Graphologie (Die Gartenlaube 1874/44)

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Titel: Graphologie
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aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 717
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[717] Graphologie. Die Graphologie ist eine neue Narrheit, mit der man seit einiger Zeit in den Pariser Salons die Zeit todt schlägt. Nachdem die tanzenden Tische, die Klopfgeister und der spiritistische Unsinn die Neugierde erschöpft, kommt der graphologische Unsinn auf’s Tapet. Jean Hippolyte Michon, ein aus der Kutte gesprungener Geistlicher, ist der Gründer der Graphologie. Unter diesem Titel giebt er auch eine Zeitschrift heraus, und er hat bereits viele Jünger, welche den alleinseligmachenden graphologischen Glauben zu verbreiten suchen. Die Graphologie ist die Lehre, aus den Schriftzügen das Talent, den Charakter und das Temperament des Schreibenden zu erkennen. Das ist freilich nicht neu. Neu ist aber die Art und Weise der Anwendung dieser Lehre. Herr Michon sucht für dieselbe besonders in den Salons zahlreiche Proselyten zu gewinnen und wendet sich mit Vorliebe an die Frauen. Er richtet an jede die Bitte, ein paar Zeilen auf’s Papier zu werfen, und erklärt hierauf mit lauter Stimme die Schriftzüge.

Er beginnt ungefähr so: „Diese Handschrift zeugt von Charakterstärke, wie es sich besonders aus den Grundstrichen des L, des P und des T erweist; die Haarstriche des M und des N zeugen aber zugleich von einem sanften Nachgeben. Aus der Verschlingung des S und des T erkennt man die treue Anhänglichkeit und das Festhalten an dem einmal gefaßten Entschlusse. Sie haben,“ sagt er zu der Dame gewendet, „viel Formensinn und ein seltenes Kunstverständniß, wie es sich aus den Anfangsbuchstaben, zumal aus dem B, D und W, deutlich ergiebt. Sie sind bei aller Energie sanft und mild und bei aller Entschlossenheit sehr nachgiebig und duldsam. Ihre Handschrift, Madame, ist eine der merkwürdigsten, die mir je vor’s Gesicht gekommen.“

Die Dame zieht sich, wie man sich leicht denken kann, sehr befriedigt zurück, um einer Anderen Platz zu machen, welche Herr Michon nicht weniger zufrieden stellt. Herr Michon findet in jeder weiblichen Handschrift nur Geistes- und Herzensvorzüge. Ob er selber an seine Erklärungen glaubt, weiß Niemand; gewiß aber ist jeder Gatte erstaunt, daß Jener schon nach einem Augenblicke in den mehr oder minder orthographischen Zeilen seiner Gattin so viele Tugenden sieht, die er, der Gatte, nach vieljährigem Zusammenleben noch immer nicht entdeckt hat, und daß von ihren Fehlern, die er genau kennt, der genannte Grapholog auch nicht die allergeringste Spur findet. Was thut dies aber? Die Frauenwelt hält den Herrn Michon für einen Wundermann und ist von der Unfehlbarkeit seiner Kunst auf’s Festeste überzeugt. Zu bemerken ist noch, daß Herr Michon aus jeder Handschrift, in welcher Sprache sie sich auch ergehen möge, sei es die russische, arabische, hebräische oder koptische, mit gleicher Sicherheit wie aus der französischen auf den Charakter und die Begabungen des Schreibers zu schließen weiß; ja, er beurtheilt sogar den Charakter der Gelehrten nach der Art und Weise, wie sie die Keilschrift abschreiben.

Herr Michon beschränkt seinen Wirkungskreis nicht blos auf Paris. Er hält auch in den Provinzen und sogar im Auslande öffentliche graphologische Vorträge, die sich eines zahlreichen Publicums erfreuen. Nach jeder Vorlesung wird die Zuhörerschaft eingeladen, ein paar Zeilen auf’s Papier zu werfen. Die Papierschnitzel werden dann gesammelt und der Grapholog schildert hierauf aus den schnell hingekritzelten Schriftzügen die Charakterzüge. Zu den Experimenten, welche Herr Michon in seinen öffentlichen Vorträgen anstellt, gehört auch folgendes. Er läßt sich von dem ersten besten Elternpaare die Handschrift geben; unter dieselbe läßt er die Kinder dieser Eltern, und zwar mit dem ältesten die Reihe beginnend, einige Linien schreiben, und in diesen findet er sogleich auf das Unwiderleglichste die hervorragendsten Charakterzüge des Vaters und der Mutter.

Beurtheilt nun Herr Michon nach den Schriftzügen den Charakter des Schreibers, so weiß er auch sogleich, wenn er einen Menschen kennen lernt, welche Handschrift dieser nothwendig haben muß. Mit einem Worte: wie er den Menschen in der Handschrift erräth, so erräth er auch die Handschrift im Menschen. Man kann sich leicht denken, daß Herr Michon und seine Jünger von den Gläubigen oft um Rath gefragt werden. Diese Consultationen werden entweder schriftlich oder mündlich verlangt und ertheilt. Im erstern Falle wird das Honorar dem Briefe beigeschlossen; im letztern wird es dem Graphologen persönlich eingehändigt. Herr Michon veröffentlicht in seinem Blatte derartige schriftliche Consultationen, unter andern eine, die er einem Freier zu Theil werden ließ. Besagter Freier schickte ihm die Handschrift seiner Auserwählten und fragte ihn, ob er es wagen dürfte, dieselbe an den Altar zu führen. Herr Michon fand aus den Handschriften des Freiers und seiner Auserkorenen, daß das Paar für einander wie geschaffen sei. Ob die Partie in Folge der graphologischen Offenbarung zu Stande gekommen, weiß ich nicht zu sagen; ich weiß jedoch, daß ein Mann nach zurückgelegtem Schwabenalter sich vor zwei Jahren an einen andern Graphologen in einer Freierangelegenheit gewendet. Der Grapholog ließ es an Aufmunterungen nicht fehlen und der zweiundvierzigjährige Jüngling führte die Braut heim. Allein schon nach einigen Monaten fand er den Wahn sehr kurz und die Reue sehr lang. Er lebt seht getrennt von seiner Hälfte. Wahrscheinlich ist er nicht der Einzige, der seinen Glauben an die graphologische Unfehlbarkeit schwer büßte. Dies wird indessen Andere nicht abhalten, an diese Unfehlbarkeit zu glauben, bis eine neue Thorheit die Leichtgläubigkeit des Publicums anlockt.