Großsultan Abdul Hamid II. und die Türkei

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Textdaten
Autor: Unbekannt
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Titel: Großsultan Abdul Hamid II. und die Türkei.
Untertitel: Volksblatt. Eine Wochenzeitschrift mit Bildern. Jahrgang 1878, Nr. 9, S. 65-66
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Herausgeber: Dr. Christlieb Gotthold Hottinger
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Dr. Hottinger's Volksblatt
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Erscheinungsort: Straßburg
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Abdul Hamid II., türkischer Großsultan
geboren den 22. September 1842, regiert seit dem 31. August 1876.

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Großsultan Abdul Hamid II. und die Türkei.

Schon seit lange gilt der türkische Sultan als „der kranke Mann“, dessen Verbleiben in Europa nur darum noch möglich sei, weil sich die Großmächte über die Vertheilung seines Reiches nicht einigen könnten. Das war in früheren Jahrhunderten anders. Nachdem die Türken im Jahre 1453 Konstantinopel erobert und dem ein trauriges Dasein fristenden oströmischen Reiche ein Ende gemacht hatten, breiteten sie ihre Herrschaft immer weiter aus, ja im Jahre 1529 drangen sie sogar bis vor die Thore Wiens, und furchterweckend erklang gar oft die „Türkenglocke“, deren Schall die Christen zu dem Gebete rief, Gott möge unser Vaterland von den Einfällen dieser Mohamedaner in Gnaden verschonen. Aber während die Staaten des christlichen Europa in der Folgezeit mehr oder weniger vorwärts strebten, blieb′s in der Türkei fast in allen Stücken beim Alten. Dies von Natur so prächtige Land – wir reden hier nur von der europäischen Türkei – welches bei verständiger Wirthschaft wohl doppelt so viel Einwohner haben könnte, als es jetzt zählt, litt unter dem Mangel einer wahren Rechtspflege, unter dem verderblichen Einfluß der Vielweiberei, unter den Erpressungen der türkischen Beamten und der Verschwendungssucht vieler Sultane ganz entsetzlich. Die Herren des Reiches, welche sich zum Islam (d. h. Ergebung, nämlich in Gottes Willen) bekannten, waren in Minderzahl gegenüber den unterworfenen Bewohnern slavischen und griechischen Stammes, die größtentheils der griechischen Kirche angehörten. Es ist darum leicht erklärlich, daß der Geist der Empörung unter der Bevölkerung fortwährend Nahrung fand, und daß die unterdrückten Stämme das türkische Joch abzuschütteln suchten. Einzelnen gelang dies, wenigstens theilweise, so z. B. den Serben und Griechen. In der jüngsten Zeit erneuerten sich diese Kämpfe; die Russen traten als Beschützer ihrer slavischen Glaubens- und Stammesgenossen auf und trugen in dem sich entwickelnden gewaltigen Ringkampf den Sieg davon. Gerade in den Wochen, in welchen wir jetzt leben, soll die Lage der dortigen Christen neu geregelt werden.

Wenn nun auch Rußland die gleich hohe Stufe der Bildung und Gesittung wie andere europäische Staaten nicht erreicht hat, an dem Ausbau seiner eigenen inneren Einrichtungen vielmehr noch vollauf arbeiten muß und sein Einfluß auf die Bewohner der Türkei in dieser Hinsicht nicht allzuhoch angeschlagen werden darf, so ist doch zu hoffen, daß aus dieser blutigen Saat eine Ernte erwachsen werde, welche für jenes unglückliche Land eine bessere Zukunft herbeiführt.

An gutem Willen, letztere anzubahnen, hat es zwar auch der jetzige Großsultan nicht fehlen lassen. Er gab dem Lande eine nach europäischen Begriffen eingerichtete Verfassung mit einer Landesvertretung (Parlament), aber solche Verbesserungsversuche pflegten in der Türkei bisher mehr nur auf dem Papier zu stehen, als daß sie in das Volksleben eingedrungen wären; denn derartigen Fortschritten steht der Koran, das Religionsbuch der Türken, entgegen, welcher dem Lande nicht nur den Glauben sondern auch die staatlichen Gesetze vorschreibt.

Rasch hinter einander folgten auf dem türkischen Throne die drei letzten Herrscher: Abdul Aziz wurde im Mai 1876 abgesetzt, und dessen Neffe Murad V. mußte drei Monate nachher – angeblich durch Krankheit am Weiterregieren verhindert – seinem jüngeren Bruder Abdul Hamid weichen.

Abdul Hamid II. ist am 22. September 1842 geboren und soll ein nach türkischen Begriffen tugendhafter und sparsamer Fürst sein. Große Freude hat er an der Landwirthschaft. Vor seiner Thronbesteigung schuf er an den Ufern des Bosporus, der Meerenge von Konstantinopel, eine landwirthschaftliche Anstalt, in welcher allerlei Gattungen sorgfältig ausgewählter Hausthiere gepflegt wurden.

Bei seiner Thronbesteigung sprach der Großvezier, der türkische Ministerpräsident, die Worte: „Gott gebe, daß dieses Ereigniß eine Quelle des Glückes und der Wohlfahrt für alle Unterthanen sei“ – ein Wunsch, in den jeder Wohlmeinende im Hinblick auf die zahlreichen vom Großsultan regierten Völkerstämme herzlich gerne einstimmt.