Graf Szécsenyi

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Textdaten
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Titel: Graf Szécsenyi
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 511-512
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[511] Graf Szécsenyi, jener große und unglückliche Magyar, der sich vor wenigen Monaten im Wiener Irrenhause erschoß, wurde in seiner Jugend auf eine originelle Weise von der damaligen Sucht der Cavaliere, Schulden zu machen, geheilt. Damals noch Militair, besuchte er einst seinen Gutsnachbar, den Fürsten …… , einen weltberühmt reichen Grundbesitzer, der aber zu jener Zeit noch berüchtigt tief verschuldet war. Während nun der Graf sich mit dem Fürsten unterhielt, meldete plötzlich des letzteren Kammerdiener: ein Bankier, möge er Meyer genannt werden, erbitte die Gnade, Seine Durchlaucht sprechen zu dürfen. Der Fürst befahl den Besuch eintreten zu lassen, und als er mit dem Grafen allein war, ersuchte er diesen dringendst, ihm nicht von der Seite zu weichen. Szécsenyi fragte erstaunt, ob sich der Fürst etwa vor dem Juden fürchte, und mit Grund zu fürchten habe. Der Fürst jedoch erwiderte, er wolle den Grafen nicht im eigenen Interesse hier behalten, sondern um ihm Einsicht in Verhältnisse zu gewähren, die leider damals auf dem gesammten ungarischen Adel lasteten, und die in ihrer ganzen Scheußlichkeit kennen zu lernen, einem jungen Cavalier nur zur besten Lehre dienen könne, und somit schob er den Grafen hinter eine spanische Wand.

Gleich daraus führte der Kammerdiener den Wiener Geschäftsmann in den Salon. Der Geldprotz verneigte sich tief und huldigendst vor dem Fürsten, und getraute sich kaum näher zu treten. Im Augenblicke jedoch, als der Kammerdiener verschwunden war, richtete sich der Geldmäkler hoch und brutal auf, ging auf seine Durchlaucht los und fragte im verächtlichsten Tone: „Was ist’s nun mit Ihnen, mein lieber Fürst, wann werden Sie endlich zahlen? Solch unverbesserliches Lumpenthum verdient keinerlei Rücksicht mehr, und meine Geduld ist erschöpft. Was heißt, immer prolongiren und die paar Interessen zahlen, wenn man nie zu seinem Capitale kommt und dabei immer sehen muß, wie diese Bettelherrlichkeit, diese Verschwendung [512] und Prasserei fortgeführt wird auf anderer Leute Kosten, und die Schulden immer mehr anwachsen?“ Und in diesem Tone ging’s fort. Der Fürst demüthigte sich bis zur Unglaublichkeit – vielleicht eben weil er einen Zeugen in der Nähe wußte, dem er eine heilsame Lection ertheilen wollte – bot die unmenschlichsten Procente, wies auf seinen großen Activstand, und daß ihn nur die schlechten Creditverhältnisse der Monarchie zwangen, trotz seines reichen Besitzes Schulden zu machen, um durch sein fürstliches Hauswesen Hunderten von ärmern Leuten Brod und Amt geben zu können, und bat nur noch um kurze Prolongation. Vergeblich, der reiche Wucherer beutete die Gelegenheit im vollsten Maße aus, den hohen Magnaten, dessen Ahnen und der selbst für sein Land so viel gethan und dessen Stütze in trüben Tagen war, sich zu Füßen des Gläubigers winden zu lassen und ihm keinerlei Entwürdigung zu schenken, auf daß er fühle, wie sehr er in Händen des Darleihers sei, und erst nachdem dieser seinem Opfer alle moralischen Fußtritte ertheilt und die Prolongation auf das höchste Procent geschraubt hatte, gewährte er diese im Tone einer Begnadigung unterm Galgen.

Als sich der Bankier entfernt hatte, stürzte Szecsenyi wüthend und knirschend aus seinem Versteck hervor, und starrte den ebenfalls bleich gewordenen Fürsten voll Entsetzen an. Dieser aber meinte: „Siehst Du, Stefi! diese Lection war Dir nöthig. Mir ist nicht mehr zu helfen, ich sitze nun schon durch meine Väter und durch meine zu späte Selbsterkenntniß unrettbar in diesem tiefen Schlamme: Du aber trittst erst Dein nicht großes, jedoch wohlgeordnetes Vermögen an und machst schon von vornherein Schulden ohne jegliches Bedenken. Du hast mir selbst erzählt, wie Du in Paris bei Frascati über vierzigtausend Gulden verspieltest, die Du zu leihen genommen, also schuldig warst, und wie Du, bis Dir Deine gute Mutter dies Geld auftreiben und schicken konnte, tagelang in jenem Spielpalaste Dich umhertriebst, ein fleißiges Pointiren der Chancen simulirend, in Wirklichkeit aber, um einmal des Tages essen zu können, indem dort für die Spielenden gratis ein Diner servirt wird. Also merke Dir diese Lection, sofern Du nur eine Ader wirklichen Cavaliergefühles und des Patriotismus in Dir hast, und suche diesem Fluche zu entgehen, so lange es noch Zeit ist. Suche ihm um so mehr zu entfliehen, als man in Wien gar sehr gerne diese Umstrickung sieht, durch die der freiheitsliebende, trotzige ungarische Adel so sicher und leicht gebändigt und zahm gemacht wird, weshalb denn auch gar nichts geschieht, uns einen sittlichen und natürlichen Credit als reichste Grundbesitzer der Monarchie zu verschaffen. Kaufe nie etwas, so Du nicht gleich baar bezahlen kannst, und indem Du selbst eine vernünftige Wirthschaft erstrebst, suche jeden Deiner Landsleute und Freunde durch Dein Beispiel zu gleichem Handeln anzuregen, denn nur durch weise Oekonomie in den Mitteln kann unsere Nation noch jemals wieder erstarken!“ Graf Szécsenyi vergaß denn auch diese Lection nicht, und in der That war er bald der bestrangirte Cavalier, was in damaliger Zeit zu den Unmöglichkeiten gezählt wurde. Sein Vater, Graf Franz Szécsenyi, bedachte natürlich den ältesten Sohn Ludwig am besten, am mittelmäßigsten den Grafen Stefan, auf den er überhaupt nicht große Stücke hielt, und bei aller natürlichen Liebe nicht entferntest die Charaktergröße des künftigen Reformers in ihm ahnte. Graf Stefan erhielt das Gut Zinkendorf und hatte im Ganzen eine Jahresrente von 60,000 Gulden Silber. Während seiner Reformthätigkeit soll er durch glückliche und allgemein bekannte sehr ehrenwerthe Speculationen seine Jahresrente verdoppelt haben, indem er Güter und Häuser ankaufte, die eben durch seine gemeinnützigen Reformen zuletzt höhern Werth erhielten, was sein verurtheilsfreier und praktischer Blick rechtzeitig voraussah. In seinem Hauswesen war er großer Herr, jedoch ohne alle Verschwendung.