Graf Camillo Cavour

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Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Graf Camillo Cavour
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aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 405–406
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Cavour, einer der wichtigsten Wegbereiter der Einheit Italiens
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Die Gartenlaube (1861) b 405.jpg

Graf Camillo Cavour.

Das Jahr 1861 begann unter beängstigenden Auspicien. Zwar sind die Gewitterwolken, die sich rings an unserem politischen Horizont aufzuthürmen und in vernichtenden Blitzen zu entladen drohten, größtentheils verschwunden, zwar ist kein kostbares Blut in reicher Fülle auf den Schlachtfeldern vergossen worden – ein einziges Märthyrerthum in Polen ausgenommen; dafür aber hat der tückische Tod zwei Opfer gefordert, die in den weitesten Kreisen den tiefsten Schmerz und die aufrichtigste Trauer hervorriefen. Noch ist der Schleier nicht gelüftet, der das freiwillige Lebensende des Grafen Ladislaus Teleki umhüllt, jenes ungarischen Patrioten, den die Besten seines Volkes beweinten, und schon klingt die verhängnißvolle Kunde vom Hinscheiden Cavour’s nicht nur durch ganz Italien, sondern weit über dessen Grenzen hinaus durch alle europäischen Lande. Der Tod Cavour’s ist ein welthistorisches Ereigniß, dessen Folgen wir noch nicht abzusehen vermögen. In Cavour verliert sein Vaterland, das von ihm so heiß geliebt wurde, den edelsten seiner Söhne, den begeistertsten Apostel der Freiheit, den uneigennützigsten, aufopferungsfähigsten Patrioten, der mit rastloser, fast übermenschlicher Thätigkeit dahin strebte, das kleine, beinahe verachtete, mindestens gänzlich unbeachtete Sardinien in kaum einem Jahrzehnt zu einem Großstaat zu erheben; in ihm betrauert ganz Europa den ersten Staatsmann der Neuzeit, der mit ernster Ruhe und Gemessenheit, aber auch mit unerschütterlicher Energie seinem hohen Ziele, der einheitlichen Gestaltung Italiens in Freiheit und nationaler Selbstständigkeit, nachstrebte und dasselbe, so weit es in menschlichen Kräften lag, fast erreichte, als ihm der Tod die Augen schloß und ihn abrief von einer Bahn, auf welcher er so Großes und Herrliches geschaffen; einen Staatsmann endlich, der weltklug genug war, alle Klippen, die sich ihm entgegenthürmten, zu umschiffen, aber auch – und dieses Hauptverdienst kann ihm nicht hoch genug angerechnet werden – es verstand, die Volkssympathien zu studiren, die Bedürfnisse des Volkes in treue Obacht zu nehmen und Hand in Hand mit dem Volke dessen gerechte Forderungen zur Anerkenunng zu bringen. Deshalb bleibt Cavour der größte unter allen Diplomaten der Neuzeit.

Es sei uns vergönnt, nur mit wenigen Strichen das äußere Leben dieses berühmten Mannes hinzuzeichnen. Am 1. August 1810 in Turin geboren, war er der Sohn eines reichen Getreidehändlers in der Grafschaft Nizza, den der König Karl Albert in den Adelstand erhoben hatte, während andere Nachrichten ihn den Sprossen eines altadligen Geschlechts nennen. Schon frühzeitig widmete er sich dem Studium der Nationalökonomie und bereicherte die erworbenen Kenntnisse nicht wenig durch Reisen in Frankreich, England, Oesterreich und Spanien. Mitbegründer und Hauptmitarbeiter eines landwirthschaftlichen Journals, der „Associazione Agraria“, in welcher er nationale Tendenzen verfolgte, entschloß er sich bald darauf in Gemeinschaft mit dem Grafen Balbo und unterstützt von den bedeutendsten geistigen Kräften Italiens zur Herausgabe eines constitutionellen Blattes, des „Risorgimento“ (die Auferstehung), in welchem er mit allem Aufwand von Geist und Beredsamkeit die Nothwendigkeit einer sardinischen Verfassung nachwies. Kaum sah er dieses erste Ziel erreicht, kaum war das Statut erschienen, als er seine Bestrebungen für Herbeiführung einer Verfassung dadurch anerkannt fand, daß er zum Mitglied der Kammer erwählt wurde.

Vermochte auch seine damals vorherrschend demokratische Richtung [406] ihm in der gemäßigten Kammer keine große Popularität zu gewinnen, so berief ihn die Achtung seiner Wähler nach dem unglücklichen Ausgange des Krieges gegen Oesterreich im Jahre 1849 doch wieder in die neue Kammer und lenkte die Aufmerksamkeit des seit Victor Emanuel’s Thronbesteigung zum Ministerpräsidenten ernannten d'Azeglio auf seine Person; nach Santa Rosa’s Austritt wurde er in’s Cabinet berufen und mit dem Handelsministerium betraut, das er im Jahr 1851 mit dem der Finanzen verband. Jetzt war ihm die Bahn geöffnet, seine beglückenden Reformen in’s Leben zu rufen. Schienen auch die Zeitverhältnisse eines durch einen unglücklichen Krieg zerrütteten, wie politisch und volkswirtschaftlich seit länger als fünfzig Jahren zu Grunde gerichteten Staates nicht eben zur Durchführung großer Reformen geeignet, so gelang es Cavour doch bald, eine neue volkswirthschaftliche Politik im Geiste des Freihandels anzubahnen, Handelsverträge mit Oesterreich, England, Frankreich, Belgien etc. abzuschließen, Straßen und Eisenbahnen anzulegen und Handel und Verkehr einen neuen, nicht geahnten Aufschwung zu geben. Bald sah sich Marquis d’Azeglio genöthigt, dem einflußreichen Manne zu weichen, der im October 1852 an die Spitze der Geschäfte trat. Es überschreitet den zugemessenen Raum, alle die bedeutsamen Reformen zu nennen, die unter Cavour’s Präsidentschaft Sardinien beglückten. Da er fast immer ein, zwei, selbst drei Portefeuilles mit dem Vorsitz im Ministerium verband, so konnte er helfend und fördernd in alle Zweige des Staatslebens eingreifen. Die offene und ehrliche Durchführung der Verfassung von 1848 brachte ihn in vielfache Streitigkeiten mit der ihm widerstrebenden Geistlichkeit, allein er ließ sich nicht beirren und setzte - was das gewaltige Oesterreich niemals gewagt hat – den Verlauf der Besitzungen zu todter Hand durch und entzog den Klöstern und religiösen Körperschaften das wichtige Monopol des Unterrichts. Der heilige Vater in Rom zürnte gewaltig und bedrohte Cavour wie den König selbst mit dem großen Banne der Kirche; allein auch dieses Schreckmittel schlug nicht an. Neue Schwierigkeiten traten ihm entgegen, als er jetzt neben der freisinnigen innern Politik auch nach außen dieselbe Richtung zu verfolgen beschloß. Unabhängigkeit und Einheit des freien Italiens war das erhabene Ziel, dem er fortan alle seine Kräfte widmete. Um sich dafür die Unterstützung Englands und Frankreichs zu verschaffen, bestimmte er den König und die Kammern, dem westmächtlichen Bündniß gegen Rußland beizutreten und Sardinien selbstthätig am Kriege mit dem moskowitischen Czaren zu betheiligen.

Die Tapferkeit der sardinischen Truppen erwarb ihnen die Achtung des Auslandes.

Nach Beendigung des Krieges im Orient trug Cavour Sorge, Rußland wieder zu versöhnen, und bedachte sich nicht lange, den Hafen Villafranca an Rußland zu überlassen, um diese Macht günstig für Sardinien zu stimmen. Auf dem Congrcß von Paris trat er mit lauter Anklage gegen die trostlos reactionäre Wirthschaft im österreichischen Italien wie im Kirchenstaate auf; seine Worte zündeten in seinem großen italienischen Vaterlande, das ihm durch feierliche Kundgebungen seine Dankbarkeit darbrachte. Als der Kampf mit dem Kaiserstaat Oesterreich begann, konnte sich Cavour auf die Unterstützung Frankreichs, dem er selbst schwere, kaum zu entschuldigende Opfer in seiner innern Politik brachte, verlassen. Wie er aber jede europäische Situation zur Schaffung eines freien italienischen Gesammtstaats benutzte, so trug er auch kein Bedenken, sich, falls er seinem Lande damit einen wesentlichen Dienst leisten konnte, zurückzuziehen, um sich für bessere Zeiten aufzubewahren, so z. B. nach dem Frieden von Villafranca, wo er sich freiwillig dem Schein einer Niederlage unterwarf. Mit welch unübertrefflicher Meisterschaft er es verstand, die Parteien zu einigen, die störrischen Gemüther zu versöhnen, alle Kräfte des Volkes dem einzigen und alleinigen Ziele, der Herbeiführung eines freien, in volksthümticher Einheit gesicherten Staatenlebens, zuzuwenden, hat sein Wirken in diesem Jahre glänzend bewiesen. Ihm zunächst – dies mögen seine kleinherzigen Tadler nicht vergessen, verdankt Europa den Frieden dieses Jahres. Allein die rastlose Thätigkeit, der er sich hingab, die Bürde der Arbeiten, die aus seinen Schultern lastete, zog ihm in den ersten Tagen dieses Monats eine Krankheit zu, an welcher er wohl weniger, als an der unvernünftigen Blutdürstigkeit seiner Aerzte, die ihm sechs Aderlässe verordneten, unterlag. Die in unseren Tagen weit vorgerückte medicinische Wissenschaft scheint noch nicht bis Italien vorgedrungen zu sein, und selbst das Königshaus Savoyen hat in dem letzten Säculum der bedauerlichen Ignoranz der dortigen Aerzte zwei Opfer bringen müssen!

Cavour verschied am 6. Juni früh gegen 7 Uhr im rüstigen Mannesalter von 51 Jahren. An seinem Sarge weint Italien. Aber die für Völkerfreiheit und Nationalwohl schlagenden Herzen in ganz Europa trauern nicht minder tief um den Hintritt jenes großen Mannes, der noch in den fernsten Jahrhunderten als der geistige Retter seines Vaterlandes, als der Vorkämpfer für die freiheitlichen Ideen unseres Welttheils, als der größte Staatsmann seiner und aller Zeiten genannt und gepriesen werden wird.