Grundwasser und Grundluft

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Textdaten
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Autor: Friedrich Dornblüth
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Titel: Grundwasser und Grundluft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 301–304
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Grundwasser und Grundluft.
Von Dr. Fr. Dornblüth.

Jahrhunderte lang haben unsere Ahnen ihre Wohnsitze in den Städten möglichst eng zusammengebaut, um durch feste Mauern, hohe Wälle und tiefe Gräben gegen äußere Feinde geschützt zu sein; und sie haben oft noch durch umgebende Sümpfe oder aufgestaute Gewässer diesen Schutz verstärkt. Selbst als die Noth feindlicher Ueberfälle nicht mehr zu fürchten war, blieben die Nachkommen in der altgewohnten Enge, als ob durch die geschlechterlange Entbehrung das Bedürfniß nach Luft und Licht abhanden gekommen wäre. Nun zog vielmehr das Aufblühen friedlichen Verkehrs und gewinnbringender Erwerbsthätigkeit immer mehr Menschen in den beschränkten Ring der Städte als in einen Mittel- und Knotenpunkt zusammen. Eine Folge davon war, daß die Häuser immer höher, die Gärten und Höfe immer enger wurden. Die Straßen, diese gemeinschaftlichen Luftadern, glichen engen Spalten, die Höfe tiefen Schachten, während selbst halb unterirdische Baulichkeiten und ganz unterirdische Keller zur Abhülfe der Wohnungsnoth herbeigezogen werden mußten.

Durch Abfall- und Auswurfstoffe von Jahrhunderten, für [302] deren Entfernung wenig geschah, deren Zersetzungstoffe vielmehr meistens ungestört die Luft verpesteten und bei mangelndem Straßenpflaster auch durch Regen nicht weggespült, sondern höchstens zur Verderbniß der Brunnen in die Erde hinein ausgelaugt wurden, mußte der Grund und Boden unserer Städte mehr und mehr ein Herd für ungezählte Krankheiten werden, welche bald als langsames Siechthum, Wohlsein und Kräfte untergrabend, ihre Opfer frühem Alter und vorzeitigem Tode überlieferten, bald aber in furchtbaren, Massen mordenden Volksseuchen große Länderstrecken mit Schrecken und Entsetzen erfüllten. Nicht Juden haben die Brunnen vergiftet, wenn schwarzer Tod, bösartige Nervenfieber, Pest und Cholera die Städte entvölkerten, sondern unsere Vorfahren selbst haben solche verheerende Krankheiten durch langsame Vergiftung des Erdbodens, auf dem sie wohnten, verschuldet, und die Sünden der Väter sind heimgesucht worden an den Kindern und Kindeskindern.

Wohl haben schon vor Alters einzelne Aerzte und scharfsichtige Naturbeobachter ihren Mahnruf erschallen lassen, daß Schmutz und Unreinlichkeit jeder Art geeignet sind, Krankheiten hervorzurufen und zu begünstigen, und deshalb aus der Nähe unserer Wohnungen entfernt werden müßten; auch haben an vielen Orten Gesetze und Anordnungen nicht gefehlt, die durch Pflasterung der Straßen und Höfe, durch Abfuhr oder Fortspülen des Unraths, durch Ableiten oder Austrocknen stehender Gewässer und Sümpfe, durch Abtragung von Wällen und Mauern, durch Regelung der Neubauten, durch Anlegen und Bepflanzen von Plätzen und auf mancherlei andere Weise Wohlfahrt und Gesundheit der Bevölkerungen zu fördern bezwecktet. Aber erst in neuerer Zeit sehen wir, neben der nothgedrungenen Anhäufung großer Menschenmassen auf engem Raum und in kolossalen Häuserbauten, andererseits zugleich neue Ansiedelungen immer weiter hinaustreiben in die Felder, auf unbefleckten Boden, möglichst entfernt von den überfüllten Mittelpunkten des Geschäfts- und Erwerbslebens. Dabei führt ein instinctartig wirkendes Gefühl die Bewohner größerer Städte in früher nie geschauten Massen nach vollbrachtem Tagewerke, wie an Sonn- und Feiertagen hinaus „aus ihrer Mauern bedrückender Enge“. Es drängt sie, mit reiner Luft neue Kraft und frischen Muth einzufangen für den Kampf um’s Dasein, der freilich auch in früher niemals geahnter Anspannung alle Kräfte des Körpers wie des Geistes anstrengt und ausnutzt. Es ist dasselbe unbewußte, aber heilsame Gefühl, das alljährlich immer größere Schaaren der Städtebewohner in die Sommerfrischen zieht, in Wälder und Berge, wie an die Ufer der Meere. Man will sich stärken an der Natur, wie der Titane Antäus durch Berührung mit der Mutter Erde.

Betrachten wir einmal genauer, wie die Verderbniß des Bodens durch Vermittelung von Grundwasser und Grundluft schädlich auf das menschliche Leben wirkt!

Der Grund und Boden, auf welchem unsere Wohnstätten errichtet sind, besteht aus locker zusammengehäuften Mineralien verschiedener Consistenz, hauptsächlich aus kieselhaltigem Sand, Thonerde, Kalk u. dergl. m. Selbst wo auf festen Fels gebaut wird, sind Lücken, Spalten, Unebenheiten der Oberfläche mit solchen losen Massen angefüllt. Dieselben enthalten in ihren Zwischenräumen beträchtliche Mengen von Luft, die z. B. in ziemlich festem Kiesboden reichlich ein Drittheil seiner Masse ausmachen. Wenn Wasser in den Boden eindringt, so verdrängt es die Luft zum Theil oder auch gänzlich, sinkt aber allmählich immer tiefer, bis es auf eine undurchlässige Schicht Erde, etwa blauen Thon, oder Gestein, z. B. Granit, trifft, auf deren Fläche es abwärts weiter fließt, wenn es nicht durch undurchdringliche Seitenwände oder muldenförmige Gestaltung des Bodens aufgehalten wird. Regen- und anderes atmosphärisches Wasser, welches an der Oberfläche eindringt, kommt also an anderen tiefer liegenden Stellen in Quellen oder Brunnen wieder zu Tage.

Auf diesem Wege nimmt das Wasser von Allem, was ihm begegnet, mit, so viel es davon durch die Gewalt seiner Bewegung mitzuschwemmen oder aufzulösen und fortzutragen vermag, darunter dann namentlich organische Stoffe aus dem Hauskehricht und Küchenabfall, aus dem Wirthschaftswasser, aus menschlichen und thierischen Excrementen, die irgendwo auf der Oberfläche oder in für Wasser zugänglichen Vertiefungen lagern. Das lockere Erdreich hat aber die Eigenschaft, die in dem Wasser schwebenden oder aufgelösten Stoffe aufzufangen und mit Hülfe des Sauerstoffs der in seinen Poren befindlichen Luft langsam zu verbrennen. Die hierbei schließlich gebildeten luftförmigen Stoffe, wie Kohlensäure, Ammoniak oder Salpetergas, werden theilweise von dem tiefer in den Grund einsickernden Wasser mitgenommen, theilweise von den im Boden sich ausbreitenden Pflanzenwurzeln aufgesogen und zum Wachsthum der Pflanzen verwendet, der Rest aber gelangt vermittelst der die lockere Erde durchwehenden Luftströmungen wieder an die Oberfläche und somit auch in die Umgebung, wie in das Innere unserer Wohnungen.

Der Erdboden vermag auf diese Art sehr beträchtliche, allerdings nach seiner Beschaffenheit verschiedene Mengen von organischen Stoffen in ihre Bestandtheile und für uns unschädliche Verbindungen zu verwandeln, welche, in Quellen und Brunnen gelangt, dem Wasser z. B. sogar durch Kohlensäure und den vermittelst derselben aufgelösten kohlensauren Kalk eine gewisse Härte, erfrischender Geschmack und seine durstlöschende Eigenschaft verleihen. Werden aber dem Erdboden mehr organische Stoffe zugeführt, als er zu zersetzen vermag, so können durch die faulenden und verwesenden Stoffe ebensowohl die Wasseradern, wie auch die Grundluft verunreinigt und für die sie trinkenden oder einathmenden Menschen giftig gemacht werden. Wo zum Zweck der Fundamentirung größerer Banken, zur Anlegung oder Ausbesserung von Sielen, Wasser- und Gasleitungsröhren etc. in älteren Städten die Straßen ausgegraben werden, da findet man die Erdschichten oft bis zu bedeutender Tiefe schwarz moderig, mit organischen Ueberresten gesättigt und übele Gerüche aushauchend.

Wasser, welches auf solchen mit verwesenden Stoffen übersättigten Erdschichten zu größeren Wasseradern oder in Brunnen absickert, wird trübe, übelriechend und übelschmeckend; nur wenn noch andere, unvergiftete Erde es filtrirt, welche die ihm anhaftenden Verunreinigungen zurückhält oder in unschädliche Stoffe umwandelt, wird es schließlich rein und klar zusammenrinnen. Es ist leicht begreiflich, daß in älteren oder nicht besonders günstig gelegenen Großstädten mit durchweg übersättigtem Boden die Brunnen nur selten gutes Wasser liefern können, aber auch in kleineren Städten und Dörfern können aus Unrathanhäufungen, Dungstätten, Begräbnißplätzen, oder auf sumpfigem, moorigen Untergrunde, durch Uebersättigung des Bodens Brunnen vergiftet werden. Der Genuß solchen Trinkwassers ist nicht blos widerlich, sondern auch schädlich: Sumpfwasser z. B. erzeugt, wie allgemein bekannt, Durchfälle, Ruhren und ähnliche Krankheiten, aber auch Cholera und Typhus wüthen oft mit furchtbarer Heftigkeit in dem Bezirke schlechten Wassers.

Die Gefährlichkeit desselben wird durch Abkochen vermindert, weil durch die Siedehitze manche organische Stoffe zerstört, z. B. lebende Organismen getödtet, andere mit dem Dampf ausgestoßen, noch andere zu Boden gefällt werden. Aus diesem Grunde suchen ja die Bewohner von Sumpfgegenden, welche kein gutes Wasser haben, den Durst nicht mit kaltem Wasser, sondern mit heißbereiteten Aufgüssen aromatischer Kräuter oder mit Mischungen von heißem Wasser und Branntwein zu löschen, wobei vielleicht auch die Zusätze dazu dienen, um Bestandtheile des schlechten Wassers unschädlich zu machen.

Weniger bekannt oder anerkannt als die Schädlichkeit verunreinigten Trinkwassers sind die schädlichen Eigenschaften verunreinigter Grundluft, weil diese sich unseren Sinnen weniger bemerklich macht und erst durch längere Einwirkung ihren Einfluß ausübt, der dann meistens anderen Umständen, z. B. einer Erkältung oder einem Diätfehler zugeschrieben wird, und weil sie in Ursprung und Verbreitung weit schwieriger zu verfolgen ist, als das durch organische Reste verunreinigte Wasser. Indessen wird doch die giftige Wirkung der aus dem Boden sich erhebenden verdorbenen Grundluft durch hinreichend sichere Thatsachen dargethan.

Dahin gehört zunächst die mehrfach gemachte Beobachtung, daß aus undichten Gasleitungsröhren in den Erdboden ausgetretenes Leuchtgas seinen Weg in entfernte Wohnräume gefunden und sich dort durch den Geruch bemerklich gemacht, so wie auch schwere, ganz unverkennbare Leuchtgas-Vergiftungen hervorgerufen hat. Die gewöhnliche Grundluft kann nicht so auffallende Erscheinungen hervorbringen, weil sie in geringeren Mengen vordringt, auch nicht so frappant riecht, wiewohl sie von dem nicht daran Gewohnten häufig als eine Art moderigen oder stechenden Geruches wahrgenommen wird.

[304] Eine fernere vollkommen zuverlässige Beobachtung, welche hierher gehört, ist die, daß in München und an anderen Orten mit dem Sinken des Grundwassers die Zahl der Typhuskranken zunimmt, und die andere Beobachtung, daß Cholera-Epidemien dem raschen Sinken des Grundwassers folgten. So weit nämlich die organischen Stoffe ganz von Wasser bedeckt sind, stocken die Umwandlungen, welche den Zutritt und die Mitwirkung des Sauerstoffes der atmosphärischen Luft verlangen. Sinkt aber das Wasser und läßt von oben Luft nachdringen, so geschehen, besonders wenn nun auch die Sonne ihre erwärmende Kraft auf den Erdboden geltend macht, die Zersetzungen in beschleunigtem und verstärktem Maße; die mit Zersetzungserzeugnissen durchtränkte, vielleicht auch von kleinsten Organismen bevölkerte Grundluft kann in größeren Mengen an die Oberfläche gelangen und an geeigneten Orten, sowie unter sonst günstigen Verhältnissen, ihre krankmachenden oder wenigstens die Entstehung von Krankheiten begünstigenden Wirkungen auf die sie einathmenden Menschen entfalten. – In beiden erwähnten Fällen ist freilich die in Folge des Grundwassersinkens entstehende Verderbniß der Grundluft und deren Ausdünstung nicht die alleinige Ursache der genannten Krankheiten, es liegt aber in diesen Umständen eine wesentliche Bedingung derselben, weil ohne ihr Vorhandensein beide Krankheiten wohl in einzelnen Fällen vorkommen können, sich aber nicht epidemisch, das heißt über einen beträchtlichen Theil der an dem Orte wohnenden Bevölkerung, ausbreiten.

Endlich ist es sehr wahrscheinlich, daß längere Zeit fortgesetzte Einathmung der verdorbenen Grundluft die Ursache der kränklichen Beschaffenheit ganzer Bevölkerungen von Orten oder Gegenden ist. Wir sehen in Oertlichkeiten, in denen man das reichliche Vorhandensein und mehr oder weniger beständige Einwirken einer durch Erzeugnisse, organischer Zersetzung verdorbenen Luft annehmen muß, die Einwohner bleich und schwach werden; sie erliegen zahlreichen Krankheiten, welche von anderen, unter günstigeren Verhältnissen lebenden Menschen glücklich überstanden werden, und leiden besonders häufig an gewissen Krankheiten, wie Bleichsucht, englischer Krankheit oder Zwiewuchs, Drüsenkrankheiten, bösartige Rheumatismen, Schwindsüchte u. a. m., die ebenfalls an Orten mit reiner Luft viel weniger häufig und nicht so verderblich aufzutreten pflegen.

An die Oberfläche wird die Grundluft durch verschiedene Kräfte getrieben. Schon in Folge ihrer Verwandlung in luftförmige Stoffe oder Gase nehmen die Erzeugnisse der im Erdboden vorgehenden Zersetzungen größeren Raum ein, als sie vorher in festem oder tropfbar flüssigem Zustande innehatte, und streben, vermöge einer allen Luftarten zukommenden Eigenschaft, dahin, sich nach allen Seiten in der Luft auszubreiten. Sodann ist aber auch der lockere Erdboden, so lange er trocken ist, für den Wind durchgängig und kann von demselben durchweht und ausgelüftet werden, was besonders geschieht, wenn er durch Hindernisse der geraden Fortbewegung an der Oberfläche, z. B. durch Mauern von Gebäuden, aufgestaut und so in seiner Druckkraft verstärkt wird. Ein sehr einfacher Versuch kann dies augenscheinlich machen. Füllt man ein festes Rohr, etwa eins von starkem Glase, mit Erde oder Kies, den man recht fest stampft, und bläst nun kräftig in die eine Oeffnung hinein, während die andere gegen eine Kerzenflamme gerichtet ist, so sieht man nach weniger Zeit, welche gebraucht wurde, um den Widerstand der engen Lufträume zu überwinden, die Flamme sich von dem Rohre abwenden, der durch das Rohr getriebene Luftstrom drängt sie fort. Dies gelingt nicht, sobald der Inhalt unseres Rohres mit Wasser durchtränkt ist, weil die Luft dann nicht mehr freie Zwischenräume findet, durch welche sie sich gleichsam hindurchwinden kann.

Auch wenn die in einem Gebäude befindliche Luft durch Erwärmung ausgedehnt wird, dringt die kältere und deshalb schwerere Außenluft nicht nur durch Fenster- und Thürspalten, sondern auch durch die Mauern und den Erdboden nach, nimmt die Grundluft mit oder treibt sie vor sich her in den erwärmten Raum. Wir fühlen diese Luftbewegung nur deshalb nicht, weil sie zu langsam ist; unsere Haut fühlt bewegte Luft erst, wenn sie mindestens einen Meter in der Secunde zurücklegt.

Im Freien vertheilt sich die aufsteigende Grundluft rasch in der Atmosphäre und wird meistens durch ihre große Verdünnung unschädlich. Anders in Wohnungen, wo sie um so dichter zusammenbleibt, je mehr durch festen Verschluß der Thüren und Fenster, sowie durch ungeeignete Beschaffenheit, Feuchtigkeit, dichtes Zusammengedrängtsein mehrerer Mauern u. dergl. m. der Zutritt der äußere Luft erschwert wird.