Giftige Kleidungsstoffe der Neuzeit

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Autor: Julius Erdmann
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Titel: Giftige Kleidungsstoffe der Neuzeit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 140
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[140] Giftige Kleidungsstoffe der Neuzeit. Die Mode ist eine unumschränkte Herrscherin, die eine fast unbedingte Unterwerfung verlangt; sie besitzt keinen Sinn für Aesthetik, und ihr strenges Regiment äußert sich nur in einem launenhaften Wechsel der Farben, Muster, Formen und Stoffe. Hat es die Mode befohlen, so sieht man bei den Damen die unglaublichsten Façons, ja, sie zaubert selbst neue Körpertheile hervor, wo früher eine natürliche Leere war. Die Männer ertragen das ihnen hierdurch auferlegte Fatum mit stummer Resignation, und zwar aus einem leicht zu erklärenden Grunde: sie sind in diesem Punkte machtlos. Soweit nun die Mode sich mit unschuldigen Stoffen befaßt, wollen wir fügsam sein und uns gegen die strenge Gebieterin nicht auflehnen, aber ein anderer Fall tritt ein, wenn sie den Sinn der Damen mit Gift zu bethören sucht – dann können wir nicht schweigen.

Wie entrüstet war die Männerwelt und insbesondere die sachverständige, als die Mode sich nicht genirte, in die Ballkleider junger Mädchen Schweinfurtergrün zu streuen und sie in diesem giftdurchgrünten Tarlatane tanzen zu lassen. Es entstand hiergegen eine gewaltige Opposition, und das Schweinfurtergrün wurde bis in die Tapeten und Lampenschirme verfolgt.

Dank der von allen Seiten entwickelten Energie ist der Gebrauch dieser arsenikhaltigen Farbe mehr und mehr beschränkt worden, und die vielen Publicationen in der Tagespresse und den Fachblättern haben den Nutzen gestiftet, daß sich heute noch Jedermann bei Anschaffung grüngefärbter Gegenstände in Acht nimmt. Doch die erfindungsreiche Mode hat es verstanden, dem verhaßten und verfolgten Gifte, dem Arsenik, eine neue Farbe als Begleiterin zu geben, die den giftigen Gefährten unter einem sehr ansprechenden Violett verbirgt.

In den letzten Jahren haben nämlich elsässer und englische Firmen eine Mischung von essigsaurer Thonerde und Glycerinarsenik beim Färben der Baumwollenstoffe als Fixirungsmittel angewandt, um dadurch das weit kostspieligere Eiweiß zu sparen und der Concurrenz gegenüber eine möglichst billige Waare herzustellen. Die bei der oben angeführten Mischung entstehende arseniksaure Thonerde bleibt an der Zeugfaser haften, und sollen manche Baumwollenzeuge nach den Analysen von Professor Gintl auf die Elle fünfzehn bis fünfundzwanzig Gran Arsenik in Verbindung mit Thonerde enthalten. Vorzugsweise sind es Baumwollenzeuge und Battiste von prächtiger, neuvioletter Farbe, mit weißen Punkten, Ringen, Sternchen oder Blümchen bemustert, aber auch solche, die mit braungelben und rothbraunen Mustern bedruckt sind. Die Proben, die Professor Gintl in Händen hatte, gaben schon durch einfaches Einlegen in Wasser an dieses eine deutlich nachweisbare Menge Arsenik ab. Offenbar war das Zeug nach dem Bedrucken nicht gewaschen und gespült, sondern sofort appretirt worden. Um die so billige Waare nicht zu vertheuern, unterlassen die Fabrikanten das Waschen derselben, auch würde bei dieser Operation ein theilweises Ausgehen der Farben stattfinden, was ebenfalls gegen ihr Interesse ist.

Der obengenannte Chemiker warnt vor dem Tragen derartiger Kleidungsstoffe, da sie, wo nicht zu acuten, doch leicht zu chronischen Arsenikvergiftungen Veranlassung geben können. Im vorigen Sommer ereignete sich im Holsteinischen ein Fall, der auf eine Vergiftung solcher Art schließen ließ und den ich hier mittheilen will:

Eine Dame in einer kleinen holsteinischen Stadt litt in früheren Jahren an einem chronischen Magenleiden; ihr Zustand besserte sich jedoch in den letzten Jahren sehr; sie erhielt eine bessere Gesichtsfarbe und nahm auffallend an Corpulenz zu. Im Laufe des vergangenen Sommers verlor sie allmählich den Appetit, bekam ein erdfahles Aussehen und klagte über kolikartige Schmerzen, sodaß der sie behandelnde Arzt zunächst der Ansicht war, das alte Magenübel habe sich wieder eingestellt. Gegen diese Ansicht protestirte aber die Patientin auf das Lebhafteste, indem sie behauptete, die Schmerzen säßen tiefer im Leibe, und sie seien ganz anderer Natur als die früher gehabten Magenkrämpfe. Zufällig fällt dem Arzte eine Zeitungsnotiz in die Hände, worin vor dem Ankaufe gewisser neuvioletter Baumwollenzeuge gewarnt wird, da sie arsenikhaltig seien. Und richtig! er findet in einem violetten Kleide, das die Dame im Sommer getragen, eine erhebliche Menge Arsenik. Natürlich mußte der Arzt, nach den angegebenen Krankheitssymptomen, eine Arsenikvergiftung annehmen. Es ist dieser Fall jedenfalls beachtenswerth genug, um zur Warnung des Publicums zu dienen. Das Kleid war von einer bekannten und bedeutenden Firma in Hamburg gekauft worden, und der Verkäufer hatte keine Ahnung von dem Giftgehalte desselben.

Ich ließ aus dem nämlichen Geschäfte fünf Proben entnehmen, um mich von dem Arsenikgehalte der fraglichen neuvioletten Stoffe selbst zu überzeugen, und fand in dreien Arsenik, und zwar in den billigsten von diesen. Mit reinem Wasser konnte ich aus dem Zeuge kein Gift ausziehen, wohl aber durch alkalisches Wasser und ebenso durch verdünnte Säuren. Es scheint demnach bei der Fabrication dieser Stoffe etwas mehr Sorgfalt verwendet worden zu sein, als bei denjenigen, die Professor Gintl untersucht hat. Sie sollen übrigens, wie mir mitgetheilt wurde, aus einer Fabrik im Großherzogthum Baden stammen, und wäre demzufolge diesem nicht zu billigende Fabricationsmethode von dem Elsaß auch schon auf altdeutschen Boden übergetreten.

Das Verfahren der Fabrikanten, die sich verleiten lassen, zur Fixirung der Farben ein gefährliches Gift in Anwendung zu bringen, während ein ungefährlicher Stoff dieselben Dienste leisten würde, verdient eine öffentliche Rüge; denn es liegt kein anderer Grund zu dieser Handlungsweise vor, als durch Verwendung einer billigeren Substanz eine äußerst wohlfeile Waare herzustellen, die jede Concurrenz besiegt und die Taschen der Fabrikanten mit Geld füllt.

Wir kennen aber noch ein anderes Interesse, das wir heilig halten und höher stellen als das des Gelderwerbes – es ist das Interesse für die Gesundheit unserer Mitmenschen.

Dr. Julius Erdmann.