber es war den Deutschen zu gönnen, wenn sie sich für das Elend, das die Französische Politik über sie häufte, mit einem Gassenhauer auf die Französische Tapferkeit bezahlt machten.

Diese Niederlage der Franzosen hätte indessen den Schweden sehr verderblich werden können, da nunmehr die ganze ungetheilte Macht des Kaisers [466] gegen sie losgelassen wurde, und die Zahl ihrer Feinde in dieser Zeit noch um einen vermehrt worden war. Torstensohn hatte Mähren im September 1643 plötzlich verlassen und sich nach Schlesien gezogen. Niemand wußte die Ursache seines Aufbruchs, und die oft veränderte Richtung seines Marsches trug dazu bey, die Ungewißheit zu vermehren. Von Schlesien aus näherte er sich unter mancherley Krümmungen der Elbe, und die Kaiserlichen folgten ihm bis in die Lausitz nach. Er ließ bey Torgau eine Brücke über die Elbe schlagen, und sprengte aus, daß er durch Meißen in die obere Pfalz und in Bayern dringen würde. Auch bey Barby stellte er sich an, als wollte er diesen Strom passiren, zog sich aber immer weiter die Elbe hinab, bis Havelberg, wo er seiner erstaunten Armee bekannt machte, daß er sie nach Holstein gegen die Dänen führe.

Längst schon hatte die Parteylichkeit, welche König Christian der Vierte bey dem von ihm übernommenen Mittleramte gegen die Schweden blicken ließ, die Eifersucht, womit er dem Fortgang ihrer Waffen entgegen arbeitete, die Hindernisse, die er der Schwedischen Schiffahrt im Sund entgegen setzte, und die Lasten, mit denen er ihren aufblühenden Handel beschwerte, den Unwillen dieser Krone gereitzt, und endlich, da der Kränkungen immer mehrere wurden, ihre Rache aufgefodert. Wie gewagt es auch schien, sich in einen neuen Krieg zu verwickeln, während daß man unter der Last des alten, mitten unter gewonnenen Siegen, beynahe zu Boden sank, so erhob doch die Rachbegierde und ein verjährter Nationalhaß den Muth der Schweden über alle diese Bedenklichkeiten, und die Verlegenheiten selbst, in welche man sich durch den Krieg in Deutschland verwickelt sah, waren ein Beweggrund mehr, sein Glück gegen Dänemark zu versuchen. Es war endlich so weit gekommen, daß man den Krieg nur fortsetzte, [467] um den Truppen Arbeit und Brod zu verschaffen, daß man fast bloß um den Vortheil der Winterquartiere stritt, und die Armee gut untergebracht zu haben, höher als eine gewonnene Hauptschlacht schätzte. Aber fast alle Provinzen des Deutschen Reichs waren verödet und ausgezehrt; es fehlte an Proviant, an Pferden und Menschen, und an allem diesem hatte Holstein Ueberfluß. Gewann man auch weiter nichts, als daß man die Armee in dieser Provinz rekrutirte, Pferde und Soldaten sättigte, und die Reiterey besser beritten machte – so war der Erfolg schon der Mühe und Gefahr des Versuches werth. Auch kam jetzt bey Eröffnung des Friedensgeschäftes alles darauf an, den nachtheiligen Dänischen Einfluß auf die Friedensunterhandlungen zu hemmen, den Frieden selbst, der die Schwedische Krone nicht sehr zu begünstigen schien, durch Verwirrung der Interessen möglichst zu verzögern, und, da es auf Bestimmung einer Genugthuung ankam, die Zahl seiner Eroberungen zu vermehren, um die einzige, welche man zu behalten wünschte, desto gewisser zu erlangen. Die schlechte Verfassung des Dänischen Reichs berechtigte zu noch grösseren Hoffnungen, wenn man nur den Anschlag schnell und verschwiegen ausführte. Wirklich beobachtete man in Stockholm das Geheimniß so gut, daß die Dänischen Minister nicht das geringste davon argwohnten, und weder Frankreich noch Holland wurde in das Geheimniß gezogen. Der Krieg selbst war die Kriegserklärung, und Torstensohn stand in Holstein, ehe man eine Feindseligkeit ahndete. Durch keinen Widerstand aufgehalten, ergießen sich die Schwedischen Truppen wie eine Ueberschwemmung durch dieses Herzogthum, und bemächtigen sich aller festen Plätze desselben, Rensburg und Glückstadt ausgenommen. Eine andere Armee bricht in Schonen ein, welches gleich wenig Widerstand leistet, und nur die stürmische Jahrszeit verhindert [468] die Anführer, den kleinen Belt zu passiren und den Krieg selbst nach Fühnen und Seeland zu wälzen. Die Dänische Flotte verunglückt bey Femern, und Christian selbst, der sich auf derselben befindet, verliert durch einen Splitter sein rechtes Auge. Abgeschnitten von der weit entlegenen Macht des Kaisers, seines Bundsgenossen, steht dieser König auf dem Punkte, sein ganzes Reich von der Schwedischen Macht überschwemmt zu sehen, und es ließ sich in allem Ernst zu Erfüllung der Wahrsagung an, die man sich von dem berühmten Tycho Brahe erzählte, daß Christian IV. im Jahre 1644 mit einem blossen Stecken aus seinem Reiche würde wandern müssen.

Aber der Kaiser durfte nicht gleichgültig zusehen, daß Dänemark den Schweden zum Opfer wurde, und der Raub dieses Königreichs ihre Macht vermehrte. Wie groß auch die Schwierigkeiten waren, die sich einem so weiten Marsch durch lauter ausgehungerte Länder entgegen setzten, so säumte er doch nicht, den Grafen von Gallas, dem nach dem Austritt des Piccolomini das Oberkommando über die Truppen aufs neue war anvertraut worden, mit einer Armee nach Holstein zu senden. Gallas erschien auch wirklich in diesem Herzogthum, eroberte Kiel, und hoffte, nach der Vereinigung mit den Dänen, die Schwedische Armee in Jütland einzuschließen. Zugleich wurden die Hessen und der Schwedische General von Königsmark durch Hatzfeld und durch den Erzbischof von Bremen, den Sohn Christians IV. beschäftigt, und der Letztere durch einen Angriff auf Meißen nach Sachsen gezogen. Aber Torstensohn drang durch den unbesetzten Paß zwischen Schleswig und Stapelholm, ging mit seiner neugestärkten Armee dem Gallas entgegen, und drückte ihn den ganzen Elbstrom hinauf bis Bernburg, wo die Kaiserlichen ein festes Lager bezogen. Torstensohn passirte die Saale, und nahm eine solche Stellung, daß er den Feinden in den [469] Rücken kam, und sie von Sachsen und Böhmen abschnitt. Da riß der Hunger in ihrem Lager ein, und richtete den größten Theil der Armee zu Grunde; der Rückzug nach Magdeburg verbesserte nichts an dieser verzweifelten Lage. Die Kavallerie, welche nach Schlesien zu entkommen suchte, wird von Torstensohn bey Jüterbock eingeholt und zerstreut, die übrige Armee, nach einem vergeblichen Versuch, sich mit dem Schwert in der Hand durchzuschlagen, bey Magdeburg fast ganz aufgerieben. Von seiner grossen Macht brachte Gallas bloß einige tausend Mann und den Ruhm zurück, daß kein grösserer Meister zu finden sey, eine Armee zu ruiniren. Nach diesem verunglückten Versuch zu seiner Befreyung suchte der König von Dänemark den Frieden, und erhielt ihn zu Bremseboor im Jahre 1645 unter harten Bedingungen.

Torstensohn verfolgte seinen Sieg. Während daß einer seiner Untergenerale, Axel Lilienstern, Chursachsen ängstigte, und Königsmark ganz Bremen sich unterwürfig machte, brach er selbst an der Spitze von sechzehntausend Mann und mit achtzig Kanonen in Böhmen ein, und suchte nun den Krieg aufs neue in die Erbstaaten Oesterreichs zu verpflanzen. Ferdinand eilte auf diese Nachricht selbst nach Prag, um durch seine Gegenwart den Muth seiner Völker zu entflammen, und, da es so sehr an einem tüchtigen General und den vielen Befehlshabern an Uebereinstimmung fehlte, in der Nähe der Kriegesscenen desto schneller und nachdrücklicher wirken zu können. Auf seinen Befehl versammelte Hatzfeld die ganze Oesterreichische und Bayrische Macht, und stellte sie – das lezte Heer des Kaisers und der letzte Wall seiner Staaten – wider seinen Rath und Willen, dem eindringenden Feinde bey Jankau oder Jankowitz am 24. Februar 1645 entgegen. Ferdinand verließ sich auf seine Reuterey, welche dreytausend Pferde mehr als die feindliche zählte, und auf die Zusage der Jungfrau Maria, [470] die ihm im Traum erschienen und einen gewissen Sieg versprochen hatte.

Die Ueberlegenheit der Kaiserlichen schreckte Torstensohn nicht ab, der nie gewohnt war, seine Feinde zu zählen. Gleich beym ersten Angriff wurde der linke Flügel, den der ligistische General von Götz in eine sehr unvortheilhafte Gegend zwischen Teuchen und Wäldern verwickelt hatte, völlig in Unordnung gebracht, der Anführer selbst mit dem größten Theil seiner Völker erschlagen, und beynahe die ganze Kriegsmunition der Armee erbeutet. Dieser unglückliche Anfang entschied das Schicksal des ganzen Treffens. Die Schweden bemächtigten sich, immer vorwärts dringend, der wichtigsten Anhöhen, und nach einem achtstündigen blutigen Gefechte, nach einem wüthenden Anlauf der kaiserlichen Reuterey, und dem tapfersten Widerstand des Fußvolks, waren sie Meister vom Schlachtfelde. Zweytausend Oesterreicher blieben auf dem Platze, und Hatzfeld selbst mußte sich mit dreytausend gefangen geben. Und so war denn an Einem Tage der beste General und das letzte Heer des Kaisers verloren.

Dieser entscheidende Sieg bey Jankowitz öffnete auf einmal dem Feind alle Oesterreichische Lande. Ferdinand entfloh eilig nach Wien, um für die Vertheidigung dieser Stadt zu sorgen, und sich selbst, seine Schätze und seine Familie in Sicherheit zu bringen. Auch währte es nicht lange, so brachen die siegenden Schweden in Mähren und Oesterreich wie eine Wasserfluth herein. Nachdem sie beynahe das ganze Mähren erobert, Brünn eingeschlossen, von allen festen Schlössern und Städten bis an die Donau Besitz genommen, und endlich selbst die Schanze an der Wolfsbrücke, unfern von Wien, erstiegen, stehen sie endlich im Gesicht dieser Kaiserstadt, und die Sorgfalt, mit der sie die eroberten Plätze befestigen, scheint keinen kurzen Besuch anzudeuten. Nach einem langen verderblichen Umweg durch alle Provinzen des Deutschen Reiches krümmt sich endlich der [471] Kriegesstrom rückwärts zu seinem Anfang, und der Knall des Schwedischen Geschützes erinnert die Einwohner Wiens an jene Kugeln, welche die Böhmischen Rebellen vor sieben und zwanzig Jahren in die Kaisersburg warfen. Dieselbe Kriegsbühne führt auch dieselben Werkzeuge des Angriffs zurück. Wie Bethlen Gabor von den rebellischen Böhmen, so wird jetzt sein Nachfolger, Ragotzy, von Torstensohn zum Beystand herbey gerufen; schon ist Oberungarn von seinen Truppen überschwemmt, und täglich fürchtet man seine Vereinigung mit den Schweden. Johann Georg von Sachsen, durch die Schwedischen Einquartierungen in seinem Lande aufs äußerste gebracht, hülflos gelassen von dem Kaiser, der sich nach dem Jankauischen Treffen selbst nicht beschützen kann, ergreift endlich das letzte und einzige Rettungsmittel, einen Stillstand mit den Schweden zu schliessen, der von Jahr zu Jahr bis zum allgemeinen Frieden verlängert wird. Der Kaiser verliert einen Freund, indem an den Thoren seines Reichs ein neuer Feind gegen ihn aufsteht, indem seine Kriegsheere schmelzen, und seine Bundsgenossen an andern Enden Deutschlands geschlagen werden. Denn auch die Französische Armee hatte den Schimpf der Duttlinger Niederlage durch einen glänzenden Feldzug wieder ausgelöscht, und die ganze Macht Bayerns am Rhein und in Schwaben beschäftigt. Mit neuen Truppen aus Frankreich verstärkt, die der grosse und jetzt schon durch seine Siege in Italien verherrlichte Türenne dem Herzog von Enguien zuführte, erschienen sie am 3. August 1644 vor Freyburg, welches Mercy kurz vorher erobert hatte, und mit seiner ganzen, aufs beste verschanzten Armee bedeckte. Das Ungestüm der Französischen Tapferkeit scheiterte zwar an der Standhaftigkeit der Bayern, und der Herzog von Enguien mußte sich zum Rückzug entschliessen, nachdem er bey sechstausend seiner Leute umsonst hingeschlachtet hatte. Mazarin vergoß Thränen über diesen grossen Verlust, den aber [472] der herzlose, für den Ruhm allein empfindliche Conde nicht achtete. „Eine einzige Nacht in Paris,“ hörte man ihn sagen, „giebt mehr Menschen das Leben, als diese Action getödet hat.“ Indessen hatte doch diese mörderische Schlacht die Bayern so sehr entkräftet, daß sie, weit entfernt, das bedrängte Oesterreich zu entsetzen, nicht einmal die Rheinufer vertheidigen konnten. Speyer, Worms, Mannheim ergeben sich, das feste Philippsburg wird durch Mangel bezwungen, und Mainz selbst eilt, durch eine zeitige Unterwerfung den Sieger zu entwaffnen.

Was Oesterreich und Mähren am Anfang des Krieges gegen die Böhmen gerettet hatte, rettete es auch jetzt gegen Torstensohn. Ragotzy war zwar mit seinen Völkern, fünf und zwanzig tausend an der Zahl, bis an die Donau in die Nähe des Schwedischen Lagers gedrungen; aber diese undisciplinirten und rohen Schaaren verwüsteten nur das Land, und vermehrten den Mangel im Lager der Schweden, anstatt daß sie die Unternehmungen Torstensohns durch eine zweckmäßige Wirksamkeit hätten befördern sollen. Dem Kaiser Tribut, dem Unterthan Geld und Gut abzuängstigen, war der Zweck, der den Ragotzy, wie Bethlen Gaborn, ins Feld rief, und beyde gingen heim, sobald sie diese Absicht erreicht hatten. Ferdinand, um seiner los zu werden, bewilligte dem Barbaren, was er nur immer foderte, und befreyte durch ein geringes Opfer seine Staaten von diesem furchtbaren Feinde.

Unterdessen hatte sich die Hauptmacht der Schweden in einem langwierigen Lager vor Brünn aufs äußerste geschwächt. Torstensohn, der selbst dabey kommandirte, erschöpfte vier Monate lang umsonst seine ganze Belagerungskunst; der Widerstand war dem Angriffe gleich, und Verzweiflung erhöhte den Muth des Kommendanten de Souches, eines Schwedischen Ueberläufers, der keinen Pardon zu hoffen hatte. Die Wuth der Seuchen, welche Mangel, Unreinlichkeit und der Genuß unreifer Früchte [473] in seinem langwierigen verpesteten Lager erzeugte, und der schnelle Abzug des Siebenbürgers nöthigte endlich den Schwedischen Befehlshaber, die Belagerung aufzuheben. Da alle Pässe an der Donau besetzt, seine Armee aber durch Krankheit und Hunger schon sehr geschmolzen war, so entsagte er seiner Unternehmung auf Oesterreich und Mähren, begnügte sich, durch Zurücklassung Schwedischer Besatzungen in den eroberten Schlössern einen Schlüssel zu beyden Provinzen zu behalten, und nahm seinen Weg nach Böhmen, wohin ihm die Kaiserlichen unter dem Erzherzog Leopold folgten. Welche der verlorenen Plätze von dem letztern noch nicht wieder erobert waren, wurden nach seinem Abzuge von dem Kaiserlichen General Bucheim bezwungen, daß die Oesterreichische Grenze in dem folgenden Jahre wieder völlig von Feinden gereinigt war, und das zitternde Wien mit dem blossen Schrecken davon kam. Auch in Böhmen und Schlesien behaupteten sich die Schweden nur mit sehr abwechselndem Glück, und durchirrten beyde Länder, ohne sich darin behaupten zu können. Aber wenn auch der Erfolg der Torstensohnischen Unternehmung ihrem vielversprechenden Anfang nicht ganz gemäß war, so hatte sie doch für die Schwedische Parthey die entscheidendsten Folgen. Dänemark wurde dadurch zum Frieden, Sachsen zum Stillstand genöthigt, der Kaiser bey dem Friedenskongresse nachgiebiger, Frankreich gefälliger, und Schweden selbst in seinem Betragen gegen die Kronen zuversichtlicher und kühner gemacht. Seiner grossen Pflicht so glänzend entledigt, trat der Urheber dieser Vortheile, mit Lorbeern geschmückt, in die Stille des Privatstandes zurück, um gegen die Qualen seiner Krankheit Linderung zu suchen.

Von der Böhmischen Seite zwar sahe sich der Kaiser nach Torstensohns Abzug vor einem feindlichen Einbruch gesichert; aber bald näherte sich von Schwaben und Bayern her eine neue Gefahr den [474] Oesterreichischen Grenzen. Türenne, der sich von Conde getrennt und nach Schwaben gewendet hatte, war im Jahr 1645 unweit Mergentheim von Mercy aufs Haupt geschlagen worden, und die siegenden Bayern drangen unter ihrem tapfern Anführer in Hessen ein. Aber der Herzog von Enguien eilte sogleich mit einem beträchtlichen Succurs aus dem Elsaß, Königsmark aus Mähren, die Hessen von dem Rheinstrom herbey, das geschlagene Heer zu verstärken, und die Bayern wurden bis an das äusserste Schwaben zurück gedrückt. Bey dem Dorf Allersheim unweit Nördlingen, hielten sie endlich Stand, die Grenze von Bayern zu vertheidigen. Aber der ungestüme Muth des Herzogs von Enguien ließ sich durch kein Hinderniß schrecken. Er führte seine Völker gegen die feindlichen Schanzen und eine grosse Schlacht geschah, die der heldenmüthige Widerstand der Bayern zu einer der hartnäckigsten und blutigsten machte, und endlich der Tod des vortrefflichen Mercy, Türennes Besonnenheit und die felsenfeste Standhaftigkeit der Hessen zum Vortheil der Alliirten entschied. Aber auch diese zweyte barbarische Hinopferung von Menschen hatte auf den Gang des Kriegs und der Friedensunterhandlungen wenig Einfluß. Das Französische Heer, durch diesen blutigen Sieg entkräftet, verminderte sich noch mehr durch den Abzug der Hessen, und den Bayern führte Leopold kaiserliche Hülfsvölker zu, daß Türenne aufs eilfertigste nach dem Rhein zurück fliehen mußte.

Der Rückzug der Franzosen erlaubte dem Feind seine ganze Macht jetzt nach Böhmen gegen die Schweden zu kehren. Gustav Wrangel, kein unwürdiger Nachfolger Banners und Torstensohns, hatte im Jahre 1646 das Oberkommando über die Schwedische Macht erhalten, die, ausser Königsmarks fliegendem Corps und den vielen im Reiche zerstreuten Besatzungen, ohngefähr noch achttausend Pferde und funfzehntausend Mann Fußvolk zählte. [475] Nachdem der Erzherzog Leopold seine vier und zwanzig tausend Mann starke Macht durch zwölf Bayrische Kavallerie- und achtzehn Infanterie-Regimenter verstärkt hatte, ging er auf Wrangeln los, und hoffte ihn, ehe Königsmark zu ihm stiesse, oder die Franzosen eine Diversion machten, mit seiner überlegenen Macht zu erdrücken. Aber dieser erwartete ihn nicht, sondern eilte durch Obersachsen an die Weser, wo er Höxter und Paderborn wegnahm. Von da wendete er sich nach Hessen, um sich mit Türenne zu vereinigen, und zog in seinem Lager zu Wetzlar die fliegende Armee des Königsmarks an sich. Aber Türenne, gefesselt durch Mazarins Befehle, der dem Kriegsglück und dem immer wachsenden Uebermuth Schwedens gern eine Grenze gesetzt sah, entschuldigte sich mit dem dringendem Bedürfniß, die Niederländischen Grenzen des Französischen Reichs zu vertheidigen, weil die Holländer ihre versprochene Diversion in diesem Jahr unterlassen hätten. Da aber Wrangel fortfuhr auf seiner gerechten Foderung mit Nachdruck zu bestehen, da eine längere Widersetzlichkeit bey den Schweden Verdacht erwecken, ja sie vielleicht gar zu einem Privatfrieden mit Oesterreich geneigt machen konnte, so erhielt endlich Türenne die gewünschte Erlaubniß, das Schwedische Heer zu verstärken.

Die Vereinigung geschah bey Giessen, und jetzt fühlte man sich mächtig genug, dem Feinde die Stirne zu bieten. Er war den Schweden bis Hessen nachgeeilt, wo er ihnen die Lebensmittel abschneiden und die Vereinigung mit Türenne verhindern wollte. Beydes mißlang, und die Kaiserlichen sahen sich nun selbst von dem Main abgeschnitten, und nach dem Verlust ihrer Magazine dem größten Mangel ausgesetzt. Wrangel benutzte ihre Schwäche, um eine Unternehmung auszuführen, die dem Krieg eine ganz andre Wendung geben sollte. Auch er hatte die Maxime seines Vorgängers adoptirt, den Krieg in die Oesterreichischen Staaten zu spielen; [476] aber von dem schlechten Fortgange der Torstensohnischen Unternehmung abgeschreckt, hoffte er denselben Zweck auf einem andern Wege sicherer und gründlicher zu erreichen. Er entschloß sich dem Laufe der Donau zu folgen, und mitten durch Bayern gegen die Oesterreichischen Grenzen hereinzubrechen. Einen ähnlichen Plan hatte schon Gustav Adolph entworfen, aber nicht zur Ausführung bringen können, weil ihn die Wallensteinische Macht und Sachsens Gefahr von seiner Siegesbahn zu frühzeitig abriefen. In seine Fußstapfen war Herzog Bernhard getreten, und, glücklicher als Gustav Adolph, hatte er schon zwischen der Iser und dem Inn seine siegreichen Fahnen ausgebreitet; aber auch ihn zwang die Menge und die Nähe der feindlichen Armeen in seinem Heldenlaufe still zu stehen, und seine Völker zurück zu führen. Was diesen beyden mißlungen war, hoffte Wrangel jetzt um so mehr zu einem glücklichen Ende zu führen, da die Kaiserlich-Bayrischen Völker weit hinter ihm an der Lahne standen, und erst nach einem sehr weiten Marsch durch Franken und die Oberpfalz in Bayern eintreffen konnten. Eilfertig zog er sich an die Donau, schlug ein Corps Bayern bey Donauwerth, und passirte diesen Strom, so wie den Lech, ohne Widerstand. Aber durch die fruchtlose Belagerung von Augsburg verschaffte er den Kaiserlichen Zeit, sowohl diese Stadt zu entsetzen, als ihn selbst bis Lauingen zurückzutreiben. Nachdem sie sich aber aufs neue, um den Krieg von den Bayrischen Grenzen zu entfernen, gegen Schwaben gewendet hatten, ersah er die Gelegenheit, den unbesetzt gelassenen Lech zu passiren, den er nunmehr den Kaiserlichen selbst versperrte. Und jetzt lag Bayern offen und unvertheidigt vor ihm da; Franzosen und Schweden überschwemmten es wie eine reißende Fluth, und der Soldat belohnte sich durch die schrecklichsten Gewaltthaten, Räuberungen und Erpressungen für die überstandnen Gefahren. Die Ankunft der [477] Kayserlich-Bayrischen Völker, welche endlich bey Thierhaupten den Uebergang über den Lechstrom vollbrachten, vermehrte bloß das Elend des Landes, welches Freund und Feind ohne Unterschied plünderten.

Jetzt endlich – jetzt, in diesem ganzen Kriege zum erstenmal, wankte der standhafte Muth Maximilians, der acht und zwanzig Jahre lang bey den härtesten Proben unerschüttert geblieben. Ferdinand der Zweyte, sein Gespiele zu Ingolstadt und der Freund seiner Jugend, war nicht mehr; mit dem Tode dieses Freundes und Wohlthäters war eins der stärksten Bande zerrissen, die den Churfürsten an Oesterreichs Interesse gefesselt hatten. An den Vater hatte ihn Gewohnheit, Neigung und Dankbarkeit gekettet; der Sohn war seinem Herzen fremd, und nur das Staatsinteresse konnte ihn in der Treue gegen diesen Fürsten erhalten.

Und eben dieses Letztere war es, was die Französische Arglist jetzt wirken ließ, um ihn von der Oesterreichischen Allianz abzulocken und zu Niederlegung der Waffen zu bewegen. Nicht ohne eine große Absicht hatte Mazarin seiner Eifersucht gegen die wachsende Macht Schwedens Stillschweigen auferlegt, und den Französischen Völkern gestattet, die Schweden nach Bayern zu begleiten. Bayern sollte alle Schrecknisse des Krieges erleiden, damit endlich Noth und Verzweiflung die Standhaftigkeit Maximilians besiegten, und der Kaiser den ersten und letzten seiner Alliirten verlöre. Brandenburg hatte unter seinem großen Regenten die Neutralität erwählt, Sachsen aus Noth ergreifen müssen; den Spaniern untersagte der Französische Krieg jeden Antheil an dem Deutschen; Dänemark hatte der Friede mit Schweden von der Kriegsbühne abgerufen, Pohlen ein langer Stillstand entwaffnet. Gelang es, auch noch den Churfürsten von Bayern von dem Oesterreichischen Bündniß loszureissen, so hatte der Kaiser im ganzen Deutschland keinen Verfechter mehr, und schutzlos [478] stand er da, der Willkühr der Kronen Preis gegeben.

Ferdinand der Dritte erkannte die Gefahr, worin er schwebte, und ließ kein Mittel unversucht, sie abzuwenden. Aber man hatte dem Churfürsten von Bayern die nachtheilige Meynung beygebracht, daß nur die Spanier dem Frieden entgegen ständen, und daß bloß Spanischer Einfluß den Kaiser vermöge, sich gegen den Stillstand der Waffen zu erklären: Maximilian aber haßte die Spanier und hatte es ihnen nie vergeben, daß sie ihm bey seiner Bewerbung um die Pfälzische Chur entgegen gewesen waren. Und dieser feindseligen Macht zu gefallen sollte er jetzt sein Volk aufgeopfert, seine Lande verwüstet, sich selbst zu Grunde gerichtet sehen, da er sich durch einen Stillstand aus allen Bedrängnissen reissen, seinem Volke die so nöthige Erholung verschaffen, und durch dieses Mittel zugleich den allgemeinen Frieden vielleicht beschleunigen konnte? Jede Bedenklichkeit verschwand, und, von der Nothwendigkeit dieses Schrittes überzeugt, glaubte er seinen Pflichten gegen den Kaiser genug zu thun, wenn er auch ihn der Wohlthat des Waffenstillstandes theilhaftig machte.

Zu Ulm versammelten sich die Deputirten der drey Kronen und Bayerns, um die Bedingungen des Stillstandes in Richtigkeit zu bringen. Aus der Instruction der Oesterreichischen Abgesandten ergab sich aber bald, daß der Kaiser den Kongreß nicht beschickt hatte, um die Abschließung desselben zu befördern, sondern vielmehr um sie rückgängig zu machen. Es kam darauf an, die Schweden, die im Vortheile waren, und von der Fortsetzung des Kriegs mehr zu hoffen als zu fürchten hatten, für den Stillstand zu gewinnen, nicht ihnen denselben durch harte Bedingungen zu erschweren. Sie waren ja die Sieger; und doch maßte der Kaiser sich an, ihnen Gesetze vorzuschreiben. Auch fehlte wenig, daß ihre Gesandten nicht im ersten Zorn den [479] Kongreß verliessen, und um sie zurück zu halten, mußten die Franzosen zu Drohungen ihre Zuflucht nehmen.

Nachdem es dem guten Willen des Churfürsten von Bayern auf diese Weise mißlungen war, den Kaiser mit in den Stillstand einzuschliessen, so hielt er sich nunmehr für berechtigt, für sich selbst zu sorgen. So theuer auch der Preis war, um welchen man ihn den Stillstand erkaufen ließ, so bedachte er sich doch nicht lange, denselben einzugehen. Er überließ den Schweden, ihre Quartiere in Schwaben und Franken auszubreiten, und war zufrieden, die seinigen auf Bayern und auf die Pfälzischen Lande einzuschränken. Was er in Schwaben erobert hatte, mußte den Alliirten geräumt werden, die ihm ihrer seits, was sie von Bayern inne hatten, wieder auslieferten. In den Stillstand war auch Kölln und Hessenkassel eingeschlossen. Nach Abschliessung dieses Traktats, am 14. März 1647, verliessen die Franzosen und Schweden Bayern, und wählten sich, um sich selbst nicht im Wege zu stehen, verschiedene Quartiere, jene im Herzogthum Wirtemberg, diese in Oberschwaben, in der Nähe des Bodensees. An dem äussersten nördlichen Ende dieses Sees, und Schwabens südlichster Spitze, trotzte die Oesterreichische Stadt Bregenz durch ihren engen und steilen Paß jedem feindlichen Anfall, und aus der ganzen umliegenden Gegend hatte man seine Güter und Persohnen in diese natürliche Festung geflüchtet. Die reiche Beute, die der aufgehäufte Vorrath darin erwarten ließ, und der Vortheil, einen Paß gegen Tyrol, die Schweiz und Italien zu besitzen, reitzte den Schwedischen General, einen Angriff auf diese für unüberwindlich gehaltene Klause und die Stadt selbst zu versuchen. Beydes gelang ihm, des Widerstands der Landleute ungeachtet, die, sechstausend an der Zahl, den Paß zu vertheidigen strebten. Unterdeß hatte sich Türenne, der getroffenen Uebereinkunft gemäß, nach dem Wirtembergischen gewendet, von wo aus [480] er den Landgrafen von Darmstadt und den Churfürsten von Mainz durch die Gewalt seiner Waffen zwang, nach dem Beyspiel Bayerns die Neutralität zu ergreifen.

Und jetzt endlich schien das grosse Ziel der Französischen Staatskunst erreicht zu seyn, den Kaiser, alles Beystands der Ligue und seiner protestantischen Alliirten beraubt, den vereinigten Waffen der beyden Kronen ohne Vertheidigung bloß zu stellen, und ihm mit dem Schwert in der Hand den Frieden zu diktiren. Eine Armee von höchstens zwölftausend Mann war alles, was ihm von seiner Furchtbarkeit übrig war, und über diese mußte er, weil der Krieg alle seine fähigen Generale dahin gerafft hatte, einen Kalvinisten, den Hessischen Ueberläufer Melander, zum Befehlshaber setzen. Aber wie dieser Krieg mehrmals die überraschendsten Glückswechsel aufstellte, und oft durch einen plötzlichen Zwischenfall alle Berechnungen der Staatskunst zu Schanden machte, so strafte auch hier der Erfolg die Erwartung Lügen, und die tief gesunkene Macht Oesterreichs arbeitet sich nach einer kurzen Krise aufs neue zu einer drohenden Ueberlegenheit empor. Frankreichs Eifersucht gegen die Schweden erlaubte dieser Krone nicht, den Kaiser zu Grunde zu richten, und die Schwedische Macht in Deutschland dadurch zu einem Grade zu erheben, der für Frankreich selbst zuletzt verderblich werden konnte. Oesterreichs hülflose Lage wurde daher von dem Französischen Minister nicht benutzt, die Armee des Türenne von Wrangeln getrennt und an die Niederländischen Grenzen gezogen. Zwar versuchte Wrangel, nachdem er sich von Schwaben nach Franken gewendet, Schweinfurt erobert, und die dortige kaiserliche Besatzung unter seine Armee gesteckt hatte, für sich selbst in Böhmen einzudringen, und belagerte Eger, den Schlüssel zu diesem Königreich. Um diese Festung zu entsetzen, ließ der [481] Kaiser seine letzte Armee marschiren, und fand sich in eigner Person bey derselben ein. Aber ein weiter Umweg, den sie nehmen mußte, um die Güter des Kriegsrathspräsidenten von Schlick nicht zu betreten, verzögerte ihren Marsch, und ehe sie anlangte, war Eger schon verloren. Beyde Armeen näherten sich jetzt einander, und man erwartete mehr als einmal eine entscheidende Schlacht, da beyde der Mangel drückte, die Kaiserlichen die grössere Zahl für sich hatten, und beyde Läger und Schlachtordnungen oft nur durch die aufgeworfenen Werke von einander geschieden waren. Aber die Kaiserlichen begnügten sich, dem Feind zur Seite zu bleiben, und ihn durch kleine Angriffe, Hunger und schlimme Märsche zu ermüden, bis die mit Bayern eröffneten Unterhandlungen das gewünschte Ziel erreicht haben würden.

Bayerns Neutralität war eine Wunde, die der kaiserliche Hof nicht verschmerzen konnte, und nachdem man umsonst versucht hatte, sie zu hindern, ward beschlossen, den einzig möglichen Vortheil davon zu ziehen. Mehrere Offiziere der Bayrischen Armee waren über diesen Schritt ihres Herrn entrüstet, der sie auf einmal in Unthätigkeit versetzte, und ihrem Hange zur Ungebundenheit eine lästige Fessel anlegte. Selbst der tapfre Johann von Werth stand an der Spitze der Mißvergnügten, und, aufgemuntert von dem Kaiser, entwarf er das Komplott, die ganze Armee von dem Churfürsten abtrünnig zu machen, und dem Kaiser zuzuführen. Ferdinand erröthete nicht, diese Verrätherey gegen den treusten Alliirten seines Vaters heimlich in Schutz zu nehmen. Er ließ an die Churfürstlichen Völker förmliche Abrufungsbriefe ergehen, worin er sie erinnerte, daß sie Reichstruppen seyen, die der Churfürst bloß in kaiserlichem Namen befehligt habe. Zum Glück entdeckte Maximilian das angesponnene Komplott noch zeitig genug, um durch schnelle und zweckmäßige Anstalten der Ausführung desselben zuvor zu kommen.

[482] Der unwürdige Schritt des Kaisers hatte ihn zu Repressalien berechtigt; aber Maximilian war ein zu grauer Staatsmann, um, wo die Klugheit allein sprechen durfte, die Leidenschaft zu hören. Er hatte von dem Waffenstillstand die Vortheile nicht geerntet, die er sich darin versprochen hatte. Weit entfernt, zu der Beschleunigung des allgemeinen Friedens beyzutragen, hatte dieser einseitige Stillstand vielmehr den Negotiationen zu Münster und Osnabrück eine schädliche Wendung gegeben, und die Alliirten in ihren Foderungen dreister gemacht. Die Franzosen und Schweden waren aus Bayern entfernt worden; aber durch den Verlust der Quartiere im Schwäbischen Kreise sah er sich nun selbst dahin gebracht, mit seinen Truppen sein eigenes Land auszusaugen, wenn er sich nicht entschliessen wollte, sie ganz und gar abzudanken, und in dieser Zeit des Faustrechts unbesonnen Schwert und Schild wegzulegen. Ehe er eins dieser beyden gewissen Uebel erwählte, entschloß er sich lieber zu einem dritten, das zum wenigsten noch ungewiß war, den Stillstand aufzukündigen, und aufs neue zu den Waffen zu greifen.

Sein Entschluß und die schnelle Hülfe, die er dem Kaiser nach Böhmen schickte, drohte den Schweden höchst verderblich zu werden, und Wrangel mußte sich aufs eilfertigste aus Böhmen zurück ziehen. Er ging durch Thüringen nach Westphalen und Lüneburg, um die Französische Armee unter Türenne an sich zu ziehen, und unter Melander und Gronsfeld folgte ihm die Kaiserlich-Bayrische Armee bis an den Weserstrom. Sein Untergang war unvermeidlich, wenn der Feind ihn erreichte, ehe Türenne zu ihm stieß; aber was den Kaiser zuvor gerettet hatte, erhielt jetzt auch die Schweden. Mitten unter der Wuth des Kampfes leitete kalte Klugheit den Lauf des Krieges, und die Wachsamkeit der Höfe vermehrte sich, je näher der Friede herbey rückte. Der Churfürst [483] von Bayern durfte es nicht geschehen lassen, daß sich das Uebergewicht der Macht so entscheidend auf die Seite des Kaisers neigte, und durch diesen plötzlichen Umschwung der Dinge der Friede verzögert würde. So nahe an Abschließung der Traktaten war jede einseitige Glücksveränderung äusserst wichtig, und die Aufhebung des Gleichgewichts unter den traktirenden Kronen konnte auf einmal das Werk vieler Jahre, die theure Frucht der schwierigsten Unterhandlungen, zerstören und die Ruhe des ganzen Europa verzögern. Wenn Frankreich seine Alliirte, die Krone Schweden, in heilsamen Fesseln hielt, und ihr, nach Maßgabe ihrer Vortheile und Verluste, seine Hülfe zuzählte, so übernahm der Churfürst von Bayern stillschweigend dieses Geschäft bey seinem Alliirten, dem Kaiser, und suchte durch eine weise Abwägung seines Beystandes Meister von Oesterreichs Grösse zu bleiben. Jetzt droht die Macht des Kaisers auf einmal zu einer gefährlichen Höhe zu steigen, und Maximilian hält plötzlich inne, die Schwedische Armee zu verfolgen. Auch fürchtete er die Repressalien Frankreichs, welches schon gedroht hatte, die ganze Macht Türennes gegen ihn zu senden, wenn er seinen Truppen erlauben würde, über die Weser zu setzen.

Melander, durch die Bayern gehindert, Wrangeln weiter zu verfolgen, wendete sich über Jena und Erfurt gegen Hessen, und erscheint jetzt als ein furchtbarer Feind in demselben Lande, das er ehemals vertheidigt hatte. Wenn es wirklich Rachbegierde gegen seine ehemalige Gebieterin war, was ihn antrieb, Hessen zum Schauplatz seiner Verwüstung zu erwählen, so befriedigte er diese Lust auf das schrecklichste. Hessen blutete unter seiner Geißel, und das Elend dieses so hart mitgenommenen Landes wurde durch ihn aufs äußerste getrieben. Aber bald hatte er Ursache zu bereuen, daß ihn bey der Wahl der Quartiere die Rachgier statt der Klugheit geleitet hatte. In dem [484] verarmten Hessen drückte der äußerste Mangel die Armee, während daß Wrangel in Lüneburg frische Kräfte sammelte, und seine Regimenter beritten machte. Viel zu schwach, seine schlechten Quartiere zu behaupten, als der Schwedische General im Winter des 1648sten Jahres den Feldzug eröffnete und gegen Hessen anrückte, mußte er mit Schanden entweichen, und an den Ufern der Donau seine Rettung suchen.

Frankreich hatte die Erwartungen der Schweden aufs neue getäuscht, und die Armee des Türenne, aller Aufforderungen Wrangels ungeachtet, am Rheinstrom zurück gehalten. Der Schwedische Heerführer hatte sich dadurch gerächt, daß er die Weimarische Reiterey an sich zog, die dem Französischen Dienst entsagte, durch eben diesen Schritt aber der Eifersucht Frankreichs neue Nahrung gegeben. Endlich erhielt Türenne die Erlaubniß, zu den Schweden zu stoßen, und nun wurde von beyden vereinigten Armeen der letzte Feldzug in diesem Kriege eröffnet. Sie trieben Melandern bis an die Donau vor sich her, warfen Lebensmittel in Eger, das von den Kaiserlichen belagert war, und schlugen jenseits der Donau das Kaiserlich-Bayrische Heer, das bey Susmarshausen sich ihnen entgegen stellte. Melander erhielt in dieser Action eine tödtliche Wunde, und der Bayrische General von Gronsfeld postirte sich mit der übrigen Armee jenseits des Lechstroms, um Bayern vor einem, feindlichen Einbruche zu schützen.

Aber Gronsfeld war nicht glücklicher als Tilly, der an eben diesem Posten für Bayerns Rettung sein Leben hingeopfert hatte. Wrangel und Türenne wählten dieselbe Stelle zum Uebergang, welche durch den Sieg Gustav Adolphs bezeichnet war, und vollendeten ihn mit Hülfe desselben Vortheils, welcher jenen begünstigt hatte. Jetzt wurde Bayern aufs neue überschwemmt, und der Bruch des Stillstandes durch die grausamste Behandlung des Bayrischen Unterthans geahndet. Maximilian [485] verkroch sich in Salzburg, indem die Schweden über die Iser setzten, und bis an den Inn vordrangen. Ein anhaltender starker Regen, der diesen nicht sehr beträchtlichen Fluß in wenigen Tagen in einen reissenden Strom verwandelte, rettete Oesterreich noch einmal aus der drohenden Gefahr. Zehenmal versuchte der Feind, eine Schiffbrücke über den Inn zu schlagen, und zehenmal vernichtete sie der Strom. Nie im ganzen Kriege war das Schrecken der Katholischen so groß gewesen, als jetzt, da die Feinde mitten in Bayern standen, und kein General mehr vorhanden war, den man einem Türenne, Wrangel und Königsmark gegenüber stellen durfte. Endlich erschien der tapfre Held Piccolomini aus den Niederlanden, den schwachen Rest der kaiserlichen Heere anzuführen. Die Alliirten hatten durch ihre Verwüstungen in Bayern sich selbst den längern Aufenthalt in diesem Lande erschwert, und der Mangel nöthigt sie, ihren Rückzug nach der Oberpfalz zu nehmen, wo die Friedenspost ihre Thätigkeit endigt.

Mit seinem fliegenden Corps hatte sich Königsmark nach Böhmen gewendet, wo Ernst Odowalsky, ein abgedankter Rittmeister, der im kaiserlichen Dienst zum Krüppel geschossen, und dann ohne Genugthuung verabschiedet ward, ihm einen Plan angab, die kleine Seite von Prag zu überrumpeln. Königsmark vollführte ihn glücklich, und erwarb sich dadurch den Ruhm, den dreyßigjährigen Krieg durch die letzte glänzende Action beschlossen zu haben. Nicht mehr als Einen Todten kostete den Schweden dieser entscheidende Streich, der endlich die Unentschlossenheit des Kaisers besiegte. Die Altstadt aber, Prags größere Hälfte, die durch die Moldau davon getrennt war, ermüdete durch ihren lebhaften Widerstand auch den Pfalzgrafen, Karl Gustav, den Thronfolger der Christina, der mit frischen Völkern aus Schweden angelangt war, und die ganze Schwedische Macht aus Böhmen und Schlesien vor ihren Mauern [486] versammelte. Der eintretende Winter nöthigte endlich die Belagerer in die Winterquartiere, und in diesen erreichte sie die Bothschaft des zu Osnabrück und Münster am vier und zwanzigsten Oktober unterzeichneten Friedens.

Was für ein Riesenwerk es war, diesen, unter dem Namen des Westphälischen berühmten, unverletzlichen und heiligen Frieden zu schließen, welche unendlich scheinende Hindernisse zu bekämpfen, welche streitende Interessen zu vereinigen waren, welche Reihe von Zufällen zusammen wirken mußte, dieses mühsame, theure und dauernde Werk der Staatskunst zu Stande zu bringen, was es kostete, die Unterhandlungen auch nur zu eröffnen, was es kostete, die schon eröffneten unter den wechselnden Spielen des immer fortgesetzten Krieges im Gange zu erhalten, was es kostete, dem wirklich vollendeten das Siegel aufzudrücken, und den feyerlich abgekündigten zur wirklichen Vollziehung zu bringen – was endlich der Inhalt dieses Friedens war, was durch dreyßigjährige Anstrengungen und Leiden von jedem einzelnen Kämpfer gewonnen oder verloren worden ist, und welchen Vortheil oder Nachtheil die Europäische Gesellschaft im Großen und im Ganzen dabey mag geärntet haben – muß einer andern Feder und einem schicklichern Platze vorbehalten bleiben. Schon sind die Grenzen überschritten, die dem Verfasser dieser Skitze gesetzt waren, und so ein großes Ganze die Kriegsgeschichte war, so ein großes und eignes Ganze ist auch die Geschichte des Westphälischen Friedens. Ein Abriß davon kann mit der hier nöthigen Kürze nicht gegeben werden, ohne das intereßanteste und charaktervolleste Werk der menschlichen Weisheit und Leidenschaft zum Skelet zu entstellen, und ihr gerade dasjenige zu rauben, wodurch sie die Aufmerksamkeit desjenigen Publikums fesseln könnte, für das ich schrieb, und von dem ich hier Abschied nehme.



  1. Im Jahr 1634, demselben, wo die Unterhandlungen zu Pirna eröffnet wurden, waren die Lebensmittel zu einem so hohen Preise gestiegen, daß ein Ey sechs Kreuzer (damals eine weit größere Summe als in unsern Tagen), ein Pfund Fleisch zehen und zwanzig Kreuzer, ein Simmra Haber sechzehn Reichsthaler, ein Simmra Gerste dreißig Reichsthaler galt. Ein Huhn wurde mit einem Gulden, ein Nürnbergischer Eimer Wein mit zwanzig Thalern bezahlt.
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